Samstag, 9. März 2013

Ángel de la Muerte



Tag 2 - Canapés auf Blauen Bohnen

          Wider Erwarten verlief die restliche Nacht nach unserer unheimlichen Entdeckung auf dem Dach des Wohnblocks ohne weitere Zwischenfälle. Tagsüber begab sich Aan Beust auf Shoppingtour durch Hamburgs Konsumtempel - der Horror für jeden Leibwächter. Bieten solche Ausflüge doch jede Menge Gelegenheiten für Attentäter zuzuschlagen.   
          "Ich wurde den ganzen Nachmittag das Gefühl nicht los, dass uns jemand folgt." Sunetra überprüfte gerade ihre Ausrüstung, als sie ihren Tag Revue passieren ließ.
"Wenn du den Eindruck hattest, wird es wohl so gewesen sein. Vertrau deiner Intuition, Elfe! Das hat uns in Japan mehrmals den Arsch gerettet."      
          "Mag sein."  
"Apropos Japan: wann willst du uns eigentlich mal erzählen, was ihr zwei da so getrieben habt?" Die menschliche Zauberin fläzte sich mit angewinkelten Beinen auf dem Rücksitz des Rover und sah mich neugierig an.
"Sorry. Top Secret."        
          "Faule Ausrede, du alter Geheimniskrämer!" 
"Ich meine es ernst, Alyssa! Das sind Sachen über die ich nicht reden darf. Als ich bei ARGUS ... ähm, ausgestiegen bin, musste ich eine besondere Verschwiegenheitsklausel unterschreiben."
          "PAH!" Sie wandte ihren Blick in gespieltem Trotz nach draußen und beobachtete wieder die vorüberziehenden Straßenzüge Hamburgs.       

          Mit einem leisen Klicken rastete das Magazin wieder in Sunetras Pistole ein. "Habt ihr was über unseren Auftraggeber und unsere kleine Knitterblechparty am Flughafen in Erfahrung bringen können?"
          "Wegen Herrn Beust hab ich mal mit Frank Zehntner bei Argus gesprochen, um..."         
"         Kennst du eigentlich noch jemand anderen außer diesen Typ?"    
          "Ja, dich, Alyssa. Aber leider bist du wenig nützlich in diesen Dingen."   
          "Pfffft, Zicke!", murmelte sie in sich hinein.
Ich erwog kurz einen Spruch auf ihren Monatszyklus zu bringen, besann mich dann aber eines Besseren. "Also, Frank meinte, dass Beust eine lange Karriere als 'Geschäftsmann' hinter sich hat."         
          "So wie du das betonst können das keine legalen Geschäfte gewesen sein."         
          "Nach außen hin konnte er seinem Unternehmen immer einen korrekten Anstrich verpassen. Mehrere Polizeibeamte haben in den letzten beiden Jahrzehnten versucht ihm was nachzuweisen, aber ohne Erfolg. Einer aus Bayern hat sogar seinen Job verloren, weil er eigenmächtig weiter ermittelt hatte, obwohl es ihm von höchster Stelle verboten worden war."  
          Sunetra überlegte kurz bevor sie weiter sprach: "Beust ist also mit Leuten aus der Regierung im Bett oder war es zumindest. Was wurde ihm denn eigentlich vorgeworfen?"
          "Geldwäsche hauptsächlich."     
Die Elfin lupfte eine Augenbraue. "Schau mich nicht so an! Es gibt nicht allzu viele verlässliche Quellen dazu. Gerüchte, Halbwahrheiten und hinter der Hand getuschelte Vermutungen waren alles, was ich finden konnte. Largo allerdings ist auf ein paar interessante Sachen gestoßen."
Ich legte dem Zwerg eine Hand auf die rechte Schulter. "Lass mal hören!"      
          Der Rigger benötigte einen Augenblick, um seine Aufmerksamkeit auf uns zu lenken. Vermutlich war er über sein Implantat nebenher noch ein paar Fernsehkanäle am schauen, während er fuhr.         
          "Nun, vor etwa zwei Wochen wurde in Kolumbien ein Transportkommando überfallen. Dabei wurde das begleitende Squadteam angeblich komplett ausgelöscht."         
          Was ist denn gestohlen worden?"        
"Der Transporter hatte Bargeld und Credsticks geladen, die von Großkonzernen aus Südamerika stammten."
          "Bargeld?! Mann wie rückständig!"      
Largo verdrehte die Augen: "Sunetra, wärst du bitte so gut?"
          Die Elfin streckte ihren linken Arm aus und schnippte ohne hinzusehen gegen Lightnings Ohr.     
          "AUA!"
Ich musste lachen: "Pass auf, Alyssa! Du hast einen Zwerg gegen dich, der mit einer Elfin verbündet ist. Damit bist du kulturhistorisch im Nachteil."     
          Die Zauberin rieb sich das Ohr: "Ich wundere mich aber wirklich, warum die Bargeld geladen hatten. Das benutzt doch kein Aas mehr."

          "Das stimmt so nicht. Wer keine Spuren hinterlassen will, benutzt weiterhin Scheine und Münzen. In Südamerika kommt noch hinzu, dass aufgrund der schlechten Infrastruktur und der instabilen politischen Verhältnisse in vielen Gebieten nur zeitweise oder gar kein Strom vorhanden ist. Das macht es schwer elektronische Zahlungsmittel zu nutzen."       
          "OK, aber was hat das mit uns zu tun?"         
"Meine Recherchen haben ergeben, dass für diesen Coup eine der vielen Söldnergruppen in dem Gebiet in Frage käme."
          "Und?"
"Erinnere dich an unsere Angreifer gestern! Die haben ohne Sinn und Verstand agiert. Impulsiv und unüberlegt war die Aktion. Das waren rohe Methoden, wie ich sie von jemandem erwarten würde, der auf den Straßen eines Slums oder Ghettos aufgewachsen ist. Jemand, der es gewohnt ist Stärke zu demonstrieren, dass ER die dicksten Cojones hat."         
          "Du glaubst, dass unsere kolumbianischen Freunde vom Flughafen die Söldner sind?"       

          Ich musste grinsen: "Genau DIE! Es ist nur eine Vermutung, aber es passt zusammen. Ich wette, die Kerle, die den alten Mann aus Kolumbien begleiten, sind angeheuerte Söldner. Wir wissen, dass der Alte mit Herrn Beust nach der Feier Geschäfte zu tätigen gedenkt. Und gerüchteweise ist unser Auftraggeber ein erfolgreicher Geldwäscher. Glaubst du an einen Zufall?"    
          Lightning kratzte sich nachdenklich am Kinn: "Zugegeben: das passt wirklich. Aber wer hat uns gestern angegriffen? Und vor allem: Warum Aan Beust statt des ersten Wagens mit den Söldnern?"  

          Das konnte ich leider nur mit einem Achselzucken quittieren: "DAS ist der Punkt, der mir noch Kopfzerbrechen bereitet. Konkurrenten der Kolumbianer vielleicht. Auf jeden Fall finde ich, dass wir auf die Kerle ein Auge haben sollten."


***
          Ich war schon auf einigen großen Partys. Die Arbeit für ARGUS brachte solche Events mit sich. Allerdings bedeutete das schon damals wenig Entspannung für mich. Schließlich war man ja dienstlich vor Ort. Beusts große Sause im Hamburg Hilton aber stellte alles in den Schatten, was ich bisher in dieser Richtung gesehen hatte.   Scheinwerfer strahlten vor dem Altbau die Zahl '60' in den Nachthimmel. Schaulustige hatten sich eingefunden, um die vorfahrenden Limousinen zu beobachten, denen Stars und Sternchen der Hamburger Trivid-Szene und Politik entstiegen. Wie zu erwarten waren auch Scharen an Paparazzi aufgetaucht, die sich mit dreisten Methoden auf die Feier schmuggeln wollten. Onkel Herbs Sicherheitsleute hatten aber alles im Griff und ließen niemanden ohne Einladung rein.      
          Der Ballsaal des Hilton befand sich unter dem Gebäude. Tische und Stühle für mehrere hundert Gäste waren aufgestellt worden. Rechts vom Haupteingang traf der Cateringservice letzte Vorbereitungen, während die Band auf der Bühne den Soundcheck abschloss und Kellner mit Getränken, Hors d'oeuvre und süßen Naschereien durch den Raum wuselten. Ein gequältes Knurren in meiner Magengegend erinnerte mich daran, dass ich das Raubtier heute noch nicht gefüttert hatte.     
          "Hallo, Herr Summerset!" Unser Verbindungsmann zu den Angestellten von Herrn Beust war hinter mir aufgetaucht. "Nabend, Tyler. Was gibt es denn?"
Der 23-jährige Mensch war für den reibungslosen Ablauf der Feier verantwortlich. Für einen Jungspund leistete er hervorragende Arbeit. Er behielt stets alle wichtigen Bereiche im Blick, sodass er rechtzeitig eingreifen konnte, falls nötig. Dabei ließ er sich beeindruckender weise nicht aus der Ruhe bringen.   

          Leider bedeutete das auch, dass er uns hin und wieder auf den Zahn fühlen musste. "Wie schaut es bei ihnen aus? Haben sie besondere Vorkehrungen getroffen?"
          "Wir haben sowohl den Haupteingang über den Fahrstuhl im Flur als auch die Bediensteteneingänge im Blick. Largo hat dort Drohnen postiert, die uns informieren werden, wenn sich jemand unautorisierten Zutritt verschaffen will. Unsere Elfin Sunetra hält sich in der Nähe von Beusts Tochter Aan auf, Largo bewacht die Halle vom hinteren Bereich beim Nebeneingang aus, Lightning steht zu ihrer Linken und ich bleiben hier beim Haupteingang.
Oh, und bevor ich es vergesse: eine Drohne ist Herrn Beust auf den Fersen."  
          "Ich kann keine sehen. Ist sie unsichtbar?"    
"Schauen sie unter die Decke, direkt über ihnen!"
          "Ahhh, sehr gut, das ist ... Moment kurz!"     

Tyler griff zum Kommunikator am Ohr, machte ein ernstes Gesicht und quittierte das Gesagte mit gelegentlichen 'Ahs, 'Ohs' und 'Verstehe!'          
          "Was ist denn passiert?"  
"Die Security hat einen Eindringling im ersten Stock festgenommen. Er weigert sich zu sagen,. was er dort wollte."
          "Das klingt gar nicht gut."
"Haben sie jemandem im Team, der sich mit Verhörmethoden auskennt?"      

          Bevor ich etwas sagen konnte, blökte schon eine schrille Stimme in meinem Komlink: "ICH! ICH! ICH!"
"Ähm... wie es scheint hat sich Lightning soeben freiwillig gemeldet."
"WO soll's hingehen?" Freudestrahlend war Alyssa an meine Seite geflitzt. Tyler war irritiert darüber, dass sich jemand um so eine Aufgabe riss. Ehrlich gesagt wäre ich auch lieber hoch gegangen und hätte jemandem ein paar Zähne ausgeschlagen. Ich hasse diese langweilige Rumsteherei. 


          "Nun... ich zeigen ihnen den Weg."      
Lightning hakte sich einfach bei ihm unter und zerrte ihn regelrecht aus dem Saal zum Fahrstuhl. "Los, los! Nur keine Zeit verlieren!" 
          Gerade rechtzeitig als Beust mit seiner Rede begann.
Irgendwas sagte mir, dass es jetzt erst richtig langweilig werden würde.        
***
          Der Mann fühlte, wie Blut seine aufgeplatzte Wange herabrann. Schmerz pochte in seinem Schädel, der nur vom Wummern seines Herzens übertroffen wurde. Sie hatten ihm übel zugesetzt. Er musste hier raus. Doch... noch nicht.
Die Sicherheitsmänner ließen ihn nicht aus den Augen seitdem sie ihn auf diesen Stuhl gesetzt und gefesselt hatten.
          "Das ist er?"
Überrascht hob der Mann den Kopf ein wenig, um besser aus dem geschwollenen Auge sehen zu können. Er konnte sich nicht erinnern, wann die junge Frau den Raum betreten hatte, aber er konnte sich vorstellen, warum sie hier war.
Sie kam zu ihm herüber ... und grinste ihn an. Ihr fröhlicher Blick ließ ihn frösteln.         
          "Wenn du dich nicht wehrst, wird es weniger weh tun."
          Der Mann wusste, dass er sich wehren musste. Angst stieg in ihm hoch.
***
          Eins, zwei, drei - ich überlegte noch einen vierten Happen vom Tablett zu mopsen, aber der Kellner war schon weiter gegangen. Die Blätterteigtaschen mit der Soykäse-Schinken-Füllung würden mich für einen Moment das Gesabbel auf der Bühne vergessen lassen. Herr Beust hatte seine Rede fast beendet, zwischenzeitlich seine beiden ältesten Töchter zu sich hoch gebeten und schwadronierte über die Familie. Interessanterweise ließ der Arsch dabei seine Jüngste - Aan, die noch bei ihrem Mann Juan am Tisch saß - außen vor. Ein Klicken in der Leitung bettelte um meine Aufmerksamkeit: "Ja?"  
          "Lightning hier. Ich hab den Kerl mit meiner Geistessonde unter die Lupe genommen."         
          "Leg los, wir hören dir alle zu!"  
"Ich hab ein Gesicht erkennen können. Weiß, kurze, schwarze, hochgegeltes Haar - ist als Kellner verkleidet."
          "DREK! Der Kerl ist vor fünf Sekunden an mir vorbei gelatscht!" Sofort bewegte ich mich in die  Richtung des davoneilenden Mannes.     
          "Bist du sicher?"    
"Ich hab ein fotographisches Gedächtnis. Na klar bin ich mir sicher!" Nun erklang Tylers Stimme in der Leitung: "Führt ihn ab! Aber diskret!"         
          "Ich bin schon an ihm dran."      

Aus den Augenwinkeln sah ich Sunetra und Largo, die sich nun ebenfalls zur Bühne vor bewegten. Naja, wenigstens konnte ich das von der Elfin behaupten. Unser Zwerg blieb an einem Stuhl hängen und flog ungebremst auf die Fresse. Ich schüttelte tadelnd den Kopf und warf mir die Häppchen ein, um meine Hände frei zu haben. Nun war ich noch etwa einen Meter hinter ihm und zog langsam meine Pistole aus dem Tarnholster. Der Kellner war nun fast vor der Bühne angekommen und Beust sprach die letzten Worte seiner Rede. Gerade als ich dem Typ im feinen Zwirn 'Bleib stehen und mach keine Sperenzchen!' sagen wollte, verschluckte ich mich an einem dieser verdammten Canapés und musste erst mal Husten und Würgen gleichzeitig. Das hatte ich ja klasse hinbekommen, ich Held.         
          "Wartet! Der Kellner könnte eine Ablenkung sein! Es gibt noch weitere Kontakte im Gebäude."   
          Sunetra hatte sofort einen Verdächtigen entdeckt: "Kontakt! Bewegt sich Richtung Fahrstühle."      
          "Ich bin gleich hinter ihm." Stöhnte Largo, der sich wieder aufgerappelt hatte. Ablenkung oder nicht: der Kellner blieb mein Ziel. Ich schluckte herunter, was an Häppchen und meinem Stolz noch übrig war und machte drei große Schritte auf ihn zu.

          Der Typ griff in seine Jackentasche. Mit dem Ende von Beusts Rede brach frenetischer Jubel aus. Viele erhoben sich von ihren Stühlen für stehende Ovationen. Hatte der Kerl die alle gekauft, oder was?! - Der Kellner hatte nun eine Pistole in seiner Hand. Einen Moment lang dachte ich, es wäre alles zu spät. Feuer spie aus der Mündung der Waffe und brüllte ein Loch in die Basedrum der Partyband.
Endlich war ich an ihm dran und presste die Mündung meiner Pistole in seinen Rücken.       
          "Keine Spielchen, Dreksau! Lass die Waffe fallen!"  

Im Jubel der Menschen war der Schuss vollkommen untergegangen. Das war gut so, denn eine Panik wäre das Letzte gewesen, was wir hätten gebrauchen können.
Langsam ließ der Attentäter seine Waffe sinken. 'Schön brav sein! Mach jetzt nur keinen Scheiß!'      
          Plötzlich sackte der Mann wie vom Schlag getroffen zusammen. Ich fing ihn auf bevor er den Boden erreichte.
"Ach schon wieder sein altes Kreislaufproblem!", grinste ich verlegen die Leute an, die nun neugierig zu uns rüber schauten.

          Hier konnte er nicht bleiben. Also steckte ich seine Waffe ein und schliff ihn Richtung Ausgang. Sunetra stand vor der Bühne und zwinkerte mir zu. Nun verstand ich: Die Zauberschleuder hatte ihn mit einem Betäubungsgeschoss ausgeschaltet.
***
          Die Frau hatte nicht gelogen. Es war eine schmerzhafte Prozedur gewesen. Sie hatte mit einem imaginären Schürhaken sein Gehirn durchpflügt. Solche Kopfschmerzen hatte er noch nie zuvor verspürt. Er versuchte sich auf die Frau und das was sie sagte zu konzentrieren. Vergeblich!
          Dafür würde sie bluten. Erfreut registrierte er, dass seine Fesseln endlich locker geworden waren. Ein bisschen noch, dann war er wieder frei.
***

          Ich hatte etwa die halbe Strecke mit dem Kartoffelsackkellner zurück gelegt, bis endlich mal einer der anderen Sicherheitsleute auf die Idee kam mir zu helfen. Ach, es gibt einfach kein gutes Personal mehr.       
          "Largo?"
"Bin an ihm dran! Er hat die Tür zum Flur erreicht - AUUU!"
Der Zwerg rempelte mit seinem Knie gegen den Stuhl eines älteren Herrn, der just in dem Moment, da der Metamensch passieren wollte, das Möbelstück nach hinten gerückt hatte. Das tat bestimmt weh. 
          "Schnell! Lassen sie uns den Kerl in den Flur bringen!"
Der Sicherheitsmann nickte nur und schnappte sich die Beine des Bewusstlosen. Da wurde die Tür hinter mir grob aufgestoßen.

          Der Typ entkam uns.       
***
          Die Frau hatte ihm den Rücken zugewandt. Scheinbar wollte sie den Raum verlassen. Die Sicherheitsleute schauten gelangweilt aus dem Fenster. - Wenn nicht jetzt, dann nie mehr!        
          Er ließ die Hände aus den Fesseln gleiten, sammelte all seine Kraft und sprang auf. Sofort preschte er auf die Frau zu. Er wollte ihr die Augen heraus reißen, seine Hände um ihren schlanken Hals legen und das Leben aus ihr heraus pressen, ihr das Genick brechen... oh es gab so viele wundervolle Möglichkeiten.         

          "KONTAKT"
Mist, sie hatte ihn bemerkt. Geschmeidig zog sie in einer Bewegung ihre Pistole , drehte sich um ihre eigene Achse, machte dabei einen kleinen Ausfallschritt nach hinten und feuerte.

          Schmerzende Flammen bahnten sich durch seinen Hals. Als wären die Fäden einer Marionette durchschnitten worden, stürzte er zu Boden und fühlte, wie das Leben ihn durch die Wunde verließ. Ein Stiefel wurde ihm auf den Brustkorb gestellt und erschwerte ihm das Atmen: "Du wirst schon nicht sterben. Bleib liegen und mach keinen Mucks. Und ihr Witzfiguren glotzt nicht so blöd! Fesselt den Mann endlich mal richtig!"        
***
          "Ach drauf geschissen!" In einem Moment der Resignation ließ ich den Oberkörper des betäubten Kellners los und sah zu dem Flüchtenden hinter her zu kommen. Leider konnte ich nicht mit ansehen, wie der Attentäter mit dem Kopf auf dem Boden aufschlug. Das laute Knallen seiner Birne und der Protest des Sicherheitsmannes, der die Beine fest hielt, entgingen mir dafür nicht.  Hoffentlich hatte das richtig weh getan.      
          Largo kam gleichzeitig mit mir an der aufgerissenen Tür an. "Er ist in Richtung Küche gelaufen!"         
          Tatsächlich. Die Ratte rannte wie der Teufel den Gang herunter. Er war viel zu weit weg, um ihn einzuholen und mit der Pistole nicht mehr zu treffen. In meiner Not tat ich das einzig sinnvolle und brüllte mir die Seele aus dem Leib:           "STEHEN BLEIBEN ODER ICH SCHIESSE!"     
Glücklicherweise stellte sich der Flüchtende nicht taub oder gab sich wagemutig. Stattdessen fuhr er erschrocken zusammen. So sehr, dass er fast hingefallen wäre.
          Der Zwerg schaute zu mir hoch und nickte feixend: "Wow... das kam unerwartet."
          Ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen ging ich los. Largo versuchte mit meinen Schritten mitzuhalten.
"Was? Hast du etwa ein Problem damit?"
Er tätschelte das Holster unter seiner Jacke: "Naja, eine kleine Akupunkturtherapie hätte mir besser gefallen, aber DAS geht auch. - Wusste gar nicht, dass du so ein zartes Stimmchen hast." Lachfalten zogen Furchen durch sein Gesicht.
          "Hrmpf! Lass uns den Typ festnehmen bevor er merkt, dass wir bluffen."
         
***

          Eine halbe Stunde später lagen die Pakete vor uns. Sauber verschnürt, befragt und die Wunden versorgt. Unser Auftraggeber Onkel Herb und Tyler waren gerade in den  'Befragungsraum' gekommen und sahen besorgt auf unsere neuen Freunde.     

          "Sehr gute Arbeit. Im Festsaal hat niemand etwas mitbekommen."
          "Yeah, die Party läuft noch und die HanSec wird die Kerle gleich einsammeln. Herr Beust wird zufrieden sein. Danke, dass sie diskret vorgegangen sind - auch wenn ihr Urwaldschrei ein paar Gäste in der Nähe des Flura mächtig erschreckt hat."     
          "Ach, das warst DU, den ich hier oben hören konnte? Ich dachte schon die Klimaanlage hätte 'nen Defekt."
          "Danke, Lightning. Dein Charme ist wie immer Weltklasse." Wir grinsten uns beide an und waren insgeheim froh, dass es so glimpflich ausgegangen war.          

          Herb sah von den Angreifern auf: "Haben sie etwas herausfinden können?"         
          Alyssa räusperte sich: "Ich habe die Neuen mit meiner Geistessonde bearbeitet. Sie kommen aus Südamerika. Unser Kellner hier hat zu einer Schutztruppe gehört, die vor zwei Wochen überfallen wurde. Das Überfallkommando hat ihnen mehrere Transporter mit Credsticks abgeluchst. Scheinbar ist er der einzige, der das Massaker überlebt hat."
      
          Tyler warf ein, dass das aber nicht die Ereignisse des Abends erklären würde. Warum sollte er Herrn Beust töten wollen?
          "Ich weiß es nicht. Aus irgend einem Grund glaubt er wohl, dass Herr Beust für seine Lage verantwortlich sei."
"Das macht keinen Sinn."
          "Zugegeben... oder uns fehlen einfach noch Informationen, um den Zusammenhang zu verstehen. Oder er ist belogen und bewusst auf eine Fährte zu Herrn Beust gebracht worden." 
          "Hmm. Ich werde sicherheitshalber die Leibwächter von Herrn Beust informieren, falls noch mehr wie er kommen sollten."       
          "Das wäre vielleicht das Beste."
"Danke noch mal. Wir sehen uns morgen früh. Die heutigen Ereignisse haben Herrn Beust davon überzeugt die Geschäfte mit den Männern aus Kolumbien früher als geplant abzuschließen. Seien sie also um zehn Uhr da!"
Er winkte noch kurz zum Abschied und war aus dem Raum verschwunden.

          Onkel Herb sah kritisch in unsere Runde: "Leute, jetzt mal Hand aufs Herz! Das war doch noch nicht alles, oder?"
"Nun ja...", druckste Largo herum.
"Raus mit der Sprache. Ihr arbeitet für mich. Ich will wissen, was hier gespielt wird."
Der Rigger erzählte dem Boss was wir morgens in Erfahrung gebracht hatten. Nachdem er seine Schilderung beendet hatte, murmelte Herb nur ein 'Ah, soo. Interessant.' vor sich hin und fiel in Schweigen.       

          Sunetra unterbrach schließlich die Stille bevor sie unangenehm wurde: "Ähm, ich hatte im Festsaal einen ziemlich guten Blick auf die Bühne und die Tische davor. Dabei hab ich etwas gesehen, das mich stutzig gemacht hat."
Sie blickte uns fragend an und nach einem Moment hielt es Lightning nicht mehr aus: "Schieß los!"  
          "Nun, ich wollte es nicht sagen solange Tyler in der Nähe war, denn es geht um die Geschäftspartner seines Chefs."
          "Die Kolumbianer?"         
"Ja. Während des Attentatsversuchs haben die Leibwächter des Alten..."        
          "Er heißt Pablo.", warf Herb ein.
"... sie haben dir die ganze Zeit zugeschaut, Hendrik. Die haben sich nicht über das gewundert, was da passierte. Die haben nicht mal mit der Wimper gezuckt, als der Kerl geschossen hat. Ich sag's dir: mit denen ist was hochgradig faul. Vielleicht haben die sogar mit so etwas gerechnet."

          "Das würde zu dem passen, was ich im Kopf unseres Schützen gesehen habe." Lightning verschränkte die Arme vor der Brust und machte eine dramatische Pause.
          "Wirst du es uns sagen oder muss ich es erst aus dem Kerl raus prügeln?"         
          "Sind alle Zwerge so ungeduldig?", sie hob fast im selben Moment abwehrend die Hände, "OKOKOK! Ich konnte ein Gesicht erkennen. Der Typ hat einen der Angreifer auf den Transport gesehen."     
          "Lass mich raten: Einer der Leibwächter des Alten?"
"Der Kandidat hat hundert Punkte. - Es war definitiv der Kerl mit den Dreds!" 
          Da hatten wir den Beweis für unsere Theorie.

Ein trockenes, bitteres Lachen quoll aus Herbs Mund: "So wie es ausschaut sollten sie sich nun nur noch eine Frage stellen: Die Kolumbianer oder Beust?" Largo kratzte sich am Schädel: "Hä?"  
          "Er meint, wer zuerst versuchen wird uns aufs Kreuz zu legen."
 

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