Samstag, 9. März 2013

Ángel de la Muerte

Tag 3 - Wer wird Millionär?


          Nachdem die HansSec unsere drei Attentäter in Gewahrsam genommen hatte, entwickelte sich Beusts Sause - wenn man von der anwesenden Prominenz mal absah - zu einer ordinären, hundsgewöhnlichen und stinklangweiligen Geburtstagsfeier mit Lobhudeleien, schrecklich belangloser Musik und peinlichen Vorführungen. Ich schwöre: wenn jemand auf einem meiner runden Geburtstage mit Partyspielchen anfängt, zünde ich die Bude an und schließe hinter mir ab.
          Aber an diesem Abend war mir Langeweile gerade recht. Nach dem was wir nun wussten, würden wir für den folgenden Tag alle unsere Kräfte brauchen.  

          Erholt und diesmal besser bewaffnet betraten wir mit unserem Verbindungsmann Tyler das Parkhaus des Hamburg Hilton. "Diese drei Limousinen sind unser 'Acid Transport'. Ihr werdet sie bis zum Treffpunkt begleiten und dafür Sorge tragen, dass sowohl Senhor Pablo, als auch die Ware sicher ankommt."
          Bevor wir Fragen stellen konnten, wurde die Tür zum Parkhaus unsanft aufgestoßen. Herein kamen unsere kolumbianischen Freunde: Der Ork mit Glatze in Lederkluft war seinem Aussehen nach sicherlich ein Schamane. Der Typ mit Sonnenbrille und feistem Grinsen und unser Freund mit den Dreadlocks, der sich höchstwahrscheinlich an einem Überfall auf einen Geldtransport mit anschließendem Massaker beteiligt hatte, waren die Muskeln der Gruppe. In ihrer Mitte befand sich ihr Boss Pablo, der einen an sein Handgelenk geketteten Koffer bei sich trug.
          "Ach ja, die Herren werden euch auf eurer Tour begleiten. Viel Erfolg!" Tyler drehte auf dem Absatz um und ging zum Ausgang. Für meinen Geschmack hatte es der Kerl etwas zu eilig aus dem Parkhaus zu kommen. Hatte er vor etwas Angst?         
          Als die Latinos uns passierten, löste sich der Schamane aus der Gruppe und kam zu uns herüber. Er klang, als würde er mit Whiskey gurgeln und glimmende Zigaretten atmen - eine echte Reibeisenstimme: "Ey, ihr! Hast Juan gesehn?"

          Lightning rollte mit den Augen, als der Kerl ihr Dekolleté fixierte und antwortete scheißfreundlich:
"Einen wunderschönen guten Morgen wünsche ich ihnen. Was ist ihr Begehr, guter Mann?"        
          Seine Augen verengten sich bedrohlich. Schlechte Deutschkenntnisse hin oder her, Alyssas beleidigender Tonfall war ihm  nicht entgangen.        
          "Weißt du wo Juan sein?", knurrte er.  
Bevor die Zauberin erneut ihren Charme spielen und um Stress betteln konnte, legte ich ihr eine Hand auf die Schulter und antwortete an ihrer Stelle: "Sie meinen den Mann von Aan Beust?"      
          Statt meine Frage zu bejahen, quälte er aus seinem Stiernacken nur ein Nicken heraus. Seine Muskeln schienen sich dabei gegenseitig im Weg zu stehen. Dieser Mann war definitiv niemand mit dem man sich anlegen wollte.
"Tut mir leid. Wir haben sie seit der Feier nicht mehr gesehen."
          Er sah noch ein paar Sekunden verächtlich auf mich herab - was schon schwierig war, wenn man bedenkt, dass er einen halben Kopf kleiner war als ich - schnaubte und ging dann zu seinen Leuten zurück.  
          "Bis der Deal abgeschlossen ist, sollten wir die Kerle nicht aus den Augen lassen."       
          "Da geb ich dir recht, Sunetra. - So, Leute, am besten teilen wir uns in zwei Gruppen auf. Lightning: du kommst mit mir in die erste Limousine. Largo und Sunetra, nehmt die Dritte! Es wird das Beste sein an beiden Enden des Konvois eine Magierin zu haben. Da wir nicht selber fahren müssen, sollten wir unsere Waffen die ganze Zeit über bereit..."
          - BANG! -   
Ein ohrenbetäubender Knall zerriss die Stille des Parkdecks. Alle erstarrten für eine Schreckenssekunde - alle bis auf Pablo, Beusts Geschäftspartner, der in einer Blutwolke zu Boden ging. Eine große Wunde klaffte an der rechten Schulter. Sein Wimmern und Stöhnen verriet, dass er noch lebte.
          Largo war der erste, der sich wieder bewegen konnte. Er hob den Arm und zeigte auf einen Punkt auf der gegenüberliegenden nächsthöheren Ebene des Parkdecks:   "SCHARFSCHÜTZE!"
Der Kerl mit der Sonnenbrille gab zwei ungezielte Salven aus seinem Sturmgewehr ab und wurde dafür vom Schützen mit einer Kugel durch den Kopf belohnt. Sein Schädel knackte und Blut stob aus einem Riss von der Stirn über den Schädel bis zur Austrittswunde am Hinterkopf in einem bizarren Halbkreis auf und er fiel kraftlos hin.
Plötzlich explodierte in der Nähe des Scharfschützen ein Auto und der Orkschamane lachte hämisch. Was auch immer er gezaubert hatte, ich konnte es nicht sehen, aber es war wirkungsvoll.
          An der mittleren Limousine öffnete sich die Tür und der Fahrer sprang heraus, um Pablo in die Sicherheit des Wagens zu ziehen. Endlich jemand, der mitdachte.
           
Lightning schloss kurz die Augen, zog die Stirn kraus und beschwor einen Watcher: "Flieg zum Schützen und lenk ihn ab!"      
          Das geisterhafte Wesen flog auf der Stelle zu dem Ort auf den sie zeigte. Währenddessen waren Largo, Sunetra und meiner einer in die Deckung der Wagenkolonne gelaufen und suchten ein gutes Schussfeld, ohne selbst aufs Korn genommen werden zu können. Plötzlich wurde der Motor der mittleren Limousine gestartet. Sie scherte aus der Parklücke aus und fuhr mit zügigem Tempo in die Richtung des nächsthöheren Parkdecks. Zum Schützen?! Aber warum sollte der Fahrer das tun, wenn nicht...     
          "DREK! Sie entführen Pablo! Wir müssen hinterher!"
Der Zwerg verlor keine Zeit, stellte das Feuer ein und sprintete zur nächstgelegenen Limousine. Er riss die Fahrertür auf, packte den Fahrer am Kragen und schrie ihn so irre an, dass er sich ohne Widerstand aus dem Wagen zerren ließ. Vor Angst zitternd blieb er auf dem Boden liegen. Largo schwang sich auf den Fahrersitz, während Sunetra in den Fond schlüpfte und ich den Beifahrer spielte. Aus dem Augenwinkel sah ich, dass Dreads mit unmenschlicher Geschwindigkeit beschleunigte, einen Satz machte und einfach auf der nächsthöheren Ebene des Parkdecks landete. Seltsam... er sah gar nicht vercybert aus. Vielleicht hatte ihn aber auch der Schamane levitiert. So wie er aussah - den Kopf zur Decke gerichtet,  die Augen geschlossen - war er sicherlich im Astralraum beschäftigt.
***
          Einen ähnlichen Plan verfolgte auch Lightning. Sie wusste, dass sie es nicht mehr in unseren Wagen schaffen würde und zu Fuß zu langsam war. Also legte sie sich hin, schloss ebenfalls die Augen und trennte ihre astrale Erscheinung von ihrem Körper. Nun war sie viel schneller und konnte den Entführer verfolgen. Sie hatte schon fast die nächste Ebene erreicht und konnte sehen, wie sich Dreads mit dem Unbekannten ein Feuergefecht lieferte und drei Kugeln mit dem Oberkörper auffing, so dass er den Angriff abbrechen musste. Plötzlich begann die Welt im Astralraum zu vibrieren und sie hatte den Eindruck wieder zurück gezerrt zu werden. Nein, verdammt! Nicht! Sie würde gleich wissen wer der Entführer war...         
          Doch dann schlug sie die Augen auf und sah dem verängstigten Chauffeur in die Augen, der so viel Courage aufgebracht hatte, die am Boden liegende Zauberin in Deckung zu ziehen. Er konnte nicht wissen, dass sie Zauberin war und ihr Körper in diesem Zustand nicht ruckartig bewegt werden durfte. Das war auch ihr klar. Daher unterdrückte sie den Impuls ihm dafür eins überzubraten und zog stattdessen nur eine Schnute:             "Danke, Prinz Charming!"
***
          Wir hatten die halbe Strecke zum nächsten Parkdeck zurück gelegt, als mehrere Kugeln durch die Scheibe auf der Fahrerseite in unseren Wagen einschlugen. Eine verfehlte Largos Kopf nur um wenige Zentimeter. Was dann folgte war... ach wem will ich was vor machen... ich hab Mist gebaut. Da alles, was ich nun erzähle nur wie eine Ausrede klingen kann, spreche ich es gerade heraus:
In einem Reflex zog ich meine Ingram Warrior mit Smartgunverbindung und feuerte eine Salve in die Richtung aus der die Schüsse kamen. Getroffen hatte ich natürlich gar nichts. Statt dessen blendete aber das Mündungsfeuer der Maschinenpistole den Rigger, so dass er das Steuer verriss und wir durch die Betonbrüstung krachten. Mit Getöse, fliegenden Brocken und aufwirbelndem Staub, wich die Brüstung der gepanzerten Motorhaube und gab den Weg in den Abgrund frei.         
          Ich glaube, in diesem Moment hatten wir alle unser Glück für die nächsten Wochen aufgebraucht, denn gerade so, blieb der Wagen mit dem Heck in der Mauer verkeilt hängen.  Von einigen blauen Flecken abgesehen war uns nichts passiert.      
          Unter den Flüchen einer aufgebrachten Elfin und eines angepissten Zwergs kletterten wir aus der Limousine und wieder zurück zum Parkdeck. Gerade als wir wieder sicheren Boden unter den Füßen hatten, kamen Lightning und der Schamane an uns vorbeigelaufen.       
          "Los, kommt mit, ihr faulen Hunde!"   
Resigniert liefen wir ihnen hinterher. Meine Intuition verriet mir, dass meine Aktion von vorhin dem Entführer die Gelegenheit gegeben hatte zu entkommen. Andererseits wurde das Kreischen des Watchers immer lauter. Dann war der Angreifer ja doch noch da.         
          Oben angekommen, musste ich meine Einschätzung revidieren. Neben dem brennenden Autowrack war eine Scharfschützendrohne an der Wand angebracht worden, die von der Explosion des Wagens zerstört worden war. Der Watcher schrie wie am Spieß, aber das schien die Drohne in keinster Weise zu beeindrucken.       
          "Alyssa, sag dem Watcher er soll aufhören! Mir platzt noch das Trommelfell."        
          Die Zauberin schippte ein Mal und die Erscheinung löste sich auf. "DREK! Was sollte das mit der Limousine? Seid ihr besoffen?"       
          "Nicht jetzt, Alyssa!", ich ging zur Limousine, die der Entführer zurück gelassen hatte. Korrektur: der Mörder. Im Fond lag Pablos Leiche mit aufgeschlitzter Kehle. Der Kerl hatte eine ziemliche Sauerei veranstaltet. Der Koffer war wie zu erwarten weg. Was wohl darin war, das diesen Aufwand rechtfertigte?
          Sunetra gesellte sich zu mir, schaute in den Wagen, verzog aber keine Miene: "Er ist weg. Hat einen Ausgang auf dieser Ebene genommen. Den kriegen wir nicht mehr."
Frustriert verpasste ich dem Wagen einen Tritt.      
          "Der Kerl mit den Dreadlocks kommt durch!" rief Largo, der ebenfalls zum Wagen kam, "ich wollte ihm Erste Hilfe leisten, aber er hat sich geweigert. Sein Kumpel kümmert sich um ihn." 
          "Ist er vercybert?" 
"Besser: Bioimplantate!" 
          "Das erklärt immerhin seine übermenschlichen Kräfte."
          "Ich hab den Krach gehört. Was ist hier passiert? Oh mein Gott!" Tylers Stimme in unserem Rücken ließ uns herum fahren. Wo kam der denn auf einmal her? Er war aschfahl geworden beim Anblick des Toten.
          "Das sehen sie doch! Wir sind noch in ihrem ach so sicheren Hotel überfallen worden. Das war ein Insiderjob! Sonst hätte er nicht wissen können, wann und wo wir starten würden."       
          "Ein Insider?! Ich glaube nicht, dass..."
"WAS WAR IN DEM KOFFER?"    
          Mein lauter, wenig kompromissbereiter Tonfall ließ den Mensch zusammen zucken: "In welchem..?"  
          "Na in dem von dem Kolumbianer!"    
"Ich weiss es nicht. Wirklich!" Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn. Vor Angst oder Schuldgefühlen?       
          "Das ist ja mal spitzenprächtig."
"Glauben sie mir, ich hatte nichts hiermit zu tun."
          Mir entfuhr lediglich ein Knurren, das keine Zweifel daran ließ, was ich davon hielt. Sunetra behielt im Gegensatz zu mir die Nerven und suchte nach einer Lösung: "War der Koffer mit einem Sender versehen?"
          "Soweit ich weiß nicht. - Hören sie, ich muss Herrn Beust informieren und dafür sorgen, dass die Kolumbianer von hier verschwinden bevor die HanSec auftaucht. Falls... falls ich etwas herausfinden sollte, werde ich sie informieren."
          Tyler war sichtlich froh von uns weg zu kommen. Ich ließ meine Gedanken rotieren, aber ich kam einfach auf kein vernünftiges Ergebnis. Mir fiel nicht ein, wo wir nun nach dem Dieb suchen konnten. Die Elfin lachte plötzlich auf: "Ha, Leute, ich glaube ich weiß wo unser Unbekannter nun hin ist."     
***
          Ein drängelndes Brummen erklang aus der Wohnung als Sunetra die Klingel betätigte. "Ich hoffe du hast recht mit deiner Vermutung."
          "Es passt alles zusammen, Hendrik. Und im schlimmsten Fall haben wir uns nur noch mal der Sicherheit unserer Klientin vergewissert. Außerdem: hast du eine bessere Idee?"         
          "Zugegeben... ich glaube da kommt jemand."
Es war einen Moment lang still, als ob die Person hinter der Tür intensiv lauschen würde. Dann erklang Aans gedämpfte Stimme: "Tyler, bist du das?"     
          Tyler... ich wusste doch, dass er mit drin steckt. "Ich bin's, Sunetra, von den Bodyguards."  
          "Sind sie Freunde von Tyler?" Aan klang besorgt.
"Erinnern sie sich nicht an mich? Wir waren gestern zusammen Shoppen."      
          "Ach sie sind das!? - Gehen sie schnell in Deckung!"
Nach all den Jahren entwickelt man ein Gespür dafür, wenn es brenzlig wird. Ohne weiteren Federlesens ließen wir uns fallen. Kaum waren unsere Köpfe unten, schlugen drei Projektile in der Wand ein. Das musste unser Scharfschütze sein. Es war nicht mal ein Knall zu hören gewesen, also hatte er dieses mal einen Schalldämpfer benutzt.
Die Tür öffnete sich und Aan lief zur Brüstung zum Innenhof. Sie hob die Arme und winkte ein paarmal. Dann bedeutete sie uns aufzustehen und ihr in die Wohnung zu folgen. Mir ging vom Adrenalin ziemlich die Pumpe und Sunetra wirkte auch nicht mehr besonders entspannt.         
          "Gute Frau, was sollte DAS denn?!"     
Sie wirkte sehr verängstigt und suchte nach erklärenden Worten: "Hören sie, wir haben nicht viel Zeit. Sie werden gleich kommen und mich holen."       
          Die Elfin nahm sie beruhigend bei der Hand: "Wer wird kommen, Frau Beust?"       
          "Nun die 'Ángel de la Muerte', die Todesengel!"       
Genervt rieb ich mir den Nasenrücken zwischen Daumen und Zeigefinger: "Wer?"         
          "Das ist eine Söldnergruppe aus Südamerika. Mein Mann Juan ist ihr bester Scharfschütze."     
          "Glaub ich ihnen direkt, Frau Beust, aber warum ballert er auf uns? Und vor allem: warum hat er seinen Boss erschossen?"
          "Das Schwein hat ihn dazu gezwungen bei den Engeln zu bleiben. Eigentlich wollten wir uns schon im letzten Jahr zurückziehen und eine Familie gründen, aber Juan war für Pablo unersetzlich gewesen. Er drohte ihm mich umzubringen, wenn wir gehen würden."         
          Sunetra dachte kurz nach: "Haben die Engel vor etwa zwei Wochen einen Geldtransport in Kolumbien überfallen?"
          Aan nickte: "Es sollte Juans letzter Job sein. Danach würde Pablo sich zur Ruhe setzen. Er versprach, uns dann gehen zu lassen, aber wir haben ihm nicht geglaubt. Sein Plan war uns beide nach Abschluss des Deals zu eliminieren. Da sind wir uns ganz sicher."
          "Also haben sie präventiv zugeschlagen. Super... Diese kleine Show da draußen verrät mir, dass sie eigentlich jemand anderen erwartet haben."       
          "Pablos Männer werden Rache nehmen wollen. Wir werden erst in Frieden leben können, wenn sie alle erledigt sind. Darum hat Tyler uns geholfen eine Spur zu meiner Wohnung zu legen, um sie herzulocken. Juan liegt mit dem Gewehr auf dem anderen Dach auf der Lauer."      

          Knacksend öffnete sich eine Leitung im Komlink und Largo sprach zu uns: "Leute, wir bekommen Gäste. Zwei Mannschaftstransporter mit gepanzerten Söldnern. Irgendjemand hetzt uns eine halbe Konzernarmee auf den Hals."

          "Geht weiter vor wie geplant."  
"Aye!"
          Aan sah Sunetra flehend an: "Bitte helfen sie uns. Alleine schaffen wir das nicht."         
Die Elfin lächelte zuversichtlich und sah mich dann streng an: "Wir werden diese Leute nicht im Stich lassen, Hendrik!"
          "Ich hatte nicht vor die Party vorzeitig zu verlassen. Wenn ich doch bloß mehr als meine Colt dabei hätte.", seufzte ich und öffnete dann wieder eine Leitung zu den anderen, "OK, ihr zwei, es wird nun richtig heiß. Sunetra und ich werden versuchen einen Weg zu finden Aan zu exfiltrieren. Juan ist auf dem Dach. Geht ihm zur Hand und heizt diesen Pennern ordentlich ein!"       
          "Solange du nicht vor meiner Nase rumballerst, sollte das kein Thema sein."
          Mannomann, das würde ich mir noch einige Zeit lang anhören müssen. Ich verkniff mir weitere Kommentare und öffnete die Wohnungstür einen Spalt weit. Noch war niemand auf dem Flur.         
          "AHHRG!"
Erschrocken fuhr ich herum und sah eine wankende Elfin, die von Aan gestützt wurde, damit sie nicht hinfiel. "Was ist passiert?"
          Sie würgte und schluckte einige Male, bevor sie antworten konnte: "Ich wollte meine Reflexe magisch verstärken, aber mich hat die Rückkopplung des Energiestroms voll erwischt."    
          Nie ist Murphy da, um ihm für sein Timing auf die Fresse zu schlagen. "Kannst du kämpfen?"     
          "Ich muss." 
"Hier können wir nicht bleiben. Die werden die Tür in Staub verwandeln und uns dann überrennen. Am besten nehmen wir sie in die Zange."        
          Vorsichtig traten wir auf den Flur und nahmen Bewegungen im Innenhof und auf der Treppe zu unserer Linken wahr. Wir mussten außer Sichtweite bleiben. Gebückt huschten wir also nach rechts und um die Ecke. Dort versteckten wir uns hinter der Brüstung und hofften, dass wir nicht entdeckt würden.
         
***
          Das Nitama Optimum-2 Sturmgewehr lag optimal in Largos Händen. An ein Mäuerchen gelehnt, wartete er im Schatten darauf, dass die Söldner im Hausflur auftauchen würden. Er beobachtete durch das Zielfernrohr die andere Seite. Lightning war zwar ebenfalls bewaffnet, aber ihre Pistole war auf diese Entfernung uneffektiv. Ungeduldig trat sie von einem Fuß auf den anderen: "Ich hab Juan noch nicht entdecken können."  
          "Lauf nicht auf dem Dach herum! Wenn er dich nicht rechtzeitig erkennt, könnte er dich versehentlich umbringen. Und ich hab keine Lust deine Reste hier wegzuschleppen."
Sie fühlte sich für den Moment etwas nutzlos. Darum askennte sie zum wiederholten mal die Gegend. "Kleiner, sie kommen!"
          Dreads war der Erste. Ihm folgten acht Söldner in voller Montur und Sturmgewehren. Der Schamanenork bildete das Schlusslicht der Gruppe. Largo nahm den ersten Söldner ins Visier. Gerade als er langsam ausatmete, um seine Bewegungen für den Schuss zu minimieren, platzte der Kopf des Mannes und verteilte sich auf seine Kameraden und die Wand dahinter.         
          Dreads sprang in Deckung, während die Söldner noch zu geschockt waren um zu reagieren. Der Ork suchte nach dem Schützen, hatte aber scheinbar Probleme ihn zu lokaliseren. Endlich kam Bewegung in  die Söldner und sie schlichen sich zur Brüstung. Alle erreichten sie nicht. Ein weiterer von Juans Schüssen traf sein Ziel und perforierte die Halsarterie eines armen Schweins, das damit begann unkontrolliert seine Umwelt mit seinem Blut zu streichen.          Der Schamane bekam einen Schwall des roten Safts ab, kümmerte sich aber nicht darum. Lightning konnte im Astralraum erkennen, dass er einen Schutzzauber auf sich wirkte. Sie musste etwas tun, aber was!? Schließlich hatte sie einen einfachen wie genialen Einfall. Sie musste sich nur an die Worte zur Kanalisierung der Energie erinnern. Zwei, drei tiefe Atemzüge später murmelte sie einen Zauberspruch. Vor ihr verschob sich die Luft, begann Masse zu erlangen, wurde weniger durchlässig für Licht, wirbelte durcheinander und begann im innersten Bereich zu glühen. Als wäre ein Portal zu einer anderen Welt geöffnet worden, entstand aus ihm ein Feuerelementar. Zu Alyssas Überraschung trug er die Gesichtszüge ihres Lieblingspornodarstellers. Sie räusperte sich verlegen und hoffte, dass es niemandem auffallen würde. Außerdem nahm sie sich vor mit ihrem Unterbewusstsein ein ernstes Wörtchen zu reden. Das Elementar indes wartete stoisch auf seine Befehle. Im Gegensatz zu Watchern hatten Elementare ein Bewusstsein für ihre Umwelt und konnten kreativ denken. Das minimierte peinliche Auftritte wie im Parkhaus.
          "Flieg zu den Söldnern und erledige sie. Beschütze auf alle Fälle meine Freunde. Hast du das verstanden?"
Er nickte und machte sich auf den Weg.        
***
          "Verdammt, auf die Entfernung treffe ich mit der Colt nichts!", frustriert schlug ich mit der Faust gegen die Brüstung hinter der wir kauerten. Klackend lud Sunetra ihre SMG durch: "Mein Baby hier sollte mehr als ausreichen."   
          Sie lehnte sich über die Brüstung als eine Salve aus Largos Sturmgewehr einen unvorsichtigen Söldner auf die Bretter schickte. Die Elfin legte auf den Schamanen an und drückte ab. Lediglich zwei Kugeln verließen den Lauf bis eine Ladehemmung ihren Angriff vereitelte. "Drek!"       
          Ohne Zeit zu verlieren ließ sie die Maschinenpistole fallen und zauberte einen Betäubungsschuss. Mit Lichtgeschwindigkeit überbrückte der Bolzen die Distanz zwischen der Zauberin und dem Ork. Getroffen zuckte er zusammen, schaffte es aber irgendwie den Zauberspruch auf die Elfin zurückzuwerfen.     
          In der nächsten Sekunde versteifte sich Sunetra und fiel ohnmächtig zu Boden. Der Schamane war definitiv eine Nummer zu groß. Vorsichtig lugte ich über die Mauer und sah einen Haarschopf, der wippend über der Brüstung zu sehen war. Dreads bewegte sich in Deckung zu unserer Position.
          Ich griff nach Sunetras SMG und versuchte verzweifelt die Ladehemmung zu beseitigen, doch ich hatte Mühe den Mechanismus zu entriegeln.
          Verdammt! Warum mussten Elfenhände nur so zierlich sein?       
***
          Gierig blickte der Elementar auf den Schamanen. Dieses magische Ziel war so verlockend. Er wollte es schon angreifen, als zwei weitere Söldner die Treppe hochgelaufen kamen und es vom Ork ablenkten. Sie eröffneten sofort das Feuer auf die Erscheinung, doch die Kugeln durchpflügten es wirkungslos. Physische Angriffe auf Elementare, Geister und sonstiges magisches Kroppzeug waren wie der sprichwörtliche Griff nach dem Strohhalm.        
          Fauchend stürzte sich der Feuerelementar auf seine Angreifer und durchflog auf seinem Weg zu ihnen Juans Schussbahn. Die Kugel wurde im Moment des Kontakts mit dem Elementar rotglühend, traf einen weiteren Söldner neben dem Schamanen und nagelte ihn an die Wand. Dort blieb er in einer grotesken Position hängen wie eine Puppe an einem Haken.      
          All das bekamen die Opfer des Elementares nicht mehr mit. Panisch feuerten diese Idioten weiter auf die Erscheinung und wichen zitternd zurück. Kurz bevor sie in Flammen aufgingen, um schließlich zu Asche zu zerfallen, durchfuhr einen von beiden noch der absurde Gedanke, warum er von einem Geist mit Rocco Longsilvers Gesichtszügen angegriffen wurde.         
          Ohne Zeit zu verlieren wandte sich der Elementar nun dem Schamanen zu. Doch während physische Angriffe recht nutzlos sind, sind magische umso wirkungsvoller. Der Ork breitete die Arme aus, als wolle er den Elementar umarmen. Das Wesen flog in seine Fänge und wurde wortwörtlich von dem Schamanen zerdrückt. Zischend löste es sich auf und Lightning fluchte auf dem Dach.
***
          Der Mechanismus schnappte wieder in seine ursprüngliche Stellung zurück. Endlich! Ich lud die SMG erneut durch und zielte über die Brüstung. Meine Finger konnten kaum den Abzug greifen, also umfing mein Fingernagel das Metallstück.         
          Die Haare waren nun schon ganz nahe. Plötzlich blieben sie stehen und tauchten dann ab. Wo war der Scheißkerl nun? Ich versuchte die ungefähre Position zu erraten und hatte ausnahmsweise mal Glück. Dreads kam hinter der Brüstung hervor und ich feuerte sofort zwei Salven auf ihn ab. Beide trafen voll und er zuckte mit jedem Treffen ein Stück zurück. Doch statt kommentarlos tot umzufallen feuerte er im Sterben noch eine Salve ab, die mich am Hals, der Schulter und im linken Oberarm erwischte.
          Mir fiel die SMG aus der Hand und ich rutschte für einen Moment auf den Boden. Sunetra war immer noch ausgeknockt. Aan kauerte bei ihr und blickte mich ängstlich an. Ich gab mein bestes zuversichtlich auszusehen, machte dabei aber eine jämmerliche Figur.     
          Mit einem Mal schwiegen die Waffen. Neugierig lunzte ich über die Brüstung und konnte gerade noch sehen, wie der Schamane mit einigen neuen Belüftungslöchern im Kopf umkippte. - Wir hatten es geschafft.   

          'Jetzt nichts wie weg, bevor die Bullen auftauchen!'
***
          Nachdem Lightning unserer Elfin mit einem Heilzauber auf die Beine geholfen und unsere Spuren im Astralraum verwischt hatte, fuhren wir mit Aan und Juan im Rover zügig vom Tatort weg.     
          "So, ich nehme mal an, dass es ihre Astralraumsignatur war, die Lightning vorletzte Nacht auf dem Dach wahrgenommen hat, oder?"
          Der Kolumbianer kratzte sich gespielt verlegen das glattrasierte Kinn und grinste: "Das ist richtig. Ich hab für unseren Plan die beste Schussposition ausgekundschaftet."
          "Sie haben uns eine schlaflose Nacht beschert."       
"Nichts für ungut, aber wir wussten nicht, ob man ihnen trauen konnte.  Sonst hätten wir sie früher in unseren Plan mit einbezogen."      
          Sunetra sah immer noch ziemlich mitgenommen aus, aber sie war stabil. Scheinbar war sie immer noch nicht so fit, wie sie uns weis machen wollte.     
          "Was wollen sie nun tun?" Aan sah zur Elfin, ergriff dann die Hand ihres Mannes und lächelte: "Wir werden uns aus der Öffentlichkeit zurück ziehen. Untertauchen und uns einen schönen Ort suchen, an dem wir eine Familie gründen können."
          "Im Koffer war die Beute aus dem Geldtransporter, oder?" Nun war es Juan, der antwortete: "Das meiste war unregistriertes Bargeld, aber die Credsticks musste Pablo erst waschen lassen. Nachdem das gestern Morgen erledigt wurde, wollte er sich heute mit einem Geschäftspartner treffen, den Aans Vater ihm empfohlen hat.
Das Geld wird mehr als ausreichen, um uns für den Rest unseres Lebens zu versorgen." 
          "Es wäre nett, wenn sie uns am Hafen absetzen könnten. Tyler hat uns dort ein Boot bereitstellen lassen, das uns von hier wegbringen wird."
          Die Elfin lächelte nun ebenfalls: "Ich sehe keinen Grund, der uns daran hindern sollte. - Largo...?"        
          "Bin schon auf dem Weg, Spitzohr!"     
***
          Kurz darauf parkten wir am Hafen und verabschiedeten uns von dem Pärchen. Juan griff in seinen Rucksack und fischte ein paar Credsticks heraus. Jedem von uns drückte er einen in die Finger.         
          "Das müssten zusammen etwa 100.000 Nuyen sein. Sie können auch mein MA2100 Scharfschützengewehr und die Ares Alpha behalten. Ich denke nicht, dass ich jetzt noch Verwendung dafür haben werde."      
          Largo schielte sofort freudenstrahlend auf den Kofferraum des Rovers als er an sein neues Spielzeug dachte.
          "Danke, das ist... das wäre doch nicht notwendig gewe...UFF!" Ein Knuff von Lightning in meine unverletzte Seite ließ mich schweigen. 
          "Nein, es ist gut so. Ohne sie hätten wir das nicht geschafft. - Wir müssen nun los. Leben sie wohl." 

          Aan und Juan nahmen ihr Gepäck aus dem Kofferraum und gingen dann zum Pier. Wir sahen ihnen noch einige Zeit hinterher. Largo und Lightning gingen als Erste zum Wagen zurück. Die Elfenzauberin hingegen sah in die Ferne und seufzte: "Es war das Richtige, Hendrik."        

          "Warum glaubst du, ich hätte die beiden in ihrem Schlamassel im Stich gelassen? Du hast in der Wohnung schon so eine komische Andeutung gemacht."         
          Ich sah sie prüfend an und sie erwiderte mit dem selben Blick. Schließlich blickte sie wieder in die Ferne: "Ich weiß nicht... es war nur ein Gefühl. Du weißt, ich kann mich an nichts erinnern... aber... ist in Japan was vorgefallen? Und sei ehrlich zu mir!"      
          Für einen Moment wollte ich ihr alles erzählen, aber die Erinnerung war zu deprimierend. "Nein, Sunetra. Es tut mir leid. Nicht hier und nicht jetzt."        
          "Warum? Und komm mit nicht mit dem Geheimhaltungsscheiß, den du Lightning aufgetischt hast!"
          Largo ließ das Fenster herunter und rief: "Hey ihr Zwei! Lass uns endlich heim fahren und ein Bierchen zischen!"
          Es tat weh sie so verletzlich zu sehen, aber es ging nicht. "Weil du dafür noch nicht bereit bist."     

          Mit diesen Worten drehte ich mich um und ging zum Wagen zurück und spürte wie sich ihre Augen in meinen Rücken bohrten.
  

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