Dienstag, 5. März 2013

Berlin sehen und NICHT sterben




        Misstrauisch beäugte der Kfz-Mechaniker die Schäden an meinem Rover 2068. Ich hatte ihn erst kurz vor den tragischen Ereignissen erworben, die mich meinen Job beim privaten Nachrichtendienst ARGUS kosteten. Er war also noch relativ neu und ich hing an dem Schmuckstück. Den Geländewagen nun so ramponiert zu sehen schmerzte - und meinem Credstick besonders.
          Henry - zumindest behauptete das das Namensschild an der Brusttasche des Mechanikeroveralls - drehte sich Kaugummi kauend zu uns um und lenkte unsere Blicke mit seinem rechten Daumen auf das Einschussloch in der Heckscheibe hinter ihm.
          "Se fangen gern Fliegen im Rückwärtsgang, wa?"
Mehr als nur dezent klang sein Berliner Dialekt durch.
"Yeah, elende Metallmücken. Fliegen verdammt schnell hier im Osten der ADL." Einen Moment lang fuhr er wortlos fort, seinen Kaugummi zu bearbeiten.
          "Dreihunnertfuffzich Euro un ick interessier mich nich für ihr Mückenproblem."
          "Sagen wir vierhundert - für den schnellen Service." Die Miene des Mechanikers hellte sich auf, als er einschlug.
          "Se gefallen mir. So Kundschaft könnt ick öfters brauchen." Er griff nach einem kleinen Kasten an seiner Hüfte, seinem Komlink. Sofort wurden Lagerlisten auf die Innenseite seiner Brille projiziert.
          "Se haben Glück. Ick hab ne passende Scheibe auf Lager. Wenn se en Stündchen Zeit haben, könnt ick es gleich machen."
          "Ich hab eh nichts besseres vor. - Äh sagen sie, ist es okay, wenn ich mir an ihrem Automaten einen Kaffee ziehe?"
"Sofern se die Schlacke, die da raus kommt so nennen wollen... Bedienen se sich ruhig."
          "Wollen sie auch einen?"
"Nee danke, ick hab noch etwas Öl im Lappen." Lachend ging Henry nach hinten ins Lager.
          Cone, der bislang nichts gesagt hatte, brach sein Schweigen.
"400? Du gibst aber hohe Trinkgelder, Hendrik."
          "Zum einen gehört das zum guten Ton, wenn man morgens um fünf Uhr in einer 24 Stunden Werkstatt den Mechaniker aufscheucht und zum anderen haben wir es eilig. Ich kenne Kerle wie ihn. Wenn die bockig sind, brauchen die alleine für die Ersatzteilbestellung drei Tage. Außerdem werde ich dich angemessen an den Kosten beteiligen. STOP! Komm erst gar nicht auf die Idee zu protestieren. Mein Wagen hätte sich keine Kugel eingefangen, wenn ich dich in Dresden nicht hätte rauspauken müssen."
          Zornesröte erkämpfte sich Cones Gesichtszüge. Doch bevor er etwas Beleidigendes sagen konnte, schluckte er seine Worte herunter, atmete tief durch und ging zu den Toiletten. "Ich muss meinen Verband wechseln."
          Ich sah dem alten Hitzkopf noch eine Weile hinterher. Irgendwann würde er seine cholerische Ader in den Griff kriegen müssen, bevor es noch böse endete. 
          Henry hatte beim Kaffee nicht zu viel versprochen. Natürlich hatten sie keinen echten Kaffee da. Wer außer den Reichen konnte sich so etwas schon leisten? Soycaf gibt sich nie besonders viel Mühe Kaffee nachzuahmen, aber ich hatte mich daran gewöhnt. Der Dreck, der aus dieser Maschine troff war jedoch selbst für Soycaf eine Beleidigung. Egal, Hauptsache Koffein.
          Ich lehnte mich an die Wand und nippte an der flüssigen Teergrube in meiner Hand. Es waren seit Cones misslungenem Einsatz in Dresden erst einige Stunden vergangen und ich ließ mir die Ereignisse dieser Nacht noch einmal durch den Kopf gehen.
***


          "NEIN, verdammt noch mal! Ich habe keinen blassen Schimmer, was hier los ist. Ich sollte für meinen ehemaligen Boss Finch ein Paket abholen. Aber kaum, dass ich das Paket in die Finger nahm, stürmten ehemalige Gangkollegen den Raum und fingen ohne Vorwarnung an rumzuballern.", rief Cone aufgebracht, als ich keine Anstalten machte, locker zu lassen.
          "Könnte Finch einen guten Grund haben dich aus dem Weg zu räumen?"
          "Ich wüsste nicht wieso. Wir sind Freunde. Als ich die Dragonhornets verlassen wollte, ermöglichte er mir das aufrecht stehend. Du musst wissen, dass man die Hornets sonst nur als Leiche verlässt. Finch täuschte meinen Tod vor, und ich konnte aus Bochum verschwinden. Darum konnte ich ihm diesen Gefallen auch nicht abschlagen."
          "Vielleicht haben deine Ex-Homies herausgefunden, dass du noch lebst und wollten dich deshalb nachträglich kalt machen."
          "Nach über vier Jahren? Eher unwahrscheinlich. Ich war keine Gefahr für die Gang."
Der Regen wurde stärker und verschlechterte die Sicht noch mehr, indem er die Straßen in Spiegel verwandelte. All die Scheinwerfer, Neonreklamen und Anzeigetafeln ließen die Nacht taghell scheinen. Ich kniff die Augen zusammen, um nicht geblendet zu werden.
          Endlich verließen wir den Stadtkern von Dresden und bewegten uns nach Norden durch die Außenbezirke des Sprawls. Cone holte aus seiner Jackentasche ein Päckchen. Er wog es in seinen Händen, drehte es hin und her, bis er begann die Verpackung zu entfernen.
          "Ich halte das für keine gute Idee, Cousin. Wer weiß was drin ist..."
"Ich will endlich Klarheit haben!"
          Mit einem Ruck riß er den Rest des Papiers von der kleinen Schatulle herunter, die darunter verborgen war. In ihr war ein Datenchip. Der Ork auf meinem Beifahrersitz sah mich verwirrt an, bis ihm sein Komlink einfiel. Der Datenchip wanderte in den zugehörigen Slot. Er studierte dessen Inhalt, der auf seine Netzhaut projiziert wurde. Dabei murmelte er mürrisch vor sich hin und zog die Stirn kraus.
Jetzt war ich auch neugierig.
          "Und?!"

"Seltsam! Die Dateien auf dem Speicher sind unverschlüsselt."
          Das war in der Tat ungewöhnlich. In heutigen Zeiten noch nicht einmal eine einfache Passwortabfrage vor das Öffnen eines Datenspeichers zu setzen, grenzte an Fahrlässigkeit.
          "Hier sind Kontenbewegungen verzeichnet. Bei den Eingängen sind Schmiergeldzahlungen, die auf meinen und Finchs Namen laufen."
          "Schmiergeld für Ganger? Und dann noch einen, der angeblich tot ist?" warf ich ungläubig ein.
          "Ach du Scheiße! Teilweise kenne ich die Namen hier. Laut den Daten haben Finch und ich in den letzten sechs Jahren von Polizei, Securityfirmen und Zeitungen Gelder für Dienste erhalten.  Wer auch immer aus der Gang diesen Speicherchip auswertet, muss zu dem Schluß kommen, dass wir die Dragonhornets hintergangen haben. Aber wir - naja, zumindest ICH - hab dieses Geld nie angenommen."
          Ich ließ mir die Neuigkeiten einen Moment durch den Kopf gehen. "Klingt danach, als ob jemand einen Führungswechsel bei den Hornets anstrebt. - Derjenige, der diese Daten hat, kann sich als der Held der Stunde präsentieren. Die Gang zerfleischt in rasender Wut ihren ehemaligen Boss und der Verräter übernimmt seinen Posten."
          Cone blickte sauertöpfisch in die Nacht hinaus. "DREK! Das klingt nach verdammter Politik! Hab mir immer alle Mühe gegeben mich davon fern zu halten. - Finch ist mir eine Erklärung schuldig."
          Cone aktivierte sein Komlink erneut und baute eine Verbindung auf. Nach einem kurzen Gespräch legte er wieder auf. "Finch will sich mit mir in drei Stunden in Berlin treffen. Ich frage mich, was er dort macht. Er verlässt Bochum sonst nur ungern."
          "Das wird er uns in ein paar Stunden sicher sagen. Aber bis dahin möchte ich einen meiner Kontakte auf die Datei ansetzen. Vielleicht kann er noch etwas herausfinden."
          Jetzt war es an mir, das Komlink zu aktivieren. Frank Zehntner sah ziemlich zerknautscht aus. Offensichtlich hatte ich ihn geweckt. Frank war, so wie ich einst, bei ARGUS angestellt. Als ich ihm von unserem Problem berichtete, sagte er sofort zu, mir zu helfen. Von zu Hause aus hatte er natürlich nicht all die Möglichkeiten, die ihm auf der Arbeit zur Verfügung standen, aber er war recht geschickt im Umgang mit Computern. Cone schickte ihm die Datei per Mail. Nach kurzem Check bestätigte er uns, was wir schon vermutet hatten. Die Daten waren ein Fake. Sobald er mehr rausgefunden hatte, würde er sich wieder bei uns melden.
***
          Berlin.
Für einen Zeitreisenden aus dem letzten Jahrhundert musste dieser 65 Kilometer durchmessende soziopathische Moloch wie ein schlechter Witz erscheinen. Nach der Wiedervereinigung dachte man damals, dass Deutschland nie mehr geteilt würde. Aber wie bei allem in der Geschichte weiß man es einige Jahre später besser. 2039  übernahmen Anarchisten und der Mob die Macht in Berlin. Das muss man sich mal vorstellen: Chaos als Regierungsexperiment!
          Im Fluss der sich ständig verschiebenden und verändernden Beziehungen zueinander konnte keine Partei eine beständige Machtbasis erschaffen. Und das war so gewollt. "Status Fluxus" nannte man das damals. Doch das Utopia der grenzenlosen Freiheit zeigte schon bald seine Schattenseiten. Immer wieder kam es zu Gewaltausbrüchen, Hungersnöten, Unruhen und Massakern. Eine öffentliche Ordnung existierte schlicht nicht mehr.
          Doch es war nicht das Leid der Bevölkerung, das das Ende des "Status F" herbeiführte, es waren die Konzerne, die nicht länger mit ansehen wollten, wie sie Verluste machten. Und so marschierten 2055 Konzerntruppen in Berlin ein. Binnen einen Jahres waren die Anarchisten in den Osten der Stadt zurückgedrängt worden. Schnell noch eine Grenzmauer hoch gezogen und schon hatte man seine Hommage an den guten alten Kalten Krieg vor der Haustür.
          Seitdem beherrschen Konzerne Westberlin. Im Prenzlauer Berg war das Renraku Computer Systems. Hier wollte sich Finch mit uns treffen. Genauer gesagt im Club Squirting Ebola; wer denkt sich eigentlich solch kranke Namen aus?
          Vor dem Etablissement schob ein Troll Dienst. Der Club gehörte zu der etwas feineren Sorte. Der Türsteher steckte in einem passenden Anzug, sah gepflegt aus und versuchte einen freundlichen Eindruck zu machen. - Vielleicht sollte ich es umformulieren: freundlich, aber mit dem unmissverständlichen Hinweis, dass er sehr ungastlich werden konnte, wenn es die Situation erforderte. Seinem linken Horn fehlte die Spitze. Sicherlich das Ergebnis eines Kampfes. Er war mit etwa drei Metern Körpergröße selbst für einen Troll recht groß. Sein Namensschild war zu weit oben, als dass ich es hätte lesen können. Da hatte jemand mitgedacht.
          "Es is schon knapp vier Uhr durch. Im Club is nich mehr viel los, wa?!"
"Ach, das ist nicht schlimm. Wir wollen uns nur noch schnell einen Absacker genehmigen."
Der Troll zog eine Augenbraue hoch und musterte Cone einen Augenblick lang. Zum Glück hatte er das Blut von seiner Lederjacke abgewischt und die Einschusslöcher im Bereich der linken Schulter waren nur bei genauerem Hinsehen zu erkennen.
          Schließlich entschied er, dass wir harmlos waren und deutete uns mit einer dezenten Kopfbewegung, dass wir eintreten durften.
          Drinnen strömte uns der Lärm einer Troggrind Band entgegen. Ich konnte den Krach nicht genau zuordnen, war aber sicher, dass die Band auf einen widerlichen Namen wie "Blood Soaked Clit Feast" oder "Raped Corpses" hörte. So etwas konnte nur in Berlin zum Lifestyle avancieren. Ich schüttelte in Gedanken den Kopf.
          "Ey Hendrik, der Kaventsmann vor der Tür war ja putzig. Ich glaube ich werde ihn Bussi Bär nennen!"
"Bevor du fragst: NEIN, du darfst ihn nicht behalten."
          Cone lachte dreckig und steuerte auf die Bar zu. Hoffentlich nannte er ihn nicht so, wenn ich in seiner Nähe war. Die letzte Schelle von einem Troll war mir nicht gut bekommen.
          Unser Plan war simpel. Cone würde an der Bar auf Finch warten. Sein ehemaliger Boss wusste nicht, dass ich als Verstärkung dabei war. Also würde ich es mir mit einem Bier etwas abseits gemütlich machen und das Treffen beobachten. Unsere Komlinks waren gekoppelt, sodass ich alles mit anhören konnte.
          Der Gangboss ließ nicht lange auf sich warten. Kurz nach uns betrat er mit zwei weiteren Menschen den Club. Ihre Körpersprache verriet mir, dass etwas nicht stimmte. Die drei Männer nahmen in einer Sitznische Platz. Einer von ihnen, ein Latino, setzte sich mit etwas Abstand zu Finch und dem anderen Mann. Cone griff sich sein Bier und gesellte sich zu ihnen.
          "Hallo Finch, ich hab dich alleine erwartet."
Finch verzog das Gesicht. "Eigentlich wollte ich auch alleine auftauchen, als ich unerwartet Gesellschaft bekam."
Der Latino zu seiner Rechten grinste unfein."Setz dich, Cone!"
          "Diego! Was willst du schmierige Made hier? Ich dachte ich hätte dir schon vor fünf Jahren gezeigt, wo dein Platz ist. Muss ich die Lektion wirklich auffrischen?"
          "Woh woh woh! Cone, wer wird denn gleich so unfreundlich sein? Ich möchte von dir nur eine Kleinigkeit, dann verschwinden wir wieder und du wirst dein Leben behalten."
          "Was meinst du damit? Finch! Karl! Gibt's zu seinem Gebrabbel auch eine Übersetzung? Kannst du nicht mehr für dich selber sprechen?"
Finch rannen Schweißperlen über die Stirn.
          "Bitte Cone, nimm Platz und gib ihm, was er verlangt."
Cone setzte sich und stellte sein Bier vor sich ab. Auch im Sitzen überragte er die Normalen an Körpergröße. Er machte sich noch etwas größer, indem er die Arme verschränkte und sein Kreuz durch drückte.
          "Das sind wirklich interessante Daten, auf die du da scharf bist, Diego." Finch rollte mit den Augen. "Bitte sag mir nicht, dass du das Päckchen geöffnet hast!"
          "Natürlich hat er, du alter Dummkopf. Dieser Trog war wie immer zu neugierig." Auf diese Beleidigung hin lief Cone krebsrot an.
          "Ich habe nichts anderes von ihm erwartet. Es ist mir egal. Gib mir den Datenstick und du kannst gehen."
          "Und was, wenn ich dir den scheiß Stick nicht gebe? Willst du mich mit deiner hässlichen Visage bedrohen? - Uhhhh, ich hab ja sooo Angst!"
Dummer, dummer Ork!
          Diego legte seinen rechten Arm ausgestreckt auf den Tisch. Er hielt etwas in seiner Faust, woran er mit seinem Daumen herumspielte. Ich brauchte einen Moment, bis ich erkannte, was es war. Ein Zünder!
          Ohne mir etwas anmerken zu lassen, tat ich, als bräuchte ich ein neues Bier und schlenderte Richtung Theke. Mein Weg brachte mich näher an die Sitznische heran. Das, was ich aus dem Augenwinkel sehen konnte gefiel mir ganz und gar nicht.
          Um Hals, Arme, Schultern, Brust und garantiert auch über Bauch und Beine verteilt, schlangen sich Semtexschnüre. Verdammt! - Der Sprengstoff war nicht allzu stark in der Wirkung, aber wenn Diego den Knopf drücken würde, wären ihre Körper in feine Portionen zerteilt. Und wer weiß, welche dreckigen Tricks er noch auf Lager hatte. Wie zu erwarten unterschätzte Cone die Situation und ließ sich weiter provozieren.
          Mein Gehirn rotierte auf der Suche nach einem Ausweg ohne Leichen. "Schnell, Hendrik! So schwer kann das doch nicht sein! Komm schon! Wie kann ich die Bombe aufhalten? Die versteckte Pistole in meinem Holster? Nein... mein Keramikmesser kam auch nicht in Frage. Wenn ich nicht präzise traf..." Plötzlich begannen zwei Worte auf meiner inneren Anzeigetafel in all ihrer lächerlichen Einfachheit hell aufzuleuchten: Bussi Bär!
         

          "Leg den Datenstick auf den Tisch! Sei ein braver Trog, bevor ich dir deine Freunde um die Ohren jage."
Cone konnte seinen Zorn kaum noch kontrollieren. Seine linke Hand wanderte langsam zu dem verborgenen Messer an seinem Stiefelschaft. Ihm musste klar sein, wie beschissen seine Chancen standen. Doch bevor er die Schneide erreichen konnte, verdunkelte der Schatten des Türstehers die Sitznische. "Gibt es ein Problem, meine Herren?"
          Diego sah auf: "Zieh Leine! Das ist nur ein harmloses Gespräch unter Geschäftsleuten."
Zu seinem Pech hatte ich den Troll bereits instruiert und er wusste von dem Zünder. Und zu seinem Pech können Trolle sehr fest zuhauen. Ohne mit der Wimper zu zucken, ließ der Metamensch seine riesige Faust mit aller Kraft auf den Unterarm krachen. Fast wäre der Tisch unter der Wucht zerbrochen.
          Diegos Unterarm war den Weg alles Irdischen gegangen. Zermatscht von einem Mutanten. Es existierten in ihm keine funktionierenden Nervenstränge mehr, die den zerrissenen Muskeln hätten den Befehl zum Knopfdrücken geben können. Zuerst sperrte sich sein Gehirn gegen den Verlust, aber irgendwann hatte es ein Einsehen mit der Realität.  Diego wurde aschfahl und begann wie am Spieß zu schreien. Finch wandte ihm den Zünder aus der Hand; nur zur Sicherheit.
          Nun ging alles sehr schnell. Der Troll empfahl uns ohne Umschweife den Club zu verlassen. Meine Gehörgänge dankten es ihm. So schnell erlebe ich hoffentlich keinen Troggrind mehr! Er brachte uns zum Hinterausgang und ließ uns in der Gasse zurück. Zwischenzeitlich hatten sich Finch und sein Begleiter, der sich als sein Stellvertreter Karl vorstellte, die Semtexschnüre herunter gerissen.
Ohne Zeit zu verlieren bombardierten sie Diego mit Fragen. Der sich aber weigerte zu kooperieren und verlor das Bewusstsein.
          Im Gespräch mit Finch stellte sich heraus, dass Diego und einige andere dabei waren, die Dragonhornets zu übernehmen. Sie ließen von einem Hacker aus Dresden eine Datei anfertigen, die Finch diskreditieren sollte. Zum einen mit den Schmiergeldern und zum anderen mit dem Offenlegen des Kodexbruchs. Immerhin hatte er Cone lebendig ziehen lassen.  Der Hacker hinterlegte den Stick an dem Ort, an dem ich Cone begegnet war.
          Jedenfalls bekam Karl Wind von dem Plan und informierte Finch. Der Gangboss konnte nicht riskieren Bochum zu verlassen und keiner seiner Jungs sollte das mit Cone heraus finden. Also bat er seinen alten Freund sich darum zu kümmern. Dummerweise traf mein Cousin zeitgleich mit den Dragonhornets von Diego und seinen Schergen dort ein. Ich vermutete, dass es sich hierbei wahrscheinlich um eine Falle für meinen Cousin gehandelt hatte. Ihn lebendig oder tot vorzeigen zu können, hätte die Position des Verräters nur gestärkt.
          Finch blickte zu mir herüber, als er mit meinem Cousin sprach.
"Cone, ich muss nur noch eins von dir wissen: hast du irgendwelche Kopien der Dateien angefertigt?"
          "Du hältst mich für selten dämlich, oder? Natürlich nicht!"
"Gut. Es tut mir leid, dass wir uns unter diesen Umständen wieder sehen mussten, alter Freund. Danke für deine Hilfe."
          "Kein Problem. Das war ich dir schuldig. - Was stellt ihr jetzt mit dieser Träne an?"
Finch sah zu Diego, der still und langsam ausblutete.
          "Zuerst werden wir seine Wunden versorgen. Tot nützt er uns nichts. Ich habe den Eindruck, dass die Geschichte noch nicht ganz ausgestanden ist. Wir werden ihn verhören und rausfinden, wer noch alles mit drin steckt."
          Eine wenig herzliche Verabschiedung später saßen wir im Auto.
"Komm schon, Cone, du hast doch was. Raus mit der Sprache!"
          "Kannst du mir mal verraten, warum du den Türsteher dazu geholt hast?"
          "Ich muss es dir wirklich erklären? Ernsthaft?  OK, werter Cousin. Dann hier ein paar Fakten: Wir befinden uns in Berlin. Das ist praktisch ein Polizeistaat. Wolltest du dich bei den Bullen für ein Gemetzel in einem öffentlichen Club erklären müssen? Vor allem: was hattest du vor? Den Kerl mit deinem Messer angreifen? Du hast dir erst vor ein paar Stunden mehrere Kugeln aus Schulter und Oberarm gepuhlt. Wie hast du dir das vorgestellt? Hast du eigentlich eine Ahnung wie schlecht deine Chancen standen? Außerdem hast du keine Körperpanzerung am Leib. Du hättest bei der Explosion mit drauf gehen können."
          "Du hast dir Sorgen um mich gemacht? Rührend... Ich sag dir mal was: ich brauche keinen neunmalklugen Babysitter, der auf mich aufpasst. - Ich bin immerhin älter als du..."
          "UND viel zu impulsiv. Bring deine Emotionen unter Kontrolle! Diego hatte dich zu jeder Zeit genau im Griff. Er hat mit dir gespielt. Meinst du nicht, dass er mit deinem Zug gerechnet hat? Ohne den Troll, wären wir jetzt auf der Flucht und deine Freunde sicherlich tot."
          Cone schnaubte laut und blickte aus dem Fenster auf die vorbeiziehenden Geschäfte an der Straße.
"Und die Kopie, die die ARGUS Zecke hat..."
          "Frank ist loyal! Das kann ich dir garantieren. Er würde mir nie in den Rücken fallen. Aber wenn es dich beruhigt, werde ich ihn anweisen unsere einzige Spur zu löschen."
          "Ich bitte darum. Der einzige Grund, warum ich es Finch verschwiegen habe, ist, weil ich weiß, dass er durchgedreht wäre, hätte er gehört, dass ein privater Nachrichtendienst Daten über ihn hat.  Also sag deinem Kumpel, dass er sich drum kümmern soll."
***
          Ich schüttelte die Gedanken an vergangene Stunden ab. Draußen vor der Werkstatt kippte ich den Rest des Soycaf in eine Ölpfütze hinter einer von Rost zerfressene Tonne. Den Unterschied würde keiner bemerken.
          Es war inzwischen hell geworden. Mir fiel der Anruf wieder ein. Frank war sicherlich wach. Gerade als ich seine Nummer wählen wollte, klingelte es bei mir. Ich ging dran. Frank war am anderen Ende der Leitung. Er klang aufgeregt.
          "Hendrik! Wir haben ein Problem!"
"Immer mit der Ruhe! Was ist denn passiert?"
          Konnte der Tag eigentlich noch schlimmer werden?
"Irgend ein Hacker ist in mein System eingedrungen, hat alle Daten gezogen und meine kompletten Festplatten gelöscht. ALLES ist weg!"
Es KONNTE schlimmer werden. Ich atmete genervt durch. Cone kam aus der Werkstatt auf mich zu.
          "Frank, ist OK, ich muss das jetzt erst mal meinem Cousin beibringen."
          "Keine Sorge, ich finde den Dreckskerl. Niemand klaut ungestraft meine Pornosammlung!"
Trotz des schalen Scherzes musste ich lächeln.
          "Meld dich, wenn du was hast!"
Ich legte auf.
          "Hey.. die Scheibe wurde ausgetauscht. Wir können weiter nach Hamburg fahren."
"Sehr gut. Ich bin froh, wenn wir hier endlich weg sind." 
          "Du... ähm.. ich muss dir was Unangenehmes mitteilen..."
 
*** 
          Wie zu erwarten war Cone stinksauer. Aber was wollte er schon machen? Das Beste wäre, wenn wir uns auf unser eigentliches Vorhaben konzentrierten: ins Shadowrun Gewerbe einzusteigen. Schließlich brauchte ich Ressourcen, um einem gewissen Serienkiller das Handwerk zu legen. Nur wie sollte ich Cone dieses Detail nur beibringen?!
          Nach einem üppigen Frühstück an einer Raststätte, stieg Cones Laune wieder deutlich an. Er machte sogar Scherze und schien die Fahrt zu genießen. Wer weiß, es könnte vielleicht doch noch ganz lustig werden, mit meinem Cousin ein Geschäft ans Laufen zu bringen.
          Wir waren gerade auf Höhe Hannover, als er in den hinteren Teil des Fond zeigte.
"Sag mal Hendrik, was ist das denn für ein Paket auf dem Rücksitz?"     
Ich war verwirrt.
          "Was für ein Paket?"
"Na das Paket, das wir seit dem Rastplatz dabei haben. Hast du noch Proviant eingepackt?"
          "Du, ich weiß nichts von einem Paket!"
"Aber, wenn ich das Paket nicht da rein gestellt habe und du nichts davon weißt, dann...."
Wir warfen uns einen entsetzten Blick zu und ich fuhr an der nächsten Nothaltebucht rechts ran.
          Nach einer eingehenden Prüfung entschied ich, dass der würfelförmige Kasten nicht verkabelt war. Ein Sprengsatz war ausgeschlossen. Vorsichtig entfernte ich das Papier. Eine Schachtel aus Karton kam zum Vorschein. Sie war mit zusammen geknülltem Papier ausgestopft. Auf dem Papier war etwas gedruckt. Cone nahm einen Ballen heraus und entfaltete ihn.
          "Da könnte ich ja Brechen! Das sind Ausdrucke mit den Kontendaten von den Schmiergeldern! SCHEISSE! Ich hatte gehofft nicht so schnell wieder...."
          "Auf der Rückseite klebt Blut!"
"Was?" Er drehte das Papier um und tatsächlich: mehrere verschmierte Blutflecken!
          Mir stellten sich die Nackenhaare auf, während ich Ballen für Ballen die Schachtel entleerte.  Als ich sah, was darunter verborgen war, wich ich vor Schreck einen Schritt zurück.
          Am Grunde der Schachtel lag ein menschliches Herz. Es musste vor nicht allzu langer Zeit dem Körper entnommen worden sein. Es sah noch relativ frisch aus. Wobei ich dafür allerdings kein Experte bin. Ein Zettel klebte an einer der Schachtelwände.
          Da ich vor Schreck wie angewurzelt stehen blieb und keine Anstalten machte, mich zu rühren, nahm Cone den Zettel heraus.
Darauf stand in Großbuchstaben geschrieben:

"JETZT SPIELEN WIR ZU DRITT!"

          Es dauerte einige Augenblicke bis Cone seine Sprache wieder fand.
          "Hendrik.... gibt es da etwas, das du mir sagen willst?"
 
*** 

            … erarbeitete sich Stefan Böhnisch mit dieser Trilogie einen Ruf als exzellenter Horrorautor. Seine Geschichten über einen mysteriösen Serienkiller, der mit Vorliebe Menschen ausweidet, wurden in mehr als vierzig Sprachen übersetzt und bekamen sogar eine Trivid-Verfilmung spendiert.
            Doch fragen sich immer noch viele, ob etwas an dieser Story dran ist. Denn bis zu seinem gewaltsamen Tod im Jahr 2104, bestand Böhnisch darauf, dass seine Bücher auf einer wahren Geschichte basieren. Beweisen konnte er dies allerdings nicht.
            Der Autor behauptete, dass die meisten Beweise im Zuge der Ermittlungen einer Gruppe Shadowrunner vernichtet worden seien. Fakt ist jedoch, dass es keine Indizien auf die berühmte Mordserie um den "Fahlen Schnitter" gibt, die von deren Echtheit zeugen würden. Es entstanden daher allerlei obskure Verschwörungstheorien, die sich immer noch großer Beliebtheit erfreuen.
            Ob Böhnisch bloß seinen Ruhm und das Geld auf seinen Konten mehren wollte, sei mal dahin gestellt. Die Geschichten, die er uns hinterließ, lassen uns jedenfalls nicht an seinem schriftstellerischen Genie zweifeln.

- aus dem Vorwort zur Jubiläumsausgabe von "Schatten über Deutschland" von Herausgeber Hieronymus Zadrak 

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