Sonntag, 10. März 2013

Das Gesetz der Straße


 Kapitel 1 - Altona Allerlei

            Serhat spürte die sengende Hitze der Wüstensonne auf seinem Gesicht und eilte sich daher umso mehr, um sich in die schützenden Schatten der Palmen zu retten, die er in der Ferne entdeckt hatte. Hoffentlich jagte er nicht schon wieder einer Fata Morgana hinterher. Bereits seit Tagen wanderte er durch die Sahara. Einsam, allein, mit zur Neige gehenden Vorräten, nur in trauriger Gesellschaft von wachsender Verzweiflung und aufkeimender Panik. Mittlerweile wankte er mehr, als dass er aufrecht voran schritt. Wie lange würde er das wohl noch aushalten können?           
            Seinen kahlen Schädel zierte ein Kopfstützenbezug, den er aus dem liegen gebliebenen Wagen mitgenommen hatte und als improvisierte Mütze trug. Serhat hoffte sich damit wenigstens ein bisschen vor der unbarmherzigen Sonnenstrahlung schützen zu können. Nur mit allergrößter Beherrschung konnte er sich davon abhalten das Ding wieder auszuziehen, denn es hatte sich ein ganzes Meer unter dem Bezug gebildet, das sich in mehreren kleinen Sturzbächen seinen Nacken herab auf den Rücken ergoss. Das anthrazitfarbene Hemd klebte ihm am ganzen Leib. Es war ihm ein Rätsel, wie er unablässig schwitzen konnte, wenn er doch kaum etwas getrunken hatte. Fast hatte er die Palmen erreicht. Endlich ausruhen und etwas Kühlung im Schatten.  
             Schlurfend trugen die tauben Beine seinen Körper voran, Meter für Meter. Ein Stein ragte aus dem Wüstenboden und er wäre beinahe hingefallen. So stolperte er und knallte mit dem Kopf gegen den Stamm eines Baumes. Nur mit Müh und Not schaffte er es nicht hinzufallen. So hielt er den Stamm mit beiden Armen umschlungen und atmete so schwer aus, als wäre er gerade einen Marathon gelaufen. 'Es ist erstaunlich, was der menschliche Körper alles aushalten kann.', dachte er und schöpfte etwas Hoffnung, als er hinter der Palme ein kleines Wasserloch entdeckte.   
            Sofort stürzte er auf die Knie und robbte zur Wasserstelle, tauchte sein Gesicht in das Nass und trank gierig. Erst als er dachte zu Ersticken, riss er seinen Kopf wieder in die Höhe. Doch warum brannte es immer noch so auf seiner Haut? Hätte er sich denn jetzt nicht erfrischt und abgekühlt fühlen zu müssen? Serhat atmete tief ein und musste sofort vor Schmerzen husten. Was war das? Jetzt brannte auch seine Lunge so fürchterlich, als hätte er Lava geatmet.
            Es dauerte einige Sekunden, bis der Anfall vorüber war und er wieder die Kontrolle über seinen Körper erlangt hatte. Verwirrt warf er einen Blick auf die Wasseroberfläche. Sie war spiegelglatt. Eigentlich hatte Serhat erwartet, dass sich dort vom Trinken noch Wellen kräuseln würden. Während es um ihn herum immer heißer zu werden schien, starrte der Mann fasziniert auf das Wasser und berührte dessen Oberfläche mit seiner Hand. Auch als er sie hinein tauchte, entstanden keine Wellen.       
            'Das ist doch nicht normal!'     
Er rührte mit seiner Hand im Wasserloch herum, aber es wollten sich keine Wellen blicken lassen. Irritiert schoss ihm der Gedanke durch den Kopf, dass das, was er da berührt hatte, vielleicht gar kein Wasser war. War da überhaupt irgend etwas? Andererseits... er hatte doch auch davon getrunken.      
            Plötzlich roch er verbranntes Haar und hörte in der Ferne ein Knistern, das ihn an brennendes Holz erinnerte. Etwas stimmte hier ganz und gar nicht. Frustriert ballte der Mann seine Hände zu Fäuste bis sich die Fingernägel tief in sein Fleisch schnitten und sie ihn schmerzten. Mit einem Mal waren der Geruch und das Geräusch stärker geworden. Sofort hielt Serhat inne und mit dem nachlassenden Schmerz verblassten auch wieder die Sinneseindrücke.            
            Schlief er etwa? Das würde einiges erklären.  
Der Mann fühlte instinktiv, dass etwas gefährliches vor sich ging und er unbedingt aufwachen musste. Da kam ihm eine Idee: wenn der Schmerz ihm half die Realität wahrzunehmen, dann konnte er sich vielleicht selbst aus dem Traum befreien, indem er sich weitere Schmerzen zufügte.          
            Serhat atmete tief durch, ließ das Brennen seine Lungen füllen und holte aus. Mit der flachen Hand schlug er sich immer wieder ins Gesicht. Zuerst mit der linken Hand, dann mit der rechten - in immer schneller werdender Folge.
            'Wach auf! Wach doch endlich auf!'     
Als das nicht reichte, fing er an sich zu boxen, den Kopf gegen den Baumstamm zu rammen, bis er die Schmerzen so stark wurden, dass er zusammenbrach.  
            Wie bei einem Filmschnitt wurde von dem einen auf den anderen Moment das Bild schwarz. Vollkommene Stille herrschte. Verschwunden waren Wasserloch, Palmen, Sand und Sonne und kein Knistern war mehr zu hören.  
            Dann stürzte die echte Welt mit lautem Getöse auf ihn ein - und Serhat wünschte sich augenblicklich zurück in seinen friedlichen Traum. Er lag auf dem Boden seines Gemüseladens. Blut zeichnete auf den weißen Fliesen lustige Muster. Ein Bein ragte in sein Blickfeld, aber er konnte sich nicht richtig bewegen oder seinen Kopf heben, um nachzusehen. Mit heran galoppierender Panik erkannte er, dass sein Laden brannte. Soweit er sehen konnte, standen alle Regale in Flammen. Was war nur geschehen? 
            Erneut erzwang sich Serhat die Kontrolle über seinen Körper zurück. Nach und nach kroch ein Kribbeln durch seine Gliedmaßen und er konnte sich - zwar noch zitternd, aber immerhin - langsam auf den Bauch drehen und mit den Händen auf dem Boden abstützen. Beinahe hätte er wieder den Halt verloren, als sie etwas in dem Blut wegglitten. Es war eine Menge Blut, viel zu viel als dass es nur von ihm hätte sein konnte. Schwer atmend zog er seine Beine zum Bauch und stemmte sich in eine kniende Position.           
            Nun konnte der Gemüsehändler sehen, wo all das Blut seinen Ursprung hatte. Nesli, seine geliebte Frau, lag vor ihm, den leeren Blick gen Decke gerichtet. Unzählige Einstiche gewährten dem roten Lebenssaft Austritt. Sie sah schon ganz weiß aus - sogar in dem orangegelben Feuerschein konnte Serhat erkennen, dass jemand so lange auf sie eingestochen hatte, bis sie tot war. Tränen schossen in seine Augen und er wisperte ihren Namen. Er wollte ihn schreien, aber seine Stimme versagte ihm ihren Dienst. Warum? Welches Schwein hatte das getan? Er versuchte sich zu erinnern, aber so sehr er wollte, er konnte nicht. Instinktiv kratzte er sich am Kopf, woraufhin ein stechender Schmerz durch seinen Schädel fuhr. Reflexartig zog er seine Hand zurück. Sie war blutbeschmiert. Erneut griff er sich an den Kopf, doch dieses Mal vorsichtiger. Die Platzwunde, die er ertasten konnte, würde seinen Gedächtnisverlust erklären.          
            Plötzlich loderte das Feuer zu seiner Rechten hell auf und er wurde sich wieder der Gefahr bewusst, in der er schwebte. Traurig betrachtete er seine Frau. Nur ungern wollte er sie hier zurücklassen, aber er wusste nicht, ob er es schaffen würde sie mitzunehmen. Noch immer waren seine Bewegungen fahrig und unsicher. Er musste hier dringend weg. Und wenn er aus dem Laden entkommen war, würde er herausfinden, was hier passiert ist und die Schuldigen dafür bezahlen lassen.         
            "MAMAAA! PAPAAA!"   
Geschluchztes, ängstliches Klagen scholl die Treppe herab. 'Suat!' Sein dreijähriger Sohn war noch in seinem Schlafzimmer. Wie hatte er nur seinen Sohn vergessen können? Wie von Zauberhand fand Serhat wieder Kraft und Zuversicht. Sein Sohn brauchte ihn jetzt. All das Blut, seine Verletzungen und das Wüten des Flammenmeeres missachtend, richtete er sich auf, stieg über die Leiche seiner Frau und rannte wie der Teufel durch die Reste seines Ladens, riss die dünne Zwischentür zum Flur auf und sprintete die Treppenstufen hinauf. Auch hier krochen bereits die Flammen an den Wänden entlang und suchten sich Wege, um das ganze Haus einzunehmen. 
            Mit jedem Schritt wurde das Weinen seines Sohnes lauter. Endlich hatte Serhat das Kinderzimmer erreicht. Drinnen fand er sein Kind tränenüberströmt im Bett sitzend. Irgendwie waren die Flammen durch den Lüftungsschacht bis ins Zimmer vorgedrungen. Qualm hatte sich in Bodennähe gesammelt und erschwerte ihm das Atmen. Beherzt griff er sich Suat und wollte wieder auf den Flur zu stürzen. In dem Moment warf ihn eine Druckwelle um und Teile der Wand prasselten auf ihn und seinen Sohn nieder. Scheinbar hatte das Feuer die Gasleitung zum Platzen gebracht, denn durch die aufgebrochene Wand fauchte ein Flammenstrahl. 
            Die Hitze und der Rauch machten das Atmen unerträglich. Irgendwie fand Suat die Kraft noch lauter als zuvor zu schreien. Serhat rappelte sich wieder auf, nahm seinen Sohn erneut auf den Arm und trat nun auf den Flur.    
            Das hatte er befürchtet: ihr Rückweg war versperrt. Daher ging er wieder in das Kinderzimmer zurück und setzte sich in den Sessel, seinen Sohn im Arm wiegend. Es gab nun kein Entkommen mehr, denn das Zimmer hatte wie viele Räume in diesen ärmlichen Plattenbauten kein Fenster, durch das sie hätten klettern können.
            "Wo ist Mama?", presste Suat zwischen Husten und Weinen hervor und sah seinen Vater traurig an. Er verstand nicht, was hier passierte. Serhat setzte ein mildes Gesicht auf, strich seinem Sohn über das Gesicht und wischte dabei seine Tränen fort.  
            "Sie ist schon draußen. Gleich kommt die Feuerwehr und holt uns hier raus. Sei tapfer! Wir müssen nur noch ein bisschen durchhalten, mein Sohn." 
            Suat schlang seine Arme um den Hals seines Vaters und drückte ihn fest an sich. Der Vater drücke sein Kind ebenfalls, streichelte ihm den Rücken, um es zu beruhigen.   
            Serhat wusste, dass niemand kommen würde.
***
            Seit unserem schicksalshaften Gespräch mit Kabler letzte Woche war klar geworden, dass es der Stalker gewesen war, der uns im Kopenhagener Industriefrachthafen versucht hatte umzubringen. Der Stalker hatte mich einst meinen Job bei ARGUS gekostet und nahm nun die Wild Cards ins Visier. Darum  tat ich mich mit Largo an Bord der Dead Man's Hand zusammen, um die Baseball große Drohne genauer unter die Lupe zu nehmen. Mit seinem Werkzeug zerlegte der Rigger das Spionagegerät in seine Einzelteile und forschte in dessen Eingeweiden nach Hinweisen. Wir verglichen Baupläne ähnlicher Produkte und stellten einige Unstimmigkeiten fest. Leider war es uns nicht möglich gewesen den Chip zu hacken, um so eventuell herauszufinden wer uns den Roboter auf den Hals gehetzt hatte. Also blieb uns nichts anderes übrig als weitere Hilfe hinzuzuziehen.    
            Mit dem Daumen scrollte ich durch die Kontaktliste in meinem Komlink und wählte die Nummer meines alten Kollegen Frank Zehntner, der wie ich einst Agent bei ARGUS war. Während es klingelte und ich darauf wartete, dass mein alter Freund ans Telefon ging, fiel mir etwas ein, das ich Largo schon den ganzen Tag  erzählen wollte.            
            "Hast du eigentlich schon mitbekommen, was Cone seinem alten Boss aus den Rippen leiern will?"     
            "Ne, sag an!"  
"Stell dir vor: Eine Monofilamentgarotte!"       
            "Was!?" Der Rigger sah mich zuerst ungläubig an, nur um dann in schallendes Gelächter auszubrechen. Dabei Grunzte er ein bisschen, als er atemlos frische Luft einsog und mit der flachen Hand auf die Tischplatte eindrosch. "Was zum Geier hat der Kerl damit vor?"
            Ich zuckte mit den Achseln.    
"Keine Ahnung. Vielleicht will er ja ein Käserad in brotgerechte Stücke hobeln."         
            Wieder lachte der Zwerg laut auf. Als es in der Leitung knackste, gab ich ihm mit erhobener Hand zu verstehen, dass jemand abgenommen hatte. Immer noch giggelnd wischte er sich Tränen aus den Augenwinkeln. Unten rechts in meinem Sichtfeld erschien Franks Ebenbild im Videofenster. Aus dem, was ich in seinem Hintergrund sehen konnte, schloss ich, dass er gerade auf der Arbeit war.      
            "Hallo Hendrik. Wie geht's dir, altes Haus?"    
"Moin moin, Frank. Och, im Moment läuft's ganz gut. Und bei dir?"
    
"Kennst mich doch: ich hab keine Probleme.", lachte Frank und ließ dem Tremble in seiner tiefen Stimme freien Lauf. "Nach unserem letzten Telefonat dachte ich schon, dass ich nie wieder von dir hören würde."         
            "Du meinst unser kleines Abenteuer im Schwarzwald? - Ach hör mir auf! Das war verdammt knapp. Aber wir haben es lebend da raus geschafft und den Mistkerlen sogar noch beide Augen blau geschlagen. Seitdem versuchen wir uns als die 'Wild Cards' einen Namen zu machen."        
            "Das höre ich doch gerne. - Was kann ich denn heute für dich tun?" 
            Mit einem Mal war alle Heiterkeit aus dem Gespräch verschwunden. "Unser alter Freund ist zurück."     
            "Der Stalker?", knurrte Frank durchs Komlink, "OK, raus mit der Sprache, Hendrik: Was ist los?"    
            Daraufhin erzählte ich ihm von dem Vorfall in Kopenhagen. Schließlich klinkte sich Largo in das Gespräch ein und berichtete, was er und sein alter Kamerad Kabler in der Matrix herausgefunden hatten. Nachdem er geendet hatte, grübelte Frank noch etwas bevor er wieder sprach.
            "Nun gut. Er hat euch in Dänemark fast erwischt. Was willst du nun von mir?"          
            Der Gute sah nun ziemlich verbissen drein. Kein Wunder, denn vor nicht allzu langer Zeit hatte der Stalker Frank alle Festplatten leergeräumt, als er für mich Recherchen über ihn durchführte. Die anschließende Wiederherstellung seiner Daten hatte ihn mehrere Tage gekostet. Seitdem kommunizierten wir nur noch über eine speziell gesicherte Verbindung, die durch ein Passwort geschützt war. Ich war mir nicht sicher, ob das ausreichte, um den Mistkerl auszutricksen, aber es war besser als nichts.   Wir fühlten uns immerhin sicher genug, um frei miteinander reden zu können.
            "Vor etwa zwei Monaten wurde ich von einer Überwachungsdrohne verfolgt. Wir haben das Ding eingefangen und zerlegt. Rausfinden konnten wir, dass die Drohne mit einem Großreichweitenempfänger und einer Aufzeichnungseinheit modifiziert wurde. Wie du sicher weißt, werden Daten solcher Einheiten normalerweise gestreamt und nicht gespeichert. Daher glauben wir, dass diese Drohne speziell ausgerüstet worden ist, um Ziele autonom über weite Strecken zu verfolgen."          
            "Dass die Daten gespeichert und nicht gestreamt worden sind, könnte im besten Fall bedeuten, dass unser Gegner nicht über mich, und die Mädels im Bilde ist.", fügte Largo hinzu.           
            "Zwei Monate?! Die Spur ist ja eiskalt, mein Freund." 
"Ja, ich weiß, aber bis vor einigen Tagen war uns nicht klar, wer hinter der Sache steckt und warum diese Drohne überhaupt am Hafen aufgetaucht war.   
            "Ich hab von Hardware nicht so viel Ahnung. Ich wüsste also nicht, wie ich dir helfen könnte."          
            "Im Inneren des Roboters haben wir eine Plakette mit einer eingestanzten Seriennummer finden können. Du hast Zugriff auf eine ganze Reihe von Datenbanken. Vielleicht kannst du den Besitzer ausfindig machen. Largo beamt dir gerade alles rüber, was wir haben."        
            Im Bildfenster konnte ich beobachten, wie Frank die Dateien öffnete und sich mithilfe der AR-Tastatur seines Computers an die Arbeit machte. Schon nach kurzer Suche konnte er Ergebnisse liefern.       "Interessant! Ursprünglich gehörte die Drohne mal Horizon. Die haben sie aber vor knapp drei Monaten als vermisst gemeldet."  "Wie passend."
"Wenn der Kerl die Spionageabteilung von Horizon beklaut hat und sogar die ihn nicht finden konnten, muss er verdammt gut sein."
           
"So wie es aussieht, ist er bei seinen Angriffen nie persönlich anwesend, sondern dirigiert alles aus der Matrix heraus.", warf der Zwerg ein.
      
Das brachte Frank zum Nachdenken.
         "Das klingt für mich, als könntet ihr den Kerl nur in die Finger bekommen, indem ihr in ein Gebiet mit geringer oder keiner Matrixabdeckung locken könnt."
            "Sollen wir in den Dschungel gehen, oder was?"         
Frank kratzte sich am Kopf. "Ich weiß ja auch nicht. Wie auch immer. Mehr konnte ich nicht herausfinden. Tut mir leid, Hendrik."
            "Kein Thema. Das ist schon deutlich mehr als wir vorher wussten. Danke!"    
            Unerwartet unterbrach der Zwerg kurz die Verbindung.
"Sorry, die Nervensäge ist auf Leitung zwei. Ich verpfeif mich mal und hör mir an, was sie will."           
            Damit verschwand Largo wieder aus dem Gespräch. Ich versuchte aus den Worten, die er mit ihr wechselte, etwas herauszuhören, aber mein ehemaliger Kollege sah mich über das Videofenster verdattert an. "Nervensäge?"     
            "Ach, er meint Alyssa."
"Oh, du redest von Richard Hardisons Tochter? Schade, dass sie es vorzieht in den Schatten zu arbeiten. Sie hat echt Potential."
                      Dass Frank die Mitglieder der Wild Cards durchleuchtet hat, wunderte mich nicht. Es lag in der Natur von Agenten, dass sie  über alles und jeden genau bescheid wissen wollen. Es war besser das nicht der Magierin zu erzählen. Sie war schon nervös genug, was ihre persönlichen Daten anging.   
            "Mal was anderes, Frank. Ich wollte dich auch fragen, ob ARGUS derzeit einen Job für uns hat."   
            Mein Freund zog eine Augenbraue hoch, als wollte er sagen  'Dein ehemaliger Arbeitgeber soll ausgerechnet DICH engagieren?', doch dann hatte er eine Idee.              
            "Im Moment gibt es keine Missionen, für die wir externe Hilfe benötigen würden, aber wie du sicher weißt, sind in vier Wochen Wahlen in Hamburg."     
            "Ich müsste blind und taub sein, um die ganzen Werbeplakate und Wahlkampfspots im AR nicht mitzubekommen."
          
"In etwa ein, zwei Wochen geht es in die heiße Phase der Wahl. Dann könnten wir ein zuverlässiges Team in Hamburg gebrauchen."  
            Der Ton, in dem er mir das sagte, implizierte, dass ARGUS einen Favoriten haben musste und ich konnte mir schon denken um wen, beziehungsweise WORUM es dabei ging. 
            "Lass mich raten: der Drache hat ein Problem mit der NEEC feindlichen Politik, die Vesna Lyzhichko in der Hansestadt betreibt, aber ARGUS will dem Wurm keine Gelegenheit geben, sich hier breit zu machen?"
            Frank grinste über das gesamte Gesicht. Er sah aus wie eine Katze, die eine Maus verspeist hatte. "So in etwa. Ich kann dir jetzt nicht mehr sagen. Am besten wäre es, ich melde mich wieder bei dir, wenn es interessant wird."                      
            Ich bedankte mich noch einmal bei meinem alten Freund und legte auf. Largo hatte ebenfalls sein Gespräch beendet. Ohne, dass ich fragen musste, sagte er mir, um was es ging.           
            "Die Kurze hat einen Job für uns an Land gezogen. Wir sollen sie und die anderen abholen. Es geht nach Altona."
***
            Wir hatten bereits gute Erfahrungen mit Onkel Herb und seiner Bodyguardfirma Silent Practice Services gemacht. Vor etwa zwei Monaten engagierte er uns, um die Geburtstagsfeier des bekannten Hamburger Unternehmers Beust sicherer zu gestalten. Onkel Herb hatte auf mich damals einen ehrlichen Eindruck gemacht. Das ist nicht selbstverständlich in diesem Job. Daher freute ich mich auf eine erneute Gelegenheit mit ihm zusammenarbeiten zu können. Wir sollten uns mit ihm im Hotel Istor im Bezirk Altona treffen. In Zimmer 317 befand sich die Wahlkampfzentrale einer Linda Schiller. Auf dem Weg dorthin, recherchierte unser Rigger, was es mit dieser Frau auf sich hatte. Die Enddreißigerin war parteilos, stand aber der Hamburger-unabhängigen-SPD - oder kurz HUSPD - und damit auch der amtierenden Bürgermeisterin Vesna Lyzhichko nahe, die ein Feind des Drachen und der New European Economic Community war.
           
Dieser Schiller zu helfen konnte also unser erster Schritt bei unserer Mission 'Sunetras Rettung' sein. Wenn Frau Schiller mit uns zufrieden war, konnte sie uns Kontakte zu den höheren Kreisen in der Hamburger Politik und damit zum Senat verschaffen, der in Yashidas Plan eine wichtige Rolle spielte.  
            "Boah, ist das eine abgeranzte Gegend.", lästerte Alyssa vom Rücksitz und wurde dafür prompt von Sunetra abgekanzelt.
            "Von einer solchen Wohngegend hast du nur träumen können, als du noch in Harburg gewohnt hast, Gajin. Und wenn ich mich recht entsinne ist das noch gar nicht so lange her."
            "Pfffft!"           
Altona war sicherlich keine urbane Schönheit, aber es gab wahrlich schlimmere Gegenden im Plex. Vorwiegend Plattenbauten und charmebefreiter grauer Stahlbeton dominierten das Stadtbild. Es gab hier und dort einige baumbestandene Alleen, die aber nicht so recht zum Rest des Bezirks passen wollten. Obwohl es rege Gangaktivität in der Gegend gab, sah es noch relativ ordentlich aus. Es gab nur selten spontan brennende Autos oder umgeworfene Müllcontainer, aber es war auf den ersten Blick klar, dass hier vorwiegend die Unterschicht ihr Dasein fristete.  
            Endlich erreichten wir das Hotel Istor, das mäßig hübsch, aber dafür sauber war. Die Fassade war schmal und die Fenster mit Panzerglas und Stahlgitter gesichert. Ich parkte das Wild-Cards-Mobil und wir betraten die Empfangshalle. Ein billiger abgewetzter Teppich bedeckte den gesamten Boden und von Nikotin vergilbte Tapeten klebten an den Wänden.     
            Als erstes steuerten wir den Lift an, der natürlich defekt war. Also gingen wir über das Treppenhaus in den dritten Stock. Je näher wir kamen, desto lauter wurde das vielstimmige Gemurmel, das von oben herunter kam. Kaum hatten wir unser Ziel erreicht, fanden wir uns inmitten von Wahlkampfhelfern wieder, die Plakate und Flyer aushändigten und wild miteinander diskutierten. Ein junger Zwerg hielt ein Schild hoch, auf dem "Linda Schiller für Altona '72" stand. Die Tatsache, dass sich die verschiedensten Metatypen unter den Wahlkampfhelfern befanden und sich für diese Frau Schiller stark machten, verriet mir, dass wir dieses Mal wahrscheinlich für die Guten arbeiten würden. Obwohl - in der Politik kann man sich da nie wirklich sicher sein.            
            Mühsam kämpften wir uns zum Zimmer 317 vor, wo wir von zwei von Onkel Herbs Bodyguards empfangen wurden.        
            "Herb will sich mit uns hier treffen."    
Der linke Stiernacken bedeutet uns, kurz zu warten und schlüpfte in den Raum, während der andere ein wachsames Auge auf uns hatte. Keine halbe Minute später kam er zurück und öffnete die Tür ganz. Wir gingen hinein.         
            Diese Wahlkampfzentrale sah so gar nicht typisch aus. Normalerweise erwartet man hier eine ganze Batterie von Schreibtischhengsten, die vor ihrem High-Tech-Equipment sitzen, Statistiken analysieren, Prognosen erstellen und die PR koordinieren. Frau Schiller hatte ganze zwei Nerds, die sich an den  Terminals zu schaffen machten. Das Zimmer verbreitete ebenfalls wenig Glamour. Man hatte drei Tische zusammengeschoben, an denen die gesamte Planung des Wahlkampfs stattfand. Das Bett war aus dem Raum entfernt worden. Dafür gab es ein gemütliches Sofa. Ein Kaffeeautomat stand auf einer vermackten Kommode in der Ecke, umgeben von Flipcharts und einer Karte von Altona an der Wand. Die blonde Politikerin selbst war informell in Jeans und T-Shirt gekleidet. Man sah ihr sofort an, dass ihr Gemütlichkeit und ein lockeres Umfeld wichtiger waren, als übertriebene Förmlichkeit. Dadurch wirkte sie wie eine gewöhnliche Frau aus dem Volke. Sie war mir vom ersten Moment an sympathisch. Eine leise Stimme in meinem Kopf klopfte gegen die Hirnrinde und flüsterte, dass man Politikasseln gefälligst nicht nett zu finden habe - aber es war nun mal so.            
            Onkel Herb unterhielt sich gerade mit ihr und zwei Eierköpfen. Der Mensch mit den zwei schimmernden Streifen auf der Glatze, die auf eine Vercyberung hindeuteten, kam zu uns herüber, als er uns bemerkte.
            "Moin-Moin, Frau Hardison. Schön, dass sie so kurzfristig vorbeikommen konnten."   
            Er schüttelte jedem von uns die Hand und konnte sich sogar an alle unsere Namen erinnern.         
            "Sollen wir auf Frau Schiller aufpassen?"        
"Nein, nein. Darum kümmern sich bereits meine Bodyguards. Dieses Mal geht es um eine etwas delikatere, offensivere Angelegenheit. Etwas, das ich mit meiner Agentur nicht zu leisten vermag. - Keine Sorge! Ich bitte sie nicht um einen Auftragsmord. Das ist nicht mein Stil. Wir haben ein Problem, das für zu viel Stunk vor den Wahlen sorgt."
            "Und das wäre?"         
"Das kann ihnen Frau Schiller viel besser erklären. Bitte folgen sie mir!" Herb ging voraus und winkte der Frau zu. "Linda! Diese Leute sind in der Lage ihr kleines Problem zu lösen."          
            Sie sah uns überrascht an, worauf uns Herb der Politikerin vorstellte. Mein sympathischer Ersteindruck bestätigte sich. Sie kommunizierte sehr offen, war freundlich und lavierte entgegen der Konventionen für Politikerverhalten nicht um das Thema herum, sondern sprach es direkt an.           
 
               "Vor knapp zwei Wochen haben die Holsten Zombies einen Lebensmittelladen in Brand gesteckt und eine Familie umgebracht. In zwei Restaurants wurden die Besitzer krankenhausreif geschlagen, weil sie vermutlich das Schutzgeld nicht zahlen konnten. Und dann haben sie auch deren Läden angezündet."             
            Sunetra runzelte die Stirn: "Die Holsten... Zombies?"  
"Das ist eine alteingesessene Gang in Altona. Sie ist nicht besonders groß. Sie ziehen sich alte, abgerissene Kleidung an und schminken sich bleich wie Zombies. Hauptsächlich verdingen sie sich als Dealer oder verdienen was durch Schutzgelderpressung dazu.", erklärte Cone der verdutzten Elfe.          
            "Woher weißt du von dieser Gang?"    
"Schon vergessen? Ich war selbst mal in einer Gang. Und naja, als ich nach Hamburg kam, hab ich mich schlau gemacht, was in der hiesigen Szene so los ist."         
            "Gibt es denn sonst noch etwas, das du über diese Mistkerle weißt?"
            "Die Zombies begnügen sich mit ihrem Gebiet. Zu weiteren Eroberungen fehlt ihnen entweder der Antrieb oder sie sind zu dumm. Allerdings verteidigen sie das, was ihnen gehört, bis aufs Blut. Das einzige, das für sie zählt, ist Stärke. Sie mögen es nicht, wenn man sich als einen von ihnen ausgibt. Ihre Schminke tragen sie nach einem speziellen System auf. Anhand der Kennzeichnungen erkennen sie, ob jemand zu ihnen gehört. Wenn sich ein armer Trottel mit ihren Federn schmückt, machen sie ihn kalt." 
            "Hast du eine Idee, warum sie plötzlich Terror verbreiten könnten?", fragte ich meinen Cousin.
            "Hmmm, entweder hat man ihnen keinen Respekt gezollt oder jemand arbeitet sich innerhalb der Organisation hoch."       
            "Ich will, dass diese Bastarde Ruhe geben!", schaltete sich Frau Schiller wieder in die Unterhaltung ein und stockte dann kurz nach ihrem wütenden Ausbruch. "Verzeihen sie mir meine Wortwahl, aber mir geht diese Sache sehr nahe!"         
            Ich schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln. "Kein Problem, Frau Schiller. Ich hätte an ihrer Stelle noch ganz andere Begriffe auf Lager. - Ist denn die Polizei nicht eingeschaltet worden?"        
            Sie lachte bitter.          
"Klar! Als ob sich die HanSec für den Kaffeesatz der Gesellschaft interessieren würde. Die kommen einfach nicht in die Gänge und wenn sie dann doch mal ihren faulen Hintern zum Tatort bewegen, ermitteln sie schlampig und viel zu lasch. - Hier wohnen zu viele arme Leute. In deren Augen sind sie Abschaum und die Mühe nicht wert." Frustriert steckte sie ihre Hände in die Hosentaschen und schnaubte. Die Frau gefiel mir immer besser.        
            "Ich denke, wir können uns ihres Problems annehmen."
"Nicht so schnell, Herr Summerset!  - Können sie etwas vorweisen, das mir zeigt, dass ich mit ihnen keine tumben Krawallmacher engagiere?"         
            Mit dieser Frage hatten wir nun wirklich nicht gerechnet. Blöderweise fiel Cone zuerst etwas ein: "Wir haben kürzlich ein Piratenschiff zerballert und die Crew mit dem Wrack auf den Meeresgrund geschickt."        
            Irritiert kniff sie die Augen zusammen, unschlüssig was sie von dieser Geschichte halten sollte. Verdammt! Wir brauchten diesen Job, um bei dem Senat einen Fuß in die Tür zu bekommen. Zum Glück meldete sich Alyssa zu Wort, bevor Frau Schiller uns rauswerfen lassen konnte.           
            "Sie hatten eine Falle gestellt und Schiffe gekapert, die auf einen fingierten Notruf reagierten."     
            Die Politikerin verkniff sich den Satz, den sie noch Augenblicke zuvor aussprechen wollte. Dann fiel mir etwas ein, das sie überzeugen könnte.  
            "Sie haben doch bestimmt von dem Überfall auf den Stuffer Shack im März gehört, oder?"           
            "Ich habe davon in den Nachrichten gelesen. Wollen sie mir etwa sagen, dass SIE den Laden überfallen haben?"       
            "Um Himmelswillen, Frau Schiller! Wir haben den Überfall vereitelt. Die Kerle waren hinter einer Frau und ihrem Kind her, die wir dabei retten konnten."
            "Jetzt, wo sie es sagen... stimmt! Davon hab ich gelesen. Allerdings wusste man nicht, wer die Helden waren, die die Angreifer abgewehrt haben."    
            "Nun, das waren wir.", verkündete ich nicht ohne Stolz und setzte mein gewinnbringendstes Lächeln auf. In dem Moment, da sie mir in die Augen sah, wusste ich, dass sie mir glaubte.           
            "OK, sie haben mich überzeugt. Wie viel werden mich denn ihre Dienste kosten?"     
            "Das ist abhängig davon wie lange der Job dauern und viele Ressourcen er verschlingen wird. Rechnen sie mit etwa 50.000 Euro."       
            Überrascht sprachen ihre Lippen lautlos die Summe aus. Es dauerte eine Weile, bis sie den Schock überwunden hatte. "Fünfzigtausend ist eine ganze Menge. Wow! Ich glaube, da müssen wir noch mehr Wahlkampfspenden sammeln."
            "Ich kann es nicht versprechen, aber mit etwas Glück wird es auch etwas günstiger."
            Immer noch etwas geschafft von unserem Angebot, winkte sie ab. "Hauptsache, sie kümmern sich schnell um das Problem. Für die Menschen in Altona ist diese Gangsache wie Krieg." 
            In diesem Moment kam ein türkischstämmiger, schlacksiger, langer Lulatsch in schlecht sitzendem Businessanzug zu uns. Der Mann war Anfang Zwanzig und schwamm geradezu in seinem viel zu weiten Sakko. Ich hatte Mühe nicht sofort loszulachen und war dankbar dafür, dass Alyssa sich ebenfalls einen bis zehn Kommentare verkneifen konnte.     
            "Darf ich ihnen Mustafa Ucturk vorstellen?! Er ist mein Wahlkampfkoordinator. Er ist in dieser Gegend aufgewachsen und kann ihnen alle Fragen beantworten. - Mustafa, kümmerst du dich bitte um diese Leute? Ich muss leider zu einem Termin." 
            Ohne große Worte verabschiedete sie sich von uns und verließ mit den beiden Bodyguards den Raum. Interessanterweise schien dieser Ucturk nur Augen für unsere Elfe zu haben.
            "Was kann ich für sie tun?"     
Sunetra wusste wohl nicht recht, was sie von dem Kerl halten sollte, der sie schon die ganze Zeit anstarrte. Da er aber einen sehr freundlichen Eindruck machte, unterdrückte die Japanerin den Impuls, die Stromzufuhr zu seinen Augen mit ihrem Katana zu unterbrechen.            
            "Frau Schiller hat erwähnt, dass sich die Menschen hier wie im Krieg fühlen. Kann es sein, dass die Zombies wegen der Wahlen aufgestachelt wurden? Das könnte den Effekt haben, dass die Leute Frau Schiller nicht wählen, weil sie ja nichts gegen die Situation machen würde."   
            Der Mann überlegte kurz, schüttelte dann aber heftig den Kopf. "Nein, das halte ich für sehr unwahrscheinlich, denn dann könnten diese Vorwürfe auch die anderen Kandidaten treffen."
            "Wer ist denn ihr Gegner in dieser Wahl?"      
"Ulrich Wolfsen ist sein Name. Er gehört der konservativen Plattform an, kommt ebenfalls aus dieser Gegend und ist ein Lokalmensch. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er dahinter steckt. Er ist nicht der Typ für solch schmutzige Tricks."
            Ich kratzte mir die Bartstoppeln am Kinn.        
"Hmmm das mag sein. Vielleicht ist er aber auch nur die Marionette der Mächte, die lieber ihn als Schiller im Senat sitzen sehen wollen.", murmelte ich. "Wie auch immer, wir müssen weitere Erkundigungen einholen, bevor wir unser weiteres Vorgehen planen können. Haben sie die Adressen der Opfer? Dann sehen wir uns mal vor Ort um und reden mit den Überlebenden und den Nachbarn."
           
Der Wahlkampfkoordinator nickte und ging dann weg, um uns die gewünschten Informationen zu besorgen.      
            "Okidoki. Wie geht's nun weiter, ihr Landratten?", fragte unser Rigger.          
            "Du fährst mit Sunetra zu dem abgebrannten Geschäft, während Alyssa und ich uns im Krankenhaus mit den beiden Ladenbesitzern unterhalten."    
            Cone wollte wissen, was er in der Zwischenzeit machen sollte, woraufhin Alyssa ihm mitleidig den Unterarm tätschelte.
      "Du schälst mit deiner Monofilamentgarotte Kartoffeln."
Ihr schmerzender Hintern erinnerte sie noch tagelang an den Tritt, den sie dafür kassierte.

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