Montag, 18. März 2013

Das Gesetz der Straße



Kapitel 2 - Gang War Z 

            Wie besprochen sahen sich Sunetra und Largo am Tatort - einem ausgebrannten türkischen Gemüseladen - um und interviewten die Nachbarn - naja, jedenfalls versuchten sie es. Die, die halbwegs Deutsch sprechen konnten, schlossen meist sofort wieder die Türen und schickten sie weg. Erst in einem Nagelstudio in der Nähe, erfuhren sie, was die Menschen so in Angst und Schrecken versetzt hatte. Das Mädel, das dort arbeitete, war so sauer auf die Holsten Zombies, dass sie ihre Vorsicht über Bord warf und uns ohne Umschweife erzählte, was sie beobachtet hatte. Scheinbar trieben die Untoten in dieser Gegend Schutzgelder ein. Dabei wären sie stets zu viert unterwegs.   
            "Bis auf ihren Anführer 'Blondie' hatten sie schwarze Haare und kamen einmal in der Woche vorbei. Angeblich hatte sich Blondie fürchterlich mit dem Inhaber des Gemüseladens gestritten. Kurz darauf sind sie aber unverrichteter Dinge wieder abgezogen. Worum es genau bei dem Streit ging, wusste sie leider nicht."        
            "Mist!", entfuhr es Hendrik, "Ich hatte gehofft, dass Sunetra mehr in Erfahrung bringen würde. - Hat sie noch etwas gesagt?"  "Ja, wenn die Zombies ihren Turnus einhalten, kommen sie morgen wieder in die Straße, um die Gebühren einzutreiben."
             Der über zwei Meter große Ork, der trotz der warmen Mai-Sonne seinen langen, dunkelbraunen Mantel trug, vergrub seine Hände tiefer in den Taschen und brummte: "Wenn alle Stricke reißen wissen wir wenigstens, wo wir diesen Blondschopf abgreifen können. Komm, vielleicht haben wir mehr Glück!"  
            Alyssa warf die Beifahrertür des Toyota Coaster zu und eilte Hendrik hinterher, mit dessen Schritten sie Mühe hatte mitzuhalten. Vor ihnen baute sich die Klinik in all ihrer Hässlichkeit auf. Früher einmal hieß die Einrichtung Albertinenkrankenhaus und stand unter der Fuchtel der Kirche. Da die faschistoiden Cheftunten der Kirchenobrigkeit im Zuge der UGE (
Ungeklärte Genetische Expression) 2011 und der Goblinisierungs-welle zehn Jahre später bereits unter chronischer Schnappatmung litten, waren die Eurokriege zu viel des Guten gewesen. Nicht nur, dass ausgerechnet im ansonsten sehr toleranten Altona viele Orks, Trolle und Zwerge lebten, nein, man musste sich auch noch mit Muslimen und Atheisten aus aller Herren Länder abgeben.        
            Es ging doch nicht an, dass jeder Dahergelaufene Nichtsnutz meinte die Ressourcen des Krankenhauses nutzen zu können! Dummerweise war es den Kliniken verboten Patienten aufgrund ihrer Herkunft abzuweisen. Hatte irgendwas mit 'Gleiches Recht für alle' oder so zu tun gehabt. Einige wenige Ärzte taten es aber trotzdem, was Metamenschenrechtsorganisationen dazu bewegte ausgiebig vor dem Klinikum zu demonstrieren. Bevor man aufgrund der schlechten Presse mit zu großen finanziellen Verlusten rechnen musste, stellte man die radikalen Ärzte kalt und behandelte wieder jeden - auch wenn man das Gefühl nicht los wurde, dass man nicht mit der selben Sorgfalt behandelt wurde, wenn man kein weißer Christ war. So stach im politischen Stein-Schere-Papier die Geldgeilheit der Kirche mal wieder völlig vorhersehbar den eigenen Fundamentalismus aus.          
            Für ein knappes Jahrzehnt herrschte weitestgehend Ruhe um das Skandalkrankenhaus, bis die Eurokriege begannen. Nun auch noch Dschihadisten und russische Orthodoxe?! Das war endgültig zu viel für die Klinikleitung. Man verkaufte die Einrichtung an die Stadt Hamburg und verkrümelte sich nach Westphalen, ins Gelobte Land. Denn hier darf man bis heute ungestraft religiös fundamental begründet Minderheiten schikanieren.   
            Nachdem die Regierung am Drücker war, wurde das Albertinenkrankenhaus in ein staatliches Klinikum für Jedermann umgewandelt, das man seitdem nur noch Altona-West-Krankenhaus nennt. 'Da soll noch einer behaupten, Behörden wären nicht kreativ.', lachte Alyssa innerlich.         
            Nach dem Ende der Eurokriege 2037 begann Hamburgs Senat mit seinem öffentlichkeitswirksamen Prestigeprojekt. Die modernste Klinik der Stadt hatte Altona-West werden sollen, mit Neuro- Herz- und Unfallchirurgie, Kybernetikimplantation und sogar experimentellem arkanen Therapiezentrum. Aber es kam wie es kommen musste: Gelder verschwanden, Bauarbeiten verzögerten sich oder wurden schlampig ausgeführt, und die gesamte Planung entpuppte sich als ein einziges organisatorisches Desaster. Am Ende besorgte sich die involvierte Politik-Society einen möglichst großen Teppich unter dem man Altona-West verstecken konnte.     
            Das Projekt blieb unvollendet und seitdem siechte die Klinik wie manche ihrer Patienten dahin. Seit Jahrzehnten wäre mal wieder ein neuer Anstrich fällig und die Grünanlagen erweckten den Eindruck, dass der Gärtner schon seit längerem nicht mehr bezahlt wurde. Die medizinischen Geräte waren hoffnungslos veraltet und wurden nur noch vom guten Willen zusammen gehalten.            
            Trotz aller Widrigkeiten arbeitete das Pflegepersonal mit viel Engagement, da sie alle aus dem Bezirk stammten und man sich ja im weitesten Sinne immer um Nachbarn kümmerte - und mit denen saß man schließlich im selben Boot und es galt gegen korrupte Politiker und eine hoffnungslos überforderte Klinikleitung zusammen zu halten.            
            Alyssa passierte mit Iron die Eingangstür und betrat die geräumige Halle dahinter. Obwohl das Krankenhaus sicher nicht mehr alle Standards erfüllte, herrschte reger Betrieb. Verwandte und Freunde saßen in der Cafeteria am Ende der Halle mit den Patienten zusammen, Krankenschwestern und Pfleger wuselten umher und eine Reinigungskraft schob gelangweilt die Putzmaschine vor sich her.     
            Als sie den langen Kampf ihrer Großmutter gegen den Krebs miterleben musste, hatte sie eine Aversion gegen Krankenhäuser entwickelt. Über fast fünfzehn Monate hinweg besuchte sie sie immer wieder in den verschiedensten Kliniken des Landes. Von einer Spezialeinrichtung in die nächste ging es, aber tun konnte man am Ende nicht mehr für sie, als sie mit Schmerzmittel vollzupumpen. In dieser Zeit hatte sich der typische Kranken-hausgeruch aus Reinigungs- und Desinfektionsmitteln in das Gehirn der Magierin eingebrannt und ließ sie auch an diesem Tag unangenehm frösteln. 
            Einige Meter hinter dem Eingang stand auf der linken Seite vor den Toiletten ein Terminal. Die Shadowrunner gingen schnurstracks darauf zu. Als sie davor standen, erschien, ohne dass sie einen Knopf drücken mussten, eine junge Frau im Schwesternoutfit, die das Terminal vor die Besucher projizierte.   "Guten Tag. Ich heiße Crissy und freue mich ihnen behilflich zu sein. Was kann ich für sie tun?", fragte die bläulich schimmernde Gestalt, während sie betont lasziv mit ihren Hüften wackelte. Bevor Alyssa antwortete, fragte sie sich, welcher pubertierende Informatiker an der Programmierung dieser digitalen Beleidigung beteiligt war.           
            "Wir möchten einen Herrn Roshtawa besuchen. Auf welchem Zimmer liegt er denn?" 
            "Tut mir leid, aber derzeit liegt der Patient auf der Intensivstation und darf nur engste Verwandte besuchen. Sie stehen nicht auf der Liste." 
            'Mist!', fluchte Lightning, 'Dreimal vermaledeite scheiß Technik! Gesichtserkennungssoftware - dafür hat man in dieser Bruchbude natürlich Geld übrig gehabt.'           
            Der Ork musste ihre Wut gespürt haben, denn er legte ihr eine Hand auf die rechte Schulter und drückte sie sanft. Am liebsten hätte sie einen Feuerball in das Terminal gejagt. Stattdessen sah sie zu ihrem Kameraden hoch.          
            "Ich schlage vor, wir versuchen unser Glück bei der lebendigen Belegschaft."
            Die Magierin nickte zustimmend und man begab sich zur Information. Hinter der Theke saßen zwei fette alte Schachteln, de dort auf den Beginn ihres Ruhestandes zu warten schienen. Wie es sich für altgedientes, unkündbares Personal geziemt, ignorierte man die Neuankömmlinge erst einmal. Da Alyssa nicht zu den geduldigsten Personen des Planeten zählt, hielt sie nicht länger als zehn Sekunden durch, bevor sie sich laut räusperte - in der Hoffnung, doch noch als Gesprächspartner wahrgenommen zu werden.            
            Keine Reaktion. Also räusperte sie sich noch einmal - nun lauter. Immer noch keine Reaktion. Auch ein weiteres, energischeres und lang gezogenes Räuspern zeigte keinen Erfolg.            
            'Haben die ein Glück, dass hier jede Menge Kameras sind.'
Nun trommelte sie mit den Fingern ihrer rechten Hand auf dem Tresen und starrte die Weiber böse an. Eins musste man ihnen lassen: hätte es sich um eine philosophische Fakultät mit dem Schwerpunkt Nihilismus gehandelt, sie hätten es sicherlich mit den Dekanen zu tun gehabt.
            "HALLOOOOOOO!", rief Alyssa und winkte mit den Armen als wären sie Windräder. Endlich ließ man sich dazu herab die Frau mit den seltsamen Spastiken anzuhören und sah sie mitleidig an.
            "Ja? Was gibt's?"         
 "Von Kundenservice haben sie noch nichts gehört, oder?"     
            Daraufhin sahen sich die beiden Frauen an, grinsten zunächst und brachen schließlich in schallendes Gelächter aus. Die Magierin stand kurz davor an die Decke zu gehen, doch schaffte sie es irgendwie sich zu beherrschen. Nachdem sich die Frauen an der Information wieder eingekriegt hatten, widmeten sie sich wieder amüsiert der 'Kundin'.   
            "Was kann ich denn für SIE tun?", fragte die Dame mit den grauen Haaren und den immens großen Krähenfüßen um die Augen betont höflich. Scheißfreundlich, um genau zu sein. Die zwei wussten wirklich nicht, wann man sich besser zurück hielt.   
            "Ich möchte mit Herrn Roshtawa sprechen. Auf welchem Zimmer liegt er denn?"        
            "Nö, vergessen sie's! da dürfen nur Verwandte hin."  
Nun war Alyssa endgültig von der Leine. Sie fischte ein laminiertes Stück Papier aus der Jackentasche, stützte sich auf den Tresen und fuchtelte damit vor der Nase der unverschämten Alten herum.
    "Mein Name ist Tina Lund und DAS hier ist mein Presseausweis. Ich bin Reporterin beim Hamburger Abendblatt und ich rate ihnen nun die Lauscher aufzusperren und sich gut zu überlegen, was sie als nächstes tun oder sagen werden."       
            Beide Angestellten starrten nun wie hypnotisiert auf den Ausweis. Ihre überraschten Gesichter sprächen Bände. 'War der echt? Was wenn nicht? Besser nichts riskieren!' Sie sahen sich kurz an und nickten Alyssa zu.    
            "Gut." Die Magierin steckte den gefälschten Ausweis wieder weg und straffte sich etwas. "Ich arbeite an einer Story über die brennenden Restaurants und möchte Herrn Roshtawa und die Gäste interviewen, die zum Zeitpunkt des Anschlags in seiner Dönerbude waren. Soweit ich informiert bin, befinden sie sich ebenfalls in ihrem Krankenhaus."      
            "Nuuun....", begann der weibliche Grauhaardackel auf der anderen Seite des Tresens. Doch bevor sie der Journalistin' sagen konnte, dass sie nicht zu den Patienten dürfe, schlug Alyssa ein letztes Mal zu - dieses Mal mit einem 1eins-A Totschlagargument.
            "Das hier kann nun folgendermaßen laufen: Entweder sie helfen mir, und ich werde das Altona-West wohlwollend im Artikel erwähnen. Vielleicht bekommen sie ja so einige der so dringend benötigten Mittel, auf die sie schon so lange warten. ODER... sie geben sich weiterhin unkooperativ und ich werde dieses Haus in Grund und Boden schreiben. Es ist IHRE Wahl!"  
            Vollkommen eingeschüchtert hackte die Angestellte umgehend auf ihre Tastatur ein und gab den Wild Cards die geforderten Informationen. Alyssa bedankte sich artig, machte auf dem Absatz kehrt und schritt zum Aufzug hinter ihr. Dieses Mal brauchte der Ork einige Sekunden, bis er wieder zu der kleineren Menschenfrau aufgeschlossen hatte.                     "Respekt! Ich hatte schon befürchtet, du würdest sie wieder zu Urschleim zurück entwickeln und in den Ausguss kippen.", grinste Iron sie leise lachend an. Lightning kniff die Augen zusammen und grinste diabolisch zurück.        
            "Woher weißt du, was mein Plan B war?"


***
            Immerhin funktionierte der Aufzug. Im vierten Stock stiegen die zwei Shadowrunner raus und begaben sich zunächst in eine Schleuse, in der sie mit Nanoreiniger bestrahlt wurden. Die Opfer des Brandanschlags befanden sich nämlich auf dem isolierten Bereich der Intensivstation. Nachdem Alyssa und Hendrik von den schlimmsten Keimen befreit worden waren, öffnete sich die nächste Schleusentür und sie bekamen Hauben, Kittel und Überzieher für ihre Schuhe ausgehändigt. Also zogen sie sich um und wurden dafür zu den Behandlungszimmern vorgelassen.   
            "404 - Karl-Peter Somuncu. Hier liegt eine der Bedienungen.", murmelte die Magierin. Ihr Begleiter öffnete die Tür und bedeutete ihr mit einem Wink, dass er ihr den Vortritt ließ.  In dem kleinen Zimmer befand sich ein Wandschrank, eine kleine Kommode auf Rollen und das Krankenbett, das von verschiedensten Apparaturen umgeben war. Ein Herzmonitor zeichnete das EKG auf, ein weiteres überwachte den Sauerstoffgehalt seines Blutes, um gegebenenfalls die Atmung zu unterstützen oder ganz zu übernehmen. Zig Infusionsschläuche und Nadeln steckten in seinen Armen und am Hals. Den armen Mann hatte es schlimm erwischt.    Als sie näher heran kamen, konnten sie erkennen, dass das Bett mehr eine Art Wanne war, in der der Mann lag. Der Großteil seines verbrannten Körpers war von einer Sauerstoff-Nanopaste überzogen worden, die den Heilungsprozess unterstützte. Spezielle Verbände schützten seine zerstörte linke Gesichtshälfte. Der Brustkorb hob und senkte sich in gleich bleibenden Abständen. Vorsichtig weckte Alyssa den schlafenden Patienten.      
            "Herr Somuncu?"        
Mühsam schlug er seine Augen auf. Er hatte sichtlich Schwierigkeiten wach zu bleiben. Nach einigen Momenten hatte er sich soweit gefangen, dass er in die Richtung schauen konnte, aus der er angesprochen worden war. Seine Stimme klang belegt und dumpf unter der Atemmaske.            
            "Was wollen sie?"        
Wieder zückte Alyssa ihren Presseausweis. "Ich bin Reporterin beim Hamburger Abendblatt und untersuche den Brandanschlag auf das Restaurant. Ich würde ihnen gerne ein paar Fragen stellen."          
            Matt nickte ihr der Mann zu.   
"Bitte schildern sie doch kurz, was an dem Abend geschehen ist." 
      "Zwei dieser scheiß Zombies kamen rein und haben Herrn Roshtawa mit Maschinenpistolen bedroht. Dann haben die ihn zusammen geschlagen. Keiner von uns hat sich getraut einzugreifen. Also blieb jeder wo er war anstatt das einzig vernünftige zu tun und wegzurennen. Die Kerle haben dann einen Brandsatz geworfen und die Tür hinter sich verrammelt."           
            Er schluckte, als er sich an den schrecklichen Augenblick erinnerte. Eine Träne rann ihm einsam aus dem rechten Auge. Nachdem er sich davon vergewissert hatte, dass er nicht mehr in der brennenden Dönerbude, sondern in Sicherheit war, fuhr er fort.   "Wir haben versucht die Tür aufzubrechen, aber wir schafften es nicht. Alles stand schon in Flammen, als die Feuerwehr auftauchte und mit einer Axt die Eingangstür einschlug."      
            Nun begann der Mann zu schluchzen und Zitterte am ganzen Körper. Ein Blick auf den Herzmonitor verriet, dass sich sein Puls deutlich beschleunigt hatte. Die Aufregung war sicherlich nicht gut für ihn, aber was sein musste, musste nun eben mal sein. Lightning sah ihn mitfühlend an.      
            "Ich weiß, dass es schwer für sie sein muss, darüber zu sprechen. Wir sind gleich fertig und lassen sie wieder in Ruhe."
           "Ach, es geht schon. Ich will, dass sie diese Schweine finden. Was wollen sie noch wissen?" 
            "War einer der Gangster zufällig blond?"        
Herr Somuncu stockte kurz und dachte nach. "Ja, sie haben recht. Einer war tatsächlich blond. Es fiel mir auf, weil die Zombies sich normalerweise immer die Haare schwarz färben."   
            Lightning warf Iron einen kurzen Blick über ihre Schulter zu. 'Volltreffer!'       
            "Wissen sie worüber sie sich mit ihrem Boss gestritten haben? Ging es zufällig um Schutzgelderpressung?"         
            "Nein, überhaupt nicht. Herr Roshtawa hat immer pünktlich gezahlt. Er ist nicht dumm. Der Blonde hat ihn beschuldigt einen seiner Freunde auf dem Gewissen zu haben."  
            "Hätte er denn dafür ein Motiv?"         
"Sie kennen meinen Chef nicht. Die Anschuldigung macht einfach keinen Sin. Er ist 50 und wiegt über 140 Kilo. Wie hätte er denn einen von denen umbringen sollen? Abgesehen davon, war er froh seine Ruhe zu haben."     
            Es war offensichtlich, dass der Mann nicht mehr wusste.
"Vielen Dank, für ihre Hilfe, Herr Somuncu."   
            Als sich die Magierin umdrehen wollte, griff er mit einer Hand schwach nach ihrer und hielt sie zurück. Sie sah ihn irritiert an und er ließ sie wieder los, während er langsam wieder einschlief und zum Abschied "Bringen sie sie um! Bringen sie sie alle um!" flüsterte. 
            Lightning verspürte, wie ihr augenblicklich eine unangenehme Gänsehaut auf den Armen wuchs und es eiskalt den Buckel herunter lief. Hendrik hatte nicht verstanden, was das Opfer gesagt hatte. Daher sah er sie neugierig an.  
            "Alles in Ordnung, Kleine?"     
"Ach nichts. Lass uns weiter gehen! Hier riecht es nach Tod."
***
            Nacheinander interviewten wir noch die anderen Opfer, die auf der Intensivstation mit ihren Verbrennungen behandelt wurden. Ihre Geschichten deckten sich weitgehend mit der des Angestellten, konnten aber nichts neues hinzufügen. Nur zu gerne hätten wir auch mit dem Besitzer des Ladens gesprochen, aber der lag nach wie vor im Koma. Aus dem bekamen wir die nächste Zeit keine Informationen heraus.       
            Immerhin wussten wir nun mehr als vor unserem Besuch. Anscheinend war Blondie eine größere Nummer bei den Holsten Zombies, als wir zunächst angenommen hatten. Bei wenigstens zwei Anschlägen war er anwesend gewesen und ich war mir sicher, dass das auch für die anderen galt. Vielleicht war er ja sogar die Nummer Zwei in der Gang. 
            Also gaben wir unsere Schutzkleidung wieder ab und trafen uns mit den anderen vor dem Hotel Istor. Mein Cousin Cone war ebenfalls nicht untätig geblieben und hatte in unserer Abwesenheit mit einem alten Bekannten telefoniert - dem Hauptkommissar Marten, der bei der HanSec in Eimsbüttel die Einsätze koordinierte.
           "Soweit die Polizei ermitteln konnte, haben die Zombies das Kriegsbeil ausgegraben, weil dieser Dönerbudenbesitzer etwas mit dem Tod eines ihrer Mitglieder zu tun haben soll. Anhand von Kamerafeeds, aus der abgebrannten Hütte von diesem Roshtawa, konnte er mir sagen um wen es sich bei Blondie handelt. Er heißt mit bürgerlichem Namen Boris Tsurikov, hört aber nur auf seinen Straßennamen Warg."  
            "Sehr interessant. Ich würde sagen, dass wir uns morgen diesen Warg vorknöpfen, wenn er die armen Leute wieder um ihr Geld erleichtern will und.."  
            Plötzlich hob Sunetra eine Hand und gebot mir ruhig zu sein. "Wart mal! Onkel Herb ruft an. Ich leg euch mit auf die Leitung." 
            Sie betätigte einige Knöpfe auf ihrem Komlink und nach einem kurzen Rauschen erschien Herbs Bild im Videofenster. Er blickte ungewohnt finster drein.          
            "Herb-San, was gibt es denn?"
"Ich hab gerade erfahren, dass acht oder neun Zombies auf dem Weg zu Wu's Wok-Imperium sind und es abfackeln wollen. Frau Schiller wünscht, dass sie umgehend zur Hafenkante fahren und verhindern, dass es noch mehr Opfer gibt!"
***
            In der Nähe des Elbufers zeigte Altona ein etwas anderes Gesicht. Zwar wirkte es nie wie eine exklusive Gegend, doch merkte man direkt, dass hier die etwas besser gestellten Leute Quartier bezogen hatten. Das Ufer selbst war von Lokalen, Nachtclubs und kleinen Geschäften gesäumt. Ganz am Ende der Hafenpromenade, wo das Einflussgebiet der Zombies begann, befand sich das asiatische Restaurant.          
            Die Fassaden waren gut in Schuss, der Boden war mit Kopfsteinpflaster versehen, in regelmäßigen Abständen standen junge Bäume, die in einigen Jahren zu prächtigen Exemplaren heranwachsen würden, und im Hintergrund schwamm auf der Elbe ein Flohmarkt auf den dafür vorgesehenen Pontons. Es sah regelrecht hübsch aus. - Irgendwie spürte ich, dass es nicht so bleiben würde.
            "Da hinten kommen sie schon!", rief Largo und zeigte auf einen kleinen Fußweg, der zwischen einer Reihe Bäume aus dem Wohnviertel zur Hafenkante führte. Die Gäste, die draußen saßen, hatten bei ihrem Anblick sofort das Weite gesucht. Der Zwerg suchte sich den erstbesten Parkplatz und hielt den Wagen an. Zum Glück waren wir bereits in voller Montur. Nun hätten wir definitiv keine Zeit mehr gehabt uns auszurüsten.     
            Sofort stiegen wir aus und marschierten auf die neun Gangmitglieder zu. Da wir in der Öffentlichkeit waren, mussten wir möglichst leise vorgehen. Ich hoffte, dass wir sie überreden oder wenigstens einschüchtern konnten. Wenn es zum Kampf kommen sollte, mussten wir schnell sein, denn, es gab auf dem offenen Platz keine Möglichkeit in Deckung zu gehen.    
            Gerade als die ersten Untoten die Tür zum Restaurant öffnen wollten, rief Alyssa: "Hey! Wartet kurz!"  
            Sofort formierten sich die Gangster neu und stellten sich in einem Halbkreis vor uns auf. Zwei von ihnen - ich vermutete, dass sie ihre Anführer waren - kamen auf uns zu. Der Rechte hatte eine Narbe auf der Stirn, die von einer schlecht versorgten Wunde herrührte. Man konnte sie sogar durch die dicke Schicht weißer Schminke sofort erkennen. Er raunte dem anderen Zombie etwas zu, das klang wie: 'Was wollen denn die Lebenden hier?'          
            Als wir uns gegenüber standen, stemmte der linke Gangster die Fäuste in die Hüften. Beide hatten einen seltsamen Glanz in den Augen. "Verpisst euch, wenn euch euer Leben lieb ist!"     
            Die Magierin hatte so eine Ansage schon erwartet.     
"Immer locker durch die Hose atmen. Wir wollen das selbe wie ihr - nur mit etwas weniger Blutvergießen."             
            Irritiert sahen sich die zwei Kerle aus den Augenwinkeln an. Scheinbar wussten sie nicht, was sie von dieser Aussage halten sollten. "Ich kenne euch nicht. Wir haben keine Geschäfte mit euch am Laufen. Warum also solltet ihr euch für das Schlitzauge interessieren?"       
            Sunetras Mandelaugen verengten sich, aber sie verharrte in stoischer Ruhe. Ich sah dem Zombie an, dass er versuchte sie zu provozieren, denn er behielt die Elfe die ganze Zeit über im Blick.    "Wir wissen, dass ihr euren Freund rächen wollt und wir haben die Absicht herauszufinden wer der Schuldige ist. Dann könnt ihr die Sache in aller Ruhe erledigen, ohne dass ihr eine Feuerschneise durch Altona schlagen müsst."
            Was der Kerl von Alyssas Vorschlag hielt, machte er deutlich, indem er ein Messer mit gezackter Schneide aus einer versteckten Scheide in seiner Jacke zog und damit vor ihr herumfuchtelte. "Ich sage es zum letzten Mal! Verpisst euch!"           
            Na schön. Wenn es im Guten nicht ging, musste ich halt härtere Geschütze auffahren. Cone hatte uns erzählt, dass die Zombies nur Stärke respektieren. Also versuchte ich es mit Einschüchtern und zog meine Colt Government aus dem Tarnholster.            
            "Kannst du mir mal erklären, warum du mit einem popligen Messer zu einer Schießerei kommst?"        
            Beim Anblick meiner schweren Pistole lächelte der Kerl irre und zwei seiner Kameraden hinter ihm zogen ihre Mäntel etwas beiseite, sodass wir ihre Maschinenpistolen sehen konnten. Mist. Ich musste nun hoch pokern, um die Situation vielleicht noch zu retten.            "Glaub mir, Jungchen, ihr habt keine Chance gegen Profis. Zieh deine Black Metal Pandas zurück und versteck dich wieder in dem Loch aus dem du gekrochen kamst!"      
            Zuerst lupfte der Untote nur eine Augenbraue, doch dann grinste er und lachte leise zwischen den zusammengebissenen Zahnreihen hindurch. Mit der Reaktion hatte ich nicht gerechnet. Cone, der hinter mir stand, räusperte sich etwas.  
            "Ähm, Hendrik, es gibt da etwas, das du wissen solltest."
Warum nur hatte ich geahnt, dass es da noch etwas gab!?    
            "Und das wäre?"         
"Die Holsten Zombies nehmen vor ihren Einsätzen immer halluzinogene Drogen, um sich aufzuputschen und gewaltbereiter zu machen. Manche von ihnen verfallen daher auch hin und wieder in einen regelrechten Blutrausch."       
            "Und das fällt dir JETZT ein?"  
Er zuckte unschuldig mit den Achseln. "Öhm, sorry!" 
            Nun hob der Anführer der Sterbehilfeortsgruppe eine Hand, mit der er nacheinander auf jeden einzelnen von uns zeigte. "Killt die Hauer! Die Weiber nehmen wir mit. Und den Zwerg könnt ihr verbrennen."
            Die nächsten knapp zwanzig Sekunden gestalteten sich äußerst chaotisch, aber ich versuche mal ein wenig Ordnung in das Durcheinander zu bringen.   
            Dass wir so nah bei dem Gegner standen und über die besseren Reflexe verfügten, stellte sich als fataler Nachteil für die Zombies heraus. Bevor auch nur einer von ihnen seine Waffe zücken könnte, hatte Largo seine Schrotpistole, eine Remington Roomsweeper, in seine Patschehände gezaubert.        
            "EXTERMINATE!", rief er aus vollem Hals und eröffnete den tödlichen Reigen, indem er einem der Kerle, die mit Maschinenpistolen ausgerüstet waren, eine Salve vor den Pelz brannte. Er versuchte noch auszuweichen, aber wie heißt es doch so schön: Tote schlurfen ziemlich langsam!         
            Sein Bauch platzte auf und im Fallen ergossen sich seine Eingeweide auf das Kopfsteinpflaster. Zum Glück blieb er darauf liegen und verhinderte so, dass einer auf der glitschigen Masse hätte ausrutschen können. Wer weiß was dabei alles hätte passieren können? Schrecklich!    
            Sunetra verpasste dem anderen MP-Schützen einen Betäubungsbolzen aus ihrer Handfläche. Das Geschoss traf seine Hüfte und er verlor das Gleichgewicht. Kraftlos kippte er nach vorne, ohne dass er seinen Fall hätte bremsen können. Falls er das überlebte, würde er höllische Kopfschmerzen haben.         
            Synchron zu Sunetra griff ich die rechte Hand des Anführers an und feuerte meine Colt zweimal auf ihn ab. Mit schmerzverzerrtem Gesicht stolperte er nach hinten, konnte sich aber auf den Beinen halten.      
            Während Lightning einen dritten Schützen, der nun seine Maschinenpistole zog, mit ihrem Levitationszauber in die Elbe stieß, war in der Hand des Anführers plötzlich eine Granate aufgetaucht die er hoch hielt.
            Cone musste sie übersehen haben, denn mein Cousin stürmte wie ein Berserker auf den Kerl zu. Bevor ich ihn warnen konnte, hatte er den Zombie erreicht und stach mit seinem Messer nach ihm. Er verfehlte ihn, aber mit Grausen hörte ich ein mehrfaches metallisches Klopfen, als die Granate auf den Steinboden fiel. Ob sie noch gesichert war?        
            Einer der Zombies, der hinter dem Anführer stand, war seinem Boss zu Hilfe geeilt, doch als er die fallende Granate sah, tanzte Panik durch seinen drogenvernebelten Blick und er rannte einfach weiter, bis er sich auf Largos Roomsweeper stürzte. Wie ein Irrer klammerte er sich an den Lauf der Waffe und zerrte daran.
            Zwei weitere Zombies, die ebenfalls die Granate gesehen hatten, retteten sich zum Restaurant hinter ihnen, während die beiden letzten sich meiner einer als Ziel ausgesucht hatten und in vollem Tempo auf mich zu kamen.       
            Ich weiß nicht, was Largo in dem Moment genau gedacht hatte, aber er freute sich sicher über die billige Zielübung, als der Untote ihm vor dem Lauf herumtanzte. Er schüttelte den Kopf, als er den Abzug betätigte, damit zig Schrotpartikel das Gesicht des Gangsters in eine einzige blutrote breiige Masse verwandeln konnten.   
            Noch bevor sein Körper auf dem Boden aufschlug, ging der Brandsatz der Granate hoch, die zwischen Cones Füßen rollte, und warf einen Flammenteppich, der sich von chemischen Verbindungen beschleunigt rasch ausbreitete. Mein Cousin schrie mehr vor Überraschung denn Schmerzen laut auf.    
            Instinktiv wichen wir anderen rückwärts zurück, behielten dabei aber unsere Ziele im Blick. Zu dritt griffen Largo, Sunetra und ich die zwei Gegner an, die auf mich zu hielten. Meine Pistole fand den Schädel des Ersten und gab ihm die Letzte Ölung. Ein Betäubungsbolzen der Elfe ließ Nummer Zwei in den Feuerstoß der Roomsweeper straucheln. Von der Wucht des Treffers wurde er herumgerissen und fiel blutüberströmt über die Hafenkante in die Elbe.      
            Jaulend nahm der nun in Flammen stehende Oberzombie die Beine in die Hand und sprang freiwillig in den Fluss, was Lightning auf eine Idee brachte. Sie konzentrierte sich einen Moment lang auf den Ork und schob ihn dann mittel Levitation ebenfalls ins kühle Nass. Cone wusste zunächst nicht, wie ihm geschah, aber er hatte sich schon wieder gefangen, als sein Kopf die Wasseroberfläche durchbrach. Er spuckte einen Schwall dreckiges Flusswasser aus und schwamm, gegen das Gewicht seiner Kleidung ankämpfend, zur nächstgelegenen Leiter. Keuchend kletterte er dort wieder an Land und blieb auf dem Rücken liegen.
            Inzwischen trennte uns ein Flammenmeer von etwa acht Meter Durchmesser von den Zombies, die am Restaurant Zuflucht gesucht hatten. Ich hatte Schwierigkeiten zu erkennen, was dort vor sich ging, aber es sah aus, als würden sie ihrem verletzten Anführer hoch helfen.    
            War nicht noch einer im Wasser gewesen?      
Unvermittelt zog Sunetra, die neben mir an der Hafenkante stand, ihr Monofilamentkatana und hielt es dem Zombie an den Hals, der gerade die Leiter hoch klettern wollte. Er sah mit seine verlaufenen Schminke regelrecht zerrupft aus. Müde sah er von der Katana-spitze zu der Elfe auf.            
            "Konfuzius sagt: Wenn du die MP los lässt, schwimmt es sich gleich viel leichter."     
            Frustriert seufzte er und ließ seine Waffe ins Wasser gleiten. Dann kam er ebenfalls hoch, wo ihn Largo mit einem Kolbenschlag ins Reich der Träume schickte und Alyssa das Fesseln mit Kabelbinder übernahm.           
            Ich half Cone wieder auf die Beine, die er sich bis zum Knie verbrannt hatte. Seine Kampfstiefel und die Hose hatte einen Teil des Brandsatzes abgefangen, aber er hatte dennoch schlimme Brandwunden davon getragen. Er konnte von Glück reden, dass es kein Sprengsatz war. Dann wäre das seine beste Gelegenheit geworden in Cyberimplantate zu investieren.    
            Sunetra stützte den Grillork, damit ich unser Zombiepäckchen in den Kofferraum des Toyota stopfen konnte.
            "Beeil dich!", rief der Rigger, der bereits am Steuer saß und sich einloggte. Ich schlug den Kofferraumdeckel zu und flitzte zur Beifahrertür. Kaum, dass ich saß, trat der Zwerg das Gaspedal durch - und keine Sekunde zu früh.      
            Obwohl das gesamte Gefecht nur so kurz gedauert hatte, konnten wir bereits die Sirenen der Einsatzkräfte in der Ferne hören. Wir fuhren zum Ausgang der Hafenpromenade, vorbei an einer baumbestandenen Allee, aus der unvermittelt ein Wagen der HanSec mit eingeschaltetem Blaulicht kam. Sie hatten ebenfalls nicht mit uns gerechnet, weswegen sie eine Vollbremsung hinlegen und umdrehen mussten, um an uns dranbleiben zu können.           
            "DREK!"          
"Ich seh es, Spruchschleuder. Haltet euch fest!"        
            Von den Rufen meiner Kameraden aufmerksam gemacht, löste ich meinen Blick von dem Einsatzwagen hinter uns und drehte mich auf dem Beifahrersitz wieder nach vorne um. Meine Nackenhaare richteten sich unvermittelt auf. Zwei weitere Polizeiwagen kamen auf uns zu und bereiteten sich darauf vor eine Straßensperre zu errichten.    
            In sprichwörtlich allerletzter Sekunde rauschte der Toyota zwischen den Motorhauben der Autos hindurch, bevor sich die Lücke schloss. Der Wagen, der uns verfolgt hatte, wäre fast mit den anderen beiden zusammen gekracht. Derart verkeilt brauchten sie einige Zeit, um wieder auf Verfolgungskurs zu gehen. Doch bis sie soweit waren, hatten wir uns bereits durch einige enge Gassen geschlagen und auf der Hauptstraße in den dichten Berufsverkehr eingefädelt.        
            Als wir auch nach einer Viertelstunde immer noch kein Blaulicht entdecken konnten, konnten wir sicher sein, dass wir sie abgeschüttelt hatten.     
            Na das war gerade noch mal gut gegangen.
***
            "Wäre das nicht etwas unauffälliger gegangen? Die Nachrichten sind voll von ihrer Aktion am Elbufer."    
Onkel Herb war vom Ergebnis unserer kleinen Rettungsmission ziemlich ungehalten, als wir ihn über Komlink anfunkten.         
            "Was hätten wir denn machen sollen? Die Kerle waren mit Drogen vollgepumpt und auf Krawall gebürstet. Wir haben's im Guten mit ihnen versucht, aber es hat nichts geholfen. Die wollten mit aller Gewalt Stress haben."
            Herb sah immer noch verstimmt aus, sah aber ein, dass mit den Holsten Zombies kein Kaffeekränzchen mit Therapiesitzung drin war. "Naja, den haben sie ja auch bekommen. Wenigstens haben sie das Restaurant retten können. Nur wird sich Frau Schiller damit nicht brüsten können."        
            "Das wäre in der Tat sehr unklug. - Herb, ich verstehe ja ihre Situation, aber das beste wäre zu akzeptieren, dass sie es hier nicht mit vernunftbegabten Menschen zu tun haben."  
            Er nickte zustimmend.
"Wenigstens sind sie alle da wieder heil heraus gekommen."  
            "Nun ja... nicht ganz." 
"Was ist denn passiert?"         
            Nun schaltete sich unser Zwerg in die Unterhaltung ein.
"Cone wurde von einer Brandgranate verletzt. Er hat Verbrennungen zweiten und dritten Grades an den Beinen. Ich hab seine Wunden fürs Erste versorgt und ihm ein Schmerzmittel gegeben, aber ich weiß nicht welche Chemikalien in dem Brandsatz waren. Außerdem kamen die Wunden mit der gesundheits-förderlichen Elbkloake in Kontakt. Wenn er nicht bald professionell behandelt wird, rechne ich fest mit einem septischen Schock. Um ehrlich zu sein, glaube ich, dass er sogar schon leicht erhöhte Temperatur hat."
            "Sie haben Doktor Largo gehört. Kennen sie vielleicht einen Straßenquacksalber in der Nähe, der sich um Cone kümmern kann?"      
            "Hmmm, ich glaube ich hab da in der Tat einen Kontakt für sie. Ich suche ihn raus und schicke ihnen dann eine Textnachricht zu."    
            "Danke. Der Rest von uns baldowert in der Zwischenzeit einen Plan aus, wie wir diesen Bandenkrieg wieder in den Griff bekommen und melden uns dann wieder bei ihnen."
            Herb nickte zufrieden. "Gut. Machen sie das! Aber bitte versuchen sie es trotz allem etwas diskreter zu erledigen."
            Kaum hatte er seinen Satz beendet, legte er auf und sein Bild im Videofenster verschwand, wie es erschienen war, mit einem kurzen statischen Rauschen. Ich atmete tief durch und warf einen letzten prüfenden Blick auf das Nummernschild am Heck des Toyota, das ich ausgetauscht hatte, nachdem wir ein abgeschiedenes Plätzchen in einem Industrieviertel von Altona gefunden hatten. Wir waren uns zwar ziemlich sicher, dass unsere Flucht zu schnell gegangen war, als dass sich die Bullen unser Kennzeichen hatten merken können, aber man weiß ja nie. Sicherheitshalber hatte Largo auch den RFID-Marker [Radiofrequenzidentifikationsmarker] gewechselt.
       "Ein Glück hab ich für solche Fälle immer ein Paar Wechselschilder dabei. Wenn das häufiger passieren sollte, wäre es klug in eine adaptive Tarnung für das Wild-Cards-Mobil zu investieren."   
            Ich schnaubte ein sarkastisches Lachen: "Ja, sobald wir an die Hardware ran kommen und uns das überhaupt leisten können. Aber dann mach ich nie wieder Urlaub mit euch. - Gute Fahrt, Chummer. Bring mir den groben Klotz wieder in einem Stück zurück!"
            Largo zwinkerte mir verschmitzt zu. Dann stießen wir zum Abschied die Fäuste zusammen und der Zwerg verschwand mit meinem Cousin, der auf der Rückbank lag. Ich drehte mich zu der verlassenen Flaschenabfüllfabrik hinter mir um. 'Bronte Softdrinks' stand in von der Sonne und dem sauren Regen ausgeblichenen Lettern an der Front des halb verfallenenen Gebäudes. Jugendliche hatten mit Steinen zig Fenster in den oberen Etagen eingeworfen. Die im Erdgeschoss waren alle zugenagelt worden, als die Fabrik schließen musste. Dem Zustand der Fassade nach zu urteilen musste das schon Jahrzehnte her sein, aber bei dem Hamburger Smog, den man an guten Tagen in Würfel schneiden kann und den giftigen Abwässern konnte das genauso gut erst letzten Monat gewesen sein.           
            Erneut atmete ich tief durch. Es war an der Zeit sich dringenderen Angelegenheiten zu widmen. Ob die Mädels schon etwas aus unserem Päckchen herausbekommen hatten?
***
            Diffuses Licht fiel in dicken Strahlen durch die Dachfenster der Fabrik. Millionen kleinster Staubpartikel wurden sichtbar, als sie durch die Strahlen wirbelten. Hier und da gewährten sie den Blick auf mit Planen zugedeckte Maschinen, auf Förderbänder, auf denen sich einst tausende von Flaschen versammelt hatten, um mit gesüßten Getränken befüllt zu werden. Von der Decke hingen Fetzen alter Spinnweben herab, die ehemalige Nester umgaben. Sie waren zu groß. um von normalen Hausspinnen gewoben worden zu sein.
            'Wer weiß, was für Viecher hier ihr Lager aufgeschlagen haben.', überlegte sich Alyssa und schauderte ein wenig bei dem Gedanken an Critter mit acht und mehr Beinen, die in irgendwelchen dunklen Winkeln auf unachtsame Besucher lauerten.  Es klatschte feucht, als Sunetra dem bewusstlosen Gangmitglied auf die Backe schlug. Seine langen schwarzen Haare hingen ihm im Gesicht, immer noch nass von seinem Ausflug in die Elbe. Das Makeup war total verschmiert. Die vormals schwarzen Striche, die ihn als Teil der Holsten Zombies ausgewiesen hatten, zogen bizarre Schlieren und verliefen sich an seinem Hals.     
            "Nichts. Er kommt einfach nicht zu sich."        
"Ich nehm dem kleinen Scheißer die ohnmächtige Diva nicht ab. Mach mal Platz, Spitzohr! Ich hab ein probates Mittel, das müde Geister munter macht."
            Die Elfe entfernte sich von dem am Boden liegenden Mann und die menschliche Magierin trat an ihre Stelle. Einen Moment lang beobachtete sie sein Gesicht, setzte dann ihren Stiefel auf sein Gemächt und erhöhte ruckartig den Druck. Sofort schrie der Zombie auf und versuchte sich von ihr wegzubewegen, aber er lag in einer Ecke, mit dem Rücken zur Wand und konnte nirgendwo hin.
            "FICKT EUCH!", plärrte er schmerzerfüllt, was Lightning dazu brachte noch etwas fester zuzudrücken. Als sie der Meinung war, dass er genug hatte, stellte sie ihren Fuß wieder auf den Boden. Von ihrem Stiefel befreit, funkelte der Zombie sie böse an und gab ein kehliges Knurren von sich.         
            "Na, endlich wieder unter den Lebenden?!", verhöhnte Alyssa den Mann, worauf er sofort zurück bellte. "Schnauze, Schlampe!" 
            Alyssa seufzte betont genervt und trat ihm in die Weichteile. Seine Reaktion zauberte der Magierin ein schmales Lächeln auf das Gesicht. Eine Kanonade von jammervollen Klagelauten und Flüchen erfüllte die Fabrikhalle, während er unkontrolliert um sich trat. Sunetra entschied, dass es an der Zeit war, ihm auf den Zahn zu fühlen. Um ihre Worte zu verdeutlichen, zog sie quälend langsam ihr Katana aus dem Saya auf ihrem Rücken.
            "Wir wollen nur ein ganz vernünftiges Gespräch mit dir führen, aber wenn du dich nicht gibst, hört sie auf zu treten und ich fange an zu schneiden." 
            Angsterfüllt blickte der Mann die Elfe an. Doch mehr als ihr Schwert, bereitete ihm ihr besorgt klingender Tonfall und die Traurigkeit in ihrem Blick Unbehagen. Also nickte er demütig, damit sie endlich ihre Fragen stellen konnten.            
            "Was wolltet ihr an der Hafenkante wirklich?" 
"Wir wollten den Wichser erledigen, der unseren Kumpel vergiftet hat."         
            "Sei so gut, und geh bitte ins Detail. Sonst fange ich an mich zu langweilen."
            "Vor einer Woche brach er mit seltsamen Schmerzen in unserem Hauptquartier tot zusammen. Wir haben ihn in ein Krankenhaus gebracht, aber es war alles zu spät. Dort hat der Pathologe festgestellt, dass er vergiftet worden war." 
            "Ein Gift? Was war es genau?"
"Keine Ahnung."         
            Lightning nahm seine Unkenntnis zum Anlass wieder ihren Stiefel in die Diskussion zu integrieren.     
            "Pfeifen sie dieses kranke Miststück zurück! Ich weiß es wirklich nicht - nur, dass es hoch toxisch war und von einer Pflanze stammen sollte. Wir haben uns direkt gedacht, dass er es mit seinem Essen verabreicht bekommen hat und haben alle seine Stammlokale abgeklappert."  
            "Und ihr kamt nicht auf die Idee erst einmal herauszufinden wer es gewesen sein könnte?"         
            "Mit so einer schwulen Bullenscheiße halten wir uns nicht auf. Wenn wir alle umbringen, erwischen wir auf jeden Fall auch den Richtigen."      
            Plötzlich fiel ein großer Schatten auf ihn. Der Zombie wandte den Blick in die Richtung des Neuankömmlings, aber das Licht schien von der Decke in dessen Rücken.                  "Wie wir euch geistigen Pantoffeltierchen schon vor dem Restaurant versucht haben zu sagen, haben wir das selbe Ziel."
            Er blinzelte, bekam aber kein besseres Bild von dem Kerl. Von der Größe her musste es sich um einen der Hauer handeln.
       "Verpiss dich! Niemand mischt sich in die Angelegenheiten der Zombies ein!"        
            Der Ork kniete sich nun nieder, sodass der Untote ihn erkennen konnte, und sah ihm direkt in die Augen.    
            "Halt's Maul und hör zu! Das sag ich dir nur einmal: Wir haben ein Angebot, das ihr nicht ablehnen solltet. Wir finden den Kerl, der euren Kumpel umgebracht hat und ihr haltet die Füße still! Sag Warg, dass wir uns mit ihm morgen Abend um acht Uhr in dieser Halle treffen wollen!"           
            "Nichts werde ich machen..."  
Eine Pranke schoss hervor, umklammerte seinen Hals und nagelte den Zombie einen halben Meter höher an die Wand. Der Griff war unbarmherzig und verhieß einen qualvollen Tod.   
            "Oh, du wirst deinem Boss diese Nachricht überbringen. Denn wenn du es nicht tust, wird das, was Warg mit dir anstellen wird, weil du dich hast gefangen nehmen lassen, wie ein Streichelzoo gegen das wirken, was WIR dir antun werden."  
            Angst kroch in seine Glieder und seine Unterlippe fing an zu zittern. Ohne eine weitere Reaktion abzuwarten, hievte der Ork ihn über die Schulter und ging zum Eingangstor. Dort stellte er ihn ab und durchschnitt seine Fesseln. Kaum hatte der Zombie die Hände wieder frei, rannte er wie von der Tarantel gestochen weg. Weg von diesen Irren Leuten.   
            "Und wie geht es jetzt weiter?", wollte die Elfe wissen, die ihr Katana wieder zurück in die Scheide schob.
            "Hm, mir kommt da ein Gedanke.", murmelte Hendrik geistesabwesend, mit einem seltsam entrückten Lächeln im Gesicht. Er nahm sein Komlink zur Hand und wählte eine Nummer.    
            "Largo? Hi! Ihr seid in der Klinik? Super! Ey, sag mal, ist eigentlich mittlerweile mal die Wolfsspinne eingetroffen, die du vor ein paar Wochen bei deinem Hehler bestellt hast?"        
            Mehr musste der ehemalige Agent nicht sagen, um auch seine Kameradinnen lächeln zu lassen.

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