Dienstag, 26. März 2013

Das Gesetz der Straße



Kapitel 3 - Auf der Suche nach dem Einarmigen Banditen 
 
           Übellaunig brachte Boris Tsurikov seinen amateurhaft schwarzlackierten, mit Rostflecken übersäten VW Lupus vor der alten Flaschenabfüllfabrik zum Stehen. Er war in der besten Laune, um ein paar Hälse zu schneiden. Seit einiger Zeit lief es nicht besonders gut für die Holsten Zombies und er war mehr als willens das wieder zu ändern. Nachdem sein bester Freund mit einem Gift umgebracht worden war, suchte er nach dem Schwein, das ihm das angetan hatte. Boris fühlte, dass sie kurz davor standen ihr Ziel zu erreichen, aber dummerweise versuchten einige Hohlköpfe ihnen einen Strich durch die Rechnung zu machen. Dafür, das schwor er sich, würden diese Mistfliegen leiden.            
            Zu seinem Wagen gesellten sich noch drei Vans, die ebenfalls mit Schwarz überlackiert worden waren und zwei ramponierte Motorräder. Zweiunddreißig bewaffnete Mitglieder seiner Gang stiegen aus den Transportern. An der Hafenkante hatten diese Pisser seinen Jungs übel mitgespielt, aber gegen diese Übermacht würden auch sie nichts ausrichten können - zumal alle derart mit Drogen vollgepumpt waren, dass sie Schmerzen nur am Rande wahrnehmen konnten.       
            Jeweils acht Mann umrundeten die Fabrik zu beiden Seiten, um die Ein- und Ausgänge zu checken. Während Boris mit drei Kameraden zu dem großen Frachttor ging, zog er seine Colt Manhunter und lud sie durch. Er fieberte schon dem Moment entgegen, wenn er sie einem dieser aufmüpfigen Scheißer in den Arsch stecken und abdrücken konnte.  Vielleicht sollte er lieber ihre Gehirne mit der Waffe aus dem Schädel dreschen oder sie mit einem Beil filetieren? Es gibt einfach so viele schöne Arten jemanden umzubringen, dass sich Boris nicht entscheiden konnte. Am besten er tötete jeden auf andere Art und Weise. Ja, der Gedanke gefiel ihm besser je mehr er darüber nachdachte.           
            Als sie um die Ecke des Gebäudes kamen, konnten sie das Schiebtor zur Gänze sehen. Irgendjemand hatte in das alte, vermutlich zugerostete Ding eine schmale Öffnung hineingeschnitten. Auf ein Handzeichen hin flitzten seine drei Kameraden vor, postierten sich links und rechts der improvisierten Tür und lugten hinein. Als sich dort nichts regte, betraten sie mit gezückten Waffen die Halle und Boris folgte ihnen. 
            Drinnen war es sehr staubig und unerwartet ruhig. Durch die Dachfenster schickte die Spätnachmittagsonne ein fahles Licht hinein und es dauerte einen Moment, bis er genauere Konturen ausmachen konnte. Von der linken Wand zogen sich zwei Förderbänder für Getränkeflaschen in Schlangenlinien durch den gesamten Raum, umrundeten mehrere bis zu drei Meter hohe von Planen bedeckte Maschinen, die zum Spülen und Befüllen der tausenden leeren Plastikflaschen dienten, die noch auf den Bändern standen oder daneben auf dem Boden lagen.  
            Hinter ihm, erklang das kratzende Geräusch von kleinen Steinchen unter Schuhen. Instinktiv wirbelte Boris um die eigene Achse und brachte die Manhunter in Anschlag, doch es war nur Zeke, der mit einigen anderen die Fabrik umrundet hatte.        
            "Alle Türen wurden zugeschweißt. Das hier ist der einzige Zugang."
            In Gedanken versunken ließ Boris seine Waffe im Holster verschwinden und sah sich noch etwas um. An der Innenseite des Tors lagen vereinzelt Werkzeuge, zerknülltes Papier und leere Getränkedosen herum. Sie waren also definitiv hier gewesen und hatten einen ganz speziellen Empfang für ihr Treffen am Abend geplant. Er hatte mal wieder den richtigen Riecher gehabt, als er den Treffpunkt vorab überprüfen wollte. Ein raubtierhaftes Lächeln schlich um seine Mundwinkel. Niemand überlistet den Instinkt von Boris, dem Warg, wie er auf der Straße genannt wurde.  
            "Wir haben die Beute aufgescheucht. Alle sollen sofort zu den Fahrzeugen zurück und die Gegend durchkämmen! Weit können die noch nicht gekommen sein."       
            Ohne auf weitere Anweisungen zu warten, rannte Zeke nach draußen und bellte einige Befehle. Kurz darauf hörte Warg wie Motoren gestartet wurden und sich entfernten. Zufrieden schritt Boris währenddessen den Frachtladebereich der Halle ab. Was seine Gegner wohl geplant hatten? Sicherlich eine Falle. Aber was exakt konnte er sich nicht ausmalen. Fasziniert sah er sich noch einmal nach der Öffnung im Schiebetor um. Mit chirurgischer Präzision waren die Schnitte durchgeführt worden. Spontan fragte er sich, welches Werkzeug hierzu zum Einsatz gekommen war. Das Material hatte enorm robust auf ihn gewirkt, als er Durchlass passiert hatte.
            "Hallo!"
Gerade wollte Warg die Tür aus der Nähe inspizieren, aber eine Stimme in seinem Rücken ließ ihn innehalten. 'Was zum Teufel!...' Vorsichtig wanderte seine rechte Hand wieder zu dem Holster unter seinem schwarzen Mantel zurück und er drehte sich langsam um.
           
"HALLO! - Ja, SIE!"       
Wollte ihn jemand zum Narren halten? Bedächtig setzte er einen Fuß vor den anderen, ließ den Kopf von einer Seite zur anderen wandern und versuchte herauszufinden aus welcher Richtung das Geräusch kam. Smegma und Vader hatten gesehen, dass ihr Boss seine Waffe gezogen hatte und kamen nun hinter den Maschinen hervor, die sie auf Feindaktivität untersucht hatten. Warg ließ die linke Hand hochschnellen, um ihnen mitzuteilen ruhig zu sein. Daraufhin näherten sie sich ihm auf Zehenspitzen und blickten blöde um sich, als wollten sie einen unsichtbaren Feind ausfindig machen.         
           
"HALLO-HO! Hier vorne! Ja, es wird wärmer!"     
Waren hier Kameras, die ihn beobachteten? Er konnte keine entdecken. Die Stimme war nun schon deutlich lauter geworden. Er blickte sich erneut um, aber obwohl sich seine Augen an die Lichtverhältnisse angepasst hatten, konnte er immer noch nicht sehen, wer oder was da zu ihm sprach. Frustriert schnaubte er seine Verärgerung aus. Langsam ging ihm die Sucherei auf den Zeiger.           
            "Ach komm, so schwer ist das doch nicht. Augen runter!"
Da! Ein Komlink lag auf einer der Kisten vor ihm. Mit zwei schnellen Schritten war er dort und hob das Gerät auf. Es war eine billige Marke, aber es sah so makellos aus, als wäre es eben erst von seiner Verpackung befreit worden. Für einen Moment wog er es in seiner Hand, dann streifte er sein eigenes Komlink ab und setzte das neue auf. Der Videobildschirm blieb leer. Der Kerl hielt sich wohl für besonders schlau, wenn er dachte, dass er auf diese Weise verhindern könnte, dass die Zombies herausfanden, wo er sich befand. Warg blickte Smegma an und tippte mit dem Zeigefinger auf das neue Komlink. Jeder Untote hatte seinen Straßennamen nicht ohne Grund und es gab gute, ekelerregend gute Gründe, warum Holger Smegma getauft worden war. Boris schüttelte den Kopf, um die Bilder wieder aus seinem Kopf zu vertreiben. Nichtsdestotrotz war Smegma der einzige Zombie, der sich ein klein wenig aufs Hacken verstand. Er registrierte die stumme Nachricht seines Bosses, öffnete umgehend eine virtuelle AR Konsole und machte sich an die Arbeit.          
            "Du hast fünfzehn Sekunden Zeit mir zu erklären, warum ich dir nicht den Kopf abreißen und in den Hals scheißen sollte!"
            "Wir haben das selbe Ziel. Sie wollen den Mörder ihres Freundes finden und wir wollen für Ruhe auf den Straßen sorgen. Naja, zumindest relative Ruhe, die das Abfackeln von Geschäften und Restaurants ausschließt. Darum wollen wir ihnen helfen, damit diese unselige Angelegenheit schnellstens aus der Welt geschafft wird." 
            "Interessant. Und warum ballerst du dann auf meine Jungs?"         
            "Man kann ihren Zombies so einiges attestieren, aber einen Intelligenzüberschuss sicher nicht. Die wollten erstens nicht zuhören und zweitens nicht erkennen, dass sie im Hintertreffen waren. Wir haben uns nur gewehrt."           
            "Wenn du so wirklich so gut bist, wie du glaubst, wirst du mir den Mörder bis morgen Abend liefern können."           
            "Klingt fair."    
"Und 50.000 Euro. Dann lass ich vielleicht deinen Kopf dort, wo er hingehört."      
            "Sagen sie mir lieber erst mal, wie ihr Kumpel hieß, damit ich weiß, wo ich anfangen muss zu suchen!"   
            "Am Osttor vom Millowitsch Friedhof hängt eine Plakette mit den Namen unserer gefallenen Kameraden."            
Mit einem heftigen Fuchteln gab Smegma seinem Boss zu verstehen, dass er das Komlink gehackt und die Position des Gegners herausgefunden hatte. Warg meckerte ein kurzes, trockenes Lachen.          
            "Ich rate dir, dich zu beeilen, denn zweihundert meiner Zombies sind dir auf den Fersen. Und wenn wir dich und deine Freunde vor morgen Abend finden, wirst du dir wünschen, niemals aus der Fotze deiner Mutter gekrochen zu sein."         
            "Ich will ihren Enthusiasmus ja nicht bremsen, aber wenn ich an der Hafenkante richtig mitgezählt hab, sind es nur noch 195 Zombies. Viel Erfolg also!", antworte die männliche Stimme in süffisantem Tonfall.
            Wutschnaubend riss Warg sich das Komlink vom Kopf, schleuderte es achtlos in eine Ecke und schrie in die Halle:   "HOLT SIE EUCH!"      

***
            Mit klapperndem Auspuff kam die Yamaha am Straßenrand zum Stehen. Zeke klappte den Ständer herunter und stieg ab. Smegma hatte sie hier hin gelotst. Nachdem der Gegner mehrere Minuten lang entlang der Route mit den alten Lebensmittel-verarbeitungsfabriken gefahren war, war er plötzlich an dieser Stelle stehen geblieben. Eigentlich hätte sich ihr Ziel hier, inmitten der Industrieviertel-Betonwüste, befinden müssen, aber der Wagen war nirgendwo zu sehen.  
            Dann sah der Ganger es aus einem Grasbüschel, das sich zwischen zwei Pflastersteinen hervor gezwängt hatte, herausragen. Fluchend schwang sich Zeke wieder auf den Sozius seiner Maschine, kickte den Ständer zurück und ließ die Reifen quietschen.           
            "Sie haben das Komlink aus dem Fenster geworfen. Schnell! Vielleicht kriegen wir sie noch.", rief er Slowmo zu, der auf dem zweiten Motorrad saß. Zeke preschte mit einem kleinen Vorsprung vor und sein Kamerad heizte ihm hinterher. Sie mussten ganz in der Nähe sein, das konnte er spüren. Wahrscheinlich waren sie immer noch auf der Herbert-Schwakowiak-Straße unterwegs und wollten zum nächsten Verteiler. Es galt sie abzufangen, bevor sie dorthin kamen. Erneut beschleunigte er das Tempo. Glücklicherweise war hier im Gegensatz zu den Hauptstraßen nicht allzu viel los. So konnten die Zombies mit Leichtigkeit um die einzelnen Autos herum manövrieren. Jedes mal, wenn sie das taten, warfen sie einen schnellen Blick in das Innere der Wagen. Meist handelte es sich um Arbeiter aus den umliegenden Fabriken, die noch in ihrer Arbeitskleidung hinterm Steuer saßen. Nicht, dass sie ihnen doch noch entwischt waren!       
            Dann beendete Zeke eine langgezogene Kurve und sah vor sich das letzte Stück vor dem Verteiler. Ein einziges Auto versuchte ebenfalls die Strecke hinter sich zu bringen: ein Toyota Coaster - und er beschleunigte merklich, als Zeke um die Ecke kam. Das mussten sie sein.           
            Slowmo hatte sie ebenfalls bemerkt und zog im Gegensatz zu dem, was sein Name verhieß, zügig an Zeke vorbei und verringerte rasch den Abstand zum Toyota. Als er noch etwa zwanzig Meter entfernt war, zog Slowmo seine Maschinenpistole und legte auf den feindlichen Wagen an. Doch bevor er abrücken konnte, wurde der Lenker seines Motorrads im Bruchteil einer Sekunde herumgerissen. Wie in einem alten Cartoon flog das Vehikel seitlich von der Straße, während Slowmo ungebremst von seiner Maschine flog. Unbeholfen ruderte er mit Armen und Beinen, um in der Luft einen Halt zu bekommen, doch es war zwecklos.
            Zeke schluckte einen bitteren Kloß herunter, als er mit ansehen musste, wie Slowmo sein Leben an einem Straßenschild beendete. Über das Komlink ertönte eben noch sein langgezogenes Schreien, das dann beim Aufprall gegen den metallenen 'Überholen verboten' Hinweis vom schmatzenden Krachen seines Genicks mit einer betäubenden Endgültigkeit beendet wurde.
            Was auch immer gerade geschehen war, Zeke wusste, dass es kein Unfall war. Ob vielleicht jemand im Wagen Magie gewirkt hatte? Verbissen, beschleunigte Zeke wieder und machte Meter wett. Der Toyota war nun nur noch etwa hundert Meter vom Verteiler entfernt. Vorher würde er sie haben. Um sein Profil etwas zu verringern, in der Hoffnung dadurch noch ein wenig schneller zu werden, kauerte er sich hinter dem Lenker zusammen und hielt ihn etwas fester im Griff als zuvor - sicher war sicher.    
            Als hätte er Scheuklappen vor den Augen gehabt, raste er dem Gegner hinterher. Daher dauerte es einen Moment bis der Ganger registierte, dass jemand neben ihm herfuhr. Wer auch immer sich unter dem Helm auf der Suzuki Mirage verbarg, starrte ihn durch das schwarze Visier an und schüttelte langsam den Kopf.            'Was zum Teufel?!...'       
Doch bevor er sich fragen konnte, was das Ganze sollte, zog die Suzuki vorbei und scherte vor ihm ein. Kaum, dass die Maschine über einen Kanaldeckel gerast war, wurde er, von einer Wassersäule getragen, hoch in die Luft geschleudert. Gerade so konnte Zeke dem nun entstandenen Loch in der Straße ausweichen. 
    'Magier.', formte sich die Erkenntnis in seinem Gehirn. Verflogen war all seine Wut, als er verzweifelt versuchte die Yamaha wieder unter Kontrolle zu bekommen. Zwei, dreimal schlitterte der Hinterreifen gefährlich in die entgegengesetzte Richtung, in die der vordere Reifen fuhr, doch am Ende fing er sie gekonnt ab. Irgendwo in der Ferne knallte der Kanaldeckel auf die Straße und veranlasste einen Autofahrer zu einem hektischen Ausweichmanöver, was ein Hupkonzert von den Fahrern dahinter nach sich zog.          
            Endlich konnte er die Verfolgung wieder aufnehmen. Inzwischen fuhren der Toyota und das Motorrad die Auffahrt zum Verteiler herauf, um sich im dichten Berufsverkehr zu verstecken. Verbissen beschleunigte Zeke wieder und konzentrierte sich auf seine Rache.        
            'Nicht mit mir, ihr Drekschweine!'        
Nun erreichte er ebenfalls die Auffahrt und sah, wie sich sein Gegner auf die erste der drei Spuren der Hamburger West-Ost-Achse begab. Erneut gab er Gas, doch nichts geschah. Irritiert zog er wieder am Gas, aber das Gegenteil passierte. Er wurde langsamer.         
            Verzweifelt blickte er an der Yamaha herab. Zuerst auf der linken Seite, dann auf der rechten. Etwas Glänzendes überzog den Auspuff und kroch die Maschine hinauf. Was war das? Panik nahm von seinem Verstand Besitz, als die Flüssigkeit binnen weniger Sekunden seinen Fuße erreicht, das Bein hinaufgeklettert und nun seinen Brustkorb umschlossen hatte. Verzweifelt versuchte Zeke mit einer Hand die Flüssigkeit abzureiben, aber sie bewegte sich beharrlich weiter auf seinen Hals zu. In einem verborgenen Winkel seines Verstands wurde Zeke bewusst, dass er auf den Verkehr achten sollte.           
            Er war nur noch wenige Dutzend Meter von der Schnellstraße entfernt, als sich die Flüssigkeit von seinem Körper entfernte, in der Luft auf einen Punkt konzentrierte und eine grauenerregende Fratze mit langen, klauenbewehrten Gliedmaßen verwandelte - nur um wieder auf ihn zuzustürmen. Instinktiv riss er beide Arme schützend vors Gesicht.        
            Noch bevor er mit einem Wagen auf der Schnellstraße kollidieren konnte, kam die Yamaha vom Kurs an, durchbrach die Seitenabsperrung und flog mitsamt ihrem Besitzer und dem Monster in einen Kanal mit brackigem Elbwasser.      
            Eine Fontäne aus rostbraunweißer Gischt spritzte Meterhoch und benetzte die umliegenden Häuser. Dann wurde es wieder ruhig. Weder Zekes Leiche, noch sein Motorrad konnten je gefunden werden.
***
            Auffällig grün durch die vielen Reihen alter Eichen, hob sich der uralte Millowitsch-Friedhof, dessen Außenmauern beinahe gotisch anmuteten, angenehm vom graugrauen Einheitsbrei der Betonwüste aus Plattenbauten und Sarghotels ab. Das bedeutete allerdings nicht, dass der Anblick dazu einlud dort die Nacht zu verbringen.
            Eine Suzuki Mirage hielt neben dem Toyota Coaster der Wild Cards. Sunetra nahm ihren Helm ab und blickte ihre Kameraden enttäuscht an. "Ich hasse es, wenn ein Plan nicht funktioniert."
    "Mach dir nichts draus. Immerhin hat uns dein Wasserelementar den Arsch gerettet." Alyssa klopfte der Elfe aufmunternd auf die Schulter, die nun zurück grinste.           
            "Was du mit dem Motorrad des ersten Typs angestellt hast, war auch nicht schlecht."      
            "Und ich hätte zu gerne Largos Kampfdrohne - diese Wolfsspinne - in Aktion gesehen.", brachte sich Cone ins Gespräch ein. Sofort wurde er von vier Leuten böse angefunkelt. "Was denn?!"    
            "Wenn du mal ein wenig mehr deinen Bierbauch eingezogen hättest, hätten uns die Zombies nicht entdeckt und wir hätten nicht vorzeitig abziehen müssen. Und auf der Flucht warst du auch nicht besonders hilfreich.", fauchte die menschliche Magierin den Ork an.
            "Ach ich Eumel! Warum hab ich bloß nicht mitten am Tag auf offener Straße das versteckte Geschütz vom Wild Card Mobil abgefeuert? Da muss ich mal ganz schwer nachdenken..."        
            Alyssas Augen funkelten plötzlich wie glühende Kohlebrocken und sie setzte zu einem ernsthaften Streit an. Doch bevor sie tief Luft holen und Cone weiter die Meinung geigen konnte, ging der zweite Ork der Truppe harsch dazwischen.    
            "Schluss jetzt! Es ist ja alles gut gegangen. Wir sollten uns beeilen, bevor diese unterbelichteten Vollpfosten doch noch auf die Idee kommen uns am Friedhof zu suchen."       
            Nach wenigen Metern waren sie am Osttor der letzten Ruhestätte angekommen und fanden dort die von Warg beschriebene Plakette vor, die an dem geschmiedeten Metall des Tors angebracht worden war. Es waren bereits über sechzig Namen eingraviert worden. Der Neuste stand ganz unten. Man konnte auf den ersten Blick sehen, dass die Gravur noch frisch war.          
            "Oswald - Onearm - Herb.", las Largo vor.     
"Super. Und was soll uns das jetzt helfen? Ich bin immer noch der Meinung, dass die Zombies von jemandem aufgehetzt wurden, der sich davon einen Vorteil bei der Wahl erhofft.", warf Lightning genervt ein.          
            Hendrik bedachte sie mit einem ebenso genervten Blick. Er hatte die ständigen Diskussionen mit ihr satt. "Jetzt halt mal für einen Moment die Backen! Cone, versuch mal diesen Kommissar Marten zu erreichen! Vielleicht steht ja im Autopsiebericht etwas nützliches für uns drin."  
            Der ehemalige Ganger nickte, öffnete die Kontaktliste in seinem Komlink und suchte die Nummer seiner Polizeibekanntschaft heraus. Mit einem sanften Druck des Daumens bestätigte er die Auswahl in einem kleinen AR-Monitor und die Verbindung wurde aufgebaut. Während die Wild Cards langsam zu ihren Fahrzeugen zurück schlenderten, tutete es mehrfach in der Leitung. Cone wollte schon wieder auflegen, als sein alter Kumpel abhob. Sein Gesicht lachte ihm im Videobildschirm entgegen.    
            "Hallo Cone. Hätte nicht gedacht so schnell wieder von dir zu hören. Bist du noch an der Gangsache dran?"           
            "Der Kandidat hat hundert Punkte. Wir haben herausgefunden, wie der getötete Zombie hieß, wegen dem die Pfeifen so Terror schieben."   
            "Na dann lass mal hören! Wir konnten ihn nämlich nicht identifizieren."      
            "Oswald Herb. Straßenname Onearm. Klingelt da was?"
Marten zog die Augenbrauen zusammen, als er angestrengt in seinem Gedächtnis kramte, doch von diesem Mann hatte er noch nie gehört. Also fragte Cone, was bei der Obduktion herausgekommen sei und wenige Tastendrücke später las ihm der Hauptkommissar aus dem Bericht vor.   
            "Es handelte sich um eine schwere Vergiftung. Das Toxin kann sehr leicht aus dem Milchsaft aus den Blüten und Blättern einer Frangipani Art gewonnen werden, die in Südchina und Kambodscha vorkommt. Das Gift wirkt sehr langsam, ist extrem schmerzhaft und garantiert tödlich. Da es geschmack- und geruchlos ist, kann man es leicht benutzen, um es mit dem Essen dem Körper zuzuführen. Und tatsächlich wurden hohe Dosen davon im Magen des Opfers gefunden."      
            Mit einem Seitenblick zu Alyssa hakte der Ork nach.
"Sag mal, kann es sein, dass es ein gezielter Anschlag war, um einen Bandenkrieg zu provozieren?"       
            "Nein!" Marten schüttelte heftig den Kopf, was das schüttere, graue Haar aber nicht aus seiner Ruhe brachte. "Die Tatsache, dass das Gift mindestens zwölf Stunden braucht, um sein Opfer zu töten, deutet in meinen Augen auf sehr persönliche Motive hin. Jemand hegte einen Groll gegen diesen Zombie."     
            Cone bedankte sich bei seinem Kontaktmann und legte auf. Anschließend berichtete er den anderen selbstzufrieden, was er in Erfahrung hatte bringen können. Doch anstatt gelobt zu werden, griff ihn dieses quengelige Gör wieder an.            
            "Und warum hast du Vollidiot den Mann nicht gefragt, WAS für ein Essen in seinem Magen gefunden wurde? DAS wäre deutlich hilfreicher gewesen."       
            Wieder einmal ging Cones Cousin dazwischen, bevor es eskalieren konnte. "Sperr deine Östrogene wieder in den Zwinger, bevor es dich umhaut, kleine Spruchschleuder! Kommt mit! Ich hab schon eine Idee, wer unser Mörder ist."
***
            Mein Ausbilder bei ARGUS hat mir eingebläut, dass ich gut daran täte stets auf mein Bauchgefühl zu hören. Zugegebener-maßen hat mich das zwar hin und wieder auch in unangenehme Situationen gebracht, aber meistens lag ich damit richtig. Nachdem klar geworden war, dass wir es mit einem Gift aus einer asiatischen Pflanze zu tun hatten, murmelte mir meine Intuition ins Ohr, dass wir noch mal zur Hafenkante zurückkehren sollten. Dort standen wir also nun, vor Wu's Restaurant, das Asiafraß und Sojaplörre auf der Speisekarte anbot.   
            Der Boden vor dem Wirtshaus war noch von der Brandgranate schwarz verfärbt, aber die meisten Schäden waren inzwischen beseitigt worden. Zuversichtlich öffnete ich die Tür und betrat mit den anderen Wild Cards den Laden. Drinnen waren rote und gelbe Lampions unter der Decke angebracht worden. der Boden war schwarz gefliest und die Wände mit allerlei pseudoasiatischem Kitsch verziert. Aufgrund der fortgeschrittenen Stunde waren nur noch wenige Gäste im Restaurant. Daher nahmen wir an einem Tisch direkt vor der Bar Platz.   
            Es dauerte nicht allzu lange, bis ein älterer, hagerer, kleiner Asiate mit einem schwarzen Käppi auf dem Kopf zu uns kam, um die Getränkebestellung aufzunehmen. Unter dem Arm brachte er fünf Speisekarten mit und wir entschieden uns für das Tagesgericht. Umgehend flitzte er wieder davon und organisierte die Getränke. 
            Mein Grüner Tee in der Dose war noch nicht richtig heiß geworden, als der Mann auch schon die voll beladenen Teller zu unserem Tisch bugsierte. Gierig schlugen wir nach dem langen, arbeitsreichen Tag unsere Zähne in gebratene Nudeln mit gemischtem Gemüse und gegrilltem Hähnchen - ich hoffte jeden-falls, dass es Hähnchen war. So oder so, es war ausgesprochen gut, was wir dem Herrn auch Kund taten, als er die Teller abräumte.
            Inzwischen hielt sich außer uns niemand mehr im Restaurant auf und ich wusste, dass es nun an der Zeit war, mit Wu Tacheles zu reden. Kurz nachdem er in der Küche verschwunden war, kam er mit einem Tablett zurück, auf dem fünf Gläschen mit Pflaumenwein standen. Dazu reichte er die Rechnung.
            "Machen sie fünfunddreißig draus!"   
"Oh, danke danke. Sehr nett von Ihne.", stammelte er über das gesamte Gesicht grinsend hervor.         
            "Ich hoffe sie hatte schöne Abend."  
Bevor er sich wieder zum Gehen wenden konnte, räusperte ich mich in die geschlossene Faust, als hätte ich einen Husten unterdrücken müssen. Fragend blickte er mich an und ich hatte den Eindruck, dass er ein klein wenig unsicher geworden war.           
            "Wir ermitteln gerade in einem Fall von Gangkriminalität und da es in dieser Gegend passiert ist, hätte ich ein paar Fragen an sie, wenn sie damit einverstanden sind."     
            "Habe alles Polizei gesagt gestern. Nix wisse sonst."
"Ach darum geht es mir nicht. Nicht direkt zumindest."       
            "Ich nich verstehe."   
Oh doch, das tat er.   
            "Herr Wu, kennen sie zufällig einen gewissen Oswald Herb? Er war bei den Zombies und nannte sich Onearm."           
            Wie eine Ziege meckernd lachte der Wirt und winkte ab.
"Ne, ne, mir Name nix sage. Tut mir leid."    
            Also zeigte ich ihm ein Foto des Opfers, das wir in der Matrix gefunden hatten. Wus Blick versteinerte sich für einen kurzen Moment, dann lachte er wieder gekünstelt.    
            "Ach sie müsse wisse, dass für alte Chinamann ihr Europäa aussehe alle gleich."  
            Er blickte ertappt, als ich ihm in urdeutscher Manier mit dem rechten Zeigefinger tadelnd zuwinkte.        
            "Na, na, na, Herr Wu! Ich sehe ihnen doch an, dass sie uns etwas vormachen. Keine Sorge! Wir sind nicht von der Polizei, sondern ermitteln privat. Wir wollen dem Gangkrieg in Altona ein Ende setzen."          
            "Nun ja... ich weiß nicht."       
Hatte dieser alte Oscaranwärter gerade wirklich seinen ausländischen Akzent vergessen oder hatte ich mich etwa verhört? Da wusste ich, dass wir ihn im Sack hatten.           
            "Mal Hand aufs Herz: was wissen sie wirklich? Bitte helfen sie uns, Herr Wu."         
            Der Restaurantbesitzer blickte nachdenklich drein, unschlüssig, was er von uns halten sollte. Schließlich organisierte er sich einen Stuhl vom Nachbartisch und gesellte sich zu uns. Als er saß seufzte er schwer und legte die zusammengefalteten Hände auf den Tisch.  
            "Dieses Schwein hat in einem Kampf mit meinem Sohn einen Arm verloren. Dafür hat er ihn einige Wochen später umgebracht. Hat ihm in den Bauch geschossen und ihn dann in der Gosse verbluten lassen."      
            "Onearm. Die Zombies sind ja richtig kreativ mit ihren Straßennamen.", kicherte Alyssa, merkte aber im selben Augenblick, dass der Moment etwas unpassend gewesen war und nippte unschuldig an ihrem Tee.        
            "Ich weiß nicht worum es in dem Streit ging, den er mit meinem Sohn hatte. Ich wusste lange Zeit nicht einmal wer der Mörder meines Sohnes war. Onearm kam eines Tages in mein Restaurant und meinte ich hätte eine Schuld bei ihm abzutragen. Er zeigte dabei auf den fehlenden Arm. Ich sollte ebenfalls für die Tat meines Sohns büßen und musste ihn für umsonst bekochen." 
       "Hatten sie nicht daran gedacht zur Polizei zu gehen?"        
"Ach die hätten doch nichts gegen die Zombies unternommen.", bellte er verärgert. "Nein, ich musste mir selber etwas einfallen lassen. Ein altes Sprichwort aus meiner Heimat lautet: Wenn der Wind weht, fällt der Fels, aber der Bambus biegt sich nur und steht am Ende wieder. Zuerst hab ich mich nicht getraut, aber dann hatte ich eine Idee, wie ich ihn so leiden lassen konnte, wie er meinen Sohn hat leiden lassen."     
            "Sie haben ihn mit der Frangipani vergiftet." 
"Ja, das ist korrekt. Ich züchte in meinem Garten ein paar Pflanzen aus meiner Heimat und da kam ich leicht an die Zutaten für das Gift. Ich wusste, dass die Wirkung verzögert eintritt und er mich nicht damit in Verbindung bringen würde."          
            Zweifel kamen in ihm auf, als wir ihn traurig anblickten.
"Deswegen waren die Kerle gestern hier? Die wollten zu mir?"       
            "Ja, aber vorher waren sie noch in allen anderen Geschäften, wo sich Onearm gewöhnlich durchfutterte. Herr Wu, Menschen sind wegen ihrer Tat umgebracht worden oder schwerverletzt im Krankenhaus gelandet."           
            "Rache ist Ehrensache und ich musste den Tod meines Sohns rächen.", entgegnete der Asiate trotzig. "Ich bereue meine Tat nicht und würde es wieder tun, wenn ich müsste. Aber dass andere leiden mussten, wollte ich nicht.", fügte er niedergeschlagen hinzu.      
            Mein Cousin Cone hämmerte die Faust auf den Tisch.          
"Verdammt noch eins! Jetzt haben wir den Mörder gefunden und ich fühle mich schlecht, wegen dem, was wir nun tun sollen."           
            Wus Augen weiteten sich. "Was haben sie vor!?"     
Beschwichtigend hob ich meine Hände. "Beruhigen sie sich bitte! Wir werden ihnen nichts tun. Die Zombies haben eingewilligt ihren Rachefeldzug einzustellen, wenn wir ihnen Onearms Mörder präsentieren können."      
            "Dann brauchen wir dringend einen neuen Plan, der nicht beinhaltet zweihundert Zombies umlegen zu müssen."       
            "Einhundertdreiundneunzig, aber ich weiß was du meinst. - Hmmm, ich glaube ich hab da eine Idee."    
            Sunetra feixte und sah mich grinsend an. "Du denkst doch nicht etwas das gleiche, was ich denke, oder Hendrik?"       
            Ich grinste zurück.     
"Das kann durchaus sein. Es wird Zeit Fakten zu schaffen. Herr Wu, sie haben doch sicher noch etwas von dieser Frangipani, oder?"

Kommentare:

  1. Tja und Mr. Wu wäre auch damit durchgekommmen wären da nicht diese naseweisen Shadowrunner gewesen :-)

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  2. Und was lernen wir daraus? "Iss nichts da, wo du Schutzgeld eintreibst."

    :-D

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