Sonntag, 10. März 2013

Die zweieinhalb Leben des Käpt'n Knudson


            'Nach dem Spiel ist vor dem Spiel.'      
Ich hab keine Ahnung welche Pfeife diesen Aphorismus als Erster in den Äther genuschelt hat, aber was für geistig minderbegabte Fußballer gilt, hat in diesem Fall auch im Schattenbusiness Bestand. Nachdem wir die Geschäfte, für die wir nach Kopenhagen gekommen waren, erledigt hatten, war es an der Zeit die Heimreise in Angriff zu nehmen. Da wir wieder mit unserem Schnellboot nach Hamburg zurückschippern würden, war es klug, wenn wir keine Leerfahrt machen würden. Für irgendwas muss ja unser Schmuggelfach gut sein. So entschieden wir aufgrund eines Tipps von Sunetras alter Freundin Lina einer berüchtigten Hafenkneipe einen Besuch abzustatten. Vielleicht konnten wir ja dort einen kleinen Transportauftrag ergattern. 
            Am frühen Nachmittag schlenderten wir gemütlichen Schrittes an der Hafenpromenade entlang, vorbei an Anlegestellen mit vertäuten Fischerbooten und privaten Schiffen wie unserer Dead Man's Hand, Tante Emma Lädchen - ja, die gibt's tatsächlich noch in Dänemark -  Spirituosen-Geschäften, Puffs und Fischmärkten. Die Gebäude waren nahezu alle verklinkert und versprühten diesen gewissen ursprünglichen, abgerissenen, dezent herunter-gekommenen Charme, der Gemütlichkeit verheißt. Ein laues Lüftchen tanzte uns mit einer olfaktorischen Melange aus Salzwasser, frischem Fisch und Gebratenem um die Nase, während am weitgehend wolkenfreien Himmel einige Möwen kreischten.           In der Nähe der Marktstände hielten sich Nutten an den Seitengassen auf, um ihr Glück dabei zu versuchen die Herren der Schöpfung auf ihrem Heimweg zu Frauchen abzufangen. Allzu viel edles Material war nicht dabei. Eher würde ich einen Karpfen zum Fellatio missbrauchen als mich freiwillig auf eine der Dirnen zu legen. Diese Bazillenmutterschiffe wären wahrscheinlich sogar für meine Konstitution zu viel gewesen.    

            Cone schmiedete scheinbar andere Pläne. Daher gab ich ihm mit einem Ellenbogenknuff zu verstehen, dass er von den Mädels lieber alle elf Finger lassen sollte. Mit trotziger Gleichgültigkeit überspielte er seine Enttäuschung und trottete uns nach kurzer Pause hinterher - nicht ohne einen letzten sehnsüchtigen Blick auf die 'Auslage' zu werfen.     
            Direkt neben der Hafenzollbehörde fanden wir das Ziel unseres Ausflugs. Dank der billig wirkenden, leicht flackernden grellgrünen Neonreklame, die das 'At rådne Fisk' anpries, sahen wir die Kneipe schon von Weitem. Außen war ein Glaskasten angebracht worden, in dem die Speisekarte hing. Sie war von der Sonne längst bis zur Unkenntlichkeit ausgebleicht worden und machte aus dem lokalen Angebot ein unnötiges Geheimnis.
            "'Zum faulen Fisch',", übersetzte Alyssa, die vor der Tür stehengeblieben war, den dänischen Schriftzug mit skeptischem Unterton, "klingt ja nicht allzu einladend, wenn ihr mich fragt."  Largo schob sie sanft, aber mit Nachdruck beiseite. "Tun wir aber nicht und jetzt mach Platz, du Landratte."   
            "Sprach der Mann, der kurz drauf an einer Essensvergiftung verendete.", seufzte die Magierin, bevor sie sich überwand und ebenfalls ins Wirtshaus kam.  
            Drinnen fanden wir uns in einer muffigen Hafenkaschemme wieder. Dennoch gefiel das, was ich sah, sehr. Alle vorhandenen Möbel waren aus altem Holz und hatten sich über die Jahre von Benutzung, Rauch, Schweiß, Getränken - und sicher auch dem einen oder anderen Blutstropfen - schwarzbraun verfärbt. Der Boden war mit leicht welligen Holzdielen verkleidet. Sicherlich hatte sich der Besitzer für dieses Material entschieden, um das urige Flair zu unterstützen. So baute man nämlich schon seit der Zeit vor den Eurokriegen nicht mehr. Zu meiner Freude knarzten die Bohlen unter meinen Schritten sogar ein wenig. Zusätzlich dominierten die Ausdünstungen der Möbel den Geruch in der Kneipe, während durch die schmutzigen Fenster nur ein schummriges Licht fiel, das von einer altersschwachen Funzel unterstützt werden musste. Daher dauert es einen Augenblick, bis sich unsere Augen an die  Dunkelheit gewöhnt hatten.   
            Es handelte sich im Großen und Ganzen nur um einen schlichten rechteckigen Raum von etwa dreizehn Metern von Wand zu Wand. Lediglich eine weitere Tür war zu sehen, die zu den Toiletten führte. Zur linken Seite war ein langer Tresen aufgebaut worden, hinter dem eine Zapfanlage mit drei Hähnen aufragte. Der Wirt - ein Troll von etwas unter drei Metern Größe, mit leichtem Bauchansatz und weißen, zu zwei Zöpfen geflochtenen Haaren - schnäuzte gerade mehrere Biere in wuchtige Tonkrüge.  Hinter ihm stand auf mehreren Regalen eine mächtige Batterie aus unterschiedlichsten Likören, Schnäpsen und Weinbränden.        
            Unter der Decke hing ein altes Fischernetz, in dem Seesterne, Muscheln und einige Plastikfische als Dekoration untergebracht worden waren. Ein rostiger Anker lehnte an der Wand gegenüber und das in Öl gefangene Antlitz einer Meerjungfrau lachte auf uns herab.
            Rechts vom Eingang begann eine Reihe von Sitznischen, die Platz für bis zu sechs Personen boten - sofern man keine Trolle dabei hatte - und sich ringsum an den Wänden im Raum verteilten. Auf den Tischen war für Nippes wie Platzdeckchen oder Blümchen kein Platz. Je eine halb runter gebrannte Stumpenkerze auf einem Unterteller, mit einer darunter geklemmten Menükarte, mussten ausreichen. Jedes Bisschen mehr wäre wohl auch zu fröhlich für den Laden gewesen.        
            Nur einige wenige Gäste bevölkerten die Kneipe. Zwei Matrosen auf Landgang saßen in einer der Nischen und drei ältere Männer belagerten die Theke, wo sie ihre Humpen schwenkend wild miteinander diskutierten. Die Matrosen waren über ihr Essen gebeugt und schauten auf, als wir ihren Tisch passierten. "Was will denn die Regebogenfraktion hier?", flüsterte einer der beiden gerade laut genug, damit wir sie hören konnten, aber um des Friedens Willen ignorierten wir die Kerle.  
            Eine nicht mehr ganz taufrische Orkdame mit blond gefärbten, hochtoupierten Haaren wackelte, ein Tablett mit Getränken in der linken Hand balancierend, auf ihren schwarzen Stöckelschuhen durch den Laden. Sie brachte den Seefahrern die Getränke und kam dann zu dem Tisch, an dem wir Platz genommen hatten. Die nicht vorhandene Arbeitsfreude stand ihr ins Gesicht geschrieben, während ihr Blick folgendes sagte: 'Kunden sind das allerletzte.' Ihre Stimme klang vom vielen Rauchen kratzig und etwas unangenehm in den Ohren, als sie unsere Bestellung aufnahm.
            "Wollnsewas trinken?", fragte sie gelangweilt.
Unser Zwerg machte sich nicht die Mühe die Karte zu studieren. "Ein Bier würde mich glücklich machen."        
            "Bier.", kommentierte sie freudlos und sah zu Cone, der ebenfalls eine Hopfenkaltschale bestellte. Sunetra und ich schlossen uns ihnen an. Die Bedienung krickelte etwas auf ihren Notizblock und wandte sich zum Gehen.         
            "Fünf Bier also."          
Ein Räuspern in ihrem Rücken ließ sie innehalten. Mit der Geschwindigkeit von aufeinander zurasenden Kontinenten drehte sie sich zu Alyssa um und bedachte sie mit einem Blick, der Milch sauer werden ließ. Unsere Menschenmagierin ignorierte jedoch ihr bedrohliches Starren.      
            "Ich hätte gerne ein Wasser."             
"Wir haben Bier."        
            Lightning blinzelte etwas irritiert und entschloss sich dann wider besseren Wissens ihre Bestellung zu wiederholen.     
            "Nein, ich möchte ein Wasser."
Unsere Bedienung hatte wohl den Eindruck, dass sie es mit jemandem zu tun hatte, der zurückgeblieben sein musste, wenn sie ihre einfachen Worte scheinbar nicht verstand. Darum beugte sie sich zu Alyssa herab und betonte jede einzelne Silbe.        
            "Wir - ha-ben - BIER!" 
Damit wirbelte sie herum und stampfte zur Theke zurück. Lightning starrte ihr verständnislos hinterher und tippte genervt mit ihren Fingern auf die Tischplatte. "Und du bist sicher, dass wir hier richtig sind?"        
            Die Elfe lachte kurz. "Schau dich doch mal um! Der Laden stinkt förmlich nach Runnerkneipe. Das hier ist garantiert ein Treffpunkt der hiesigen Szene. Wirst schon sehen!"           
            In diesem Moment ließ Blondie fünf übervolle Krüge auf den Tisch krachen, sodass ein Teil des köstlichen Nass überschwappte und für eine kleine Überschwemmung sorgte.     
            "Wohl bekomms!"       
"Ähm, würden sie mir bitte eine Frage beantworten?", erkundigte sich Sunetra höflich, was der Bedienung aber keine wohlwollendere Reaktion als zuvor entlockte.   
            "Kommt auf die Frage an."      
"Nun, wir wollen uns hier mit einem Herrn Knudson treffen. Kennen sie ihn etwa?"    
            Ohne darüber nachzudenken schoss sie scharf zurück. "Knudson? Nä, hab noch nie den Namen gehört."          
            "Lina schickt uns."      
Als hätte sie völlig unerwartet ein Goldnugget in einem Kuhfladen entdeckt, wurde ihr Gesichtsausdruck freundlicher. Das Losungswort beförderte uns endlich in der Evolution auf eine Stufe mit ihr und wir wurden als Interaktionspartner akzeptiert. "Ach, wenn das so ist: Der Chef kommt irgendwann in der nächsten Stunde zurück. Schauen sie doch mal in die Karte! Wir haben ein paar gute Snacks im Angebot."      Erneut stapfte sie von dannen und ließ dabei den Fifi auf ihrem Kopf auf und ab wippen. Während wir anderen genüsslich an unseren Bierkrügen nippten, schob Alyssa den Humpen weit von sich.        
            Bis dieser Herr Knudson wieder im Laden war, konnten wir genauso gut unseren Heimweg planen. Der Rigger in unserer Runde kramte ein eine Art Stab hervor, löste zwei Clips an den Enden und zog die nun entstandenen Hälften auseinander. Dabei blieben die Stabteile durch eine biegsame, stabile Plastfolie verbunden. Er arretierte die gesamte Konstruktion durch die zuvor gelösten Clips wieder, drückte auf einen Knopf an der Seite einer der Stabhälften und legte das Gerät auf den Tisch. Dadurch wurde die glänzende Folie zum Leben erweckt. Binnen Sekunden waren Zahlen- und Buchstabenkolonnen über den mobilen Monitor gehuscht und das Betriebssystem war hochgeladen.       
            Fasziniert strich Alyssa über eine der Seiten des Geräts und auch ich konnte mein Interesse nicht verhehlen. "Wow, wo hast du denn das her? Ist das eher antik oder was ganz Neues?"          
            In Zeiten von Augmented Reality bzw. Erweiterter Realität und Breitbandmatrixzugängen waren physische Bildschirme auf dem Rückzug. Jeder, der eine entsprechend ausgerüstete Brille, Kontaktlinsen oder Cyberaugen besaß, war in der Lage die virtuell in den Raum projizierten Informationen, Bilder, Schilder und natürlich auch Werbung zu sehen.          
            Der Zwerg tat allerdings so, als würde es sich um etwas vollkommen Alltägliches handeln. "Och, das ist bloß ein Taschencomputer, den ich letztes Jahr auf einem Run hab mitgehen lassen. Ist echt praktisch, wenn man mal einen zusätzlichen Bildschirm braucht, oder kein AR zur Verfügung steht. Man ist ja nicht nur in den Sprawls dieser Welt unterwegs. Außerdem kann man sich damit ganz gut zur Wehr setzen."           
            Nebenbei lud er mittels Fingerbewegungen auf dem Touchscreen die benötigten Seekarten. Immer noch strich die menschliche Magierin über die Oberfläche und fragte Largo abwesend, wie man sich denn damit verteidigen solle.           
            "Naja, ich hab eine Wache getötet, indem ich ihr den Stab ins Auge gerammt hab." Ganz unvermittelt, als habe sie sich verbrannt, zog sie angeekelt die Hand zurück. Ich musste Lachen und Cone war auch ganz angetan.     
            "Cooles Teil."   
"Danke! Aber tatscht mir nicht mit euren Fettfingern aufs Display! Das sauber zu bekommen kann echt in Arbeit ausarten."          'Falsche Ansage!', dachte ich mir, leckte über Daumen und Zeigefinger und schob meine Hand bedrohlich nahe an den Computer heran. Largo zog beide Brauen hoch und knurrte mich belustigt an. "Mach kein Scheiß, Eckzähnchen! Sonst bekommst du es mit der Todeskralle zu tun."      
            Wegen des schallenden Gelächters sahen die alten Männer am Tresen zu uns herüber und schüttelten die Köpfe. Für einen Moment hatten wir den Stress der letzten Tage vergessen und es fühlte sich fast an als könnten wir genauso gut im Urlaub sein. Doch dann fiel mir ein, was auf unserem letzten Urlaubstrip in den Schwarzwald passiert war und schlagartig war meine gute Laune wieder dahin.    
            "OK, zurück zum Thema. Welche Route würdest du vorschlagen, Skipper?"    
            Mit einer Handbewegung zoomte der Zwerg ein Stück in die Karte hinein. "Also, Kopenhagen ist hier. Sofern wir nicht wieder ein enges Zeitlimit haben werden, würde ich die längere Route an den Inseln vorbei, in die Nordsee und von dort aus nach Hamburg im Süden, vorziehen."     
            Er fuhr mit dem Zeigefinger die ungefähre Route nach, damit sich alle in etwa den ungefähren Weg vorstellen konnten. "Wir sollten uns dabei von den nahen Küstenbereichen weitestgehend fernhalten, um Piraten und Toxische Geister zu meiden."       
            "Warum nehmen wir nicht den selben Weg, den wir hergekommen sind?"      
            Die Elfe hätte sich fast an ihrem Bier verschluckt, als Cone diese Frage in den Raum warf. "Bitte!? Durch den Neuen-Nord-Ostsee-Kanal? Gajin, bist du lebensmüde?"  
            Mein Cousin hob die Schultern und gestikulierte mit den Händen, als würde er nach Worten suchen. "Naja, ist doch viel kürzer."   
            Daraufhin wäre Alyssa fast von ihrem Stuhl aufgesprungen. "JA, der Weg zu unseren Gräbern ist dann definitiv kürzer."      
            "Ach stellt euch nicht so an. Nordwerft wird die Geisterversammlung bestimmt schon eingetütet haben."      
Mitleidig klopfte Largo dem ehemaligen Gangmitglied auf den Oberarm und schüttelte langsam den Kopf. "Du liest echt keine Nachrichten, oder? Das Gebiet ist bis auf weiteres gesperrt."   
            Aber so richtig war Cone immer noch nicht überzeugt, denn er schaute verdrossen in die Runde und sagte nichts mehr. Über die Karte gebeugt sah ich ihn mit einem endgültigen Blick von unten an. "Wenn du unbedingt mit Cthulhu kuscheln willst, können wir dir sicher noch ein Boot organisieren."     
            Doch statt mir zu sagen, wo ich mir meinen Vorschlag hinstecken könne, ignorierte mich Cone einfach und widmete sich wieder seinem Bier. Also wieder zurück zur Planung unserer Heimreise.  Gerade als Largo auf die Ostküste von Skagerrak zeigte und uns etwas erklären wollte, bemerkte ich eine Bewegung aus dem Augenwinkel.   
            Ohne Eile und mit betonter Lässigkeit erhoben sich die Matrosen von ihren Stühlen und bewegten sich zu uns herüber. Mir schwante schon, was die die Kerle im Sinn hatten.           
            Nummer eins hatte ein von Pockennarben zerfurchtes Gesicht, hohe Wangenknochen und nach hinten gegelte Haare. Der Zweite trug die Stirn bis zum Nacken und stellte einen schicken Schmiss auf der rechten Wange zur Schau, was ihn als Mitglied einer schlagenden Verbindung auswies. Schließlich hatten Adolf und Hackfresse den Weg zu unserem Tisch zurückgelegt und musterten unsere Magierinnen von oben bis unten. Eigentlich glich es mehr einem Abscannen ihrer Rundungen.        
            "Guten Tag, Ihr Schönheiten! Verschwendet eure Zeit nicht mit den Hauern! Kommt doch zu uns rüber! Wie wärs?! Wir geben euch auch einen aus."    
            'Hauer.' Wie ich dieses Wort hasse. Im Gegensatz zu Schwarzen, die sich in einem Gangsta-Trotzverhalten gerne gegenseitig Nigger titulierten, war das zwischen Orks und Trollen ein No-Go - selbst für die Schwarzen unter uns. Ich fühlte wie von einem Moment auf den nächsten Wut in mir hoch kochte. Und bevor Sunetra oder Alyssa etwas auf die plumpe Anmache entgegnen konnten, stützte sich mein Cousin auf einem Ellenbogen auf und drehte sich halb zu den Pissnelken um.     
            "Ich hoffe für dich, dass du deine Blutgruppe kennst. Du wirst nämlich gleich ne Transfusion brauchen."           
            Überrascht sahen die Seemänner zu Cone, von dem sie nicht erwartet hatten, dass er überhaupt zusammenhängende Sätze formulieren konnte. Lightning setzte noch einen drauf und verhöhnte ihn: "Ich hab Angst um deine Zähne."       
            Die Hackfresse warf ihr hasserfüllte Blicke zu und stach mit dem Zeigefinger nach ihr. "DU blöde Schl...!" 
            Ob seiner genialen Artikulierungsversuche beeindruckt, pfiff ich  einmal laut, um ihre Aufmerksamkeit zu bekommen. "Seid ihr Flachzangen taub? Umdrehen und Luftlöcher machen bevor es hässlich wird!"          
            Gleich von zwei Hauern dumm angemacht zu werden, war für Adolf zu viel. Er wollte sich über den Tisch auf mich zu stürzen, aber die Hackfresse griff nach seinem Arm und hielt ihn in letzter Sekunde zurück. Dennoch versuchte es der andere weiter und zerrte beinahe seinen Arm frei.     
            Wie es nun mal Alyssas Art war, reizte sie die Matrosen weiter. "Gute Entscheidung, Junior. Wenn Klaus und Kläuschen noch nicht gefrühstückt haben, sind sie leicht reizbar."   
            Plötzlich flog die Tür der Kneipe auf und eine große Gestalt hielt das Licht davon ab von draußen herein zu fallen. Mit schweren, rumpelnden Schritten bewegte sich der Mann auf unseren Tisch zu. Die Matrosen konnten ihn nicht sehen, da sie mit dem Rücken zu ihm standen. Mit einem weiteren Krachen warf der Neuankömmling die Tür wieder zu. Nun konnte ich erkennen, dass es sich bei dem Kaventsmann um einen verbraucht wirkenden, dezent fettleibigen Elf handelte, der sich eine Orkstatur angefressen hatte. Diese Kombination sieht man nun wirklich nicht oft. Er trug eine abgewetzte Kapitänsuniform, die aus dem vorvorletzten Jahrhundert zu stammen schien. Es war offensichtlich, dass es sich bei Käpt'n Iglo um diesen Knudson handeln musste, dem die Wirtschaft gehörte.  
            Er stemmte die Hände in die Hüften und ließ seine ebenso voluminöse Stimme donnern: "Ihr kennt die Hausregel. Wer Stress anfängt, muss eine Runde ausgeben!"  
            Ohne sich umzudrehen, antwortete Adolf unwirsch: "Ach halt's Maul! Mir hat keiner zu sagen, was ich..."        
Sein Freund hatte aber schon erkannt, wer da hereingekommen war und zuppelte dem Fascho am Hemdsärmel.   
            "Was willst du denn...?"          
Genervt drehte er sich um und sah dem Käpt'n in die Augen. Sofort verstummte er, wurde kalkweiß, wich einige Schritte nach hinten aus und stieß fast gegen Sunetras Stuhl. Fortan konnte er sich nur noch in Silben artikulieren. "Oh, hallo.... ich.... wir... k...k...kommt nicht wie... wieder vor, Käpt'n."     
            Damit empfahlen sich die Trottel Richtung Theke und bestellten zur Freude der alten Männer eine Runde, begleitet von lautem Gejohle. Sunetra bedeutete dem Käpt'n sich zu uns zu setzen. Der nahm das Angebot an und griff nach einem freien Stuhl. "Ein straffes Regiment führen sie hier. Käpt'n Knudson, wenn ich mich nicht irre?!"   
            Der Elf hustete ein dreckiges Lachen und musterte dann jeden von uns eindringlich. "So ist es. - Sie sehen aus, als würden sie Schatten mit sich herumtragen. Wem kann ich also die Ehre der Gastfreundschaft in meinem bescheidenen Etablissement erweisen?"          
            Nun war es an mir zu Lachen. Der alte Zausel  gefiel   mir.
"Da haben sie gar nicht mal unrecht. Wir sind die Wild Cards. Die Elfin zu ihrer Rechten ist Sunetra. Das quirlige Paket neben mir, das nicht eine Minute ruhig auf seinem Hintern sitzen kann, nennt sich Lightning. Der Zwerg in unserer Runde heißt Largo, das ist mein Cousin Cone und ich bin Iron. Respekt übrigens - die Kerle hatten sie ja schnell im Griff."             
            Der Käpt'n winkte lasch mit der rechten Hand ab.       
"Ach ich hab diesen Versagern schon ein paar mal ihren Platz zeigen müssen, aber die versuchen immer wieder Ärger zu machen. - Was wollen sie eigentlich in meinem Laden? Nur auf ein Bier sind sie bestimmt nicht reingekommen."         
            Sunetra stellte ihr Bier ab, an dem sie gerade genippt hatte. "Wir waren geschäftlich im Plex unterwegs und wollten auf dem Heimweg ein bisschen Shoppen und schauen, ob es was für uns zu tun gibt."         
            Knudson dachte einen Moment lang nach und überlegte, ob er die Situation richtig einschätzte. Dann stand er auf.          
            "Wir machen den besten Backfisch von ganz Kopenhagen. Den sollten sie unbedingt probieren, bevor sie abreisen."
            Mit diesen Worten verließ er unseren Tisch und ging durch eine Tür bei der Theke. Vermutlich war dahinter die Küche. Zumindest hoffte ich das. Alyssa, Sunetra und Largo sahen mich fragend an, während Cones Gesichtsausdruck nicht preis gab, ob er überhaupt irgendwelche Gedanken dachte.      
            Der Käpt'n kam mit der Orkbedienung zurück, die eine Reihe Teller mit frisch gebackenem Fisch und Pommes auf ihren dicken Armen trug. Nachdem Largo die Seekarte wieder verstaut hatte, stellte sie jedem von uns einen der Teller vor die Nase und wir stürzten uns sogleich wie hungrige Aasgeier auf die Köstlichkeiten. Zufrieden sah uns der Ladenbesitzer beim Schlemmen und Schmatzen zu, organisierte noch frische Biere und sogar einen SoyCaf für Alyssa. Schließlich setzte er sich wieder zu uns, fummelte ein unscheinbares Kästchen aus seiner verwaschenen Uniformjacke und brachte es unter dem Tisch an. Ein leises Klicken, gefolgt von einem schnellen Surren, gab uns zu verstehen, dass er einen Störsender aktiviert hatte. Er nickte Sunetra zu.           
            "So, nun können wir uns vollkommen ungestört unterhalten. Wer hat genau hat mich ihnen denn empfohlen?"         
            "Lina." 
"Grüßen sie sie von mir, wenn sie wieder mit ihr sprechen. Was kann ich denn für sie tun?"  
            "Nun, wie ich bereits erwähnte, waren wir geschäftlich in Kopenhagen und es wird Zeit für uns nach Hamburg zurückzureisen. Wir dachten uns, dass wir den Weg sinnvoll nutzen könnten."           
            "Sie denken an einen Transport?"       
Sunetra bestätigte seine Vermutung und er wollte wissen, welche Möglichkeiten uns zur Verfügung stünden. Das war Largos Spezialgebiet.     
            "Uns gehört die Dead Man's Hand. Ein Nordwerft Wind Schnellboot, das wir mit einem Schmuggelfach ausgerüstet haben und knapp zwei Kubikmeter Ladung fasst."         
            "Sie  wollen auch einige Einkäufe tätigen?"    
"Das ist richtig. Die jüngsten Ereignisse haben mich überzeugt, dass ich für bestimmte Einsätze eine bessere Panzerung brauche." Ich zuckte mit verzogenem Mund zusammen, als mir Alyssa zur Veranschaulichung forsch den Zeigefinger in die Schulter piekte. Das fiese Miststück kicherte auch noch dabei. 'Na warte - das brennt zurück!'        
            Knudson jedenfalls grinste und wollte wissen, was ich mir denn genau vorstellen würde und ich bestellte eine Camouflage-Tarnpanzerweste. Er kramte kurz in seinem Gedächtnis und nahm mit zusammengekniffenem rechten Auge Pi mal Daumen Maß und bestätigte, dass er etwas auf Lager haben sollte, das mir passt. "Ich werde mich umhören, ob ich einen Job für sie an Land ziehen kann. Das wird aber etwas dauern. Kommen sie einfach heute Abend wieder hier her. Dann besprechen wir alles weitere. Bis dahin hab ich auch die Ware hier bereit liegen."
***
            Nach einer fast vierstündigen Tour durch Kopenhagens Altstadt, bzw. das was noch davon übrig war, kamen wir wieder zum Hafen zurück und schlenderten wie schon am Nachmittag zuvor die Promenade entlang. Die Stadt war immer noch so schön, wie ich sie in Erinnerung hatte. Von Fotos und alten Videoaufnahmen weiß ich, dass sie vor den Eurokriegen sogar noch schöner war. Damals wurden neben Wohnhäusern und Industrieanlagen auch Denkmäler und historische Bauten bei Angriffen russischer Milizen vernichtet. Vieles hatte man zwar wieder aufgebaut, aber Schloss Amalienborg zum Beispiel existiert nur noch als Replik im AR. Nichtsdestotrotz waren auch Cone und Lightning dem Charme des Plex erlegen, auch wenn sie mir mit ihren Streitereien gut auf den Keks gegangen waren.          
            "Ich bin immer noch verwundert wie unglaublich klein die Meerjungfrau ist." 
"Ach Cone, deswegen heißt sie ja auch 'Kleine Meerjungfrau' und nicht 'Fetter Meerjungork'.", stichelte die menschliche Magierin.      "GOTTSEIDANK, sind wir endlich da, bevor ihr euch wieder die Köpfe einschlagen könnt.", stöhnte ich.    
            "Sollen wir nicht noch Sunetra und Knubbelchen abholen?"
"Lass mal! Largo wollte sich um die Dead Man's Hand kümmern und Sunetra meditiert. Den Auftrag aushandeln können wir auch ohne die beiden. Was soll schon groß passieren?", argumentierte ich und stieß die Tür der Kneipe auf.    
            Kaum waren wir drinnen, verfluchte ich mich innerlich, denn es war auf den ersten Blick klar, dass etwas nicht stimmte. Die Wirtschaft war noch leerer als einige Stunden zuvor. Rechts vom Eingang saßen drei halbstarke Rotznasen, die mit ihren Tattoos, Ketten, Ringen und Stiefeln aussahen, als würden sie einer Straßengang angehören. Jeder von ihnen hatte ein Bier vor sich stehen und sah düster zum Tisch gegenüber. Dort hatte Käpt'n Knudson mit zwei Männern Platz genommen, die Uniformjacken russischer Offiziere trugen. Die Männer redeten eindringlich auf den Besitzer ein, während die blondierte Orkfrau ängstlich neben dem Tisch stand. Als die Rotzlöffel uns bemerkten, sah der mit dem Tribal auf der Stirn zu uns herüber.          
            "Der Laden ist geschlossen."   
Der Ton seiner Stimme hatte etwas endgültiges, aber ich lasse mir von Halbstarken grundsätzlich nichts sagen. Also bekam er von mir die passende Antwort. "Halt mal den Ball flach! Draußen steht nichts von einer Privatveranstaltung und wir haben hier eine Verabredung."     
            Plötzlich spürte ich ein Knuffen in meiner linken Seite. Ich sah zuerst zu Alyssa herüber, die mit einer Kopfbewegung auf den Tisch gegenüber deutete. Dort versuchte uns der Käpt'n mit hochgezogenen Augenbrauen und eindeutigem Nicken zu verstehen zu geben, dass wir uns besser verziehen sollten.         
            Lightning schlug mir auf den Arm und rief mit übertriebenem Schauspiel: "Ach herrjeh, es ist heute ja Montag und nicht Dienstag!" Damit versuchte sie mich zur Tür zurückzuziehen. Eigentlich war ihr Plan super, aber die Männer in den russischen Offizierjacken wandten sich von der Magierin aufgeschreckt zu uns um. Das war die Chance, auf die der Käpt'n gewartet haben musste.            Mit einem schmatzenden Krachen schickte der Ellenbogen des Mannes das Nasenbein eines Russen ins Nirwana. Blut schoss augenblicklich aus den Nasenlöchern und verteilte sich auf dessen Uniform. Bevor er sich an die gebrochene Nase fassen oder der andere auf den Angriff reagieren konnte, sprang der Käpt'n mit einer Geschwindigkeit, die ich ihm nicht zugetraut hätte, von seinem Platz und riss die verschreckte Bedienung mit sich um die Ecke, Richtung Theke. Aus dem Augenwinkel musste er gesehen haben, dass ich meine Colt aus dem Tarnholster gezogen hatte, denn er rief, "KEINE FEUERWAFFEN!", bevor er hinterm Tresen verschwunden war.     
            Wir verstanden sofort warum, denn die Hafenbehörde lag in direkter Nachbarschaft und würde die Polizei verständigen, wenn hier Rumgeballert werden sollte. Aber da ich die Colt schon einmal in der Hand hielt, war keine Zeit mehr das Messer aus seinem Schaft zu befreien und ich musste das Beste aus der Situation machen. Also donnerte ich die Pistole auf den Schädel der ersten Rotznase. Hätte die nicht bereits gesessen, wäre sie zusammengeklappt.        
            Nun waren auch die beiden anderen fluchend aufgesprungen und stürzten sich auf uns. Während der Dritte sich noch den blutenden Kopf hielt, wich ich der Faust des zweiten Kerls aus und Cone blockte den Tritt des Typen mit dem Tribal ab. Bevor wir uns versahen, waren wir  im schlimmsten Handgemenge. Die Kerle waren flinker und kampferprobter als sie zunächst den Anschein erweckt hatten. Schläge und Tritte wechselten sich in immer schneller werdender Folge ab.      
            Als ich eine Kanonade von Schlägen abzuwehren versuchte, die auf meine Brust und den Bauch nieder prasselten, schubste Cone seinen Gegner weg und nutzte den gewonnen Raum, um sein Messer zu ziehen. Etwas huschte an mir vorbei und ich registrierte erst mit einiger Verzögerung, dass Alyssa mit Betäubungsbolzen um sich schoss. Die Rotznase mit dem blutenden Schädel geriet ins Stolpern und rempelte meinen Gegner an, der daraufhin seinen Angriff auf mich kurz unterbrechen musste. Wider erwarten konnte sich Rotznase auf den Beinen halten und stürmte weiter zur Magierin. Ich nutzte die Pause im Angriff und rammte dem Mistkerl meine Faust in den Magen. Keuchend taumelte er einige Meter zurück und hielt sich gerade so am Tisch fest, bevor er umfallen konnte.           
            Am Tresen versuchte der übrig geblieben Offizier den Käpt'n in die Finger zu bekommen, aber die Orkdame zeigte sich resolut und warf mit einer Flasche Alkohol nach der nächsten nach ihm. So gut der Glenlivet auch schmeckt. Wenn er beim Genuss noch IN der Flasche steckt, verursacht er heftigste Kopfschmerzen. Dort schien man noch ohne unsere Hilfe auszukommen, also ging es weiter mit den Halbstarken.         
            Mein Cousin blockte einen plump ausgeführten Schlag ab, bekam seinen Gegner zu packen, zog ihn zu sich heran und rammte ihm sein Messer in den Bauch. Wie nach einem erschöpfenden Boxkampf, klammerte sich der Ganger kraftlos an dem Ork fest und versuchte dabei irgendwie den Schmerz zu erfassen, der sich seiner zu bemächtigen versuchte.           
            Ein weiterer Betäubungsbolzen aus Alyssas linker Hand zog der Rotznase den Boden unter den Füßen hinweg und er schlug der Länge nach hin. Ich hatte etwas weniger Glück, denn mein Gegner sah verärgert zu seinem aufgeschlitzten Kameraden, zog einen Teleskopstock aus seinem Hosenbund und ging mit hasserfülltem Schrei auf mich los. Die Wucht seines Angriffs überraschte mich und er erwischte mit einem ungezielten Schlag meine verletzte Schulter. Sofort durchzuckte mich ein Schmerz, der mir den Kampf gegen dieses vercyberte Piratenarschloch in Erinnerung rief. Sternchen tanzten vor meinen Augen, aber ich konnte alle weiteren Schläge abblocken, während ich nach hinten zurück wich. Verdammt! Der Mistkerl musste doch mal müde werden und mir eine Lücke zum Zuschlagen lassen!   
            RITSCH-RATSCH!        
Als hätte jemand die Zeit angehalten, froren alle in ihren Bewegungen ein und versuchten gleichzeitig ihren jeweiligen Gegner im Blick zu behalten und zur Quelle des Geräuschs zu schauen, denn jeder wusste wie es klang, wenn eine Waffe durchgeladen wurde. Cone warf seinen Gegner einfach zu Boden und drehte sich zur Theke um. Dort stand Käpt'n Knudson mit einer entsicherten Automatikkanone, die er dort wahrscheinlich für solche Fälle versteckt hatte. Egal wen oder was er damit treffen würde - diese Waffe macht ganz böse Löcher.     
            "HÄNDE HOCH! Wer sich jetzt noch ohne meine Anweisung bewegt, wird sich über die Folgen seines Tuns keine Gedanken mehr machen müssen. Meine werten Geschäftspartner stellen sich bitte schon mal zur Tür hier vorne. Ihr zwei Penner da hinten: schnappt euch euren Freund und kommt ganz langsam herüber und leistet euren Bossen Gesellschaft! Das ganze bitte mit möglichst wenig Gejammer, Gezeter und vor allem mit wenig Blutverlust! Ich hab kein Bock den ganzen Laden wegen euch schrubben zu müssen. - Ja, so ist's schön! So, Dimitri! Du machst jetzt brav die Tür auf und dann geht ihr hübsch langsam in den Keller runter."         
            Eingeschüchtert taten die Angreifer wie der Käpt'n ihnen befahl. Nachdem auch der Letzte durch die Tür gegangen war, warf er sie zu und verriegelte sie. Knudson stellte die gesicherte Waffe neben den Kellereingang und wischte sich mit dem Jackenärmel über seine Stirn. Dann zeigte er auf uns. "Warten sie hier! Ich muss mal kurz Telefonieren." 
            Damit ging er an der Kellertür vorbei Richtung Küche, wo er ungestört war. Alyssa checkte unterdessen das Blut, das auf meiner Jacke gelandet war.     
            "Wunder über Wunder, es ist nicht deins. Bist diesmal der Machete ausgewichen, Großer, wie?!"  
            "Übertreib es nicht, Spruchschleuder!", knurrte ich zurück und fürs Erste beließ sie es dabei. So wie ich sie kannte, sicherlich nicht für lange. Inzwischen war die Orkfrau mit einem Putzeimer und einigen Lappen herübergekommen und begann sich schluchzend um den Blutfleck zu kümmern, der noch vom Kampf zeugte. Sowohl die glimmende Kippe in ihrem Mund als auch ihre Hände zitterten, was Cone dazu veranlasste die Arme auf seine Art aufzumuntern.        
            "Machen sie sich keine Sorgen! Das ist bloß Schweineblut."
Ich bin mir ehrlich gesagt nicht sicher, ob sein Lächeln es ihr nicht noch schwerer gemacht hatte, als es ohnehin schon war, aber er hatte es gut gemeint.        
            Nach einigen Minuten kam der Kneipenbesitzer wieder zurück und wirkte wieder so vollkommen ruhig und gelassen wie am Nachmittag. "Jetzt gibt es erst einmal einen Schnaps." Und als Alyssa Anstalten machte wieder den Antialkoholiker raushängen zu lassen, fügte er bestimmend hinzu: "Und ich will keine Widerrede hören!" Überraschenderweise fügte sich die Menschenfrau und wir gingen gemeinsam zur Theke herüber.           
            Aus einem Fach unter dem Tresen entnahm er eine unetikettierte Flasche mit einer klaren Flüssigkeit darin. Nacheinander füllte er vier Schnapsgläser und schob jedem von uns eins zu. Dann stopfte er den alten Korken wieder auf den Flaschenhals und verstaute den Brand in seinem Fach.               "Vorsicht! Das ist der gute Hausgemachte."    
Jeder erhob sein Glas zum Toast. "Auf die Wild Cards! Sie kamen keine Sekunde zu früh."    
            Die Gläschen klackten zusammen und wir stürzten ihren Inhalt in unsere Münder. Alyssa krümmte sich etwas und versuchte recht erfolglos ein Husten zu unterdrücken. Mit einem verschmitzten Lächeln sah der Käpt'n zu ihr herüber. Dann atmete er tief durch und kam zum Geschäftlichen zurück.
            "Nach der Nummer von vorhin müssen wir das Geschäft nun leider etwas beschleunigen. Diese kleinen Wichser waren nicht die einzigen von dem Turnverein, der mir auf den Sack geht."           
            "Können wir ihnen vielleicht zur Hand gehen?", wollte Alyssa wissen, die endlich wieder die volle Kontrolle über ihren Körper zurückgewonnen hatte.  
            "Nein danke! Mit denen komm ich klar. Das sind nur temporäre Probleme, die sich für permanente halten. - Ich habe tatsächlich einen Job für sie auftreiben können. Da viele etwas empfindlich sind bei dem Thema, warne ich sie direkt vor: Die Fracht ist magischer Natur."   
            "Das bekommen wir hin. Zwei von uns sind Magier. Ich hoffe nur, dass wir es mit keiner lebenden Fracht zu tun haben."           "Nein, junge Frau. Es handelt sich um Gegenstände. Sie haben drei bis vier Tage Zeit die Fracht bei den Likedeelern in Hamburg abzuliefern."
            "Den was!?", fragte mein Cousin irritiert.        
"Bei den Likedeelern handelt es sich hauptsächlich um ehemalige Shadowrunner, die ein Netzwerk von Schmuggel und Hehlerware aufgebaut haben und in der gesamten ADL  tätig sind.", erklärte ich ihm.           
            "Und darüber hinaus!", fügte Knudson hinzu.
"Haben sie noch einen Lieferschein für uns?"  
            Amüsiert zeigte der Ladenbesitzer mit dem Daumen auf Cone. "Ich hatte schon geahnt für welche Arbeit ER dabei ist. Aber das Kerlchen ist bei euch hoffentlich nicht auch noch für die Buchhaltung zuständig, oder?!"          
            Lachend schüttelte ich den Kopf.        
"Wie schaut es denn mit der Bezahlung aus?", wollte Alyssa wissen.   "Bei solchen Transporten üblich sind zehn Prozent des Frachtwerts. Den erfahren sie von den Likedeelern vor Ort. Sie wissen, wie sie mit denen in Kontakt treten?" 
            "Das ist das kleinste Problem. Ich hab mit denen früher schon zu tun gehabt."          
            "Sehr gut. Richten sie ihnen Grüße vom Käpt'n aus! - Ich bin ihnen sehr dankbar und mir ebenso sicher, dass diese Warnung unnötig ist, aber ich rate ihnen, nicht auf die Idee zu kommen die Ladung verschwinden zu lassen. Die Likedeeler würden sie finden. Und mit denen ist nicht zu Spaßen."         
            "Keine Sorge. Sie haben es mit Profis zu tun."
"Das dachte ich mir schon. Sie finden die Fracht in einer wasserdichten Kiste am dritten Holzpfosten des hiesigen Piers, etwa einen Meter unter der Wasseroberfläche. - Oh und bevor ich es vergesse: ihre Panzerjacke!"          
            Wieder kramte Knudson etwas unter dem Tresen hervor, das sich als ein dickes, mit braunem Packpapier umwickeltes Paket entpuppte. Ich checkte die Größe und bezahlte den Mann für die Ware. Es war endlich an der Zeit aufzubrechen. Der Käpt'n brachte uns zur Tür, wo wir uns von ihm verabschiedeten. Ich war mir sicher, dass wir von dem alten Haudegen noch einmal hören würden. Als wir draußen waren, schloss er die Tür hinter uns ab und wir hörten ein letztes Mal seine Stimme, als er nach seiner Bedienung rief.  
            "Ilsa! Haben wir noch irgendwo die Toxinspritze rumliegen?"
Oder wie es ein anderer Kapitän so schön ausdrücken würde:             Hunderttausend Höllenhunde!
***
            Die gesamte Heimreise verlief angenehm ereignislos. Keine Wikinger Gangs, Geister, Piraten oder gar der Zoll gingen uns auf den Zeiger. In Hamburg angekommen, suchten wir auf direktem Weg die Likedeeler in Amir Mahmuts Kneipe Steppenwolf, in der Großen Freiheit 36 an der Wasserkante auf, wo wir die Kiste ordnungsgemäß ablieferten und dafür die Teamkasse um 50 Riesen bereichern konnten.           
            Zufrieden kehrten wir zur Dead Man's Hand zurück. Largo legte ab, um nahm Kurs auf unseren Heimathafen. Ausgelassen begannen wir mit Bier aus unserem Bordkühlschrank die abgeschlossene Mission zu feiern. Ausnahmsweise wurde mal niemand verletzt oder musste um sein Leben fürchten.   
            "Ey Leute, seid mal ruhig!", rief der Rigger plötzlich dazwischen und wir brauchten einen Moment, um seiner Bitte Folge zu leisten.       
            "Was ist denn, du Spaßbremse?"        
"Ich bekomme gerade einen Anruf von Kabler rein."   
            Stimmt! Den Hacker hatte ich fast vergessen. Wollte der uns nicht bereits vor einigen Tagen zurückrufen und verraten, was er über den Angriff im Kopenhagener Industriefrachthafen herausgefunden hatte?          
            "Moment mal, ich leg dich auf die Konferenzleitung, damit die anderen mithören können."           
            Wir begrüßten Largos alten Kameraden und er legte ohne Umschweife mit seinen Rechercheergebnissen los.      
            "Bei eurem Gegner handelt es sich definitiv um jemand Freischaffendes in der Schattenhelix. Der Kerl ist außerordentlich gut im Verwischen seiner Spuren. Ich hatte den Eindruck, dass er erwartete verfolgt zu werden. Vielleicht ist ihm ja noch jemand anderes auf den Fersen. Jedenfalls bin ich davon überzeugt, dass er oder sie in den Schatten arbeitet."         
            "Könnte er bloß engagiert worden sein? Ich meine, ob jemand anderes hinter dem Angriff als solches stecken könnte?"   "Nein. Es machte auch nicht den Anschein, als gehöre er zu einem Runnerteam. Der Kerl war alleine in Aktion und macht es seinen Verfolgern schwer mehr über ihn herauszufinden. Darum hat es auch so lange gedauert, bis ich mich wieder gemeldet habe." "Und was haben sie herausfinden können?"
"Tja, das ist es ja. Nicht allzu viel. Definitiv sagen kann ich, dass er eine Menge Daten über euch gesammelt hat. Ihr wurdet über eure SINs und Gesichtserkennungssoftware von ihm verfolgt."           
            Mir wurde plötzlich mulmig im Bauch. Ich lehnte mich kurzatmig zurück und wartete auf die unvermeidliche Frage, die kommen musste. Und ich musste nicht lange warten, bis der Hacker sie aussprach. 
            "Die Nummer am Hafen fühlt sich für mich extrem persönlich an. Ihr solltet euch selber folgende Frage stellen: Wer könnte ein Motiv haben euch umzubringen, der nicht persönlich in Erscheinung treten kann oder will?"    
            Wir gingen zunächst die offensichtlichen Kandidaten durch. In unserer kurzen gemeinsamen Geschichte waren wir schon einer Menge Leute böse auf die Füße getreten. Aber weder die Sportkampfmafia, noch das organisierte Verbrechen aus Südamerika oder die AG Chemie machten Sinn.
            "Denkt gut nach! War das der erste Übergriff oder hattet ihr in der jüngsten Vergangenheit seltsame Ereignisse beobachtet?"        "Nun ja,", meldete sich der Rigger zu Wort, "da wäre die Drohne, die uns am Hafen beobachtet hat."       
            "Was für eine Drohne?"          
"Als ich mit Sunetra in Hamburg ankam, erwartete uns eine Drohne. Wir konnten noch nicht herausfinden woher sie kam und was sie von uns wollte."      
            "Sie wollte nichts von euch. Ihr wart nur zufällig da." 
Überrascht sahen alle zu meinem Cousin herüber, der mich mit einem strengen Blick bedachte.            
            "Was meinst du denn damit, Cone?"   
"Die Drohne war hinter Hendrik und mir her." 
            Nun wandten sich alle zu mir herum. Ich fühlte, wie mir die Röte ins Gesicht stieg und sich alles in meinem Bauch verkrampfte.         "Es ist an der Zeit es ihnen zu sagen, Cousin."                       
Nach einigen Momenten stimmte ich ihm widerwillig zu und erzählte ihnen die Geschichte von dem geheimnisvollen, Leute in Stücke reißenden Stalker, der mich meinen Job bei ARGUS gekostet hatte und seit unserem Aufenthalt in Berlin auch Cone ins Visier genommen hatte. Zudem hatte er damals auch die Festplatten von Franks Rechner, meinem alten Kontakt bei meinem alten Arbeitgeber, gelöscht. Nachdem ich fertig war, schlug mir Lightning mehrfach auf die verletzte Schulter. Schuldbewusst ließ ich die Kleine gewähren und erduldete den Schmerz.            
            "Und das hast du Arschloch uns nicht früher erzählt? Warum, Hendrik?"        
            "Ich war mir nicht sicher, ob er es war und wollte euch nicht unnötig beunruhigen. Wir hatten uns erst als Team zusammengerauft und... ich geb ja zu, dass es dumm von mir war."            Die Magierin schien mit meiner Erklärung zufrieden zu sein, denn sie schaute nicht mehr böse drein, sondern wirkte eher nachdenklich. "Naja, vielleicht ist er es ja wirklich nicht."     
            "Für mich klingt das plausibel.", warf Kabler ein. "Ich hab zwischendurch mal die Datenbank der deutschen Polizei gehackt und mir die Autopsie-Berichte von diesem Ur-Großcousin von Adolphe und dem armen Schwein aus der Kneipe in Hamburg gezogen. Beide wurden auf unterschiedliche Weise umgebracht. Beiden gemein ist jedoch der abgehackte linke Arm."      
            Largo kratzte sich am Kinn. "Das passt zu den gefakten Personaldateien, die ich im Netz gefunden habe. Denen fehlte angeblich auch immer ein Körperteil, das sie bei einem Werksunfall verloren hatten."         
            "Bingo!", rief Kabler. "Keine Frage: DAS ist euer Gegner. Er geht höchst professionell zu Werke, weiß seine Identität zu verschleiern und ich glaube fast, dass er bei den Morden nicht mal körperlich anwesend war. Der Knabe ist äußerst gefährlich.
Passt also gut auf euch auf."  
            Es klickte in der Leitung und Largos alter Kampfgenosse war verschwunden. Danach herrschte eisiges Schweigen in der Kabine der Dead Man's Hand. Lange Zeit wagte niemand etwas zu sagen, bis unser Zwerg die Situation auf den Punkt brachte.           
            "Mir ist der Durst vergangen."
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