Sonntag, 10. März 2013

Einmal Schwarzwald und zurück




 Kapitel 1 - Wir sind dann mal weg...
          "Mach doch endlich mal diesen verdammten Krach aus!" Nur mit Mühe konnte ich Alyssas Schrei vom Rücksitz aus wahrnehmen. Viel zu laut beschallten die Lautsprecher des Rover die Fahrgastzelle. Abgesehen davon kam ich aus dem Lachen nicht mehr heraus. Klickend rastete der Lautstärkeregler des Autoradios ein und die Musik verstummte. "Mann, Largo, was ist DAS denn für ein derbes Geschredder?"
          "'Ripped Throat Raping Ghouls'. Die Knüppeln live noch derber aufs Trommelfell ein."  
          Immer noch in mich hinein giggelnd wischte ich mir mit dem Handrücken Tränen aus den Augen und versuchte dabei die Straße im Blick zu behalten.   
          "Cyberporn-Grind, ja?!" Beim Aussprechen des Genrenamens musste ich wieder lachen. Ebenfalls amüsiert entfernte Largo seinen Musikdatenstick aus dem Radio.
"Bin über eine Musikempfehlung von Sunetra drüber gestolpert."
          "Echt? Du hörst auch so einen Scheiß?"
Der einzige Mensch in unserer Gruppe wandte sich der Elfin entsetzt zu. Unbeeindruckt gab diese eine eindrucksvolle Kostprobe des Gesangs solcher Bands wieder - sofern man das Gegrunze und Gejaule so bezeichnen möchte.
          "Ach - du - scheiße! OK, ich glaub dir ja, dass du den Mist wirklich hörst."         
          "Es kann ja nicht jeder Enya hören, wie du."  
Abwehrend warf die Zauberin die Hände in die Luft: "Nur weil ich EIN Album von ihr hab..." Allerdings musste auch sie nun lachen.   
          Ja, wir hatten zur Abwechslung richtig gute Stimmung, denn wir machten Urlaub. Da wir auf unserem letzten Run ziemlich übel zugerichtet worden waren, würden uns ein paar Tage Ruhe sicherlich gut tun. Nachdem wir Aan und ihren Mann Juan am Hafen abgeliefert hatten, war unser Auftrag beendet, denn das Paar galt nun offiziell als vermisst, die Geschäftspartner ihres Vaters waren tot und von uns war nur noch die Hälfte einsatzbereit. Netterweise bezahlte uns Onkel Herb für die gesamte Woche und etwa vierzehn Tage später bekamen wir über Tyler einen Umschlag zugeschickt. Darin war eine Postkarte von Aan und ein Lotterielos. Normalerweise gewinne ich nicht mal abgelaufene Affenscheiße. Darum war ich sehr überrascht, als mich letzten Freitag eine E-Mail darüber informierte, dass wir eine Reise in den Schwarzwald gewonnen hatten.
          In Windeseile hatten wir unsere Sachen gepackt und waren im Rover auf dem langen Weg in den Süden der ADL. Klar, ein Flug wäre deutlich flotter gegangen, aber dann hätten wir alle unsere Argumentationsverstärker zu Hause lassen müssen. Irgendwie war uns unwohl bei dem Gedanken, in einer Hütte im Wald Urlaub zu machen und nichts zur Hand zu haben, um Critter und aufdringliches Pack fernhalten zu können.     
          "Schnallt euch an! Wir kommen zum Grenzposten."
Fast synchron rasteten auf der Rückbank die Sicherheitsgurte ein.        
           
Seitdem die ehemalige BRD 2045 in die Allianz Deutscher Länder umgewandelt worden war, gab es wieder etwas, das seit mehr als 170 Jahren als abgeschafft galt: Grenzkontrollen innerhalb Deutschlands.
          Gerade rollte der Wagen auf die Grenze zu Badisch-Pfalz zu. Typisch für Grenzer, waren die mit Maschinenpistolen ausgestatteten Beamten gepanzert und trugen eine äußerst miese Laune zur Schau. Anscheinend hat irgendjemand mal vor Jahren gedacht, dass es die Leute einschüchtern würde, wenn man das Arschloch raus kehrt, und das dann als Losung ausgegeben. Antiautoritäre Geister wie mich reizt so etwas eher dazu scheißfreundlich zu werden - außerdem fügte es sich gerade so schön in meine gute Stimmung ein.  
          "Moin, Moin, Herr Grenzbewachungsvollzugbeamter."
Er zog die Augen noch mehr zu Schlitzen zusammen und beugte sich etwas zum geöffneten Fahrerfenster herab: "Na, wo wollen SIE denn hin?"  

          "Zum Trollkönigreich im Schwarzwald. Wir haben eine Reise dorthin gewonnen. Klasse, oder?!"        
          "Klar, und ich bin der König von Westphalen."         
"In DEM Fall freue ich mich dem König von Westphalen die Hand schütteln zu können." Provozierend hielt ich ihm dazu meine ausgestreckte Hand hin. Wie zu erwarten reizte ihn das und er warf auf der Suche nach etwas Verdächtigem einen langen Blick in den Wagen.        
          "Was haben wir denn hier? Den  Humanis-Policlub?"
"Neee, wir sind die Bremer Stadtmusikanten."        
          "OK, Klugscheißer, das reicht! Aussteigen! Fahrzeugkontrolle!"
          "Seien sie mein Gast, aber bitte nicht enttäuscht sein, wenn sie nichts finden sollten."      


          Darauf folgte die komplette Prozedur mit Pass-Check, ob wir Lizenzen zum Waffentragen hatten, ob Drogen oder ähnliches im Auto versteckt war usw. usf. Leider konnten sich die anderen dabei nicht so amüsieren wie ich.
          "Musste das sein, Hendrik? Ist es nicht schon schlimm genug, dass wir in einer Hütte im Wald pennen müssen?"
          "Nun reg dich mal ab, Alyssa! Zurück zur Natur wird dir nach all dem Stress der letzten Wochen gut tun. Außerdem wollte ich eh eine Pinkelpause einlegen. Noch jemand Kaffee?"     
          Largo zupfte mir die Thermoskanne aus der Hand und goss sich Soycaf ein. Genüsslich schlürfte er an der Brühe und beobachtete einen Grenzer, der sich an Alyssas Koffer zu schaffen machte. Kaum geöffnet, weiteten sich dessen Augen und er lief rot an. Dezent angeekelt ließ er den Deckel wieder fallen und ging zu einem Kollegen tuscheln. 

          Ich fragte mich noch, was er wohl Seltsames gesehen haben mochte, als Sunetra den Zwerg in meinem Rücken leise fragte: "Sag mal... du hast doch nicht etwa wirklich deine Zwergenpornos in ihren Koffer gepackt, oder?!"     
          Er zuckte unbekümmert mit den Achseln: "Ach, bei mir war einfach kein Platz mehr, musst du wissen. Und ohne meine 'Hart und saftig im tiefen Stollen'-Edition wollte ich einfach nicht aus dem Haus." Dabei begann er leise grunzend zu lachen.        
          "Boah, gibt zu: du hast fest mit einer Grenzkontrolle gerechnet!"
          "ICH?! Aber, aber, Spitzohr! Das wäre ja böööse."


***

          Kurz darauf waren wir wieder auf der Straße und näherten uns mit großen Schritten unserem Ziel. Lightning ließ das Erlebte an der Grenze nicht los: "Habt ihr mitbekommen wie diese Penner mich angeglotzt haben? Und ständig diese zweideutigen Kommentare..."   
          "Öhm... Nee, echt? Ist uns gar nicht aufgefallen."   
Blöderweise konnte sich der Rigger das Grinsen nicht verkneifen.
          "OK, WAS hast du gemacht, du laufendes Köttbullar?"

"ICH hab gar nix gemacht." Alyssa sah ihn noch eine Weile missmutig an und brummelte in sich hinein: "Na warte, ichwerdesschonherausfindenunddann... Sunetra? Alles klar? Du schaust ganz schön blass um die Nase aus."     
          Tatsächlich hielt sich die Elfin krampfhaft am Türhandgriff fest. Sie drehte sich wie in Zeitlupe zu Lightning um. Kleine Schweißperlen bildeten sich auf ihrer Stirn: "Ich weiß es nicht. Es fühlte sich wie etwas an, das ich in Kaltenkirchen zum ersten Mal gespürt hatte."         
          "Du meinst, als wir gegen die 'Àngel de la Muerte' gekämpft hatten?"   
          "Ja. Kurz bevor der Schamane meinen Betäubungsbolzen auf mich zurück geworfen hatte, hörte ich eine leise Stimme zu mir sprechen."    
          Largo drehte sich auf dem Beifahrersitz nach hinten um, die Stirn kraus gezogen: "Etwa eine Stimme in deinem Kopf?!" Sie nickte nur langsam. "Dreh mir ja nicht durch, Kurze!"
          "Aber du hast die Stimme gerade wieder gehört?", bohrte Alyssa nach.
          "Ja, leider verstehe ich nicht, was die Stimme von mir will. Und mir ist gerade ziemlich schwindelig geworden."        
          "Wir sollten herausfinden, womit wir es hier zu tun haben. - Und ICH helfe dir dabei."   
          "Ich denke es ist einen Versuch wert.", stimmte Sunetra nach kurzem Zögern zu.   
          Beide Zauberinnen begaben sich in den Astralraum und ließen nur ihre Körper flach atmend auf der Rückbank zurück. Übellaunig setzte sich der Rigger wieder richtig hin und schnaubte: "Pah! Dieser Magiemist ist gefährlicher Mumpitz. Denk an meine Worte, Iron: Sie alle drehen früher oder später durch! Alle!"

***

          Nach etwa einer Stunde kehrten die beiden in ihre Körper zurück. Viel herausgefunden hatten sie jedoch nicht. Scheinbar handelte es sich um ein wasseraffines Wesen, das mit der Elfin verbunden war. Warum es sich ausgerechnet jetzt meldete war unklar. Die beiden diskutierten noch eine Weile darüber, ob es sich eher um ein Totem oder eher um einen Mentorgeist handeln würde. So oder so empfand ich diese Entwicklung positiv, da es ihr helfen könnte sich wieder an ihre Vergangenheit zu erinnern. Der Rest der Reise verlief weitgehend ereignislos.   
          In dieser Ecke der ADL waren auch nach fast vier Jahrzehnten noch Spuren der Eurokriege zu sehen. Ausgebombte Häuser, verlassene Ortschaften, Mahnmäler, die auf Massengräben des Großen Jihad hinwiesen, und baulich indiskutable Straßen. Das war der reinste Schlaglochmarathon. Man musste geradezu Angst haben um sein Auto. Wenn man nicht aufpasste war die Frage nicht 'ob', sondern 'wie viele' Achsen man sich brechen würde.
Das nächste Mal werde ich nur mit einem Hovercraft wieder kommen.

          An der Grenze zum Trollkönigreich mussten sich Lightning und Sunetra noch ein paar spitze Bemerkungen über ihre Rasse gefallen lassen. Tja, meine Freunde, DAS sind nun mal die toleranten Zeiten in denen wir leben.
Wer weiß wie lange das noch ein Königreich sein wird. Seitdem der verschollene König Bertholt der I. nach zehn Jahren für tot erklärt worden war, bewegte sich der Staat auf eine demokratische Regierungsform zu.       

          Je näher wir unserem Ziel kamen, umso einsamer wurde die Gegend. Dichte, hoch gewachsene Wälder übernahmen die Herrschaft über die Landschaft, die kaum noch durch Straßenschilder im Zaum gehalten wurde.  
          "In was für ein gottverlassenes Loch fährst du uns eigentlich? Hier ist NICHTS!"    
          "Komisch. Ich dachte dir würde es gefallen, wenn wir da hin fahren, von wo sich Gott bereits verpisst hat."   
          "Oach.. sogar das Navi zeigt mehr Störungen als die korrekte Route an. Da! Signal schon wieder verloren."  
          "Ach, Alyssa, nun stell dich nicht so an! Außerdem sind wir auch fast da."         

***

          Knirschend kamen die Reifen des Rover auf dem kiesbewehrten Seitenstreifen zum Stehen. "So, Endstation!" Während sich die anderen erleichtert abschnallten, schaltete ich die Scheinwerfer aus. Doch die empfindlichen Elfenaugen im Wagen nahmen in der Dunkelheit eine Bewegung wahr. "Wartet mal! Ich glaube da ist was."      
Sofort hielten alle inne und sahen gebannt durch die Windschutzscheibe in den tiefen Wald hinein. Ich konnte mich anstrengen so sehr ich wollte, aber ich konnte nichts sehen. "Bist du sicher, Sunetra? Ich meine..."         

          Plötzlich flammte ein greller Scheinwerfer auf, der uns einen Augenblick lang jede Sicht nahm. Ohne Zeit zu verlieren sprang jeder zu seiner Tür heraus und rollte sich mit gezogener Waffe in Deckung.      
          "Hände hoch und keine Spielchen! Mach keinen Blödsinn, Chummer!"   
          Statt sich zu ergeben oder das Feuer zu eröffnen, erklang nur schallendes Gelächter: "Ne seltsame Truppe hast du da, Hendrik. Hat der Zwerg etwa was zu melden?"
          Ich stand auf und steckte die Pistole wieder ins Holster: "Mach die Funzel aus, Cone!"
          Dann wandte ich mich den anderen zu: "Alles OK, Leute, entspannt euch! Darf ich euch meinen Cousin Cone vorstellen?"

          Alyssa stand ebenfalls auf und schlug Cone mit voller Wucht auf die breite Schulter. Er lachte nur.  "Bist du grober Klotz lebensmüde? Wir hätten dich über den Haufen ballern können."
          "Ach Quatsch! Mit euch hätte ich es noch aufgenommen. Mich haut nichts so schnell um. "         
          "Sei dir da mal nicht so sicher. Wir haben in den letzten Wochen so manche Herausforderung gemeistert."   
          "Wie?! Ihr habt ohne mich Spaß gehabt?"      
Mit einem Koffer in der Hand ging ich an den beiden vorbei. "Du musstest ja unbedingt Medizinmann ohne Grenzen spielen. - Nun halt keine Maulaffen feil und hilf uns den Rover zu entladen!"

***

          In der Hütte war zunächst kein Strom. Nachdem Largo in einem kleinen Verschlag sowohl das Klo als auch einen Generator gefunden hatte, konnten wir es uns drinnen gemütlich machen. Leider war Lightning nicht besonders entspannt: "Maden, Zecken, Asseln, Würmer, wilde Tiere... wuäch... Natur!"         
          Sunetra drückte ihr eine Flasche in die Hand und tätschelte der Zauberin tröstend den Oberarm: "Tja, wir mussten dich ja leider mitnehmen, Gajin. Trink ein Bier und genieß die Ruhe!"   
          "Bei all den Hieronymus Bosch Gedenkbildern an den Wänden kann ich mich nun mal nicht entspannen! Da, kannst dein Bier behalten!"

          Die Lithographien, die das Interieur unserer Behausung schmückten, waren in der Tat sehr verstörend. Tiere, die durch Stein wuchsen, um Trauerprozessionen zu zerfleischen. Kopulierende Paare, auf Leichenbergen liegend, die von Mönchen mit grässlich entstellten Fratzen und in Strapsen gekleidet mit Kettensägen zerteilt wurden, und die noch im Tod ekstatische Lust zur Schau stellten. Eltern, die ihre Kinder aßen, während sie von ihrem eigenen Darm erwürgt wurden... ja, ich konnte Lightning verstehen. Andereseits war das auch nichts, was man nicht über ein paar Bier ignorieren konnte.

          Die nächsten Stunden verbrachten wir recht vergnügt mit Musik, Geschichten erzählen und viel Alkohol. Cone fügte sich mit seiner ruppigen Art ungewohnt gut ein. Die Zeichen standen somit optimal für einen kurzweiligen, relaxten Urlaub. Doch wieder waren es Sunetras Zauberinnensinne, die uns in die beunruhigende Wirklichkeit zurück holten.     
          "Lightning! Ich glaube da ist etwas im Astralraum, das mit mir Kontakt aufzunehmen versucht."  
          "Ist es das Wasserwesen?"        
"Wasserwes... Hendrik, wovon reden die?" Mein Cousin beäugte die Zauberinnen misstrauisch und Largo stimmte mit ein.       
          "Sorry, Zaubererkram. Ich hab keine Ahnung. Vielleicht können sie uns mehr sagen, wenn sie aus dem Astralraum zurück sind."   

          Die Elfin schlug als Erste die Augen auf: "Es war das Wort für tödliche Erde... Es, es zieht mich nach unten. Ich... glaube, da ist etwas unter der Hütte."
Alyssa hatte Feuer gefangen: "Schnell, schaut nach, ob es einen Keller gibt!"  
          Grantig maulend quälten wir uns aus dem Sofa und suchten eine Viertelstunde lang, bis wir unter der Couch eine Falltür fanden. Natürlich hatten wir da als letztes nachgesehen. Die Luke war massiv und nur mit Mühe anzuheben. Ihre Scharniere quietschten gequält, als wir sich hoch wuchteten. Nun standen wir vor einem dunklen Loch, das ins Nichts zu führen schien.    
          "So, wer geht runter?" Alyssa sah zu Largo, der nur schnaubte, sich dann aber seinem Schicksal ergab und die Treppe nach unten ging. Ihn zu schicken war logisch, da die Cyberaugen des Zwergs auch über Infravision verfügten und er somit von uns allen in der Nacht am besten sehen konnte. Seine Gestalt verschwand in der Finsternis. Lediglich papiernes Rascheln, Klappern von Gegenständen und schlurfende Schritte drangen daraus hervor.  
          "Hier unten ist jede Menge Krimskrams und Müll. Das ist bloß eine schäbige Abstellkammer."   
          Lightning, die ihn astral begleitet hatte, schüttelte den Kopf: "Nein, Largo. So wie es aussieht ist dort unten alles besessen oder mit Foki magisch aufgeladen."
          "Bitte?!", erklang es entsetzt aus dem Keller.
"Das Puppenhaus, der Teddy und das Glas mit... ich kann nicht genau erkennen was darin ist, strahlen geradezu magisch."
          Daraufhin hörten wir nur ein Poltern und der Zwerg kam mit schnellen Schritten die Treppe heraufgestürzt. Kaum hatte er sich vom ersten Schreck erholt funkelte er Lightning böse an: "Hättest du nicht askennen können BEVOR ich in dieses Gruselkabinett hinabgestiegen bin?"
          "Warum so empfindlich? Ich dachte dir gefällt es so 'tief im Stollen'.", gab sie schnippisch zurück, worauf Largo verstummte.

***

          Kurz darauf brachte Sunetra eine Kiste mit Krempel aus dem Keller mit. Darunter waren Zeitungsartikel aus dem Jahr 2030, das Tagebuch eines unbekannten männlichen Autors und die Gegenstände, die Lightning im Astralraum ausgemacht hatte. In dem Glas schwamm übrigens ein in Formaldehyd eingelegtes Herz. Der Anblick ließ mich an meinen mordenden Stalker denken, weshalb ich eine unangenehme Gänsehaut bekam.      
          "OK, Mädels, was habt ihr herausfinden können?"
"Dieser Schmöker ist eine Mischung aus Tagebuch und Forschungsbericht." Die Menschenzauberin blätterte rasch durch die Seiten des vergilbten Buchs, während sie ihre Erkenntnisse mitteilte: "Wer auch immer der Autor ist, hat in der Pionierzeit magische Forschung betrieben. Darauf deuten unter anderem die Zeitungsartikel aus den Zwanzigern hin. Es geht, soweit ich es verstehe, um Grundlagenforschung im Bereich Magiebündelung und Energieübertragung. Seine Mittel und Vorgehen waren äußerst primitiv."
          Sie suchte weiter im Buch, konnte aber die Stelle, aus der sie zitieren wollte, nicht auf die Schnelle finden. Daher übernahm Sunetra das Reden: "Anfangs hatte der Magier noch Kollegen, die mit ihm forschten. Später allerdings spricht er nur noch von sich als einsamer Wolf. Er hat historische Quellen konsultiert und muss danach religiöse Hintergründe und kultische Riten untersucht haben.
Wenn ich dazu die Beschreibungen der Versuche und Experimente mit berücksichtige, würde ich sagen, dass er sein Augenmerk auf Energieschöpfung durch Blutopfer gelegt hatte."    
          "Blutmagie!?", ächzte Largo.     
"Damit ist nicht zu spaßen, Hendrik." Ich nickte Cone zustimmend zu.  
          "Es gibt da noch mehr.", fuhr Sunetra fort, "Die Einträge werden immer wirrer. Im späteren Verlauf scheint er wieder einen Partner zu haben, der seine Forschung finanziert hat."

          "Hab´s gefunden!" Lightning hob eine Hand ohne die Augen aus dem Buch zu nehmen. "Gegen Ende ist ein Eintrag, der geradezu prophetisch klingt: 'Endlich ist es soweit. Heute Nacht werde ich die Mächte bändigen und die Magieforschung revolutionieren. Mein Name wird in die Geschichte eingehen als der mächtigste lebende Magier, der das Wort der Erwachten Welt verkündete!'" 
          "Tja, scheinbar hat er sich dabei schwer verkalkuliert - wie alle Vollidioten, die nach grenzenloser Macht strebten.", grinste Cone mit verschränkten Armen.         
          Alyssa rieb sich müde mit der Handfläche über das Gesicht: "Ob er vielleicht ZU erfolgreich mit seiner Forschung war und von der beschworenen Energie verzehrt wurde?"
          "Möglich."
Selbst mir wurde es nun zu unheimlich: "OK, mir reicht´s! Ich werde hier nicht länger bleiben als nötig. Wir packen den Krempel wieder in den Keller, schieben die Couch drüber und verpissen uns morgen früh in ein Hotel!"   


          Unglaublich, aber zum ersten Mal an diesem Tag gab mir niemand Widerworte.

***

          Seine Träume ließen Largo in dieser Nacht keine Ruhe. Immer wieder kamen riesenhafte Monster und Geister darin vor, gegen die er machtlos war. Schweißgebadet schreckte er auf und verdrängte den Gedanken an eine Hütte, die ihre Bewohner bei lebendigem Leib auffraß.  
          Kaum hatte er sich davon vergewissert, dass dies die Realität war und kein weiterer Traum, ließ er den Blick durch die Dunkelheit schweifen. Das Blut gefror in seinen Adern, als er erkannte, dass die Couch wieder verschoben war und die Luke offen stand. Seltsame, grauenerregende Laute schienen im Keller ihren Ursprung zu haben. So vorsichtig er konnte, kletterte er aus seinem Feldbett und drückte sich mit dem Rücken an der Wand entlang zur Tür; immer die Luke im Blick behaltend. Endlich im Flur angekommen, schlich er sich zu den anderen und weckte sie.  

          "Mist, das Licht geht nicht.", flüsterte er und drückte verzweifelt immer wieder auf den Schalter. Nach einem Klicken warf meine Taschenlampe einen grellen Lichtkegel ins Wohnzimmer. Total verschlafen tapste Lightning zu den Kerzen auf dem Tisch und zündete sie an.     
          "Stell dich nicht so an, du Angsthase!" 
"Schhhhhhhh, mach es nicht auf uns aufmerksam!" Er legte einen Finger auf die gespitzten Lippen und rollte die Augen hektisch von links nach rechts.   
          "Wo ist Cone? Der hat doch auf der Couch gepennt." Wo zum Geier war der Kerl nun wieder hingelaufen?    
          "Ich.. ich glaube der ist im Keller."      
Alyssa zog geräuschvoll Luft ein und schloss die Augen. "Ja, das ist definitiv dein Cousin im Keller. Seine Astralsignatur wirkt seltsam. Ich kann leider von hier oben nicht mehr erkennen."
          Mir schwante übles: "Sollen wir die Luke zu machen, das Sofa drauf stellen und bis morgen früh warten?"
Sunetra seufzte und schob mich zur Seite: "Lasst mich durch, ich geh nachschauen."       

***

          Vorsichtig stieg die Elfenmagierin die Holzstufen hinab. Sei spürte tief in ihrem Innersten, dass etwas ganz und gar nicht stimmte. Die Präsenz in ihrem Kopf wurde nervös und drängte sie darauf sich zu entfernen. Doch sie ging weiter. Im Keller angelangt konnte sie endlich Cone sehen. Der Ork stand mit dem Rücken zu ihr und brabbelte in einer fremden Stimme vor sich hin. Sie konnte die Worte nicht verstehen, die er murmelte. Was war das für eine Sprache?
          Es half alles nichts. Sie musste in den Astralraum wechseln. Cones Präsenz schien von einer fremden Macht verschlungen zu werden. Nur in ihrem Innersten war noch ein Rest von ihr verblieben. Die Körperumrisse waberten gefährlich glühend und von der Aura stiegen schwarzrote Wölkchen auf, die sich unter der Decke sammelten.

          Sunetra tat einen Schritt auf ihn zu: "Hey, Cone! Alles klar?" Sie wusste, dass die Frage dumm klingen musste, aber irgendetwas musste sie ja sagen.
          Als wäre er aus einer Trance erwacht, drehte sich der Ork auf ihre Ansprache hin um. Sein Gesicht war schmerzverzerrt und seine Augen blutunterlaufen. Aus seiner Kehle quoll eine gurgelnde Stimme: "Noch ein Jäger?"
Sunetra erstarrte zur Salzsäule und konnte ihren Blick nicht von ihm abwenden. Sie wusste instinktiv, dass sie nun wegrennen sollte, aber sie hatte keine Kontrolle mehr über ihren Körper. Panik stieg in ihr auf, als etwas in ihren Kopf kroch. Sie glaubte das Wetzen eines Messers zu hören.
          "Jaa, du wirst sie für mich jagen und mir ihre Herzen bringen!"

***

          Wir hörten die Worte im Stockwerk darüber und Sunetras jenseitiger Schrei verriet uns, dass wir richtig tief in der Scheiße saßen. "Sie ist besessen. LUKE ZU!"
Largo ließ sich das von Alyssa nicht zweimal sagen und verpasste der Luke einen kräftigen Tritt. Kaum traf die Platte den Boden, explodierte sie in den Raum hinein. Die Splitter flogen uns um die Ohren und zwischen zusammengekniffenen Augen konnte ich sehen, wie eine wahnsinnig gewordene Elfe die Treppenstufen hochgestürmt kam.         
          Sie stürzte sich geradewegs auf unsere zweite Magierin und Alyssa stolperte erschrocken ein paar Schritte zurück. Zum Glück haben Orks recht lange Arme. Kaum war Sunetra an mir vorbei, griff ich nach ihr und nutzte ihren Schwung dazu sie in den Schwitzkasten zu bugsieren. Rasend vor Wut strampelte sie mit den Beinen, bäumte ihren Oberkörper immer wieder auf, schnappte mit den Zähnen nach meinen Armen, schrie, geiferte und versuchte sich aus meinem Griff zu winden. Sie war in eine Art Berserkermodus geraten.       
          Ich wollte ihr nicht weh tun, also tat ich das Einzige, das mir noch blieb: Vorsichtig verlagerte ich mein Gewicht und griff so schnell ich konnte mit dem linken Arm um ihren Hals. Als sie in meiner Armbeuge gefangen war, drückte ich langsam zu. 'Verdammt! Werd schon ohnmächtig!'  

          "DREK! Ich kann den Bann nicht lösen! Sie wehrt sich zu stark."  
          "Erzähl mir mehr!", ächzte ich. Das war gerade noch mal gut gegangen. Fast hätte sie den Ausbruch geschafft.  "Versuchs weiter!"          
Dann schielte ich zu Largo rüber, der ehrfurchtsvoll Abstand hielt. Ich hatte ja Verständnis für die Abneigung von vercyberten Personen gegenüber Magie, aber dafür hatten wir keine Zeit: "Und du steh da nicht rum! Mach was!"      

          Zögerlich tippelte er unschlüssig von einem Fuß auf den anderen, holte dann aus und traf Sunetra am Kopf. Dadurch hätte er ihr fast geholfen zu entkommen. Ich erhöhte den Druck auf ihren Hals. Sie schien langsam schwächer zu werden. Gerade als ich Largo wieder anfahren wollte, traf ihn etwas  und er taumelte nach hinten.
Cone stand nun auch bei uns im Raum und prügelte sich im Kerzenschein mit dem Zwerg. Lightning erkannte, dass sie mir nicht mehr helfen musste und konzentrierte sich fortan auf Cone. Sie musste nur einen guten Zeitpunkt abpassen, während er mit Largo durch den Raum wirbelte.         

          Endlich gab Sunetra auf. Ihr Körper erschlaffte in meinen Armen, als sie sich dem Schlaf hingab. Im selben Augenblick schrie der Geist in Cone rasend vor Wut auf. Die Magierin nutzte die Gelegenheit und wirkte einen Bannzauber. Dieses Mal hatte sie Glück. Cones Körper verkrampfte sich und ignorierte Largos Faustschläge.
          "Ihr werdet alle geopfert werden. Die Horde wird euch jagen und euch alle umbringen."
          Unter lautem Getöse, das die gesamte Hütte durchschüttelte, verschwand der Geist.    


          Einen Moment lang hielt ich abwartend inne. War wirklich alles vorbei? Als es still blieb, trug ich Sunetra zur Couch und versuchte sie wieder zu wecken. Um Cone, der keuchend auf dem Holzboden zu sich kam, kümmerten sich Largo und Lightning.    
          "Alles klar, Cousin?"        
Röchelnd kam er wieder auf die Beine, musste sich aber auf Largo abstützen. Dadurch wäre der Ork fast wieder umgefallen, denn der Zwerg eignete sich dafür nämlich nur bedingt. "Was zum Teufel ist das hier? 'Cabin in the Blackwood Forest'!?"    
          Endlich öffnete die Elfin wieder die Augen. "Die Stimme in meinem Kopf ist wütend."     
          Instinktiv wappnete ich mich daraufhin, mich wieder gegen sie wehren zu müssen. Sie ergriff schwach meine Hand und lächelte gequält: "Nein... sie ist nicht sauer auf euch. Sie hasst den Geist, der uns beide kontrolliert hat."       Beruhigt half ich ihr hoch: "Scheiß auf morgen früh! Wir verlassen sofort dieses Drecksloch!"
          "Ein Glück hab ich erst gar nicht ausgepackt." Alyssa flitzte sofort in ihr Zimmer, um ihre Koffer zu holen. Es dauerte keine fünf Minuten bis wir all unsere Habe wieder in den Rover gestopft hatten und abfahrbereit waren. Ich warf einen letzten Blick auf die Hütte und verfluchte sie leise. Dann startete ich den Motor, wendete den Wagen und rollte wieder zurück auf die einsame Straße, die uns an diesen deprimierenden Ort geführt hatte.      
          "Na, wenigstens ist noch mal alles gut gegangen. Ich verspreche euch erst wieder anzuhalten, wenn wir ein schönes Hotel gefunden haben."         


          Das Schlimmste ist, dass ich das auch noch geglaubt hatte...

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