Sonntag, 10. März 2013

Einmal Schwarzwald und zurück



 Kapitel 2 - The Hound of Blackwood Forest
          Bedrohlich dunkel, riesenhaft, geradezu angriffslustig huschten links und rechts der Landstraße die nächtlichen Fratzen des Waldes vorbei. Anhänglich waren sie - die Bilder, die wir in den Bäumen zu erkennen glaubten. Bilder, die dem Rover immerzu dicht auf den Fersen waren und unsere fluchtartige Abreise aus der Urlaubshütte des Grauens antrieben.
          Zudem war uns kalt. Doch war es nicht die Sorte Kälte, die man durch eine hochgefahrene Heizung vertreiben kann. Es war die Kälte, die Angst und Panik wie der erzwungene dritte Skatkumpel begleitete. Sie kriecht einem zuerst unter die Haut, dann den Nacken hoch, bis sie einen am Schlafittchen gepackt hat. Schließlich krallt sich dieser Parasit in den Knochen fest und lässt einen nicht mehr los.
Ich hatte seit unserer Abfahrt eine hartnäckige Gänsehaut, selbst jetzt noch, nachdem wir fast sechs Kilometer Abstand zwischen uns und die unheimliche Hütte gebracht hatten.
          Niemanden hatte das Ereignis unbeeindruckt gelassen. Auch unsere toughen Magierinnen konnten nicht die Anwesenheit des unsichtbaren fünften Fahrgasts leugnen. Besorgt blickten Lightning und Sunetra zu ihren Türfenstern nach draußen und hielten nach Dingen Ausschau, die man für gewöhnlich, selbst in der Erwachten Welt, nicht auf normalen Wege sehen kann.
Largo, unser zwergischer Rigger, versuchte die Kälte der Angst durch Wut zu vertreiben und redete sich selbst in Rage: "Verdammte Magie! Verdammte Drecksgeister - und verdammt seien die Zauberer mit ihren unseligen Experimenten!"
          Frustriert schlug er so hart auf die Mittelkonsole, dass ich befürchtete, er könnte den Airbag auslösen. Während Sunetra den Zwerg ignorierte, nahm Lightning die Aufforderung zum Wortgefecht nur zu gerne an und ließ ebenfalls Dampf ab: "Ey, Kurzer! Deine ach so verfluchten Zauberrinnen haben dir mit ihren arkanen Fertigkeiten schon ein paarmal den Arsch gerettet!"
"Ach, ich meine doch nicht euch... du weißt, dass ich... ach es ist nur all das Gerede  von Blutmagie, Menschenopfern und Geistern, die uns an den Kragen wollen..."    
          Er seufzte schwer und sank ein wenig in sich zusammen. Ich konnte seine Frustration verstehen. Wenn man sich nur mit physischen Mitteln gegen etwas wehren kann, das diese Ebene der Existenz hinter sich gelassen hatte, fühlt man sich ziemlich hilflos. Wir hatten in der Hütte Glück gehabt, dass niemand von uns ernsthaft zu Schaden gekommen war. Sunetra erholte sich rasch von dem Schlummer, in den ich sie schicken musste und mein Cousin Cone hatte kaum Erinnerung daran, dass ein blutgieriger Geist sich seines Verstandes bemächtigt hatte. Auf der anderen Seite muss es auch ein sehr einseitiger Kampf für den Geist gewesen sein.        
          Cone jedenfalls war nicht so einfach klein zu kriegen. Kaum fünf Minuten, nachdem wir den Geist vertrieben hatten, saß er schon wieder auf seiner Trollhammer und düste hinter uns die Straße den Berg hinab.     
          "VORSICHT!"
Mit einer Hand auf der Konsole abgestützt, presste Largo sich in den Beifahrersitz und zeigte mit der anderen nach vorne. Verdammt noch mal! Ich hatte nur kurz im Rückspiegel nach Cone Ausschau gehalten und nun DAS:         Kaum in den Tunnel reingefahren, der durch den Berg getrieben worden war, endete er schon nach knapp fünfzig Metern urplötzlich. Geröll- und Gesteinsmassen waren von der Decke eingebrochen und blockierten den Weg auf der gesamten Breite. Reflexartig trat ich das Bremspedal durch und versuchte den Wagen auf kürzester Distanz zum Stehen zu bringen.
          Augenblicklich blockierten die Reifen und das Auto begann zu schlingern. Irgendwie war es mir gelungen zu verhindern, dass wir herum geschleudert wurden, aber seine letzte kinetische Energie gab der Wagen an einen großen Felsbrocken weiter.         

          Langsam löste ich meine verkrampften Finger von dem Lenkrad und stieg aus. Seltsamerweise schien mich der Wackelpudding, den ich einst Knie nannte, tragen zu können.
          "Alles klar bei euch?" Die anderen nickten. Glücklicherweise machte Cone mir mein Manöver nicht nach und brachte die Trollhammer neben mir zum Stehen. "Du hast da was auf der Motorhaube, Hendrik."    
          "Ich will nicht mal daran denken, was mich die Werkstatt wieder kosten wird." Ich musste einen Moment durchatmen, bevor ich weiter sprach: "WAS ist hier los? Es gab kein Erdbeben... und eine Sprengung hätten wir auf diese Entfernung gehört."         
          Cone nickte zustimmend: "Mir fällt auch keine gute Erklärung für diesen Felssturz ein. Auf dem Hinweg war noch alles frei." 
          Mit einem mal wendete er sein Motorrad und fuhr langsam wieder aus dem Tunnel heraus.
"Was hast du vor?", brüllte ich ihm hinterher, aber entweder ignorierte er mich oder konnte mich schon nicht mehr hören.
          Ich fluchte in mich hinein, stieg wieder in den Rover und fuhr ebenfalls zum Tunnelausgang. Während die Magierinnen drinnen sitzen blieben, observierten wir Männer die Gegend vor dem Tunnel.   
          Entfernt war das Bullern der Trollhammer zu hören. Ich hatte keine Ahnung, was Cone da vor hatte, aber ich wusste, dass es keine gute Idee sein konnte sich allzu weit von der Herde zu entfernen.


***

          Gemächlich ließ Cone sein Bike die Straße entlang rollen und seinen Kopf von einer Seite zur anderen wandern. Er hatte den Tunnel nun schon ein gutes Stück hinter sich gelassen, aber er konnte keine Gefahr entdecken. Was auch immer den Tunnel zum Einstürzen gebracht hatte, schien hier nicht auf sie zu lauern. Hier umgab sie nur der dunkle Wald mit seinen raschelnden Bäumen.
Der Ork schnaubte, ärgerlich darüber, dass er sich von der nervösen Stimmung hatte anstecken lassen.   
          Das nächste mal würde er einem Geist, der sich an ihn ranmachen wollte, das Fressbrett verbiegen. Ihm war augenblicklich klar, wie dämlich der Gedanke war, aber er fühlte wieder wie Zuversicht in ihn zurück kehrte. Er schüttelte den letzten Rest des Fröstelns ab und machte sich daran die Trollhammer wieder zu wenden. Er sollte nun zu den anderen zurück kehren.       
          Derart in Gedanken versunken, nahm er die Bewegung zu seiner Rechten nicht rechtzeitig wahr.     

***

          Wehleidig wandte ich mich von meinem verbeulten Rover ab und blickte erneut in die Nacht hinaus.
"Mach dir nichts draus. Das ist nichts, das ich zu Hause nicht wieder hinbiegen könnte.", schmunzelte Largo müde und seufzte dann leise: "Ich komme mir in diesem Wald aus Grimms Hölle ziemlich nutzlos vor. Was gäbe ich jetzt für eine ordentliche Prügelei - du weißt schon: mit einem Gegner, der sich nicht in Luft auflösen und verpissen kann."
Dann sah er mit leicht schief gelegtem Kopf aus den Augenwinkeln schräg zu mir hoch: "Was meinst du, Großer?"
          "Ach, ich weiß nur, dass ich diesmal nicht Frank anzurufen brauche."     
          Sein Lächeln verschob sich mehr und mehr zu einem Grinsen und als ich dann betont gelangweilt zu ihm herab sah, brachen wir in der Sekunde darauf in schallendes Gelächter aus.        
          Der Zwerg hielt plötzlich inne und lauschte angestrengt. "Sei mal ruhig!"         
          Doch es war mir unmöglich den Lachflash direkt abzuwürgen. Einige Sekunden später zischte er mich daher streng an: "Schhhhhhht!"
          Immer noch glucksend wischte ich mir eine Lachträne von der Wange. "Was ist denn?"    
          "Hör doch!" 
Nun tat ich es ihm gleich und sperrte die Lauscher auf. Tatsächlich! Da war eine Stimme. Nur was rief sie bloß? Der Wind zerrte an den Worten und... ich glaubte noch etwas anderes zu entdecken. Einen dunklen, fast kehligen Ton.
So standen wir dann noch einige Momente da, bis es endlich klar und deutlich zu hören war.  
          "DREK! Das ist Cone!"     

***

          Instinktiv schlug Cone nach dem Ding, das ihn von seinem Motorrad gerissen hatte. Nach mehrmaligem Überschlagen war er im Staub des Asphalts gelandet. Zunächst völlig perplex darüber, dass ihn etwas so kalt erwischen konnte, brauchte er einen Augenblick, bis er auf das zähnefletschende Etwas reagierte, das sich über ihn her machte.
          Die Trollhammer war ihres Fahrers beraubt nach einigen Metern so umgekippt, dass  ihr Scheinwerfer eine Lichtschneise über den Ork zog. Derart geblendet, konnte er kaum sehen, was ihn angriff. Er wusste nur, dass es mindestens vier Beine haben musste und bestialisch aus dem Maul stank.  Cones Schlag ging ins Leere, aber was auch immer ihn angefallen hatte wich für den Moment zurück.
          Sofort nutzte er die Gelegenheit und tastete sich nach einer seiner Waffen ab. Holster – leer! Stiefelschaft – Kampfmesser weg! Ein schneller Griff zum Schlagstock am Gürtel – Fehlanzeige! Er musste alle seine Waffen beim Sturz verloren haben.     
          Die Erkenntnis sich mit bloßen Händen gegen einen Critter wehren zu müssen, ließ etwas in Cones Eingeweiden zu einem kleinen eisigen Klumpen schrumpfen. Mit einem mal war die Angst wieder zurück. Scheinbar hatte das Tier absichtlich auf diesen Moment gewartet. Im Versuch die Angst in lähmende Panik zu verwandeln ergoss sich ein Knurren wie ein Donnergrollen aus seiner Kehle und strich durch Cones sich aufstellende Haare.
          Es ging wieder zum Angriff über und zum ersten Mal in seinem Leben schrie Cone um Hilfe.

***

          „Komm schon!“     
„Geht nicht schneller! Vielleicht ist dir ja aufgefallen, dass ich deutlich kleiner bin als du!“       
          „Quatsch nicht und renn!"
Ohne weiter auf den Zwerg zu achten, legte ich eine Zahn zu und sprintete auf den Lichtkegel zu, in dem sich Cone mit irgendetwas prügelte. Ich war aber noch zu weit weg um Details erkennen zu können. Es musste ein Tier sein, so wie es sich bewegte.     
          Mein Cousin krabbelte nun rücklings von dem Angreifer weg und schlug unkoordiniert um sich. Das Tier wich geschickt seinen Armen aus und schnappte immer wieder nach ihnen. War das etwa ein Hund? Nach einigen Metern war ich mir sicher, dass wir es mit einem großen Hund mit schwarzem Fell zu tun hatten. Wo war der denn her gekommen? Egal. Ich erhöhte noch ein letztes mal meine Geschwindigkeit, ließ das letzte Stück hinter mir und stürzte mich aus dem Lauf auf den Köter, der sich gerade in Cones Lederjacke verbissen hatte.     
          Die Wucht des Aufpralls raubte dem Tier die Luft und es wurde mit mir über den Asphalt gewürfelt. Leider erholte sich das elende Vieh viel zu schnell von meinem Angriff. Kaum wieder auf den Beinen, wandte es sich nun mir zu und griff an. Gerade noch rechtzeitig konnte ich meinen rechten Arm nach hinten wegziehen und mit der linken Faust einen Treffer in der Flanke des Köters verbuchen. Ohne sich davon irritieren zu lassen, schnappte er einfach nach dem anderen Arm und ritzte mir den Handrücken auf. Scheiße! Warum müssen die kleinen Wunden immer so viel mehr weh tun, als eine richtige Verletzung?     
          Da es nun Blut geleckt hatte, wurde das Tier noch wilder und wollte sich an mir zu meiner Kehle hochziehen. Ungelenk stieß ich den Hund weg. Bevor er mich wieder angreifen konnte, schlug Cone nach ihm. Irritierte blickte das Vieh mit bösen Augen zwischen uns hin und her. Nun, da wir die Oberhand hatten, drängten wir es Stück für Stück zurück, bis es scheinbar genug von dem orkischen Snack hatte, der sich nicht fressen lassen wollte.     
          Für einen Moment erwartete ich, dass es mit eingekniffenem Schwanz wegrennen würde. Dann aber schien es die Luft um sich herum aufzusaugen und seine Augen bekamen einen seltsam glimmenden Glanz. Die Temperatur stieg plötzlich an und ich wusste, dass ich hier weg musste. Ich hechtete zur Seite – und keine Sekunde zu früh. Aus dem Maul des Hundes loderte ein Flammenstrahl, der sich wie ein Teppich fächerförmig über den Boden ausrollte und alles in seinem Weg vernichtete.
Das war verdammt knapp.        
          Ich berufe mich an dieser Stelle darauf, dass die Schweißperlen auf meiner Stirn von der Anstrengung und dem Feuer kamen und nicht etwa davon, dass mir gerade mein Arsch auf Grundeis ging. 
          Ich rollte mich auf den Rücken und der Critter nutzte seine Chance um mir wieder auf die Pelle zu rücken. Die Vorderläufe auf meinen Brustkorb gestellt, bereitete  er sich mit einem weiteren Luftzug darauf vor mir das Gesicht wegzubraten.
          Was serviert man eigentlich zu geröstetem Ork? Weißwein? Bier?         
          Ein Schuss aus Largos Pistole und die daraufhin platzende Schädeldecke des Critters, setzten meinen morbiden Gedanken ein jähes Ende. Ich atmete tief durch und schob dann den stinkenden Kadaver von mir herunter. Während der Zwerg seinen Argumentationsverstärker wieder ins Holster gleiten ließ, rappelte ich mich kurzatmig auf.
          „Eurem Mädchencatchen kann man echt nicht zuschauen. Wenigstens hast du am Ende kurz still gehalten. Hätte mir echt keine Freude gemacht dich abzuknallen.“
          „Danke. Falls ich jemals bei einer Wilhelm Tell Aufführung mitmachen sollte, wirst du meine erste Wahl für die Hauptrolle sein.“ 
          Ein knirschendes Schmatzen zog unsere Aufmerksamkeit auf sich. ‚Die Bestie wird doch nicht etwa…‘, dachte ich mir, aber dann sah ich Cone, der keine Zeit verlor und sich mit seinem Messer über den Kadaver her machte.
          „Was machst du da zum Teufel!?“ Der Zwerg verzog das Gesicht angewidert. Der Brustkorb brach auf und Cone wühlte in den Eingeweiden herum.         
          „Ich kenne mich ziemlich gut mit Crittern aus und will wissen was mich da angefallen hat.“     
          „Und dazu musst du es aufschneiden?!“         
„Nimm es als 'ne Art Trauma Therapie, wenn du dich dann besser fühlst.“ Largo schüttelte fassungslos den Kopf und wandte sich der Nacht zu.    
          Der Anblick war wirklich nicht besonders appetitlich. Schließlich beendete mein Cousin die spontane Obduktion und fasste sein Ergebnis fachmännisch zusammen: 
          „Ein Höllenhund.“  
„Ach neeee! Dass das nicht Grisu der Drache ist, hab ich mir auch schon gedacht!“ Largo fasste sich an den Kopf. Mitleidig dachte ich mir, dass er sich an solche Dialoge besser gewöhnen sollte, wenn mein Cousin anwesend ist.         Endlich kamen auch unsere Zauberinnen zu uns gelaufen."Was war denn hier los?"     
          "Cone hat einen neuen Spielkameraden gefunden. Aber der mochte ihn nicht."         
          Sunetra kratzte sich gedankenverloren an der Wange während sie den Kadaver des Critters betrachtete. "Irgendwie passt die Anwesenheit des Höllenhunds zu unserer Situation."      
          "Inwiefern?"
"Nun, ich hab mich vorhin mit Alyssa besprochen. Dabei haben wir uns ein wenig im Astralraum umgesehen und eine magische Barriere entdeckt, die das gesamte Areal umgibt. Wir vermuten, dass wir uns im Refugium eines Magiers befinden."
          "Meinst du damit das Arschloch, das seinen Geist auf mich gehetzt hat?"          Lightning verdrehte die Augen: "Nein. Der wurde höchstwahrscheinlich während der Beschwörung des Geistes von ihm verzehrt. Das würde erklären, warum die Tagebucheinträge auf einmal aufhörten. Außerdem verfallen magische Refugien nach maximal zehn Jahren. Und erinnert euch, dass die Beschwörung vor mehr als vier Jahrzehnten stattgefunden haben muss!"     
          Mir kam ein gruseliger Gedanke in den Sinn: "Wenn der Geist so stark ist, könnte er dann das hier zu seinem Refugium erklärt haben?"      
          "Das ist durchaus möglich bei freien Geistern."
"Oh nein, bloß das nicht!", stöhnte Largo.      
          "OK, warum, meinst du, dass dieses Vieh hier rein passt?"
"Du musst wissen, dass es sich bei Höllenhunden um magisch aktive Critter handelt. Er könnte durch die Konzentration von magischer Energie hier her gelockt worden sein."        
          "Aber ich wundere mich warum er alleine unterwegs war.", warf Lightning ein, "Höllenhunde sind nämlich normalerweise in Rudeln unterwegs. Im Astralraum kann ich in all dem Nebel nur seine Signatur erkennen."
Betreten und unschlüssig standen wir anderen etwas verloren auf der Straße herum. Was, wenn die Freunde des Critters auftauchen sollten? Ich fühlte mich mit einem mal unangenehm exponiert und es fröstelte mich wieder. Aber wo sollten wir hin?      
          Schließlich brach Alyssa das Schweigen: "Ähm, nachdem wir die Exkursion in Magietheorie und Critterkunde beendet haben, sollten wir uns einen sicheren Ort suchen."
          "Nur wo hin? - Sunetra, alles klar?"     
Irritiert sah die Elfin zu dem Rigger: "Bitte?!"
"Du hattest gerade wieder diesen glasigen Blick drauf!"
          "Öhm... die Stimme hat gerade wieder zu mir gesprochen. Sie... sie will dass ich sie verfolge und alle töte." Alyssa zog misstrauisch eine Augenbraue hoch: "Wen sollst du.... töten?" 
          Die Elfenmagierin sog hörbar Luft ein und stieß sie in einem langen Seufzer wieder aus: "Oah man! Entspann dich mal wieder! Ihr stellt für mich keine Gefahr dar und das weiß die Stimme auch. Ich glaube sie meint die Höllenhunde."
          "Kannst du uns zum Ursprung der astralen Signatur führen, Alyssa?"     
Sie grinste mich an und zeigte dann wortlos auf ein Waldstück, das hinter einer Wiese zu unserer Linken lag.
          "Na dann, nichts wie los!"

***

          Nachdem wir Cones geliebte Trollhammer bei meinem Rover abgestellt und eine Taschenlampe aus dem Wagen eingepackt hatten, machten wir uns auf den Weg. Lightning folgte in der Astralsicht der Spur und lotste uns durch die hochgewachsene, verwilderte Wiese. Am Waldrand angekommen, zupfte Largo an Sunetras Ärmel.    
          "Hey, Langohr! Schau mal unauffällig hinter uns! Täusch ich mich oder ist da jemand?" Tatsächlich konnten wir einen zarten Lichtschein auf der Straße sehen. Sofort schaltete ich die Taschenlampe aus. Wir blieben stehen, so dass die Magierin in Ruhe nachsehen konnte. Sie wechselte kurzerhand in die astrale Ebene, kehrte aber rasch in ihren Körper zurück. "Da sind mehrere Personen an der Stelle, an der ihr den Critter erledigt habt. So wie sie da stehen scheinen sie sich zu beraten."   
          "Vielleicht sind sie ja freundlich."         
Lightning lachte kurz auf: "Ach Cone, du hast echt nicht viele Horror-Trids gesehen, oder?" In der Dunkelheit ist es schwer zu erkennen wo man sich gerade befand, aber der Mond schien hell an diesem Abend, also wagte ich eine Schätzung abzugeben: "Wir sind etwa 250 bis 300 Meter von der Straße entfernt. Wenn wir in den Wald gehen und uns ruhig verhalten, sollten sie uns nicht entdecken." 
          "Kommt mal schnell her! Ich glaub, ich hab hier was gefunden!" Largo war von uns unbemerkt bereits in den Wald gestapft und zerrte mit beiden Händen an mehreren Ästen. Dabei legte er etwas frei, das im fahlen Mondlicht silbrig schimmerte.          
          "Ist das ein Lüftungsrohr?"        
"Ich glaube schon. Das Rohr kommt hier vorne aus dem Boden und wurde oberirdisch verlegt. Mehr notdürftig wurde es dann mit Gestrüpp und Büschen getarnt."     
          "Ich hab eine Idee: Lightning und ich sollten in den Astralraum wechseln und sehen, ob wir mehr herausfinden können. Dann müsst ihr aber auf unsere Körper aufpassen!"
          "Ach wenn das alles ist." Cone tätschelte den Griff seines Kampfmessers, beruhigte die Elfin damit aber nur bedingt.
          "Ähm... in der Zwischenzeit könnt ihr ja dieses... Rohr untersuchen."
Das klang nach einem Plan. Die Zauberinnen legten sich auf den Waldboden und während ich mit meinem Cousin Wache hielt, kramte Largo eine kleine Schatulle aus seiner Lederjacke. Darin befand sich eine Drohne von der Größe einer Heuschrecke. Wie das lebende Insekt hatte es ebenfalls mehrere Beinpaare. Der Zwerg setzte die Drohne an eine Öffnung, die mit einem breitmaschigen Gitter versperrt war. Sofort machte sich der Roboter daran, an dem Hindernis vorbei in den Lüftungsschacht zu klettern.
Es war mit einem mal sehr still geworden. Nachdenklich sah ich mit Cone Richtung Straße und versuchte erfolglos etwas mehr zu erkennen, als einen hellen Fleck, dessen Größe sich immer wieder veränderte. Scheinbar bewegten sie sich nun irgend wo hin. Da ich nicht feststellen konnte, ob sie auf uns zu oder von uns weg gingen, lauschte ich den Geräuschen des Waldes. Der Wind hatte nachgelassen und nur noch leise raschelten die Blätter der Bäume über uns. Im Wald selbst konnte ich kein Leben aus machen. Falls es in der Gegend Wild gab, war es sicher vor dem Höllenhund geflohen.
          Hinter mir knackste plötzlich ein Ast. Halb in der Erwartung eines Gegners schrak ich herum. Doch es stand nur Largo vor mir, der abwehrend die Hände hob: "Easy, Großer! Ich hab die Suche abgebrochen. Das Rohr knickt in regelmäßigen Abständen immer wieder ab und verschwindet im Boden. Wenn ich raten müsste, würde ich sagen, dass sich unter uns eine Bunkeranlage befindet."         
          "Hier bleiben können wir nicht. Die Lüftung ist unsere beste Spur. Wir sollten sehen, wo sie hin führt."
Mir fiel nichts besseres ein. Also nickte ich Cone zu und rüttelte sanft an den Schultern der Magierinnen, damit sie zurück kämen. Lightning sprang fast augenblicklich auf.
          "Wir sollten schnellstmöglich hier weg."         
"Was habt ihr denn rausfinden können?"        
          "Also es sind sechs Humanoide, die sich in Formation auf unsere Position zu bewegen. Vielleicht raten sie nur wo wir sind; hoffe ich zumindest. Denn wenn die einen Magier bei sich haben, werden wir nicht weit kommen."    
          Nun rappelte sich auch Sunetra auf und klopfte sich Nadeln und kleine Äste aus der Kleidung. "Wir haben es mit Soldaten zu tun oder mit jemandem, der militärisch ausgebildet wurde."  
          "Ihr habt mich überzeugt. Wir werden dem Lüftungsrohr folgen. Largo du hast die besten Augen. Geh vor und weise uns den Weg!" 

***

          Ein paar Minuten später stießen wir auf eine Art Transportluke, die mit einem Magnetschloss gesichert war. Glücklicherweise ist kaum ein Schloss vor meinen flinken Fingern sicher, und da ich nie ohne meine kleinen Hilfsmittel aus dem Haus gehe, knackte ich den Mechanismus in kürzester Zeit.
          Vor uns erstreckte sich ein enger Gang, dessen Decke nur knapp eineinhalb Meter hoch war. Wir mussten uns also hintereinander hineinzwängen. Als Schlusslicht unserer Gruppe verriegelte ich die Luke wieder, falls unsere Verfolger sie genauer unter die Lupe nehmen sollten.
          "Da vorne wird der Gang breiter!", flüsterte Largo, der als einziger von uns aufrecht gehen konnte.   
          "Endlich! Ich bekomme es hier noch ins Kreuz.", schnaubte Cone und drängelte den Zwerg schneller zu gehen. Nach einigen Metern standen wir in einem unbeleuchteten Raum.    
          "Oh, oh....", entfuhr es dem Zwerg.    
Hab ich schon erwähnt, dass ich Ansagen wie 'Oh, oh', 'Ups' und 'Och neeee!' wie die Pest leiden kann? Stets künden sie von Ärger, dem die Phrase in keinster Weise gerecht wird.         Genervt schaltete ich meine Taschenlampe wieder ein und leuchtete damit den Raum aus. Am anderen Ende konnte ich eine Tür sehen und zu unseren Seiten war... der Anblick ließ mir das Blut in den Adern gefrieren und ich schaltete die Taschenlampe so schnell wieder aus, wie ich sie zum Einsatz gebracht hatte.     
          Alyssa war wie so oft die erste, die die Sprache wieder fand: "Hab ich gerade richtig gesehen, dass..."
          "Japp!"
"Also wir sind in einem Raum mit..."   
          "Japp!"
"Es ist mehr als einer?"   
          "Japp!"
"Und unser einziger Weg führt hier durch?"    
          "Japp!"
"Wenn du mir noch ein einziges mal so einen Spruch drückst, wie dass mir ein bisschen zurück zur Natur gut tun würde, ramm ich dir einen Bleistift ins Auge!"
          "Schhhht!"
"Nein, Sunetra! Dieser Vollidiot hat uns geradewegs in einen Zwinger mit Höllenhunden geführt!"    
          "Sei ruhig, Gajin!", zischte die Elfe, "Du weckst noch die Tiere auf und dann sind wir nur noch Futter! Also reiß dich zusammen! Zurück können wir nicht. Wir schleichen uns jetzt hier durch und gut ist!"   
          Beleidigt murmelte Alyssa noch etwas von "Scheißurlaub" und "Hinterwäldlerromantik", hielt dann aber die Klappe.        
          Noch waren die Critter selig am Schlummern. Auf Zehenspitzen bewegten wir uns ganz langsam durch den Raum. Kaum hatten wir die Tür erreicht, wurde das Exemplar im nächsten Käfig unruhig und beobachte uns. Ich redete mit Engelszungen auf das Tier ein und betete zu den Göttern, an die ich nicht glaubte, dass das Vieh zu müde und satt war, um Ärger zu machen.         
          Erlösend öffnete sich die Tür in meinem Rücken und ein Lichtstrahl drängte sich in den Raum. Nun wachten auch die anderen Hunde auf. Zügig zogen wir uns aus dem Zwinger zurück und schlossen die Tür wieder.     
          "Puh, das war knapp!" Cone streckte sich erleichtert und wollte den breiten Gang durchschreiten, in dem wir uns nun befanden, doch die Elfin hielt ihn am Arm fest.
          "Was hast du denn?"       
"Hier sind zwei Watcher, die die Türen auf unserer Wandseite beobachten."    
          Der Ex-Ganger kniff die Augen zusammen und versuchte jemanden außer uns zu sehen, scheiterte aber wie zu erwarten. "Und... machen sie was?"       
          "Sie scheinen nicht auf uns zu reagieren."      
Largo hatte wohl einen Verdacht, denn er ging zur nächsten Tür, öffnete sie, sah hinein und kontrollierte dann die nächsten Räume daneben. Schließlich kam er zu uns zurück und sah nicht besonders glücklich aus: "Hinter jeder Tür ist ein weiter Zwinger und ich wette bei den Türen zur Linken wird's nicht anders sein."       
          "Was zum Teufel wollen die mit so vielen Höllenhunden? Setzen die die Viecher zur Bewachung des Waldes über dem Bunker ein?"         
          "Vermutlich sollen die Watcher Alarm geben, falls die Tiere in die Anlage einbrechen sollten. Das würde erklären, warum sie immer noch regungslos verharren." 
          Alyssa zeigte auf eine Tür auf der anderen Seite: "Diese Tür beobachten sie aber nicht." 
          Irgendwo mussten wir hin und da war dieser Weg so gut wie jeder andere. Die Tür war zunächst verschlossen, konnte meinem Dietrich aber nicht lange Widerstand leisten. Vor uns lag nun ein schmaler Gang, wie man ihn wohl in jedem x-beliebigen Bürogebäude hätte finden können.
Zielsicher steuerte ich die nächstliegende Tür an, öffnete sie leise einen Spalt breit und sah hinein. Vor einem Pult mit mehreren AR-Monitoren saßen zwei Sicherheitsmänner, die die virtuellen Bildschirme beobachteten. Sie hatten keinen Schimmer, dass wir uns hier befanden. Ohne die Tür wieder zu schließen, winkte ich Sunetra herbei. Aus unseren früheren Aufträgen wusste ich, dass sie einen extrem leisen Tritt hat. Mit ihr hätten wir die beste Chance die beiden zu überwältigen ohne Alarm auszulösen.  
          Mittels Handzeichen teilte ich ihr meinen Plan mit. Sie nickte ernst und zog ihr Katana aus der Scheide auf dem Rücken. Langsam ließ ich die Tür weiter aufgleiten. Wir schlüpften behände hindurch. Die Magierin sollte sich um den rechten Kerl kümmern, während ich mir den linken vorknöpfte. Als ich noch einen halben Meter von meinem Ziel entfernt war, bewegte sich Sunetras Mann. Sie war so extrem leise, dass er nur eine Bewegung aus dem Augenwinkel wahrgenommen haben konnte. Seine Aufmerksamkeit wurde ihm zum Verhängnis.
          Ohne ihm Zeit zu geben Alarm zu schlagen, führte die Elfin eine elegante Bewegung aus, bei der ihr Schwertarm rasch die Seiten wechselte. Ihr Streich mit dem Katana zeichnete eine rote Spur aus feinen Blutströpfchen an die Wand.
          Der Kopf des Mannes polterte ohne weiteren Protest schwer auf den Boden, was der Halsarterie die Gelegenheit gab einen traurigroten Salut an Decke, Wände und mein Ziel zu feuern, bevor auch der Körper vom Stuhl rutschte und unter dem Tisch weiter ausblutete.      
          Inzwischen befand sich meine Colt bereits unter dem Kinn des Sicherheitsmanns und ich zog ihn mit dem linken Arm umklammernd von der Konsole weg. "Drek!", entfuhr es ihm. 
          Er versteifte sich in panischer Angst. Sein Blick wurde glasig und seine Blase gab ebenfalls ihren Kommentar zur veränderten Situation ab. Langsam schob ich meinen Kopf in sein Blickfeld und setzte mein nettestes 'Alles-wird-gut-wenn-du-jetzt-schön-mitspielst'-Lächeln auf.     


          "Grüß Gott! Könnten sie mir wohl ein paar Fragen beantworten?"
 Index

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