Sonntag, 10. März 2013

Einmal Schwarzwald und zurück


 Kapitel 5 - Grillen wie die Spartaner
          Wenn man in der Unterzahl und zudem noch waffenmäßig unterlegen ist, sollte man besser die Beine in die Hand nehmen, schön den Mittelfinger zeigen und das Weite suchen.     
          Blöd ist aber, wenn man sich nicht mehr verpissen kann. Nach unserer Flucht aus der 'Life Research Independent Ltd.'-Anlage wurde uns klar, dass uns diese Dreksäcke nicht in Ruhe lassen würden. Im Bewusstsein, dass zumindest Cones und meine Identität kein Geheimnis mehr waren und die Nummernschilder unserer Vehikel sie geradewegs ins stinkende Hamburg führen würden, mussten wir schnell handeln. Um ihren Schaden zu minimieren hatten sie uns sicherlich bereits ein Aufräumteam auf den Hals gehetzt.       
          Sie wähnten uns auf der Flucht - ein Umstand den wir uns zunutze machen konnten. Da Angriff bekanntlich die beste Verteidigung ist, heckten wir einen Plan aus, um die Konzernsöldner in eine Falle zu locken. 

          Tief im Wald auf einer Lichtung, inmitten eines gigantischen Funklochs, in dem Komlinks nur auf kurze Distanz funktionierten, befand sich eine Grillhütte. In erster Linie für Trolle konstruiert, war sie deutlich größer und geräumiger als gewohnt, aber am Ende auch nicht mehr als eine Feuerstelle mit einem lecken Dach darüber.
Der Ort war perfekt für einen Hinterhalt. Nun mussten die Gegner nur noch wissen, wo wir waren.     
          Sunetra hatte für den zu erwartenden gegnerischen Magier im Astralraum Brotkrümel ausgelegt, während wir anderen im Dorf keinen Hehl daraus gemacht hatten, wo wir hin wollten - sicher ist sicher. 
          Offiziell wollten wir wandern und etwas Wild jagen. Dazu hatten wir einem alten Ork einige Tierfallen und sein noch älteres Jagdgewehr mit Zielfernrohr abgeschwatzt. Und um die Runde der Wissenden noch zu erhöhen haben wir uns beim Trollmetzger im Dorf gleich noch einen Schwung Fleisch gekauft, damit wir auf alle Fälle was zum Grillen dabei hatten.   
          Wir hofften, dass der Gegner nach einem Interview der Dorfbewohner dachte, dass wir glaubten vor ihnen in Sicherheit zu sein und sie in uns nur einige unbedarfte Trottel sahen.

          Der Plan sah folgendermaßen aus:      
Wenn der Gegner wie vermutet durch den Wald vor uns im Südosten kommt statt die Straße zu nutzen, wird er zunächst auf die Grillhütte stoßen. Dort brennt ein Feuer, für das wir frisches Holz und Moos benutzen werden. Das sollte für etwas mehr Rauchentwicklung sorgen. Falls sie die verlassene Hütte untersuchen sollten, werden sie eine entsicherte Betäubungsgranate unter dem Beutel mit unserem Grillgut finden.      
          Die dadurch entstehende Verwirrung wird Largo ausnutzen, der einige hundert Meter weiter auf einer Anhöhe auf der Lauer liegt. Mit seinem Scharfschützengewehr sollte er einige kritische Treffer auf der Lichtung landen können bevor sich die Söldner in die schützende Deckung des Waldes bringen können.
Von der Hütte aus war der Weg zu uns im Nordwesten deutlich kürzer. Sie werden also höchstwahrscheinlich in unsere Richtung stürmen. Auf dem Gelände zwischen Hütte und Waldrand werden wir vier Fallen ausgelegen, in die sich hoffentlich der eine oder andere Gegner verirren wird.        
          Und selbst wenn sie dort unbeschadet vorbei kommen
, müssen sie, um zu Largo zu gelangen, erst an Alyssa und mir vorbei. Wir liegen getarnt unter Laub und Ästen und werden den Ahnungslosen in den Rücken fallen, sobald sie uns passiert haben.     
          Sunetra wird zunächst in der Hütte den Lockvogel spielen. Die Söldner werden sicher Drohnen zur Luftaufklärung nutzen. Sobald sie die Elfe entdeckt haben, wird sie zum Wald kommen und sich zwischen uns und Largo positionieren.         


          Mir wäre deutlich wohler gewesen, wenn Cone uns hätte begleiten können, aber seine Verletzungen vom Gefecht in der Tiefgarage waren so schwer, dass für ihn ein weiterer Kampfeinsatz nicht in Frage kam.   
          So war er stattdessen als Anhalter mit einem Trucker, den wir im Dorfcafé getroffen hatten, nach Freiburg unterwegs. Von dort aus würde er mit der Magnetschwebebahn nach Hamburg weiter reisen, um dort unsere Wohnungen leer zu räumen, bevor die gedungenen Mörder von 'Life Research' dort herumschnüffeln konnten.

          Der Plan stand. Er war nicht lupenrein und fehlerfrei, konnte aber, wenn er aufging, den meisten Schaden anrichten. Blieb nur zu hoffen, dass sich die Söldner wie erwartet verhalten würden. Ich seufzte schwer und blickte zwischen dem Blätterdach über mir in den blauen Himmel.
          Wenigstens regnete es nicht, während wir auf den nächsten Zug des Gegners warteten.


***

          Mit den Fäusten in den Hüften stand Largo vor dem letzten, steilen Stück seines Aufstiegs. Etwa zwanzig Meter würde er nun kraxeln müssen - und das bei seinen kurzen Gliedmaßen. Na toll. Leicht genervt schulterte er das Jagdgewehr, damit es ihm nicht im Weg war und trat an die Wand aus Baumwurzeln, groben Steinen und Erde. Ein Zwerg hatte mit beiden Beinen auf dem Boden zu stehen. Der ist ihm viel näher als so ein dämlicher Baumwipfel oder gar die Spitze eines Berges.       
          Ach, es half doch alles nichts. Er musste dort hinauf, um ein möglichst gutes Schussfeld zu bekommen.          Beherzt griff er nach einer dicken Wurzel, die fast einen halben Meter aus dem Erdreich herausragte und zog sich daran hoch. Seine Füße rammte er in unterschiedlichen Höhen in den Grund, der unter seinem Gewicht etwas nachgab.
Das konnte gefährlich werden. Spontan kam ihm sein altes Runnerteam wieder in den Sinn. Selina war auf einem ihrer Runs gefährlich abgestützt, als sie dort eine ähnlich riskante Kletteraktion durchgeführt hatten - und sie war nicht mal ein Zwerg gewesen!    
          Es fröstelte ihn etwas, aber er griff dennoch nach der nächsten Wurzel. Er sollte sich nun besser nicht durch die Vergangenheit ablenken lassen, aber seit seinem Gespräch mit Kabler bekam er seine alten Freunde nicht mehr aus dem Kopf.

***


          Die Tür des Dorfcafés wurde geöffnet und Hendrik kam wieder herein. Er schloss die Tür hinter sich, ging zur alten Trollfrau hinterm Tresen und bestellte eine weitere Runde Soycaf. Danach kam er zurück zum Tisch und setzte sich wieder.       
          "So, Cone ist jetzt weg. Hoffentlich kommt er ohne Probleme nach Hamburg."  
          "Wie ich ihn einschätze bietet er dem erstbesten SchuPo eine Tracht Prügel an, wenn der ihn nach seiner SIN fragt.", lachte Sunetra.  
          "Da könntest du sogar recht haben. - Wir sollten unser weiteres Vorgehen planen. Hat jemand eine Idee? Ja, Alyssa?"
          "Da wir es hier mit bösen, böösen, BÖSEN Menschen zu tun haben, sollten wir uns magische Rückendeckung suchen. Die Dr. Faustus Gesellschaft steht mit der New Dawn auf Kriegsfuß und könnte sich über diese Gelegenheit freuen."
          "Ich bin da skeptisch, kleine Spruchschleuder."       
Überrascht sah sie den Ork lange an: "Hä? Jetzt erzähl mir nicht, du hättest Informationen über den Zirkel, die ich nicht habe!"
          "Wie du sicher weißt lese ich Zeitung. Und in einigen Artikeln wurde ziemlich deutlich gemacht, dass die Faustianer mittlerweile ein ziemlich rechtskonservativer Haufen ist, der es nicht so mit Metamenschen hat. Und wenn du dich mal in unserer kleinen Runde umschaust..."
          Iron deutete mit offenen Händen auf die am Tisch Sitzenden und Alyssa sank ein wenig in sich zusammen.


          Unschlüssig kratzte Largo am Aufdruck seiner Kaffeetasse. Er hatte eine Idee, war sich aber unsicher, ob er in seiner Vergangenheit herumwühlen und die anderen auf den Gedanken bringen sollte sich für sie zu interessieren.
          "Largo? Alles klar?"         
Ertappt blickte der Rigger zur Elfin und redete, bevor er sich selber stoppen konnte: "Öhm, naja, ich kenne einen Hacker. Den sollten wir kontaktieren, um unseren Gegner und dessen Gegner auszukundschaften. Ich könnte ihm die Aufzeichnungen, die ich mit meinen Cyberaugen in der Anlage gemacht habe, zuspielen."  
          "Hervorragend! Worauf wartest du?"   
"Nun, ich bin mir nicht sicher, ob er noch lebt. Es wird sicher etwas dauern bis er sich melden wird... FALLS er sich melden wird."      
          Sie legte sanft eine Hand auf seine Schulter und lächelte milde: "Er war in deinem alten Team, oder?"       
          Largo nickte ihr traurig zu.        
"Versuch es trotzdem! Es könnte unsere beste Chance sein."

          Nach einem weiteren Moment des Zögerns aktivierte er sein Komlink und wählte sich in einige Netze ein. Wenn Kabler noch lebte, würde er wahrscheinlich in HongKong sein. Am Ende war es eigentlich egal wo er saß, denn er konnte seine Daten weltweit aufrufen - sofern man sich nicht in einer Zone ohne Netzanbindung befand.    
          "Ich hab ihm über einen toten Briefkasten eine Nachricht zukommen lassen."       
          "Toter Briefkasten? Klingt für mich nach einem alten Agentenfilm.", lachte Alyssa keck.
          "Und darum ist es auch ziemlich sicher. Diese Methode des Nachrichtenschmuggelns nutzen nur noch wenige heute, da es komfortablere Wege gibt. Aber darum fällt die antike Masche bei Gesetzeshütern auch nicht so schnell auf.  
          Ich denke es wird noch eine Weile dauern, bis Kabler..."


          Largo hielt plötzlich inne, als ihn ein Anruf erreichte. Das war deutlich schneller als gedacht. Etwas aufgeregt die Stimme seines alten Freundes zu hören, nahm er das Gespräch an. "Largo."    
          "Marushima, Was gibt's alte Hütte!"    
"Maru.... was?!"    
          "Ja, du, ich bin jetzt auch in Japan. Neuer Name und so. Ich bin überrascht, dass du noch lebst."        
          "Na klar lebe ich noch. Wie kommst du denn auf die Idee, dass die mich hätten erwischen können?"        

          "Hey, wir haben vor zwei Monaten deine Asche verstreut - oder besser gesagt das, was wir für deine Asche gehalten hatten. War eine echt nette kleine Zeremonie. Ein paar haben sogar geweint."  
          "Das ... ist ja rührend."   

Largo war sich nicht sicher, was er davon halten sollte. Gut, seine Truppe hatte sich auf der Flucht befunden seitdem ihr letzter Auftrag böse in die Hose gegangen war. Nach einigen Verfolgungsjagden, Schusswechseln und Explosionen waren sie getrennt worden und er hatte die nächstbeste Gelegenheit genutzt aus Nippon zu verschwinden. Auf dem Schiff hatte er dann die Elfin Sunetra kennen gelernt. 
          "Wie ich sehe bist du nicht mehr in Japan?"   
"Ähm ne, ich musste mich absetzten. Mittlerweile lebe ich in der ADL. Wie geht es denn den anderen? Habt ihr etwa noch mehr Trauerfeiern abhalten müssen?" 
          Kabler lachte am anderen Ende dreckig: "Aramoro ballert nun als Söldner Tauben ab. - Was Selina angeht kann ich dir leider nichts sagen. Sie ist untergetaucht und hat sich noch nicht wieder gemeldet."   
          Largo spürte einen Stich, als er an seine alten Freunde dachte. Er vermisste sie - auch wenn Sunetra und die anderen sich als vertrauenswerte Leute herausgestellt hatten. Freunde tauschte man nun mal nicht wie Unterwäsche aus.         

          "Ich würde noch gerne mit dir über die alten Zeiten quatschen, aber ich brauch deine Hilfe."         
          In wenigen Worten umriss Largo ihre aktuelle Situation und schickte ihm die aufgezeichneten Daten. Gerade genug, damit Kabler wusste, wo er anfangen konnte.
          "Nun, die ADL sind nicht gerade mein Spezialgebiet, aber ich werde sehen, was ich tun kann."
          Nach einer kurzen Wartepause, in der der Hacker Recherchen betrieb, meldete er sich wieder: "So, in 'Life Research'-Dingenskirchen stecken mehrere Investoren drin."
          "Warte mal kurz, Kabler! Ich lass die anderen das mithören." Flink verband er sein Komlink mit denen des Teams. "Kannst loslegen!" 
          "Hallo zusammen! Gerüchteweise hält 'Saeder-Krupp' einen kleinen Teil. Definitiv bestätigen kann ich 'BlackTech'. Die Zulassung des Transporters, den ihr geklaut habt, hat das bewiesen.          
          Hauptanteilseigner von 'BlackTech' ist die 'AG Chemie' mit einer Unterabteilung, die sich mit Mikrobiologie beschäftigt."

          Hendrik stöhnte: "Och ne, nicht die! Da haben wir einen richtig großen Konzern am Arsch."         
          "Soll noch einer behaupten, Deutsche würden nicht positiv denken!", witzelte Kabler, bevor er fortfuhr, "'BlackTech' vertreibt nur Spitzentechnologie und forscht im Bereich Magieimplementierung und Magieextraktion. Die kann nur an ganz wenigen Orten auf der Welt betrieben werden."
          "Lassen sie mich raten: einer davon ist der Schwarzwald wegen seiner intensiven magischen Hintergrundstrahlung!?", vermutete Alyssa.        
          "Einhundert Gummipunkte gehen an die sexy Stimme im Hintergrund. Largo, du könntest mir nicht zufällig nachher mal die Nummer oder so..."      
          Der Zwerg räusperte sich: "Kabler! Bleib mal beim Thema!"
          "Oh, äh, ok ok! Also, wo war ich stehen geblieben?  Ach ja: 'BlackTech' hat natürlich auch Gegner. Zum einen wären das die Konzerne 'EVO Corporation' und die 'Horizon Group'. Vor ein paar Jahren gab es ein paar Rechtsstreitigkeiten wegen einem von 'BlackTech' angemeldeten Patent zur Magieextraktion. Normalerweise sind solche Prozeduren nämlich nicht patentfähig. 'EVO' und 'Horizon' aber verloren und ihr vergleichsweise kleiner Gegner bekam unerwartet das Patent zugesprochen."        
          "Interessant. Gibt es noch mehr?"       
"Ja. Da wäre noch ein Dr. Auerbach von der 'New Dawn Foundation' - du weißt schon: diesem Magierbund. Der hat jedenfalls die Machenschaften von 'Life Research' mehrfach mehr oder weniger öffentlich kritisiert, da sie die Ideale der 'New Dawn' verraten würden."  

          "Danke! Ich denke mit den gewonnenen Informationen sollten wir was anfangen können."
          "Was habt ihr nun vor? Ein einfacher Sabotagerun zur Zerstörung eurer Fahrzeuge wird nicht ausreichen. Diese Leute werden nicht locker lassen und ich rate euch eure Spuren gut zu verwischen!"    
          Largo lachte trocken: "Du hast recht. Und was wird uns dieser Dienst bei dir Kosten?"     
          "Für 7.000 Nuyen werde ich eure Anwesenheit im Schwarzwald verschleiern, also eure Daten bei der Lotteriegesellschaft löschen und die Informationen in der Zulassungsstelle so verändern, dass sie nicht mehr zu euch führen werden."    
          "Machen sie das! Die Summe stellt kein Problem für uns dar.", warf Hendrik entschlossen ein.   
          "Okidoki! Bis dann, Largo. Ich melde mich, wenn ich auf was neues stoßen sollte."        

Es klickte in der Leitung und Kabler war verschwunden.

***

          Geschafft! Der Zwerg war ohne Rutschen, Abstürzen oder andere Katastrophen außer Atem auf der Anhöhe angekommen. Nach einer kurzen Verschnaufpause, schritt er die Kante zum Abgrund ab. Kurz darauf fand er eine Position zwischen einer ausgewachsenen Eiche und einer Lärche, die noch deutlich jünger war. Von hier aus hatte er ein optimales Sichtfeld auf die Grillhütte, die Lichtung und den gegenüberliegenden Waldrand, von wo sie den Feind vermuteten.
          Zunächst stellte er seine MP-5 an der Eiche ab und nahm dann das alte Jagdgewehr von seiner Schulter. Sanft strich er über den aus Holz gearbeiteten und verzierten Schaft. Dieser Karabiner musste schon so manch einen Einsatz hinter sich gehabt haben, war aber sehr gut gepflegt. Er war nicht perfekt für diesen Auftrag, doch unter diesen Umständen das Beste, was ihnen zur Verfügung stand.
          Die zwei aufmunitionierten Ersatzclips legte er neben sich auf einen kleinen Stein, damit keine Tannennadeln oder anderer Dreck hineingeraten konnte. Der Zwerg öffnete einen Kanal zu den anderen: "Bin auf Position."    
          "Verstanden!", gab Iron zurück. Die menschliche Zauberin war das Warten wohl leid und wurde unruhig. Anders konnte Largo sich nicht erklären, dass sie den Kanal mit unnötigem Geplapper zu füllen begann.      
          "Hey, Knubbelchen! Sag mal an! Du redest nie über deine alte Truppe. Was ging mit denen eigentlich?"       
          Hörbar schnaubte der Rigger ins Mikro seines Komlinks. Er wusste, dass jemand von ihnen versuchen würde ihn über das BloodPack auszufragen. 'Aber sicher nicht du, Schätzchen.', dachte er bei sich, bevor er antwortete: "Nicht mehr als notwendig über das Komlink reden! Außerdem, schon mal von der Redewendung: 'Neugier ist der Katze Tod.' gehört? Frag mich nichts über meine Vergangenheit und ich interessiere mich nicht für deine Familienverhältnisse."
          Schlagartig wurde es still im Kanal und der Zwerg musste lächeln.        

***

          Im Café überlegte die Gruppe, was man mit den Informationen des Hackers anstellen sollte. Lightning konnte dieses Mal mit ihren Connections punkten, als sie sich zu Wort meldete: "Mein Vater ist Exec bei 'EVO'. Es ist unter der Woche und er wird sicherlich auf der Arbeit erreichbar sein. Wir könnten ihm die Videodaten von Largo verkaufen und uns dafür hier raus holen lassen."
          Hendrik stützte müde seinen Kopf auf der linken Hand ab und machte mit der anderen eine wegwischende Geste. "Tu dir keinen Zwang an, Alyssa."      
          Largo machte der Tonfall misstrauisch. Wusste der Ork etwas prekäres über die Magierin? Nun, sie kannten sich schon länger und es war daher nicht unwahrscheinlich. Im Grunde hätte es ihm egal sein können, aber was wenn es sich um etwas handelte, das sie alle in Gefahr bringen konnte? Augenblicklich wischte er den Gedanken wieder beiseite. Er ermahnte sich, dass diese Magierin auf ihrer Seite stand und nicht jede Spruchschleuder automatisch eine Bedrohung für ihn war. 

          Nach einer kurzen Wartezeit wurde Lightnings Anruf entgegen genommen. Schon nach der Begrüßung fiel sie in das typische Verhalten eines Kindes, das seinen Willen gegen die Eltern durchgesetzt hatte, sich aber ohne deren Zustimmung dennoch unwohl dabei fühlte. Kurz: sie ging in die Defensive.     
          "Hallo Vater.... Bitte? Nein, ich brauche kein Geld. Warum glaubst du immer, dass ich Geld... JA, das war genau EINMAL! - Ja, ja... Ich hab auch keinen Mist gebaut... WAS? - N E I N! Mit Ökoterroristen hab ich auch nichts am Hut. Wie kommst du immer auf solche Sachen?!... EY! Lass Mutter da gefälligst raus!...          
          JETZT HÖR MIR DOCH ENDLICH MAL ZU!"    
Den letzten Satz schrie sie mit einer derartigen Verzweiflung ins Mikro, dass sich die Trollwirtin besorgt nach uns umsah. Hendrik lachte spielerisch während er mit dem linken Zeigefinger eine kreisende Bewegung neben seiner Schläfe machte: "Familie, wissen sie?"      
          Die Trollfrau machte eine wissende Geste und trug zugleich etwas Mitleid in ihrem Gesichtsausdruck zur Schau.


          Scheinbar hatte ihr sich Vater wieder eingekriegt, denn Lightning erklärte ihm nun im ruhigen Tonfall was sich ereignet hatte und was wir über 'BlackTech' bzw die 'Life Research'-Anlage in Erfahrung gebracht hatten.      
          "Woher ich all die Details um den Patentstreit hab? Ach weißt du, von einem Freund eines Freundes, der einen kennt..."
          "... der einen beklaut hat.", warf Sunetra kichernd ein.
"Ignorier, das Letzte besser, Vater."   
          Danach erklärte sie ihm wo wir uns befanden und dass wir glaubten den Gegner abgeschüttelt zu haben. Dann legte sie auf. 

          "Danke, Sunetra!" 
Die Elfin musste erneut lachen: "Sorry, ich konnte nicht anders."
          "Unwichtig! Was hat Richard gesagt?", unterbrach Hendrik die beiden, bevor sich eine handfeste Diskussion aus einem harmlosen Gag entwickeln konnte.       
          "Nun, er meinte, dass wir hier auf den Anruf eines Herrn Rabe warten sollen. In der Zwischenzeit will er die Konzernleitung kontaktieren. Wenn man den Einsatz für lukrativ genug hält, wird man uns sicher helfen."       

          "Na, dann hoffen wir mal das Beste.", brummte der Ork und wandte sich wieder seinem Kaffeeersatz zu. 

          Nach nur vier Minuten kam Rabes Anruf. Lightning koppelte uns alle in einer Konferenzschaltung und das Bild des Mannes erschien auf ihren Displays bzw. als Projektion in den Cyberaugen des Zwergs.    
          Rabe trug einen militärischen Kurzhaarschnitt, hatte eine Adlernase, hohe Wangenknochen und was man von seiner Kleidung sehen konnte, war sie schlicht geschnitten, saß aber wie angegossen. Largo kannte diese Sorte nur zu gut. Als Exmilitär war er ihnen oft begegnet. Daher vermutete er, dass es sich bei dem Mann um jemanden handelte, der vermutlich als Offizier in der Bundeswehr oder der MET2000, dem Söldnerheer der ADL, gedient hatte. Seine Sprache war ohne Ecken und Kanten. Schnörkellos und ohne ein Wort zu viel führte er das Gespräch zielgerichtet.

          "Guten Tag, meine Damen und Herren. Herr Hardison hat mich bereits über die Umstände in Kenntnis gesetzt. Ich benötige von Ihnen jedoch noch einige weitere Informationen."
          Largo schickte ihm die Aufnahmen, die er in der Anlage gemacht hatte, zu. Sofort wertete er sie aus und verbannte die Gruppe kurz in die Warteschleife. Als er nach einigen Minuten wieder zurück kam, sah er noch etwas ernster aus, als zuvor.
          "Ich habe soeben mit der Konzernleitung gesprochen. Sie werden von uns jede Unterstützung bekommen. Über welche Bewaffnung verfügen sie derzeit?"         
          Erleichtert atmeten alle auf. Mit solch einem Partner im Rücken hätten sie sogar eine Chance. Jeder gab nacheinander an, welche Waffe er bei sich trug.
          "Das ist nicht viel. Warum sind sie denn nur mit Pistolen in so eine Anlage rein gegangen?"    
"Tja, eigentlich waren wir ja auf Urlaubsreise.", verteidigte Sunetra ihre Situation.         
          Das schien Herrn Rabe vorerst zufrieden zu stellen. "Nun gut, ich schlage vor, dass mir jeder das Equipment nennt, das er benötigt, denn wir wollen, dass sie da wieder herein gehen."     

          "Wieder in dieses Höllenloch?", fragte Lightning entsetzt, "Ich dachte sie holen uns hier raus und hauen denen so fest auf die Finger, damit die uns in Ruhe lassen."
          "Wir machen gar nichts ohne Gegenleistung, Frau Hardison. Wir haben keine Einsatzteams in der Nähe und es kommt nun auf Schnelligkeit an. Wenn 'BlackTech' glaubt, dass sie entkommen sind, werden die die Anlage evakuieren. Damit wir aber was gegen den Konzern unternehmen können, brauchen wir Beweismittel."       
          Der Ork brummte: "Lassen sie mich raten: Wir sollen die für sie beschaffen!?"        
          "Das ist korrekt. Wir werden ihnen über ihre Komlinks im AR die zu entwendenden Gegenstände markieren. Dazu müssen sie die Ebenen M1 und M2 infiltrieren und sich ebenfalls Zutritt zur Ritualkammer verschaffen. Wir wollen wissen, was dort gemacht wurde."      

          "Und sie sind sicher, dass die die Anlage einfach so aufgeben werden?" 
          "Nein, aber es gehört zum Protokoll diese Maßnahme in Erwägung zu ziehen. Dass Professor Doktor von Dachau vor zwei Stunden mit einer Privatmaschine in Freiburg gelandet ist, werten wir als deutliches Zeichen, dass eine Evakuierung zumindest vorbereitet wird.         
          Nun, welche Ausrüstung benötigen sie?"        

Jeder gab ihm nacheinander seinen Wunschzettel durch, bis Largo an der Reihe war. "Und was benötigen sie?"  
          "Kampfdrohnen!", lachte der Zwerg, denn der Wunsch erschien ihm geradezu absurd, doch Rabe antwortete ihm ohne mit der Wimper zu zucken mit: "Wie groß, wie viele?"
          Largo stutzte irritiert und verlangte dann mittelgroße Drohnen mit Sturmgewehren.   
          "Ich kann ihnen zwei Kriecher und einige Flugdrohnen zur Luftüberwachung zur Verfügung stellen. Die Lieferung wird aber ein paar Stunden dauern. Bis dahin müssen sie noch etwas anderes erledigen."   
          "Wovon sprechen sie?"    
"Gemäß Standardprotokoll zur Eindämmung von Gefahren und Kosten für den Konzern, wird 'BlackTech' ihnen bereits ein Abfangteam hinterher geschickt haben, das sie suchen und ausschalten soll. Für gewöhnlich besteht es aus sechs bis zehn Mann und wird mindestens einen Rigger und einen Magier haben."    

          "Wie sollen wir das mit unserer Bewaffnung nur schaffen?", stöhnte Hendrik.      
          "Ich weiß, dass ihre Situation alles andere als rosig aussieht, aber nutzen sie den Überraschungsvorteil! Sie befinden sich im Schwarzwald. Stellen sie ihnen eine Falle! Am besten an einem Ort, an dem kein Funkverkehr möglich ist. Die Zentrale darf nicht zu früh erfahren, dass ihr Team ausgeschaltet wurde!        
          Fragen sie die Leute im Dorf aus! So finden sie vielleicht einen geeigneten Ort für einen Hinterhalt." 
          "In Ordnung. Wir melden uns wieder bei Ihnen, wenn die Sache erledigt ist."   
          Die Ahnung eines Lächelns erschien auf Herrn Rabes Gesicht und Largo konnte nicht genau sagen, ob es herablassend oder aufmunternd gemeint war.         
          "Viel Glück!"

***


          Mit einem Mikrofasertuch wischte Largo über die beiden Linsen des Okulars auf dem Jagdgewehr. Gegen die Eiche gelehnt wagte er nun einen weiteren Blick durch das Zielfernrohr. Besser.  
          In knapp dreihundertfünfzig Meter konnte er Sunetra erkennen, die in der Grillhütte bei dem Feuer stand und sich bestimmt beherrschen musste, nicht etwas vom Wildschweinsteak zu mopsen. Alles sollte nach einem gewöhnlichen Grillen ausschauen, um den Gegner in Sicherheit zu wiegen, bevor er bemerkte, dass er in Wirklichkeit mit der Hose auf Halbmast aus dem Klo gestiefelt gekommen war.    
          "Die Flugdrohne ist da. Gehe nun los.", erklang Sunetras Stimme über das Komlink. Nun konnte er sie auch sehen. Er unterdrückte den Drang das fliegende Gerät von etwa fünfzig Zentimeter Durchmesser vom Himmel zu pusten. Und beobachtete wieder den Waldrand vor ihm.   


          Er hoffte inständig, dass ihr Plan auch auf ging.       

***

          War das Warten zuvor schon anstrengend gewesen, so dehnte es sich für Lightning nun ins Unerträgliche. Scheinbar mehrere Ewigkeiten dauerte es, bis sich die Gegner blicken ließen. Sie kamen wie erwartet aus dem Waldstück vor ihnen und Sunetra sah sie als erstes: "Sie kommen zu sechst in Zickzack-Formation." 
          Alyssa hielt es nicht mehr aus und wagte einen Blick aus ihrer Deckung unter dem Laub und askennte den Bereich vor ihr. Bei all den Bäumen war es schwer die Feinde auszumachen, aber einer von ihnen leuchtete im Astralraum so stark, dass sie sich sicher war: "Nummer vier ist ein Magier."     
          "Hab ihn im Visier.", gab Largo durch. "Warte auf günstigeres Schussfeld."         
          Doch wieder meldete sich die Elfin übers Kom: "Vorsicht! Ich glaub, die haben euch gesehen."     
          Keine zwei Sekunden später ließen Kugeln den Waldboden neben Lightning hochspritzen. Erde und zerfetzte alte Blätter flogen durch die Luft und einen Moment später konnte sie die Schüsse auch hören. Die Entfernung sorgte bereits für eine wahrnehmbare Verzögerung des Schalls.
Sofort eröffnete auch Largo das Feuer und konzentrierte sich auf den Magier. Je eher der ausgeschaltet war, umso besser.
          Lightning wollte sich schon freuen, dass die Salve des Söldners sie verfehlt hatte, als sie ein Streifschuss am Bein erwischte. Die Wunde konnte nicht schwer sein, brannte aber wie die Hölle.         

          Hölle! Das war es! Umgehend wirkte sie einen Feuerelementar. Mit jedem Mal, da sie einen beschwor, fiel es ihr leichter. Wie gewohnt, öffnete sich eine Art Spalt vor ihr in der Luft und das Wesen zwängte sich daraus hervor. Dieses Mal sah es wie eine formlose Lavamasse aus, die erkaltete, in sich selbst verschwand, um erneut wieder aufzusteigen und zu erkalten.      
          "Lösch den Gegner aus, der mich angreift!"   
Ohne weitere Befehle abzuwarten stürmte der Elementar auf die Lichtung. In ihrem Kom klickte es und Hendrik, der zwanzig Meter weiter in seiner Deckung lag, murmelte grimmig: "Sun Tzu."     
          "WAS?!"
"Kein Schlachtplan überlebt den Kontakt mit dem Feind."  


          Inzwischen hatten auch die anderen Söldner das Feuer eröffnet, konzentrierten sich nun aber scheinbar auf den Elementar. Der hatte bei seinem ersten Angriff den Waldrand in Brand gesteckt, sodass sowohl ihnen als auch dem Feind ein Teil der Sicht genommen wurde.
Einen konnte Alyssa aber noch sehen und wirkte einen der zwei Kampfzauber, die ihr zur Verfügung standen: Der Blitz verband über eine Entfernung von über achtzig Metern für den Bruchteil einer Sekunde ihre Hand mit dem Söldner, als die Energie floss.        
          Er stürzte unter Krämpfen, konnte sich aber wieder aufrappeln bis Sunetras Betäubungsbolzen ihm den Rest gaben.

          "Magier ist schwer getroffen. Muss eine magische Rüstung haben, wenn er so viel aushält.", meldete Largo von der Anhöhe. "Sieht so aus, als hätte er was mit deinem Elementar vor."      
          Sie warf erneut einen Blick aus ihrer Deckung und askennte. "Er hat versucht ihn zu bannen, konnte ihn aber nur schwächen."
          Verdammt! Wo war der nächste Gegner? In dem Chaos auf der anderen Seite konnte sie niemanden ausmachen. Vielleicht wenn sie sich einen besseren Blick verschaffte? Vorsichtig kroch sie ein Stück aus ihrer Deckung. Da war einer, der auf die Lichtung kam. Nun sah er sie auch.        
          Lautlos murmelte sie die ersten Worte, um auch ihm einen Energieblitz zu verpassen. Der Söldner legte an. Alyssa sprach die letzten Worte, als sie das Mündungsfeuer blitzen sah.       

          Statt eines Energiestroms, der in den Mann fuhr, bohrten sich vier Projektile in ihre Brust, raubten ihr die Luft und schleuderten sie nach hinten.       
          Noch bevor ihr Körper den Waldboden berührte, war Alyssa von Dunkelheit umfangen worden. 

***


          Nachdem das Feuergefecht ausgebrochen war, blieb ich in meiner Deckung liegen, da ich nach wie vor nur mit meiner Colt ausgerüstet war. Auf diese Entfernung war das als würde ich zu Fasching mit Kamellen werden. Ich fluchte innerlich, dass ich meine Ingram Warrior nicht zur Hand hatte.
          In der Ferne hallten die Schüsse aus Largos Jagdgewehr. Der Gedanke, dass er dem Gegner gerade höllisch zusetzte, ließ mich lächeln. Wenigstens hatten sie mich noch nicht entdeckt. Das könnte uns noch zum Vorteil gereichen.
          Doch dann musste ich mit Entsetzen mit ansehen, wie Alyssa schwer getroffen zu Boden ging und sich nicht mehr rührte. 'Scheiß auf die Deckung, Hendrik!' Wenn sie dort so liegen blieb, würde ihr der Söldner noch den Rest geben.
"Alyssa ist unten!", gab ich an die anderen durch.    

          Langsam erhob ich mich aus meinem Laubversteck und schlich gebückt zur ohnmächtigen Freundin. Zuerst drehte ich sie um, verschränkte meine Arme unter ihren und zog sie rückwärts in eine Mulde. Währenddessen gab mir unsere Elfin Deckung, indem sie Betäubungsbolzen verteilte.
Die Salven der Gegner nahm ich nur im Hintergrund wahr. Hoffentlich lebte Alyssa noch. Ihr Puls war schwach, aber vorhanden. Mit einem kräftigen Ruck meiner Pranken öffnete ich die Druckknöpfe ihrer Feldbluse und untersuchte ihre linke Seite.          
          "JA!", brüllte ich ins Komlink und Sunetra wollte sofort wissen wie es ihr ging. Etwas ungläubig, aber euphorisch warf ich einen langen Blick auf die vier Kugeln, die an ihrer Panzerweste gescheitert waren. Ich puhlte die Projektilreste heraus und ließ sie auf den Waldboden fallen.
"Sie wird's überstehen. Der Aufprall der Salve hat sie bloß ins Reich der Träume geschickt."  

          Wieder hallte ein Schuss aus Largos Jagdgewehr und er meldete triumphierend, dass der Magier gefallen war. Sehr gut. Das Schlimmste sollten wir überstanden haben.
Der Schütze, der Alyssa erwischt hatte, war nun an der Grillhütte ins Straucheln geraten. Zornig zog ich meine Colt aus dem Holster und stand auf. Keinesfalls wollte ich das Gefecht beendet sehen, ohne dass ich nicht wenigstens auch einen erledigt hatte.       

          Gerade war der Söldner vor der Hütte hingefallen. 'Der steht nicht mehr auf.', schwor ich mir.
Mit aller Kraft stieß ich mich vom Boden ab und sprintete so schnell ich konnte aus dem Wald auf die Lichtung. Inzwischen versuchte sich der Gegner wieder aufzurappeln. Ich sprang über eine der versteckten Tierfallen, verlangsamte meinen Schritt aber nicht.         
          Der Bezahlsoldat hielt seinen Oberkörper mit einem Arm vom Boden weg und fummelte mit dem anderen an seinem Sturmgewehr, aber es hatte sich in einem ungünstigen Winkel zwischen ihm und dem weichen Boden der Lichtung verkeilt.      
          Als ich auf zwanzig Meter an ihm dran war, entschied ich ihm nicht mehr Zeit zu geben und schoss ihm ins Gesicht. 

          Ohne weiter auf ihn zu achten, sprang ich zur Hütte, um dort wenigstens etwas Deckung zu haben, was aber überflüssig war, wie Largo zu verstehen gab.         
          "Der Letzte ist unten. Zwei sind bewusstlos, der Rest ist tot."      
          Unglaublich! Das Gefecht hatte weniger als eine Minute gedauert.         
          "Saubere Arbeit. Kümmer dich bitte um Lightning. Sie könnte etwas Erste Hilfe gebrauchen. Ich nehm mir die Bewusstlosen vor."     
          "Was willst du mit denen?"        
"Drei Mal kannst du raten", knurrte ich, "Herr Rabe hat deutlich gemacht, dass keiner überleben darf."   

***

          'Elende, dreckige Wildnis.', dachte Timo im Stillen. Er hatte den Schwarzwald noch nie gemocht. Zu viele Trolle und magische Tiere trieben hier ihr Unwesen. Nicht dass er prinzipiell etwas gegen Metamenschen hätte. Ein paar seiner Kumpel waren Zwerge und er fuhr auf einige Pornstars ab, die elfisches Blut hatten. Aber die Brut, die im Zuge der Goblinisierung entstanden war, ekelte ihn an. Seinen Kameraden gegenüber musste er sich benehmen, aber insgeheim hätte er ihnen am liebsten Gift ins Essen gemischt.
          Zudem war der Schwarzwald mit Funklöchern überversorgt. Seitdem ihr Trupp vor knapp zwei Stunden aufgebrochen war, hatten sie keine Kommunikation mehr mit ihnen gehabt.       
          Es konnte doch nicht so schwer sein ein paar verweichlichte Stadtärsche aufzureißen.

          Timo wollte aus purer Langeweile austreten, als er zwei Gestalten in Uniform den Waldweg herunterkommen sah. Endlich.       
          Erfreut sprang er aus dem Transporter und ging zum zweiten Einsatzwagen. Dort schlug er mit der flachen Hand drei Mal gegen die Karosserie: "Timeout! Komm raus. Zwei kommen gerade zurück."  
          Die Hecktür schwang auf und der Rigger hopste auf den kiesigen Boden des Parkplatzes, von dem aus der Wanderweg fortführte.       
          "Nur zwei? Was ist denn mit dem Rest von ihnen?" 
"Keine Ahnung. Ich frag sie mal."        
          Der Mensch fummelte an seinem Komlink herum und öffnete den entsprechenden Kanal. "Hey, identifiziert euch."
          Sie warteten einen Moment, aber keine Reaktion. Also probierte er es noch ein paar Mal. Langsam wurde Timo nervös, doch dann schlug sich der größere der beiden Neuankömmlinge ein paar Mal gegen den Helm.    
          "Vielleicht ist ihr Komlink kaputt gegangen. Komm, lass uns ihnen entgegen gehen."       

          "Hey, alles klar?", rief Timeout, während sie den Parkplatz verließen und die ersten Meter des Wanderpfads abschritten. Der große Söldner winkte: "Klar! Der Rest ist oben die Sauerei am Aufräumen."        
          "Ach, dann ist ja alles gut."        
          "Findest du Timo?", flüsterte der Rigger, "Mir kommt die Stimme nicht bekannt vor."        
          "Du siehst wieder Gespenster. Das kommt bestimmt durch den Helm..."         
          "Siehst du es auch?"        
"Das Einschussloch knapp unterhalb des Rippenbogens? Aber hallo!"     
          Möglichst unauffällig nestelte Timeout an seinem Holster, aber jemand anderes kam ihm zuvor. Er hörte nie den Schuss, der seine Stirn durchschlug und zusammen mit eindringenden Knochenfragmenten sein Gehirn perforierte.          Timo sah ein Aufblitzen im Wald und im nächsten Moment verteilte sich der Kopf des Riggers auf ihm. Verängstigt riss er sein Sturmgewehr hoch und sandte eine Salve in den Himmel, weil er sich plötzlich am ganzen Körper verkrampfte und den Boden unter den Füßen verlor. Was war mit ihm geschehen?   
          Einen Augenblick lang lag er verdreht auf dem Waldweg und konnte keinen Muskel mehr bewegen. Dann fiel ein großer Schatten auf ihn und zwei große Hände umfassten seinen Kopf. Er blickte in das Gesicht eines Orks mit nahezu menschlichen Zügen, der freudlos lächelte.
          "Nichts für ungut, aber das wird jetzt ein bisschen ziepen."

***

          Von Largo gestützt, humpelte Alyssa aus dem Wald, wo sie auf der Lauer gelegen hatten, falls unser kleiner Plan schiefgehen sollte. Wäre ja nicht das erste Mal an dem Tag gewesen. Immerhin hatten uns die geklauten Uniformen so lange getarnt, dass wir nahe genug an die beiden letzten Mitglieder des Eliminierungsteams herankommen konnten.  "Ich hab gerade mit Herrn Rabe geredet. Unser Spielzeug ist angekommen. Wir sollen die beiden 'BlackTech' Transporter mitnehmen und zum Treffpunkt kommen. Da überlegen wir uns dann die weitere Strategie."    

          Largo stieg in den Transporter, in dem der Rigger seine kleine Zentrale hatte, und übernahm dort das Steuer. Ich würde den anderen nehmen. Solange der Zwerg mit dem Überbrücken des Bordcomputers beschäftigt war, hielt ich die Magierin fest.        
          "Alles klar bei dir?"
"Ach nur ein paar blaue Flecken und ein angeknackstes Ego. Das wird wieder."         
          Aus dem Transporter rief Largo: "Bin soweit!"         
Also öffnete ich Alyssa die Beifahrertür und wollte sie hinein setzen, aber sie stieß sich ungelenk ab, stützte sich an Tür und Holm ab und stieg aus eigener Kraft ein.         
          "Ich kann das schon alleine, Mutti!"     
Sie zog hinter sich die Tür zu und ließ das Seitenfenster herunter, weil ich sie skeptisch ansah. "Ehrlich, Hendrik. Ich bin in Ordnung."    
Ich nahm ihr das nur so halb ab, aber ich nickte trotzdem.
          "Immerhin weiß ich jetzt, wer auf meinem Begräbnis als erster wie ein Schoßhund flennen wird.", lachte sie mit schmerzverzerrtem Gesicht.   
          Jetzt musste ich auch lachen: "Ey, bring mich nicht dazu dich wie Cone in den nächsten Zug nach Hause zu verfrachten!"


          Nun grinste sie wie ein Raubtier: "Abgesehen davon bin ich jetzt in der richtigen Laune, um in ein paar Ärsche zu treten."

          Das waren wir alle.

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