Sonntag, 10. März 2013

Einmal Schwarzwald und zurück


Kapitel 4 - F.U.B.A.R.
          Wenn einem das letzte Stündlein geschlagen hat, sieht man sein Leben in einer Art 'Best-of' vor seinen Augen vorbei ziehen. - Zumindest wird das immer wieder gerne behauptet.
          Bullshit, sag ich dazu!      
Das, was ich vor meinem Verstand vorübereiern sah, war mehr das schäbige 'Making-of' zu 'Wie zum Teufel bin ich jetzt wieder in diese Scheiße geraten?'.

          Seit wir in der Hütte angekommen waren, hatte man uns fortwährend den Arsch versohlt. Zuerst war es ein freier Geist, der unter unserer Behausung 'Poltergeist 1 bis 3' nachgespielt hatte. Dann hätte uns ein Höllenhund fast das Fell über die Ohren gezogen. Passenderweise lief es letztendlich umgekehrt.         
          Schließlich waren uns Spezialstreitkräfte auf der Spur, die uns in eine Bunkeranlage getrieben hatten, in der irgendwelche Magier mit Crittern experimentierten.

          Da wir in der Unterzahl waren, und dazu auch noch hoffnungslos unterbewaffnet, wollten wir verständlicherweise diskret das Weite suchen. Doch bevor wir in der Tiefgarage einen Transporter kurzschließen konnten, war das Fähnlein Fieselschweif aufgetaucht und nahm uns mit Unterstützung von Kampfdrohnen in die Mangel.
          Inzwischen musste in der gesamten Anlage der Alarm ausgelöst worden sein. Und mit jedem Gegner, der durch die Tür in die Garage kam, gingen uns mehr und mehr die Optionen aus.
          Ich lag übrigens immer noch unter dem Transporter und sondierte die Lage. Mit meiner Colt war es schon fast unmöglich eine der Drohnen zu treffen. Etwa dreiundzwanzig Meter entfernt schwebten sie provokant unter Decke und suchten mit ihren Sensoren nach geeigneten Zielen.  
          Obwohl es mehr dem Greifen nach dem sprichwörtlichen Strohhalm glich, gab ich zwei Schüsse auf die mittlere der drei Drohnen ab und traf natürlich - richtig erkannt: gar nichts!        
          "Ich brauche Unterstützung bei der Tür!", erklang Sunetras Stimme in meinem Komlink.  
Hier konnte ich nichts mehr tun. Frustriert wendete ich mühsam unter dem Fahrzeug und kroch Stück für Stück zum nächsten Wagen in Richtung der Elfe.


***

          Wie ein lautloser Killer der Weltmeere glitt die Stimme mit geschmeidigen Bewegungen an die Oberfläche ihres Verstandes.
          "Schleich dich an die Beute ran!", zischelte es in ihrem Kopf und die Elfin wagte einen Blick hinter der Karosserie eines neuen BMW SUV hervor. In der schummrigen Tiefgarage war es schwer Konturen auszumachen, doch da Elfen über eine natürliche Restlichtverstärkung verfügen, blieb Sunetra nicht verborgen, dass sich ein Gegner hinter dem nächsten Wagen verschanzt hatte. Ein Stück seines Kopfs ragte über die Motorhaube. Mehr brauchte sie nicht.           

          Vorsichtshalber aktivierte sie einer ihrer Foki, um ihre Reaktionsgeschwindigkeit zu erhöhen. Danach sammelte sie ihre Energien und schleuderte einen Betäubungsbolzen auf den Gegner. Dessen Kopf zuckte zurück und dem Lärm nach zu schließen, hatte es ihn zumindest kurzzeitig zu Boden geschickt.
          "Und jetzt stech ihn ab!", befahl das Wesen in ihrem Kopf. Einen Moment lang sträubte sie sich weiter zu schleichen. Niemand gab der Elfin einfach so Befehle. Nicht einmal eine körperlose Existenz in ihrem Kopf. Andererseits war die Anweisung vernünftig und sie hatte das selbe im Sinn gehabt. Also ging sie doch geduckt weiter zum letzten Wagen in der Parkreihe.         

          Hinter ihr erklang das Feuer aus den MP-5, die Cone und Largo den Toten abgenommen hatten. Als die Feuerstöße nicht aufhörten, wusste sie, dass die Drohnen wohl nicht so einfach zu erledigen waren wie erhofft.

          "Magische Kontakte!", ertönte die Stimme ihres angeschlagenen Gegners hinter dem Wagen. Sie musste Schmunzeln. Nun wusste sie seine exakte Position und als Lightnings Feuerelementar dreißig Meter weiter zu ihrer Linken mit einem weiteren Soldaten ein hell leuchtendes Barbecue veranstaltetet, dachte sie: "Und das mit der Magie merkt ihr Trottel erst jetzt?"       

          Ohne ihrem Gegner Zeit zu geben die Position zu ändern, griff sie nach ihrem Katana auf dem Rücken, verlagerte das Gleichgewicht auf den linken Fuß, wippte auf den rechten zurück, mit dem sie sich sogleich kraftvoll abstieß und in einer halben Drehung um ihre eigene Achse wirbelte.
          Durch diese Bewegung brachte sie sich hinter die Deckung des Soldaten, der nicht einmal mitbekam, dass seine Zeit um war.         
          Noch während sich die Elfin in der Drehung befand, zog sie ihr Katana und stach es dem Soldaten quer durch den Hals. Dabei durchtrennte sie einen beträchtlichen Teil seiner Halswirbelsäule. Mit einem kurzen Ruck zog sie die Klinge wieder heraus und schlug das Blut mit einem kräftigen Schlag nach hinten von dem Monofilament.


          Auf zum Nächsten.



***


          Flink wich die Drohne den Kugeln aus, die der Ork auf sie abgefeuert hatte. Etwas Putz bröckelte aus der Decke über ihr und ließ eine Staubschicht auf dem Gerät zurück, dessen Sensoren dadurch allerdings nicht beeinträchtigt wurden.
          Sofort sandte es ebenfalls eine Salve in Richtung des Orks, traf aber nur die Transporter, zwischen denen er sich versteckte.

          "Du musst deine Schüsse breiter streuen!", rief Largo von der anderen Seite zu ihm herüber. Um seine Worte zu illustrieren gab er einen Feuerstoß auf die nächstgelegene Drohne ab. Durch geschicktes hin- und herbewegen der MP-5 reduzierte er den Bewegungsspielraum der Drohne, sodass sie nicht effektiv ausweichen konnte. Mehrere Kugeln schlugen in das fliegende Gerät ein, lösten im Inneren einen Kurzschluss aus und ließen es wie einen Stein zu Boden fallen.
          "Die Mistdinger wissen so nicht mehr wohin sie fliegen sollen und weichen dann oft gar nicht mehr aus.", schallte es triumphierend zu Cone herüber.      
          "Danke! Gut zu wissen!"  
Sogleich legte der Ork erneut an und tat es dem Zwerg gleich. Zwar konnte er die Drohne nicht vom Himmel holen, aber immerhin bekam sie ein paar Treffer ab und schien sich nicht mehr so stabil auf ihrer Position halten zu können. Wieder schickte die Maschine ihre Munition in die Transporter zur Linken und Rechten des Metamenschen.

          In die kurze Pause, die nun entstand, plazierte der Ork eine weitere Salve, die sich knallend in das Gehäuse des Geräts bohrte und es zum Platzen brachte. Den Fragmentregen ignorierend, wandte er sich umgehend der letzten Drohne zu, konnte sie aber in dem sich ausbreitenden Rauch, der von dem brennenden Autowrack aufstieg, nicht exakt zielen. Zudem lenkten ihn die Schreie des Soldaten ab, der gerade lichterloh in Flammen stand, weil ihn der Elementar in die Arme schloss.        
          Wie Largo konnte Cone die Begeisterung für Magie nicht so recht teilen. Er war unfaire Kämpfe gewohnt - immerhin kämpft man in Gangs nur nach Straßenregeln, was in der Regel bedeutet, dass es keine Regeln gibt - aber der Kampf gegen Magie ist für Normalsterbliche so, als würde man sich mit Faustkeilen gegen Panzer zur Wehr setzen. Solange der gegnerische Magier keinen beeinträchtigenden Kraftentzug durch seine Zauber erleidet, steht man als Normalo auf ziemlich verlorenem Posten.     

          Cone zwang sich dazu, sich wieder auf die Drohnen zu konzentrieren. Schließlich war dieser Feuerelementar auf ihrer Seite. Grimmig legte er an, atmete langsam aus und als der Ex-Ganger gerade den Abzug betätigen wollte, schnarrte es auf der anderen Seite seiner Deckung und zerbröselte die letzte Drohne.       
          "Guter Schuss, Largo."    

Langsam wurde es seiner Meinung nach Zeit die Stellung zu wechseln. Ein rascher Blick links, dann rechts und Cone stürmte aus seiner Deckung zur Wagenreihe gegenüber.
Da Orks nun mal nicht besonders klein und filigran, sondern meist groß und plump waren, blieb seine Gestalt nicht unentdeckt. Zwischen zwei Kleinwagen hatte sich ein Soldat unweit der Garagentür verschanzt und sandte nun beißende kleine Biester in Cones Rücken.
          Der Mistkerl konnte fünf Treffer für sich verbuchen, wenngleich keiner ernsthaft gefährlich war. Unter Schmerzen ging der Ork zu Boden und rollte sich außer Sichtweite des Schützen. 

***

          Endlich war ich in Sunetras Nähe angekommen. Gerade als ich meine Colt in Anschlag brachte, feuerte der Soldat in den Gang zwischen die Autoreihen. Über Komlink ertönten Cones Schmerzensschreie. Der Gegner hatte sich danach so schnell in Deckung fallen lassen, dass ich ihn nicht mehr ausmachen konnte.   
          "Drek! Sunetra, kannst du ihn sehen?"
"Negativ. - Da kommen noch mehr!"   
          Mit einem mal wurde Lightnings Feuerelementar wieder aktiv und ließ einen Flammenstrahl auf den Soldaten nieder gehen. Dem Kreischen nach zu urteilen, das er daraufhin von sich gab, war von ihm keine Gegenwehr mehr zu erwarten. Er tat mir fast schon ein bisschen leid. Zu verbrennen ist sicherlich kein schöner Tod.  

          Berserkergleich stürzte sich der Elementar sofort auf die neu anrückenden Gegner in der Tür und drängte sie wie eine Furie schreiend zurück. Vereinzelt waren danach Schüsse und Rufe zu hören, die sich aber entfernten. Ich konnte es kaum glauben: wir hatten uns eine Atempause verschafft.
          Aus dem Augenwinkel sah ich, wie unser Transporter kurz wippte als Lightning endlich ausstieg. Sie streckte sich wie nach einem Nickerchen und sah mich dann fragend an.
          "Na, hast du deinen Schönheitsschlaf auch mal beendet?"
Sofort zeigte sie mir den Mittelfinger: "Ey, ich hab mich um den Feuerelementar gekümmert."        
          "Ja, ja, wer's glaubt...", brummelte ich in mich hinein.
"OK, Leute! Die werden gleich zurück sein. Hat jemand eine Idee?"
          "Wir sollten die Tür blockieren.", schlug Sunetra vor.
Ich kratzte meinen Hinterkopf. Gute Idee, aber wie?
Hinter mir rappelte sich Cone unter Schmerzen auf und klopfte dann den Staub von der Hose. In seinem Zustand wirkte das irgendwie überflüssig.      
          "Nehmt doch das brennende Auto!"     
"Tu dir keinen Zwang an! - Besessen hat er mit besser gefallen."
          "Die Idee ist gar nicht mal so blöd, Alyssa."   
"Bitte!? Du willst mich doch verarschen!"       
          "Doch nicht das Wrack! Wie nehmen ein Auto, das noch kein Feuer gefangen hat."      

          Meine Augen wanderten durch die Garage und fanden einen Volvo, der schön breit war: "Sunetra, wärst du bitte so gut? Ich meine, wenn du dich schon so an den Wagen lehnst..."
          Ohne weiter darüber nachzudenken schlug die Magierin mit dem Monofilamentkatana die Seitenscheibe ein.
          "Cone, hör mal kurz auf zu bluten und hilf mir das Ding an die Tür zu schieben!"   
          Schwerfällig bewegte sich mein Cousin zum Heck des Volvo. Ich stellte mich ans eingeschlagene Fahrerfenster und griff nach Holm und Lenkrad. Scheinbar war der Wagen schon länger nicht mehr bewegt worden, denn er sträubte sich gegen den Druck, den wir ausübten.    
          "Ich hab die Türsteuerung gefunden. Vielleicht kann ich die Verkabelung etwas zu unseren Gunsten verunstalten."
          "Super, Largo.", presste ich zwischen zusammengebissene Zähnen ins Komlink. Endlich löste sich die Handbremse mit einem rostigen Knacken vollständig und der Volvo rollte los. Die Karosserie ächzte leise, als wir die Front in die etwas zu enge Türöffnung zwängten.
"So, das sollte sie ein wenig aufhalten und uns die Gelegenheit zum Schießen geben, wenn sie darüber hinweg klettern."

          "Hey, die Soldaten haben Betäubungsgranaten dabei!"
Die Elfe kauerte über der Leiche eines Mannes und hielt ihr Fundstück in die Höhe, während sie ihn weiter untersuchte.
Mein Cousin humpelte zu ihr, nahm ihr die Granate aus der Hand und kam zum Volvo zurück. "Was hast du denn damit vor, Cone?"
          "Entspann dich! Ich werde den Arschlöchern einen angemessenen Empfang bereiten."    
          Cone kniete nieder und machte sich am Wagen zu schaffen. Mir schwante, was er vor hatte und so schlich ich langsam rückwärts von ihm weg.     
          "Vielen Dank für dein Vertrauen, Hendrik."
Mist. Er hatte es doch bemerkt. 
          Vorsichtig zog er den Splint und entfernte sich ebenfalls von dem Auto: "Wenn die den Wagen nur ein bisschen bewegen oder darauf rumklettern, werden sie ihr blaues Wunder erleben." 
          Aufmunternd schlug ich ihm auf den unverletzten Oberarm: "Saubere Arbeit. - Und das sage ich nicht oft. Komm, lass uns zum Transporter zurück kehren!"      
          "Kann ich jetzt also wieder weiter bluten?"    
Zum ersten Mal seit Stunden musste ich wieder lachen.
          "Largo, wie gut kommst du voran?"    
"Ich bin gleich soweit. Sieh zu, dass du den Wagen zum Laufen kriegst!"         
          "Aye, aye Käpt'n." 

***

          Wenn man die Technik dahinter verstanden hat und über etwas Werkzeug verfügt, ist das Kurzschließen eines Wagens gar nicht mal so schwer. Nun werden die Klugscheißer da draußen aufheulen, dass der Begriff 'Kurzschließen' bei modernen Autos in dieser Form nicht mehr angebracht ist. Im Grunde muss man lediglich die Elektronik des Wagens davon überzeugen, dass man der Halter des Wagens und somit berechtigt war zu fahren.
Nach einigen Einsätzen meines Werkzeugs in den Eingeweiden der Verkabelung hinter der Mittelkonsole, war die Abfrage der Künstlichen Intelligenz überbrückt und ich drückte voller Erwartung den Startknopf.    

          Zu meiner Erleichterung kam der Motor nach kurzem Zögern zum Gespräch dazu und räusperte sich laut und vernehmlich.
'Jetzt nur keine Mucken machen!', dachte ich bei mir und legte den Rückwärtsgang ein. Zügig rollte der Transporter aus der Parklücke.          
          "Die Banditen kommen über den Volvo. - Einer trägt eine Robe.", teilte Sunetra über das Komlink mit. Die Robe verhieß nichts Gutes. Vermutlich hatten sich die Magier doch noch genötigt gesehen ihr Ritual zu unterbrechen und uns auf den Zahn zu fühlen. Nun hieß es Fersengeld geben. 

          "Drek! Die Betäubungsgranate war ein Blindgänger!"
"Scheiß drauf, Cone!"      
          Ich hämmerte meinen Fuß auf das Gaspedal und ließ die Reifen fliegen. Quietschend schob sich der Transporter vorwärts.
          "Largo! JETZT wäre echt super!"
"Habs geschafft!"   
          Behäbig wurde das Tor ruckelnd in die Höhe gehievt. 'Komm schon, mach schneller!'   
          Aus dem Laderaum hinter uns wurde eine MP-5 abgefeuert und mein Cousin meldete sich: "Beeilt euch! Die Mistkerle rücken uns schon auf die Pelle!"       
          "Hab's auf der Agenda, Cone!"  

Das Tor hatte sich nun halb geöffnet und wir nahmen kontinuierlich an Fahrt auf. Im Rückspiegel sah ich, dass einer der frisch angekommenen Soldaten versuchte mit uns Schritt zu halten. Doch dann blitzte aus der geöffneten Seitentür Mündungsfeuer und der Kopf des Mannes wurde ruckartig nach hinten geschleudert. Wie ein nasser Lappen fiel er zu Boden und blieb liegen.  
          "Ein Bandit unten!", gab Sunetra knapp durch.        


          Als wir nur noch etwa zehn Meter entfernt  waren, nahm Largo Anlauf und sprang in den Transporter. Seine Füße erwischten die Türkante unglücklich, so dass er sein Gleichgewicht zu verlieren drohte. Sunetras Hand schoss vor, hielt seine umklammert und zog in rein.
Endlich waren wir im Tunnel und fuhren ins düstere Unbekannte hinein.

***

          Matt hob der Höllenhund langsam den Kopf und schaute nach oben. Nach einer langen Nacht kraxelte endlich die Sonne am Horizont herauf. Die ersten wärmenden Strahlen fielen in die breite Schlucht, in der der Critter sein Dasein fristete. Schon seit er sich erinnern konnte, passte er darauf auf, dass keine Fremden hier herum liefen. Natürlich hatte er in diesem entlegenen Teil der Welt nur selten etwas zu tun. Eigentlich kam nie jemand hier her und störte seine Ruhe; lediglich dieser Mensch, der ihm Futter brachte und mit ihm alle drei Stunden einen Teil der Schlucht abschritt. Der Höllenhund freute sich immer darauf zwischen den steil aufragenden Gesteinsmassen die Straße entlang zu marschieren, handelte es sich dabei immerhin um die aufregendsten Momente seines Tagesablaufs.
          Im Moment allerdings musste er vor diesem Tor herumliegen. Gelangweilt erhob sich der Critter, zog seinen Rücken ein und streckte sich ein wenig. Nachdem er herzhaft Gegähnt hatte, wurde es Zeit die Blase zu entleeren.
          Er schüttelte sich kurz, warf die letzte Müdigkeit ab und trottete zum Tor in der Felswand. Seitlich davor stehend, hob er sein Beinchen. Welch eine Wohltat das war!
Und so schloss er für einen Augenblick die Augen und genoss die Prozedur. Als er sein Geschäft erledigt hatte, sah er, dass sich das Tor geöffnet hatte. Wann war denn das geschehen?

          Neugierig stieg er über seine Urinlache in den dunklen Tunnel und blickte in die Finsternis hinein. Kam dort etwa jemand? Er lauschte in die Stille und stellte zufrieden fest, dass sich wirklich jemand näherte. Vielleicht brachten die Zweibeiner ihm endlich was zu tolles zu fressen. Schon seit Tagen hatte er nur spärliche Trockenkost zu sich genommen. Es wurde langsam Zeit, dass er endlich mal wieder einen anständigen Happen zwischen die Kiemen bekam.
          Erwartungsvoll stellte er seinen Schwanz auf und wedelte artig damit. Der Höllenhund hatte nämlich festgestellt, dass die Menschen immer nett zu ihm waren, wenn sie dachten, dass er sich über ihre Anwesenheit freute. Daher nutzte er diesen Umstand für sich aus. Was waren schließlich schon ein paar Bewegungen mit dem Schwanz gegen ein paar Streicheleinheiten und Leckereien?
So starrte er die zwei Punkte an, die auf ihn zu kamen, und legte den Kopf schief. Sein Magen knurrte und ihm lief bereits der Sabber die Lefzen herab.   

          Ein fragender Laut verließ seine Kehle.
Was sie ihm wohl heute zu fressen geben würden? Kaninchen vielleicht? Oder Huhn? Er liebte Huhn.     
          Bitte lass es Huhn sein!   

***

          Der Transporter ruckte zweimal hintereinander, dann waren wir endlich aus dem Tunnel heraus und hatten zum ersten Mal seit Stunden wieder den freien Himmel über uns - und es war endlich Morgen geworden. 
          "Ach du scheiße! Pass auf wo du lang fährst, Hendrik! Das hat ganz schön gerumst. Ich dachte schon es zerlegt die Achse."     
          "Keine Ahnung was das war. Wahrscheinlich nur ein großer Stein."       
          Endlich! Endlich wieder in Freiheit. Die Straße, auf der wir fuhren, führte zwischen zwei Felswänden entlang. Mehr als sechzig Meter hoch ragten sie in den Himmel. Wir fuhren durch eine Schlucht.       
          Somit machte auch der Aufbau der unterirdischen Basis endlich Sinn. Der Zugang durch die Schlucht tarnte die Anlage selbst für Satelliten wunderbar und verhinderte, dass allzu neugierige Naturen auf die Idee kamen hier herum zu schnüffeln. Und wer es doch tat, wusste höchstwahrscheinlich nicht von diesem Zugang und wurde oben von den Höllenhunden aufgemischt.      

          Wir kamen an eine Weggabelung und mussten ohne Straßenschilder entscheiden welche Richtung wir einschlagen sollten. Während die Frauen unsere Optionen im Astralraum überprüften, übernahm Largo fix das Steuer. Je nachdem, was auf uns zukommen sollte, war ein Rigger auf dem Fahrersitz nützlicher als ich.    
          "Rechts rum endet der Weg in einer Sackgasse."
Sunetra öffnete ihre Augen und wartete auf Lightnings Ergebnis. "Nach links geht es aus der Schlucht wieder heraus."
          Mehr brauchte Largo nicht zu hören, um eine Entscheidung zu treffen. Steinchen und Dreck spritzte unter den sich kurz auf der Stelle drehenden Reifen auf und wurden nach hinten geschleudert. Schließlich bewegte sich der schwerfällige Transporter wieder und wir rasten durch die Schlucht.      

          "Schaut mal! Da ist eine kleine Hütte. Vielleicht können wir dort etwas nützliches finden." 
          "Vergiss es, Alyssa!" Die Zauberin saß mit uns vorne auf der breiten Sitzbank. Sie zog die Stirn kraus und strengte ihre Augen an.      
          "Drek!"
"Jepp.", kommentierte Largo trocken, als uns auch schon die ersten Kugel um die Ohren pfiffen. Vier Soldaten in voller Montur und Sturmgewehren waren aus der Wellblechhütte gekommen und hatten zu beiden Seiten der Straße Stellung bezogen, um uns abzufangen.   

          "Gib Gummi, Chummer!"
Vier Löcher poppten auf der Windschutzscheibe auf wie Fußstapfen im Schnee - die Ränder umkränzt von feinen Rissen, die sich in das Glas hinein schlängelten. Erschüttert blickte ich zu Largo und dann zu Lightning. Unglaublich, dass keiner der Schüsse uns getroffen hatte.
          "Ich werde denen ein paar Blitze um die Ohren schleudern."
"Spar dir deine Energie, Alyssa. Ich will mich mit den Pennern nicht unnötig aufhalten."  

          Ich weiß nicht, ob es Mut war oder bloß die totale Ignoranz der Situation, die einen Soldaten dazu veranlasst hatte, sich mitten auf der Straße zu positionieren. Dachte der Bastard ernsthaft, dass wir eine Kollision vermeiden und für ihn anhalten würden? 
          Spontan erteilte Professor Largo dem aufmüpfigen Studenten eine kleine Lektion in Sachen angewandter Physikphilosophie, die in etwa wie folgt lautete:
Stelle dich niemals in den Weg eines bewegten Objekts, das deutlich größer und schwerer als du selber ist, wenn den Bewegern des Objekts deine Existenz scheißegal ist.       
          Ich bin mir sicher, dass sich der Kerl im nächsten Leben daran halten wird.         

Wir ließen die Hütte hinter uns. Nur noch wenige Schüsse hallten uns nach, aber an ein Aufatmen war noch nicht zu denken.
          "Zwei Jeeps verfolgen uns. Sie schließen auf!"
Cone musste sie durch die offene Seitentür erspäht haben, denn wir konnten sie noch nicht in den Rückspiegeln sehen.
Das Gelände wurde breiter, als sich die Wände der Schlucht von uns entfernten und der Weg anstieg. Hoffentlich bedeutete das, dass wir diese verdammte Anlage bald hinter uns lassen würden.  


          "Die Barriere versperrt immer noch den Weg."
Ach ja, dieses klitzekleine Detail war mir fast entfallen. Sunetras Stimme klang ruhig über das Komlink, aber das half mir in dem Moment kaum.
          "Kommt schon! Ihr Spruchschleudern müsst doch eine Idee haben, wie wir da durch kommen können!"      
          "Sogar ich würde mich jetzt über ein bisschen Magie freuen.", kommentierte Largo in bitterem Tonfall.       

          Unsere menschliche Magierin sortierte fix ihre Gedanken: "Hmm, wenn Sunetra und ich unsere Kräfte bündeln, wäre es vielleicht möglich für ganz kurze Zeit ein Loch in die Barriere zu reißen."         
          "Red nicht! Mach einfach!"         
Ich hoffte sehr, dass die beiden stark genug waren für ein solches Unterfangen. Für den Zwerg und mich war am schlimmsten, dass wir das verdammte Ding nicht einmal sehen konnten. Der Aufprall würde uns vollkommen überraschen. Nur wann? In fünf Sekunden oder erst in einer Minute? Wo war sie bloß?     

          Plötzlich kreischte das Heck des Transporters vor metallischen Schmerzen auf und ein heftiger Ruck ging durch das Vehikel.    
          "Was... was war das?"     
"Leute, ihr glaubt es nicht! Es... es hat gerade den gesamten Arsch des Transporters weggerissen. - Ich wäre fast rausgefallen.", stöhnte Cone.         
          War das eine neue Waffe gewesen... oder?! Ich blickte zu Alyssa, die mich selbstgefällig angrinste: "Und wieder einmal haben die Zauberinnen den Tag gerettet."
Über Komlink ließ die Elfin ein schlichtes "Booya!" vernehmen.

         
          Kaum zu glauben: wir hatten es lebend aus diesem Höllenloch geschafft.         

***

          In den folgenden Stunden fuhren wir durch nicht enden wollende Wälder und wechselten mehrfach unseren fahrbaren Untersatz. Es ist nicht gerade die feine Art anderer Leute Autos zu benutzen, aber die Umstände waren außergewöhnlich und wir hatten nicht vor sie zu behalten.
Glücklicherweise schienen wir nicht verfolgt zu werden.    

          Irgendwann fühlten wir uns sicher genug, um uns einen Platz zum Ausruhen zu suchen. Deshalb steuerten wir mit unserem 'geliehenen' VW Lupus - eine alte, ranzige Rostlaube mit einem Aufkleber auf der Heckscheibe, der die Band 'Böhze Orkze' anpries - ein Cafe in einem kleinen Kaff mitten im Wald an.       
          "Boah, selten schmeckte Soycaf so gut." Wir anderen nuschelten Cone aus vollen Mündern unsere Zustimmung zu. Das gesamte Frühstück war eine einzige Wohltat.
Als wir das Mahl beendet hatten war es an der Zeit unser weiteres Vorgehen zu planen. Alyssa puhlte sich mit einem Zahnstocher Essensreste zwischen den Zähnen hervor und lehnte sich lässig in ihrem Stuhl nach hinten: "Du solltest Frank anrufen!"     
          Irgendwie erwartete ich bissige Kommentare von den anderen als Reaktion auf ihren Vorschlag, doch es folgte nur Stille. Zögerlich zog ich mein Komlink hervor, um die Nummer zu wählen: "Da schau an! Wir haben sogar Verbindung ans Netz."   
          "Ha, endlich wieder zurück in der zivilisierten Welt, wie?!" Largo klopfte gutgelaunt auf den Tisch.   

          Nachdem es in der Leitung ein paarmal getutet hatte, hob Frank Zehntner, mein ehemaliger Kollege bei ARGUS, ab. "Guten Morgen, Hendrik. Was gibt es denn?"        
          "Moin, moin - alles Roger?"       
"Klar, bei mir doch immer. Schieß los! Worum geht es dieses mal?"
"Öhm, so offensichtlich, ja?"      
          "Hahaha, du bist halt nicht für deine Höflichkeitsanrufe bekannt, Großer."          


          Also erzählte ich ihm von unserem Horrortrip und was wir bisher rausgefunden hatten. Als ich meine Schilderung beendet hatte, war es für einige Sekunden totenstill am anderen Ende der Leitung. Schließlich hörte ich Frank tief durchatmen und dann das Klappern seiner Tastatur im Hintergrund.
          "OK, lass mich mal die zwei Namen checken, die du mir gegeben hast. - Also dieser Professor Doktor von Dachau ist ein bekannter Akademiker, der in den Vierzigern in Magietheorie promoviert hat. Leitete fünfzehn Jahre lang den Vorsitz der 'Deutschen New Age Foundation West'. Das ist ein Ableger der 'New Dawn Foundation' und der wichtigste Magierverband in den ADL. Seitdem er seinen Posten aufgegeben hat, ist er nicht mehr öffentlich aufgetreten.
          Nach dem, was ich hier lese, hat er sehr mächtige Verbündete in der Politik."       
          "Was ist mit diesem Merkerich?"
"DIESER, meinst du wohl! Sie hat einen ähnlichen Lebenslauf wie von Dachau und ist im Vorstand des Bundesdeutschen Verbandes der Magier."     

          "Aha... kannst du etwas über die Reisefirma heraus finden? Wir haben ein paar Wachen belauscht und glauben, dass der Gewinn eine Masche ist und wir nur zufällig da rein geraten sind."    
          Wieder klapperte die Tastatur in Franks Büro.
"Es handelt sich bei 'Happy Travel' um eine Briefkastenfirma. Alles deutet darauf hin, dass Firmen mit dem Schwerpunkt auf Forschung und Entwicklung involviert sind. - Hier steckt sicher einer der großen Konzerne dahinter."   
          "Das klingt gar nicht gut."
"Hör mal, Hendrik! Ihr habt euch da mit den falschen Leuten angelegt. Im Schwarzwald ist die Forschung an magisch aktiven Wesen verboten und an Wendigos erst recht. Dass sie es trotzdem tun und nicht daran gehindert werden, lässt mich auf korrupte Beamte und Parteiklüngel tippen. -
Ich kann es kaum glauben, dass ihr es dort lebend heraus geschafft habt."     
          "Wir auch nicht."   
"Ich schau, ob ich mehr herausfinden kann, aber das wird dauern. Am besten ihr überstürzt in der Zwischenzeit nichts und haltet euch bedeckt."   
          "Danke, alter Freund."    
"Pass auf dich auf!"


          Als ich auflegte, schaute ich in ziemlich betretene Gesichter am Tisch. "Ihr habt ihn gehört. Diskret bleiben ist angesagt."
          Alyssa platzte in die sich ausbreitende Stille und warf fast ihren Becher mit Soycaf um, als sie die Faust auf den Tisch hämmerte. "Du willst doch nicht ernsthaft wieder zurück gehen, oder?"
          "Erde an Lightning: Die haben meinen Rover und Cones Trollhammer. Ich verlasse den Schwarzwald nicht ohne sie."    
          "Schreibt die Karren doch ab! Besser als im Versuch sie zu holen zu sterben."     
          "Du kapierst es echt nicht, oder? Die wissen wegen den Nummernschildern WER wir sind und WO wir wohnen. Glaubst du echt, dass die diese Episode auf sie beruhen lassen werden? Wir sind Zeugen. Und die lässt man nicht am Leben, wenn man im Geschäft bleiben will."   
          "Pfft! Meine Spuren im Netz verschwinden innerhalb von vierundzwanzig Stunden. Mich kriegen die nicht."        

          Daraufhin fixierte ich sie und schaute ihr so lange in die Augen, bis sie blinzeln musste. Ich konnte nicht glauben, was sie da gerade gesagt hatte. So ruhig ich konnte, fuhr ich fort: "Eins kann ich dir versprechen, Alyssa: Wenn du uns jetzt im Stich lässt, werde ich denen helfen dich zu finden, wenn sie mich gefangen nehmen sollten."        
          Ich meinte die Drohung ernst und hoffte, dass Alyssa sich nun gut überlegte, was sie tat. Stattdessen tat sie gar nichts und sah mich nur entsetzt an. Die aufmüpfige Menschenfrau sprachlos zu erleben war ein Genuss, wie ich zugeben muss.      

          Largo war schließlich derjenige, der unser Gespräch wieder in sinnvollere Bahnen lenkte: "Abgesehen davon, dass sie uns nun kennen, gebe ich zu bedenken, dass diese Schweine mit ihren Reisegewinnen unschuldige Zivilisten in die Falle locken und dort wer weiß was mit ihnen anstellen. Jetzt, da wir das wissen - unabhängig davon woran sie forschen oder warum sie das tun - dürfen wir sie damit nicht davon kommen lassen!"   
          Die Worte des Riggers ließen mich Lächeln. Er hatte es auf den Punkt gebracht. Im Nachhinein war es möglicherweise ein wenig zu pathetisch, aber der Moment erschien mir der richtige zu sein. Von neuer Energie beseelt, griff ich nach meinem Becher, in dem Soycaf hin und her schwappte, hielt ihn hoch und sah jeden in der Runde nacheinander an.   
          "Es wird Zeit den Bastarden zu zeigen, dass man sich nicht mit Hamburgern anlegen sollte. Es wird Zeit ihnen eine Lektion zu erteilen. Es wird Zeit ihnen das Handwerk zu legen und unsere Leben zurück zu holen.      
          Meine Freunde, ich will mich schlecht benehmen und ich hoffe ihr werdet mich dabei unterstützen."

          Cone und Largo waren die ersten, die ebenfalls ihre Tassen hoben. Die Elfin straffte sich etwas, lächelte dann und hob auch ihr Getränk hoch. Abschließend blickten wir alle zu Lightning, die mit sich zu ringen schien. Nach einigen Momenten seufzte sie schwer und nahm ihren Becher in die Hand.
          "Ach was soll's, ich wusste noch nie wie man sich benimmt. Und irgendjemand muss mitkommen und euch Lahmärschen doch zeigen, wie man richtig auf die Kacke haut."

          Sehr gut, Chummer!

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