Mittwoch, 6. März 2013

Hanse Wasabi

Kapitel 2 - Für eine Handvoll Euro

        Kaum waren wir in meiner Bude angekommen und hatten uns einen Soycaf reingewürgt, kam eine Eilmeldung über das Schattennetz rein. Sie war offen gesendet worden und nicht an einzelne Runner. Jemand brauchte dringend ein Team für einen Job. Sie wollten einen Rigger, mindestens einen Magier und ein paar Muskeln oder Waffenspezialisten.
Wenn man als Runner neu im Geschäft ist und chronisch knapp bei Kasse, darf man nicht wählerisch sein. Zwar hätte ich mich lieber mit ominösen Beschattungen meinerseits und den abhanden gekommenen Erinnerungen einer Elfenfreundin beschäftigt, aber so eine Gelegenheit bietet sich nicht oft. 
          Dass die Nachricht im offenen Netz war bedeutete, dass wir uns sputen mussten. Also packten wir unsere Siebensachen und fuhren zur angegebenen Adresse.                
          Das Baikal lag mitten auf der Musikinsel im Zentrum Hamburgs. Hier reihten sich Bars, Clubs, Restaurants und Discotheken aneinander. Wir hatten gerade mal zehn Uhr morgens durch, weswegen nicht allzu viel los war. Wir wurden von einem mürrisch dreinblickenden Troll begrüßt, der uns die Waffen abnahm und zu einem Aufzug geleitete.
          "GELDGELDGELDGELDGELD! JUHU!"   
Unsere derzeit einzige funktionstüchtige Magierin bekam  sich bei der Aussicht auf ein paar Euro kaum mehr ein und freute sich ein zweites Arschloch. Langsam nervte es aber und darum war ich dankbar, als Sunetra dem ein Ende setzte, indem sie ihr  mit der flachen Hand einen Klaps auf den Hinterkopf verpasste.
          "Reiß dich am Riemen, Gajin!"  
"AUUU!", protestierte Alyssa, wie sie mit bürgerlichem Namen hieß, und rieb sich zur Verdeutlichung den Schädel. Largo ließ sich die Gelegenheit nicht entgehen ebenfalls auszuteilen: "Stell dich mal nicht so mädchenhaft an. Es wird schon nicht so weh getan haben wie dein erstes Mal."
          Die Menschenfrau zog eine Schnute und blickte grimmig auf den Metamenschen herab: "Pass auf, sonst verzaubere ich dich. Dann wirst du denken du wärst ein Zwerg."       
          "Ich BIN ein Zwerg, Herrgott nochmal!"        
"Siehst du! So schnell geht das!", und da grinste sie schon wieder über beide Backen. Manchmal konnte sie wirklich abartig gute Laune haben.         
          Glücklicherweise öffneten sich in dem Moment die Fahrstuhltüren und der Troll führte uns in ein abgedunkeltes Büro. Soweit ich sehen konnte, war es luxuriös eingerichtet. Vom Stil her schätzte ich es auf NeoModern - wer denkt sich eigentlich diese bescheuerten Namen aus?! Am offenen Arbeitstisch saß eine Frau mit blutrot glühenden Cyberaugen - zweifellos um Geschäftspartner einzuschüchtern. Etwas abseits von ihr lehnte ein Mann um die vierzig an der Wand. Das Muskelpaket war ebenfalls vercybert.    
          "Summerset!", stellte ich mich vor. Sie nahm meine Hand und schüttelte sie. Der Händedruck war angenehm kräftig für eine Frau.
          "Nennen sie mich Kryscha." Sie deutete auf eine Reihe Stühle und wir setzten uns. Nach einem kurzen Moment des Abschätzens rückte sie mit ihrem Anliegen raus: "Nun, dies ist ihr Glückstag. Da es sehr schnell gehen muss und sie die ersten sind, die sich bei uns gemeldet haben, würden wir ihnen den Auftrag geben."       
          Ich hob beschwichtigend die Arme: "Einen Augenblick bitte noch. Bevor ich zusage, möchte ich wissen, worum es denn eigentlich geht."       
Etwas knuffte mich in die Seite. Lightning sah mich mit trauriger Miene an und meinte nur: "Geld?"        
          Ich schüttelte den Kopf und wandte mich wieder Kryscha zu: "Sehen sie, wir bieten eine ganze Reihe von Dienstleistungen an, aber ich akzeptiere niemals einen Auftrag ohne vorher zu wissen, was wir tun sollen."
          Kryscha stand auf und wanderte mit langsamen Schritten durchs Büro: "Das ist durchaus vernünftig,  Herr Summerset." Sie kam bei dem Mann an und legte ihm eine Hand auf die Schulter. "Darf ich vorstellen: Karl Weiland. Er ist Sportler und tritt für mein Team bei den Pitfights an. Er gilt als heißer Anwärter auf den diesjährigen Titel."
          Largo priff kurz und nickte anerkennend. Pitfights waren für ihre Brutalität bekannt und befanden sich in einer Grauzone des Gesetzes. Hier traten nur vercyberte Kämpfer an. Ich konnte mir allzu gut vorstellen, wie Weiland seine Gegner im wahrsten Sinne des Wortes auseinander nahm.
          "Das erklärt die Cyberimplantate von Herrn Weiland."
"Richtig. Heute Abend ist ein Kampf angesetzt, der nicht mehr abgesagt werden kann. Die Wetten stehen und ein Rückzug ist ausgeschlossen. - Gestern Nachmittag wurde Karls Tochter Bianca entführt. Aber... vielleicht solltest du es selber erklären."   
          Karl löste sich von der Wand und suchte nach Worten. Normalerweise waren so stark vercyberte Personen kaum mehr als Maschinen. Mit abgestumpftem Geist, ohne große Emotionen. Karl aber sah ich an, dass ihn die Sache sehr mit nahm.     
          "Ich wollte meine Tochter von der Schule abholen. Ich... war spät dran. Wie immer war ich zu spät. Sie wartete noch auf mich, als ihre Freundinnen schon weg waren. Ich parkte gerade auf der anderen Straßenseite mein Auto, da sah ich aus dem Augenwinkel, wie ein Van vorfuhr, eine Gestalt ausstieg und sie hinein zerrte. Ich... ich... rannte so schnell ich konnte, aber sie fuhren mir davon.... es ist ... meine Schuld. Wenn ich doch nur pünktlich gewesen wäre." Seine Stimme erstickte und Kryscha drückte ihm tröstend eine Hand.     
          Er tat mir leid, aber ich musste auf geschäftlicher Ebene bleiben, und da ist kein Platz für sentimentale Rührseligkeit. "Wir nehmen den Auftrag an - sofern sie uns irgend welche Anhaltspunkte für die Suche geben können."
          "Karl ist wie ich mit Cyberaugen ausgestattet. Es gibt eine Aufzeichnung der Entführung, wenn auch nur verschwommen, da er es wie gesagt nur aus dem Augenwinkel gesehen hat. Zwei Stunden später wurde er angerufen. Man drohte ihm, dass wenn er den Kampf heute nicht verliert, seine Tochter umgebracht wird. Auch den Anruf haben wir aufgenommen. Die Stimme ist mit einem Programm verstellt wollten, aber vielleicht hilft ihnen das bei der Suche."    
          Ich nahm den Datenstick von ihr entgegen: "Sie müssen sich beeilen, weil der Kampf um neun Uhr heute Abend stattfindet."
          Warum ist die Frage nach dem Geld immer die schwierigste für mich?!
"Ähem... und wie schaut es mit der Bezahlung aus?"
          "20.000 Euro. Viertausend sofort und den Rest, wenn sie erfolgreich sind." Sie musste mir die Überraschung angesehen haben: "Wie ich bereits erwähnte, Herr Summerset, stehen wir unter Zeitdruck und können uns nicht den Luxus leisten wählerisch zu sein. Als Ansporn bieten wir aber auch eine erstklassige Bezahlung. - Enttäuschen sie uns nicht."        



***


          Ich muss gestehen, dass das Angebot sogar mich etwas wuschig gemacht hatte. Wenn wir diesen Job erfolgreich abschließen konnten, würden wir mit einem Schlag in der hiesigen Shadowrun Szene bekannt sein. Vor allem aber hieß es nun schnell sein. Da Largo und Sunetra neu in Hamburg waren, bemühten Lightning und ich unsere Kontakte. Ihre Barkeeper-Connection konnte uns nicht direkt weiter helfen, versprach aber die Augen offen zu halten. Wie so oft rief ich meinen ehemaligen Kollegen Frank Zehntner bei Argus an.         
          Er hatte die notwendige Software zur Hand, um die Bildqualität des Videos zu erhöhen. Schon wenige Minuten später fanden wir so heraus, dass es sich bei dem Entführer um einen vercyberten Ork handelte. Was zunächst wie schrille Klamotten aussah, entpuppte sich im verbesserten Video als Cyberbeine und eine Cyberklaue, die grellrot lackiert waren. Nur wo sollten wir suchen? Karl hatte sich war auch das Nummernschild des fliehenden Vans gemerkt, aber Frank teilte mir mit, dass der Wagen als gestohlen gemeldet worden war.
          Largo vermutete aufgrund der besonderen Lackierung, dass es sich um jemanden aus der Fetischszene handeln könnte. Kein normaler Mensch würde mit solchen Implantaten herumlaufen. Dank meinem leider abwesenden Cousin Cone wusste ich, dass es für Fetischimplantate tatsächlich einen speziellen Laden in der Hansestadt gab. 

***

          Das 'Chrome' befand sich im Randbezirk von Bergedorf - auch nicht gerade das exklusivste Viertel in Hamburg. Auf spezielle Cybertechwünsche zugeschnittene Implantate waren in den Schaufenstern ausgestellt und warben mit Exklusivität. Der einzige Grund, warum der Laden noch nicht ausgeraubt worden war, befand sich im Geschäft, hörte auf den Namen Paul und war ein vercyberter Ork - wie hätte es auch anders sein können?!          
          Er hatte auf seinem Cyberarm eine Gravur, die auf der Haut als Tattoo fortgeführt wurde. Sah zugegebenermaßen schick aus, war aber so nötig wie ein Piercing durch den Kopf.  
          "Guten Tag, was kann ich für sie tun? Benötigen sie eine Beratung für einen Körperteilaustausch? Wir bieten neben den traditionellen Implantaten auch Bioimplantate an, falls sie magisch begabt sein sollten und ihre Fähigkeiten nicht unnötig einschränken wollen?"   
          Eines musste ich Kollege Kunstarm lassen: er war freundlich und kundenorientiert. Vielleicht sollten wir ein Verkaufsgespräch führen und sehen was wir dabei herausbekommen konnten.  
          "Hallo... äh Paul. Meine kleine Freundin hier", ich zeigte auf Lightning, die mich erschrocken ansah und am liebsten weggelaufen wäre - Magier und Cybertech reagieren recht kratzbürstig aufeinander, "interessiert sich für ein paar neue Beine." Paul wandte sich der Zauberin zu und wollte wissen, ob sie konkrete Vorstellungen hätte. "Äh ja, also ich wollte welche in rot haben." 
          "Oh, die roten Implantate werden gerne von Sportlern gekauft. Welchen Sport treiben sie denn?"  
Lightning legte die Stirn in Falten: "Wollen sie damit sagen, ich wäre fett, dass ich..."
          "Nein, sie betreibt keinen Leistungssport.", ging ich schnell dazwischen, "Aber da sie es erwähnen: Sie kam mit dem Wunsch zu mir nachdem wir einen Pitfight gesehen hatten. Einer hatte knatschrote Beine und seitdem ist sie total scharf auf die Dinger."     
          Paul lächelte wissend, als wollte er sagen 'Jaja, die Frauen. Hauptsache es sieht schick aus. Dann wollen sie alles Mögliche haben.'    
          "Wissen sie noch welches Modell es war?"
"Nun, ich kenne mich damit nicht sooo gut aus."     
          "Warten sie, ich habe einen Katalog unterm Tresen liegen. Es gibt nicht allzu viele Modelle, die diese Lackierung anbieten."           
          Paul kam mit dem Katalog wieder zu uns zurück. Dank meines fotographischen Gedächtnisses konnte ich die Implantate sofort wieder erkennen. Es handelte sich um ein Modell von Ferrari. Sunetra sah sich die Bilder an und verzog das Gesicht in Abscheu:  
          "Wer setzt sich denn sowas an den Körper!? - Ähm ich meine wegen der scheußlichen Farbe." Paul war von dem abfälligen Kommentar über seinen Brötchenerwerb nicht sehr begeistert. Largo schaltete schnell: "Ach Sunetra. Natürlich der Kerl, der bei dem Pitfight mitgemacht hat. Der sah wirklich aus wie eine wandelnde Neonreklame." 
          "Ach ... wie hieß der denn noch? Es liegt mir auf der Zunge... ich glaube der ist gar nicht mal soooo unbekannt...", ich war über meine miesen Schauspielkünste selber entsetzt, aber Paul kaufte mir die Nummer ab: "Oh, sie müssen Tyrant meinen." 

          Unsere japanische Magierin hatte bereits seit einigen Minuten einen anderen Kunden im Blick, der sich die Auslage in unserer Nähe angeschaut hatte. Es musste Intuition gewesen sein. Sunetra jedenfalls bemerkte, dass der Ork uns zu belauschen schien. Bei der Erwähnung des Namens 'Tyrant' setzte er sich auffällig unauffällig in Bewegung. Er war noch nicht aus dem Laden raus, als sie uns noch auf Japanisch mitteilte, dass es Ärger gibt. Sie setzte sich geschmeidig in Bewegungen, aber ohne Hast, damit Paul nicht misstrauisch wurde. Lightning schaltete schnell und spielte rasch die quengelige Göre, die es sich mal wieder anders überlegt hatte. Ich tat genervt und wir verabschiedeten uns von Paul. Wieder glaubte er uns - zumindest hatte ich den Eindruck.          
          Als wir auf die Straße kamen rannte Sunetra bereits dem Ork hinterher. Ich fluchte und wir sprangen in den Rover. Wenn der Kerl diesen Tyrant warnt, waren wir geliefert. Mit quietschenden Reifen rasten wir hinterher. Der Ork knallte gegen drei Mülltonnen, kam kurz ins Stolpern und bog dann in eine Gasse ein. Das kostete ihn wertvolle Sekunden, in denen die Elfin aufholen konnte. Gerade so vermied sie es, die Mülltonnen nicht anzurempeln, und verschwand ebenfalls in der Gasse.   

          Largo nestelte an seinem Gürtel und holte eine Drohne hervor, die er per WiFi aktivierte und aus dem fahrenden Wagen ebenfalls in die Gasse schickte... oder sollte ich sagen: schicken wollte?! Die Drohne titschte wegen der Fahrtgeschwindigkeit gegen die Hauswand. "ARGH! Scheiße! Die Kamera ist im Arsch!"        
          Dank der auf die Innenseite der Windschutzscheibe projizierten Karte der Gegend, schätzte ich ab in welche Richtung der Ork fliehen würde, vertraute auf mein Glück und gab abermals Gas.     

          Sunetras Lungen brannten. Lange würde sie das Tempo, das der Kerl vorgab, nicht mithalten können. Eine Ecke, noch eine, der Mistkerl konnte Haken schlagen wie ein flinker Hase, das musste sie ihm lassen. Endlich sah sie die Straße vor sich auftauchen. Er rannte nach links und sie hinterher.       

          Ich schwöre, dass ich meinen Rover sonst immer tadellos im Griff habe, aber an dem Tag verließ mich fast mein Talent. Auf die Kurve zurasend passte ich den Moment ab in dem ich auf die Bremse steigen und das Lenkrad herumreißen musste. Der Wagen kam ins Schleudern. Zwar fing ich ihn wieder ab, aber die Hauswand küsste das blecherne Hinterteil. Shit! Keine Zeit zu verlieren.         
          Da sah ich den Ork auf uns zu laufen. Ich jubelte innerlich und stieg wieder aufs Gas.     
          Nun tauchte auch Sunetra aus der Gasse wieder auf und rannte auf uns zu. Im Zweifelsfall wollte ich den Kerl mit dem Wagen stoppen und einen Moment lang sah es auch danach aus, aber dann federte er kurz mit den Knien und sprang über uns hinweg.   
          Lightning stand unter Strom. Es gibt einen guten Grund, warum ihr Straßenname so und nicht anders lautete. Sie hatte das Seitenfenster herab gelassen als wir gestartet waren und wartete auf ihren Moment. Als wir in der Kurve fast in der Hauswand gelandet waren, kanalisierte sie ihre Energien. Der Kerl lief tatsächlich geradewegs auf uns zu.
Genau! Bleib exakt auf diesem Kurs!   
          Die Magierin zielte, als er plötzlich einen Satz machte und über den Rover sprang. Sie riss den Arm nach oben und ließ einen Blitz aus ihrer Hand in den Himmel fahren. Mit mehr Glück als Verstand verpasste sie dem Typ eine volle Breitseite. Wie eine Marionette, deren Fäden durchgeschnitten waren, fiel er herab, knallte auf das Heck meines Wagens und klatschte sich überschlagend auf die Straße.  
          Schlingernd brachte ich den Rover zum Stehen. In Nullkommanichts hatten wir den Ork an den Straßenrand geschleppt. Er bot einen jämmerlichen Anblick, aber nur um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, zog ich langsam und genüsslich meinen Schockhandschuh an, während er zusah.        
          Als hätte das nicht gereicht, feixten die anderen.     
"Ich hab schon lange keinen mehr umgebracht." Sunetra grinste wölfisch.      
"Woher willst du DAS denn wissen?"    
          "Ha! Auch wieder wahr! Das hatte ich schon fast verdrängt." Das war zu viel für den Ork, der nun wimmerte: "STOP! Ich sage euch alles, was ihr wissen wollt!"         
          "Erzähl uns alles, was du über Tyrant weißt!" Einen Moment lang wirkte es so, als wolle er doch noch Widerstand leisten, aber dann sagte er uns alles.    
          Tyrant war im Pitfight Business und wollte seinen eigenen Club aufbauen. Praktischerweise wohnte er um die Ecke. Um zu verhindern, dass unser Informant die Zielperson warnte, nahmen wir ihm noch den Personalausweis und sein Komlink ab. Wenn wir rausfinden sollten, dass er geredet hatte, würden wir ihn in finden.        


***



          In Tyrants Wohnung war leider niemand. Dem Anblick nach zu urteilen war der Bewohner spätpubertierend und hatte ein dezentes Sauberkeitsdefizit. Etliche Film- und Trogrock-Band-Poster pflasterten die Wände und überall lagen alte Pizzakartons und anderer Müll herum. Lightning fand im Bad ein paar Haare, die sie einsteckte und Largo wurde im Papierkorb fündig. Dort lag eine Risszeichnung, die eine Halle zeigte. Eventuell handelte es sich um das Gebäude, das Tyrant für seinen Pitfight Club nutzen wollte. Praktischerweise stand die Adresse auf dem Plan. Bevor einer der Nachbarn die Bullen rufen konnten, machten wir uns wieder aus dem Staub. Unser nächste Ziel war der Rand des Hafenbereichs.



***



          Wer Critter mag sollte unbedingt den Hamburger Hafen besichtigen und sich dann in die Außenbezirke begeben - dorthin wo sich die Natur noch gegenseitig auffrisst und der Mensch nicht einmal zum Spaß hin jagen geht. Ich hasse Critter. Ekelhafte Viecher sind das. Aber eben genau in einem solchen Gebiet macht es Sinn einen Club zu etablieren, der von illegalen Einnahmen leben soll.   
          Wir standen vor der Halle. Sunetra zog ihr Monofilament Schwert und schnitt eine Öffnung in den Drahtzaun, durch den wir dann auf das Gelände gelangten. Es war noch helllichter Tag. Also schlichen wir von Deckung zu Deckung. Zwar gab es keine Fenster in der Halle, die zur Straßenseite hin zeigten, aber falls Kameras die Gegend überwachten, sollten wir nicht zu offen durchs Bild latschen.
          Lightning gab uns ein Zeichen, dass wir stehen bleiben sollten. Sie schloss die Augen und konzentrierte sich. Der Mund formte einige lautlose Worte. Obwohl wir es nicht sehen konnten, entstand auf ihren Befehl hin im Astralraum ein Watcher. Sie gab der geisterhaften Gestalt den Befehl anhand der Haare aus Tyrants Bad festzustellen, ob sich der Ork dort aufhält.

          Nach kurzem Warten öffnete sie wieder die Augen: "Er ist da."   
"Geht das vielleicht noch ein bisschen genauer?"     
          "Sorry Hendrik. Der Watcher hat nur beschränkte Fähigkeiten. Wir wissen nun aber, dass er sich hier befindet - und damit höchstwahrscheinlich auch das Mädchen." Unser Quotenzwerg schnaubte und richtete seinen Blick auf die Halle. "Die Thermalsicht meiner Cyberaugen zeigt fünf Gestalten. Vier sind im Erdgeschoss und ein anderer geht im ersten Stock auf und ab."

          "OK Leute, Sunetra und ich werden uns als erste rein schleichen. Wir sind für verdeckte Ermittlungen ausgebildet. Wir sondieren erst mal die Lage bevor ihr nach kommt."

          Die anderen nickten zustimmend und ich machte mich mit der Elfin auf den Weg. Durch das große Fronttor konnten wir nicht gehen, aber solche Lagerhallen haben in der Regel einen Seiteneingang. Dort angekommen stellten wir fest, dass die Tür nicht einmal verschlossen war.           Na, man darf ja auch mal Glück haben. Vorsichtig drückte Sunetra die Tür auf und schlich hinein. Ich folgte ihr auf leisen Sohlen in einen Duschraum. Auch die Tür zum Inneren der Halle bot kein Hindernis.

          Erleichtert stellte ich fest, dass drei der Kerle an einem Tisch saßen und durch  ein Kartenspiel abgelenkt wurden. Der Entführer war nicht unter ihnen. Bianca saß auf der Couch und beschäftigte sich mit einem Videospiel. Wenn wir es leise angehen würden, könnten wir das Kind vielleicht raus holen ohne Tyrant im ersten Stock zu alarmieren. - Der Gedanke hätte mir schon in dem Moment blöd vorkommen müssen.

          Inzwischen waren auch Largo und Lightning im Duschraum angekommen. "Wie schaut's aus? Knubbelchen und ich sind schon ganz heiß auf Action." Manchmal war es das beste Alyssas Kommentare einfach zu überhören. "Wir werden es folgendermaßen machen: Sunetra, Lightning und ich werden uns herein schleichen und die drei Orks am Tisch ausschalten. Du, Largo, positionierst dich, sobald wir losschlagen bei der Treppe um die Ecke, falls Tyrant doch was hören und runter kommen sollte."

          Gesagt, getan. Sunetra ging als erste. Sie versteckte sich hinter einer Säule. Danach schlich Lightning los. Sie wollte sich auf der gegenüberliegenden Seite zur Elfin postieren. Blöderweise hat die Menschenmagierin kein Talent zum Leise sein.   
          Wie der sprichwörtliche Elefant im Porzellanladen warf sie mit ihrem Hintern einen Besen um, der an der Wand gelehnt war. Mit dem klackenden Geräusch des Steckens, der auf den Boden krachte, war der schön blöde Plan zunichte.

          Nun passierte fast alles gleichzeitig. Die drei Orks schreckten von ihrem Spiel hoch, Lightning ließ sich in Deckung fallen und gab dabei noch einen Schuss auf den Gegner ab, der mit dem Rücken zu ihr saß. Er schrie auf. Mist! Nur verletzt.      
          Largo feuerte auf den Ork, der an der rechten Seite des Tisches saß. Für seine Größe war er relativ flink, sodass die Kugeln die Luft über seinem Kopf durchsiebten. Der dritte Gegner warf den Tisch um und schuf so eine künstliche Deckung. Er feuerte auf Largo, verfehlte ihn aber ebenso.

          Ich spielte kurz mit dem Gedanken zur Ingram Warrior zu wechseln, aber dabei würde ich Zeit verlieren, in der ich genauso gut meine schallgedämpfte Pistole abfeuern konnte. Es galt die Initiative nicht zu verlieren und so lehnte ich mich kurz aus der Deckung und feuert zweimal. Leider gingen beide Schüsse vorbei.

          Aus dem ersten Stock war nun schweres Getrappel zu hören. Tyrant kam nun ebenfalls zur Party. Sunetra hatte von ihrer Deckung aus ein optimales Sichtfeld auf die Treppe und wartete mit der SMG im Anschlag darauf, dass sich der CyberOrk blicken lassen würde. Währenddessen tauschten Largo, Lightning und ich mit unseren Gegnern Metallmücken aus. Der Ork, der den Tisch umgeworfen hatte traf Lightning in der Schulter. Sie fiel zu Boden und fasste sich vor Schmerzen krümmend an die verletzte Stelle. Als der Ork noch einmal nachsetzen wollte, wurde er von Largos Feuer erledigt. Stöhnend brach er zusammen.

          In dem Moment tauchte Tyrant auf, eine Schrotflinte im Anschlag. Er sah Sunetra und setzte zu einem Schuss an. Die Elfin aber war schneller und entlud eine Salve aus ihrem Magazin in dessen Kopf. Der Entführer krachte mit einem schmatzenden Geräusch auf den nackten Betonboden und rührte sich nicht mehr.         
          Der Tod ihres Anführers blieb auch den Orks nicht verborgen. Largo konnte den kurzen Moment der Verwirrung nutzen und streckte auch den zweiten Ork hinter dem Tisch nieder.  
          Danach wurde merkwürdig ruhig in der Halle. Wo war denn bloß der dritte Kartenspieler? Ich lauschte in die Stille hinein. Nichts. Ich wollte gerade Entwarnung geben, als Sunetra hinter eine weitere tragende Säule feuerte. Wir hörten nur ein blutersticktes Gurgeln und dann nichts mehr.        "Das waren alle."         
Largo sah mich selbstzufrieden an. "Sehr gute Arbeit. - Lightning, wie gehts deiner Schulter?"   
          "Beschissen, was denkst du denn?"      
"Lass mal sehen. Hmmm... ich bin kein Arzt, aber ich glaube du hast Glück gehabt. Der Knochen ist nicht gebrochen. Die Kugel muss aber bald raus. Verdammt! Jetzt könnten wir wirklich Cone gebrauchen."

          Unsere Elfin war so geistesgegenwärtig und hatte nach dem Mädchen gesehen. "Ich hab Bianca gefunden!" In dem Moment wurde mir klar, wie knapp die Situation zu unseren Gunsten ausgegangen war. Wenn ich bedenke wie schnell ein Querschläger sie hätte erledigen können... ich schluckte einen dicken Kloß herunter und ging zum Sofa, setzte mein gewinnendstes Lächeln auf und streckte ihr meine Hand hin:
"Hallo Bianca. Dein Vater schickt uns. Wir sollen dich nach Hause bringen."

          Einen Moment lang sah sie mich erschrocken an, sprang dann auf und krallte sich an meinem Bein fest. Sie vergrub ihr Gesicht im Stoff meiner Hose und schluchzte. "OK, das ... kommt unerwartet." Lightning streichelte ihr tröstend über den Kopf: "Ach Hendrik, Leuten das Licht auszupusten macht dir keine Mühe, aber ein weinendes kleines Mädchen bringt dich aus der Fassung?!"

          "Ähm... lasst uns besser schnell abhauen, falls doch jemand von unserer kleinen Diskussion hier was mitbekommen und die Bullen gerufen hat."

          Largo sicherte seine Waffe, steckte sie ins Holster und grinste über beide Backen, als er mit einem Blick auf Tyrants Leiche meinte: "Na das war leichter, als ich gedacht hätte. Ende gut, alles gut, wie!?"



          Ich war geneigt ihm zuzustimmen.

Keiner von uns konnte ahnen, wie falsch wir damit liegen sollten.



***

            Die Tarantella (Lycosa saltator) ist eine erwachte Tarantelart, die in ganz Europa beheimatet ist. Ihr Körper wird bis zu 20 cm lang und ihre Beine können eine Spannweite von knapp 35 cm erreichen. Sie sind braun bis schwarz gefärbt und ihr Rücken ist mit mehreren scharfen Stacheln besetzt. Sie ernähren sich hauptsächlich von Würmern, Insekten, kleinen Vögeln und Eidechsen. Ihr Gift verursacht bei seinem Opfer extreme Spastiken.



Matrixquelle: Shadowhelix 


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen