Freitag, 8. März 2013

Hanse Wasabi

Kapitel 4 - Moshpit

        Alle bekannten und noch nicht nieder geschriebenen Verkehrsregeln missachtend, prügelte Largo den Rover über die Straßen Hamburgs zu dem Treffpunkt, den Kryscha gesendet hatte. Endlich an unserem Ziel angekommen, sah ich zur projizierten Stadtkarte und dann zu den anderen: "Tja, scheint, dass wir hier richtig sind."        
         Unter Schmerzen stemmte sich Lightning auf dem Rücksitz vor: "Moment mal, hier haben wir doch heute Morgen deine Elfenfreundin und Knubbbelchen abgeholt."
         "Pass auf, ich weiß auf welche Stellen deines Körpers ich drücken muss, um deinen Mund zu schließen."      
         Ich glaube nicht wirklich, dass er ihr weh getan hätte, aber ab und an musste man der Magierin auch was entgegen setzen. Sie verzog schmollend den Mund: "Ist ja gut, musst nicht gleich grob werden.", und hielt sich die verletzte Seite. Ein Verband, den Largo angebracht hatte, versorgte sie zusätzlich mit Schmerzmitteln. Sunetra war zwar ebenfalls übern Berg, aber in deutlich schlechterer Verfassung.    
         "Gut, der Rest sollte ein Kinderspiel sein. Largo und ich bringen Bianca zu unserer Auftraggeberin. Ihr zwei bleibt hier und bewacht den Wagen. Ich hoffe ich muss das nicht mit dir ausdiskutieren, Alyssa!"
         "Kein Bedarf. Das heb ich mir für 'ne bessere Gelegenheit auf." Sie lächelte matt und zog ihre Pistole, um mir zu zeigen, dass sie den Rover bis zum Letzten verteidigen würde, wenn sie musste.
         Largo nahm diesmal seine Ares Predator mit und ich packte vorsichtshalber meine schwere Colt Government 2066 ein. Das Erlebnis im Stuffer Shack steckte noch in meinen Knochen und der Gedanke wieder mit leichter Bewaffnung in eine aggressive Auseinandersetzung zu geraten, behagte mir nicht. Karls kleine Tochter Bianca war richtiggehend aufgeregt ihren Vater wieder zu sehen. Wenn man bedenkt, was sie in den letzten 24 Stunden erlebt hat, hielt sie sich hervorragend. Die Göre konnte echt was wegstecken.  
***
         "Wir sind wirklich am Ausgangspunkt angelangt, Iron." Largo überblickte missmutig die Szenerie. "Das Schiff hier, wurde heute Morgen am Dock entladen. Ich hab die 'Kap San Diego' einige Zeit lang beobachtet, als wir auf euch gewartet hatten."       
         "So sah sie aber heute Morgen bestimmt nicht aus."
"Näää! Die haben eine verfraggte Disco draus gemacht."       
         Die 'Kap San Diego' war ein Monstrum von einem Frachtschiff. Mit entnommener Fracht musste der Laderaum eine perfekte Halle für einen Pitfight abgeben. Aus dem Frachter quoll Musik, Scheinwerfer strahlten in den Himmel und illuminierten den diesigen Nachthimmel über dem Hafen. Im Hintergrund konnte man das Johlen, Schreien und Pfeifen der Zuschauer erahnen.    
         Die Frachtcontainer hatte man in weiser Voraussicht so angeordnet, dass sie verschiedene Zugangstore zur Gangway des Schiffes bildeten. Am Ende jeden Ganges war ein improvisiertes Kassenhäuschen angebracht, die aber schon verlassen waren. Die Kämpfe liefen bereits und neue Gäste wurden wohl nicht mehr erwartet. Hoffentlich würden wir es noch rechtzeitig schaffen.        
         "Von vorne kommen wir nicht mehr rein. Hier ist alles dicht gemacht worden."   
         "Es muss eine Art VIP Eingang geben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die hohen Gäste mit dem gewöhnlichen Pöbel von hier aus rein gegangen sind."      
         Largo zeigte auf eine kleine Bootsanlegestelle, die etwas abseits lag. Ein Mann gesetzten Alters stand bei einem Motorboot, das dort vertäut war.
***
         Gegen ein geringes Entgelt war der Mann so freundlich und fuhr uns zu einer Anlegestelle aus Pontonbrückenteilen, die man auf der Rückseite des Frachters angebracht hatte. Wir verabschiedeten den Mann, nahmen Bianca zwischen uns und stiegen die Gangway hinauf. Oben begrüßten uns zwei Orks im Anzug, die so hässlich waren, dass wahrscheinlich selbst der Joker zu weinen angefangen hätte. "Halt! Hier kommt ihr nur mit Einladung rein." 
         Ich zeigte auf Bianca: "DAS hier ist meine Einladung! Kryscha erwartet uns."    
         Der Ork musterte die Teenagerin mit einem Blick, der eine gehörige Portion Misstrauen enthielt. Dann tat er überaschenderweise etwas vernünftiges und nahm über Komlink mit Kryscha Kontakt auf. Er lauschte ihren Worten, nickte ein paar Mal und bestätigte ihre Anweisungen.
"Ihr könnt durch. Den Gang hier runter, dann rechts und zwei Mal links. Sie hat die Loge 6c."        
         "Die Firma dankt's!"      
Als wir außer Hörreichweite waren fragte Bianca, warum wir unsere Waffen nicht abgeben mussten. "Diese Veranstaltungen liegen im Grenzbereich der Legalität. Eine Menge obskurer Gestalten wird hier heute Abend zugegen sein. Mafia, Konzernagenten, Söldnerführer usw. Und jeder von diesen Bastarden hat seine eigene Security dabei. An einem Ort wie diesen wäre es noch gefährlicher einem die Waffen abzunehmen statt sie ihm zu lassen."
         Wir erreichten die Loge ohne weitere Zwischenfälle. Der grummelige Troll, der uns bereits zu Beginn unseres Abenteuers im Baikal begrüßt hat, war auch hier. Wie immer sprach die Quasseltante kein Wort und öffnete uns lediglich die Tür zur Loge. Kryscha saß alleine darin. Es handelte sich um einen kleinen Raum mit lediglich drei Sitzplätzen. Die Front war vom Boden etwa hüfthoch mit einer Plexiglasplatte ausgekleidet worden. Darüber verhinderten drei von Wand zu Wand angebrachte Eisenketten, dass jemand heraus fallen könnte. Auf allen Seiten des Frachtraumes befanden sich diese Logen über mehrere Stockwerke, um möglichst vielen wohlhabenden Zuschauern Platz bieten zu können. Ich bekam langsam ein Gefühl dafür um welche Höhe von Wetteinsätzen es bei Pitfights gehen mochte. Unten befand sich der große Zuschauerraum, der einen Metallkäfig umschloss. Darin fanden die Kämpfe statt. Es war sicherlich nicht das erste Mal, dass die 'Kap San Diego' für eine solche Veranstaltung genutzt wurde.       
         Bianca stürmte ohne auf Kryscha zu achten sofort nach vorne und zerrte an den Ketten. Ihr Vater kämpfte bereits gegen eine vercyberte Frau. Er befand sich in der Defensive und kassierte etliche Treffer. Bianca schrie aus Leibeskräften, sodass sie selbst die tobende Menge übertönte. Karl warf einen kurzen Blick auf unsere Loge. Das Wissen um seine gerettete Tochter musste ihm neue Kraft gegeben haben, denn er stieg wieder voll in den Kampf ein und attackierte seine Gegnerin mit einigen brutalen Griffen. Stück für Stück drängte er sie zurück, angetrieben von den anfeuernden Rufen seiner Tochter.     
         Kryscha wirkte äußerst zufrieden: "Ich muss sie loben. Eine Zeit lang hätte ich nicht gedacht, dass sie es rechtzeitig schaffen würden."       
"Wir ehrlich gesagt auch nicht."       
         "Was hat sie eigentlich aufgehalten?"        
Largo schmunzelte und schaffte es dabei fast wie ein Figur aus einem Manga auszusehen: "Ach, die Kleine hier hat einen überraschend großen Appetit, wissen sie?!"        
         Ich musste lachen - was mich wieder an meine verwundete Schulter erinnerte. Mist, blöder verdammter! Warum kann man sich nie das Lachen verkneifen, auch wenn man genau weiß, dass es weh tun wird? 
         "Ich möchte ja nicht drängeln, aber wir haben einen langen Tag hinter uns und würden gerne nach Hause fahren."     
         Die Cyberfrau griff in ihre Handtasche und fischte einen Kredstick daraus hervor. "Natürlich. Hier, die vereinbarten 16.000 Euro."  
         "Danke. Es war ein Vergnügen mit ihnen Geschäfte zu machen."
"Wer weiß... vielleicht rufe ich sie mal wieder an."         
         Ich nickte noch ein Mal zum Abschied und war mit Largo schon an der Tür, als sich Bianca hinter uns zu Wort meldete. "Ich will SOFORT runter zum meinem Vater!"
         "Oh oh, wenn sie diesen Ton anschlägt, ist Widerstand zwecklos, Kryscha!" Sie zuckte mit den Achseln und verzog künstlich die Miene: "Mir soll es recht sein. Wären sie so nett und würden mir den Gefallen tun sie zu begleiten?"   
         "Ach warum nicht?! Die fünf Minuten haben wir auch noch Zeit. Komm, du quengelige Nervensäge!"       
         "JUHU!"
***
         Der Lärm war ohrenbetäubend. Langsam stiegen wir die Stufen einer schmalen Metalltreppe vom VIP Bereich herab. In der Luft breitete sich eine Melange aus Schweiß, Alkohol und Rauch von Zigaretten und Marihuana aus. Typischer Partyduft eben. Largo und ich setzen uns gegen die frenetisch schreiende Menge durch und schoben unsere wuchtigen Körper hindurch, wie sich ein Eisbrecher seinen Weg durchs Packeis bahnt. Ich bin auf so viele Füße getreten, dass der eine oder andere sicherlich blaue Flecken als Souvenir mit nach Hause nahm. Endlich waren wir am Käfig angelangt. Ich setzt Bianca auf meine Schultern, damit sie besser sehen konnte. Sie feuerte ihren Vater an als gäbe es kein Morgen mehr. Karl registrierte erfreut ihre Anwesenheit und schlug umso fester auf seine Gegnerin ein.         
         "Zu schade, dass ich keine Wette platzieren konnte. Den Kampf gewinnt der Mensch locker!" Largo zählte in Gedanken die entgangenen Scheinchen und mir wurde klar, dass so manches Fantasy Klischee über die kurzen Männer nicht von ungefähr stammt. "Nur dass du erst JETZT genug Kohle zum Wetten hättest."  
         "Ha! Auch wieder wahr."
Alles in allem war ich sehr zufrieden mit unserer Lage. Sobald der Kampf vorüber war, würden wir Sunetra und Lightning zu einem Straßendoc bringen und es uns in den nächsten Tagen erst mal gut gehen lassen. Innerlich drückte ich Karl die Daumen, dass er den Fight schnell beenden würden. Aber wie immer, wenn man denkt, dass ein Gegner besiegt ist, rappelt er sich noch mal auf und schlägt umso härter zurück. Die Frau tauchte unter einem seiner Schläge weg und aktivierte einen Nebelwerfer in ihrem Arm. Karl taumelte betäubt zurück bis er endlich seine Cyberaugen auf Thermalsicht umschalten konnte.        
         Es dauerte nur einen kurzen Augenblick, den sich seine Gegnerin aber zunutze machte und wie eine Furie auf ihn eindrosch. Schläge prasselten in schier unglaublicher Geschwindigkeit auf ihn nieder. Er war nicht in der Lage alle Teile seines Körpers abzuschirmen und so traf sie ihn ein paarmal übel am Kopf und ein Schlag auf den Solar Plexus ließ Karl schließlich stürzen. Bianca wandte sich auf meinen Schultern und schrie nach ihrem Vater.     
         Die Frau war so in Rage, dass sie Karl umbringen wollte. Mit aller Kraft wuchtete sie ihn herum und begann ihn zu würgen. Auf ein Mal stob ein rotes Wölkchen auf ihrem Rücken empor und ihr Blick wurde glasig. Kraftlos sank sie neben Karl zu Boden und war nicht mehr. Ich konnte nun ihren Rücken sehen. Ein Einschussloch? Rasch nahm ich Bianca von meinen Schultern.
         "DA! Jemand schießt vom Frachtdeck herunter!" 
Largo zeigte auf die geöffnete Frachtluke und nun konnte ich sie auch sehen. Von drei oder vier Punkten aus hatten unbekannte Gegner das Feuer eröffnet
. 
***

         "Langweilig!"
"Kannst du nicht leise vor dich hin bluten?"        
         Sunetra war dezent genervt von der rastlosen Art der Menschenmagierin. Sie hatte derart Hummeln im Arsch, dass die Elfin glaubte, sie würde selbst in ihrem eigenen Grab noch auf und ab laufen.   
         Alyssa atmete schwer aus: "Ich kann es einfach nicht haben zurückgelassen zu werden."        
         "Jetzt mach mal halb lang. Du verpasst schon nichts. Die Jungs gehen rüber, geben das Kind ab und bekommen die Kohle. Fertig!"
"Und warum brauchen die so lange?"        
         "Die sind gerade mal zehn Minuten weg. Und bis sie im VIP Bereich sind, müssen sie bestimmt durch einige Sicherheitspunkte durch. Das dauert halt."  
         Sie seufzte genervt und sah nach draußen. Wahrscheinlich hatte die japanische Zauberschleuder recht. Aber herumsitzen wollte sie auch nicht mehr: "Ich vertrete mir mal die Beine. Das rumgammeln macht mich noch wahnsinnig."
         "Tu was du nicht lassen kannst, aber geh nicht zu weit weg!"
"Angst allein im Dunkeln, wie?!", grinste Lightning vorwitzig.
"Ich hab keine Lust auf dich warten zu müssen, wenn die anderen zurück sind. Kann ja nicht mehr lange dauern."     
         Lightning bildete sich ein die frische Luft außerhalb des Rovers zu genießen, was natürlich ein Euphemismus war. In dieser verseuchten Kloake im Norden der ADL ist so ziemlich gar nichts frisch. Aber immerhin lenkte es ihre Gedanken wieder in vernünftige Bahnen. Sie wollte gerade vom Pier zurück schlendern, als sie am Horizont eine Bewegung aus machte.     
         Hatte sie sich das eingebildet? Sie sah so gut hin, wie sie konnte, aber es wurden keine klaren Konturen sichtbar.  Was war das?! Mit einem Mal wurde ihr klar, warum. Mit schmerzenden Schritten lief sie zu Sunetra zurück und riss die Autotür auf: "Ärger ist im Anmarsch!"
         Sofort war die dösende Elfin hellwach: "Was ist passiert?"
"Eine Armee aus Drohnen kommt von Nordwesten rüber geflogen - und Schnellboote sind ebenfalls auf dem Weg. Ich glaube die HanSec will den Laden hoch nehmen."   
         Sunetra griff zum Komlink und wählte meine Nummer. "Er geht nicht ran, verdammt noch mal. Warum hört er das Klingeln nicht?"    
         Mit Entsetzen blickte Lightning zur 'Kap San Diego' rüber. Jemand hatte an Deck das Feuer eröffnet. Der Lichtschein der Mündungsfeuer illuminierten flackernd die Wände des Frachters und ließen gespenstische Schatten über die Szene fliehen. "Ich schicke einen Watcher rüber, der die Bullen ablenken soll."    
         Nun sah auch Sunetra das Gefecht und wählte meine Nummer erneut. Dummerweise steckte mein Komlink in der Hosentasche und der Lärm im Frachtraum war so laut, dass ich es nicht hören konnte.       
         Der Watcher nahm aus dem Nichts Gestalt an, verharrte anschließend auf seinen Befehl wartend. Sie zeigte zum Schiff herüber. "Flieg zu den Bullen und schrei sie die nächsten fünf Minuten an!"       
         Nun sollte man über Watcher wissen, dass sie als magischer Runningag gelten. Diese Wesen können nicht kreativ denken. Daher befolgen sie stumpf jeden Befehl, ohne ihn zu interpretieren, und zwar Wort für Wort. Dadurch kann man sich durchaus in die Bredouille bringen, wenn man nicht exakt den Befehl formuliert und der Watcher dann ein leises Vorgehen ruiniert.      
         Beispiel gefällig? Der Magier will wissen, ob der Gegner im anderen Raum ist. Also beschwört er einen Watcher, dem er befiehlt in den Raum zu fliegen um nachzuschauen. Nun passiert folgendes:   er fliegt rein, sieht den Gegner, sein Auftrag ist damit erfüllt und er löst sich dann auf. Der Magier weiß nun aber immer noch nicht Bescheid.     
         Genervt beschwört er also einen neuen Watcher und befiehlt ihm nachzuschauen und Bescheid zu sagen. In diesem Fall fliegt er in den Raum, sieht den Gegner und brüllt Richtung Tür, dass der Gegner da ist. Damit weiß aber auch der Gegner Bescheid und eröffnet das Feuer auf die Tür. Der Magier erhält den Darwin-Award und alle haben eine lustige Geschichte für den nächsten Stammtisch.   
         Also sollte der Magier tunlichst exakt beschreiben, wie der Watcher vorgehen sollte: "Flieg in den Raum, schau nach, ob der Gegner da ist, komm zu MIR zurück und flüstere mir das Ergebnis zu!"       
         Obwohl jeder Zauberer um die Tücken eines Watchers weiß, passiert es im Eifer des Gefechts immer wieder, dass man doch wieder darauf rein fällt.      

         Lightning jedenfalls schaute ziemlich blöd aus der Wäsche als der Watcher in die entgegengesetzte Richtung davon flog, weg vom Frachter, in der Ferne verschwand, und sich entweder eine Viehweide oder ein Polizeirevier zum Anschreien suchte.    
         "Was sollte das denn jetzt?!"  
Die Magierin kratzte sich peinlich berührt im Nacken: "Nun, also.... ich glaube wir wissen damit ziemlich sicher, dass das auf dem Schiff keine Bullen sind."   
         Die Elfin rollte genervt mit den Augen und wählte dieses Mal Largos Nummer.
***
         Chaos. Menschen steigen in Panik übereinander. Ein Troll trampelt auf seiner Flucht eine Frau tot. Alles strömt zu den viel zu kleinen Ausgängen. Schüsse prasseln auf die Menge nieder. Security eröffnet aus den Logen das Feuer und tauscht mit den Schützen auf dem Frachtdeck Munition aus. Rauch aus einer zerschossenen Nebelmaschine wabert über den Boden und verleiht der Luft eine stickige Konsistenz. Aus Luken kommen bewaffnete Leibwächter von irgendwelchen Mafiosi und schießen auf Logen und Frachtdeck. Langsam aber sicher entwickelte sich das zu einem Kampf jeder gegen jeden. Die meisten Scheinwerfer waren ausgeschossen worden, so dass man nur ordentlich sehen konnte, wenn genug Waffen auf einmal abgefeuert wurden.        
         So musste es auf einem Schlachtfeld im Krieg auch sein. Largo bewegte den Mund, aber ich konnte ihn nicht verstehen.
"WAS?"
         Er kam näher und formte mit seinen Händen einen Trichter: "Sunetra hat mich angerufen. Schnellboote und Drohnen sind hier her unterwegs!"   
         "Ach neee!? Da wäre ich niemals drauf gekommen. DREK! Wir sollten schleunigst hier weg."        
         Der Zwerg deutete zu Karl, der immer noch im Ring lag. "Wir können ihn nicht hier zurück lassen!"      
         Es war risikoreich, aber er hatte recht. Wenn wir Karl nicht helfen würden, hätten wir nichts mit unserem Auftrag bewirkt. Außerdem war Bianca noch bei uns. Und wir konnten das Kind ebenfalls nicht seinem Schicksal überlassen. "Bleibt dicht bei mir!"  
         Stück für Stück drückte ich uns einen Weg frei zum Eingang des Käfigs, immer entgegen dem Strom der fliehenden Zuschauer. Die Tür war nicht abgeschlossen. Kaum waren wir drin, lief Bianca zu ihrem Vater. Er regte sich langsam und ich wuchtete ihn auf seine Beine. Er wirkte noch benommen, hielt sich aber für den Moment auf den Beinen.  "Können sie laufen?"      
         Er nickte nur matt. Ich war kein Arzt, aber sein Blick verriet mir, dass er mit ziemlicher Sicherheit unter den Folgen einer Gehirnerschütterung leidete.      
         Zwerg und Ork zogen ihre Waffen, Karl, der von Bianca gestützt wurde, direkt hinter uns.        
         Mittlerweile hatte sich der Raum so weit geleert, dass wir ohne Probleme vom Käfig weg kamen. Hoffentlich würden wir nicht zu viel Aufmerksamkeit auf uns ziehen und die Schützen an Deck kamen auf die Idee uns ins Visier zu nehmen.     
         Largo zeigte auf die Treppe von der wir her gekommen waren. "Lass uns über den VIP Ausgang hier abhauen!"
         Das brauchte er mir nicht zwei Mal zu sagen. Mit den Waffen in unseren Händen war es ein Leichtes an den Leuten vorbei zu kommen - zumal ich als Ork wie ein Fels in der Brandung stehe und nicht so leicht aus der Bahn zu bringen bin. Am Treppenansatz empfingen uns die zwei bekannten Orks vom Eingang wieder. Sie hielten die Menge in Schach, damit niemand in den VIP Bereich eindrang. Einige Dummköpfe hatten es versucht und lagen nun verblutend Kreis um vor der Treppe.
Zunächst richteten sie ihre MPs auf uns, aber dann sahen sie Karl und Bianca.  
         "Ihr könnt durch! 
***

         Im Gegensatz zu dem Durcheinander im Frachtraum herrschte im VIP Bereich gespenstische Stille. Wir hörten zwar immer wieder das Hallen von Gewehr- und Pistolenfeuer im Hintergrund, aber die Action war nicht in unserer Nähe.
         Karl sah sich um: "Lasst uns direkt zum Boot gehen. Kryscha kann alleine auf sich aufpassen. Wir dürfen jetzt keine Zeit mehr verlieren." 
         "Wer zum Geier greift überhaupt an? Ich kann mir nicht vorstellen, dass die HanSec ohne Vorwarnung losballert." 
         Karl zuckte humpelnd mit den Achseln: "Vielleicht eine rivalisierende Gang."     
         Kurz darauf schnupperten wir wieder die frische ... ach ihr wisst was ich meine... jedenfalls waren wir wieder unter freiem Himmel und gingen so schnell wie möglich zum Pontonsteg. Die wenigen anderen VIP Gäste, die noch nicht geflohen waren, starteten ihre Boote und wollten gerade ablegen. Wir konnten noch rechtzeitig beobachten wie sich ein Schnellboot näherte und zwei Menschen daraus das Feuer eröffneten. Der Troll, der gerade den Motor gestartet hatte sackte mit mehreren Kopftreffern über dem Steuer zusammen. Sein Fahrgast sprang auf und machte Anstalten ins Wasser zu fliehen.    
         Er kam nicht mehr so weit. Eine weitere Salve aus der Maschinenpistole des Angreifers perforierte seine Brust und die sich darunter befindende Lunge. Mit lautem Platschen klatschte der tödlich getroffene Elf auf das Hamburger Brackwasser. Eine grünbraunrote Fontäne spritzte hoch und der Elf war nicht mehr zu sehen.
         "Hornets!", knurrte Karl. Tatsächlich konnten wir nun die Aufnäher auf dem Rücken der Kutten ausmachen. Ein Wappen mit einer Hornisse war darauf abgebildet.
         "Du kennst die Kerle?"  
"Das sind Erzfeinde der Wolverines, die den Pitfight organisiert haben."   
         Largo tätschelte die massive Metallwand, die als Reling diente: "Das sollte uns genug Deckung geben." 
         "Auf drei!" Synchron luden wir unsere Waffen durch, gingen in Anschlag, und nahmen jeder einen Gegner aufs Korn. Nahezu zeitgleich drückten wir ab. Die Kugel aus meiner Colt Gov riss den ersten Schützen schwer getroffen herum, während Largos Salve den zweiten Schützen mit mehreren Treffern in den Rücken nieder streckte.  
         Ich betätigte noch zwei Mal den Abzug, konnte aber keinen Treffer mehr landen. Dafür bestrich der überlebende Ganger nun seinerseits unsere Deckung mit mehreren Salven aus seiner SMG, die aber gefahrlos abprallten.
         "Die haben den Motor des Boots gestartet!", ich spitzte die Ohren und freute mich, "Sie fliehen!"     
         Largo biss die Zähne zusammen und grummelte: "Nicht mit mir!" Kaum hatte er den Satz beendet, sprang er aus unserer Deckung, schoss drei Mal und stürmte dann weiter ballernd die Gangway herunter. Vorsichtig lugte ich über die Reling. Saubere Arbeit. Beide Hornets waren erledigt. "OK, Karl, Bianca, schnell zum Boot!" Das ließen sich die beiden nicht zwei Mal sagen und huschten zur Gangway.   
         Ich machte  mich ebenfalls auf den Weg und wählte Sunetras Nummer. Es klickte kurz darauf in der Leitung. "Schafft ihr es oder müssen wir uns zu euch durchbluten?"
         "Haha, wenigstens hast du trotz Amnesie deinen Humor nicht verloren. - Fahrt zur Ostseite des Piers, wir kommen mit einem Schnellboot und zwei Gästen rüber. "    
         "Machen wir. - Wart mal gerade!" Im Hintergrund war undeutlich eine andere Stimme zu hören, doch dann war die Elfin wieder in der Leitung: "Lightning sagt, dass ihr euch beeilen sollt. Die HanSec ist im Anmarsch." 
         "Kommen die auch endlich mal?! Typisch! Immer dann, wenn die Party schon fast vorbei ist."  
"Bis gleich, Hendrik."     
"Joup."
         Ich ließ das Komlink wieder in die Hosentasche gleiten und beschleunigte meine Schritte.  Largo hatte inzwischen das Boot mit dem toten Troll bestiegen und unter die Lupe genommen: "Hey Iron! Die Schlüssel stecken noch im Zündschloss. Hilf mir mal mit dem halben Schwenkbraten hier."    
         Glücklicherweise gehörte der Troll nicht zu den größten seiner Art, aber wir hoben uns dennoch fast einen Bruch, als wir die massige Gestalt vom Steuer weg hievten und ins Wasser fallen ließen.        
         "Scheiße! Die Bullen sind gleich da!", rief Karl aus dem hinteren Teil des Boots. 
         Largo sah sich erschrocken um. "WAS?!"   
"Ach ja, das hätte ich fast vergessen zu erwähnen: wir müssen hier schnell weg. Die HanSec kommt."     
         Ohne weiter Zeit zu verlieren startete der Rigger den Motor: "Komm einem Zwerg nie mit Sarkasmus! Manch einer hat darüber schon seine Beine unterhalb der Knie verloren." 
         "Ach, solange du keine Axt mit dir schleppst, mache ich mir da keine Sorgen."   
Der Rigger lachte laut auf und gab Gas.    
***

         Nachdem wir die Schnellboote der HanSec abgehängt hatten, war der Rest Kinderkram. Wir setzten Karl und seine Tochter an ihrer Wohnung ab. Seit diesem Abend, haben wir bei ihm einen Stein im Brett. Der Kampfsportler war sehr dankbar und als er sah, wie angeschlagen unsere Magierinnen waren, zögerte er keinen Moment und rief einen StraßenDoc an, der sie für einen Freundschaftspreis wieder zusammenflickte.       
         Ich war zufrieden mit der Bilanz unseres ersten gemeinsamen Runs: 20.000 Euro mehr in der Gemeinschaftskasse als noch zwölf Stunden zuvor, Largo hatte sich im Shack noch die AK-97 unter den Nagel gerissen und wir hatten nun ein Schnellboot, das keiner mehr vermissen wird. Das Organisieren einer Lizenz und gefälschter Papiere waren nur noch eine Formalität.
         In großer Runde saßen wir bei einem Bier in meiner Bude und entspannten für einen Moment. "So Leute, wie schaut es bei euch aus? Wollt ihr weiter machen?"        
         "Du meinst: mehr GeldGeldGeldGeldGeld?! - Klar!"      
Sunetra sah lange in ihr Bier, bis sie endlich den Kopf hob: "Ich kam aus einem bestimmten Grund nach Hamburg. Leider weiß ich nicht mehr warum. Bis ich mich wieder erinnern kann, werde ich deine Hilfe brauchen, Hendrik. - Ja, ich bleibe."      
         "Und du, Largo?" 
Der Rigger machte einen zufriedenen Eindruck, als er sein Bier hob: "Ich habe ein Dach über dem Kopf und einen Job. Ich finde, dass das ein guter Anfang für einen Neustart ist. Wir sollten zusammen weiter machen!"    
         "Prost!"

         Alle stimmten mit ein, Flaschen klirrten und während ich einen langen Schluck aus der Pulle nahm, musste ich daran denken, dass diese aus der Not geborene Gemeinschaft noch einige Hürden würde nehmen müssen. Wir wissen immer noch nicht, wer uns so interessant fand, dass er uns mit einer Drohne nachspionierte. Zudem war jemand oder etwas hinter der Elfin her und zu guter Letzt war da noch der Brustkörbe aufreißende Unbekannte, der sicherlich schon seinen nächsten Zug plante.

         Wir würden uns vorsehen müssen...
 

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