Freitag, 8. März 2013

Hanse Wasabi

Kapitel 3 - Pommes Tot-Weiß

        Es gibt gute Gründe, warum ich keine Kinder habe. Zum einen habe ich noch nicht die Frau gefunden, mit der ich mein Leben verbringen will. Zum anderen ist das Leben als Runner sehr gefährlich und wenig beständig - schließlich gehören Kugeln, die einem um die Ohren pfeifen durchaus zum Alltag. Wer weiß schon wann man dem final beschleunigten Metalltropfen begegnet?  
         So ein Leben will man nicht unbedingt einer Partnerin antun. Der beste Grund aber keine Kinder zu haben ist für mich immer noch: Sie rauben mir den letzten Nerv!        
         Wir waren gerade mal fünf Minuten von der Halle weg und hatten Kryscha über Komlink über die Rettung der vierzehnjährigen Tochter ihres Champions informiert, da begann Bianca zu quengeln. Unglaublich wie schnell sich diese Göre an ihren Magen erinnern konnte. Noch kurz zuvor ist sie fast abgemurkst worden und schon verlangt sie nach einem Burger. - Und das laut, ausdauernd und in einer nerv tötenden Tonlage.          Notiz an mich selber: kleine Mädchen sind wie Lightning auf Speed!        
         Um des Friedens willen verließ ich die Autobahn bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit und lenkte den Rover zu einem der Stuffer Shack Filialen. Es gibt noch nicht allzu viele Filialen in den ADL - meiner Meinung nach aber sind es schon zu viele - also sollte ich über diese nordamerikanische Junkfood Kette ein paar Worte verlieren.
         Die Chefs von Stuffer Shack dachten sich bei der Gründung wohl, dass ein Supermarkt alleine viel zu langweilig ist. Also kombinierten sie das Geschäftsprinzip eines Lebensmitteldiscounters mit einem Elektronikmarkt und Burgerladen Schrägstrich Café. Jetzt sollte man meinen, dass sich die Leute irgendwann endlich mal auf einen gewissen Qualitätsmindeststandard für Nahrung einigen konnten. Der Dreck, den man in einem Stuffer Shack kaufen kann, ist so mies, dass selbst Hunde einen Bogen darum machen. Unser kleiner Gourmet allerdings fuhr total auf den Fraß ab.    
         Bianca immer in unserer Mitte haltend, luden wir uns ein Tablett mit Selbstmordpommes, Zyankaliburger und Suizidcola voll und suchten uns einen gar nicht oder noch weniger bequemen Sitzplatz aus. Das Mädchen begann sogleich das Zeug in sich rein zu stopfen. Ich kann mir jetzt schon vorstellen was für einen Brauereigaularsch die Kleine kriegen wird, wenn sie so weiter macht.       
         Largo nuckelte lustlos an seiner Cola und behielt die restliche Kundschaft im Blick.     
         "Immerhin kann uns keiner in den Rücken fallen, solange ich die Eingangstür sehe. - Die Frau mit dem kleinen Mädchen da, gefällt mir nicht. Schaut etwas zu nervös aus."      
         "Du meinst die beiden, die grad rein kamen? Mach dir mal keine Sorgen. Die sind harmlos."        
         "IEH!", Lightning verzog das Gesicht in Ekel, "Seht ihr das Arschloch an den Kühlregalen da vorne?! Der greift mit seinen Wichsgriffeln in jede Eispackung und probiert das Eis."   Sie warf mit einem leeren Becher nach ihm: "Ey du PENNER! Verpiss dich oder ich brenn dir einen vor den Pelz!"
Der Typ tat das einzig richtige und ignorierte die Magierin, was sie ein wenig frustrierte, wie ich amüsiert feststellte.       "Behalt lieber mal den Astralraum im Blick, solange ich auf dem Auge blind bin."  
         Alyssa sah Sunetra dezent genervt an: "Keine Sorge, Schätzchen, ich hab vorhin schon askennt. Hier ist kein Magier. Ich kann mir aber auch nicht vorstellen, dass uns hier einer findet."        
"Trotzdem... mir behagt es nicht an so einem Ort zu verweilen, wenn wir noch die Zielperson bei uns haben."
         Ich musste der Elfin recht geben. Erst wenn wir sie bei Kryscha und ihrem Vater abgeliefert hatten, würden wir aus dem Gröbsten raus sein. Andererseits waren wir von unserem Feuergefecht bei der Halle am Hafen noch aufgeputscht und sahen vielleicht Gespenster. Soweit ich erkennen konnte, verhielten sich alle anderen im Raum unauffällig. Ein Punkerpäärchen schlenderte zwischen den Regalen hindurch und füllte einen Einkaufskorb und an der Kasse saß eine überforderte fette Frau mit Pockennarben übersätem Gesicht, die auf den nächsten Vollidioten - respektive Kunden - wartete. Alles in Allem attestierte ich uns für die nächsten zwanzig Minuten angenehme Langeweile. 
         Die nachfolgende Explosion strafte mich Lügen. Vom einen auf den anderen Moment zerkrümelte ein Sprengsatz die gesamte Front des Shacks zu klitzekleinen Fetzen aus Rigips, Glas und Stein, die sich über die ersten Regale her machten und den Inhalt heraus fegten. Scheiße, war das laut!       
         Largo war sofort auf den Beinen, was ihn allerdings nicht größer erscheinen ließ. Lightning hatte dazu sicher einen wenig lustigen Kommentar auf Lager, reagierte aber professionell indem sie Bianca unter den Tisch drückte und ihre Pistole zog. Sunetra langte ebenfalls zu ihrem Holster, griff aber ins Leere.       
         "VERDAMMT! Warum hab ich meine SMG nur im Auto liegen lassen?!"      
         "Ich hab leider auch nur meine leichte Pistole dabei. - Largo?!"
Der Zwerg antwortete mir ohne die Augen von der Front zu nehmen. "Mein Betäubungsknüppel muss reichen." Er kramte einen Telekopschlagstock aus einem Bereich seiner Hose, an dem selbst der eifrigste Türsteher nicht nachsehen würde und zog ihn auf volle Länge.      
         "Schade, ich dachte schon du genießt meine Anwesenheit." Largo schnaubte Alyssa nur kurz an und schlich zum vordersten Regal, während er seine linke Cyberhand abkoppelte und in den Gang warf.
         Ich bezweifelte, dass er in all dem Durcheinander aus Staub und Dreck überhaupt was sehen konnte, aber er ergriff die Initiative; das gefiel mir. Sunetra bewegte sich ebenfalls mit großen Schritten zu den Regalen, allerdings am anderen Ende des Raumes bei den Kühlregalen, wo sich unsere Naschkatze zusammen gekauert hatte. 
         "Du kannst aufhören an dem Tisch zu zerren, Lightning. In dem Scheißladen ist alles festgenietet. Der wird uns keine Deckung bieten."       
         "Und was nun?", sie bewegte ihren Kopf von der einen zur anderen Seite, in der Erwartung etwas zu sehen zu bekommen. Dann vernahm sie über dem Klingeln in ihren Ohren schwere Schritte. Meine Nackenhaare stellten sich auf, als eine Stimme über das Chaos hinweg dröhnte:
         "Wir wollen nur die Frau und das Mädchen. Gebt sie uns und euch geschieht nichts!" 
         Das war für mich das Stichwort. Keine Sekunde länger wollte ich in unserer Sitznische bleiben. "Hier sitzen wir nur in der Falle. Hab ein Auge auf Largo!"   
         "Was hast du vor?"       
"Ich greife Sunetra unter die Arme."
         "Und Bianca?"      
"Die kommt mit mir!", so griff ich unbarmherzig nach der Kleinen und zerrte sie hoch. Dabei fiel ihr der halbe Burger aus dem ungläubigen Gesicht. "Halt dich hinter mir in Deckung! Verstanden?"       
         Nervige Teenagerin hin oder her. Sie wusste, was gut für sie war. Sie blieb schön hinter mir und vermied zu viel von ihrem Profil preis zu geben.     
         "Pass ja gut auf unseren atmenden Kredstick auf, du tumber Ork!" 
"Jaja." Ich kam an dem Regal hinter Sunetra an und konnte gerade noch sehen, wie ein Mensch mit einer Pistole in der Cyberhand um die Ecke kam und dem ängstlich kauernden Kunden einfach in den Kopf schoss. Sein Schädel krachte auf wie ein reife Melone und er sank noch mehr in sich zusammen.        
         So viel zu dem Thema, dass den anderen nichts passiert. Drek!      

         Eine autonome Cyberhand kann ungemein praktisch sein, um die Lage auszukundschaften. In ihr war eine Kamera, die den Datenfeed sofort an die Cyberaugen weiter sendete. So konnte der Rigger sehen, was auf ihn zu kam.
         Largo nutzte seinen Vorteil als Zwerg und blieb außerhalb der Sicht des Gegners. Er presste sich an die Kopfseite des Regals und knickte ein wenig die Knie ein, um noch kleiner zu wirken. Daher konnte der Mann mit der AK-97 ihn nicht sehen, als der seinen Betäubungsstock nach ihm schwang.   
         Das vordere Ende des Stocks küsste seinen Hals und sandte eine elektrische Ladung in ihn hinein. Sofort ließ der Kerl sein Sturmgewehr fallen und erging sich in hektischen Zuckungen, bis er mit seinem Kopf den Boden küsste und ausgeknockt liegen blieb.        
         Largo hielt einen Moment inne bis er sich halb zu uns rüber drehte: "Die haben 'nen Hacker! Der Alarm wurde gerade abgeschaltet!"  
        
         Der Elfenmagierin war der Alarm schnuppe, als sie aus ihrer Deckung auf den vercyberten Mann mit der Pistole zulief und wie am Spieß schrie. Er muss gedacht haben, dass sie am brennen wäre oder etwas in der Art, denn anstatt sofort auf sie zu schießen sah er sie nur verdutzt an. Die agile Elfin nutzte ihre Chance und ging in den Nahkampf über. Nachdem sie erste Treffer landen konnte, gelangte der Mann wieder in die Wirklichkeit zurück und begann ihre Schläge zu blocken.         

         Durch diesen Gang würde ich niemals mit Bianca durch kommen. Also schlich ich mit ihr im Schlepptau durch den Nachbargang und lugte immer wieder an den Lebensmitteln vorbei durch die Regale, um den Blick auf Sunetra zu behalten. Nach etwa drei Viertel der Strecke sah ich eine gute Gelegenheit kommen, den Kerl von der Seite mit meiner Pistole zu beharken. Ich legte an, stellte das Atmen für einen Moment ein und zielte - als sich auf ein Mal meine Haare aufzurichten begannen.  
         "W-w-w-was ist das!?" Bianca zerrte nervös an meinem Mantel. Panik kraxelte sich in ihrem Verstand an die Oberfläche und drohte das Steuer zu übernehmen. Doch anstatt sie zu beruhigen konnte ich nur fassungslos vor mich hin stammeln: "Scheiße nein... die kaputte Zauberschleuder versucht es wirklich. DECKUNG!"

***

         Largo war so sehr damit beschäftigt mit seinem eiskalten Händchen das Gebiet hinter der Kasse auszukundschaften, dass er den Neuankömmling fast nicht bemerkt hätte. Breitbeinig, mit Lederklamotten am Leib, schweren Stiefeln an den klobigen Füßen und Federn im Haar, stapfte ein Zwergenschamane aus einem Gang. Als er unseren Rigger sah, zögerte er keine Sekunde und hob die Hand, mit der er einige kompliziert aussehende Zeichen in die  Luft malte.      
         Die Luft um seine Finger begann zu flirren und sich zu kräuseln. Mit jeder Sekunde weitete sich der Effekt zu einer Art durchsichtigen Wolke aus, die die Hände komplett einschloss. Schließlich führte der Schamane die Hände zusammen und bündelte die gesammelte Energie, um sie auf einen Punkt zu kanalisieren.
         Der Rigger registrierte gerade rechtzeitig den magischen Dampfstrahl, der sich durch die Luft auf ihn zu fraß und ließ sich fallen.     

         Von ihrem Platz in der Sitznische aus beobachtete Lightning das Treiben um sich herum. Kaum hatte der Schamane seinen Zauber vollendet, legte sie auf ihn an und schoss zweimal. Die Kugeln aus ihrer Pistole verfehlten aber ihr Ziel. Largo hatte sich inzwischen aufgerappelt und stürmte auf den Gegner zu. Scheinbar wollte er sein Kunststück mit dem Betäubungsstock wiederholen. Leider war ihm kein Glück beschert und sein Schlag zerteilte lediglich die Luft.
         Hauptling Laufmasche nutzte die Gelegenheit und ließ einen zweiten Dampfstrahl aus seinen Händen quellen. Zu nah dran, um effektiv ausweichen zu können, wurde Largo mit voller Wucht zurück geschleudert und hätte sich in eine zweibeinige Kochwurst verwandelt, hätte er nicht seinen Körperpanzer getragen.         
         Er sah ein, dass hier kein Stich zu landen war und tat etwas, das ich ihm körperlich nicht zugetraut hätte: den Gesetzen der Physik trotzend rannte er zum Tresen und sprang im Lauf darüber hinweg und außer Reichweite.
***

         Der Mistkerl blockte jeden ihrer Schläge ab. Sunetra fluchte auf Japanisch. Wie lange würde es wohl dauern bis er auf die Idee kommt endlich seinen Cyberarm einzusetzen, sie zurück zu stoßen und seine Pistole ins Spiel zu bringen?      Da kam ihr eine Idee - selbstmörderisch und dumm, wenn man bedenkt, wie instabil ihr astraler Zustand derzeit war - aber auch effektiv, wenn es klappen würde. Vercyberte Gegner sind besonders gegen Elektro-Angriffe verwundbar und die Magierin hatte so einen kleinen Zauber in petto. Amnesie hin oder her - sie fühlte, dass sie es konnte. Alle Bedenken über Bord werfend kanalisierte sie die Energie in ihrer Hand. Um sie herum begann es zu knistern und die Luft statisch aufzuladen. Die Augen des Gegners weiteten sich. Scheinbar ahnte er, was nun passieren würde.
         Mit einem Krachen entlud sich ein betäubender Elekto-Bolzen aus ihrer Hand und verpasste dem Mensch eine Prise aus dem Schlafpulversack des Sandmännchens. Krachend ging er zu Boden.       
         Mit verschwommener Sicht und einem Gefühl als würde das Gehirn geröstet, taumelte die Elfin über ihn hinweg und schöpfte kurz Atem.   
        
***
         In dem Moment da Sunetra den Zauberspruch vollendete explodierte der Inhalt der Regale hinter dem Gegner. Uns flogen Soymilchtröpfchen aus aufgeplatzten Packungen, Kekskrümel und andere Bestandteile von Pseudonahrung um die Ohren. Ich schirmte Bianca ab, aber im Grunde war es für uns nicht gefährlich. "Boah, das krieg ich nie mehr aus den Klamotten raus." Ich schabte mit der Handkante Schmodder von meinem Mantel und warf einen prüfenden Blick auf Bianca. "Alles klar bei dir?" Sie nickte. Glücklicherweise hatte sie sich wieder gefangen. Eine Panikattacke wäre das Letzte gewesen, das wir in dieser Situation noch hätten gebrauchen können.     
         Sunetra schien den Angriff überstanden zu haben. Das hätte sie umbringen können. Törichte Elfin!      
         Ich nahm das Mädchen wieder bei der Hand und schlich mit ihr zwischen den Regalen durch. Lightnings Schüsse und die seltsamen Geräusche aus der anderen Richtung signalisierten mir, dass sie Hilfe gebrauchen könnten. Da bereits zwei Gegner am Boden lagen, war nur noch einer da. Den konnten wir nun in die Zange nehmen.
         Plötzlich durchzuckte mich ein brennender Schmerz in der Schulter und ich stürzte. Verdammt! Ich hatte den Hacker vergessen! Das Schwein hatte sich draußen hinter dem Auto der Gruppe in Deckung begeben und feuerte nun in den Stuffer Shack.
         Bianca wimmerte an meiner Seite, schien aber die Kontrolle über sich zu behalten. Ein Griff zur Schulter bestätigte mir, was ich insgeheim schon wusste: Volltreffer. Wenigstens konnte er uns hier unten am Boden nicht mehr sehen. Doch was nun?!
***

         Der Schamane blickte missmutig Largo hinter her, wie er hinter dem Tresen der Kasse verschwand. Er spürte ein magisches Zischen an seiner rechten Seite und wich Lightnings Energieblitz aus. Sie bewegte sich mit raschen Schritten auf ihn zu, die Pistole in der einen Hand, die andere zum zaubern erhoben. Wieder entlud sich krachend ein Blitz aus ihrer Handfläche.         
         Der Schamane führte eine kurze Bewegung mit der rechten Hand aus und pustete kurz. Lightning musste ungläubig mit ansehen, wie ihr Blitz zerfaserte und an dem Naturmagier ohne sichtbaren Effekt zerstob.       
         'Scheiße, er hat eine magische Rüstung!', dachte sie noch, als er zum Gegenangriff über ging. Doch statt wieder einen Dampfstrahl zu nutzen, feuerte er einen Verwirrungszauber auf sie ab.    
         Lightning geriet unter dem Treffer ins Stolpern und schrie. Nur mit Mühe konnte sie sich auf den Beinen halten. Der Zauber hatte ihre Wahrnehmung total umgekrempelt. Illusionen von Raubfischen stürzten auf sie zu und auch die Farben der Umgebung hatten sich mit einem mal verändert.
         Wölfisch grinsend sammelte der Schamane seine Energie. Er würde sie für einen letzten Zauber gegen dieses Menschlein brauchen...      

***

         "Stubbi! CRANK!.... STUBBI?"  
Der Hacker schrie von draußen die Namen seiner Freunde. Da ihm niemand antwortete, ging ich davon aus, dass das die beiden Mistkerle waren, die wir bereits erledigt hatten.
         Murphy musste meine Gedanken angezapft haben. Kaum zu Ende gedacht, hörte ich Lightning panisch schreien und der Typ mit der AK-97 wachte wieder auf. Verdammt! Largo hätte ihn besser dauerhaft ruhig gestellt.
         Ich atmete ein paarmal tief durch, um Ruhe in meinen Körper zu bekommen. Der Sturmgewehrhalter kam auf wackligen Beinen zum Stehen und bewegte sich genau in mein Schussfeld.
         Schön so bleiben. - Ausatmen, Abzug spannen und .... - ja ich weiß, es ist nicht besonders fein anderen in den Rücken zu schießen, aber wenn es meine Lebenszeit verlängert nehme ich es da nicht so genau - die Kugel beendete ihre Existenz im Hals des Schützen, tat ihm aber nicht gleich den selben Gefallen. Hastig schickte ich ein zweites Metallbienchen hinterher, verfehlte ihn aber.

***

         Ein Hoch auf das Cyberhändchen! Gerade noch rechtzeitig hatte es das Gewehr unter dem Tresen entdeckt. Sonst wäre Largo wahrscheinlich niemals auf die Idee gekommen sich dahinter zu verkriechen. Schneller Check - geladen! Entsichert war sie ebenfalls - wie nachlässig von der Kassiererin.          
         Der Zwerg wuchtete das Gewehr auf den Tresen, um es mit nur einer Hand überhaupt stabilisieren zu können. 
Gerade hatte dieser Sitzpisser Lightning außer Gefecht gesetzt. Sie wedelte mit den Armen als wolle sie etwas abwehren. Aber da war nichts. Largo ermahnte sich zur Konzentration und richtete das Gewehr auf den Schamanen aus. Er sah ihn nicht. Perfekt!      
         Das Gesicht bekam einen heftigen Ruck zu spüren und verschob sich ungewohnt einige Grad um die eigene Achse bevor es wie in Zeitlupe wieder zurückzusacken begann. Was auch immer der Zwerg gerade zaubern wollte erstarb als tanzende Fünkchen auf seiner Handinnenfläche.
Der Teil des Kopfes, der sich spontan entschieden hatte dem Hartmantelgeschoss aus Largos Neuentdeckung Platz zu machen, hatte es sich auf mehreren Regalen gemütlich gemacht und malte Spinnennetze aus Bluttropfen und Hirngewebe.  
         Zufrieden grunzte der Rigger, nur um im selben Augenblick wieder vor Schreck abzutauchen. Eine lange Salve aus der AK-97 fegte durch den Raum und stanzte Löcher in Boden und Wände.         
         Plötzlich erstarb das Sturmgewehr und er hörte etwas zusammen sacken. Vorsichtig lugte Largo über den Tresen und sah eine Blutfontäne aus dem Hals des Gegners schießen. Er kniete unbeholfen und neigte sich langsam zur Seite. Das russische Sturmgewehr lag nun vor ihm.         
         Sich selbst verfluchend starrte der Zwerg auf das Gewehr der Kassiererin. Warum nur hatte er Holzkopf nicht direkt das Sturmgewehr genommen nachdem er den Kerl KO geschlagen hatte!?        
         Eine Bewegung zu seiner Rechten ließ ihn reflexartig das Gewehr auf den Neuankömmling ausrichten. 
"Lightning!"
         "Ja,", spuckte sie hustend aus, "ich bin´s!"         
"Sahst auch schon mal besser aus." 
         "Ha - ha!" Wieder hustete die Magierin. "Dieser Scheißtyp hat mich mit der AK-97 erwischt. Stell dir vor... ein ungezielter Schuss und ausgerechnet der trifft auch noch!"   
         "Halt still, damit ich dich verarzten kann." 
"Gleich! Hilf erst den anderen. - Ich komm hier klar."   
         Largo sah sie einen Moment zweifelnd an, griff sich dann aber erneut das Gewehr.

***

         Elfen sind zähe Bastarde, und störrisch noch dazu. Kaum hatte sie sich wieder halbwegs gefangen, bewegte sich Sunetra zittrig zum Eingang des Shacks. Keuchend lehnte sie sich an die Wand und spinste nach draußen. Der Hacker stand immer noch am Wagen und ballerte ins Gebäude rein. Sie hatte immer noch keine Waffe. Also tat Sunetra das einzige, was ihr blieb.
         Der Elektrobolzen fuhr in den Gegner und scheuchte ihn hinter der Deckung auf. Zitternd und nur mit Mühe behielt er die Kontrolle über seine Beine. Die Elfin sah nur noch verschwommen, wie er auf sie anlegte. Dann schwappte eine Welle der Übelkeit über ihren Verstand und sie erbrach sich stoßartig. Noch ehe der Kotzestrahl den Boden erreicht hatte, lag sie zwischen Scherben und Steinsplittern und hatte das Bewusstsein verloren.  

***

         DREK! Sunetra war getroffen. Ich starrte einen schrecklichen Augenblick auf ihren reglosen Körper. Nur mit Mühe konnte ich mich abwenden und meine Aufmerksamkeit wieder auf den Schützen richten. Wenn ich doch nur eine bessere Schussposition erreichen könnte.
Vorsichtig robbte ich mich zum Rand des Regals und lugte dahinter hervor, konnte aber nur seine Hände und die schwere Pistole darin erkennen. Ein viel zu kleines Ziel! Egal! Das musste jetzt einfach mein Meisterschuss werden.
         Ich zielte, im vergeblichen Versuch das Zittern in meinem Arm zu unterdrücken. Schweißperlen rannen mir die Stirn herunter und raubten mir die Sicht. Drek! Drek! Drek! Drek!        
         Als sich sein Abzugsfinger krümmte, fegte mit einem mal eine Blutwolke Richtung Straße und der Hacker sackte wehrlos zu Boden. Er lebte offensichtlich noch, war aber außer Gefecht gesetzt.      
         "Das war's, Leute! Die Gefahr ist vorüber!"
Largo stieg über den Hacker und warf das Gewehr in eine Ecke.
         "Das war im richtigen Augenblick, Chummer!"
Erste Hilfe Packs aus einer Beintasche kramend grinste er über beide Backen: "Ach, du musst wissen, ich liebe einfach einen guten Auftritt."    

***

         Kaum war die Luft rein, trauten sich die Kunden des Shacks ebenfalls wieder raus. Die Frau und das Kind dankten uns nicht ein Mal, sondern haben die Beine in die Hand genommen und sich verkrümelt ohne auch nur ein Wort zu verlieren. Blödes Pack! Nichtsdestotrotz hätte ich gerne gewusst, warum man hinter ihnen her war. Aber wir hatten dringendere Probleme, um die wir uns kümmern mussten.     
         Notdürftig wieder zusammen geflickt saßen Sunetra und Lightning auf dem Rücksitz des Rovers. Ausnahmsweise hatte Alyssa keinen Spruch auf den Lippen und schwieg einfach eine Runde lang. Bianca saß zwischen ihnen und behielt sie im Auge, nur für den Fall, dass ihr Zustand ernster wurde. 
         "Wir sollten besser den nächsten Straßendoc ansteuern."
"Mein Aye dazu, Largo. Ich kenne einen guten..."         
         Das nervige Klingeln meines Komlink erforderte meine Aufmerksamkeit. Es war unsere Auftraggeberin Kryscha. Ich nahm das Gespräch entgegen. "Ja?"   
         "Wo bleiben sie denn?! Die Vorkämpfe haben angefangen! Sie müssen Bianca hier her bringen BEVOR Karls Kampf vorüber ist. Sonst bekommen sie GAR NICHTS!"      
         "Wir sind auf dem....", es knackte kurz in der Leitung, "... aufgelegt. - Kryscha drängelt. Die Kämpfe haben angefangen."
Largo sah mich vom Fahrersitz kurz fragend an: "Und das bedeutet?"      
         "Dass es verdammt knapp wird und wir den Straßendoc vergessen können. Drück auf die Tube, und ihr da hinten: haltet noch etwas durch!"
"Kein Thema, sind deine Sitze, die ich vollblute." 

         Largo trat entschlossen das Gaspedal durch und wir rasten durch die Nacht, unserem Ziel entgegen. 20.000 Euro, dachte ich mir: das war ein verdammt guter Anfang.    
         Aber noch war der Auftrag nicht erledigt.
***

         "... konnten einige Gäste in einem Stuffer Shack im Hamburger Stadtteil Elmsbüttel eine Entführung verhindern. Dem Bericht der Polizei zufolge handelte es sich bei den Tätern um ein Team von Shadowrunnern, die für einen Organhändlerring arbeiten. Das Team stand schon seit einiger Zeit unter Beobachtung, ein Zugriff durch die Behörden war aber bislang noch nicht möglich gewesen.      

         Derzeit verhören Experten bei der Polizei die Überlebenden Angreifer. Ein Geständnis wurde jedoch noch nicht abgelegt."        

- Hans Zerfass von den Hamburger Nacht News

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