Sonntag, 10. März 2013

Nur 48 Stunden


 Kapitel 1 - Kubanisches Gold
          Kratzend entzündete sich das Streichholz in einer zischenden Sonne, die sogleich erstarb und so der Geburt einer einzelnen Flamme Platz schaffte. Als das Streichholz die Position wechselte, um sich an einen fast verbrauchten Docht anzuschmiegen, sponn die Flamme schwarze Fäden, die sich kräuselnd von der Spitze lösten und im Raum verloren. Dankbar erwärmte sich der Docht und übernahm den brennenden Setzling. Nun entflammt verbrauchte er das Wachs im Stoff und pumpte aus dem größer werdenden See an seinem Fuße neuen Brennstoff empor.       
            Das Holz setzte seine Reise zu vier weiteren Kerzen fort, bis die Elfe den übrig gebliebenen Stummel zu ihren Lippen führte, um die Flamme auszupusten. Behutsam legte sie die Reste in ein Schüsselchen zu anderen abgebrannten Hölzern.
            Geschickt arrangierte die Elfe die Kerzen in einem perfekten Halbkreis um die Bastmatte, die in der Mitte des Raumes lag. Am Kopfende, zwischen zwei Kerzen, stand eine mit Sand gefüllte Schale. Räucherstäbchen steckten darin und verbreiteten einen würzigen Duft im abgedunkelten Raum. Die Elfin sog die Luft so tief ein, wie sie konnte und atmete ganz langsam aus. Lediglich in einen Kimono gekleidet, betrachtete sie zufrieden ihr Werk, trat an die Bastmatte und kniete sich so darauf nieder, dass ihr Gewand keine Falten warf.            
            Doch bevor sie beginnen konnte, nahm sie ein altertümlich wirkendes Teekesselchen von einem Stövchen aus weißer Keramik, auf dem allerlei Figuren und Tiere mit blauen Strichen abgebildet waren. Aus dem Kännchen goss die Elfe einen grünlichen Tee, den sie in einem tiefen Schälchen auffing. Sie nahm einen Schluck der dampfenden Flüssigkeit zu sich und fühlte, wie sie sich ihren Weg durch den Hals in den Magen bahnte.       
            Nun war sie soweit. Die Hände auf ihre Oberschenkel gelegt, schloss sie ihre Augen und atmete tief ein und aus - ein und aus - ein ... und ... aus. Das rhythmische Auf und Ab ihres Brustkastens und der Duft des ätherischen Rauchs in der Luft, beruhigten sie so sehr, dass  sich Puls und Atmung verlangsamten. Schließlich gab sie sich der hypnotischen Wirkung ganz hin und ließ sich von ihrem Körper wegtreiben.

            Mehr als ein Monat waren ihre Erlebnisse im Schwarzwald nun her. Sie waren dort in eine Falle geraten und beinahe gestorben. Seitdem hatte sie ihre Wunden geleckt und sich in ihrer neuen Wohnung heimisch eingerichtet. Hamburg nannte die Japanerin nun ihr neues Zuhause, aber sie hatte etwas aus ihrer alten Heimat mitgebracht, das für sie nach wie vor ein Mysterium war. Etwas, das es sich in ihrem Kopf gemütlich gemacht hatte; eine Stimme, die sie zu leiten versuchte und einen eigenen Überlebenswillen zu haben schien. Wer weiß, vielleicht verfolgte sie auch ganz eigene Pläne mit ihr?!
            Doch war die Stimme schon immer in ihrem Verstand gewesen oder hatte sie sich erst auf ihrer Flucht aus Japan dort eingenistet? Sie wusste es nicht und das beunruhigte sie sehr. Früher oder später musste sie sich den Antworten zu ihren Fragen stellen, also beschloss sie endlich etwas Licht in ihre Vergangenheit zu bringen.
            Zögernd regte sich etwas in einem dunklen Winkel ihres Geistes. Es spürte, dass die Elfe es wahrgenommen hatte, aber es war es nicht gewohnt gerufen zu werden.  
            "Was willst du?", zischelte eine heisere Stimme aus dem Dunkel.
            "Zeig dich! Ich will wissen was du bist und was du in meinem Kopf zu suchen hast." Die Stimme stieß ein Fauchen aus: "Sieh mich an, kleine Elfe!"    
            Als sie ihre Augen öffnete, erkannte sie, dass sie sich nicht länger in ihrer Wohnung befand. Die Bastmatte lag noch unter ihr und auch die Kerzen waren noch da, nur dass ihre Flammen nun in grün und blau brannten. Sie befand sich auf einem Felsen inmitten eines unendlichen Meeres, dessen Wasseroberfläche so ruhig lag, dass es ein Spiegel hätte sein können. Nur mancherorts kräuselten sich ein paar kleinste Wellen. Ein fahler Mond schien am Himmel, der mit matt glühenden Sternen gepierct war. Die Elfe spürte die Ruhe des Todes um sich herum. Während andere es nun vermutlich Angst zu tun bekommen hätten, blieb sie ruhig. Die Szene fühlte sich vertraut an, obwohl sie sich nicht erinnern konnte je hier gewesen zu sein.           
            Ein sanftes Gluckern zu ihrer Rechten ließ sie den Kopf drehen. Wie ein Schwert durchstach die Rückenflosse eines Hais die Oberfläche des Ozeans. Ohne Hektik umrundete er den Felsen einige Male. Dann tauchte er für mehrere Sekunden ab, um vor ihr wieder aufzutauchen. Der Hai schwamm nun direkt auf sie zu. Doch statt gegen den Felsen zu rammen, veränderte sich die Szene wieder. Eine Insel aus feinem Sand wuchs unter ihr aus dem Wasser empor und während der Hai auf sie zu hielt, veränderte sich seine Gestalt. Die Flosse bildete sich zurück und die Form des Körpers sah mit jedem Meter, den er näher kam, menschlicher aus. Sobald er festen Boden unter den Füßen verspürte, erhob sich ein weißhaariger, hagerer Mann mit grauer Haut, strengen Gesichtszügen und raubtierhaften Zähnen, und ging auf sie zu. Er trug einen schwarzen Anzug. Für einen kurzen Augenblick wunderte sich die Elfe, dass er trocken war, erinnerte sich dann aber daran, dass dies nicht die Realität war.        
            "Du bist ein Mentorgeist, oder?"         
Der Mann nickte nur und ließ ein Lächeln seine Mundwinkel umspielen. Definitiv nicht von der gesprächigen Sorte. "Was willst du in meinem Kopf?" 
            Er legte seine Hände aufeinander und den Kopf schief. Ob er die Frage nicht verstand oder nur nicht nachvollziehen konnte, warum sie eine solche Frage stellte, wenn die Antwort doch so offensichtlich schien, vermochte sie nicht zu sagen.          
            "Überleben."
Überleben? Was meinte er damit? Die Elfin fühlte Ärger in sich heraufsteigen. Der Geist sollte gefälligst Klartext reden. "Weißt du was mit mir passiert ist? Was vor meiner Amnesie war?"  
            Wieder nickte der alte Mann, gönnerhaft lächelnd. Es reichte der Elfe: "Reiz mich nicht! Rede bevor ich wütend werde!"          
            "Tz, tz, tz!" Der Mann schnalzte ein paarmal mit der Zunge und erhob tadelnd den linken Zeigefinger. Die nächsten Sekunden fixierte er ihre Augen mit seinem Blick. "Sieh hin und lerne!"           
            Eine klamme Hand schien das Herz in ihrem Brustkorb zu umfassen und zerrte sie fort. Für eine Moment wurde ihr schwarz vor Augen, dann saß sie wieder auf der Insel, doch sie fühlte dieses Mal Holz unter ihren Beinen. Ein verlängerter Steg wanderte von ihrer Position weit ins Meer hinaus. Um sie herum knieten weitere Personen in einem Kreis. Alle waren in lange Roben mit Kapuzen gewandet, die sie tief ins Gesicht gezogen hatten. Die Elfin konnte nicht erkennen, wer bei ihr war. Eine weitere Person stand hinter ihr und salbte ihren Körper. Etwas irritiert erkannte sie, dass sie fast gänzlich nackt war. Dies war ein Initiationsritus. Nur für was genau?           
            Ein Blitz durchfuhr das Bild. Derart geblendet dauerte es einige Zeit, bis sie wieder klar sehen konnte. Doch das, was sich nun ihrem Blick darbot, drehte ihr den Magen um. Statt der Personen, die ihren Ritus begleitet hatten, lagen nun Teile menschlicher Körper auf dem Strand und dem Steg. Abgeschnittene Arme, Finger, Füße, Beine, Scheiben von Rümpfen, Organe, die aus aufgeschlitzten Bäuchen quollen. Fliegen und Maden krabbelten in Massen darüber. Die Elfe selbst war über und über mit Blut beschmiert. Was war geschehen? Ängstlich warf sie einen Blick auf ihre Hände, die ihr Katana fest umklammert hielten. Angeekelt ließ sie es fallen. Waren das ihre Opfer? Hatte sie das getan? War es wirklich passiert? Warum sollte sie jemanden so brutal abschlachten? War etwas bei ihrem Ritus schief gegangen? Das musste ein Albtraum sein.   
            Ihr stockte der Atem und ihr Herz pochte so fest, dass sie glaubte, es wolle aus ihrer Brust entkommen. Sie stolperte zitternd rückwärts. Plötzlich stieß sie gegen etwas und sie drehte sich um. Der weißhaarige Mann stand wieder vor ihr. Immer noch wedelte er tadelnd mit seinem Finger und grinste diabolisch. "Na, na, so etwas macht man doch nicht." Schwang wirklich etwas Stolz in seiner Stimme mit oder bildete sie sich das nur ein? Ihr fröstelte.      
            Erneut fuhr ein Blitz durch ihre Sicht und sie fand sich in ihrer Wohnung wieder. Kalter Schweiß stand ihr auf der Stirn und sie fühlte sich wie nach einem Fiebertraum. Das Herz der Elfe pochte immer noch wild in ihrer Brust und ihr war so schwindelig, dass sie sich einen Moment auf dem Boden abstützen musste. Was war das?! 
            Höhnlisch gellte ein Lachen in ihrem Kopf, das sich wieder in seinen dunklen Winkel zurück zog und dort verhallte. OK, so einfach wollte es der Geist ihr nicht machen. Er wollte Spielchen mit ihr spielen? Dann musste sie sich weiter in Geduld üben. Früher oder später würde sie aus ihm heraus bekommen, was sie wissen wollte. Und bis dahin würde sie sich Gedanken um das Gesehene machen.           
            Erschöpft fuhr sich die Elfin mit einem Taschentuch über das Gesicht und entfernte den Schweiß. Langsam aber sicher ging es ihr wieder besser. Plötzlich ertönte ein Klingeln aus ihrer Tasche, also kramte sie ihr Komlink daraus hervor und nahm den Anruf entgegen.    
            "Hallo Alyssa, was willst du?"
***
            Nach einem recht mauen April mit viel Regen und grauem Himmel, versprach der Mai einer der heißesten der letzten Jahre zu werden. Das konnte mir nur recht sein. Seit wir aus dem Schwarzwald gekommen waren, hatten wir keinen Auftrag mehr angenommen und genossen die freie Zeit in vollen Zügen. Zwischendurch kompensierten wir unsere Verluste aus unserem Urlaub, rüsteten kräftig auf und feilten an unseren Fähigkeiten. Die Erlebnisse im Trollkönigreich hatten mir gezeigt, dass ich dringenden Trainingsbedarf mit größeren Kalibern hatte.          
            'EVO' hatte sich übrigens tatsächlich nochmal bei uns gemeldet, als wir wieder in der Hansestadt waren, und ließen sich 25.000 Euro pro Nase aus den Rippen leiern. Uns kam das sehr gelegen. Schließlich mussten neue Fahrzeuge her und Largo hatte für den Rover und das Schnellboot noch einige Bestellungen von vor unserem Urlaub laufen gehabt. Die wollten schließlich auch bezahlt werden. Den Rover gab es zwar nicht mehr, aber dem neuen Toyota standen die Upgrades genauso gut. Unsere Magierinnen steckten ihr Geld in neue Foki und anderen Zaubererkram.
            Am späten Nachmittag kamen Largo und ich mit dem Schnellboot unter der brütenden Sonne zur Anlegestelle zurück. Der Zwerg lebte mittlerweile fest auf dem Boot und hatte sich unweit des Piers eine Werkstatt eingerichtet. Sie war zwar noch etwas provisorisch, aber man konnte bereits jetzt sehen, dass er eine Menge vom Schrauben und Basteln verstand.          
            "Unterschätz nie den Rückstoß eines Sturmgewehrs und denk daran nur kurze Salven abzugeben, und dann wieder das Ziel zu korrigieren! Wenn du das ganze Magazin auf einmal rausbolzt, wirst du wahrscheinlich alles Mögliche treffen, aber nicht das, was du wolltest."
            Ich musste lachen: "Ja, Meister Miyagi-San!"
Largo rammte mir grinsend seinen Ellenbogen in die Seite. Als wir mal eines Abends nach einem Tag in der Werkstatt nicht so recht wussten was wir uns anfangen sollten, fanden wir erstaunt heraus, dass wir ein Faible für alte Martial Arts Filme teilten. Seitdem hatten wir uns Unmengen an trashigen Perlen aus dem letzten Jahrhundert reingezogen und nervten die anderen mit Filmzitaten, die keiner aus uns verstand.        
            Als wir uns der Werkstatt näherten, sahen wir meinen Cousin Cone, der lässig an die Wand gelehnt auf uns wartete. Seine neue Trollhammer stand etwas abseits vom Gebäude. Er zog seine Sonnenbrille ab und winkte, dass wir uns beeilen sollten.    
            "Ey ihr zwei! Macht mal hin! Ich dachte schon ihr kommt gar nicht mehr von eurer romantischen Bootstour zurück."        
            Es gibt Tage, da frage ich mich, wie er mit seiner großen Klappe so lange überleben konnte. "Halt die Backen, Cone! Wir haben einen ziemlich anstrengenden Tag hinter uns und ich bin nicht in der Stimmung für das was du Humor nennst."     
            "Oh, sensibel heute?", konterte er, besann sich nach einem prüfenden Blick auf meinen genervten Gesichtsausdruck aber eines besseren, "Was war denn so anstrengend?" 
            "Vor vier Tagen kam unsere Lieferung mit den neuen Spielzeugen für das Boot und den Toyota. Wir haben fast rund um die Uhr geschraubt, geschweißt und gedengelt, damit das so schnell wie möglich fertig wurde."       
            "Spielzeuge? Für deine Reisschüssel? Hast du endlich einen deutschen Motor einbauen lassen?"          
            Largo schritt an ihm vorbei und schloss die Tür zur Werkstatt auf, in der noch mein Toyota Coaster stand. "Pass auf, du zu groß geratener Eiterpickel! Sonst, drück ich dich mit den Spielzeugen zu Demonstrationszwecken aus."
            Cone zuckte nur mit den Achseln und setzte wie erwartet noch einen obendrauf: "So weit ist es also schon gekommen, dass ihr euren Menstruationszyklus aufeinander abgestimmt habt? Das müfft derbe nach PMS hier, puh!" Er wedelte spielerisch mit der Hand vor seiner Nase herum, aber der Zwerg ignorierte die neuerliche Spitze, öffnete die Tür zum Geländewagen und machte sich darin zu schaffen. Plötzlich hob sich ein Teil des Daches an und ein zuvor getarntes Geschütz kam zum Vorschein und richtete sich auf den Ex-Ganger aus.
            "Woh-ho-ho! Ihr müsst nicht gleich persönlich werden!" Cone hob abwehrend die Hände und pfiff anerkennend.           
            Largo hopste aus dem Wagen und zählte die Features unseres neuen 'Wild-Card-Mobils' auf: "Von den grundsätzlichen Werten her unterscheidet sich der Coaster kaum vom alten Rover. Wir haben ihn ab Werk bereits mit einem Fahrgastsicherheitssystem - sicher ist sicher - einem Rauchgenerator und Radarablenkungssystemen ausstatten lassen und ihn dann in der Werkstatt ordentlich gepimpt. Nun verfügt der Wagen über eine Riggeradaption, die mir eine bessere Kontrolle ermöglicht, ein geräumiges Schmuggelfach, falls wir mal wieder durch Grenzkontrollen müssen und nicht auf unser Arsenal im Urlaub verzichten wollen, und ein getarntes Geschütz gab's noch obendrauf."
            "Wow! Ich bin ehrlich beeindruckt."    
"Sag mal, Cousin, was willst du denn eigentlich?"       
            "Bitte?! Ach so, Lightning hat versucht euch zu erreichen, aber eure Komlinks waren aus. Also bin ich hierher, um nach dem Rechten zu sehen."           
            "Sorry, aber wir waren auf dem Schießplatz ein paar Trainingseinheiten absolvieren und das ist eine tote Zone. - Was hat Alyssa denn?"         
            Cone grinste schelmisch: "Ich weiß ja nicht wie es euch geht, aber meine Kohle neigt sich dem Ende zu. Wie es scheint, geht es den Mädels genauso und wir wollen mal wieder was Arbeiten."        
            "Ich hab derzeit keine Aufträge an der Hand."
"Darum bin ich ja hier: Lightnings Kumpel aus der Bar... dieser Barry hat sich gemeldet. Er kennt einen Schmidt, der ein Runnerteam sucht und sich mit uns heute Nacht treffen will."
            "OK, dann lass uns das mal anschauen. Hat sie noch irgendwas wichtiges gesagt?"  
            "Ähm ja, dieser Schmidt scheint ein Feingeist zu sein. Wir sollen nämlich nicht wie Penner aussehen."
***
            Trotz der anhaltenden Sommerhitze kühlte es nachts noch stark ab, sodass ich etwas fröstelte. Die Elbe hatte noch nicht genug Wärme gespeichert, die sie wieder abgeben könnte. Eigentlich war es genau richtig so, denn im Hochsommer konnte es auch nachts unerträglich schwül und stickig werden. Die steigende Umweltverschmutzung aus den letzten hundert Jahren waren sicherlich ebenfalls nicht förderlich gewesen das Klima positiv zu beeinflussen.
            So pflügte sich unser Schnellboot durch das kalte brackige Elbwasser im Zentrum Hamburgs. Seit der Schwarzen Flut von 2011 sind weite Teile der ursprünglichen Stadt überflutet und es gibt zahlreiche Kanäle, die sich weit vom Zentrum verzweigen. Viele Orte lassen sich im Hamburg des Jahres 2072 daher viel leichter mit einem Boot erreichen. Unsere Beute aus unserem ersten gemeinsamen Run vor über einem Monat war also ein echter Glücksfall, wenngleich man auch nicht alle Bereiche mit einem so großen Schnellboot ansteuern darf. Sobald man sich nämlich vom Alster- und Elbgebiet in die Innenstadt vorwagt, darf man sich nicht mit einem Boot erwischen lassen, das mehr als fünf Knoten drauf hat.     
            Glücklicherweise wollte sich der Kontaktmann im offen zugänglichen Gebiet mit uns treffen. Wir ließen gerade Big Willi, die Hanseatische Gefängnisinsel, hinter uns und steuerten zügig auf eine Bootsanlegestelle am südlichen Zipfel der Neuen Mitte zu. Wie vom Schmidt gewünscht hatten wir uns ein wenig herausgeputzt - zumindest bis auf Cone, der nur abgenutztes Leder und noch abgenutzteres Leder im Kleiderschrank finden konnte. Als wir näher kamen wurde mir klar, dass wir es mit einem sehr gut betuchten Pinkel zu tun hatten.          
            Die Yacht leuchtete wie ein Christbaum und stellte all ihren Luxus zur Schau. In manchen Gegenden hätte das so mancher Dummkopf als eine Aufforderung zum Überfall interpretiert. Was diese Leute aber oft vergessen ist, dass jemand, der sich so offensiv präsentiert, meist auch ganz besondere Sicherheitsvorkehrungen getroffen hat und vielleicht nur darauf wartet, dass sich ein Depp auf das Spiel einlässt. Wie heißt es doch so schön: 'Toter Pirat am Morgen vertreibt Kummer und Sorgen.'   
            Wie sich heraus stellte, war ich nicht der Einzige, der beeindruckt war. "DAS ist ja mal ein Kaventsmann! Das ist bald keine Yacht mehr, sondern schon ein halber Luxusliner.", staunte Alyssa mit herunterhängendem Kiefer.           
            Kurz darauf kamen wir an der Anlegestelle an und vertäuten das Boot. Sechs schwerbewaffnete Männer - zwei davon waren Trolle - in Businessanzügen und Seidenkrawatten um den Hals nahmen uns dort in Empfang. Cone und Largo fühlten sich plötzlich extrem underdressed und zogen es vor auf dem Boot zu bleiben. Also gingen wir nur zu dritt. Alyssa, Lightning und ich gaben unsere Waffen ab und wurden an Deck gebracht.    
            Hab ich erwähnt, dass das Schiff nach extrem viel Geld aussah? Als ich oben ankam und mich umsah, merkte ich erst, dass es nur so nach Moneten stank. Edelste Hölzer waren für den Boden genutzt und ein Jacuzzi war im Heck eingelassen worden. Plötzlich hatte ich richtig Lust mich in den Whirlpool zu legen und mir ein ordentliches Bad zu gönnen. Palmen in breiten Kübeln säumten die Szene, zu der sich noch diverse Sitzgelegenheiten, Liegen und Tische gesellten. Das war gemein. Da hatte jemand sein Urlaubsparadies eingepackt, auf einem Boot eingepfercht und ich durfte nicht mitmachen.
            Nun führten uns unsere Wachen durch zwei breite mit Glaseinlässen versehene Türen und brachten uns in den Wohnbereich des Schiffes. Zur Linken befand sich eine Bar, in der Mitte ein großes kreisrundes Sofa mit einer Art Feuerstelle im Zentrum, über der im AR ein Lagerfeuer simuliert wurde. Wahrscheinlich war dort auch ein Heizstrahler untergebracht, um die Illusion perfekt zu machen. Der Raum war nur schwach beleuchtet, sodass der hintere Teil nicht besonders gut zu sehen war. Ich konnte aber erkennen, dass sich zwei Stufen höher, auf einer weiteren Ebene ein zweites Sofa befand, auf dem zwei Personen saßen. Eine der beiden stand auf, als wir den Raum betraten und kam auf uns zu. Der Mann hatte eine Glatze und seine Augen waren durch Cyberimplantate ersetzt worden. Zudem war er sehr dünn, sah in seinem weißen Anzug geradezu ausgehungert aus. In der linken Hand hielt der Mann ein Cocktailglas, in dem er lässig eine bernsteinfarbene Flüssigkeit schwenkte.
            "Guten Abend zusammen."     
"Guten Abend.", antworteten Alyssa und meine Wenigkeit synchron. Sunetra erwiderte den Gruß nicht. Stattdessen sah sie etwas irritiert zu uns herüber.        
            "Sie sind also die Wild Cards?"
"Das ist korrekt.", kam es wieder synchron aus unseren Mündern. Ich wollte schon weiter reden, als Sunetra unter Kichern ein "Check!" vernehmen ließ.         
            Der Schmidt ließ sich von der Elfin nicht aus der Ruhe bringen. "Bitte nennen sie mich doch Herr Schmidt! Aber ich denke, dass sie sich das schon gedacht haben." Er lächelte jovial und stellte seinen Drink auf dem Tresen der Bar ab, wo wir uns ebenfalls hinbegaben.
            "Worum geht es denn, Herr Schmidt?"
"Nun, ich habe eine Ware, die zugestellt werden muss und der ursprüngliche Kurier ist leider ausgefallen. Da es um eine eilige Sendung geht, suche ich nun dringend einen Ersatz - und sie wurden mir wärmstens empfohlen."    
            "Es freut mich, dass wir einen guten Leumund haben." Ich hoffte, dass Barry nicht zu dick aufgetragen hatte und wir uns in den nächsten Schlamassel begaben. "Ohne direkt die Stimmung trüben zu wollen, aber bevor wir nun weiter machen, muss ich ihnen noch sagen, dass wir ablehnen müssten, wenn es sich bei der Ware um Drogen oder Sklaven handeln sollte - nicht, dass ich ihnen so etwas unterstellen wollte. Ich erwähne es nur lieber sofort, bevor wir uns in einer für beide Seiten unangenehmen Situation wieder finden sollten."         
            Erstaunlicherweise verrutschte sein Lächeln um keinen Millimeter, als er mir zuhörte. Er gönnte uns sogar ein schmales Lachen. Notiz an mich selber: spiel niemals mit dem Kerl Poker!            
            "Da bin ich ja heilfroh, dass ich ihnen Entwarnung geben kann. Der Inhalt der zwei Metallboxen, die ich ihnen anvertrauen möchte, wird zwar einige Menschen sehr glücklich machen, aber mit solchen Geschäften habe ich nichts am Hut."         
            "Sehr gut. Wenn sie uns nun bitte die Details verraten möchten...?"
            "Nicht so schnell! Zuerst müssen sie einen kleinen Test bestehen. Wie viele Personen gehören denn zu den Wild Cards?"     
            "Bislang sind wir zu fünft. Die Damen hier sind Magierinnen. Im Boot warten noch unser Rigger und ein Mann fürs Grobe."
            "Und sie sind?"
Tja, gute Frage, was bin ich? Zwar konnte ich im Nahkampf sehr gut zulangen, war aber durch meine Agentenausbildung auch perfekt für heimliche Infiltrationen geeignet und konnte dank meiner sozialen Fähigkeiten mein Gegenüber leicht überzeugen mir zu vertrauen und es so manipulieren.  
            "Sagen wir einfach, ich bin die geheime Zutat der Wild Cards."
            "Ha! Er ist der Zimt im Cocktail!", platzte Alyssa kichernd heraus. Bevor es noch richtig unangenehm wurde, brachte ich sie mit einen lauten Räuspern zum Schweigen.       
            "Worum geht es denn bei dem Test?" 
Der Schmidt nahm Alyssa und Sunetra genauer unter die Lupe und musterte die beiden eindringlich. "Dort, wo ich sie hinschicken werde, werden sie auf die Fähigkeiten ihrer Magierinnen angewiesen sein. Ich muss wissen, ob sie stark genug sind für diese Mission. - Asha, Liebes! Kommst du bitte?!"     
            Nun erhob sich die zweite Person, die ich beim Hereinkommen bemerkt hatte, und schritt mit grazilen Bewegungen die Stufen zu uns herab. Asha stellte sich als eine sehr attraktive Elfe heraus. Ihr langes, lockiges Haar war rot gefärbt und wippte sanft bei jeder Bewegung, die sie machte. Eigentlich ein Wunder, dass ich das überhaupt wahrgenommen hatte, denn sie trug lediglich einen durchsichtigen Bikini. Ihre Brüste waren von kleinen Brustwarzen gekrönt, die zu allem Übel auch noch steil emporragten und den Stoff mit aller Macht wegdrückten. Blumen und Grashalme begannen auf meinen Gedanken zu wachsen und ich hatte deutliche Schwierigkeiten mich zu konzentrieren. Mein Blick wanderte ihre Taille entlang, machte einen Schlenker um ihren geradezu putzigen Nabel auf ihrem flachen Bauch und rutschte dann ruckartig ein Stockwerk tiefer. Ich fühlte tief in meinem Innersten, dass ich kurz davor stand etwas unglaublich dummes und peinliches zu stammeln.               
            "Hmmmm... Rasiert!"   
Oh man, Hendrik! Warum kannst du nie deine Klappe halten und... Moment mal! Das war gar nicht ich gewesen! Verdattert sah ich zuerst zu Sunetra, die wiederum mich erstaunt ansah. Ich zuckte mit den Achseln. Ein verschämtes Räuspern zu meiner Linken ließ die Elfe und mich in die Richtung der Geräuschquelle schauen. Alyssa war hochrot angelaufen, hatte den Blick gesenkt und versuchte nur noch durch die Haut zu atmen. Na das waren ja mal interessante Neuigkeiten.            
            Asha ihrerseits würdigte uns keines Blickes, stellte ihr Glas neben das vom Schmidt und ging auf das offene Deck. Wir folgten ihr dorthin und verfolgten wie sie eine Beschwörung durchführte. Das Wasser der Elbe begann zu brodeln und zu schäumen. Wassertropfen formten sich über der Oberfläche zu langen Schläuchen, die sich umeinander schlangen, wieder lösten und sich schließlich am oberen Ende endgültig verbanden und es sackartig aufblähten. Ich habe nur rudimentäre Kenntnisse von Magie, aber sogar mir als Laie war klar, dass die nackte Schönheit soeben einen Wassergeist beschworen hatte.         
            Der Schmidt wandte sich nun wieder uns zu. "Ihre Aufgabe ist es nun diese Kreatur zu bannen."         
            "Das ist alles?"
Er nickte. "Das ist alles."         
            Ich trat respektvoll einen Schritt zurück und ließ die Magierinnen ihre Arbeit machen. Die gute Alyssa hatte sich scheinbar von ihrem Ausrutscher erholt und war entschlossen ihre beste Performance zu bieten. Die Japanerin unterstützte sie zwar, aber der Hauptteil kam von ihr. Beide schlossen ihre Augen und konzentrierten sich. Gesten wurden ausgeführt und Worte gemurmelt, die ich nicht verstand. Schließlich ging ein Zittern durch den Körper des Geistes und er verlor langsam aber sicher seine Konsistenz. Als die Oberfläche endgültig aufbrach ergoss sich das Wasser, aus dem er bestanden hatte, wieder in die Elbe.        
            Hinter uns ertönte leises Klatschen. Der Schmidt schien erfreut zu sein. "Bravo! Das war sehr gute Arbeit, meine Damen. Ich denke, dass unsere Ware bei den Wild Cards gut aufgehoben werden sein wird."      
            Sunetra verschränkte die Arme vor der Brust und sprach zum ersten Mal seit unserer Ankunft: "Es wird Zeit, dass sie uns ein paar Details zu unserem Auftrag geben, finden sie nicht?"
            "Sie wollen keine Zeit verlieren, wie? Das gefällt mir. Nun, das Paket ist auf dem Wasserweg im Hafen abzuholen. Den genauen Anlegeplatz werden sie den Daten entnehmen, die Asha ihnen jeden Moment auf ihr Komlink überspielen wird.   
            Dies hier ist ein Funkchip, der ihnen Zugang zum Dock gewähren wird. Dort wird ihnen ein Hafenarbeiter namens Klaus zwei Metallboxen übergeben, die in spätestens achtundvierzig Stunden in Kopenhagen sein müssen."           
            "Mit welchen Problemen sollten wir rechnen?"
"Es gibt seit einiger Zeit verstärkte Piratenaktivitäten in der Nordsee und sie müssen sich auf Toxingeister einstellen, die entlang der dänischen Küste auftauchen können. Mit diesen Biestern ist nicht gut Kirschen essen. Sie verstehen nun sicherlich, warum ich sie getestet habe."      
            "Sehr gut, dann bleibt nur noch eine Frage übrig."
"Ahh, ich sehe, sie spielen auf ihre Entlohnung an. Jeder von ihnen bekommt jetzt fünf Riesen und weitere zehn nach Abschluss der Mission."
            "Klingt fair."    
"An ihrer Stelle würde ich mich gleich auf die Socken machen, denn die Frist ist knapp bemessen und sie haben einen weiten Weg vor sich."
            Das ließen wir uns nicht zweimal sagen.
***
            Zunächst hatte ich befürchtet, dass wir des Nächtens im Hafen zu sehr auffallen würden, aber selbst um Mitternacht herrschte hier noch reger Betrieb. Ladungen wurden gelöscht, andere wurden wiederum auf Schiffe verladen, es wurden die dicken Pötte betankt und hier und da konnte man sogar Wartungsarbeiten beobachten.      
            Dank der Daten von Asha fanden wir ohne Verzögerungen das Dock mit unserem Kontaktmann Klaus. Der wiederum war ein Hamburger Original, das sich nur in Platt artikulierte und eine beachtliche Plauze vor sich herschob. Er deutete auf zwei unscheinbare Metallkisten, die zwischen zwei Palettenstapeln geradezu verloren wirkten.      
            "Jo, do sind die guden Stücke, ne?! Die sind hermedisch objeriegeld und hoben genuch Strom für minnesdens oine Woche. Des sollde mehr als jenuch sain für ihre Mission."
            Strom? Hermetisch abgeriegelt? Das klang schwer nach einem Organtransport. Vermutlich Biotech, denn der Handel mit künstlich verstärkten Organen florierte und brachte eine Menge Geld ein. Ob wohl ein wohlhabender Kunde in Kopenhagen dringend auf neue Muskeln für seinen Arm wartete, um vor seinen Tennisklubfreunden angeben zu können, wenn das nächste Match anstand? Nun, eigentlich auch egal. Wir sollten den Kram nur zustellen. Zusammen mit Largo und meinem Cousin packten wir die Kisten in die Schmuggelfächer des Schnellboots. Als wir schon wieder losfahren wollten, kam Klaus mit plumpen Schritten zu uns gelaufen. In den Händen hielt er eine Holzkiste.
            "Woarden sie! Nich so snell mid den jungen Pferden! Des werden sie ebenfalls brauchen."           
            Irritiert nahm ich auch diese Kiste entgegen. "Was ist denn da drin?"
            "Kubanische Zigarren, ne!? Do klebd auch der Frachdbrief dran. Nur für alle Fälle, falls ihnen die die Polizei oder der Zoll auffe Pelle rüggen sollde."  
            Der Mann dachte mit. In unseren Zeiten ist nahezu alles, was nicht synthetisch hergestellt wurde, schwer zu kriegen und sauteuer. Kubanische Zigarren gehörten zu dieser Sorte Ware und ihr Wert lieferte uns eine glaubhafte Geschichte. Damit würde jeder Offizielle verstehen, warum wir eine solch gefahrvolle Reise auf uns nahmen.
            Ich dankte dem Hafenarbeiter und packte die Kiste in den offiziellen Frachtraum. "Los geht's!"           
            Largo hob zustimmend den Daumen und startete den Motor. Rasch entfernten wir uns wieder vom Dock, aber da wir uns noch innerhalb Hamburgs befanden fuhren wir noch nicht mit voller Kraft. Niemand sollte denken, dass wir auf der Flucht wären.    
            "Ich würde vorschlagen, dass wir einen Teil des Wegs durch den Neuen-Nord-Ostsee-Kanal abkürzen."         
            "Klingt doch nach einem guten Plan, Kleiner. Ihr habt das hier vorne im Griff, oder? Dann hol ich mir mal ein Bier und genieße die frische Brise." Kaum hatte Cone den Satz beendet, zischte auch schon die erste Bierdose und er schlürfte hastig den Schaum auf, der hervorquoll. Dann lehnte er sich auf die Reling und schaute gedankenverloren in die Nacht hinaus.         
            Nach einigen Minuten, die wir alle schweigend verbracht hatten, warf er die leere Dose achtlos ins Meer und kam zum Steuer gerannt. "Ähm, Jungs..."         
            "Was ist denn los? Hast du einen Geist gesehen?", lachte ich, aber es blieb mir im Halse stecken, denn Largo schob grimmig den Gashebel nach vorne und knurrte: "Ich hab's schon gesehen, Spitzohr. Wir werden verfolgt."

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