Sonntag, 10. März 2013

Nur 48 Stunden



Kapitel 2 - An der Nordseeküste...
 
            "Was?!"
Beunruhigt wirbelte ich herum und stürmte aus der Kabine zum Heck des Schiffs.  Mein Haar wogte im Wind wie Seetang unter Wasser hin und her als ich in die Ferne blickte. Tatsächlich näherten sich uns drei Schnellboote mit hoher Geschwindigkeit von Achtern.
            Obwohl es tiefste Nacht war, konnte ich sehen, wie weiße Gischt hinter ihnen von den Motoren in den Himmel geschleudert wurde. Sie waren so schnell, dass sich ihre Buge Speerspitzen gleich gen Himmel gerichtet hatten.       
            Der zweite Ork an Bord trat an meine Seite. "Kannst du etwas erkennen?"     
            "Nein. Weder Waffen, Besatzungen... noch nicht mal so etwas wie Hoheitszeichen oder Konzernzugehörigkeiten. Aber so zielstrebig, wie die näher kommen, sind die nicht auf einen Plausch über einem Bierchen aus."     
            "Ja", knurrte Cone, "das da bedeutet garantiert Ärger. Ich frage mich, wie der Zwerg ihr Kommen bemerken konnte."   
            Bevor ich etwas erwidern konnte, öffnete Largo einen Kanal im Komlink: "Entweder leidest du an Demenz oder du hast noch nicht mitbekommen, dass ich der Dead Man's Hand eine Riggeradaption verpasst habe. Sobald ich eingeloggt bin, werde ich eins mit dem Fahrzeug. Alles, was das Radar und die Sensoren aufzeichnen, wird direkt an mich weiter geleitet. Diese Flitzpiepen haben am Hafen auf uns gewartet. Ich hab sie schon seit unserer Abfahrt auf dem Schirm."          
            "Warum hast du nicht vorher was gesagt? Eine kleine Warnung wäre fantastisch gewesen."       
            "Bis jetzt hatten sie genug Abstand gehalten und es gab keinen Grund Panik zu schieben. Es hätte genauso gut Zufall sein können."
             Der ehemalige Ganger zog die Augenbrauen zusammen und sah grimmig zu unseren Verfolgern rüber. "Naja, Zufall können wir ja dann von der Liste streichen."   
            Stumm pflichtet ich meinem Cousin bei. Wir befanden uns noch innerhalb der Grenzen des Hamburger Elbteils, aber seit der schwarzen Flut von 2011 war dieses Gebiet so weitläufig, dass man schon fast von einem kleinen Binnenmeer sprechen konnte. Ein Schusswechsel so weit entfernt vom Ufer fiel also bei entsprechender Witterung nicht einmal besonders auf. Und ich fand, dass uns das in dieser Nacht zum Vorteil gereichte.      
            "Largo, lass sie näher ran kommen!"   
Ungläubig schlug mir Cone mit dem Handrücken gegen den Oberarm. "Bitte?! Bist du jetzt total durchgedreht? Wir müssen die Penner abhängen!"    
            "Hier?! Sollen wir uns hinter einer Welle verstecken, oder was? Nein! Die sind eh schneller als wir. Besser wir ergreifen die Initiative und erledigen das gleich."  
            "Ich glaube, in dem Fall wecke ich die Zauberinnen."  
Cone wandte sich mit versteinerter Miene zum Gehen.
            "Gute Idee. Und bring dein Sturmgewehr mit, wenn du schon auf dem Weg bist!"     
            Im Wegstapfen brummelte Cone noch einige Verwünschungen, die ich geflissentlich überhörte. Ich beobachtete noch einige Momente lang die drei Schiffe, die nun deutlich schneller zu uns aufschlossen, und ging dann wieder hinein. In einem Schrank für Jacken und Schwimmwesten befand sich hinter der Wand ein verstecktes Fach für unsere Waffen. Zwar besaßen wir alle Lizenzen für unsere konventionellen Schießprügel, aber hier befand sich das gute Zeug - also die Kaliber, die Otto Normalverbraucher nicht so einfach in die Finger bekommt. 
            Nachdem ich einen  Teil der Wand heraus gehebelt hatte, griff ich unter Largos Mitama Sturmgewehr und hob meine Ares Crusader Automatikpistole von ihrer Halterung.    
            "Wie weit sind sie noch weg?" 
"Knapp sechzig Meter, junger Padawan.", witzelte der Zwerg am Steuer.
            "Ha! Dann wird es Zeit den Kerlen mal zu erklären, warum man Besuch ankündigen sollte."
            "Ich freu mich schon unsere neuen Spielzeuge in Aktion zu sehen.", rief mir Largo noch freudig hinterher. Mit der letzten Silbe steckte ich das Magazin in die Waffe und lud sie beim Verlassen der Kabine geräuschvoll durch. Erneut blies mir draußen der frische Wind um die Nase.             
            Inzwischen waren die Schnellboote so nahe herangekommen, dass ich die Besatzungen erkennen konnte. Es schienen jeweils drei zu sein. Einer steuerte das Boot und die anderen beiden befanden sich mit Waffen im Anschlag auf Gefechtsposition.
            Geduckt huschte ich zum Heck und legte mich dort auf Lauer. Ohne den Blick von den Verfolgern zu nehmen, klappte ich die Schulterstütze aus und ließ sie mit einem Klicken einrasten. Vorsichtig lehnte ich mich etwas nach vorne und brachte die Crusader in Anschlag. Wenigsten war heute kein heftiger Wellengang auf der Elbe zu verzeichnen. So musste ich nur das regelmäßige Auf- und Abwippen unseres Bootes beim Zielen kompensieren.
            Auf dem Schiff zu meiner Rechten bewegte sich jemand. Es sah nach Handzeichen aus, die den anderen Booten galten.  Nun teilte sich der Verband auf, um uns in die Zange zu nehmen.
            Sehr gut, ihr Deppen.  
Geduldig zielte ich weiter auf die Besatzung des Schiffs hinter uns, während die beiden anderen sich auf gleiche Höhe zu uns begaben.  Plötzlich blitzte Mündungsfeuer auf und Schüsse peitschten jaulend über die Außenwand der Dead Man's Hand, prallten aber wirkungslos ab.
            "Nein! Passt auf! Nicht das Boot treffen! Schaltet nur die Mannschaft aus!", plärrte eine trockene Stimme zu meiner Rechten wütend herüber.
            Bevor ich mir darüber im Klaren werden konnte, ob sie mich bereits gesehen hatten oder nur jemand mit nervösem Zeigefinger nicht warten konnte, schnarrte die Stimme des Riggers in meinem Ohr: "Ene, mene, muh - und raus ... bist... DU!"       
            In der nächsten Sekunde verschwand zunächst jedes Geräusch aus der Welt und die Zeit schien sich bis in die Unendlichkeit zu dehnen.  Durch die sich ausbreitende Stille fraß sich sodann eine gleißende Feuerlanze unter Trommelfell zerrendem Getöse in den Bug des ersten Schnellbootes und spaltete es förmlich entzwei. Lediglich die noch durch die Luft wirbelnden Splitter und die aufgeschäumte Elbe zeugten wenige Augenblicke später von der Existenz des Fahrzeugs.      
            "YEHHHHAAA!", schallte es im Komlink.           
Während Schnellbootkonfetti um mich herum für Heiterkeit sorgte, erhellte der Feuerstoß für den Bruchteil einer Sekunde die gesamte Szenerie. Mehr brauchte ich nicht, um die Schützen auf dem zweiten Schiff exakt ausmachen zu können und zog den Abzug durch. Der Oberkörper des Gegners zuckte einige Male unter den Treffern auf und er fiel kopfüber ins Wasser.  
            Sofort wechselte ich zum zweiten Schützen, verlor das Ziel aber kurz aus dem Blick, als der Steuermann vor Schreck das Ruder herumriss.  Ein weiterer Blitz raste über die Elbe, aber das Boot zu meiner Rechten wich dem Beschuss mit einem Schlenker auf uns zu aus.
             Endlich hatte ich den verbliebenen Schützen auf dem zweiten Boot wieder gefunden. Dank der Smartlink Verbindung sendete die Waffe alle erforderlichen Daten an meine Brille, um mir das Zielen zu erleichtern. Der Gegner schrie aus vollem Leib und sandte Metallbienen in meine Richtung, die mich aber im Dunkeln und in meiner Deckung nicht fanden.    
            Zeit ihn von seiner elenden Existenz zu erlösen. Ich passte den Scheitelpunkt in einem unserer rhythmischen Auf und Nieder ab und schoss. Mehr vor Schreck als echten Wunden fiel ihm das Sturmgewehr aus den Händen und er taumelte nach hinten. Dabei trat er unglücklich auf ein herumliegendes Tau und rutschte weg. Gerade so konnte sich der Mann noch an der Reling festklammern und wurde immer wieder von den regelmäßigen Berührungen mit der Wasseroberfläche durchgeschüttelt.   
            Panisch krallte er sich dort fest und versuchte vergeblich sich wieder hochzuziehen. Da ich das Elend nicht länger mit ansehen konnte, feuerte ich eine weitere Salve auf ihn ab und er ließ los. Als der Skipper realisierte, dass er nun alleine und wehrlos war, drosselte er die Geschwindigkeit und fiel zurück.        
            Nun war es Zeit sich dem Dritten im Bunde zu widmen. Doch bevor ich ernsthaft etwas unternehmen konnte, zerriss ein weiteres Stakkato von Donnerschlägen die Nacht und pflügte schräg von der Wasserlinie an der linken Bugseite an hoch zur rechten Seite. Jedes Projektil stanzte ein zähnefletschendes Loch in die Hülle des Schiffs.  
            Dieses Mal war der Gegner so nahe, dass ich sehen konnte, wie sich die Geschosse auch mit den biologischen Details der Insassen auseinandersetzten - und das so intensiv, dass selbst Doktor Frankenstein beim Versuch, das menschliche Puzzle wieder zusammen zu setzen, verzweifelt wäre.         
            Mit eingekniffenem Schwanz wendete der Fahrer des zweiten Boots und verkrümelte sich nun endgültig in die schützende Dunkelheit und auf die Lichter Hamburgs zu.          
            "Amateure!", brummte ich zufrieden. "Gute Arbeit, Largo. Die legen sich nicht mehr so schnell mit uns an."    
            "Kunststück, wenn man tot ist, Spitzohr.", lacht der Zwerg vergnügt.
            "Was...!?"
Cone stand in der Tür zum offenen Bereich der Dead Man's Hand und schaute bedröppelt drein. "Ähm... wo sind denn!? Was war denn gerade los?"    
            "Hey Cone, wo bleibst du denn? Verpasst ja den ganzen Spaß."
            Alyssa zwängte sich mit beträchtlichen Mühen zwischen ihm und der Türzarge hindurch, nahm eine Nase von der erfrischend ungesunden Hamburger Luft auf und sah sich um. Nachdem sie die Lage gecheckt hatte, stemmte sie verärgert ihre Fäuste in die Hüften, drehte sich zu meinem Cousin um und boxte ihn mit aller Kraft in den Oberarm.       
            "Nichts! Und dafür hast du Holzkopf mich geweckt?!" 
Schließlich stach sie mit dem erhobenen Zeigefinger nach seiner Nase. "Mach - DAS - NIE - WIEDER!" ... und zwängte sich wieder an ihm vorbei ins Innere. Dumpf drang ihre Stimme nach draußen als sie Sunetra etwas von 'falschem Alarm' und dass sie sich wieder hinlegen solle, zurief. 
            Immer noch kreisten Fragezeichen über Cones kahlem Schädel. Er rieb sich die Stelle, auf die er geschlagen worden war, aber ich war mir sicher, dass es nicht wirklich weh tat.           
            "Was ist?!", stichelte ich ihn wieder.   
"Mal Hand aufs Herz! Da waren DREI Boote - und jetzt sind sie weg. Wie hast du das gemacht?"           
            "Wir, meinst du wohl!", meldete sich Largo über Komlink zu Wort. Nun verstand er gar nichts mehr. "Aber der Kurze war doch drinnen und nicht..."  
            Es war wirklich an der Zeit den armen Kerl zu erlösen. Grinsend zeigte ich zum Bug unseres Nordwerft Wind, wo sich lustig ein Geschütz um die eigene Achse drehte.  "Wir haben doch erwähnt, dass wir ein paar Modifikationen durchgeführt hätten..."
            In seine Verblüffung mischte sich nun dezente Belustigung. "Ihr habt eine Autokanone als Geschütz installiert? Wie krass ist DAS denn?!"          
            "Tja, damit hatten die Penner nicht gerechnet. Nach weniger als fünfzehn Sekunden war der Spaß schon wieder vorbei."                        "Krass!"
Ich klopfte ihm aufmunternd auf die Schulter. "Komm, lass uns ein kühles Bier zischen!"      
            An der Tür hielt ich kurz an, denn Cone beobachtete immer noch das Geschütz. Erst nachdem es unter seiner Abdeckung verschwunden und wieder getarnt war, kam er ebenfalls nach.
            "Krass!"
***
            Wie erwartet hatten die Hamburger Sicherheitskräfte von dem kurzen Gefecht nichts mitbekommen. So fuhren wir die nächsten Stunden ungestört in den Sonnenaufgang - vorbei an Altona und den meerseitigen Teil von Pinneberg mit seinen Fabriken und Klärwerken, die hier die Luft verpesteten und dem Himmel giftige Farben verpassten. Wir gierige Kraken stachen Abfluss- und Zuflussrohre wie Tentakel aus der Elbe und verbanden sich an Land mit dem Restkörper der Produktionsstätten.     
            Wenn man bedenkt wie rücksichtslos die Konzerne mit der Natur umgehen, verwundert es mich nicht,  warum toxische Geister in dieser Gegend ihr Unwesen treiben. Und die Nordsee ist voll von ihnen - und Schlimmerem.     
            Bitte nicht falsch verstehen! Diese GreenWar Idioten, die immer wieder Attentate auf Konzerne durchführen, sind keinen Deut besser, nur weil sie sich am anderen Ende der Skala eingenistet haben.
            Schließlich ließen wir den stinkenden Moloch hinter uns und fuhren aufs offene Meer hinaus. Largo steuerte die Dead Man's Hand zwar in internationale Gewässer, hielt sich aber in relativer Nähe zur Küste, um unseren Weg nicht unnötig zu verlängern.
            Zwischendurch wechselten wir uns mit Wache halten und Ausruhen in den Kojen unter Deck ab. Da es schiffte wie aus Kübeln, gab es draußen weder Sonne zu genießen noch etwas besonderes zu sehen. 
            Insgesamt schien es ein ruhiger Tag zu werden. Doch dann näherten wir uns der dänischen Grenze.
***
            Schon seit einer Viertelstunde drückte sich Alyssa das Gesicht an der Fensterscheibe platt und glotzte abwesend aufs Meer hinaus. Sunetra mochte die Magierin, fragte sich aber, wieso sie ein Leben in den Schatten gewählt hatte. Ihre Familie war wohlhabend und sie müsste sich eigentlich keine Gedanken um den nächsten Tag machen. Vielleicht lag es einfach an ihrer durchgeknallten, rastlosen, ja fast manisch frohen Art, die es ihr unmöglich machte ein sorgenfreies Leben zu genießen.         
            Die Menschenfrau ließ die Schultern hängen, rutschte ein Stück mit dem Gesicht an der Scheibe nach und zog zwei schmale Streifen Stirnfett auf dem Glas.  
            "Es ist sooooo öööde!", jammerte sie. 
"Herrlich, oder?!", ließ Largo entspannt von der Couch vernehmen. Er hatte die Füße hochgelegt und genoss ein Bier aus der Pulle. Dank seiner WiFi Verbindung zum Schiff konnte er auch vom Sofa aus die meisten Funktionen steuern. Alyssa jedenfalls konnte die Ruhe nicht genießen.
            "Wenigstens klart der Himmel langsam auf."  
"Zeit zu Relaxen, Gajin! Mit etwas Glück kommen wir ohne weitere Zwischenfälle in Kopenhagen an."     
            Ligtning zog einen Flunsch und stöhnte miesepetrig: "Versuch mich doch nicht mit sowas aufzuheitern! Ich brauche Action."
            Mit einem Ruck richtete sich der Zwerg auf der Couch auf und wirkte, als würde er einer Stimme lauschen, die nur er hören konnte. "Dein Wunsch könnte erhört worden sein, Kleine."            
            Sofort hielt Neugier in ihrem Gesicht Einzug. Alle sahen gespannt zum Rigger, der zu dem Steuer watschelte und sich dort an den Kontrollen zu schaffen machte.         
            Die Orks gesellten sich zu ihm , wurden aber aus den Anzeigen nicht schlau. "Was ist denn los?", fragte Hendrik, den immer noch schwer beschäftigten Largo. Der legte einen Schalter um und über die Komlinks kam eine Nachricht herein, die sich immer wieder wiederholte:     
           
Mayday! Hier ist die KSM-Otila: Mayday! Schwerer Maschinenschaden an Bord. Wir bitten alle Schiffe in Reichweite um Unterstützung.
           
"Wie weit sind wir von der Otila weg?", fragte ich unseren Steuermann. "Etwa vier Kilometer nördlich von unserer Position hat das Signal seinen Ursprung. Mit etwas Glück können wir sie gleich sehen."
            Hendrik griff zum Funkgerät und versuchte vergeblich jemanden zu kontaktieren. "Außer der automatischen Notfallboje antwortet niemand an Bord."   
            Alyssa, die immer noch an der Fensterscheibe hing, winkte uns aufgeregt herüber: "Hey Leute! Das müsst ihr euch ansehen!"
            Langsam schob sich die Dead Man's Hand durch die letzten Reste der Unwetterfront. Wie Kulissen auf einer Theaterbühne wurden Wolkenfetzen, die knapp über der Meeresoberfläche schwebten fortgezogen und gaben den Blick auf den Horizont frei. Vor einem fast makellosen blauen Himmel zog sich ein dicker schwarzer Faden in die Höhe.        
            "Das müssen sie sein. Largo, setz Kurs auf ihre Position, aber halte einen angemessenen Sicherheitsabstand!"
            "Aye!"
Sunetra traute ihren Ohren nicht. "Ihr wollt doch nicht ernsthaft da hinfahren, oder?!"         
            Hendrik sah sie irritiert an. "Du bist doch sonst diejenige, die sofort 'hier' schreit, wenn jemand Hilfe braucht."
            "Ja, dann habe ich aber kein Zeitlimit. Es wird so schon knapp werden, wenn wir morgen Nacht die Lieferung abgeben müssen. Denk an den Auftrag, Hendrik!"          
            Er überlegte einen Moment und sah ihr dann fest in die Augen: "Das tue ich. Aber da draußen ist ein Schiff in Seenot. Wir haben die Pflicht zumindest nach dem Rechten zu sehen. Wenn wir weiter fahren ist das nächste Schiff möglicherweise nicht rechtzeitig da."
            "Und was, wenn es eine Falle ist?"      
"Das müssen wir riskieren. - Largo, volle Kraft voraus! Kannst du eine deiner Drohnen vorschicken und die Lage für uns checken?"
            "Aye!"
Etwas gefrustet wandte sich die Elfe wieder dem Fenster zu und starrte mit den anderen auf die Rauchsäule, der sie sich näherten. Langsam wurde der Rumpf des Schiffs sichtbar und einzelne Strukturen auf dem Deck schälten sich aus dem Rauch.
            Der Zwerg hielt einen Kurs, der sie auf die Backbordseite der Otila bringen würde. Sobald seine Flugdrohne in der Luft war, streamte sie Videodaten auf die Komlinks der Wild Cards. Es handelte sich um einen Frachter von etwa mittlerer Größe, wie er üblicherweise für Containertransporte eingesetzt wird. Das Schiff hatte Schlagseite, war aber nicht soweit geneigt, dass man befürchten musste, es würde jeden Moment ganz umkippen und den Kiel wie eine tote Ente ihre Füße nach oben strecken. Dennoch waren die meisten Container ins Meer gestürzt oder hatten sich unkoordiniert auf dem Deck verteilt. Je näher die Drohne kam, umso mehr Details wurden sichtbar. Der Qualm schien aus dem Inneren des Schiffes zu kommen und drang über einige Schotts kontrolliert nach draußen.  Feuer war keines zu sehen. Vielleicht war es durch den Regen gelöscht worden. Allerdings waren an der Außenhülle keine Schäden durch Beschuss zu erkennen. Das gab der Elfe zu Denken.          
            Ihr Mentorgeist schien ähnlich zu empfinden, denn er begann sich in ihrem Verstand zu regen. Eine befremdliche Kampflust breitete sich in Sunetra aus, während der Hai leise kicherte. Sie ermahnte sich einen kühlen Kopf zu bewahren     
            Alyssa unterbrach die Stille in der Kabine als Erste. "Mir gefällt das ganz und gar nicht. Wegen einem Maschinenschaden und Feuer dringt doch kein Wasser in den Rumpf ein und lässt ein Schiff kippen."
            "Da muss ich der kleinen Nervensäge ausnahmsweise mal zustimmen. Die Otila liegt da wie ein waidwundes Tier nach einem Angriff. Aber wenn das Piraten waren, sollte man an einem so großen Schiff Spuren von Beschuss ausmachen können.", warf Cone misstrauisch ein und Largo stimmte ebenfalls mit ein.         
            "Was, wenn es toxische Geister waren?"         
Ohne Vorwarnung löste sich Sunetras fischiger Geist aus ihrem Verstand und sprang in seiner Haiform in die Nordsee. Sofort wurde der Elfe schwindlig und sie musste sich an die Scheibe lehnen.
            "Was hast du? Hast du magische Aktivitäten ausgemacht?"
Hendrik wollte sie stützen, aber sie wehrte ihn mit einer unwirschen Handbewegung ab. Einen Moment lang dachte sie, sie müsste sich übergeben, aber er verging wieder und sie schwor sich dafür mit dem Geist ein Wörtchen zu reden, wenn sie wieder unter sich waren.
            Während die anderen nur beobachteten, wie sich die Dead Man's Hand weiter der Otila näherte, sah sie dem Hai zu, der zunächst um den havarierten Frachter kreiste, um dann mit einem Satz aus dem Wasser an Bord zu springen. Dabei änderte er seine Form und sah wieder wie der hagere Mann aus ihrer Vision aus. Dann verschwand er aus ihrer Sicht.         
            Largo stupste sie sanft in die Seite. "Hey Spruchschleuder, kannst du erkennen, ob jemand an Bord ist?"   
            Sie nickte langsam und schloss die Augen, um sich im Astralraum umzusehen. Es fiel ihr ohne den Mentorgeist etwas schwerer als gewohnt sich zu konzentrieren, aber sie erreichte ihr Ziel. "Es sind dreizehn Lebensformen. Sechs von ihnen sind im vorderen Bereich des Schiffs nahe am Kiel in einem Raum. Sieben weitere gehen durch die restlichen Bereiche des Schiffs."      
            "Meinst du, es sind Gefangene?"        
"Das weiß ich nicht. Es kann genauso gut sein, dass sie sich dort nur zusammen an einen Tisch gesetzt haben."          
            Lightning schüttelte langsam den Kopf. "Das gefällt mir immer weniger. Ich glaube nicht an einen echten Notruf. Wir sollten einen anonymen Tipp an die Küstenwache abgeben und die Beine in die Hand nehmen."    
            Der Rigger nickte ihr zu und sendete eine Textnachricht mit den Koordinaten ab. "Ist erledigt." Ohne allzu große Hektik änderte er daraufhin einen Kurs, der sie in knapp zweihundert Meter Entfernung um die Otila herumführen würde.   
            Gerade noch rechtzeitig nahm Sunetra eine Bewegung aus dem Augenwinkel wahr und wappnete sich für den Wedereintritt. Aus dem Meer sprang ein Hai mit vielfachem zahnbewehrtem Grinsen auf sie zu und nistete sich wieder in ihrem Verstand ein. 'Netter kleiner Trick, du mieser Bastard.', dachte sie sich, 'Was hast du herausgefunden?'      
            Der Geist zischte als Antwort giftig, doch dann teilte er seine Erkenntnisse mit: 'Sei vorsichtig, kleine Elfe. Hier sind noch andere Jäger.'
            'Geht das auch konkreter?'     

Doch der Geist verstummte und weigerte sich auch nur ein weiteres Wort mit ihr zu wechseln. Was für eine Mimose.  
            "Sunetra!"
Sie nahm den Blick nicht von dem Frachter als sie antwortete: "Ich spüre es auch, Alyssa. - Das ist eine Falle. Schnell weg hier! Auf der Otila wird Magie gewirkt."      
            Das ließ sich der Zwerg nicht zweimal sagen, gab der Nordwerft Wind die Sporen und fuhr das Buggeschütz aus. Währenddessen beobachteten die Magierinnen weiterhin den Astralraum. Etwa einhundert Meter von ihnen entfernt begann sich ein Teil der Wellen zu kräuseln. Es erinnerte ein wenig an flirrende Luft, doch hier war es das Wasser. Und es bewegte sich mit hoher Geschwindigkeit auf sie zu.    
            "KONTAKT!", rief Alyssa den anderen zu. Cone und Hendrik holten unterdessen die Waffen aus dem Versteck und luden die Magazine. Auch wenn physische Waffen wenig gegen Zauber ausrichten können, war es besser als gar nichts. Nun lag es an Alyssa und Sunetra die Situation zu klären.     
            Ohnmächtig mussten die Zauberinnen mit ansehen, wie die Welle gegen die Dead Man's Hand schwappte und sich dann scheinbar auflöste. Was zum Geier war das gewesen?           
            Plötzlich ging ein Rumpeln durch das Boot und der Motor stottert. Jeder an Bord konnte spüren, wie sie an Fahrt verloren.        "DREK! Etwas hat die Benzinleitung verstopft und die Luftzufuhr zum Motor unterbrochen. Ich bekomme hier eine Fehlermeldung nach der nächsten rein." Frustriert hämmerte Largo mit der Faust auf die Konsole. "Sorry, ich kann nichts machen, Leute."
            Die Orks luden die Waffen durch und gingen entschlossen aus der Kabine aufs offene Deck hinaus, gefolgt von den Magierinnen, und hielten nach eventuellen Angreifern Ausschau. Wieder entdeckte Lightning ein Wasserflimmern, doch dieses mal war es größer. "Wir werden gleich geentert."         
            "Was?! Ich kann niemanden sehen.", Cone schwenkte sein Sturmgewehre in großen Halbkreisen immer hin und her, wusste aber nicht worauf er zielen sollte.      
            "Die haben sich mit einem Illusionszauber getarnt."   
Sunetra sah das Flimmern nun auch. "Lightning hat recht. Ich versuche ihn zu entfernen."  
            Wie ging der Zauber noch einmal? Nur selten kam sie in die Verlegenheit eine Illusion zu bannen. Also ging sie in sich und versuchte sich an die Worte und Gesten zu erinnern.         
            'Ja, so ging es vielleicht.', dachte sie und machte sich sogleich ans Werk. Ihre Hände tasteten die Konturen der Illusion ab und suchten einen Punkt an dem sie angreifen konnte. Dabei murmelte sie stille Worte vor sich hin und fixierte das Flimmern mit ihren Augen. Als sie meinte einen geeigneten Punkt gefunden zu haben, führte sie mit ihren Händen eine Bewegung aus, als würde sie ein Tischtuch wegzerren.    
            In der echten Welt fielen unsichtbare Fetzen zu Boden und gaben den Blick auf ein Schnellboot frei, als würde sich ein Puzzle aus dem Nichts zusammensetzen. Sieben Personen befanden sich an Bord. Die zwei bemannten Geschütze sprachen eine deutliche Sprache. Dass sie noch nicht feuerten, zeigte der Elfe, dass sich auf dem Schiff kein Magier befand. Vermutlich war der auf der Otila zurück geblieben. Aber bewegungslos waren sie selbst mit der Automatikkanone ein leichtes Ziel. Hoffentlich hatte jemand eine Idee, wie sie hier wieder herauskommen sollten.           
            Als Cone sah, was auf sie zukam, wollte er sein Sturmgewehr auf das Schnellboot ausrichten, aber Hendrik hielt ihn zurück. "Nicht hinschauen. Dann wissen sie, dass sie enttarnt sind und wir Magier an Bord haben. Dann werden die uns direkt über den Haufen schießen. Tut überrascht, wenn sie ankommen. Vielleicht bekommen wir die Chance sie zu überrumpeln."  
            Sein Cousin brachte seinen Unmut mit einem Knurren zum Ausdruck, aber da niemand einen besseren Plan hatte, fügte er sich. Plötzlich feuerte einer der Schützen eine Salve auf den Bug der Dead Man's Hand ab und fügte der Außenwand ein paar Entlüftungslöcher hinzu. Sunetra konnte Cone ansehen, dass er sich enorm beherrschen musste nicht sofort loszuballern.           
            "Eine falsche Bewegung und wir versenken euch!"
Schrie eine raue Stimme zu ihnen herüber. "Legt eure Waffen ganz langsam hin und macht keine Mätzchen! Widerstand ist zwecklos      Die Orks folgten der Aufforderung widerwillig und das Schnellboot, das wohl nun offensichtlich sichtbar sein sollte, legte mit der Backbordseite an der Steuerbordseite der Dead Man's Hand an. Zwei Männer machten sich bereit an Bord zu kommen. Der eine war relativ schmächtig, hatte langes braunes Haar, das mit einem Gummiband hinter dem Kopf zusammengehalten wurde. Er war nur mit einer Pistole bewaffnet, aber die Art wie er sich bewegte, machte deutlich, dass er das Sagen hatte. Mit einem kurzen Satz hüpfte er auf das Deck. Ihm folgte ein grobschlächtiger, bulliger Kerl mit Cyberarmen, der eine Machete in einer Scheide auf seinem Rücken trug. Für feingeistige Unterhaltungen war der garantiert nicht dabei.           
            Der Anführer sah jeden von ihnen eindringlich an und verschränkte die Arme vor der Brust. "Na, was haben wir denn hier? Schaut nicht gerade nach einer Luxuskreuzfahrt aus." 
            "Wir sind das Loveboat, Dreksack!", entfuhr es Alyssa, aber sie bereute ihren Ausbruch sofort wieder. Denn der Stier rammte ihr ohne mit der Wimper zu zucken seine Cyberfaust in den Magen, sodass sie sich zusammenkrümmte und Mühe hatte nicht hinzufallen. Sunetra musste seine Aufmerksamkeit von der Menschenfrau ablenken.         
            "Wir haben einen Notruf empfangen, aber so wie es ausschaut haben sie ja alles im Griff." Doch anstatt den diplomatischen Versuch als eine Geste der Freundlichkeit zu werten, verpasste ihr der Stier einen Kinnhaken. Sterne tanzten vor ihren Augen und wenn Cone sie nicht an der Armbeuge festgehalten hätte, wäre sie sicher zu Boden gegangen. Ihr Mund schmeckte metallisch, was den Mentorgeist in ihrem Kopf rasend werden ließ. 'Nicht jetzt! Ich muss die Kontrolle behalten.'     
            Nun fixierte der Anführer Hendrik, der seinem Blick nicht auswich. "Also was wollt ihr hier draußen wirklich?"      
"Wir transportieren eine Kiste Zigarren für einen Kunden in Kopenhagen.", antwortete der Ork in Anlehnung an ihre Coverstory. Doch auch er kassierte zwei schnelle Schläge in den Unterleib.
            "Verdammt! Es ist die Wahrheit!"        
"Wegen Zigarren macht ihr euch auf den weiten Weg?! Wer's glaubt wird selig."       
            "Es handelt sich um echten Tabak, nicht die synthetische Scheiße, die man überall bekommt. Den kann man in Gold aufwiegen.", hustete Hendrik mühsam hervor.       
            Das stimmte den Anführer nachdenklich. Er ging einige Male auf dem Deck auf und ab und bedeutete dann einem weiteren Besatzungsmitglied an Bord zu kommen. "Du gehst mit ihm zum Frachtraum und holst die Kiste Zigarren. Und danach... naja, mal schauen ob mich zufrieden stellen wird, was ich zu sehen bekomme." Das miese Frettchen grinste herablassend und warf gierige Blicke auf Lightning, die sich immer noch den Bauch hielt.
***
            'Scheiße, sie kommen rein.', fuhr es Largo durch den Kopf. Er hatte sich drinnen versteckt, während das Enterkommando an Bord gekommen war, und auf einen günstigen Moment gewartet zuzuschlagen. Sein Mitama Sturmgewehr in den Händen wiegend, suchte er verzweifelt nach etwas hinter dem er sich verkriechen konnte.
            Als die Türklinke herunter gedrückt wurde sprang er hinter die Tür und presste sich so gut es ging an die Wand. Hendrik betrat mit erhobenen Händen den Raum, gefolgt von einem Menschen mit einer Schrotflinte, mit dem er ihm immer wieder in den Rücken stach, um ihn anzutreiben. Als er drin war, schloss er die Tür wieder. Der einzige Grund, warum er Largo nicht gesehen hatte, war weil er Hendrik seine gesamte Aufmerksamkeit widmete. Doch spätestens wenn er hatte, was er wollte, würde er sich umdrehen und geradewegs auf einen debil grinsenden Zwerg starren, der so tat als wäre er eine Lampe oder ein anderer Einrichtungsgegenstand. Largo wusste, dass er hier   nicht bleiben konnte, doch wohin?     
            "Der Frachtraum ist hier vorne  unter der Konsole.  Warten sie kurz. Ich krame sie schnell raus."  
            "Versuch ja keine Dummheiten, Hauer!", drohte der rassistische Mistkerl. Iron gehorchte, ging in die Knie und öffnete zwei Holztüren. Dann kroch er halb in den Frachtraum und wühlte so laut er konnte darin herum.    
            Largo fragte sich, warum er das tat, aber dann fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Der Ork lenkte ihn ab, damit Largo sich verstecken konnte. Erleichtert fiel ihm der Kleiderschrank für die Jacken ein, hinter dem sie die Sturmgewehre lagerten. Vorsichtig schlich er sich mit kleinen trippelnden Schrittchen nach links und zog langsam die Tür auf. Gerade als er sie hinter sich geschlossen hatte, rief Hendrik: "Ah, da ist sie ja!" Und kam wieder aus dem Frachtraum heraus.
            "Na endlich. Ich dachte schon das würde heute gar nix mehr werden. Los, raus hier!"
***
            Draußen starrte der Anführer der Bande immer noch Lightning an, die sich sichtlich unwohl fühlte. "Gibt's was?!"
Zu mehr Aufmüpfigkeit traute sie sich für den Moment nicht. Der Gedanke an den Stier hielt sie zurück.
            Der Anführer umkreiste sie nun langsam und sog jeden Zentimeter ihrer Figur in sich auf. Als er wieder vor ihr stand strich er mit dem Handrücken über ihre Wange, worauf sie ihren Kopf angewidert zurück zog. "Wie kommt es, dass sich ein so hübsches Ding wie du mit diesem genetischen Abfall abgibt?"     
            Als Antwort starrte sie lediglich böse zurück.   
"Ich hätte Verwendung für dich."       
            "Ich kann es mir lebhaft vorstellen.", presste sie hervor.
"Überleg es dir! Du ständest unter meinem Schutz und hättest immer ein Dach über dem Kopf. Du müsstest mir nur zur Verfügung stehen."
            "Eher fick ich einen Guhl, als auch nur in Betracht zu ziehen, was sie mir vorschlagen. Ich bin niemandes Hure.", sie spie ihm vor die Füße, was ihn einen Schritt zurückweichen ließ. Mit einer Mischung aus Enttäuschung und Arroganz ließ er seine nächsten Worte auf sie nieder gehen.
            "Hör mal zu, du schäbige Fotze! Niemand schlägt so ein Angebot aus. - Ich kann dich auch gegen deinen Willen mitnehmen und dann darf die ganze Mannschaft mal über dich drüber. Und wenn wir danach mit dir fertig sind, werfen wir dich wie Fischabfall über Bord, damit die Critter auch noch etwas von dir haben."         
            Blanker Hass stand nun in Lighnings Augen: "Versuch es nur! Aber jammer mir nicht die Ohren voll, wenn ich dir die Eier abgerissen habe!"     
            Bevor die Situation weiter eskalieren konnte, kamen Hendrik und seine Wache zurück und übergaben die Kiste an den Anführer. Der nahm sie misstrauisch in Augenschein, lächelte aber, als er die Echtheit des Lieferscheins erkannte.           
            "Vortrefflich. Nun, es war mir ein Vergnügen mit ihnen Geschäfte zu machen. Adios, meine Herrschaften! Und Schlampe, denk dran: du hattest deine Chance."   
            Mit der Kiste unter dem Arm kraxelte er wieder an Bord seines Schnellboots und der Mann mit der Schrotflinte folgte ihm. Der Stier mit den Cyberarmen allerdings schien noch etwas zu erledigen zu haben, denn er fixierte schon die ganze Zeit den ehemaligen Ganger.   
            "Justus! Komm schon!", rief der Anführer gereizt.      
Ein Grinsen huschte über Cones Gesicht und er mühte sich nicht zu Prusten: "PRRRTz! Justus! Das ist ja putzig."       
            Als Antwort folgten mehrere Schläge direkt in sein Gesicht, doch der Ork verzog keine Miene, zuckte nicht einmal und starrte lediglich teilnahmslos zurück.
            "Ich hasse Hauer." Konzentrierte Verachtung troff aus  seinem Mund.
            "Jetzt komm gefälligst!", rief sein Boss gereizt und der Stier gehorchte schließlich.    
            "Haltet euch bereit!", flüsterte Hendrik leise den anderen zu. Diese Vollidioten hatten es versäumt sie nach versteckten Waffen durchsuchen und sie dachten nicht daran, sie ungeschoren davonkommen zu lassen. Abgesehen davon würden die Piraten sie nicht ziehen lassen. Davon war die Elfe überzeugt.
            Der Mensch mit der Schrotflinte löste das Tau, mit sie an der Dead Man's Hand festgemacht hatten, und stieß sie mit der Flinte vom Schiff weg. Wie Sunetra schon erwartet hatte, richtete einer der Schützen nun langsam sein Geschütz auf die Wild Cards aus.
            "JETZT!", rief Iron.      
Alles schien nun zeitgleich zu passieren. Die Magierinnen kanalisierten ihre Energien, Hendrik griff zur Pistole in seinem getarnten Holster unter der Jacke, Cone ließ sich zu den Sturmgewehren fallen und Largo ließ das Buggeschütz herumfahren. Im nächsten Augenblick öffneten sich alle Kreise der Hölle über den Piraten.     Sunetra hätte schwören können, dass sie in diesem Moment Schwefel roch.         
            Largos Automatikkanone spie Vernichtung, als die Salve über das Deck des Schnellbootes raste. Drei Männer, die am Heck standen, verwandelten sich in ein Aerosol aus Blut und Gewebetröpfchen, das ihre Kameraden rot anmalte.   
            Aus den Händen von Sunetra und Lightning fuhren zwei Betäubungsbolzen, die die Schützen ins Morpheus Arme trieben, und zwei schnell hintereinander abgefeuerte Kugeln aus Hendriks Colt in den Rücken des Anführers pusteten ihm das Licht aus.        
            Mit einer beängstigenden Geschwindigkeit drehte sich der Stier um die eigene Achse, winkelte die Beine an und sprang im hohen Bogen zur Dead Man's Hand herüber. Im Flug griff er nach seiner Machete und schlug mit ihr nach Iron. Der hob im letzten Augenblick seinen Arm und wehrte die Klinge mit dem Colt ab. Doch krachten die beiden dabei mit einer solchen Wucht ineinander, dass der Ork strauchelte. Sofort war Cone bei ihm, der ein Sturmgewehr am Lauf gepackt hatte und wie mit einem Knüppel auf den Mensch eindrosch. Unbeeindruckt trat dieser dem Ganger in den Bauch und verschaffte sich für seinen nächsten Angriff Platz. Bevor sich Hendrik wieder fangen konnte, fuhr die Machete in seine Schulter und durchtrennte das Schlüsselbein. Vom Adrenalinschock betäubt, schrie der Ork nicht einmal. Sofort holte der Stier zum nächsten Schlag aus, der Hendrik den Kopf vom Rumpf getrennt hätte, wenn er nicht nach hinten gekippt wäre. So strich die Klinge lediglich über die gesamte Breite seiner Brust.        
            Zitternd blieb er dort liegen, während sich unter ihm rasch eine rote Lache ausbreitete. Scheinbar war der Stier in einen Blutrausch geraten, denn anstatt sich dem nächsten Ziel zuzuwenden, wollte er die Machete ein weiteres Mal in Hendriks Körper jagen.          
            Soweit kam er nicht mehr. Eine Monofilamentklinge bohrte sich durch sein Rückgrat und durchstach knapp unterhalb des Brustbeins seinen Bauch. Verdutzt blickte er an sich herab und konnte kaum glauben, was er dort sah. Die Machete glitt ihm aus den Fingern und er griff zur Klinge an seinem Bauch.         
            Cone war wieder bei ihm und fing die Machete auf. Er warf einen kurzen Blick auf seinen sterbenden Cousin und schnitt dem Mensch die Kehle durch. Bevor das widerliche Stück Abfall das Deck mehr als nötig mit seinem Blut beschmutzen konnte, zog Sunetra ihr Katana aus ihm heraus und Cone schubste den stürzenden Körper zur Reling, wo er darüber glitt und mit einem kalten Klatschen in der Nordsee verschwand.
            Alyssa stand wie angewurzelt da und starrte auf Hendrik, der sich nicht mehr rührte. Das viele Blut ließ sie schlimmes ahnen. Erst nach einigen Sekunden bemerkte sie, dass die Elfe sie an der Schulter gefasst hatte und schüttelte. "Hey! Wir sind noch nicht fertig mit den Schweinen!"           
            Die Magierin sah zu den betäubten Schützen und nickte. Es mussten noch ein paar Hälse geschnitten werden, bevor sie sich um ihren Freund kümmern konnten.
***
            Gefangen in Dunkelheit. Zu schwach mich zu bewegen, fühlte ich mich wie ein hilfloses Kind. Dumpfer Schmerz pochte in meiner Schulter, der mit jedem Herzschlag in meinem Kopf pulsierte. Langsam konnte ich Geräusche um mich herum  wahrnehmen. War das ein Motor? Wo war ich?          
            Endlich schaffte ich es meine Augen zu öffnen, konnte aber nur mühsam etwas erkennen. Ich drehte meinen Kopf ein wenig zu meiner linken Schulter, aber ich konnte nichts sehen, das mir dort solche Schmerzen verursachen konnte.                     
            "Er ist wach!", rief eine tiefe Stimme.  
"Cone? Bist du das?" Verdammt, warum konnte ich nicht richtig klar sehen?
            "Bleib liegen! Du stehst noch unter Schmerzmitteln." 
"Was ist denn passiert?"         
            "Dieses Arschloch hat dich ziemlich übel zugerichtet. Es war ganz schön knapp." Mein Cousin verstummte kurz. "Um ehrlich zu sein dachten wir, dass es das gewesen wäre."        
            "Jetzt erzähl mir nicht, du hättest dir Sorgen um mich gemacht!"
            "Iwo - ich weiß nur nicht, wo du dein Testament versteckt hast und ich will nicht leer ausgehen."      Ich musste Lachen und bereute es gleich wieder. Man, die Brust brannte wie Feuer. 
            "Largo und ich haben die Wunde auf deiner Brust versorgt und die Mädels haben mit ihrer Magie deine Schulter wieder hingebogen."
            Jetzt machte der Schmerz in der Schulter Sinn. Deswegen konnte ich keine Narben sehen. Vermutlich war das Gewebe in der Schulter aber noch gereizt oder so. Keine Ahnung was Zauberer da genau anstellten, wenn sie so etwas taten.         
            "Mach so etwas nie wieder Spitzohr!"  
"Moin Largo." Der Zwerg kam gefolgt von den Magierinnen in die Kajüte.
            "Wegen dir hab ich meine gesamten medizinischen Vorräte aufgebraucht."
"Und das nächste mal kannst du dein Blut selber vom Deck schrubben.", fügte Alyssa schnippisch hinzu. 
            Ich wusste nicht recht, was ich sagen sollte, also beließ ich es bei einem schlichten: "Danke!"         
            Sunetra neigte als Antwort lediglich ihren Kopf, lächelte aber erleichtert. Lightning piekst mit ihrem Zeigefinger in meine Schulter, worauf ich vor Schmerz zusammen zuckte.
            "Du kannst die Schulter voll belasten und bist in einigen Stunden wieder voll auf dem Damm, aber die nächsten Tage wirst du die Verletzung noch spüren."
            "Danke für die anschauliche Demonstration! Ich hab's gerade gemerkt.", stöhnte ich, worauf sie schelmisch grinste und aus der Kajüte abzischte.  
            "Reizend wie immer - OK, wer bringt mich auf den neusten Stand? Largo, was gibt's neues?"          
            "Nachdem wir dich versorgt hatten, wollte ich den Motor wieder in Gang bringen, aber ein Wassergeist hatte sich im Maschinenraum eingenistet. Die Mädels haben ihn dann Mores gelehrt und wir haben uns verdünnisiert."      
            "Die Zigarren...?"        
"...haben wir wieder zurückgeholt. Ich denke die werden wir in Kopenhagen noch brauchen. - Und ach ja: ich hab noch eine zweite Nachricht an die Küstenwache abgeschickt. Mit etwas Glück schicken die die Bundeswehr, um den Laden der Piraten hochzunehmen."
            "Ich hoffe sie werden keine Gefangenen machen. Wie weit ist es noch bis Kopenhagen?"           
            "Keine Sorge, wir sind im Zeitplan. Vor ein paar Stunden haben wir den dänischen Zoll hinter uns gebracht und sind im Neuen-Nord-Ostsee-Kanal. Ruh du dich lieber noch etwas aus. Wer weiß was als nächstes auf uns wartet."    

            Der Zwerg hatte Recht, denn noch hatten wir unsere Ware nicht abgeliefert und der Weg war noch weit.

 Index

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen