Sonntag, 10. März 2013

Nur 48 Stunden



 Kapitel 3 - Mit dem Finger in der Wunde

            Langsam krochen vereinzelt und schüchtern die ersten Sonnenstrahlen über altmodische Backsteinhäuser und charmebefreite Plattenbauten. Ein fahler Morgen graute nach einer Nacht, die ich so schnell nicht vergessen werde.  Etwa gegen Mitternacht hatten wir das dänische Tønder erreicht, das am nördlichen Ufer des Neuen-Nord-Ostsee-Kanals lag. Da die Dead Man's Hand zu klein war, um uns allen genug Schlafplätze zu bieten, entschlossen wir uns in einem der hiesigen Hotels einzumieten.
           
Wenn man auf einem Run ist, sollte man einige wenige Stunden geruhsamen Schlafs nicht unterschätzen. Oft sorgt das für eine wesentlich bessere Konzentration während der kritischen Phasen einer Mission. Daher war ich auch froh, dass Tønder nicht wie viele andere Städte in Europa mit Qube-Hotels vollgepflastert war. Nicht umsonst nannte man diese Zumutung einer Unterkunft 'Sarghotel'. Wer gerne darin schlief war entweder kleinwüchsig, lag im Koma oder hatte ernsthafte Probleme mit der Wahrnehmung der Realität. Übereinandergeschichtet in engsten Kabinen wurde man mittels eines automatischen Lagersystems wie eine Fracht eingepfercht.
            Die anbietenden Firmen warben damit, dass man zu kleinstem Preis die volle Entspannung geboten bekäme. Das war natürlich eine reine Lüge. In Wirklichkeit fühlte man sich wie eine Sardine in der Büchse. Daher wählten wir wohlweislich ein echtes Hotel aus. Doch die Hoffnung in vollkommener Ruhe ein paar Stunden der Entspannung geboten zu bekommen, wurde jäh durchbrochen durch Mandy, Angelica, Michelle und die anderen Prostituierten, deren Namen von ihren Freiern durch viel zu dünne Wände gebrüllt wurden.  Der von der Decke rieselnde Dreck und das Wummern der Betten trugen ihren Teil dazu bei dass wir am liebsten ein paar blaue Bohnen verteilt hätten.      
            So krabbelten wir mies gelaunt aus unseren Betten und begaben uns zum Hafen zurück, wo Largo in der Nacht die Löcher in der Außenwand der Dead Man's Hand provisorisch versiegelt hatte. Das Geschütz des Piratenschiffes hatte unserem Bug nämlich einige neue Entlüftungslöcher verpasst. Zwar beeinträchtigten diese nicht die Einsatzfähigkeit unseres Nordwerft Wind Schnellbootes, aber um nicht unnötig bei den hiesigen Ordnungshütern aufzufallen, mussten wir uns so schnell wie möglich darum kümmern.           
            Bevor wir im Nuttenbunker eingecheckt hatten, hatten wir dem Zwerg noch alle nötigen Materialien besorgt und bei der Gelegenheit auch gleich unsere medizinischen Vorräte aufgestockt. Meine schmerzende Schulter erinnerte mich daran, wie knapp ich dem Tod von der Schippe gesprungen war.  Mann, der Kerl mit der Machete war wie ein Tasmanischer Teufel auf mich losgegangen - und erstaunlich schnell war er gewesen. 
            Am Hafen steuerten wir zielstrebig zu unserer Anlegestelle, an der das Schnellboot träge im brackigen Wasser lag. Ein prüfender Blick zeigte, dass Largo ganze Arbeit geleistet hatte, worauf sich meine Laune wieder etwas hob. Nacheinander stiegen Sunetra, Cone und ich auf das Deck der Dead Man's Hand, wo wir bereits von Lightning erwartet wurden. Sie holte aus und schlug mir mit Schmackes auf die Schulter.    
            "AUA!"
"Moin, Moin, ihr Tränen! Na, gut geschlafen?", grinste sie uns an.
            Mein Cousin trottete übermüdet an ihr vorbei und gab ihr dabei einen kleinen Schubs zur Seite, damit sie den Weg zur Tür frei gab. "Ups! Tut mir gar nicht leid.", brummte er aus halb geöffnetem Mund. Alyssa setzte zu einem schnippischen Kommentar an, aber als ich es ihm mit der Elfe nachtat und sie links liegen ließ, klappte sie ihren Mund wieder zu und trottete uns hinterher in die Kabine, wo Largo über den Seekarten brütete.           
            Als er uns bemerkte, winkte er uns zu sich herüber.   
"Morgen zusammen! Ihr seht ja richtig scheiße aus. Habt ihr kein Hotel gefunden?"  
            "Wir haben lediglich die phonetischen Potentiale der hiesigen Damen der merkantil erwerbbaren Zuneigung über alle Maßen unterschätzt."         
            Der Zwerg sah mich verständnislos an. "Wovon redest du altes Spitzohr?"     
            "Tønder hat nichts zu bieten außer Nutten und Kneipen. Und beides generiert 'Lautstärken', wenn du verstehst, was ich meine."
            "Bars und Nutten - HA! - ist ja wie damals in Hongkong."
Vergnügt wählte er eine neue Karte aus, die daraufhin auf dem AR-Display erschien. "Ich habe mir ein paar Gedanken zur Route gemacht. Wir haben von Tønder aus zwei Möglichkeiten. Da wäre zum einen die nördliche Route an Helleved vorbei oder die südliche auf die Insel Tinglev zu."           
            "Womit müssten wir denn rechnen?"  
            "Die südliche Route ist sicherer. Patrouillenboote überwachen den Schiffsverkehr. Wir werden also sicherlich eine Inspektion über uns ergehen lassen müssen. Im Norden sind wir dagegen ungestörter. Allerdings ist nicht klar zu sagen welche Gefahren uns dort erwarten."
            Ich musste nicht lange überlegen, um eine Entscheidung zu treffen: "Nach dem gestrigen Angriff durch die Piraten bin ich dafür eine weitere Konfrontation zu vermeiden. Abgesehen davon hab ich eine Lizenz für das Schnellboot organisiert, die auf eine meiner gefakten SINs registriert ist. Die sollte einer Überprüfung stand halten."
            Ich blickte nacheinander von Cone zu Largo und den Magierinnen, aber niemand erhob Einwände. Also versuchten wir unser Glück mit den Patrouillen.

***
            Largo sollte Recht behalten. Auf dem gesamten Weg wurden sie weder von Freibeutern, Wikinger-Gangs, noch toxischen Geistern oder Crittern angegriffen. Und als der Zoll sie überprüfte, stellten ihn die Daten des Frachtbriefs und der Lizenz zufrieden. Zur Abwechslung lief es also endlich mal wie am Schnürchen.         
            Die nächsten Stunden fuhren sie an nicht enden wollenden Industrieparks vorbei, die entlang der Küste errichtet worden waren und deren Abgase eine Smogglocke über die gesamte Gegend gelegt hatten. An manchen Stellen machte man sich nicht einmal mehr die Mühe zu vertuschen, dass die eingeleiteten Abwässer die Umwelt zerstörten. Vom vergifteten Grundwasser waren die Wälder abgestorben - oder noch schlimmer: teilweise mutiert und verändert worden. Sunetra schüttelte sich bei dem Gedanken daran, was alles an verfluchten Kreaturen in diesen Wäldern leben mochte.
            Vor der Schwarzen Flut von 2011 ging der Nord-Ostsee-Kanal von der Elbmündung bis nach Kiel und galt damals als die meistbefahrenste Wasserstraße der Welt. Auf ihr kürzte man den Weg von der Nord- zur Ostsee um etwa 900 Kilometer ab, da man nicht um die Nordspitze Dänemarks herum schippern musste, sondern auf knapp 100 Kilometern durch das Land abkürzte. Mit der Flut wurden allerdings weite Teile der Anrainerstaaten der Nordsee überflutet und der Rest des alten Kanals aufgrund des hohen Verseuchungsgrades unpassierbar.        
            Am schlimmsten von allen hatte es Dänemark getroffen, das zu großen Teilen in den Fluten auf ewig verloren gegangen war. Dabei schlugen die Wassermassen eine Schneise durch den Süden des Landes und hinterließen eine zerklüftete Landschaft aus Inseln und Binnenseen, die miteinander verbunden waren und einen Weg in die Ostsee bahnten. Darum nannte man diese Passage scherzhaft Neuer-Nord-Ostsee-Kanal.  
            Als sie sich der Insel Tinglev näherten, veränderte sich die Landschaft abermals und sah nun ursprünglicher aus. Nur noch vereinzelt verschandelten Fabriken das Bild. Gleichzeitig entfernten sich die Ufer von der Dead Man's Hand, woraus die Elfe schloss, dass sie sich nun auf einem weiteren Binnensee befanden, durch den sich der Neue-Nord-Ostsee-Kanal schlängelte.           
            "Vorsicht vor den trüben Gewässern, Elfe! Hier sind noch andere Jäger unterwegs."   
            Sunetra zuckte förmlich zusammen, als sich ihr Mentorgeist überraschend zu Wort meldete. Halb erwartete sie, dass er erneut zu ihr sprechen würde, aber er hatte sich bereits wieder in einem dunklen Winkel ihres Gehirns versteckt, an dem sie ihn nicht aufspüren konnte. Auch wenn ihr der Geist alles andere als sympathisch war, wusste sie, dass er seine Warnungen nie ohne Grund aussprach. Also askennte sie vorsichtshalber die Umgebung und konnte tatsächlich eine erhöhte magische Hintergrundstrahlung ausmachen. Doch worin hatte sie ihren Ursprung? Sie musste unbedingt die anderen informieren.     
            "Alyssa!..."
"Ich hab es auch gesehen. Etwas geht hier draußen vor - aber was?!" Die menschliche Magierin war zu ihr gestoßen und beobachtete angestrengt den Horizont. Nach einer Weile nahmen sie einen Schatten wahr, der sich ihnen von Südosten näherte. Lightning aktivierte ihre Foki und wappnete sich für einen magischen Angriff, doch schließlich erkannte sie, dass es sich um ein höchst weltliches Objekt handelte; ein Patrouillenboot um genau zu sein.                  
            "Unbekanntes Schiff von Nordwerft Security: Identifizieren sie sich!" Hendrik schnappte sich das Mikrofon, um zu antworten: "Nordwerft Security von Dead Man's Hand - Worum geht es denn?" "Bitte drehen sie um. Die Weiterfahrt ist aufgrund einer Blockade nicht möglich." Verdutzt runzelte der Ork die Stirn und wechselte mit Largo misstrauische Blicke.        
            "Negativ! Das ist leider nicht möglich. Wir transportieren leicht verderbliche Fracht, die spätestens heute Nacht in Kopenhagen sein muss."   
            "Wir raten ihnen zu ihrer eigenen Sicherheit umzukehren. In den letzten acht Stunden sind zwei Schiffe in dieser Gegend verschwunden. Sobald wir die Lage geklärt haben dürfen sie ihre Reise fortsetzen." 
            "Wie ich bereits erwähnt habe, müssen wir auf dem schnellsten Weg nach Kopenhagen. Wir warten lieber hier. Haben sie denn eine Idee wie lange das eventuell dauern wird?"        
            "Wir warten noch auf das Sicherungs- und Gefahrenbeseitigungs-Team. Bis die hier sind wird es sicher noch zwei, drei Stunden dauern."         
            Hendrik fluchte leise und drückte dann wieder den Senden-Knopf. "Das dauert zu lange. Wir sind so schon knapp dran. Können wir die Sache beschleunigen indem wir ihnen helfen?"           
            "Östlich von hier müssen sie mit den unterschiedlichsten magischen Phänomenen rechnen. Solange sie also nicht über Unterstützung von Zauberern verfügen, raten wir ihnen dringend davon ab, weiter zu fahren."
            "Das sollte das kleinste Problem sein. Wir haben zwei Magierinn..  - AUA!" Der Ork ließ erschrocken den Sendeknopf los, als ihm ein stechender Schmerz durch die Schulter fuhr. Verärgert sah er zu Alyssa herunter, die ihn in geboxt hatte. "Sag mal, bist du noch ganz knusper?"       
            "Warum sagst du Vollidiot dem Typ, dass wir hier an Bord sind?"
"Ich suche nach einem Weg, damit die uns durch lassen, du elende Spruchschleuder. Wenn ich dafür ein paar Karten aufdecken muss, werde ich das tun."   
            Nun schaltete sich auch der zweite Ork an Bord in die Diskussion mit ein: "Vielleicht können wir ja ein paar Euro bei der Gelegenheit dazuverdienen. Ich meine - wenn wir eh da durch müssen.."
            Alyssa schüttelte genervt den Kopf. "Was soll denn das jetzt wieder, du kommerzieller Samariter? Wir haben bereits einen Auftrag und sollten uns nicht ablenken lassen."  
            Ein Knistern aus den Lautsprechern unterbrach die aufkeimende Diskussion. "Danke für das Angebot, Dead Man's Hand, aber wir sind nicht befugt hierüber zu entscheiden. Der Letzte, der sich trotz unserer Warnung auf den Weg gemacht hat, war ein Konzern-Exec in einem Schnellboot, und das ist ebenfalls verschwunden. Ich habe Verständnis für ihre Situation, aber ich fürchte, dass ich sie nicht fahren lassen kann."          
            Natürlich hatte er nicht die Befugnisse, um Runner zu engagieren. Vermutlich handelte es sich bei ihm nur um einen einfachen Skipper, wie es viele weit unten in der Konzernhierarchie  von Nordwerft gab. Aber Befugnisse hin oder her: wenn der offizielle Weg versperrt war, konnte man sich ja eventuell inoffiziell einigen. Hendrik hob das Mikro nach einer kurzen Denkpause wieder zu seinem Mund.         
            "Wir wissen auf uns aufzupassen, Nordwerft Security. - Gibt es vielleicht eine Möglichkeit auf dem kleinen Dienstweg, der uns freie Passage ermöglicht?"         
            Am anderen Ende antwortete zunächst nur Stille. Es war ein gefährliches Spiel, das Hendrik da spielte. Wenn sich der Käpt'n vom unverhohlenen Bestechungsgeld in seiner Ehre beleidigt sah, konnte der Zug böse in die Hose gehen. Andererseits fand Sunetra, dass die einzige andere Option weniger attraktiv war. Und das wäre ein offener Kampf mit den Sicherheitskräften. Glücklicherweise sollte es nicht soweit kommen.   
            "Ähm, ich sehe, dass sie etwas Öl verlieren. Bezahlen sie eine Sonderabgabe in Höhe von 300 Euro für die Verschmutzung des 'Kanals' und sehen sie zu, dass sie von hier verschwinden!"
            Hendrik musste schmunzeln. "Geht in Ordnung, Nordwerft Security. Wird nicht wieder vorkommen." Er legte das Mikro wieder zurück und öffnete eine AR-Konsole, um die Überweisung durchzuführen. "Sehr gut. Der Käpt'n war so freundlich uns auch die Koordinaten zu übermitteln, an denen der Kontakt zu den verschwundenen Schiffen abbrach."     
            Zufrieden schlug er seine Faust gegen die von Largo und der Zwerg erhöhte wieder den Schub.
***
            Innerhalb der nächsten Stunde trübte sich die Sicht immer mehr ein. Zunächst dachten sie, es würde ein Unwetter heraufziehen, doch dann erkannten sie, dass es sich um einen Nebel handelte, der vom Wasser aufzusteigen schien und sich immer mehr verdichtete, je weiter sie hinein fuhren. Zusätzlich senkte sich eine bedrückende Stille auf sie nieder. Es war als würde der Nebel alle Geräusche absorbieren und die Dead Man's Hand in einem schalltoten Raum isolieren. Sicherheitshalber hatte Largo die Autokanone des Schiffs aktiviert und Sunetra einen Wasserelementar erschaffen, der sie eskortierte und bei Gefahr zuschlagen sollte.    
            "Ich gebe es ungern zu, aber dieser Ort bereitet mir Unbehagen. Man sieht kaum seine Hand vor Augen und seit wir in dieser Suppenküche feststecken, friere ich wie ein Schneider." Cone lief nervös in der Kabine auf und ab und rieb seinen Oberkörper mit beiden Armen, die er um sich geschlungen hatte.                
            "Da gebe ich dir ausnahmsweise mal recht. Ist euch das schwarze Wasser aufgefallen?! Ich sag's euch: wir haben es hier mit irgendwelchem unnatürlichem Magiemist zu tun.", lamentierte der Zwerg, der nach wie vor am Steuer saß und die Kontrollen im Auge behielt.  
            Alyssa stöhnte genervt auf: "Magie IST etwas natürliches. Wir leben in der Erwachten Welt, oder hast du das schon vergessen? Dir als Zwerg sollte das nichts neues sein. - Sunetra, alles klar?"      
            Die Elfe hatte sich gegen die Wand gelehnt und rieb sich die Augen als wäre sie hoffnungslos übermüdet. "Danke, es geht wieder. Die Anwesenheit des Mentorgeists in meinem Kopf verstärkt von Zeit zu Zeit die Dinge, die ich im Astralraum sehe... und das gerade eben hat mir schwarz vor Augen werden lassen."          
            Die menschliche Magierin verstand zunächst nicht, was sie meinte und riskierte daher einen Blick auf die astrale Ebene. Ihr Gesicht verlor alle Farbe und sie schlug besorgt die Augen wieder auf. "Drek! Leute, wir haben ein ernstes Problem."      
            "Red schon! Was ist los?", fragte Cone.          
"Wir befinden uns in einer Art Refugium."       
            Beunruhigt schob Hendrik die Augenbrauen zusammen. "Du meinst ein Refugium von einem Magier?"           
            "Nein, ich glaube nicht, dass ein Magier sein Refugium auf offenem Wasser einrichten würde... oder es überhaupt könnte.", antwortete Sunetra, "Aber womit auch immer wir es zu tun haben, muss sehr mächtig sein. Wir sollten auf jeden Fall eine Konfrontation vermeiden."     
            "OK, was schlagt ihr vor?"       
Nachdenklich kratzte sich Lightning an der Wange. "So wenig Lärm wie möglich machen und nicht auffallen wäre schon einmal ein Anfang."           
            "Du meinst, den Motor abschalten? Und wie sollen wir dann hier durchkommen, du Nase?!"        
            "Mein Wasserelementar könnte die Dead Man's Hand anschieben. Dann würden wir nahezu geräuschlos voran kommen. Es wird allerdings etwas länger dauern, als mit Motor.", warf die Elfin ein.    
            Ohne Umschweife schaltete der Rigger den Motor aus. "Solange es uns Geister, Elementare, Golems oder was-weiß-ich vom Leib hält, soll es mir recht sein."
            Niemand von den anderen widersprach ihm. Alle spürten die unterschwellige Bedrohung, die dort draußen im Nebel auf Beute lauerte. Cone und Hendrik postierten sich mit Gewehren im Anschlag auf dem offenen Deck und beobachteten die Wasseroberfläche. Die Magierinnen folgten ihnen, nachdem Sunetra mit ihrem Wasserelementar Kontakt aufgenommen und ihm den Befehl erteilt hatte, der neue Motor des Schnellbootes zu sein. Für einen ganz kurzen Moment hatte sie den Eindruck, dass der Elementar ihrer Anweisung nur zögerlich folgte. Ob ihre Anwesenheit im Refugium auch ihn beeinflusste? Aber da das Wesen ihr letztendlich gehorchte, ließ sie es auf sich beruhen.  
            "Boah, das ist echt scheißkalt geworden." Alyssa steckte ihre Hände tief in die Taschen, um sie warm zu halten. "Hast du etwas über den Geist in deinem Kopf herausfinden können? Bist du sicher, dass er ein Mentorgeist ist?"           
             Die Elfin nickte lächelnd. "Es handelt sich um Susanoo, einen Wassergeist, der meist in der Gestalt eines Hais erscheint."        "Susanoo?! Habt ihr euch etwa angefreundet und seid jetzt Buddys im Schattennetz?", lachte die Menschenfrau.             
            "Im japanischen Shinto Glauben verehren wir eine beseelte Natur, die von vielen Geistern, den Kami, bewohnt wird. Sie alle haben Namen. Amaterasu beispielsweise ist der Name der Sonnengöttin. Den Hai, der den Gott des Meeres repräsentiert, nennen wir wiederum Susanoo."           
            "Du klingst nicht besonders erfreut."  
"Ich bin mir nicht sicher, ob seine Anwesenheit in meinem Verstand ein gutes Zeichen ist. Susanoo gilt als unberechenbar und heimtückisch. Und ich habe keinen blassen Schimmer, warum er sich ausgerechnet mich ausgesucht hat. Immer wieder wirft er mir Brotkrumen hin, weicht aber gerne meinen Fragen aus. Ich glaube, er spielt mit mir."        
            "In dem Fall solltest du dich vor ihm vorsehen. - Wenigstens hat er uns vor dem Refugium gewarnt."        
           
            Eine scheinbar ewig währende Zeit lang trieb die Dead Man's Hand unter dem sanften Gluckern der Bewegungen des Wasserelementars durch den Nebel, der mittlerweile so dicht geworden war, dass sie sich zeitweise sogar auf dem Deck aus den Augen verloren. Die Temperaturen schienen ins bodenlose zu fallen. Wie in Watte gepackt war die Welt um sie herum stumm geworden und auch das Atmen fiel ihnen im Nebel immer schwerer. Beklemmung griff nach ihren Herzen und versuchte sich ihres Verstandes zu bemächtigen.       
             Doch dann riss die Nebelwand auf und gab den Blick auf ein kreisrundes Areal frei, das mehrere hundert Meter im Durchmesser hatte. Wie im Auge eines Zyklons war es hier gespenstisch ruhig. Vom spiegelglatten, pechschwarzen Meer abgesehen, konnten sie ein weiteres Schnellboot sehen, das einsam auf der Wasseroberfläche trieb.        
            "Etwas ist faul im Staate Dänemark.", murmelte Alyssa misstrauisch und Cone pflichtete ihr bei. "Ich kann niemanden auf dem Boot sehen. Das gefällt mir nicht... ganz und gar nicht."           
            "Das Teil ist ja ganz grausam lackiert worden. Silber mit roten Seitenstreifen."          
            Hendrik überlegte kurz: "Das könnte das Fahrzeug von diesem Konzern-Exec sein, von dem die Patrouille erzählt hat. Unser Kurs führt uns an daran vorbei. Dann werden wir mal einen Blick darauf werfen."   
            Langsam kroch die Dead Man's Hand an das Schiff heran. Wie von unsichtbarer Hand bewegt, drehte es sich langsam um die eigene Achse, als ob es mit einer langen Nadel fixiert worden wäre. Behäbig wippte es dabei langsam von einer Seite zur anderen. Als sie nur noch wenige Meter von dem Schiff trennten, konnten die Runner sehen, dass das Boot lediglich in Silber lackiert war. Die roten Streifen, die sie aus der Ferne gesehen hatten, stellten sich als Blut heraus. Aber es war niemand an Bord, von dem das Blut hätte stammen können. Cone entdeckte wenige Meter weiter die Leiche des Exec, die in der schwarzen Hölle trieb.     
            "Ach du scheiße... irgendetwas hat das arme Schwein in zwei Hälften gerissen und als Pinsel benutzt.", entfuhr es dem Ork.
            "Da hat jemand Hunger gehabt und es gab Dosenfleisch.", bemerkte Sunetra zynisch.           
            Besorgt blickte sich sein Cousin um. "Geht es nur mir so, oder habt ihr auch den Eindruck, dass wir uns viel langsamer bewegen?
            "Nein,", antwortete Alyssa, "und ich glaube, dass sich auch der Nebel wieder auf uns zubewegt."      
            Plötzlich rollte eine zischende Stimme durch Sunetras Gedanken. "So nahe waren wir noch nie meiner Heimat."    
            Interessant. Susanoo geruhte endlich mal wieder mit der Elfe zu reden. "Was erwartet uns hier? Etwas versucht uns in eine Falle zu locken, oder?"         
            "Die See ist tückisch." 
Und damit ließ sie der Geist wieder einmal frustriert zurück. Dieser Mistkerl raubte ihr mehr und mehr den letzten Nerv. Doch bevor sie sich in ihre aufkeimende Wut hineinsteigern konnte, meldete sich eine weitere Stimme zu Wort. "Lass mich frei! Lass mich frei!"   
            Sunetra brauchte einen Moment, um zu realisieren wer da sprach. Es war der Wasserelementar, der sich am Heck der Dead Man's Hand abmühte. Sie spürte eine sonderbare Erregung in seiner Stimme und endlich verstand sie, was hier vor sich ging.  
            Inzwischen schlug Cones Unbehagen in echte Angst um. Nervös griff er sich an den Hals, schritt die Reling ab und stierte die undurchdringliche Wasseroberfläche an, die unbeeindruckt zurück starrte. "Verdammte Scheiße! Drek! - Wir bewegen uns fast nicht mehr. Scheiße... wir werden hier alle elendig krepieren."    
            Hendriks Versuche ihn zu beruhigen waren von wenig Erfolg gekrönt. Als er ihn am Arm zu fassen bekam, riss er ihn ruckartig aus dessen Händen, als hätte er sich verbrannt. "Komm wieder runter, Cone!"  
            "Hast du dir mal den toten Anzug angeschaut?  Was auch immer das mit ihm gemacht hat, ist noch da draußen. Sieh ihn dir an, Hendrik! Denn das ist das, was uns auch blühen wird, wenn wir hier nicht schnell weg kommen."      
            "Du vergisst, dass der Kerl alleine und unbewaffnet war."
Entnervt warf der Ex-Ganger seine Arme in die Luft. "Oh, super! Dann lasst uns bei den Händen nehmen und zusammen in Fetzen gerissen werden! Und du weißt doch selbst, dass physische Waffen nichts gegen magische Kreaturen bringen."   
            Nun schaltete sich auch Alyssa in die Unterhaltung ein. "Das stimmt so nicht. Die Autokanone der Dead Man's Hand ist stark genug, um auch Geistern das Leben schwer zu machen. - Klingt komisch, ist aber so. - Zugegeben: eure Feuerwaffen sind nicht so effektiv, aber ein geschwungenes Messer oder ein Knüppel sind wieder eine andere Nummer."       
            Endlich hielt Cone inne und blickte die Zauberin erstaunt an. "Wie denn das?!"         
            "Geister haben eine ganz entschiedene Schwäche. Während sie eine hohe Resistenz gegen unbelebte Objekte haben, sind sie verletzlich durch von Lebewesen geführte Waffen. Wenn du ein Schwert in der Hand hältst, wird es zu einer Verlängerung deines Arms und somit zu einem Teil deines Körpers. So wirkt dein Chi, mit dem zu zuschlägst, durch deinen Körper auf die Waffe und stellt einen effektiven Schutz gegen alle magischen Kreaturen dar."         
            Mit leicht verklärtem Blick hockte er sich ab und zog sein Cougar Fineblade aus dem Stiefelschaft und hielt es hoch. "Also, wenn ich dich richtig verstehe, kann ich damit auch Geister zerschnippeln?"
            "Das ist korrekt! Und wenn du mal kein Messer zur Hand hast...", begann Alyssa den Satz und Cone beendete ihn, "...prügel ich einfach mit meinem Sturmgewehr auf das Dreksviech ein!"            Sie musste trotz der beklemmenden Situation lachen: "Richtig. Glaub doch einfach mal der kleinen Schlampe!"           
            "Ich weiß, was hier los ist.", murmelte Sunetra abwesend, worauf sich die restlichen Wild Cards zu ihr umdrehten.         
            "Bitte?! Wie meinst du das?", fragte Hendrik. 
Der Blick der Elfe wurde wieder klar und ein Lächeln umspielte ihre Mundwinkel. "Ich hatte schon beim Eintritt in den Nebel den Eindruck, dass es sich um ein besonderes Phänomen handeln musste. Dann hat sich der Wasserelementar gesträubt, meinem Befehl zu gehorchen, die Dead Man's Hand anzuschieben. Ich dachte zuerst, dass der Elementar sich vor diesem Ort fürchten würde, aber es ist das Gegenteil. Etwas zieht ihn an wie das Licht die Motte. Er hat deshalb gezögert, weil lebende Kreaturen hier nichts verloren haben. Der Elementar wollte lediglich UNS nicht hier hinbringen. Aber nun, da er an diesem Ort ist, schiebt er unser Schiff kaum noch an - seht ihr?!"       
            "Ja, das ist uns schon aufgefallen. Dann müssen wir es halt riskieren und den Motor wieder anwerfen und zusehen, dass wir hier schnell raus kommen."  
            "Nein, das ist nicht nötig. Ich hab da schon eine Idee."
Die Elfe schloss ihre Augen und nahm zu dem Wasserwesen Kontakt auf. Doch dieses Mal sprach sie laut mit ihm, damit die anderen verstehen würden, was hier geschah.      
            "Wenn du frei sein willst, schieb uns schnell von hier weg! Sobald du das erledigt hast, werde ich dich aus meinen Diensten entlassen und du kannst hierhin zurückkehren, wenn das dein Wunsch ist."        
            "Wie ihr befiehlt, Herrin!"        
Sofort begann das Wasser am Heck des Schiffes munter zu sprudeln und ein Ruck ging durch das Fahrzeug. Sanft hob sich dann den Bug ein wenig in die Höhe, als die Dead Man's Hand mit steigender Geschwindigkeit angeschoben wurde. Rasch hatten sie das Schnellboot des Konzern-Execs und dessen Leiche hinter sich gelassen und traten in die gegenüberliegende Nebelbank ein. Schweigend warteten die Wild Cards ab, was nun passieren würde. Doch weder wurden sie angegriffen, noch schien ihnen etwas zu folgen. Schon nach wenigen Minuten durchbrachen sie wieder die Nebelwand und fanden sich auf dem offenen Meer wieder.           
            "Du warst ein treuer Diener und bist nun frei."           
"Danke, Herrin."          
            Plötzlich fiel der Bug wieder ins Wasser und die Dead Man's Hand verlor an Geschwindigkeit, als der Wasserelementar das Boot losließ und sich beeilte wieder zurück zu schwimmen. Alyssa sah dem Wesen hinterher und wie es wieder im Nebel verschwand.            "Könnte es sein, dass es an dieser Stelle des Kanals einen Riss zwischen den Welten gibt? Ich meine, es muss einen Grund dafür geben, dass sich dort Geister konzentrieren."
            Iron klopfte der Magierin auf die Schulter. "Mir egal, was da los war. Wir sind durch und auf dem Rückweg werden wir einfach einen anderen Weg nehmen. Ich geb gleich an die Behörden eine Warnung durch. Die sollten sich da nicht ohne eine Armada von Magiern hin trauen" Dann griff er zu seinem Komlink: "Largo, gib dem Pferdchen die Sporen, wir haben schon zu viel Zeit verloren!"
            Stotternd kam der Motor zum Laufen und während das Schnellboot an Fahrt aufnahm, gingen Cone, Lightning und Iron wieder in die warme Kabine zum Rigger. "Also auf den Schreck brauch ich erst mal ein Bier. Wer ist dabei?", fragte Cone, dessen Laune merklich gestiegen war. Sunetra indessen, blieb noch eine Weile an der frischen Luft und sah auf die Nebelbank zurück, von der sie sich nun rasch entfernten. Geradezu wehmütig schaltete sich Susanoo wieder in ihre Gedanken ein.            
            "Schade. Es wäre schön gewesen ein paar meiner alten Erzfeinde zu zerfleischen."    

            "Nein, ich glaube nicht, dass wir das geschafft hätten. Wir waren hoffnungslos unterlegen und hätten das nicht überlebt."           Zum ersten Mal, seit er zu Sunetra sprach, klang die Stimme des Mentors gütig und fast ein bisschen stolz: "Ein kluger Jäger weiß, wann er sich zurückziehen muss. Dein Handeln hat dir meinen Respekt eingebracht, kleine Elfe."  
***
            Nach den gruseligen Ereignissen im Kanal, verlief der Rest der Fahrt ohne weitere Zwischenfälle. Die Behörden waren für die Warnung der Wild Cards sehr dankbar, allerdings verdienten wir damit zum Unmut meines Cousins keinen müden Cent. Die meiste Zeit fuhren wir über das offene Meer. Je näher wir unserem Zielort kamen, umso mehr konnte man den Küstenlinien ansehen, dass man sich in der Skandinavischen Union sehr viel Mühe damit gab, die zerstörte Natur wieder herzustellen. Saftig grüne Wälder, Sandstrände und die gut riechende Luft waren dafür eindeutige Indikatoren.
            Nach gefühlten dreimillionen Runden Skat und anderen Kartenspielen waren wir tief in der Nacht endlich angekommen: Kobenhavn lag in die Küste geschmiegt da und strahlte mit einer Vielzahl an farbigen Lichtern den Himmel an, sodass keine Sterne mehr zu sehen waren. Spontan verspürte ich eine unwiderstehliche Lust der Stadt einen erneuten Besuch abzustatten. Doch leider blieb keine Zeit durch die Straßen der schönen Metropole zu schlendern. Wir hatten einen Auftrag. Und so steuerte Largo auf direktem Weg den Hafen an.          
            Der Kopenhagener Frachthafen ist kammerartig aufgebaut. Breite, langgezogene Piere aus Beton und Plaststahl fressen sich weit ins Meer hinein. Legt hier ein Schiff zum Entladen an, machen sich gigantische Krankkonstruktionen, sogenannte Containerbrücken, die mit mehreren voll beweglichen Klammerarmen ausgestattet sind und auf einem Schienensystem durch die Hafenanlage fahren, an die Arbeit. Mit diesem modernen System können selbst die ganz großen Brummer in weniger als einer Stunde vollständig entladen werden. Und falls es mal jemand ganz eilig haben sollte, wird einfach ein Kran von dem Pier auf der anderen Seite hinzugezogen.  
            Die Dead Man's Hand brauchte natürlich keine solch aufwendige Entladeprozedur. Also fuhr der Rigger gemäß den Angaben in den Dateien, die man uns zugespielt hatte, in eine der letzten Kammern am östlichsten Ende des Hafens. Nur wenige Lichter erhellten die Wände der Lagerhäuser und Umschlagplätze.       Drohend hingen die Stahlgerippe der Ladekräne regungslos über unseren Köpfen. Niemand war in dieser verlassenen Gegend zu sehen. Mir ist klar, dass man die Übergabe von Schmuggelware nicht im nächstbesten Café durchführt und dass sich Diskretion am besten in dunklen Ecken bewerkstelligen lässt. Dennoch wurde mir spontan unwohl, als ich die Gegend musterte. Es gibt an Orten wie diesen einfach zu viele Möglichkeiten für Hinterhalte. Ach, ich musste paranoid sein, sagte ich mir und verdrängte das Gefühl schnell wieder. 
            Als wir uns unserer verabredeten Anlegestelle näherten, drosselte Largo das Tempo und manövrierte die Dead Man's Hand zum Zielort. Mein Cousin stand schon mit dem Tau in der Hand wartend an der Reling und befestigte es an einem Poller. Inzwischen askennte Alyssa die Gegend.            
            "Etwa siebzig Meter den Pier herunter steht eine Person. Mehr kann ich leider nicht sehen."           
            Ich checkte das Magazin in meiner Colt Government und ließ es dann wieder hinein gleiten. "Dann hoffen wir, dass das unser Kontaktmann ist."  
            "Und was, wenn der uns übers Ohr hauen will?"         
Nun lud ich das Magazin durch und ließ den Schlitten geräuschvoll zurückschnappen. "Dann wird er es bereuen je den Namen Wild Cards vernommen zu haben."         
            Mit diesen Worten machte ich mich mit Sunetra und Cone auf den Weg. Largo blieb für den Fall an Bord, dass wir schnell abhauen mussten, und Lightning war seine magische Rückendeckung. - Man kann ja nie wissen.    
            Von Bord gegangen, stapften wir die Stufen von der Anlegestelle zum Pier hoch. Ohne große Hektik schlenderten wir zu einer Person, die einsam unter einer defekten Lampe wartete. Beim Näherkommen stellte sich die Person als ein Mensch mittleren Alters mit leichter Vercyberung heraus. In einen langen schwarzen Mantel gekleidet, machte er sich nicht einmal die Mühe seine Zigarre aus dem Mund zu nehmen, sondern bugsierte sie ohne sie anzufassen lässig in einen Mundwinkel.  
            "Nabend, haben sie was zu rauchen für mich?"           
Ich neigte zur Begrüßung lediglich meinen Kopf ein wenig. "Da haben sie aber Glück. Wir haben tatsächlich ein wenig Rauchwerk geladen."     
            "Kann man die Marke schmauchen oder muss ich befürchten, dass es mir die Lunge wegätzt?"        
            "Ich denke 'Kubanisches Gold' spricht für sich."         
Daraufhin blickte der Mann abwartend zu uns herüber. Nach einer angemessenen Wartezeit, machte ich Anstalten mich umzudrehen und zu gehen. "Wenn sie allerdings einen noch exklusiveren Geschmack pflegen, fürchte ich, dass sie sich einen anderen Händler aussuchen müssen. - Kommt, wir wollen nicht die Zeit dieses Herrn verschwenden!"       
            "Warten sie! Sie haben Recht. Es handelt sich um eine ausgezeichnete Marke und ich wäre froh, wenn wir ins Geschäft kommen würden."   
            "Gut. Bitte warten sie hier. Wir sind gleich wieder da."
Nachdem wir uns sicher waren, dass der Mann keine unmittelbare Gefahr für uns darstellte, gingen wir zur Dead Man's Hand zurück, um die Zigarrenkiste und die Metallbox aus dem Schmuggelversteck zu kramen. Als wir wieder bei dem Kontaktmann waren, bedeutete er uns mitzukommen.            
            "Bitte folgen sie mir! Ich muss mir die Ware erst einmal genauer anschauen, bevor ich dem Kauf zustimmen kann."   
            Wir hielten uns in kurzem Abstand hinter dem Mann, der uns durch eine riesige Halle mit Containern und Kransystemen führte. Dabei sprach er fast unablässig.          
            "Es ist schön mal wieder mit Profis zu arbeiten. Sie wissen schon: Menschen, die ihr Handwerk verstehen und sich nicht wie spätpubertierende Möchtegerngangster aufführen." 
            "Wer in den Schatten unvorsichtig wird, überlebt nicht lange genug, um aus Fehlern zu lernen, guter Mann."   
            "Ja da haben sie recht. Allerdings muss ich mich immer wieder mit diesen neunmalklugen Anfängern abgeben, die man mir so oft schickt..."      
            'Blablabla!', schoss es mir durch den Kopf. Viel interessanter war das Frachtsystem um uns herum, das scheinbar vollautomatisiert lief. Im Moment stand alles still, aber ich war mir sicher, dass es ein atemberaubender Anblick sein musste, alle Roboter gleichzeitig in Aktion erleben zu können.     
            Mit einem Mal fühlte ich mich beobachtet. Ich sah mich um, konnte aber niemanden erkennen. Vermutlich war ich noch von den Ereignissen der letzten Tage aufgekratzt und sah lediglich Gespenster. Und doch wurde ich das Gefühl nicht los.          
            "Leute, ich glaube, wir sind nicht allein.", flüsterte ich Sunetra und Cone zu, die sich nun ebenfalls unauffällig umsahen. Allerdings konnte selbst Sunetra in Astralsicht nichts und niemanden außer uns erkennen.        
            Im nächsten Abschnitt nutzen wir eine Seitentür, durch die wir die Halle verließen und einen Flur betraten. Tür um Tür ließen wir hinter uns. Serverräume, Büros, Toiletten und Abstellkammern wechselten in wilder Folge durch, bis wir an einem versteckt gelegenen Büro ankamen.        
            Von einem alten Tisch und zwei staubigen Regalen an der Wand abgesehen, war der Raum leer. Es gab keine Fenster, durch die Licht hätte hereinfallen können, sofern es denn Tag gewesen wäre. Lediglich eine altersschwache Funzel verbreitete ein fahles Licht. Cone erkannte direkt warum wir bis hier hin gegangen waren. "Interessant. Der schlaue Fuchs hat sich einen Ort ohne Kameras ausgesucht."    
            Sofort hob unser Kontaktmann seine Hände in Abwehr hoch. "Bitte missinterpretieren sie die Lage nicht, meine Herrschaften! Ich werde die Ware einigen umfangreichen Tests unterziehen müssen, und dabei kann ich nicht riskieren gefilmt zu werden."         
            Um seinen Standpunkt zu verdeutlichen kniete er sich hin und zog unter dem Tisch einen Koffer heraus und stellte ihn auf den Tisch. "Bitte seien sie doch so gut und platzieren sie die Metallbox auf dem Tisch!"       
            Cone sah zu mir herüber und ich nickte ihm bestätigend zu. Nachdem er die Box auf den Tisch gewuchtet hatte, machte sich der Kontaktmann an seinem Koffer zu schaffen. Aus dem Behältnis zog er einige Metallstäbe, die er ineinander steckte. Nach einigen Minuten erkannte ich, dass er eine Art Gerüst um die Metallbox aufbaute. Genauer gesagt verband er das Gestänge am Ende sogar mit einigen Ösen an der Box. Fasziniert schauten wir zu, wie er schließlich Handschuhe anzog und eine transparente Folie aus seinem Koffer über das Gerüst stülpte. Zwei wurstartige Gebilde ragten von der Folie nach Innen. Als er seine Arme in sie hineinsteckte, erkannten wir, dass es sich um Armhandschuhe handelte. Der Kerl hatte vor unseren Augen ein kleines Isolationszelt aufgebaut.         
            Nun zog er zwei Stifte aus den Klammern, die die Hälften der Box miteinander verbanden. Zischend hob sich der Deckel ein wenig. Mit äußerster Vorsicht öffnete er die Metallbox. Darin befanden sich mehrere auf Luftkissen gelagerte Organe, darunter zwei Lungenflügel und ein Herz. Auf der Innenseite des Deckels waren Displays mit einigen Instrumenten angebracht. In aller Ruhe checkte unser Kontaktmann, ob sich die Ware noch in einwandfreiem Zustand befand oder bereits kontaminiert worden war. Nach Abschluss seiner Tests, schloss der Mann die Box wieder und baute das Isolationszelt ab.          
            "Ich bin sehr zufrieden mit ihrer Arbeit, meine Herrschaften. Prompte Lieferung und die Ware ist auch nach der weitern Reise tiptop in Ordnung. - Auf diesem Credchip befindet sich die vereinbarte Summe."  
            Gut gelaunt nahm ich ihm den Chip ab und ließ ihn in meine Hosentasche gleiten. "Es war mir eine Freude mit ihnen Geschäfte zu machen."      
            Lässig deutete ich an, als würde ich einen imaginären Hut ziehen und wandte mich um. Ich freute mir den Arsch ab. Für unsere Verhältnisse war der Auftrag ziemlich glatt verlaufen. So könnte es von mir aus immer laufen. Doch wie heißt es so schön: die Oper ist erst vorbei, wenn die fette Frau gesungen hat.  
            Und das verlegene Räuspern hinter mir deutete nicht einmal die Einleitung zur Schlussarie an - scheiß Karma!
            "Was gibt es denn noch?"       
"Nun,", sprach der Kontaktmann in eigenartig bedrücktem Tonfall, "leider ist der Abend für sie hier noch nicht zu Ende."        
            Wie aufs Stichwort öffnete sich die Tür, durch die wir gekommen waren und ein Asiate betrat den Raum. Hohe Wangenknochen rahmten eine scharfkantige kurze Nase, Mandelaugen und einen verkniffenen Mund ein. Als Deckel auf dem Picasso ging er mit langem, schwarzen Haar Gassi, das streng nach hinten zusammen gebunden war. Er trug einen äußerst finsteren Gesichtsausdruck zur Schau, was meine Zuversicht über das vermeintliche Happy End dezent trübte. 
            "An ihrer Stelle würde ich nun keine hektischen Bewegungen mehr machen. Der Japaner ist äußerst launisch."  
            Sunetra fixierte den Kontaktmann mit einem bösen Blick: "Ich dachte wir ALLE hier wären Profis."
            "Es tut mir sehr leid. Was nun geschieht liegt nicht in meiner Entscheidung. - Dieser Herr hat mächtige Kontakte spielen lassen, um mit ihnen sprechen zu können."    
            Kaum hatte der Mistkerl sein Sprüchelchen beendet, schnappte er sich die Metallbox und seinen Koffer mit dem Isolationszelt und dampfte ab. 'Na warte! Das wird noch ein Nachspiel haben.'
            Die Elfe wusste, dass ich ebenfalls Japanisch spreche. Daher quatschte sie den Asiaten direkt in seiner Muttersprache an. "Sie haben sich viel Mühe gegeben, um uns zu treffen. Warum die Umstände?"          
            "Sunetra, bist du es wirklich?" 
Hass, Verwunderung, Wiedersehensfreude und Irritation mischten sich zu gleichen Teilen in den Blick des Japaners, als er sie musterte. Was war das für ein Kerl? Gut, er musste unsere Elfe von früher her kennen, aber in welcher Beziehung stand er zu ihr? Wirklich froh schien er aber nicht über das Wiedersehen zu sein. Im Gegenteil. Nachdem er sich wieder gefasst hatte, konnte ich sehen, dass er all seine Muskeln angespannt und in Verteidigungshaltung gegangen war. - Seltsam, er schien Sunetra sowohl als Freundin, als auch als potentielle Bedrohung einzuschätzen. Es war an der Zeit die Situation etwas zu entspannen.           
            "Immer mit der Ruhe! Wir sind hier alle Freunde..."    
Blöde Idee, Hendrik. Ganz blöde Idee!
            Ein Schlag traf meine Kinnlade so heftig, dass ich zurück-taumelte und Sternchen vor meinen Augen tanzen sah. Wie hat er das bloß gemacht? Konnte er sich wirklich so schnell bewegen? Ich hatte gar nicht gesehen, dass er ausgeholt hatte. Abgesehen davon war er doch viel zu weit weg, um mich mit seinen Fäusten treffen zu können.       
            Sobald ich nach hinten stolperte, wollte sich Cone auf den Japaner stürzen, doch der warf nur seinen Kopf ruckartig in dessen Richtung und Cone wurde von unsichtbaren Händen festgehalten. Na super! Wir hatten es mit einem Magier zu tun, der sich scheinbar gut auf Telekinese verstand.   
            "Stellen die Hauer ein Problem dar?", schnarrte die Stimme des Asiaten. "Für mich sind sie keine Gefahr. Aber für dich schon, wenn du so weiter machst."          
            Misstrauisch sah er zur Magierin herüber: "Was ist mit dir passiert?"
            Sunetra zuckte mit den Achseln. "Ich hab keine Ahnung. Seitdem ich auf einem Schiff mit Ziel Hamburg aufgewacht bin, leide ich an Amnesie. - Gut, du weißt wer ich bin. Willst du mir im Gegenzug nicht verraten wer du bist?"           
            Endlich entspannte sich der Mann wieder ein wenig, klang aber ein wenig vorwurfsvoll: "Ich bin Yashida Himoto. Dein Verlobter."        
            Vakuum. Das war es! Wir mussten uns im luftleeren Weltraum befinden. Denn mir blieb mit einem Mal die Luft weg. Dazu kam zu allem Übel noch ein Tinnitus, der mir weismachen wollte, dass Sunetra mit diesem Fatzke verlobt war. Der Witz war gut. Haha! - Doch dann kehrte der Sauerstoff zurück in mein Hirn und das Trugbild machte keine Anstalten das Weite zu suchen. - Ach.. du... scheiße!   
            "Eigentlich sollte ich dich hier und jetzt für das, was du getan hast, töten, aber wenn du dich nicht mehr erinnern kannst... wir müssen hier sofort weg. Hast du ein Fahrzeug?"         
            Der Elfenmagierin ging es wohl wie mir, denn sie hatte sichtliche Probleme ihre fünf Sinne zusammen zu bekommen und zu antworten. "Ja, wir haben ein Boot... aber warum?" 
            "Ich bin nicht der Einzige, der herausgefunden hat, dass du hier bist. Ein Team ist hier her unterwegs. Sie werden gleich da sein."                
            "Aber was soll das hier?! Warum...?"   
Yashida bedeutete ihr sich zu beeilen. "Keine Zeit dafür. Wir können später reden." Unhöflich zeigte er auf Cone und mich. "Sollen wir die Zwei wirklich mitnehmen?"                    
            "Sie sind meine Freunde. Wo ich hingehe, gehen auch sie hin. Also hör auf zu Labern und renn!" 
            Ein Lächeln hielt für einen Monent in Yashidas Gesicht Einzug. "Ich sehe, dass du dich nicht komplett verändert hast."           Sunetra riss die Tür auf und rannte auf den Flur. Der Japaner lief ihr hinterher, gefolgt von uns Orks. Cone fummelte im Laufen an seinem Komlink herum und schlug schließlich frustriert dagegen. "DREK! Die sind schon da! Ich hab versucht Largo zu erreichen, aber..."     
            Frustriert legte ich einen Zahn zu. "..sie haben den Funk gestört!"     
            In dem Lagerhaus war es gar nicht mal so leicht die Orientierung zu behalten. Durch die modulare Bauweise solcher Gebäude, sah es an allen Ecken und Enden gleich aus. Trotzdem schafften wir es ohne uns zu verlaufen den Weg nach draußen zu finden.
            Sunetra zeigte auf den Kanal und rief zu Yashida herüber: "Zweihundert Meter weiter ist unser Schiff!"  
            Zur Bestätigung nickte er ihr zu und sparte sich den Atem zum Laufen auf. Cone und ich waren schwerfälliger und fielen etwas zurück. Wieder spielte mein Cousin mit seinem Komlink, bekam aber immer noch keine Verbindung zur Dead Man's Hand aufgebaut. Es half alles nichts. Mit all der Luft, die ich entbehren konnte, brüllte ich, in der Hoffnung, dass uns Largo oder Lightning hören würden.         
            "FAAALLEEEE!!!"         
Prompt setzte sich einer der Kräne vor uns in Bewegung und rollte mit steigender Geschwindigkeit auf uns zu. Eine seiner Greifklauen senkte sich herab und kam kurz über dem Boden schwebend auf uns zugerast. Cone wich dem Ding seitlich aus, während Sunetra und ihr... 'Verlobter' über die Klaue hinweg sprangen. Der Telekinet musste sie levitiert haben. Anders konnte ich mir diesen Satz nicht erklären.      
            Und was war mit dem vom Pech verfolgten Hendrik? Der wurde von der Klaue eingeschlossen. Krachend durchbohrten die Spitzen des Greifers hinter mir durch die Blechwand einer Frachthalle und drohte mich zu zerquetschen. Ohne Umschweife machte ich mich daran die Klaue zu ersteigen. Sie bestand aus mehreren strebenartig angeordneten Elementen, die man gut als Leiter benutzen konnte. Ich musste nur schneller als die Greifelemente sein, die nun auf der Schiene aufeinander zufuhren, als wollten sie Fracht aufnehmen. Gerade als ich oben angekommen war, spürte ich, wie mich eine unsichtbare Hand ergriff und von der Klaue wegzog. Verdutzt landete ich vor Yashida, der schwer keuchte. Das ständige Levitieren musste an seinen Kräften gezehrt haben.           
            Wir schienen zunächst außer Gefahr zu sein, doch war uns keine Zeit zum Luftholen vergönnt. Hinter mir wurde der Greifer unter metallischem Ächzen und Jaulen aus der Wand gerissen. Sofort machte sich der Kran wieder an unsere Verfolgung. Daher nahmen wir die Beine in die Hand und gaben Fersengeld. Nur noch fünfzig Meter bis zur Anlegestelle.        
            Der Kran kam ruckartig und viel zu schnell in Bewegung. Vierzig Meter. Hinter uns passierte uns der Kran und bremste ab. Dreißig Meter. Der Greifarm holte aus. Zwanzig Meter. In einer wischenden Geste raste der Arm auf uns zu. Zehn Meter. Ich konnte schon fast die Klaue spüren und wappnete mich für einen metallenen Schmatzer, der mir das Rückgrat brechen würde.            
            Unerwartet sprang Yashida über die Brüstung und zog uns mit seinen magischen Fähigkeiten mit. In hohem Bogen flogen wir ihm hinterher in den Kanal. Kurz vor dem Aufprall auf dem Wasser zog ein Schatten über unsere Köpfe hinweg. Das war verdammt knapp gewesen.           
            Prustend strampelte ich zur Wasseroberfläche zurück, wo mir ein Seil ins Gesicht geworfen wurde. Zuerst wusste nichts damit anzufangen, aber dann sah ich, dass wir direkt bei der Dead Man's Hand in die Ostsee gesprungen waren. Yashida hatte sich bereits an Bord levitiert und half Lightning uns ebenfalls hochzuholen. Also hatten sie doch mein Gebrüll gehört.        
            "Haltet euch am Seil fest!", schrie Alyssa zu uns herüber und keine Sekunde zu früh. Kaum hatten Cone, Sunetra und ich das Seil umklammert, startete Largo den Motor und fuhr los. Ruckartig wurden wir hinterher gerissen und nur mit äußerster Anstrengung konnten wir uns festklammern.
            Aus den Augenwinkeln konnte ich beobachten, wie der Greifarm an der Stelle in den Kanal krachte, wo wir uns eben noch befunden hatten und ließ eine gewaltige Wasserfontäne hochspritzen. Ich korrigiere mich: DAS war noch verdammt knapper gewesen! Wer zum Geier steuerte diesen Kran?! Ein Rigger? Oder gar ein Magier?        
            Mir blieb jedoch vorerst keine Zeit weiter darüber Nachzudenken, denn Yashida und Lightning setzten gemeinsam ihre magischen Fähigkeiten ein, um uns an Bord zu levitieren. Erschöpft sank der Japaner auf seine Knie, währen wir anderen das verschluckte Meerwasser ausspuckten.  
            Unser Zwerg hatte inzwischen die Dead Man's Hand gewendet und raste mit Höchstgeschwindigkeit aus der Hafenanlage. Sunetra rappelte sich auf und hielt Yashida ihre tropfnasse Hand hin. Er sah sie kurz an, dann hoch zu den Augen der Elfe und nahm sie schließlich an. Als er wieder stand - immer noch außer Atem - knüpfte er wieder an das Gespräch in der Lagerhalle an. "Woran .... was ist das Letzte an das du dich erinnern kannst?" 
            "Da sind nur einige verschwommene Bilder. Eine Zeremonie auf einer Insel. Eine Initiation glaube ich. Dann viele Tote. Ich kann mir den Zusammenhang aber nicht erklären."  
            Augenblicklich wurden Yashidas Gesichtszüge weicher.          
"Du erinnerst dich an die Zeremonie? ... Dann... dann hat es funktioniert."    
            Sunetra musterte den mysteriösen Mann, der behauptete ihr Verlobter zu sein, skeptisch.            
            "Ich sehe, dass wir vieles zu bereden haben."

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