Sonntag, 10. März 2013

Viel Feind - viel Ehr!


            Sanft schaukelte die Dead Man's Hand auf der Ostsee hin und her, als sich eine Drohne mit der Silhouette einer Hummel aus der mit Rauputz verkleideten Wand löste. An zwei hakenartigen Gebilden unter ihrem Bauch war eine metallene Düse befestigt, die das Ende eines Schlauchs bildete. Sie schwebte zu dem Nordwerft Wind Schnellboot herüber und verharrte vor einer schmalen Öffnung. Dort angekommen veränderte sie die Ausrichtung der Düse um etwa vierzig Grad nach unten und führte sie in den Tankstutzen ein. Abschließend schoben zwei kleine Greifärmchen einen Verschluss nach vorne, der rasend schnell auf das an der Bordwand befestigte Gewinde geschraubt wurde. Nun versiegelt, begann der Roboter umgehend Treibstoff mit hohem Druck in den Tank des Schiffs zu pressen. Aus müden Augen blickend, standen wir etwas abseits am Pier der Bootstankstelle und sahen dem Schauspiel der Drohne zu. Die Ereignisse der letzten Tage hatten uns mehr mitgenommen, als uns lieb war.
            Nicht nur Piraten wollten uns ans Leder, nein auch die Vollversammlung der Wassergeister erwartete uns als schwimmenden Snack zur Halbzeitpause. Nur mit viel Glück waren wir ohne eine Schramme da durch gekommen. Und als wir endlich des nachts in Kopenhagen angekommen waren, tauchte dieser Japaner - Yashida Himoto - auf, der steif und fest behauptete der Verlobte unserer elfischen Spruchschleuder zu sein. Doch diese Enthüllung war nicht Schock genug. Nein! Ihm auf den Fersen waren auch noch irgendwelche Fremden, die uns mit einem Containerkran am Hafen den Garaus machen wollten.

            Kaum waren wir auch dieser Gefahr entkommen, musste ich enttäuscht feststellen, dass unser Tank fast leer war und wir nicht auf dem schnellsten Weg aus Kopenhagen verschwinden konnten. Yashida lotste uns also zu dieser teilweise schwimmenden Tankstelle vor der dänischen Hauptstadt. So weit ich blicken konnte hatte sich der Megaplex an der Küste ausgebreitet. Von der Schwarzen Flut von 2011, dem großen Crash von '29 und den Eurokriegen hatte sich das Land prächtig erholt und prosperierte seit drei Jahrzehnten so stark, dass selbst eine solche Klitsche von Tankstelle mit vollautomatisierten Drohnenbetankungssystemen ausgestattet war. In Hamburg hätte man dafür ein paar SINlose Hanseln angestellt, die wahrscheinlich sogar zum Schuhe zubinden zu dumm waren.     
            Jedenfalls stand ich mit Sunetra, Largo, Cone und Alyssa etwas abseits von Yashida, der mit einer unbekannten Person telefonierte, und machten uns Gedanken über die aktuelle Lage. Der Zwerg zeigte mit einem Daumen über seine Schulter auf den Japaner und warf Sunetra einen skeptischen Blick zu.   
            "Kann man dem komischen Vogel trauen?"     
"Er sagt, dass er mein Verlobter sei."  
            "Das ist exakt DER Teil, der in mir die Alarmglocken besonders laut schrillen lässt, kleine Elfe."   
            Sunetra suchte sichtlich nach Worten. Ich konnte es ihr nicht verübeln. Die Information über ihre Vergangenheit musste ihr noch schwerer im Magen liegen als mir... ich meine natürlich uns anderen. "Nun... er hat uns das Leben gerettet." 
            "Bist du dir da sicher?! Kaum dass er euch einen Besuch abstattet, tauchen irgendwelche ominösen Fremden auf und versuchen uns mit einem Kran eins auf die Mütze zu gehen. Ich hab Horror-Trids gesehen, die so anfangen, meine Liebe. Nicht, dass er verfolgt wird."     
            "Ich habe ihn das schon gefragt und er sagt 'Nein'. Er meint, er hätte Vorkehrungen getroffen und dass wir in Sicherheit wären."    Largo atmete schwer aus und warf die Hände hoch: "Womit wir wieder bei meiner Eingangsfrage wären." Frustriert wandte sich der Zwerg um, die Hände nun in Hüften gestemmt und wollte zur Verdeutlichung seines Unmuts Auf- und Abgehen, als er etwas in der Ferne erblickte. Sofort griff er zu seinem Holster und knurrte: "Da kommen zwei Boote auf uns zu."          
            "Gemach! Gemach, kleiner Mann! Das sind lediglich zwei Wassertaxis, die ich bestellt habe." 
            Überrascht zog der Rigger beide Augenbrauen hoch und drehte den Kopf halb zu uns herüber. "WIE hat mich der Kerl gerade genannt?!"    
            Ohne ihn weiter zu beachten, schritt Yashida zu seiner Verl... zu Sunetra und redete mit ihr. "Die Taxis werden euch zu meinem Hotel bringen. Fragt an der Rezeption einfach nach Mitzu. Ich habe dort auf diesen Namen gebucht und werde euch in meinem Zimmer wieder treffen."           
            "Du kommst nicht mit uns mit?"         
"Nein, zuerst muss ich noch einige Dinge erledigen.  Aber bis ich da bin, wird sich eine alte Freundin um euch kümmern. Keine Sorge, euer Boot wird in guten Händen sein."     
            Damit war für den Japaner das Gespräch beendet. Rasch, aber ohne Hektik bestieg er das erste der beiden Wassertaxen und fuhr in eine unbekannte Richtung fort. Kaum legte sein Schiff ab, war unseres auch schon da. Ein grün-schwarz lackiertes Mitsubishi Nightsky mit edler Lederausstattung, AR-Tridschirmen, Matrixzugang und weiterem Schnickschnack für die besser Betuchten. Wenn hier alle Taxis von solcher Qualität waren, musste es den Dänen in der Skandinavischen Union besser gehen, als ich bislang gedacht hatte.
            "Holla, die Waldfee! So nobel bin ich lange nicht mehr gereist.", entfuhr es Alyssa, die nicht zögerte in das Schickimicki-Mobil einzusteigen. Cone, Largo und ich wechselten skeptische Blicke, als Sunetra ebenfalls einstieg, taten es den Frauen dann aber gleich. Unser Chauffeur überprüfte, ob wir alle auch anständig angeschnallt waren und fuhr dann los. Mit Höchstgeschwindigkeit rasten wir durch die Nacht auf die Küste des Megaplexes zu, vorbei an vorgelagerten Hafenanlagen, Yachten, weiteren Tankstellen, kleinen Fischverarbeitungsbetrieben und schwimmenden Supermärkten. Mittendrin war auch ein Stuffer Shack zu sehen, der eine Prise Dystopie in das ansonsten geradezu fröhlich lebendige Kopenhagen streute. Als wir in die Kanäle des äußeren Stadtrings fuhren, waren wir umgeben von steinernen Piers und historischen Bauten, die von den unterschiedlichsten Lichtern und grellen AR-Anzeigetafeln, die hier die Straßenschilder ersetzten, angestrahlt wurden.          
            Nun deutlich langsamer, aber sicherlich immer noch schneller als erlaubt, pflügte sich der Nightsky durch das Wasser in den alten Kanälen, sodass wir kaum die Viertel bestaunen konnten, durch die wir fuhren. Schließlich hielt das Schiff an einem unscheinbaren Steg an. Neugierig stiegen wir aus. Alyssa kletterte als letzte aus dem Boot und bemerkte, dass der Fahrer sie erwartungsvoll anstarrte.        
            "Was gibt's denn noch, Junior?"          
"In manchen Gegenden dieser Welt gibt man dem Taxifahrer ein Trinkgeld für die erbrachte Dienstleistung."          
            Die Magierin verdrehte genervt die Augen und zeigte auf Sunetra. "Frag doch ihren Macker! Wenn es nach mir gegangen wäre, wären wir jetzt auf dem Heimweg. Von mir bekommst du keinen müden Cent. Und jetzt zisch ab!" Daraufhin verzog der Mann seinen Mund angewidert und machte sich davon. Ihm tat es sicherlich am meisten leid, dass er Alyssa nicht sagen durfte, was sie ihn mal konnte, ohne dass er seinen Job riskierte. Der menschlichen Spruchschleuder jedenfalls tat es immer gut ihrer Umwelt möglichst auf den Sack zu gehen. So stapfte sie heiter gelaunt mit uns die Stufen zum Pier hinauf. Dort angekommen staunten wir nicht schlecht. Schließlich befanden wir uns nun im Einkaufsviertel für die gehobeneren Bevölkerungsschichten und starrten direkt auf das Waldorf Kopenhagen. Das sollte unser Hotel sein? Yashida dachte wohl nicht im Traum daran zu kleckern. Dabei hatte ich ihn nicht als Poser eingeschätzt.   
            Im Hotel ging die Noblesse natürlich weiter. Marmorne Säulen in der Empfangshalle. Dazu passender Boden aus rechteckigen Steinplatten, gemütliche Sofas mit roten Lederbezügen, eine gemütliche Bar samt Hockern, Ohrensesseln und einem echten Flügelklavier. Die Vorhänge hingegen waren lediglich Projektionen, die je nach Belieben blickdichter gemacht werden konnten, um mehr oder weniger Licht hereinzulassen. Da es im Moment noch draußen dunkel war, erfüllten sie nur einen dekorativen Zweck.          
            Allzu viel los war jedoch nicht - kein Wunder, immerhin war es bereits drei Uhr in der Nacht, als wir die geheiligten Hallen betraten. Nur einige wenige Nachtschwärmer hatten es sich nach langen Partys in der Stadt im Foyer gemütlich gemacht und nippten an ihren Getränken. An der Rezeption checkte gerade ein Mann in gehobenerem Alter ein. An seinem Arm hatte sich eine aufreizend gekleidete Frau eingehakt, die fast hätte seine Enkelin sein können, wenn sie nicht die spitzen Ohren gehabt hätte, die so typisch für das Elfenvolk sind. Zweifellos war sie ein Callgirl. Für eine ordinäre Nutte hatte ihre Kleidung zu viel Stil. Für einen Moment war ich neidisch auf den Mann, aber dann verließen die beiden die Rezeption und der junge Kerl hinter dem Tresen sprach uns in perfektem Englisch an.  
            "Ladies and Gentlemen, was kann ich für sie tun?"     
 "Guten Abend, wir haben eine Reservierung auf den Namen Mitzu."   "Sehr wohl. Einen Moment bitte."  
Der in feinen Zwirn gewandte Concierge telefonierte kurz und teilte uns dann mit, dass uns gleich jemand abholen käme. Tatsächlich dauerte es keine Minute, bis eine weißhaarige Frau Ende Zwanzig zu uns kam. Sie war komplett in weißen Leinenstoff gekleidet. Das kurze Jäckchen betonte ihre Taille und auch die Hose war perfekt auf ihre Maße zugeschneidert. Auf dem weißen Stoff stiegen schwarze Raben entlang ihrer linken Körperhälfte auf. Das Muster war so gut aufeinander abgestimmt, dass es am Übergang zwischen Hose zu Bluse und Jacke keinen nennenswerten Bruch im Motiv gab. Sie lächelte Sunetra kurz an, während sie für den Rest von uns bestenfalls Ignoranz übrig hatte.  
            "Bitte folgen sie mir."  
Ohne eine Antwort abzuwarten, wandte sie sich wieder um und schritt zum Aufzug. Die anderen sahen mich fragend an und ich zuckte mit den Achseln. Mir fiel in dem Moment auch nichts besseres ein, als der fremden Schönheit zu folgen. Also betraten wir mit ihr den Aufzug, wo sie den Knopf für den siebzehnten Stock drückte. Während der gesamten Fahrt, schwieg sie uns an. Langsam wurde mir etwas mulmig in meiner Haut und den anderen schien es auch nicht anders zu gehen. Alyssa spielte mit ihrem Halsschmuck. Cone wippte unablässig mit seinen Füßen auf und ab und Largo scannte den Aufzug Millimetergenau mit seinen Cyberaugen ab. Lediglich unsere Elfe ließ sich ihre Nervosität nicht anmerken - sofern sie es überhaupt war.    
            Endlich hielt der Aufzug an und die Türen verschwanden links und rechts in der Wand, um den Blick auf das Penthouse freizugeben. Yashida gab sich wahrlich alle Mühe uns seinen Reichtum vorzuführen, denn dieses Luxuszimmer kostete sicher mehr als siebenhundert Euro die Nacht. Das gesamte Penthouse bestand fast ausschließlich aus einem großen Raum, in dem sich der Wohnbereich den Platz mit einer privaten Bar teilte. Nur drei Glastüren zeigten den Weg zu weiteren Räumen. Wahrscheinlich handelte es sich dabei um die Schlaf- und Badezimmer. Statt Wänden aus Stahlbeton, waren zwei Seiten des Raums komplett verglast und boten einen beeindruckenden Blick auf die Lichter der Hauptstadt, der nur von den offen stehenden, silbrig glänzenden Jalousien durchbrochen wurde. Direkt zur Rechten des Aufzugs stand eine Couch, auf der sich mindestens acht Trolle breit machen konnten. Auch sie war aus Leder und umkränzte einen gläsernen Couchtisch, vor dem ein 86 Zoll-Trid-Schirm thronte.           
            An den beiden mit reliefartigen Mustern versehenen und weiß getünchten Betonwänden hingen Bilder mit moderner AR Kunst. Ich konnte mit diesem Kram eher weniger anfangen. Alles sah irgendwie nach hingekacktem Computercode aus, auf den man wahllos Texturtapeten draufgekotzt hatte. Eines der Bilder erkannte ich allerdings. Meine Ex stand auf diesen scheußlichen Krempel von Victor de Wortaczek - einem Zwergenkünstler, der mit einer Trollin und einer Menschenfrau zusammenlebte. Ich wagte mir kaum vorzustellen, wie das auch nur annähernd funktionieren sollte, wenn die zusammen in der Kiste... Am besten ich stoppte das Kopfkino, bevor es richtig los ging! Wenigstens musste ich beim Gedanken lächeln, dass auch Reichtum keinen guten Geschmack erzeugte.
            Die Frau mit den schwarzen Raben auf ihrer Kleidung marschierte schnurstracks zur Bar, die an der linken Seite der Wand angebracht worden war und fragte ohne sich zu uns umzudrehen: "Kann ich ihnen etwas zu trinken anbieten?"    
            Cone orderte ein Bier, Alyssa verlangte es nach einem Orangensaft, dem sich Sunetra anschloss, und ich entschied mich mit Largo für einen '68er Chateau Tremere, einem dunklen, rappeltrockenen Rotwein. Unsere Unbekannte drückte einige Knöpfe, worauf sich eine Klappe in der Wand öffnete und einige Drohnen sich anschickten die Getränke zu servieren. Hier war wirklich alles vom Feinsten, aber langsam wurde es Zeit für einige Antworten.           
            "Sunetra kenne ich bereits. Ich liege vermutlich richtig mit der Annahme, dass sie Largo, der Zwerg mit der weltbereisenden Tendenz, sind?", fragte sie aus dem Nichts heraus. Largo nickte zur Antwort und griff sich ein Rotweinglas vom Serviertablett.
            Nun wandte sich die Frau uns Orks zu: "Wer von ihnen ist Cone?" Mein Cousin nahm sich sein Bier und prostete ihr still damit zu. Sie musterte ihn einige Zeit lang und kommentierte abschätzig, dass sie sich das bei seinem Outfit hätte denken können.           
            "Mein Name ist Lina. Ich bin wie sie in den Schatten unterwegs und arbeite hauptsächlich in Skandinavien."        
            Alyssa nippte an ihrem Saft, leckte sich die Lippen ab und fiel der Runnerin ins Wort: "Sie sind Schamanin, oder?!"         
            Falls Lina mit Lightnings Benehmen ein Problem hatte, ließ sie es sich nicht anmerken. "Das ist korrekt. Mein Totem ist der Rabe. - Im Moment bin ich ihre Liaison zu Mr. Himoto-San bis hier das Chaos beseitigt wurde."         
            Nacheinander sah sie uns alle an, als würde sie eine spezielle Reaktion von uns erwarten. Wir allerdings hielten uns lediglich an unseren Gläsern fest und starrten mit regungslosen Gesichtern zurück. Nachdem sie verstanden hatte, dass wir die Nacht mit gegenseitigem Anstarren verbringen würden, fuhr sie fort. "Da wir nun unsere Identitäten geklärt haben, wollen sie sicher wissen, was hier los ist!?"    
            "Ich bitte darum." Mit sanften Bewegungen aus dem Handgelenk schwenkte ich den Rotwein in dem bauchigen Glas ohne Lina aus den Augen zu lassen.
            "Vor etwa einer Woche bat mich Mr. Himoto-San nach einer alten Freundin von mir zu suchen." Sie zeigte auf die Elfe in unserer Runde. "Damit meine ich dich, Sunetra. Danke übrigens für deine Hilfe in Honolulu."  
            Die Magierin zuckte jedoch nur mit den Achseln und machte ein peinlich berührtes Gesicht. "Ich hab keine Ahnung, ob ich SIE kenne. Leider hab ich da so ein kleines Amnesieproblem."       
            Lina machte eine mitleidige Miene. "Jedenfalls, als ich deinen Namen gehört hatte, sagte ich Himoto-San meine Hilfe zu. Er teilte mir mit, dass du voraussichtlich in Nord- und Mitteleuropa zu finden sein würdest. Also hab ich im Schattennetz meine Fühler ausgestreckt und mir den ganzen Tratsch angehört, im Panoptikum mehrere Suchanfragen durchgeführt und auch magisch nach dir gesucht. Schließlich fand ich durch meine Recherchen heraus, dass eine Gruppe namens Shiken, ebenfalls nach dir sucht. Ich hab mich also an die Shiken gehängt und bin über die Nachricht von einem Schmuggelteam gestoßen, das auf einem Run nach Kopenhagen unterwegs sei. Zwei Magier sollten unter ihnen sein. Wie ihr sicher wisst, ist bei einer Runnergruppe von der Größe der Wild Cards normalerweise maximal ein einziger Magier dabei. Also hab ich euch näher unter die Lupe genommen und bin auf Kamerafeeds gestoßen, die in Tønder aufgenommen wurden. Da hab ich dich erkannt und Mr. Himoto-San informiert."      
            "Lass mich raten: er kam auf direktem Weg aus Japan hierher? - Dachte ich es mir doch. Shiken, ja?! Wenn die nach mir suchen, erklärt das den wildgewordenen Lastkran am Hafen."           
            Nun schien die Schamanin verwirrt zu sein und ließ sich von Sunetra erklären, was uns etwas früher am Abend zugestoßen war. Nachdem sie ihre Geschichte beendet hatte, ging Lina einige Male nachdenklich auf und ab. "Nein, das macht keinen Sinn. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass das die Shiken gewesen sein sollen."     
            "Warum?"       
"Ganz einfach: Es passt nicht zu den Methoden der Shiken, solche Technikspielereien zu nutzen. Sie suchen die direkte, persönliche Konfrontation und setzen Magie ein. Außerdem, wenn das die Shiken gewesen wären, würde Mr. Himoto-San sich doch nicht mit euch treffen wollen."        Mir schwante in diesem Moment, worauf die Schamanin heraus wollte. "Bitte werden sie etwas genauer!"       
            Doch bevor sie antworten konnte, ertönte eine wohlbekannte Stimme in unseren Rücken. "Weil ich Mitglied der Shiken bin!" Ich drehte mich um und sah, wie Yashida Himoto aus dem Fahrstuhl kam und sich zu uns gesellte. "Shiken stammt von dem Slangausdruck für 'Bruderschaft' ab und ist nur ein griffigerer Name für das MRU-13."   
            Alyssa klappte der Unterkiefer nach unten und sie hätte fast das Glas aus der Hand fallen lassen. "Sie sind einer der Zehn?"
            Der Japaner nickte ihr mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck zu. Er hatte wohl mit einer solchen Reaktion gerechnet. Bis auf Sunetra hatten wir anderen, also die Normalos unter den Wild Cards, noch nie von diesem MRU-13 gehört. Daher erklärte uns Lightning, was es damit auf sich hatte.       
            "Mitsuhama Computer Technologies ist ein Triple-A-Konzern aus Japan. Wie ihr sicher wisst, ist MCT der weltweite Marktführer im Entertainmentbereich. Zusätzliche, sehr erfolgreiche Standbeine haben sie sich in den Sparten Schwerindustrie und Magie erarbeitet. Dabei geht MCT sehr aggressiv gegen Werkspionage, Mitbewerber und im Bereich der Forschung vor. MRU-13 ist ein Akronym und steht für Mitsuhama-Research-Unit-13. Diese Gruppe ist der magische Forschungsarm des Konzerns und verantwortlich für die Entwicklung vieler bahnbrechender magietheoretischer Konzepte und verfügt über nahezu unbegrenzte Ressourcen."    
            Ein schmales Lächeln huschte über Yashidas Gesicht. "Sie vergessen, dass wir zudem noch für den konzerninternen magischen Schutz zuständig sind. - Trotz ihres Mangels an Konzentration und Disziplin, konnte ihnen Richard einiges beibringen. Ich bin angenehm überrascht."    
            Bei der Erwähnung des Namens ihres Vaters schien sich eine schwarze Wolke der Missgunst über Alyssas Kopf zusammenzubrauen und sie verstummte, um Yashida fortan finster anzublicken. Es klang logisch, dass sie durch ihren Vater, der Exec bei EVO war, von MRU-13 erfahren hatte.
            "Der kleine Exkurs ist ja ganz nett und informativ, aber hier passt doch einiges nicht so ganz zusammen."       
            Yashida sah mich geringschätzig an. Scheinbar mochte er wie viele Japaner keine Hauer, wie man Orks und Trolle herablassend nannte. Mir egal, ob dem Kerl unwohl in der Hose wurde, wenn er sich mit unsereins abgeben musste.  
            "Lina hat uns gerade erzählt, dass die Shiken nach Sunetra suchen würden und sie sich an deren Spuren gehangen hätte, um die Elfe zu finden. Wenn SIE aber ein Mitglied der Shiken sind, warum haben sie dann Lina beauftragt ebenfalls nach Sunetra zu suchen?"      
            Die Magierin ging kurz in sich. "Interessanter Einwand, Hendrik. Also was ist hier los? Und ich bitte nicht um den heißen Brei zu reden!" 
            Der schlanke Japaner neigte seinen Kopf ein wenig, um Demut zu demonstrieren. Ihm musste viel an der Elfin liegen, dass er sich zu einer solchen Geste herabließ.           
            "Du hast recht. Ich entschuldige mich für die Verwirrung. Um Licht ins Dunkel zu bringen, muss ich allerdings ein wenig weiter ausholen. - Vor etwa sechs Monaten haben wir ein revolutionäres Experiment in Magietheorie durchgeführt..."    
            "SCHNARCH!", rief Largo dazwischen, "Ich bin dann mal weg. Gebt mir nachher einfach die Zusammenfassung!" Kaum ausgesprochen wurde sein Blick glasig. Er hatte sich über seine Cyberaugen einfach in einen Matrixkanal eingeklinkt und schaute nun wahrscheinlich eine Sportübertragung an... oder einen Porno. Zuzutrauen war dem Kerl beides. Yashida jedenfalls musste einige Male irritiert Blinzeln, was ich mit Genugtuung zur Kenntnis nahm.
            "Ähem...also, wir untersuchten das Verhältnis von Mentorgeistern zu normalen Geistererscheinungen und stellten fest, dass sich Mentorgeister extrem selten manifestieren. Sie müssen wissen, dass die Shiken der hermetischen Tradition anhängen, die versucht Magie mit den Methoden der Wissenschaft begreiflich zu machen und zu bändigen."    
            Alyssa vergaß über ihre Neugier für einen Moment, dass sie eigentlich nicht mehr mit dem affektierten Mistkerl reden wollte. "Sagen sie bloß, dass sie nach einem Weg gesucht haben einen Mentorgeist zu beschwören?"  
            Wiederum nickte der Japaner nur kurz zur Bestätigung. "Jeder Magier verfügt über eine gewisse Affinität zu bestimmten Geistformen. Schamanen bauen eine spirituelle Verbindung zu einem ihrem Charakter zugehörigen Totem auf. Dieses Totem kann als Kompass durch die Irrgärten des Astralraums ungemein hilfreich sein. Wir wollten es Hermetikern ermöglichen ein eigenes Totem in Form eines Mentorgeists zu entdecken."     
            Nun war es an Cone das Gespräch zu stören. "Ich brauch noch mehr Bier!", stöhnte er und schlurfte angeödet zur Bar. Wiederum lenkte das Benehmen unserer Kameraden Yashida von seiner Geschichte ab. Er sah dem Ork hinterher und schüttelte den Kopf. Die japanische Elfe brachte ihn wieder zurück in die Unterhaltung.
            "Ihr habt also ein Experiment durchgeführt!?"            
"Ja. Auf den ersten Blick schien es erfolgreich zu laufen, aber dann waren fünf Mitglieder des Zauberzirkels tot und die Wachmannschaft war förmlich zerfetzt worden."     
            Bei der Beschreibung wurde Sunetra aus mir unerfindlichen Gründen sichtlich unwohl. Betreten löste sie den Augenkontakt und sah zu Boden. Dem Mann aus Fernost schien das ebenfalls aufgefallen zu sein. "Du warst eine heiße Kandidatin auf einen Platz unter den Zehn der Shiken. Darum fiel unsere Wahl für dieses Experiment auch auf dich. - Sag, was ist damals passiert? Wir konnten die Ereignisse leider nicht rekonstruieren und tappen seitdem im Dunklen."           
            "Ich weiß es nicht mehr. Ich hab lediglich einige vage Bilder von einem Ritual im Kopf - und von Leichen, die um mich herum liegen. Aber ich bekomme sie in keinen sinnvollen Zusammenhang. Allerdings habe ich seitdem Kontakt zu einem Mentorgeist."
            "Es hat geklappt?!", rief Yashida erfreut, "Welcher ist es?"
"Susanoo, der Herr des Wassers und der Winde."       
            "Der Hai ist in deinem Kopf?! Ha! - Das passt zu dir, meine Liebe." Plötzlich hielt wieder ein traurig grimmiger Ausdruck auf seinem Gesicht Einzug. "Dennoch... es tut mir leid, dass ich dir diese Nachricht überbringen muss, aber seit dem Tag, an dem das Unbeschreibliche geschehen ist, giltst du als eine Verräterin an den Shiken."
            "Ich verstehe.", kommentierte Sunetra mit versteinerter Miene, was Alyssa veranlasste nachzuhaken. "Wie, was... was meint der Kerl damit?"
            "Gemäß dem Ehrenkodex des Bushido müssen sie mich jagen und dann töten."       
            "Wenn du ihr auch nur ein Haar krümmst, bekommst du meinen Karnickelfangschlag im Genick zu spüren!", drohte mein Cousin unerwartet von der Bar herüber, wo er sich bereits das dritte Bier einschenkte. Nun war es an der Zeit für Yashida die Augen zu verdrehen und zu seufzen.          
            "Ich dachte, sie hätten bereits am Hafen ihre Lektion gelernt, Ork! Mit mir können sie es nicht aufnehmen. Abgesehen davon hätte ich Sunetra bereits angegriffen, wenn ich vor hätte die Order auszuführen."   
            Cone zuckte mit den Achseln und nahm einen tiefen Schluck aus dem Glas. "Auch wieder wahr. Was hält sie davon ab?"
            "Sie ist meine Verlobte. Darum erlaubte man mir nach ihr zu suchen. Doch als ich nach drei Monaten immer noch keine Ergebnisse vorzuweisen hatte, setzte die Firma das Urteil in Kraft. Aber ich habe im Geheimen weiter nach dir gesucht, meine Liebe. Und wenn es mir gelang dich zu finden, werden andere es auch tun können. Du musst dich also vorsehen!"  
            "Du bist aber dennoch überzeugt davon, dass es nicht die Shiken waren, die uns am Hafen angegriffen haben?"     
            "Wie Lina bereits ausgeführt hat, ist das nicht unser Stil. Also nein, ich glaube nicht, dass es meine Leute waren. Entweder sucht noch jemand nach dir oder den anderen. Ich habe keine Ahnung, wer es gewesen sein könnte, aber Lina hat dich über die Recherchen der Shiken aufgespürt. Vielleicht kam noch jemand auf die gleiche Idee wie sie."
            "Gibt es einen Weg die Shiken zu befriedigen, indem ich meine Unschuld beweise?"  
            Yashida schüttelte langsam den Kopf, nachdem er einige Momente über Sunetras Worte nachgedacht hatte. "Nein. Es würde deine Verhandlungsposition stärken, aber wenn die Zehn einen Entschluss gefasst haben, käme es einem Gesichtsverlust gleich, das Todesurteil zu revidieren. Denn die Zehn gelten als unfehlbar. Abgesehen davon haben sie an diesem Schicksalstag Freunde verloren und wollen ihren Tod gerächt sehen.
            Dir bleiben also nur zwei Möglichkeiten. Du musst beweisen, dass du immer loyal warst und der Firma einen unschätzbaren Dienst erweisen kannst. Dann können die Zehn das Urteil zum Wohl des Konzerns umwandeln." 
            "Was soll sie denn machen? Lofwyr den Kopf abschlagen?", lachte der Zwerg laut auf. Wir alle sahen überrascht zu Largo, der sich so unvermittelt wieder ins Gespräch eingeklinkt hatte. Der blickte nur sauertöpfisch zurück, murmelte etwas von 'Werbeunterbrechung' und schaltete wieder ab.       
            "Sie erwähnten zwei Möglichkeiten...", erkundigte sich Alyssa und irgendwie ahnte ich schon, was die Alternative sein würde.
            "Seppuku."      
"Das können sie sich gleich abschminken!", platzte es aus mir heraus, "Eher stellen wir uns ihren ach so prinzipientreuen Freunden. Mir ist ein offener Kampf eh lieber."          
            "Selbst wenn sie meine neun Brüder und Schwestern besiegen könnten - und das können sie nicht - lassen sie sich nicht von dem Namen Zehn täuschen. Wir verfügen über eine große Zahl an Untergebenen und Handlangern. Sie wären schon lange tot bevor sie auch nur den Namen eines der Mitglieder herausgefunden hätten."
            Am liebsten hätte ich direkt mit diesem kleinen Scheißer angefangen. Mir war es egal, wie meine Chancen standen. Niemand schlägt einem Freund vor sich selbst umzubringen. So sehr ich mich für Japans Kultur interessierte, so sehr verachtete ich die verquastete Moral, hinter der sich viele von ihnen versteckten.    Doch bevor ich mich dazu durchringen konnte, von dem Telekinet aufs Maul zu bekommen, wechselte Sunetra das Thema.         "Hmmm Susanoo ist der Hai, und der Hai symbolisiert auch unkontrollierte Gewalt. Könnte es sein, dass ich im Laufe der Beschwörung zum Berserker wurde?" 
            "Nein, auch das glaube ich nicht. Es muss erst Blut vergossen worden sein, um in den Berserkerzustand zu verfallen. Etwas anderes ist geschehen und es ist an der Zeit mit deinem Mentorgeist ein paar Worte zu wechseln."       
            "Ich muss dich warnen. Susanoo ist zuweilen ein ziemlich zickiges Arschloch. Der redet nicht mit jedem und wenn, nur dann, wenn es ihm auch in den Kram passt." 
            Lina räusperte sich laut und wartete bis sie unsere volle Aufmerksamkeit genoss. "Ich habe mein Refugium nicht allzu weit von hier. Dort ist die Verbindung zur magischen Welt deutlich stärker als hier und es sollte so möglich sein, diesen Susanoo dazu zu zwingen sich mit dir zu unterhalten."     
            "Es käme auf einen Versuch an.", stimmte die Elfenmagierin zu. Der Japaner wandte sich an Alyssa: "Sie könnten Sunetra als ihre Schülerin zur Hand gehen." 
            "Ich bin nicht...", protestierte sie, fing sich aber gleich wieder. "... dennoch werde ich einer Freundin gerne helfen."          
            "Sehr gut. Ich habe auf dem Dach des Gebäudes einen Helikopter, der auf uns wartet. Wir können gleich starten."           
            "Super! Solange ihr Gandalf Arschflöte spielt, können wir Normalsterblichen ja unsere Beine hochlegen. Kommt, Jungs, wir haun uns auf die Couch und ziehen uns einen Film rein. Hab eben schnell den neusten Karl Kombatmage Streifen aus dem Netz gesaugt." Mit diesen Worten warf sich Largo mit vollem Gewicht auf die Couch, sodass diese einige wenige verschämte Knackser von sich gab, aber beharrlich weigerte zusammenzubrechen.          
            Es geht doch nichts über Wertarbeit.
***
            Als der Hubschrauber behäbig vom Dach des Waldorf Kopenhagen abhob, dämmerte es bereits am Horizont. Der Pilot ging auf Kurs in den Nordwesten des Megaplexes und Sunetra beobachtete die Straßenzüge, die unter ihnen vorüber huschten. Lange Zeit hatte sich die Stadt gegen die Veränderungen in der der Erwachten Welt gewehrt und hartnäckig versucht die historische Architektur beizubehalten, aber an einem gewissen Punkt war die Stadt, hektisch Metastasen bildend, so weit angewachsen, dass sie die gesamte Öresundregion ausfüllte. Spätestens seit dieser Zeit war auch den letzten Nostalgikern klar geworden, dass die billigen Plattenbauten und futuristischen Konzerngebäude nicht mehr wegzudiskutieren waren. Inzwischen gab es eine ganze Reihe von Vereinen und Initiativen, die sich damit beschäftigten, die neuen Immobilien besser in das ursprüngliche Stadtbild zu integrieren - mit teils sehr unterschiedlichem Erfolg. Wer beispielsweise ein nachträglich verklinkertes Hochhaus inmitten einer ursprünglichen, krampfhaft spießigen Vorstadtsiedlung sieht, wird sich ein Lachen nicht verkneifen können.     
            Nach etwa zwanzig Minuten war es deutlich heller geworden und der Helikopter hatte das Ziel seiner Reise, das Dach eines Wolkenkratzers, erreicht. Sachte setzte der Pilot die Maschine auf und schaltete den Motor ab. Yashida, Sunetra, Lina und Alyssa stiegen aus dem Hubschrauber aus und folgten der Schamanin zu einem Bretterverschlag. Vor dem Eingang fläzte sich eine hundeähnliche Gestalt aus Rauch, die aufsah als ihr Frauchen auf der Bildfläche erschien. Aufgeregt sprang sie auf und flitzte Lina um die Beine bis sie ihr über die körperlose Erscheinung strich. Schließlich beruhigte sich das Wesen wieder, legte sich erneut vor den Eingang zur Hütte und ließ die Besucher passieren.         
            Im schwach beleuchteten Inneren machten es sich die Magier auf den auf dem Boden liegenden Fellen gemütlich. Die Wände waren mit Tierhäuten, Federn und Knochen verziert worden. "Nettes Wigwam hast du dir da aufgebaut."  
            Wie schon zuvor ignorierte die Schamanin die menschliche Zauberin und sprach nur zur Elfe und dem Japaner. "Sunetra, du leitest das Ritual. Die anderen beiden werden dir assistieren und ich werde Wache halten - nur für den Fall, dass hier unerwünschte Geister auftauchen sollten."          
            Danach wies sie jedem einen Platz zu, von dem man sich nicht wegbewegen sollte und entzündete dann mehrere Räucherkerzen, die bereits kurz darauf einen angenehmen, beruhigenden Duft verbreiteten. Die vier Magier saßen so dicht beisammen im Kreis, dass sie sich beinahe berührten. Alle schlossen nun die Augen und begaben sich in einen meditativen Zustand. Es vergingen mehrere Minuten, in denen sie nur das Pfeifen des Windes hören konnten, das von Draußen hereindrang. Schließlich schien aus dem Nichts eine Pfütze auf dem freien Boden in ihrer Mitte zu entstehen. Mit sanftem Gluckern begann es zu sprudeln und Gestalt anzunehmen. Mühsam erhob sich eine Wassersäule, auf dessen Oberfläche sich die Konturen eines Gesichts herausbildeten. Eine scharf geschnittene Nase schob sich nach außen, zwei etwas zu weit auseinander liegende Augen wurden geöffnet und ein mit vielen Zähnen bewehrtes Grinsen erschien.         
            "Hallo kleine Elfe. Was willst du von mir?", hauchte Susanoo. Seine Worte waren von einer solchen Kälte durchsetzt, dass die Anwesenden spontan fröstelten.   
            "Zeig mir, wie wir uns kennengelernt haben!" 
"Du willst wirklich wissen, was bei unserer ersten Zusammenkunft geschehen ist? Bist du wirklich bereit für die grausame Wahrheit, Akolyth des Grauens?"       
            "Ich bin die Jägerin."   
"Dann sei es so." Die letzten Worte des Geistes dehnten sich in die Unendlichkeit und hallten in den Köpfen der Hermetiker wider.        Als sich Sunetra traute wieder ihre Augen zu öffnen, fand sie sich in einem Tempel wieder, der teilweise auf hölzernen Stelzen über dem Meer schwebte.  Der Ritualraum war zu drei Seiten offen und bot einen atemberaubenden Ausblick auf die Landschaft, die sie umgab. Obwohl die Sonne schien, erfrischte sie ein laues Lüftchen von der See. Da der Tempel auf einer Anhöhe gelegen war, konnte die Elfe auf das Meer herabsehen. Ein schmaler Pfad schlängelte sich vom Gebäude zum Strand hinunter. Sunetra selbst saß in kniender Position auf Bambusmatten und hatte ihre Arme vor dem Brustkorb verschränkt.      
            In weiße Roben gehüllte Priester ordneten Schüsselchen mit Räucherstäbchen um sie herum an und führten Reinigungsrituale durch. Ein sonorer Singsang aus mehreren Kehlen brachte den Raum zum Schwingen. Ohne mit dem Singen aufzuhören, nahmen die Priester Platz und ließen ihre Oberkörper sanft kreisen. Fern des Tempels bildete sich auf dem Meer eine unnatürliche Welle, die unablässig auf das Festland zurollte. Dabei türmte sie sich immer mehr auf, bis sie fast acht Meter hoch aufragte. Als sie den Strand fast erreicht hatte, flachte die Welle rasch ab und donnerte mit ohrenbetäubendem Getöse gegen die Pfähle, die im Meeresboden steckten und den Ritualraum trugen.  
            Irgendwie musste das Holz des Tempels als eine Art Leiter fungiert haben, denn Sunetra spürte, wie eine unbekannte Präsenz zu ihr in den Kopf schlüpfte. Die Elfin war ganz aufgeregt. Das Experiment hatte offensichtlich geklappt. Nun musste sie nur noch mit dem Geist Kontakt aufnehmen. Wer es wohl war, der ihr nun Gesellschaft leistete? Also rief sie frohgemut das Wesen an. Doch das einzige, das sie als Antwort erhielt war ein undefinierbares Zischeln und Fauchen, das ihr schon bald im Schädel schmerzte. Sie unterdrückte den Impuls sich an den Kopf zu fassen und bat den Geist erneut darum mit ihr zu reden. Doch statt zu ihr zu sprechen, schrie sie der Geist nur noch panisch an. Was hatte er nur? 
            Plötzlich begann einer der Priester lautstark zu Husten und zu Würgen. Sein Körper zuckte unkontrolliert. Seine Kollegen stellten ihren Gesang ein und sahen besorgt zu ihm herüber. Das unwillkürliche Zucken endete so schnell wie es gekommen war und der Oberkörper verkrampfte sich mit einem Mal so stark, dass sie hören konnten, wie Knochen unter der Anstrengung nahezu barsten und Sehnen bis zum Zerreißen gedehnt wurden. Einer der Priester sprang auf die Füße und wollte seinem Freund zu Hilfe eilen, doch ein unscharf wabernder Tentakel peitschte aus dessen Rücken und riss dem Mann die Kehle auf. Wie eine groteske Sprinkleranlage schoss das noch schlagende Herz den Lebenssaft aus der unnatürlichen Öffnung und benetzte den Ritualraum ringsum mit roter Farbe. In einer sinnlosen Geste griff der Priester zu seinem Hals, um die Blutung zu stoppen. Er war längst tot. Sein Körper hatte es nur noch nicht begriffen.        
            Geschockt waren zwei weitere Priester von ihrem sterbenden Kollegen davon gekrochen. Zu dem ersten Tentakel gesellten sich noch zwei, drei, vier, fünf weitere, die ebenfalls mit jedem Schlag, die Luft durchschnitten. Zwei der Tentakel bekamen den Fuß eines der Flüchtenden zu fassen und zogen ihn näher heran. Einen Moment lang verharrten die übrigen Tentakel regungslos in der Luft, als könnten sie sich nicht entscheiden, was sie tun sollten, während der arme Mann am Boden verzweifelt versuchte zu entkommen. Dann bohrten sich zwei von ihnen wie Speere durch dessen Schultern und pinnten den Priester an den Boden. Er schrie wie am Spieß und zappelte nun nur noch mehr. Mit einem verbliebenen Fortsatz schlug das Wesen links und rechts der Wirbelsäule mehrfach auf den Brustkorb. Mit jedem Treffer stob eine feine Wolke aus Bluttröpfen hoch und verteilte sich in der Luft. Das Schreien des Priesters war nun zu einem schmerzerfüllten Gurgeln übergegangen. Mit zwei pfeilschnellen Bewegungen fuhr der Tentakel über den Rücken seines Opfers und riss mit einem feuchten, schmatzenden Krachen die Rippen hinfort als wolle er eine Konservendose öffnen. Was auch immer dort erschienen war, hatte eine perverse Freude am Leid des Priesters, denn es hatte bewusst die Wirbelsäule verschont, um ihn möglichst lange am Leben zu halten.  Mittlerweile hatte der Mann jeden Widerstand aufgegeben. Lediglich seine Hände und Füße zuckten noch ein wenig.        
            Als hätte das vergossene Blut die Macht des Tentakelwesens verstärkt, manifestierten sich die vorhin noch unscharfen und detaillosen Extremitäten und eine Art zweiter Körper mit schwarz geschuppter Oberfläche schob sich über den des besessenen Priesters. Die Schuppen waren silbrig glänzend und dort wo sich zuvor der Hals des Menschen befunden hatte, prangte nun ein Maul mit Klauenzähnen - Sabber und Geifer troff von ihnen herab.       
            Nun wandte es sich wieder seinem Spielzeug zu und zog seine Tentakel aus dessen Schultern. Dann stieß es sie oberhalb des Steißbeins wieder in den Körper des armen Mannes und zog seine Wirbelsäule nach oben hinweg als würde es einen Fisch entgräten. Endlich verstummte der Priester und das Monster stürzte sich auf die nun freiliegenden Eingeweide. Es machte dabei Geräusche, die einen anderen Priester in den Wahnsinn trieben. Er lag auf der Seite, betrachtete das Schauspiel mit einem irren Grinsen und kicherte vor sich hin.      
            Noch bevor das Geistwesen sein Mahl beenden konnte, wurde es von einem Feuerball getroffen. Es schrie vor Schmerzen auf und wandte sich der einzigen Priesterin zu, die in Angriffshaltung dastand und sich auf den nächsten Zauber vorbereitete. Doch soweit kam sie nicht mehr. Sechs gierige Tentakel schossen nach vorne und rissen ihren Körper der Länge nach entzwei.          
            Plötzlich erklangen Schüsse als der Lärm ein bewaffnetes Einsatzteam von Wachleuten auf den Plan gerufen hatte. Das Monster kümmerte sich umgehend um sie.        
            In Sunetras Kopf erklang immer noch der angsterfüllte Schrei der Präsenz und sie sah sich außerstande etwas anderes zu tun als ihren Kopf festzuhalten, damit er nicht explodieren würde. Dann hatte sie ihren ersten Blackout. Als sie die Augen wieder öffnete, erblickte sie zwei wieder zum Leben erweckte Priester, die mit dem Monster gegen die anrückenden Truppen kämpften. Das Bild wurde wieder schwarz und als sie erneut etwas sehen konnte, war sie von Blut und Leichenteilen umgeben. Es war als hätte sich der siebte Kreis der Hölle dazu entschlossen einen Betriebsausflug zu machen.    
            Der Tintenfischpriester hatte nun ein Auge auf die Elfe geworfen und kam langsam näher. Hasserfüllte Panik kämpfte sich endlich an die Oberfläche ihres Verstandes und verpasste der heulenden Präsenz eine schallende Ohrfeige. Mit einem Mal verstummte der Geist und Sunetra wurde sich bewusst, dass sie nun sterben würde. Der Priester griff an und verpasste ihr einen Schlag, der ihr jeden Knochen im Leib hätte brechen müssen, aber im letzten Augenblick erzeugte der Mentorgeist in ihrem Kopf eine Art Schild um sie, weswegen sie unbeschadet dutzende von Metern durch die Luft nach draußen flog. - Blackout    
            Zu ihrem eigenen Entsetzen musste sie feststellen, dass der Mentorgeist die Kontrolle über ihren Körper übernommen hatte und den Tintenfischpriester angriff. Der Geist schrie seinen Hass heraus und eine Wand aus Tentakeln prasselte auf sie ein.        
            Wieder wurde ihr schwarz vor Augen und als sie erneut etwas sah, taumelte sie über einen Steg zur Küste. Sie war über und über mit Blut beschmiert. Die weiße Robe, die sie zuvor getragen hatte, eignete sich nun nur noch, um einen Stier in den Wahnsinn zu treiben. Fast hätte sie wieder die Besinnung verloren und wäre ins Meer gestürzt. Ihre Schulter brannte und sie sah fasziniert ein Loch in ihrer rechten Körperhälfte. Seltsam, sie hätte gedacht, dass man durch eine solche Wunde mehr Blut verlieren müsste. Derart abgelenkt stolperte Sunetra über eine Planke, die etwas weiter nach oben abstand und schlug der Länge nach hin. Erneut verlor sie das Bewusstsein.   
            Dann waren da zwei Hafenarbeiter, die sie zu einem Schiff schleppten und ihre Wunden versorgten. Warum taten sie das? Kannten sie sie oder war es schlicht ein Akt der Barmherzigkeit? Nach einem weiteren Blackout fand sie sich unverletzt in einem Container wieder, der mit den Innereien von jemandem - den Arbeitern vielleicht? - bestrichen worden waren. Sie schrie und jammerte und verlor zum letzten Mal das Bewusstsein.          

            Als die Elfin in ihren real existierenden Körper zurückgeworfen wurde, registrierte sie, dass sie leise vor sich hin schluchzte, mechanisch die Nase hochzog und Tränen sich wie flüssiges Metall aus ihren Augen auf die Wangen ergossen hatten und teuflisch brannten. Die Erinnerung war beinahe zu viel für sie gewesen. Unter normalen Umständen wäre ihr eine derart emotionale Reaktion in der Öffentlichkeit peinlich gewesen, doch dann sah sie, dass Alyssa ebenfalls weinte und sogar Yashida mit sich zu kämpfen hatte. Es musste besonders für ihn schlimm gewesen sein, zu sehen, wie seine Freunde abgeschlachtet wurden. Er mag ein harter Hund sein, aber so etwas lässt niemanden kalt.     Lina hatte von all dem nichts sehen können, da sie Wache gehalten hatte. Daher schaute sie besorgt in die Runde, war aber erleichtert, als sie feststellte, dass es den dreien gut ging. In der Mitte zwischen ihnen thronte immer noch Susanoos wässrige Manifestation in der diesseitigen Welt.           
            "Die Jägerin war noch nicht bereit die Bürde der Erinnerung zu tragen.", kommentierte er trocken und unbekümmert den Zustand seiner Herrin.           
            Sunetra nahm all ihre Kraft zusammen, schluckte die entsetzliche Traurigkeit herunter und konzentrierte sich, damit ihre Stimme kraftvoll und stabil klang und nicht wie die eines mickrigen Mäuschens. Sie hatte einen Ruf zu verlieren und dachte nicht im Traum daran dem Mentorgeist ihre Schwäche zu offenbaren. 
            "Was war das für ein Wesen, das vom Körper des Priesters Besitz ergriffen hatte?"    
            Die Wassersäule mit dem fischigen Gesicht betrachtete die Elfenmagierin eine Weile, bevor sie antwortete. "Es war der Dämon Ocyon, der in der Tiefe der Meere wartet und die Toten jagt. Mein Erzfeind jagt Schiffe, um die ertrinkenden Seefahrer in die Dunkelheit zu zerren."  
            Das erinnerte Sunetra an etwas, das Susanoo vor Kurzem zu ihr gesagt hatte. "Du hast gestern im Kanal erwähnt, dass du dich gerne mit einigen deiner Erzfeinde angelegt hättest. War Ocyon unter ihnen?"   
            "Nein."
Mit seiner Antwort beendete Susanoo das Gespräch. Wellen liefen über die Oberfläche der Manifestation und das Gesicht verschwand wieder im Inneren des Wassers. Mit einem saugenden Geräusch fiel die Gestalt in sich zusammen und platschte auf den Boden des Refugiums zurück ohne einen einzigen Tropfen Flüssigkeit als Beweis seines Erscheinens zu hinterlassen. Fasziniert strich Alyssa über die Felle. Sie waren komplett trocken.         
            "Yashida, habt ihr die Leichen aller Priester geborgen?"
Der Japaner rang immer noch um seine Fassung, aber er schaffte es der Elfe Rede und Antwort zu stehen. "Das was davon übrig war."            "Habt ihr auch die des Priesters gefunden, der von Ocyon übernommen worden wurde?"  
            "Ich bin mir nicht sicher." Der Japaner schluckte als er sich zu erinnern versuchte. "Wir hatten so viele Leichenteile zu untersuchen, die wir nicht genau zuordnen konnten, aber ich glaube, dass ein Kopf fehlte. Es könnte also sein, dass er noch lebt."  "Wie lautet der Name des Priesters?"       
"Hoshogo." Yashida dachte einen Moment über seinen Freund nach und ihm fiel wieder etwas ein, das er noch nicht bedacht hatte. "Er war einer der treibenden Kräfte hinter der Mentorgeistbeschwörung. Er beschäftigte sich schon seit Jahren mit den theoretischen Konzepten, die uns bei diesem Ritual als Grundlage dienten. Hoshogo war sehr ehrgeizig und etwas enttäuscht, als du für die Beschwörung ausgewählt wurdest. Vielleicht hatte er zuvor an sich selbst experimentiert und etwas ist dabei schiefgegangen. Oder hat er versucht während des selben Rituals zwei Geister anzulocken? Einen für dich und einen für sich?"   
            Nun wurde es still im Refugium und Alyssa überlegte einen Moment, bevor sie sich äußerte: "Ich bin mir nicht sicher, ob das in der Absicht des Priesters lag. Ihr habt ein sehr mächtiges Ritual durchgeführt und einen entsprechend kräftigen Manafluss erzeugt. Dadurch könnte schlicht eine weitere Kreatur angelockt worden sein und hat die Situation für sich ausgenutzt. Ich glaube jedenfalls nicht, dass jemand die Shiken verraten hat. Wahrscheinlich war es einfach nur Pech."  
            Nun meldete sich auch die Schamanin zu Wort und nickte der menschlichen Magierin zu. "Höret die Weisheit des Raben: Wer mit seinem Totem Kontakt aufnimmt, riskiert auch dessen Feinde anzutreffen."   
            "Mein Reden!" Alyssa schlug sich frustriert mit der flachen Hand auf den Oberschenkel. "Und was ist das Ergebnis? Sunetras eigene Leute wollen sie ermorden. Dabei rennt das Arschloch, das das zu verantworten hat irgendwo da draußen rum und bringt wahrscheinlich wahllos Leute um."      
            Yashida wirkte sehr nachdenklich, als er aufstand. "Es ist an der Zeit, dass wir wieder zum Waldorf zurückkehren." Kaum hatte er die Worte ausgesprochen, stapfte er aus dem Verschlag in Richtung Helikopter und verfiel wieder in stilles Brüten. Alyssa folgte ihm schweigend und auch Sunetra stand auf. Am Eingang hielt sie die Schamanin auf.  
            "Es war schön dich wieder zu sehen, alte Freundin."  
"Du kommst nicht mit?"          
            "Nein, ich werde hier bleiben und ein wenig meditieren. Es ist in den letzten Wochen so viel geschehen, über das ich nachdenken muss. Ruf mich doch mal an! Dann erzähle ich dir ein paar Geschichten von früher. Und wann immer du in Südschweden oder Dänemark unterwegs bist, melde dich bei mir! Ich verspreche dir, mit allem zu helfen, das ich geben kann."           
            Selbst für Sunetra überraschend, nahm sie die Schamanin spontan in den Arm und drückte sie herzlich. Eine Tür in ihrem Kopf war geöffnet worden. Es war weniger eine konkrete Erinnerung, mehr ein Gefühl der Vertrautheit - und sie war dankbar dafür.    
            Sie löste sich von Lina und ging ebenfalls zum Hubschrauber.
***
            Es war kurz vor Mittag, als die Magier wieder ins Penthouse zurückkehrten. Obwohl es ihnen nur wie wenige Minuten vorgekommen war, konnte einem das Zeitempfinden während einer Meditation  einen Streich spielen. Ihre erste Maßnahme, als sie rein kamen, war die Jalousien zu öffnen, um das Sonnenlicht des neuen Tages hereinzulassen.   
            Es brannte wie Hölle, sogar durch meine geschlossenen Augen. Benommen rieben Cone und ich uns die Müdigkeit aus dem Gesicht und reckten und streckten uns lautstark auf der geräumigen Couch.      "Boah war der Film scheiße. Da war sogar das Remake von Schwerter des Königs noch besser.", jammerte Cone.
            "Mein Reden. - Moin Leute. Na, was interessantes herausgefunden?" 
            Die drei Magier sahen sehr erschöpft aus. Jeder schnappte sich etwas zu trinken und ließ sich dann kraftlos auf dem Sofa nieder. Besonders Yashida wirkte in sich gekehrt. Irgend etwas brütete der Kerl aus, aber was?           
            "Kommt schon, lasst einen Ork nicht dumm sterben!", frotzelte Cone neugierig, was ihm einen gereizten Blick von Alyssa einbrachte.
            "Ich glaube nicht, dass selbst das Wissen der größten Bibliothek der Welt etwas an diesem Zustand ändern könnte."        
            "Da ist aber jemand mit dem falschen Fuß aufgestanden."
"Ich war noch nicht mal im Bett, du Arsch!"    
            Egal wie erholt ich nach dem kurzen Schläfchen war, ich hatte keinen Nerv auf Zickenterror zwischen unserer bissigen Stute und dem horizontbeschränkten Ex-Ganger. Also ging ich dazwischen, bevor es mal wieder eskalieren konnte.
            "Nun sagt schon, was ihr herausgefunden habt!"
Sunetra erbarmte sich und erzählte uns die gesamte Geschichte. Als sie ihren Bericht beendet hatte, wunderte ich mich nicht mehr, warum die drei so erschlagen aussahen. Der Trip musste wie ein kräftiger Tritt in die Weichteile gewesen sein.       
            "Mannomann, das ist echt starker Tobak! Und ihr glaubt ernsthaft, das Viech läuft immer noch irgendwo da draußen rum?"        Die Elfe nickte traurig.            
"Naja, wenigstens konntet ihr euch auf eurer faulen Haut ausruhen, während die Magier mal wieder die ganze Arbeit hatten.", ätzte Alyssa, worauf sie ein Räuspern von Largo zur Antwort bekam. Er wischte sich geistesabwesend einen Speichelfaden vom Kinn und setzte sich auf. Nachdem er sich etwas gestreckt hatte, wandte er sich wieder unseren Mädels zu.    
            "Da der Film ziemlich bescheiden war und die Jungs hier ratzfatz weggeknackt waren, hab ich mich ein wenig in der Matrix herumgetrieben und der Recherche gewidmet. Mir ließ Yachidas Kommentar, dass noch jemand nach uns gesucht hatte, der nichts mit MCT und den Shiken zu tun hätte, keine Ruhe.
            Dabei hab ich erstaunt feststellen müssen, dass der Vorfall am Hafen mit keiner Silbe in den Nachrichten erwähnt wurde. Gerade so als wäre NICHTS passiert. Dabei musste doch jemand den Lärm und vor allem die Zerstörung bemerkt haben. Also habe ich mich in die Datenbanken der Docks gehackt.     
            Angeblich ist der Pier seit zwei Wochen wegen Wartungen stillgelegt, obwohl Frachtbriefe belegen, dass er noch tags zuvor in Benutzung war. Die Wartungsorder ist von der Firma Shipservice & Dockingoperations Ltd. erteilt worden, einem Tochterunternehmen des Frachthafenbetreibers. Etwas stimmte nicht mit den Daten, die ich gefunden hatte und bei genauerem Hinsehen konnte ich erkennen, dass die Daten nur wenige Stunden vor unserer Ankunft in Kopenhagen geändert worden waren."      
            "So kurzfristig? Dann hat uns jemand erwartet, dem jemand von da draußen Informationen zugetragen haben muss. Könnte ein korrupter Beamter der Küstenwache vielleicht mit drin stecken?"        Der Zwerg hob unschlüssig die Schultern. "Möglich. Ich hab mir auch den Wartungsbericht angeschaut. Der war so auffällig unauffällig, dass ich auch den Autoren des Wischs unter die Lupe genommen habe. Er verfügte über die höchste Sicherheitsstufe, war in fünfzehn Jahren Konzernzugehörigkeit noch nie krank gewesen und hatte nach einem schweren Unfall ein Bein verloren. Ich wiederhole: er war angeblich nie krank gewesen! Die Personalakte von dem Kerl war so unbeschrieben, dass er nicht echt sein konnte. 
            Und tatsächlich: Wer auch immer uns umbringen wollte, hatte die Personalakte eines existierenden Mitarbeiters kopiert und um einige Informationen ergänzt."      
            "Konntest du herausfinden, wer die Akte editiert hat?"           
"Leider nein. Das Benutzerkonto war direkt nachdem die Arbeit erledigt worden war wieder gelöscht worden. Aber dafür hatte der Fuchs eine Spur in der Matrix hinterlassen und ich folgte ihm zu seinem Bau."   
            "Nun mache es schon nicht so spannend! Wer ist es?", quengelte Lightning, die nun wieder hellwach war. Wo nahm die menschliche Magierin nur immer diese Energie her?        
            "Nicht so schnell, Kleine. Ich werde mich kurzfassen, aber ihr solltet wissen, welche Anstrengungen nötig waren, um zu verstehen, warum wir es mit einem sehr gefährlichen Gegner zu tun haben. Also, ich folgte dem Hacker, der sich mit uns angelegt hat, zu einem anderen Knoten in der Matrix und landete auf dem Server der mexikanischen Lebensmittelproduktion von Aztech. Hier hatte er ebenfalls ein Benutzerkonto erstellt und wieder gelöscht. Und wieder konnte ich eine manipulierte Personalakte finden. Wieder handelte es sich um einen langjährigen Mitarbeiter mit hoher Sicherheitsfreigabe und einer verlorenen Gliedmaße."   
            Ich kramte etwas aus den Erinnerungen an meine Ausbildung bei ARGUS hervor. "Klingt, als wäre die Amputation seine Visitenkarte."   
            "Korrekt. Ich folgte ihm zum nächsten Knoten und fand mich bei der Belgischen Genossenschaftsbank wieder und fand ebenfalls eine kopierte Personalakte mit ähnlichem Profil. Erneut hatte er seine Spuren sehr gut verwischt, aber ich konnte ihn auf dem Knoten eines südostkirgisischen Anglervereins wieder aufspüren. Auch hier gab es die Personalakte nach dem bekanntem Muster."    
            "Hmmm, während die Auswahl der Knoten, auf denen er sich bewegt, äußerst irrational wirkt, geht er, was das Profil der Benutzeraccounts angeht, sehr methodisch vor. Das sollte uns bei der Suche nach ihm helfen."         
            Largo nickte. "Das hab ich mir auch gedacht, bis ich auf dem Knoten auf ein Sprite gestoßen bin." 
            "Ein Sprite? Was ist das?", fragte Sunetra, die inzwischen ebenfalls die Müdigkeit abgeschüttelt hatte.    
            "Stell es dir wie die Manifestation eines Geistes vor. Das Sprite steht in der Matrix für ein Programm oder auch für den Hacker, der sich dort aufhält. In diesem Fall handelte es sich höchstwahrscheinlich nur um ein Programm, das der Hacker dort hinterlassen hatte. Ob es dort nach Verfolgern suchen oder seine Spuren verwischen wollte, kann ich nicht sagen. Jedenfalls beobachtete ich es einige Zeit lang und es bewegte sich nicht. Also wartete ich ab.   
            Vor etwa zwanzig Minuten kam dann Bewegung in die Sache und es verschwand vom Knoten. Es wechselte rasend schnell seine Position und reiste mehrfach um den Globus, bevor es an seinem Zielort ankam. Hätte ich mich nicht an einen alten Trick von meinem Kumpel Kabler erinnert und mich an die Signatur des Sprites gekoppelt, hätte ich es sicherlich auf dem Weg über die 97 Knoten verloren."         
            "Siebenundneunzig!?", rief ich erstaunt aus und Largo grinste über beide Backen.    
            "Ja, das war ein ganz schöner Höllenritt, das kann ich dir sagen. Am Ende kam ich jedenfalls auf einem Knoten heraus, der nahe Irland steht. Dort verschwand das Sprite in einem Matrixkonstrukt, das mindestens so stark gesichert ist wie die Shadowhelix.  Ab da musste ich aufgeben."      
            Alyssa blickte enttäuscht drein. "Ich dachte du hättest den Namen des Schweins herausgefunden, damit wir ihn suchen und rösten können."  
            "Immer langsam mit den jungen Pferden. Ich bin nur Rigger und kein Hacker. Und an der Stelle endeten nun mal meine Fähigkeiten. Aber ich habe Kabler in Asien kontaktiert. Für einen Freundschaftspreis betreibt er weitere Nachforschungen in der Sache, aber es wird mindestens morgen Abend werden, bevor wir was neues erfahren."          
            "Sehr gute Arbeit, Kumpel." Wir stießen unsere Fäuste aneinander. "Hat Kabler vielleicht schon eine Vermutung geäußert, mit wem wir es zu tun haben?"       
            "Er kann natürlich noch nichts genaues sagen, aber er meinte, dass es sich nach Matrixanarchisten anhören würde. Wir sollten bis morgen Abend warten und uns jetzt nicht in Spekulationen ergehen. Aber eines ist schon jetzt klar: bei dem Vorfall am Hafen handelt es sich um einen reinen Matrixangriff. Wer auch immer das gewesen war, hatte nicht einen Fuß auf skandinavischen Boden gesetzt, um uns das Fell über die Ohren zu ziehen, und das gibt mir zu denken. Also falls einer von euch einen Technokraten mit Vorliebe für Amputationen kennt, darf sich gerne melden."    
            Spontan stellten sich mir die Nackenhaare auf. Konnte es sein, dass mein mysteriöser, körperzerteilender Stalker hinter dem Angriff steckte? Bislang hatte ich es vermieden den anderen von meinem düsteren Geheimnis zu erzählen. Nur Cone war informiert und bedachte mich nun mit einem Blick, der mir verriet, dass er an das Selbe dachte. Sollte ich jetzt die Katze aus dem Sack lassen? Ich entschied mich dagegen, bis ich mir sicher sein konnte. Es gab keinen Grund meine Freunde unnötig zu beunruhigen.
            "Mir kam gerade der Gedanke, dass das nicht der erste Übergriff auf uns war. Largo, hast du etwas über die Drohne herausfinden können, die uns bei eurer Ankunft in Hamburg beobachtet hatte? Vielleicht stehen die beiden Ereignisse ja in einem Zusammenhang."        
            "Ehrlich gesagt, hab ich die in dem ganzen Stress der letzten Monate komplett vergessen. Wenn wir wieder daheim sind, schau ich mir das Teil nochmal genau an."      
            "Sehr gut, mach das! - Nun, bis wir mehr über den Hacker wissen, sollten wir uns unserem zweiten Sorgenkind zuwenden. Yashida, gibt es einen Weg, Sunetra vom Haken zu holen, der keinen Selbstmord beinhaltet?"           
            Der Japaner kratzte sich bereits seit Minuten abwesend am Kinn und brauchte einen Augenblick, um auf meine Frage zu reagieren. "In der Tat - wir müssen das Wohlwollen des Vorstandes wiederherstellen. Das geht nur durch eine wirklich außergewöhnliche Leistung... Und ich hab auch schon eine Idee."            Die Elfe wandte sich ihrem Verlobten in spe zu. "Ich höre."
"Nun, wie gut, kennen sie sich in japanischer Innenpolitik aus?" Er warf einen langen Blick in die Runde und sah nur leere Gesichter. Schließlich meckerte er ein kurzes, trockenes Lachen und seufzte bevor er fortfuhr.        
            "Der aktuelle Inhaber des Chrysanthementhrons, Kaiser Yasuhito, ist beim Volk sehr beliebt. Zusammen mit einigen wenigen liberalen Konzernen, steht er für ein freiheitlich regiertes Japan, in dem die Bürger und nicht die Wirtschaft an erster Stelle steht. Mit dieser Weltanschauung steht er im Konflikt mit den konservativen Kräften und den Konzernen, die sich ein militärisch straff durchorganisiertes, willfähriges Volk wünschen.  
            Mitsuhama Computer Technologies steht bei diesem Konflikt zwischen den Fronten. Früher oder später werden wir uns für eine Partei entscheiden müssen und wenn es nach mir ginge, würden wir uns auf die Seite der Kaisertreuen schlagen. Doch um uns besser positionieren zu können, brauchen wir Alliierte mit Macht, Einfluss und Ressourcen. Nordamerika ist für uns als japanisches Unternehmen verbrannter Boden, aber wir hoffen in Europa Verbündete zu gewinnen."     
            Jetzt wurde es interessant. "Haben sie schon jemand spezielles im Auge?"     
            "Es kommen nur liberale Kräfte in Frage, wie ARGUS, die EVO Corporation, die eine einflussreiche Niederlassung in den ADL hat, und natürlich der Hamburger Senat."   
            "Ich wusste doch, dass sie von Anfang an mehr im Sinn hatten als nur ein bisschen mit Sunetra in Erinnerungen zu schwelgen. - Dein Freund ist zielorientierter als ich dachte."      
            "Hendrik!...", warf die Elfe verärgert ein, doch Yashida gebot ihr zu Schweigen.         
            "Nein, er hat recht. Ich habe nach dir allein gesucht, aber als Lina mir ihre Rechercheergebnisse mitteilte, erkannte ich die Chance, die sich uns in den Wild Cards bietet.           
            Summerset-San war einst bei ARGUS. Deine kleine Freundin hat Verbindungen zur Leitung von EVO in Deutschland und ihr habt euer Hauptquartier im Hamburg Megaplex. Das sind die besten Voraussetzungen für MCT in Europa. Ihr könnt besser unter dem Radar operieren als eine offizielle Delegation von MCT."    
            Mit Genuss registrierte ich die dezente Enttäuschung, die sich in Sunetras Gesichtsausdruck mischte. Doch schließlich  akzeptierte sie die Erklärung des Japaners.       
            "Ähm, ich helfe ja gerne, um der kleinen Elfe den Arsch zu retten, aber was zum Geier hat der Hamburger Senat mit dem ganzen Krempel zu tun?", fragte Cone, der an seinem Glas mit abgestandenem Bier nippte.    
            "Das kann ich dir sagen, Cousin. Durch den Hamburger Hafen wird mittlerweile mehr als ein Fünftel oder sogar ein Viertel des gesamten Bruttoinlandsprodukts der ADL erwirtschaftet. Der Plex ist Deutschlands Nabel zur Welt. Strategisch und wirtschaftlich kann es sich die Regierung in Hannover nicht leisten die Hansestadt zu verlieren. Darum hat man in den letzten Jahrzenten dem Hamburger Senat mehr und mehr Sonderrechte eingeräumt - Hauptsache man spielt brav das Spiel eines geeinten Deutschlands mit. Trotzdem steuert Bürgermeisterin Vesna Lyzhichko die Stadt weiterhin auf einen Austritt aus der Allianz Deutscher Länder zu - und sehr viele Hamburger unterstützen sie deswegen öffentlich, denn man ist über die Politik der NEEC, die aus der alten Europäischen Union entstanden ist, äußerst unglücklich."      
            "Und man lässt diese Lyzhichko einfach gewähren?", wollte Sunetra wissen.  
            "Natürlich nicht. Man munkelt, dass der Autounfall, den sie im letzten Monat hatte, gar kein Unfall war. Nur mit viel Glück hat sie die Explosion überlebt. Und auch wenn uns das all die Hollywood-Trids  das immer wieder glauben machen wollen: Autos explodieren nicht einfach so. Das war ein gezielter Anschlag. Höchstwahrscheinlich von einem Konzern initiiert."   
            Cone stellte sein leeres Glas geräuschvoll auf dem Couchtisch ab. "Was munkelt man denn, wer der alten Lesbe ans Leder will?"      
            "Keine Ahnung von Politik, aber DAS weißt du, wie?!" Ich musste lachen. "Nun, wenn ich raten müsste, würde ich auf den Drachen tippen."     
            Geschockt lehnte sich Alyssa auf der Couch nach hinten. "Lofwyr?" Der Name des Drachen war nahezu jedem auf der Welt ein Begriff. Er bedeutete Schutz für seine Freunde und den sicheren  Tod für seine Feinde. Tja, beim Gedanken an den Kerl wünschte sich so mancher Adolf Hitler zurück. Das Arschloch war wenigstens leichter umzubringen.       
            "Kein Geringerer. Sein Konzern Saeder-Krupp gilt als einer der stärksten Befürworter der NEEC und würde dessen Beschlüsse am liebsten rigoros durchsetzen. Notfalls auch mit militärischer Gewalt. Nur in Hamburg darf die olle Schuppenflechte nicht so Schalten und Walten, wie sie gerne würde."  
            Yashida nickte langsam. "Ja, das deckt sich mit meinen Beobachtungen. Wenn sie meinen Auftrag annehmen, werden sie sich vor ihm und dem Frankfurter Bankenverein besonders in Acht nehmen müssen. Sie unterstützen offen die Belange der konservativen Konzerne in Japan. Und wenn die glauben, dass wir zu den Kaisertreuen gehören, werden sie versuchen zu verhindern, dass sich MCT in Europa breit macht. Dies ist ein weiterer Grund, warum MCT nicht offen agieren kann."             
            Unsere Elfe sah mich besorgt an. "Hendrik, ich kann nicht verlangen, dass ihr ins offene Messer lauft. Ich werde mich alleine den Shiken stellen und das Urteil hinnehmen müssen." 
            "Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass ich dich fallen lasse!?" Ich sah in die entschlossenen Gesichter der anderen Wild Cards. "Keiner von uns wird das. - Ich wollte nur sicher gehen, dass allen bewusst ist, mit WEM wir uns da anlegen. Nicht, dass sich nachher noch einer beschwert."        
            Seit wir ihn getroffen hatten, lächelte Yashida nun zum ersten Mal warmherzig. "Sie werden uns also helfen?"        
            Unser zwergischer Rigger lachte laut auf: "So schaut's aus, Großer. Doch bevor es los geht, finde ich, dass wir das gebührend begießen sollten." Flink griff er nach der Fernsteuerung, die vor uns auf dem Glastisch lag und orderte eine Runde für alle. Sofort bemühte sich eine Drohne mit einem Tablett in unsere Richtung. Jeder nahm sich ein Gläschen mit Pflaumenwein und ich hob es in die Höhe.     
            "Also, wir helfen ihnen und MCT die erforderlichen Kontakte zu knüpfen. Das wird aber nicht von heute auf morgen gehen."
            "Das ist mir bewusst. Aber wenn sie das schaffen, kann ich den Vorstand überzeugen das Urteil außer Kraft zu setzen. Ich werde sie so gut ich kann mit Informationen und Ressourcen versorgen, soweit sie ihre Mission betreffen. Aber ich werde das ohne das Wissen meiner Brüdern und Schwestern tun müssen. Daher werde ich gelegentlich etwas Vorlaufzeit benötigen, um nicht aufzufliegen." Yashida hob sein Glas ebenfalls.          
            Nun war Largo an der Reihe. "In der Zwischenzeit sollten wir herausfinden, warum uns ein Hacker mit einem Kran zermatschen wollte."   
            "Oder wer ihn engagiert hat.", fügte Cone mit einem bedeutsamen Blick in meine Richtung hinzu und hob gemeinsam mit dem Zwerg sein Glas.           
            Sunetra drehte Ihres in der linken Hand und beobachtete den Wein, der sachte in dem Gefäß hin und her schwappte, bevor sie sich uns anschloss. "Wir sollten den Shiken und gefräßigen Dämonen aus der Tiefe aus dem Weg gehen."      
            "...und nicht den Zorn des Drachen auf uns ziehen.", warf Alyssa ein, als sie ihre Hand mit dem Glas ausstreckte. Meine Freunde strahlten eine Zuversicht aus, die mich Lächeln ließ.   
            Ich hob mein Glas noch ein Stückchen höher. "Ach, wie heißt es doch so schön: Viel Feind - viel Ehr!"      
            "Auf die Wild Cards!", prostete Yashida.         
Wir stimmten alle mit ein.       
            Gläser klirrten und der Pakt war besiegelt.
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