Sonntag, 5. Mai 2013

Im Sog des Mahlstroms




Kapitel 1 - Talk im Turm

            Der affektierte Fatzke hatte ein penetrantes Dauergrinsen im Gesicht, das man ihm entweder in die Fresse operiert hatte oder ein Muskelkrampf nach einem Schlaganfall gewesen sein musste. Er bat den nächsten Gast herein. Der Kerl, der den Raum betrat, wirkte allerdings nicht weniger arrogant und unausstehlich. Einem Pennäler gleich stakste er in seinem Konfirmandenanzug steif wie ein Brett zum Moderator und schüttelte ihm ebenso steif die Hand. Hat man dem Typ einen Besenstecken in den Arsch gerammt?!            
            Eins steht jedenfalls fest: wenn ich etwas noch weniger leiden kann als das verlogene Politikerpack, dann ist es die heuchlerische Berichterstattung während der Wahlen. Heute stand Ulrich Wolfsen auf dem Speiseplan des NDR und das aufstrebende Moderatorenzäpfchen Eike Tüünlüüd hielt gierig das Besteck in den Händen. Nach ewigem Geplänkel über triviale Nichtigkeiten, wie dass Wolfsen doch so dankbar und geehrt sei, weil der NDR ihm Gehör schenken würde, und wie ihm doch die Leute von Altona am Herzen liegen würden, wechselte Tüünlüüd rasch zu ernsteren Themen.    
           
"Herr Wolfsen, sie gehören der etablierten CDU an. Was haben sie als erstes gedacht, als Linda Schiller - eine Parteienlose - nach einer rasanten Aufholjagd in der letzten Woche laut den letzten Hochrechnungen von heute Morgen in der Wählergunst an ihnen vorbeigezogen ist?"           
                "Ach wissen sie, diese Vorhersagen sind doch im Grunde nicht mehr als ein trüber Blick in die Kristallkugel. An den Wahlurnen wird sich entscheiden, wem die Bürger wirklich ihr Vertrauen schenken."        
                "Aber hatten sie sich denn nicht selbst bereits vor drei Wochen nach der Bekanntgabe der damaligen Umfrageergebnisse zum Sieger der Wahl erklärt?"
Ich mochte den Kerl nicht, aber in dem Punkt musste ich ihm Recht geben.       
            "Schon, aber ..."  
"Also sehen sie Frau Schiller nicht als ernst zu nehmende Konkurrentin an? Immerhin scheint sie mit ihrer Politik bei den Bürgern Altonas einen Nerv getroffen zu haben, während das Vertrauen in die CDU sinkt."       
                "Ach die Frau ist doch ohne Steuer und Kompass unterwegs. Parteienlos - pah! Sie verfolgt keine klare Linie. Wenn, dann wäre sie Mitglied einer Partei. Wie soll der Bürger einer Politikerin vertrauen, die heute links, morgen rechts ist und nächste wieder Woche einen ganz anderen Standpunkt vertreten wird?"            
                "Frau Schiller steht schon seit Jahren der HUSPD und der amtierenden Bürgermeisterin Vesna Lyzhichko nahe."          
                "Das bestätigt doch meinen Standpunkt. Sie verfolgt derzeit nur wegen dieser Freundschaft eine linke Politik. Und sie können sich ja vorstellen auf welcher Basis die Freundschaft dieser beiden Frauen basieren wird."
Wolfsen wurde immer giftiger im Tonfall. Der Moderator hatte einen empfindlichen Punkt getroffen, sah aber glücklicherweise keine Notwendigkeit seinen Finger aus der Wunde zu nehmen. Na, das versprach wider Erwarten eine lustige Sendung zu werden.  
           
"Selbst WENN Frau Schiller ein Verhältnis mit Frau Lyzhichko hätte - den Hamburgern ist die CDU-Moralvorstellung aus dem zwanzigsten Jahrhundert fremd. Mit Geschichten über Lesben und Schwule locken sie doch keinen Barghest mehr hinter dem Ofen hervor, Herr Wolfsen! Fällt ihnen denn auch nur ein einziger guter Grund ein, warum Frau Schiller nicht den Senatsplatz für Altona gewinnen sollte -warum der Bürger doch noch ihnen seine Stimme geben sollte?"            
                "Schillers Handeln in der jüngsten Vergangenheit zum Beispiel. Selbstjustiz sollten die Menschen unserer geliebten Hansestadt nicht tolerieren!"           
                "Sie sprechen das Ende des Bandenkriegs an, wenn ich sie recht verstehe!?"        
                "Natürlich! Diese Schiller hat Shadowrunner engagiert, die die Angelegenheit mit den Holsten Zombies auf eigene Faust lösen sollten. Damit hat sie sich in die laufenden Ermittlungen der Polizei eingemischt und hat dadurch verhindert, dass die Justiz den Fall abschließend aufklären konnte."
Während seiner Ausführungen wurde der Politiker immer lauter und echauffierte sich so sehr, dass ich beinahe lachen musste. Dem Moderator ging es beängstigender weise nicht anders, denn ein Grinsen umspielte gut sichtbar seine Mundwinkel. Hatte der Kerl etwa erwartet, dass sich Wolfsen auf dieses Thema einlassen würde? Verdammt! Tüünlüüd wurde mir langsam sympathisch.      
           
"Für ihre Vorwürfe gibt es doch gar keine Beweise. Soweit ich weiß, handelte es sich nicht um Shadowrunner, sondern um ein privates Ermittlungsteam, das die Arbeit der Polizei noch einmal nachvollzogen hat und so weitere Beweisstücke sicherstellen konnte."           
            Sofort zerhackte Wolfsen mit einem Zeigefinger die Luft.
"HA! Da sehen sie es doch! Privat! Das meint doch nichts anderes als dieses illegal operierende Gesocks aus der Unterwelt."         
                "Ich verstehe ihr Problem nicht. Ich muss sie doch nicht daran erinnern, dass unsere Polizei ist schon seit Jahrzehnten keine staatliche Organisation mehr ist, oder? Die HanSec ist vorwiegend in Konzernhand, alo ein Privatunternehmen - und die Kons würden, wie ich ihnen sicher ebenfalls nicht verraten muss, am liebsten ihre eigenen Gesetze machen."

            Der Blick, mit dem der Politiker den Moderator bedachte, hätte weniger abgebrühte Menschen in die Flucht geschlagen, aber Tüünlüüd hielt dem Blick unbeirrt stand.
"Täusche ich mich oder sind sie parteiisch? Ich dachte ich wäre in diese Sendung eingeladen worden, um Werbung für mein Wahlprogramm machen zu können, nicht um mich so unverschämt behandeln zu lassen." 
            Tüünlüüd sah ihm nun fest in die Augen.
Sein Grinsen war verschwunden. An dessen Stelle war eine versteinerte Miene aufgetaucht. Seltsam, es war als hätte der Kerl eine Maske abgenommen und man konnte endlich sehen, wie er wirklich aussah. Er sprach zunächst langsam, aber mit Bitterkeit in seiner Stimme. "Bis vor zwei Wochen hatte ich noch drei Cousins, zwei Neffen und eine Nichte, die in Altona lebten. Heute leben nur noch ein Cousin und meine Nichte, weil sie durch die Attentate der Zombies gestorben sind. - Sie waren nie das Ziel der Gang gewesen. Sie wollten gerade ins Auto einsteigen, das vor einem Restaurant stand, als eine Brandbombe hoch ging. Sie sind noch ins Krankenhaus gekommen, aber ihre Brandverletzungen waren zu schwer." Wolfsen war die Situation sichtlich unangenehm, während Tüünlüüd kurz inne halten und Luft holen musste. Dann fuhr er zornig fort: "Ein Polizist besaß die Frechheit das mir gegenüber als 'bedauerlichen Kollateralschaden' zu bezeichnen. Warum? Weil die HanSec in Altona mit ihren Aufgaben hilflos überfordert ist. Es mangelt ihr an Personal und Ausrüstung - und wie ich immer mehr glaube auch an Kompetenz. Ja, in den wohlhabenderen Gegenden Hamburgs sieht das wieder ganz anders aus. Mir fällt nur ein Grund ein, warum das so ist: Weil dort Menschen mit mehr GELD leben - und arme Leute sind den Aufwand nicht wert. Ist es nicht so, Herr Wolfsen!?" Für einen Moment sah es aus, als würden ihm die Tränen kommen, doch dann hatte sich Tüünlüüd wieder unter Kontrolle.
           
"Aber, ich, ich bin auch aus Altona!", stammelte der Politiker verzweifelt, aber der Moderator ließ ihn nicht vom Haken.            
           
"Natürlich kommen sie aus Altona. Aber macht sie das zu einem der Menschen, die dort wirklich leben? Die meiste Zeit sind sie sonstwo unterwegs. Sie haben doch nur eine Wohnung gemietet. Gerade so weit im Stadtteil, damit sie dort für die CDU kandidieren konnten. DIE hat übrigens 2071 mal wieder die Gelder für Polizeiaufgaben in Altona gekürzt. Wollen sie etwa SO Sicherheit schaffen?"               
                "Nun, ich..."          
"Frau Schiller hingegen"
, fiel ihm Tüünlüüd harsch ins Wort, "ist in Altona aufgewachsen und versteht die Sorgen und Nöte der Einwohner. Sie hat getan, was getan werden musste, um wieder für Sicherheit zu sorgen. Selbst wenn es sich um Shadowrunner gehandelt haben sollte: Diese Leute haben DEN Job gemacht, den die Polizei hätte erledigen müssen."           
                "Trotzdem ist das juristisch eine Katastrophe!"
, protestierte der Politiker halbherzig, aber Tüünlüüd winkte direkt wieder ab.
           
"Ach, wissen sie: die Mühlen der Justiz retten da draußen keine Leben. Abgesehen davon glauben sie doch selbst nicht, dass sich die HanSec, selbst wenn sie über das Personal verfügen würde, auf einen Straßenkampf mit knapp 200 Zombies eingelassen hätte. Das hätte in einem Blutbad geendet. Wir alle wären dieses Pack am liebsten los, aber leider ist es Fakt, dass in verarmten Gegenden immer wieder Gangs auftauchen werden, um das Elend der Menschen auszunutzen. Wären es nicht die Zombies, wären es die Hornets gewesen oder die Skulls. Solange wir nicht die sozialen Probleme angehen, die das Entstehen von Gangs begünstigen, wird es immer welche geben. In Altona war es das klügste gewesen die Wogen zu glätten."           
            Wolfsen sah nun bedröppelt drein, unfähig sich weiter zu wehren, während der Moderator zum finalen Schlag ausholte.
"Ich jedenfalls - und ich glaube, da werden mir viele Hamburger aus Altona zustimmen - bin Frau Schiller unendlich dankbar dafür, dass sie sich für ihre Mitbürger so sehr einsetzt. Von ihrem Format bräuchten wir mehr Politiker, Herr Wolfsen."          
            Junge, Junge, ihm ist hoffentlich klar, dass er mit DEM Auftritt seine Karriere beendet hat. Ich musste mir eingestehen, dass ich den Kerl falsch eingeschätzt hatte. Es grenzte schon an ein Wunder, dass der eher konservative NDR den Mann weiter senden ließ, anstatt ihn ruckzuck mit einer Soap oder anderem Unfug zu unterbrechen. Ich freute mich jedenfalls diebisch. Es kommt schließlich nicht alle Tage vor, dass die Arbeit eines Shadowrunners öffentlich gewürdigt wird. Ein Hoch auf Eike Tüünlüüd! Mal sehen, ob er da noch einen drauf setzen kann.   
            Ein kräftiges Rumsen und wütend stapfende Stiefel lenkten mich jedoch vom Trividschirm ab. Largo war gerade in die Kabine der Dead Man's Hand gekommen und balancierte ungelenk ein Paket, das halb so groß war wie er. Mühsam reckte er seinen Kopf so weit über den Rand des in braunes Papier eingewickelten Kartons, damit er uns alle nacheinander grimmig anschauen konnte. "Okay, wer ist der Scherzkeks, der eine Bestellung zu Händen von Fishy Midget aufgegeben hat!?"      
            Sogar unsere sonst so beherrschte Elfe musste losprusten, während wir anderen uns fast vor Lachen einnässten. Der Rigger reagierte darauf mit einem Knurren, das Hunden Angst eingejagt hätte. Schließlich stand Cone auf, wischte sich die Tränen weg und zupfte ihm das Paket aus den Händen. "Danke Kleiner, auf die Lieferung von Finch hab ich schon gewartet."          
            "Red dich nur weiter ins Grab!", fauchte ihm der Zwerg hinterher, bevor er beleidigt zum Kühlschrank ging und sich zum Trost ein Bier herausnahm. Unterdessen zerrte und riss mein Cousin an der Umverpackung. Vor einigen Wochen hatte Cone bei seinem ehemaligen Gangboss Finch neue Ausrüstung bestellt. Aus dem geöffneten Karton nahm er eine neue Panzerweste und eine Hose heraus, die beide in Camouflage Optik bedruckt waren. Cone war so begeistert am Auspacken, dass er nicht bemerkte, wie wir anderen uns neugierig dazugesellten. "Ich hoffe, dass Finch dir keine Monofilamentgarotte geschickt hat. Es ist schon beunruhigend genug, dass du eine Monofilamentpeitsche besitzt.", sagte Sunetra, während der Ork mehrere Schachteln mit Blendgranaten begutachtete. 
            "Nee, er hat mir die Idee wieder ausgeredet. Finch meinte, dass das eher was für Schwächlinge ist, die sich im Dunkeln an ihr Opfer heranschleichen. Und im Schleichen liegt nun wirklich nicht meine Stärke. Abgesehen davon hätte die Lieferung dann noch länger gedauert." Cone legte die Granaten beiseite und nahm das letzte Objekt aus dem Paket. Es war noch einmal extra in Papier eingewickelt, das er ebenfalls abriss. Ich hoffte in dem Moment, dass Largo ihn mit seinen Cyberaugen filmte, denn der Ausdruck in seinem Gesicht war göttlich. Irritiert blickte er auf die rosafarbene, mit dutzenden Strasssteinen dekorierte Monstrosität in seiner Hand. In abgesetzten weißen Lettern stand 'Honey-Bunny' über der gesamten Länge des Griffs. Alyssa bog sich vor Lachen und wir anderen stimmten mit ein. Auch als wir uns wieder eingekriegt hatten, konnte Cone nur verdattert vor sich hin stammeln und begriff die Welt nicht mehr.    
            "Tja, Hasenzähnchen", begann Largo, nahm einen langen Schluck aus der Pulle und fuhr dann mit süffisantem Tonfall fort, "wir haben ebenfalls mit deinem alten Boss telefoniert und deine Bestellung etwas modifiziert. Finde ich cool, dass er den Spaß mitgemacht hat." Er tätschelte dem Ork den Arm. "Viel Spaß mit deinem neuen Betäubungsschlagstock."      
            "Das, das könnt ihr doch nicht machen... ihr... ihr blöden Penner! Den kann ich so nicht mitnehmen. Wie sieht das denn aus!?" Zornesröte stieg langsam in seinem Gesicht auf und Alyssa setzte prompt noch einen drauf. "Wie das aussieht? Na nach einem Ork mit ganz besonderen Vorlieben. Mit deinem Taserdildo wirst du in Köln bestimmt sofort in die Partyszene aufgenommen."     
            Cones Fingerknöchel wurden weiß unter dem Druck mit dem er eine Faust ballte, und für einen Moment sah es so aus, als könnte es auf dem Schnellboot noch richtig ungemütlich werden, aber dann kam der rettende Gong.            
            "Ey Leute, stellt mal das Quasseln ein! Ich bekomm grade einen Anruf rein. Vielleicht ist es ein Schmidt." Ich wechselte einige Worte mit dem Mann am anderen Ende der Leitung und legte dann auf. Der Ärger von einer Minute zuvor war komplett verflogen. Alle Wild Cards sahen mich neugierig an. "Wir haben einen neuen Job."
            Sofort warf Cone den rosa Betäubungsstock weg und nahm sich seine Pistole aus dem Waffenschrank. "Also ich wär soweit. Wohin geht's denn?" 
            "Pack die Waffe wieder zurück! Jeder nimmt nur die Waffe mit, für die er eine Lizenz hat. Wir fahren in die Sardinenstadt." Enttäuscht sah mein Cousin zur einzigen Waffe im Raum, für die man keine Lizenz brauchte, und schob sich dann unter leisem Fluchen den Betäubungsschlagstock unter den Gürtel.       
            "Der Erste, der mich dumm anmacht bekommt das Teil rektal eingeführt."           
            Sofort lachte Alyssa wieder. "Wird garantiert nicht lange dauern, Honey-Bunny." Cone zog die Augenbrauen zusammen, warf ihr einen giftigen Blick zu und zog langsam wieder den Schlagstock heraus. Die Magierin war nicht so dumm auf den Ex-Ganger zu warten. Sie rannte immer noch kichernd aus der Kabine in Richtung Auto - verfolgt von einem Ork, der einen glitzernden rosa Stock in der Luft schwenkte. Während die beiden den Leuten im Hafen eine einmalige Slapstickeinlage vorführten, sahen wir anderen durch die Fenster der Dead Man's Hand zu. Sunetra schüttelte den Kopf.   "Ich fürchte, das wird ein seeehr anstrengender Nachmittag werden."

***

            Als die Konzerne im Zuge der globalen Veränderungen seit der Jahrtausendwende immer mehr Macht und Einfluss erlangten und wie Tumore zu wuchern begannen, suchten sie sich Hamburgs Stadtteil Nord als den Ort aus, an dem sie sich niederlassen wollten. Von Lufthansa über Renraku, Proteus oder Aetherlink war hier alles von Rang und Namen vertreten. Wer nun denkt, dass Nord dadurch ein stinkender Abgrund aus Fabriken und Fertigungsanlagen wurde, kann kaum falscher liegen. In Nord befanden sich nämlich lediglich die Bürogebäude und Wohnkomplexe für die Konzernangestellten, die von Otto-Normalmutant nur als Konzernsklaven beschimpft wurden. Diese Leute mussten sich den Gepflogenheiten und den Gesetzen der Kons unterwerfen, wenn sie sich unter deren schützenden Schwingen einkuscheln wollten. Die teils harschen Einschnitte in die persönlichen Freiheiten ihrer Schäfchen konnten die Konzerne nur deswegen umsetzen, weil ihre Einrichtungen oft als extraterritoriales Gebiet anerkannt worden waren. Nach Nord zu gehen war also als würde man in einen anderen Staat reisen.           
            Nach blutigen Unruhen, Demonstrationen und nachdem marodierende Mobs den Stadtteil in den zwanziger Jahren ordentlich aufgemischt hatten, riegelten die Konzerne Nord systematisch ab und verwandelten die gesamte Gegend in einen Hochsicherheitstrakt. Seitdem wachen Konzerngardisten über die Einhaltung der Gesetze und die Sicherheit der Sklaven Ohne spezielle RFID-Tags an der Kleidung oder besondere Sicherheitspässe, war an ein Betreten der Gegend, die nun abschätzig Sardinenstadt genannt wurde, nicht zu denken. 
            Und genau hierhin waren wir unterwegs. Der Schmidt hatte jedem von uns einen Sicherheitspass zugeschickt, der an unsere SINs gekoppelt war und uns Einlass in den Trakt gewährte. Kaum hatten wir die Grenze überschritten, scannten Überwachungsdrohnen alle paar Minuten unsere Pässe und das Kennzeichen des Wild Card Mobils. Das ist aber nur einer der Gründe, warum ich mich ungern in solchen Gegenden aufhalte. Nicht nur, dass man auf Schritt und Tritt durch zig Linsen beobachtet wird, nein, dazu stirbt man noch fast an Reizüberflutung durch die viele Werbung. Hier zeigt sich nämlich die Schattenseite der AR-Technologie. In den schillerndsten Farben werden Plakate in die Luft projiziert, dazu kommen kurze Werbespots, Laufbandschriften, die um Häuser krabbeln, Konzernpropaganda und Ankündigungen für neue Produkte. Denn dort, wo das Geld wohnt will es auch wieder ausgegeben werden. Neben den Bürogebäuden und Wohnkomplexen ziehen sich deshalb unzählige Einkaufstraßen mit exklusiven Geschäften durch den Stadtteil. Wer Korpgebiet betritt sollte sich vorher versichern, dass sein Komlink über einen sehr guten Spamfilter verfügt, um die optische Belästigung auf ein Minimum zu reduzieren.        
            So fuhren wir mit dem Toyota über belebte Straßen ins Zentrum der Sardinenstadt, vorbei an Shoppingmeilen, wo der Spam im AR Klamotten, diverse Socialnetwork-Apps und das neue Parfum Gelée Royale anpries. Alyssa presste ihr Gesicht an die Scheibe der Rücksitztür und blickte der Werbung hinterher. "Interessant. Ich wusste gar nicht, dass die olle Alien Queen jetzt auch ihr eigenes Parfum designt. Dachte die macht nur in Cyberfetisch."          
            "Riecht wahrscheinlich nach WD-40.", ätzte Sunetra. Ich hatte jedoch etwas interessanteres entdeckt. "Hey! Es kommt ja schon im Juli der zweite Teil vom Star Wars Reboot. Den muss ich mir unbedingt anschauen."
            "Cool!", stimmte Largo mit ein. "Seitdem Uwe-Boll-Productions Disney aufgekauft hat, machen die endlich wieder gute Filme."    
            Nach einigen Minuten hatten wir endlich unser Ziel erreicht, parkten den Wagen und gingen zum nächstgelegenen Eingang. Der Wohnblock war wie eine Miniaturarkologie aufgebaut. Sobald man sich drinnen befand, war man von der Außenwelt abgeschnitten. Wie eine Schutzhülle war eine Wand aus vorwiegend durchsichtigen Materialien um den gesamten Block gezogen worden, der die Gebäude im Inneren abschirmte. Das Ganze wurde von einer gigantischen Dachkonstruktion gekrönt. War man erst einmal in dem Wohnblock drin, sah es so aus, als wäre man noch auf normalen Straßen unterwegs, aber in Wirklichkeit atmete man recycelte Luft. Der Wind wurde künstlich erzeugt und auch das Sonnenlicht war nicht natürlich. Aber zunächst einmal mussten wir da rein kommen.        
            Wie es sich gehört, hatten wir uns in unseren feinen Zwirn geworfen - manchmal muss man auch als Shadowrunner Stil wahren - weshalb ich mir keine Sorgen machte schon an der Tür abgewiesen zu werden. Alyssa, die wie eine echte Businessfrau gekleidet war, ging voran. Artig öffnete sich die breite Glastür automatisch, als wir näher kamen. Drinnen befand sich eine Sicherheitsschleuse, in der ein Wachmann stand. Er unterhielt sich gerade mit einem Kollegen, der hinter einem Fenster an seinem Arbeitsplatz saß. Als wir herein kamen, drehte sich der Wachmann zu uns um. Nachdem er unsere Besucherpässe gescannt hatte, sprach er Lightning an. "Guten Tag, wir müssen sie einer routinemäßigen Kontrolle unterziehen. Tragen sie irgendwelche Waffen?"         
            Ohne zu Murren zog die Magierin ihre Pistole aus dem Holster und händigte sie dem Mann aus. Eine Schublade kam aus der Wand gefahren, in der er sie deponierte. Danach krickelte er etwas auf einen Block, zog einen Aufkleber ab und brachte ihn an der Pistole an. Den anderen Teil des Zettels gab er Lightning. "Dies ist die Quittung für ihre Verteidigungseinrichtung, Frau Hardison. Haben ihre Bodyguards auch etwas zu deklarieren?"     
            Etwas verdutzt sah sie zu Cone und mir. Wir standen zwei Meter entfernt hinter ihr, mit verschränkten Armen und grimmigem Blick. "Äh, Hans! Gruber! Wärt ihr wohl so gut?"    
            Umgehend schielte ich mit beiden Augen über die Nase, zückte meine Colt und die zugehörige Lizenz, die auf meine gefakte SIN ausgestellt war, und hielt sie absichtlich falsch herum. "Jawohl Froilain!" Der Wachmann schnaubte belustigt, verdrehte die Augen und nahm mir die Pistole ab. "Echte Spaßvögel, wie?!"      
            Ich zuckte nur mit den Achseln und machte ein unschuldiges Gesicht. Sunetra war unbewaffnet mitgekommen - sofern man das bei einer Magierin überhaupt sagen kann Er nahm Largos Betäubungsschlagstock entgegen und verpasste seinem Cyberhändchen, das uns schon einige Male gute Dienste geleistet hatte, einen Armbandblocker, sodass er sie nur noch wie eine echte Hand benutzen konnte. Den Vogel schoss jedoch wie zu erwarten Cone ab, als er mit hochrotem Kopf die rosa Schande aus dem Gürtel zog und überreichte. Der Wachmann nahm den Stock zwischen Zeigefinger und Daumen und hielt ihn angewidert von sich. Sein Gesichtsausdruck sprach Bände mit dem Titel: 'Ich will nicht wissen, wo das schon dringesteckt hat.'    
            "Können wir jetzt weiter?", fragte mein Cousin genervt.
"Noch nicht. Aber sie haben es gleich geschafft. Es fehlt nur noch die magische Überprüfung. BERNHARD!" Eine Seitentür öffnete sich und ein schlaksiges junges Hemdchen mit Hornbrille und fiesem Hautausschlag auf der Stirn kam herein und betrachtete jeden einzelnen von uns eindringlich. "Die sind in Ordnung. Nur ein paar ungefährliche Foki. Nichts, was der Rede wert wäre." Damit verschwand er wieder im Nebenraum.         
            "Zaubern und das Mitführen von Spionagewerkzeug sind in hier nicht gestattet. Halten sie immer ihre Pässe bereit für eventuelle Kontrollen." Er wartete einige Sekunden, aber da scheinbar niemand von uns noch was zu sagen hatte, fuhr er schließlich fort: "Willkommen in den Arkadien. Ich wünsche ihnen einen angenehmen Aufenthalt."

***

            Innerhalb der Miniaturarkologie gingen wir zur Adresse, die unser Schmidt genannt hatte. Es handelt sich dabei um einen Wohnblock für mehr als sechshundert Mietparteien. Der ganze Bau war gigantisch und beherbergte wahrscheinlich die meisten Einwohner des Viertels. Im Gegensatz zu vielen anderen Gegenden Hamburgs war es hier sehr sauber. Kein Müll, der auf den Straßen herumlag oder umgeworfene Tonnen, Graffitis an den Wänden oder Urinlachen von Obdachlosen oder herumstreunenden Kötern. Im Wohnblock selbst setzte sich diese Reinlichkeit fort, für die dutzende von Putzdrohnen sorgten, die wahrscheinlich rund um die Uhr im Einsatz waren. Der Laden blitzte und blinkte, dass ich spontan eine Sonnenbrille aufsetzen wollte. Chromverkleidungen verhüllten die Wände, echt wirkendes Holzimitat war auf dem Boden verlegt worden, und die Lampen verströmten ein angenehmes Licht. Pflanzenkübel lockerten das Bild auf. Ich war mir sicher, dass die Wohnungen selbst nicht weniger geschmackvoll und nobel aussahen. Eins muss man den Kons lassen. Sie geben sich wirklich Mühe ihre Angestellten bei Laune zu halten.           
            Allerdings wollten wir in keine der Wohnungen, sondern zum Cafe Schöner Ausblick. Also suchten wir uns einen der Transportcubes und stiegen ein. Zunächst einmal sehen die Cubes, von den Sitzplätzen abgesehen, aus wie stinknormale Aufzüge, aber im Gegensatz zu ihren Vorbildern können sie nicht nur nach oben oder unten fahren, sondern bewegen sich in einem Tunnelsystem durch die gesamte Anlage. Wer einmal versucht hat zu Fuß eine Wohnung in diesen Gebäuden zu erreichen, wird für diese Erfindung echt dankbar sein.   
            Nach einer minutenlangen Fahrt, die nicht enden wollte, hielt der Cube endlich an und öffnete seine Türen. Der Anblick verschlug mir fast die Sprache. Ein wahnsinnig gewordener Architekt hatte eine Café-Lounge-Bar-Schrägstrich-Aussichts-plattform entworfen, die über drei Stockwerke ging und komplett frei von sichtbaren tragenden Elementen war. Es gab zwar mehrere Ebenen, auf denen Tische und Stühle standen, doch diese waren freistehend in den Raum gebaut worden. Die gesamte Front bestand aus einer riesigen Glasscheibe.          
            "Die Scheibe ist mit einem magischen Feld abgeschirmt, das das Abhören und Überwachen von draußen verhindern soll.", raunte mir Sunetra zu, nachdem sie den Raum askennt hatte. "Weißt du wie teuer so ein permanenter Magieschild ist?"          
            "Ich kann's mir ungefähr vorstellen." Die Location für das Treffen mit Herrn Schmidt war definitiv beeindruckend. Statt billiger Drohnen, bedienten hier sogar Kellner aus Fleisch und Blut. Kaum waren wir entdeckt worden, eilte ein Bediensteter zu uns. "Guten Tag, die Herrschaften. Sie werden bereits erwartet. Bitte folgen sie mir. Ich geleite sie zu ihrem Tisch."         
            Ohne weiter zu warten ging er los und wir folgten ihm brav. Unterwegs nahm er vorsorglich schon einmal unsere Bestellung auf. Da bei solchen Treffen der Schmidt die Zeche zahlt, konnten wir nicht anders und orderten so erlesene Getränke wie San Peregrino und einen Chardonnay. Unser Tisch befand sich nahe der großen Scheibe auf einer erhöht gelegenen Plattform, die ebenfalls von Glasscheiben umgeben war. Der Schmidt war ein Mittvierziger im Geschäftsanzug. Er war schlank, knapp eins achtzig groß und hatte schwarzes Haar, das von grauen Schlieren durchzogen war. An seiner Schläfe prangte eine Datenbuchse, was ihn als Decker auswies. Früher trugen Hacker immer ein Cyberdeck mit sich herum, das sie zum einstöpseln in die Matrix brauchten. Seitdem die Matrix nach dem Crash 2.0 von 2064 so umgestaltet worden war, dass man keine Kabel mehr brauchte, starb die Bezeichnung Decker aus. Niemand musste sich mehr irgendwelches Metall in den Schädel löten, um in der Matrix arbeiten zu können. Daher verschwanden diese Datenbuchsen nach und nach aus dem Alltag. Vielleicht war unser Schmidt früher einmal selbst Shadowrunner gewesen. Im Moment allerdings sah er ziemlich übermüdet aus. Ich war gespannt, was er zu sagen hatte. Nach der Begrüßung setzten wir uns zu ihm an den Tisch.      
            "Als, was können wir für sie tun, Herr Schmidt?"      
"Nun, bevor ich loslege, brauche ich zunächst ihre Versicherung, dass sie die Informationen, die ich ihnen geben werde nicht gegen uns verwenden werden."
            Sunetra legte ihren Kopf zur Seite und lehnte sich mit ihren Armen auf den Tisch. "In unserem Geschäft ist Diskretion essentiell. Sonst überlebt man nicht allzu lange."
            "Nun, das macht Sinn." Trotzdem überlegte der Mann noch einen Augenblick, aber als er weiter sprach, wusste ich, dass die Elfe ihn überzeugt hatte. "Ich benötige einen kreativen Problemlöser bei einer delikaten Angelegenheit und da hat mir Mustafa Ucturk die Wild Cards ans Herz gelegt."       
            "Uschtuk!?", fragte Cone in die Runde hinein. Daher half Largo seinem Gedächtnis auf die Sprünge. "Das ist der Assistent von dieser Schiller, den wir in Altona getroffen haben." Es war ein gutes Zeichen, dass man uns bereits jetzt so aktiv weiter empfahl. Das bedeutete nämlich, dass unser langfristiger Plan den Hamburger Senat für Yashidas Sache zu gewinnen tatsächlich anzulaufen schien.  
            "Vor drei Tagen ist Stefanie Halvers verschwunden. Die junge Dame könnte für die bevorstehenden Wahlen ein extrem wichtiger Faktor werden. Sie selbst ist der breiten Öffentlichkeit nicht bekannt, aber sie hat Kontakte zu wichtigen Leuten in der Stadt."         
            "Klingt nach der vorsichtigen Umschreibung einer Bordsteinschwalbe.", warf Sunetra mit einem verschmitzten Lächeln ein, aber der Schmidt schüttelte den Kopf. "Nein, sie ist... nun, wie soll ich es sagen. Sie arbeitet als PR-Beraterin für meine Auftraggeberin... und..."
            Ich verschränkte die Arme vor dem Brustkorb und zog eine Augenbraue kritisch hoch. "Jetzt reden sie bitte nicht um den heißen Brei und sagen frei heraus, was Sache ist. Haben die beiden ein Verhältnis, oder was?" Dieses mal nickte er langsam. "Was!? Ihre Auftraggeberin ist die Bürgermeisterin?!", platzte Alyssa heraus, woraufhin der Schmidt etwas erschrocken drein sah. Es war kein Geheimnis, dass Vesna Lyzhichko lesbisch war, daher kam Lightnings Schlussfolgerung nicht allzu überraschend.         
            "Ja, ich arbeite für Frau Lyzhichko. Es ist enorm wichtig, dass sie absolutes Stillschweigen hierüber bewahren. Ich fürchte nämlich, dass man die Affäre mit Frau Halvers nutzen will, um meiner Chefin zu schaden. Ich weiß von Anfang an über die Situation bescheid und habe mein Möglichstes getan um ihren Status geheim zu halten. Sie hat bei uns keine wichtige Position inne und ist nur eine Mitarbeiterin unter vielen in der PR-Abteilung."   Er drückte einige Knöpfe an seinem Komlink und übermittelte uns die Personalakte von der Frau. Sie war 27 Jahre alt, hatte ein recht hübsches, wenn auch unscheinbares Gesicht und trug ihre kastanienbraunen Haare in einem Zopf. "Hmmmm, sie arbeitet erst seit einem halben Jahr für die Bürgermeisterin."         
            "Das ist korrekt. Sie ist erst Ende letztes Jahr nach Hamburg gezogen. Sie hat hier keine Familie oder einen großen Freundeskreis. Dafür arbeitet sie zu viel."     
            "Sie vermuten ein Verbrechen. Warum? Kam ein Erpresserbrief?"
            "Ich bin davon überzeugt, dass sie unfreiwillig untergetaucht ist. Nachdem sie nicht wie gewöhnlich auf der Arbeit erschienen ist, bin ich direkt misstrauisch geworden. Seit zwei Tagen suche ich schon nach ihr und alles, was ich finden konnte war eine gelöschte Nachricht auf dem Anrufbeantworter der Bürgermeisterin. Als ihr Sekretär habe ich Zugriff auf ihr Telefon und die Mailbox - für den Fall, dass sie keine Zeit hat wichtige Nachrichten selber abzurufen."
            "Eine ... gelöschte Nachricht?!", fragte Alyssa skeptisch, woraufhin der Decker auf die Datenbuchse in seinem Schädel tippte. "Auch wenn ich nicht mehr wie früher mit einem Kabel in die Matrix einsteige, wurden meine Fähigkeiten dadurch nicht geschmälert. Ich habe auf meiner Suche nach einem Lebenszeichen von Frau Halvers den Anrufbeantworter gecheckt und meine Programme haben Datenfragmente von einer kürzlich gelöschten Nachricht finden und teilweise wieder rekonstruieren können. Leider hat sie keine konkreten Hinweise gegeben, aber was ich herausfiltern konnte war, dass sie das Gefühl hatte verfolgt zu werden. Ihr Tonfall war mehr als nur ängstlich. Sie klang als wäre sie einer Panik nahe."
            Ich nippte am Weinglas und genoss den Chardonnay, den der Kellner zwischenzeitlich gebracht hatte. "Wenn ich sie richtig verstehe, sollen wir ihre Arbeit fortsetzen und Frau Halvers finden. Dafür brauchen wir aber mehr Informationen. Hat sie ihre Kreditkarten irgendwo eingesetzt, hatte sie Kontakte in der Stadt, die sie aufsuchen könnte?"        
            "Nein, das ist ja das Problem. Ich weiß nicht genug über ihr Privatleben und alle Spuren, die sich digital verfolgen lassen, habe ich erschöpfend untersucht. Ich bin am Ende mit meinem Latein. Aber ich habe etwas anderes für sie." Aus seiner Jackentasche zog der Schmidt einen kleinen Beutel. "Hier drin sind eine Halskette und einige Haare von Frau Halvers. Mustafa Ucturk meinte, dass sie eine Magierin im Team haben. Ich hatte gehofft, dass sie mit diesen Dingen versuchen können sie astral aufzuspüren."  
            Sunetra nahm den Beutel an sich. "Wir haben sogar zwei Magierinnen. Allerdings können wir das Ritual nicht hier durchführen. Wir melden uns bei ihnen, sobald wir Ergebnisse haben."          
            "Gut. Ich hatte damit schon gerechnet. Weiterhin kann ich ihnen Besucherausweise für den Wohnkomplex von Frau Halvers beschaffen. Wie sie von da aus in ihr Appartement rein kommen, müssen sie vor Ort herausfinden. Vielleicht gibt es etwas in ihrer Wohnung, das sie auf ihre Spur bringt."      
            "Wir müssten auch mit der Bürgermeisterin sprechen. Sie weiß sicherlich etwas, das..."   
            "Nein, nein, nein, nein!", fiel mir der Schmidt ins Wort, "Sie dürfen auf keinen Fall mit ihr Kontakt aufnehmen. Frau Lyzhichko muss sich auf die bevorstehende Wahl konzentrieren und darf durch nichts abgelenkt werden." 
            "Wollen sie damit etwa sagen, dass sie nicht mal mitbekommen hat, dass ihre Bettgespielin plötzlich fehlt!?" Cone kratzte sich am Hals über die Bartstoppeln und zog die Stirn kraus.
            "Die Nachricht ist von extern gelöscht worden bevor sie den Anrufbeantworter abhören konnte. Ich habe ihr gesagt, dass Frau Halvers wegen Familienangelegenheiten für einige Tage weg musste und dabei nicht gestört werden wollte. Glücklicherweise ist Frau Lyzhichko derzeit so beschäftigt, dass sie die Geschichte akzeptiert hat ohne weiter nachzubohren."           
            "Haben sie eine Idee, wer dahinter stecken könnte?"          
"Ich tippe auf die konservativen Parteien. Wer dort konkret involviert ist, kann ich jedoch nicht sagen. Auf jeden Fall sollten sie bei ihren Ermittlungen darauf achten Kontakte zur Polizei zu vermeiden, da die Behörde den Gegnern von Frau Lyzhichko nahe steht. Falls dennoch mal bürokratische Hürden auftauchen sollten, rufen sie diese Nummer an. Verlangen sie die Abteilung Verwaltung im Rathaus. Eine Frau Schmitt wird drangehen und sich ihrer Probleme annehmen." Erneut griff der Mann in seine Jackentasche, doch dieses Mal zauberte er drei Credsticks hervor. "Hier sind jeweils zehntausend Euro drauf, die sie für ihre laufenden Ausgaben nutzen können. Bitte bringen sie Frau Halvers möglichst lebend zurück. Bei Abschluss des Auftrags kann ich für ihre Truppe hunderttausend Euro als Gage anbieten. - Sind sie dabei?"       
            "Nur eine Sache noch: Wo hat sich die gute Dame zuletzt aufgehalten?"    
            "Sie war wie immer eine der letzten im Büro der PR-Abteilung. Die Kollegen sagen, dass sie nach Hause fahren wollte, aber da kam sie nie an. - Bitte finden sie auch heraus, wer hinter dem Verschwinden von Frau Halvers steckt. Falls sie kompromittierende Beweise gegen die Bürgermeisterin finden sollten, vernichten sie sie!"        
            Nach einem prüfenden Blick zu den anderen Wild Cards nahm ich den Auftrag an. Wir verabschiedeten uns von Herrn Schmidt und gingen zum Cube zurück. Nachdem wir auf den Sitzen Platz genommen hatten, hatte sich der Beginn eines Plans in meinem Kopf zu formen begonnen.   
            "Largo, schick deinem Freund Kabler eine Nachricht! Die Löschung der Voicemail auf dem AB ist von extern aus erfolgt. Er soll herausfinden, ob sich in der Matrix noch Spuren zum Täter finden lassen, die der Schmidt übersehen hat. Sunetra und Lightning fahren zurück und führen das Ortungsritual durch. Wie lange werdet ihr dafür ungefähr brauchen?"     
            "Sobald wir im Refugium angekommen sind - so etwa neun Stunden."      
            "Gut, dann haben wir Männer genug Zeit, um uns in Frau Halvers Wohnung umzusehen." Ich befahl dem Cube uns zum Osteingang des Gebäudes zu bringen. Langsam schlossen sich die Türen des Transportwürfels, während ich einen letzten Blick auf die gemütliche Lounge warf.
            Etwas zerrte in meinen Eingeweiden am Magen herum. Doch war es nur der Chardonnay, der mit meinem spärlichen Frühstück kämpfte oder eine miese Vorahnung? 

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