Montag, 20. Mai 2013

Im Sog des Mahlstroms



 Kapitel 2 - Abgetaucht

           Dass sich Konzerne gerne Euphemismen bedienen ist nichts Neues. Dennoch musste ich lachen, als wir am Wohnblock 'Schattige Gärten' angekommen waren. Der Eingang lag in einem schmalen Seitengässchen, das von Efeuranken bereits halb zugewuchert war und dem von deutlich höheren Gebäuden umgebenen Betonklotz immerhin ein klein wenig Farbe verpasste. Die anderen in die Jahre gekommenen Bauten hatten die Gärten wie hässliche Neonaziglatzen umringt und spendeten bedrohlichen Schatten. Eines Tages werden sie einstürzen und dabei den armen Tropf in ihrer Mitte mit sich zu Boden reißen, so viel ist sicher. Ich konnte spontan verstehen, warum Stefanie Halvers es vorzog bis spät in die Nacht zu arbeiten anstatt mehr Zeit in diesem ungastlichen Viertel zu verbringen. Zugegeben: dass ihre Bettgenossin im Rathaus das Sagen hatte, spielte sicherlich auch eine entscheidende Rolle.    
            In ihre Wohnung zu kommen stellte wie zu erwarten eine geringere Herausforderung dar, als mit einem Guhl ein Steak zu teilen. Dank der Zugangsberechtigung zum Haus, die wir vom Schmidt bekommen hatten, ließ uns das Sicherheitssystem des Wohnblocks automatisch bis zur Wohnungstür im vierten Stock vor. Erst dort wurde es etwas spannend, als wir Männer uns beim knacken der Türverriegelung gegenseitig im Weg herumstanden und sich Largo beim Aufstemmen des kleinen Kästchens an der Wand fast die Finger gebrochen hatte. Glücklicherweise verkniff sich der Zwerg das Fluchen, als ihm zum wiederholten Mal der Schraubendreher schmerzhaft in seine linke Hand abgerutscht war, weil Cone und ich ebenfalls helfen wollten. Hätte er losgezetert, wäre nämlich die Wachdrohne sofort auf uns aufmerksam geworden, die im Seitengang auf uns zu schwebte. So konnte ich die Kabel im geöffneten Kästchen neu verdrahten um das Türschloss zu entriegeln. Geschwind versteckten wir uns in Halvers Bude und schlossen gerade noch rechtzeitig die Tür hinter uns, bevor die Drohne um die Ecke düste. Das war mir eine Spur zu knapp gewesen. Wenigstens hatten die Magierinnen uns dabei nicht zusehen können. Über dieses Schauspiel hätten die sich noch in zehn Jahren kaputtgelacht. 
            Das Appartement der Angestellten umfasste eineinhalb Zimmer. Darin untergebracht war eine schmale Küche, die mehr oder weniger durch eine dünne Plaststahlplatte von der Nasszelle abgegrenzt wurde, in der auch gleich das Waschbecken integriert war. Wahrscheinlich konnte man gleichzeitig Zähneputzen, ein Ei legen und eine Dusche nehmen. Klang Zeitsparend, war aber auch unglaublich einengend. In ihrem Wohnzimmer war ein Schreibtisch untergebracht, auf dem ein Monitor mit einer Tastatur stand. Nur einige wenige Regale beherbergten Bücher und Zeitschriften. Überall im Raum waren ihre Klamotten verteilt, hauptsächlich Bürokleidung. Eine der reinlichsten Frauen ist diese Halvers schon mal nicht. Andererseits konnte es auch nur bedeuten, dass sie einfach keine Zeit hatte sich um die Wohnung zu kümmern. Außer zum Schlafen und zum Abrufen einiger E-Mails hielt sie sich wohl nicht viel hier auf. Beim Schrank in der Wand eingelassen war ein Bett, das man ausklappen konnte. Cone warf sogleich einen Blick auf die Schlafgelegenheit, konnte aber zu seiner Enttäuschung kein Sexspielzeug finden. "Was hast du denn erwartet?", wollte Largo wissen, während er die Eintragungen in ihrem Organizer kopierte.
            "Sie ist ne Lesbe. Wenn man sich nichts mit Schwanz ins Bett holt, ist man doch gezwungen auf Umschnall-Dildos zurückzugreifen."        
            "Lass ihr doch deinen Betäubungsschlagstock da. Das sollte ausreichend sein." Cone hielt einen Moment inne und sah säuerlich auf den Rigger herab. Er holte tief Luft, um zu einem äußerst intelligenten Kommentar anzusetzen, aber ich hatte keinen Nerv dazu. "Halt keine Maulaffen feil und mach dich nützlich, du Neandertaler! Schau dir die Regale mal genauer an"         
            So suchten wir noch eine halbe Stunde weiter und verließen das Appartement des Workaholic wieder mit einigen wenigen Akten, Notizen und einem Terminkalender voller Einträge. In meiner Bude sortierten wir dann die gefundenen Informationen und versuchten sie in einen sinnvollen Kontext zu bringen. Das meiste waren Geburtstage, vereinzelte Dates und Erinnerungsnotizen mit Aufgaben, die sie zu erledigen hatte. Ob das ein Hinweis darauf war, dass sie so umsichtig handelte um möglichst keine konkreten Informationen zu hinterlassen, falls mal bei ihr eingebrochen werden sollte, oder einfach, weil es ihrem generellen Verhalten entsprach, vermochte ich nicht zu sagen. Nach einigen Stunden intensiver Recherche, in der wir auch unsere Fühler im Netz ausstreckten, fanden wir heraus, dass Frau Halvers regelmäßige Termine hatte, die mit 'W' gekennzeichnet waren. Wir verglichen die Daten mit ihren Kreditkartenabrechnungen, was zu Tage förderte, dass sie zu den besagten Zeitpunkten in dem Wirtshaus Neu-Marrakesch am Rand der Sardinenstadt gewesen war. Bei W musste es sich also um eine Person handeln. Nur um wen? Leider blieb eine Suche nach Verbindung zu Reportern oder Politikern, deren Nachnamen mit dem Buchstaben begannen, ergebnislos. Allein die Zahl der Angestellten der DeMeKo, die in Hamburg ihre Zentrale hatte, war zu groß. Es war uns nicht möglich eine sinnvolle Liste mit Namen zusammenzustellen, die weniger als einhundert Einträge umfasste.
            Da es mittlerweile Abend geworden war, verfolgten wir unsere beste Spur. Zugegeben, sie war nicht allzu verheißungsvoll, aber was konnte schon im schlimmsten Fall passieren? Dann würden wir so schlau wie zuvor sein, aber dafür satt aus dem Laden kommen. Abgesehen davon muss man schließlich irgendwo mit der Suche beginnen. Bevor wir losfuhren, informierte sich Largo genauer über den Laden. Laut einiger Foren in der Matrix handelte sich bei dem Restaurant um einen Szenetreffpunkt. Gute orientalische Küche mit Cocktails und zig Varianten Tabak für die Shishas, die dort reichhaltig zur Verfügung standen. Die Schockwellenreiter empfahlen es auf einer ihrer Seiten Hackern für diskrete Treffen mit Schmidts, da dort das Tragen von Waffen verboten war und man somit keine unangenehme Überraschungen erwarten musste. Wenn die deutsche Hackerelite Empfehlungen aussprach, konnte man sich in aller Regel darauf verlassen. Nach dem Crash von '29 gingen sie als die Erben des beinahe vernichteten ChaosComputerClub in die Geschichte der Matrix ein. In der Folge verschrieben sich die überlebenden Hacker dem Aufbau einer besseren, sichereren Matrix und nannten sich in Schock-wellenreiter um. Aus ihren Reihen gingen die ersten Decker hervor, die das neue System entscheidend mitprägen konnten.     
            Wir begruben also sofort alle Gedanken an das Mitschleppen unserer Argumentationsverstärker, was Cone erleichtert aufnahm. So war nämlich leider auch er dazu gezwungen die batterie-betriebene rosa Zuckerstange im Auto lassen. Zunächst mussten wir aber an der Grenze zur Sardinenstadt wieder die Überprüfung unserer Identitäten über uns ergehen lassen. Wie gewohnt checkte ich als der Privatdetektiv Isaak Klarke ein, was mir eine perfekte Tarnung gab, um ungehemmt Fragen stellen zu dürfen. So ähnlich war es bei Alyssa, die wie in der letzten Woche als Tina Lund reiste, ihres Zeichens Reporterin. Soshi Rumiko, alias Sunetra, war eine Magierin mit Lizenz für die freie Wirtschaft, von uns als Rückendeckung angeheuert. Zwar passte der zwergische Autoverkäufer Frank Miller nicht so ganz in unsere Runde, aber besser inkognito als unter echtem Namen unterwegs zu sein. Lediglich mein Cousin musste mal wieder aus der Reihe tanzen und war... er selbst, was in den meisten Fällen schon mehr als schlimm genug war. "Es wird echt Zeit, dass du dir eine gefälschte Identität zulegst. Wenn wir Pech haben, kann man deine Spur irgendwann zu uns zurück verfolgen.", ermahnte die Elfin den Ork, der zur Antwort nur mit den Achseln zuckte.            
            Alyssa blitzte der Schalk in den Augen auf. "Hey, er könnte sich doch als Professor für Quantenmechanik ausgeben." Wir sahen uns kurz an und brachen dann in schallendes Gelächter aus. Cone hingegen fand die Idee nicht halb so witzig. "Ich demonstrier euch gleich was Quantenmechanik in der Praxis bedeutet, indem ich euch meinen Stiefel in die fetten Ärsche ramme." Beleidigt verschränkte er die Arme und blickte trotzig auf die vorüberziehenden Häuser.
      
      Das Neu-Marrakesch lag an Nordwestgrenze der Sardinen-stadt. Während die meisten Viertel wohnlich hergerichtet worden waren, wurde man in der Kollaustraße schmerzlich daran erinnert, dass Hamburg im späten einundzwanzigsten Jahrhundert von unpersönlichen Betonklötzen dominiert wurde. Abseits der Wohngegenden standen schnörkellose Hallen und Bürogebäude. Zunächst schien es verwunderlich, dass man das Neu-Marrakesch ausgerechnet in dieser Gegend eröffnet hatte. Die Straße lud zum raschen Durchfahren ein und nicht zum gemütlichen Verweilen. Passanten verirrten sich sicherlich nicht zufällig hierher. Das bestätigte den Eindruck, den ich durch die Empfehlung der Schockwellenreiter bekommen hatte. Vermutlich war der Standort speziell für diskrete Treffen gewählt worden. Es würde mich nicht wundern, wenn ehemalige Runner das Geschäft leiten.          
            In unsere Businessoutfits gewandet, standen wir schließlich vor dem Eingang wo uns zwei Türsteher in Empfang nahmen. Der eine war ein Zwerg, der andere ein Troll. Beiden sah man ihre arabischen Wurzeln an. Diese Kombination hatte ich bislang noch nicht gesehen, denn die beiden sahen aus wie Joe und Averell Dalton, die sich auf der glorreichen Queste befanden, um ihre beiden Brüder zu finden. So lustig der Anblick auch war, verkniffen wir uns Grinsen nebst Kommentaren und ließen uns brav nach Waffen durchsuchen. Hoffentlich hat Cone ausnahmsweise auch das Messer aus dem Stiefel entfernt. Der Troll klopfte uns nacheinander die Oberkörper ab, während Joe, der Zwerg, anschließend hüftabwärts nach verbotenen Mitbringseln suchte. Largo wurde als Einziger gleich zum abgebrochenen Meter durchgereicht. Als die Prozedur überstanden und die beiden zufrieden waren, zog Averell den Vorhang vor und bat uns mit schwerem Akzent in der Stimme einzutreten. "Viel Hunger un gut Spaß."       
            Drinnen war ein etwas größerer Raum, in dem die Gäste an einer Theke Longdrinks genießen oder auf einem der großen Ledersesseln relaxen konnten. Alles war auf orientalisch getrimmt worden. Von zarten Kinderhänden geknüpfte Teppiche lagen auf dem Boden oder hingen dekorativ an der Wand. Statuen altsumerischer Gottheiten - oder was weiß ich, wo die herkamen - und Wasserpfeifen standen an den Wänden. Von der Decke hingen Lampions, die ein angenehm gedimmtes Licht spendeten. An einer Wand thronte eine riesige Projektion des Mittelmeers mit ein wenig der türkischen Küste. Direkt neben der Bar befand sich der Empfang für alle, die ins eigentliche Restaurant wollten. Dort begrüßte uns ein arabisch stämmiger Mensch von nicht ganz zwei Metern Größe.
"Gun dach, woas koann isch fär sie duun?" Zugegeben, der hessische Akzent irritierte mich mehr als die beiden Comicfiguren vor der Tür. Wir baten um einen Tisch, worauf er uns bedeutete ihm zu folgen. Es ging durch einen Perlenkettenvorhang, der uns in einen kurzen Flur führte, an dessen Ende wir durch einen weiteren Vorhang mussten. Was danach kam kann ich nur als ein wirres Labyrinth aus aufgehängten Wandteppichen beschreiben, die in dem ehemaligen Lagerhaus Gänge bildeten. Hin und wieder konnte man hinter den Teppichen die Rigipswände sehen, die sie zu verbergen versuchten. Die Anlage der einzelnen Nischen für die Gäste war so konzipiert, dass sich nur das Personal und vielleicht noch einige regelmäßige Besucher hier zurechtfanden. Eine weitere Maßnahme, um die Sicherheit und Diskretion im Neu-Marrakesch zu erhöhen.  
         Nach einem Fußweg, der uns wie eine kleine Ewigkeit erschien, kamen wir endlich an unserer Nische an. Dort lagen unzählige detailreich bestickte Sitzkissen herum, meist gesäumt von gelben Troddeln. In der Mitte des Raumes schwebte über dem etwa kniehohen Tisch ein AR Bildschirm, der von einem Trividprojektor an der Decke gespeist wurde. Mehrere Shishas und SimSinnhelme standen zur Benutzung bereit. Entsprechend wurden auf der Menükarte neben Speisen und Getränke auch Tabak und SimSinnprogramme angeboten. Das Restaurant war auf die Verköstigung mit Snacks ausgelegt. Wie in einem Tapas-Laden bestellten wir uns daher eine gemischte Platte. In weniger als zehn Minuten kam unser hessischer Orientale wieder und brachte ein riesiges Tablett mit Tellern, den Getränken und allerlei Köstlichkeiten aus tausendundeiner Nacht. Neben Falafeln, Lammkebab, Hühnchenteilen, Joghurtsoße, in Essig eingelegtes Gemüse, Reis und Couscous war auch ein Nachtisch mit auf der Platte: Baklava, ein mit gehackten Mandeln gefüllter Blätterteig, zu dem Kaymak, die nahöstliche Variante der Schichtsahne, serviert wurde. Da es nicht nur gut aussah, sondern auch roch, machten wir es uns auf den Sitzkissen gemütlich und stürzten uns aufs Essen. Keine Ahnung, wie es der Koch hinbekommen hatte, aber obwohl ich mir sicher war, dass einige Speisen SojaProdukte gewesen sein mussten, schmeckten sie wie ihre echten Pendants.            
            Kaum dass das Massaker vorüber war, kam der Kellner wieder in unsere Nische. Alyssa und Largo konnten sich ein Rülpsen nicht verkneifen, was der Mann zum Lächeln brachte. "Noa, geniere sie sisch nedd. 's is schee, dass 's ehne offensischtlisch geschmeggt hot. Häwwe sie noch irgendwelsche Winsch?" 
            Daraufhin ließen auch wir anderen ihre Brüllkäfer frei und klopften uns zufrieden auf die Brust. Der Hesse lachte herzlich. "Da gibt es tatsächlich noch was. Und zwar sind wir auf der Suche nach einer vermissten Person und hatten gehofft, dass man uns hier vielleicht weiterhelfen könnte." Ich hatte damit gerechnet, dass der Kellner nach einem Foto verlangen würde, aber scheinbar wurden Informationsdienste hier häufiger abgefragt. Während er das Geschirr wieder auf das Tablett lud und die Schüsselchen aufeinander stapelte, hielt er kurz inne. "In demm Fall empfehl isch ehne de Kokostabak. Er schdäjd nedd uffde Kardd unn is aa nedd billisch, äwwer vertrauen sie mer: er is soi Geld wert!"
            Ich nickte erfreut, worauf er das Tablett aufnahm und sich zum Gehen wandte. "Kummt glei, die Herrschafte." Wenige Minuten später erschien ein anderer Araber mit kantigen Gesichtszügen und einem bunten Hawaiihemd, das gegen die Genfer Kriegskonventionen verstieß, und tatsächlich hatte er Kokostabak für uns dabei. Cone nahm den Tabak in Empfang und bereitete die Shisha vor. "Guten Abend. Darf ich fragen, warum sie sich für eine unserer Kundinnen interessieren?" Obwohl die Frage in freundlichem Tonfall gestellt worden war, verbarg sie zwischen den Zeilen doch die unausgesprochene Warnung 'Wehe euch, wenn ihr Ärger im Sinn habt!'.    
            Ich zückte das Foto, das wir vom Schmidt bekommen hatten und zeigte es dem Mann. "Ich bin Privatdetektiv und dies sind meine Kollegen. Wir sind beauftragt worden diese Frau zu finden. Frau Halvers wird seit einigen Tagen vermisst. Das Neu-Marrakesch ist einer der letzten Orte, an dem sie zuletzt gesehen wurde. Ist ihnen die Frau bekannt?" Die Frage war nur noch eine Formalität, denn kaum dass der Araber einen Blick auf das Foto geworfen hatte, verriet mir sein Blick, dass er sie sehr wohl kannte. Bei der dunklen Hautfarbe konnte ich mir nicht sicher sein, aber ich glaube er war aschfahl geworden. Bestürzt fuhr er sich zum Mund und begann zu stammeln. "Äh... bitte w...warten sie hier kurz! Ich bin gleich wieder... da."            
            Raschen Schrittes entfernte er sich, um noch bevor der Perlenkettenvorhang seine Bewegungen eingestellt hatte, wieder bei uns auf der Matte zu stehen. Er hatte einen älteren Mann im Schlepptau, der ebenfalls aus dem Nahen Osten stammte. Der Mann trug ein langes, weißes Gewand, hatte graues, kurzgeschnittenes Haar, das oben schon deutlich an Mannstärke verloren hatte. "Sie suchen also die Blonde?"          
            "Das ist korrekt.", antwortete Sunetra pflichtgemäß, aber der Alte ignorierte sie. Irritiert sah die Elfe zu mir herüber. Mit einer unauffälligen Handbewegung gab ich ihr zu verstehen keine Szene zu machen. Der Mann gehörte der alten orientalischen Schule an, in der das Patriarchat galt und Frauen die Klappe zu halten hatten. Nun gut, wenn er das Spiel auf diese Weise spielen will, werden wir akzeptieren. Sein Haus, seine Regeln.         
            "Ja, wir suchen nach Frau Halvers. Können sie uns vielleicht einen Hinweis geben, der uns weiterhilft?" Fragte ich höflich und sah ihm direkt in die Augen. Er erwiderte mit festem Blick. "Dann sollten sie Mahmut suchen! Er ist Lehrer an der Küppers-Schule im Westbezirk der Sardinenstadt. Wenn er abends nicht im Neu-Marrakesch ist, um Fußball zu schauen, können sie ihn im Jugendzentrum hinter der Stadtmauer finden. Mahmut trainiert dort die Kinder." Ohne weitere Fragen abzuwarten, drehte sich der Alte um und verschwand. Das Hawaiihemd reichte uns die Rechnung. Der Kokostabak schlug zwar mit hundertfünfzig Euro zu Buche, aber ich hoffte, dass Mahmut es wert war. Alyssa gab dem Kellner einen der Credsticks, woraufhin er die Summe abbuchte. Als er ihr den Stick wieder zurück gab, sah er uns besorgt an. "Bitte finden sie Frau Halvers! Es wäre eine Schande, wenn ihr etwas zugestoßen sein sollte." Dann ging auch er hinaus.     
            "Ich hab mal eine schnelle Matrixsuche durchgeführt. Der Osmane muss das Jugendzentrum in der Vogt-Kölln-Straße meinen.", teilte Largo mit, nachdem er einen tiefen Zug aus der Wasserpfeife genommen hatte. 
            "OK, Leute, raucht zu Ende! Ich will diesen Mahmut möglichst heute noch interviewen."

***

            Gesagt, getan! Weniger als eine halbe Stunde später, parkten wir den Toyota Coaster vor dem Jugendzentrum. Es handelte sich hierbei um einen rechteckigen Bau, der in der Mitte offen gestaltet war, um dort ein verkleinertes Fußballfeld und einen Spielplatz mit Wippen, Schaukeln, Kletterstangen und anderem Spielzeug zu beherbergen. Lampen erhellten den Platz, denn es war mittlerweile schon ziemlich dunkel geworden. Die Front war zur Straße hin ohne Fenster. Dafür prangte dort ein garagengroßes Tor, das für die Jugendlichen weit offen stand. Drinnen war eine Gruppe Kinder, die vornehmlich aus Orks, Trollen und Menschen unterschiedlichster Ethnien bestand. Am liebsten hätten wir uns nochmal umgezogen, aber dafür wäre ein Umweg über den Hafen notwendig gewesen, den wir uns nicht leisten konnten. So mussten wir in unserer Geschäftskleidung zu den Kindern rein, was wie zu erwarten nicht unproblematisch bleiben konnte.      
            "Ey, was wollen die Lackwichser hier?!", raunte ein junger Troll seinen Freunden zu, woraufhin sich ein asiatischer Mensch vor uns aufbaute. "Ihr habt hier nix verloren. Verpisst euch!"  
            "Wir gehen dahin, wo wir wollen, du Wurm!", schnauzte Cone ihn mit erhobener Stimme an. Der Jugendliche zuckte unmerklich zusammen, gab sich aber Mühe seine Angst nicht zu zeigen. "Was wollt ihr hier?"      
            "Wir suchen Mahmut. Ist er da?"       
Junior verschränkte die Arme vor der Brust und zog den Mund schief. Dann grinste er über beide Backen. "Vielleicht - vielleicht auch nicht." 
            "Wenn du nicht gleich dein Maul aufm....", knurrte mein Cousin und machte einen Schritt auf ihn zu, aber ich hielt ihn davon ab etwas kaputt zu machen, das man selbst mit dem besten Zweikomponentenkleber nicht mehr reparieren konnte. "Easy, Cone, easy!" Ich tat es dem Blag gleich und verschränkte ebenfalls meine Arme. Nachdem ich ihn einige Sekunden angestarrt hatte, fragte ich, was er denn von uns wolle.   
            "Wenn ihr Razor in einer Runde 'House of the raving Reavers' besiegt, sagen wir es euch." Er zeigte mit dem Daumen über seine Schulter auf eine Leinwand, auf der ein alter Railshooter lief. "Und was, wenn wir verlieren?"
            "Dann kriegen wir hundert Flocken von euch."         
"Du bist ganz schön teuer, Junge.", beklagte ich mich gespielt, aber der Bengel quittierte es lediglich mit einem Achselzucken.            
            "Ist schon ok, ich denke, ich zeig denen mal, wo der Hammer hängt.", murmelte Largo und trat vor. Der junge Mensch lachte kurz und lief mit seinen Freunden zur Leinwand. Wir folgten ihnen. Razor war ein zwölfjähriger Ork, der bereits eine Laserpistole in der Hand hielt. Largo nahm seufzend ebenfalls eine auf. Die Kinder ahnten tatsächlich nicht, worauf man sich einließ, wenn man einen Rigger mit Cyberaugen zu einem Computerspiel heraus-forderte. Wie zu erwarten gewann er haushoch und brach noch den Jugendtreff Rekord. Razor pfefferte enttäuscht seine Pistole in die Ecke und trottete von dannen. Der Troll, der uns beim Eintreten so nett als Lackwichser bezeichnet hatte, nickte Largo anerkennend zu und warf danach einen längeren Blick auf Alyssa, beziehungsweise auf einen gewissen Teil von ihr. "Hat dir schon mal einer gesagt, dass du echt geile Titten hast?!"        
            In Alyssas Augen blitzte es gefährlich. Doch statt dem Troll eine Standpauke zu halten oder einfach nur zu beleidigen, pustete sie in seine Richtung. Wie von einer unsichtbaren Hand gepackt wurde der Jugendliche zurückgeschubst, stolperte und fiel schließlich in den Dreck, wo er verdattert sitzen blieb.           
            "Ihr habt gemogelt!", meckerte der junge Asiat.
"Du hast vorher keine Bedingungen gestellt. Also raus mit der Sprache!", winkte ich ab. Der Mensch gab auf und verriet uns, wo sich Mahmut ad-Din aufhielt. Wir ließen die Kinder im Innenhof zurück und begaben uns in den ersten Stock des Jugendzentrums, wo wir den Lehrer in einem Besprechungsraum fanden. Er war schlank, hochgewachsen, sah relativ jung aus, war leger, aber dennoch schick gekleidet und trug einen Mopp aus dünnen Dreadlocks auf seinem Kopf, die sich hinten zu einer Wurst formten, wo sie von einem Haargummi zusammengehalten wurden. Mahmut instruierte gerade eine Mannschaft von Stadtkrieg Spielern, die aus lauter Jugendlichen bestand. Während die Erwachsenen diesen Sport mit echten Waffen ausfochten, durften die Kids nur mit Markierern arbeiten. Ich kann mir vorstellen, dass es einige Schnösel gibt, denen es ganz recht wäre, wenn auch die Kinder aus den ärmeren Vierteln scharfe Munition benutzen dürften.     
            Mahmut beendete die Besprechung und nachdem die Jugendlichen den Raum verlassen hatten, zeigten wir ihm Stefanie Halvers Foto und trugen ihm unser Anliegen vor. Glücklicherweise versuchte er uns nicht vorzumachen, dass er sie nicht kannte. Er schien ehrlich besorgt zu sein, als er von ihrem Verschwinden erfuhr. "Steffi ist meine Kontaktperson im Rathaus, wenn wir Gelder für das Jugendhaus brauchen. Sie hat mir ebenfalls dabei geholfen an der Küppers-Schule, an der ich unterrichte, ein Lernprogramm für begabte Kinder weniger betuchter Eltern ins Leben zu rufen. Wir trafen uns hin und wieder für die Planungen. Das letzte Mal vor etwa einer Woche."      
            "Wissen sie, ob sie Stress auf der Arbeit hatte? Hat sie sich ungewöhnlich verhalten?"     
            "Hmm, nun, sie war in letzter Zeit sehr nervös und gab vor wenig Zeit zu haben. Ich dachte erst sie hätte so viel Arbeit wegen dem bevorstehenden Wahlkampf, aber nachdem sie mich nun so fragen...da macht eine Sache wirklich keinen Sinn. Fast immer, wenn ich sie in den vergangenen Wochen angerufen habe, hat sie mich abgewimmelt, angeblich weil sie zu tun hatte, aber im Rathaus hielt sie sich anscheinend selten auf. Ähm, sie müssen wissen, dass ich nämlich zweimal versucht habe sie dort persönlich zu treffen. - Ich könnte mir vorstellen, dass sie vielleicht etwas Wichtiges herausgefunden hat, das ihr Sorgen bereitet hat."         
            "Hat das Jugendzentrum Gegner, die nicht vor Gewalt zurückschrecken würden?", fragte Sunetra.          
            Mahmut überlegte einige Zeit lang und schüttelte dann den Kopf. "Einigen hohen Tiere bei den Konzernen missfällt der Gedanke, dass Kinder vom Bodensatz der Gesellschaft wegen unserem Lernprogramm an den Schulen in ihrer geliebten Sardinenstadt herumlaufen, aber der positive Effekt durch die gute PR, die ihnen das bietet, überwiegt ihr Unbehagen. Einige Neonazis haben versucht Stress zu machen. Wie ihnen vielleicht aufgefallen ist, machen wir uns nichts aus der Herkunft der Kinder. Dadurch bieten wir diesem Pack immer genug Angriffsfläche. Die lokalen Gangs machen um den Treff einen großen Bogen, seitdem die Stadtkriegmannschaft, die ich hier trainiere, die Wand des Hauses eines Ganganführers mit Markiererkugeln gepflastert hat. Die Warnung haben sogar diese Hirnamputierten verstanden."  
            "In Frau Halvers Terminkalender waren mehrere Treffen im Neu-Marrakesch mit einer Person vermerkt, die sie nur mit W abgekürzt hat. Können sie sich vorstellen, um wen es sich dabei handelt?"
            Mahmut nickte. "Natürlich! Damit kann Steffi nur mich gemeint haben. Mein Spitzname lautet nämlich Wadi."           
            "Sie erwähnten, dass sie Frau Halvers vor einer Woche das letzte Mal gesehen hatten. In ihrem Kalender war aber ein Termin mit ihnen diese Woche markiert." Mahmut schien zunächst nicht zu verstehen, was ich meinte, aber dann klarte sich sein Blick auf. "Ach sie meinen den Dienstag. Steffi hat mir tags vorher abgesagt." 
          Aus irgend einem Grund, den ich nicht ganz fassen konnte, hatte ich mit einem Mal ein komisches Gefühl bei Mahmut. Bei meiner Ausbildung zum Agenten wurde mir auch beigebracht die Körpersprache meines Gegenübers zu interpretieren. Irgend etwas sagte mir, dass er mehr wusste, als er uns verriet. "Kommen sie! Das war doch noch nicht alles. Ich weiß, dass ihnen das Schicksal von Frau Halvers nicht egal ist. Schießen sie los! Wir versuchen doch nur zu helfen."
            "Es tut mir leid. Mehr weiß ich wirklich nicht.", gab er mit Bedauern an. Echtes Bedauern? 
            "Eine Sache noch, dann lassen wir sie in Ruhe: Fällt ihnen ein Grund ein, warum sich Frau Halvers noch spät abends im Eppendorf-Park aufgehalten haben könnte?"      
            "Nein. Keine Ahnung.", schnappte er knapp und ich wusste, dass er nun dicht gemacht hatte. Aber noch wichtiger: Jetzt weiß ich mit Sicherheit, dass du gelogen hast. Nur warum? Heute würden wir hier nicht mehr erfahren. "Nun gut, Herr ad-Din. Bitte rufen sie uns doch an, falls ihnen noch etwas einfallen sollte!" Ich hielt ihm unsere Visitenkarte hin und er nahm sie nach kurzen Zögern entgegen. "Natürlich, Herr Klarke."  
            Damit ließen wir den Lehrer zurück. Im Treppenhaus flüsterte mir Alyssa ins Ohr: "Der Kerl lügt doch!" Ich nickte zustimmend und kramte aus meiner Hosentasche einen RFID Marker hervor. Ich spielte ein wenig damit zwischen meinen Fingern herum bevor ich ihn unserem Zwerg zuwarf. "Darum werden wir ihn auch im Auge behalten. Largo! Schau mal, ob du den hier unauffällig an seinem Auto anbringen kannst!"

***

            Obwohl es der Marker den Wild Cards ermöglichte jederzeit den aktuellen Standort von Mahmut ad-Din herauszufinden, fuhren sie nur einige Straßen weiter. Dort parkten sie den Toyota in einer Seitengasse, sodass sich die Magierinnen des Teams mit der astralen Überwachung des Lehrers abwechseln konnten. Falls er Dreck am Stecken hatte, würde er vielleicht nach unserem Besuch etwas Unüberlegtes tun. Leider ließ er sich nicht in die Karten schauen und führte sein normales Programm für den Abend fort. Nach dem Training folgte ein kurzes Match inklusive Nachbesprechung. Auf dem Heimweg hielt er noch an einer Dönerbude, bevor er schließlich in seinem Appartement schlafen ging. Vorerst endete dort diese Spur, doch noch hatten die Wild Cards einen weiteren Hinweis, dem sie nachgehen konnten. Während die Männer in Frau Halvers Wohnung eingebrochen waren, hatten Sunetra und Alyssa mit den Haaren der Vermissten ein magisches Ritual durchgeführt, um sie aufzuspüren. In der fast sieben Stunden dauernden Prozedur konnten sie herausfinden, dass sie am besagten Abend noch im Park gewesen war.           
            Am Morgen nach der erfolglosen Beschattung von ad-Din begaben sie sich in den Eppendorf Park. Er begann im Norden der Sardinenstadt und zog sich wie eine grüne Schneise bis zum Zentrum des extraterritorialen Konzerngebiets, wo er erschöpften Managern und Lohnsklaven mit ihren Familien Erholung bot und zugleich ein beliebtes Gebiet für Jogger war. Der Himmel an diesem Freitagmorgen klarte auf und es versprach schönes Wetter zu geben. Die Elfe genoss die ersten Sonnenstrahlen und die Tatsache, dass sie sich in annähend so etwas wie Natur bewegen durfte. Vormals war der Park ein Naturschutzgebiet gewesen. Nachdem die Konzerne sich hier breit gemacht hatten, wurde der letzte Rest Moor trocken gelegt, die Anlage künstlich verlängert und umgestaltet, um sie den Anforderungen der neuen Besitzer anzupassen. Dennoch entstand die Illusion, als würde man auf Kieswegen durch einen echten Wald mit vielen Lichtungen wandeln.  
            "Sind euch die ganzen Drohnen aufgefallen?" Alyssa zeigte auf mehrere Objekte, die über ihnen durch die Luft schwebten, und riss die Elfe damit aus ihren Gedanken. "Die feinen Pinkel wollen sich sicher fühlen. Und was gibt es denn besseres für notorische Angstbeißer, als eine möglichst lückenlose Überwachung? Privat-sphäre ist da nur hinderlich.", stänkerte Hendrik zynisch. Largo blickte den Drohnen hinterher, während er sich am Bart kratzte. "Wenn sich Kabler bei mir meldet, werde ich ihn bitten sich auch ins Überwachungssystem des Parks reinzuhacken. Wer weiß, vielleicht haben die ja was Nützliches aufgenommen."        
            Nach einer Viertelstunde Fußmarsch waren sie an ihrem Ziel angekommen. Der See, vor dem sie nun standen, reichte bis zur Nordgrenze der Sardinenstadt und war so großflächig angelegt, dass man ausgedehnte Fahrten mit Tretbooten machen konnte. "Über dem See endet die Spur, die wir astral verfolgen konnten."
            "Über dem See?!", wollte Cone wissen.        
"Das Problem ist, dass die organischen Partikel im Wasser es schwierig machen etwas magisch aufzuspüren. Hoffentlich finden wir vor Ort mehr herausfinden."   
            Der Ork stemmte seine Fäuste in die Hüften. "Sollen wir etwa tauchen gehen, oder was?"           
            Sunetra seufzte und Lightning boxte ihm in die Seite. "Kannst ja gerne ein Bad nehmen, aber ich würde es mir an deiner Stelle verkneifen. Leg los, Süße!"  
            Um ihren Puls zu beruhigen nahm die Elfe mehrmals tief Luft. Sie war von dem Ritual und der Observation der letzten Nacht noch etwas geschlaucht, aber sie war in der Übung, wenn es darum ging einen Wasserelementar zu beschwören. Wenige Sekunden nachdem sie die entsprechende Formel nebst Gesten ausgeführt hatte, erhob sich aus dem See eine Gestalt, deren Gesicht frappierende Ähnlichkeiten zu Cone aufwies. 'Langsam mach ich mir echt Sorgen um mein Unterbewusstsein.', schoss es Sunetra durch den Kopf, bevor sie dem Elementar die Anweisung gab im See nach der astralen Signatur von Frau Halvers zu suchen. Die Japanerin sah, was das Wesen aus der Zwischenwelt sah. Wie ein Spürhund 'erschnüffelte' der Elementar die Spur im Wasser. Sie war nur schwach und drohte ein paar mal gänzlich zu verschwinden, aber beharrlich pflügte er Schicht um Schicht durch trübes Wasser, bis er am Ende fand wonach sie suchten. Am Grund des Sees lag eine schwarze, relativ neu aussehende Mercedes Limousine der CL-Klasse. Plötzlich regte sich der Mentorgeist Susanoo in ihrem Kopf und flüsterte erregt: 'Ich rieche Rost und faules Fleisch.' 
            Eine unangenehme Vorahnung hinterließ ein flaues Gefühl in Sunetras Magen. Sie nahm den Wagen genauer in Augenschein bevor sie ihre Verbindung zum Elementar wieder kappte. Sie hatte genug gesehen. "Was ist da unten?", wollte Iron begierig wissen, als sie wieder ihre Augen aufschlug. "Ein Wagen. Im Kofferraum liegt etwas, das astral wie eine Leiche aussieht." Sie versuchte das Unbehagen abzuschütteln. "Da ist noch eine weitere astrale Signatur, aber sie ist vom Wasser schon zu verzerrt, um mit ihr etwas anfangen zu können."      
            "Im Kofferraum also?!"          
Sunetra nickte. "Ich hab mir das Nummernschild gemerkt."           
            "Sehr gut." Iron überlegte einen Augenblick bis er schwer durchatmete. "Wir müssen unbedingt das Auto bergen. - Ich denke, es wird Zeit den Schmidt anzurufen."

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