Sonntag, 26. Mai 2013

Im Sog des Mahlstroms



The truth is out there - or at least behind the Screen.

 Kapitel 3 - Amy Rigor-Mortis

            Unter metallischem Ächzen riss die Verriegelung im Inneren der Konstruktion. Von dem unerwartet aufgegebenen Widerstand überrascht konnte Alyssa den magischen Druck, den sie auf das Schloss ausübte, nicht mehr rechtzeitig zurücknehmen, sodass der Kofferraumdeckel nach oben schnellte, gefährlich gegen die Heckscheibe schlug und beinahe aus seinen Scharnieren gerissen wurde - nur um sogleich wieder in die geschlossene Position zurück zu krachen. Ohne funktionierenden Verschluss blieb der Deckel aber nicht unten, sondern wippte noch einige Male von jammernden Geräuschen begleitet auf und ab, bis er jegliche Bewegungen einstellte. Von dem plötzlichen Lärm erschrocken, steckten Cone, Largo und Hendrik fragend die Köpfe aus dem Fond der schwarzen Limousine, wo sie schon seit einer Weile versuchten den Bordcomputer zu starten. Sunetra schüttelte tadelnd den Kopf. "Geht das auch mit ein bisschen mehr Gefühl, Gajin?!"
            "Immer locker durch die Hose atmen! Alles ist in Ordnung. Es ist nichts passiert." Beschwichtigend hob die menschliche Zauberin ihre Hände und grinste verlegen. Die beiden Orks stiegen aus und kamen zu ihr, während sich der Rigger wieder dem Computer zuwandte. Nachdem sie im Eppendorf See den Mercedes CL entdeckt hatten, rief Iron Frau Schmitt an. Ihre Kontaktperson im Rathaus sollte ihnen bei gewissen bürokratischen Hürden unter die Arme greifen. Wie zu erwarten verwies Frau Schmitt aus der 'Verwaltung' den Runner an eine andere Abteilung. 'Typisch für diese Sesselfurzer. Ja nichts machen, wofür man nicht zuständig sein könnte.', dachte Alyssa bitter. 

            Im Umweltdezernat half man Hendrik aber zum Glück weiter. "Vielen Dank, dass sie die Verunreinigung von renaturiertem Gelände gemeldet haben. Ich leite die Information umgehend weiter."      
            "Wie lange wird es denn dauern bis das Auto aus dem See geholt wird?", wollte der Ork wissen. Sein Gesichtsausdruck gab preis, dass er bereits mit einer Antwort rechnete, die er garantiert nicht hören wollte. "So zwei bis drei Monate, Herr Klarke." Aber als der Sachbearbeiter sogar über das kleine Videobild in seinem Komlink sehen konnte, dass der Bürger am anderen Ende maßlos enttäuscht war, fügte er rasch hinzu: "Alternativ könnten sie als besorgter Bürger in Vorleistung treten und dann die Quittungen bei uns zur Erstattung einreichen. In etwa einem dreiviertel Jahr würden sie nach intensiver Prüfung des Antrags ihr Geld zurück erhalten."
            Da die Wild Cards von ihrem Auftraggeber ausreichend mit finanziellen Mitteln ausgestattet worden waren, zögerte Hendrik keine Sekunde und sagte zu. "Hervorragend, Herr Klarke! Ob sie sich selber um die Angelegenheit kümmern oder ein Privat-unternehmen beauftragen, ist für uns unerheblich, solange die Bestimmungen für Abtransport und Entsorgung eingehalten werden. Ich sende ihnen auf ihr Komlink eine 'temporäre Befugnis zur Entfernung von Altmetall und Verbundstoffabfall aus öffentlichen Räumen' zu. Diese gilt auch auf dem extraterritorialen Gebiet der Sardinenstadt, da es in solchen Fällen um das Allgemeinwohl der Hamburger Bürger geht. Auf unserer Homepage können sie sich auch das dreizehnseitige Formular G408-C (blau) herunterladen, das sie für die Erstattung ihrer Unkosten benötigen."   
            Der Schreibtischtäter beendete das Gespräch und legte auf. Hendrik starrte noch einen Moment auf einen undefinierten Punkt in der Ferne. "Erstattung!", schnaubte er verächtlich, "der kann mich mal am Arsch lecken!"           
            Den restlichen Vormittag brachten Largo, Iron und Sunetra damit zu, um einen Tieflader nebst Arbeitskleidung und eine Taucherausrüstung zu leihen, damit sie den Mercedes bergen konnten. Unterdessen bereitete Alyssa mit Cone im Hafen die Werkstatt nahe der Dead Man's Hand vor. Nun stand die Limousine auf der heruntergelassenen Hebebühne. Um den Wagen hatte sich eine Pfütze aus brackigem Seewasser gebildet, die sich immer noch weiter ausbreitete. Obwohl die Flüssigkeit aus dem Innenraum abgelaufen war, schien noch etwas aus diversen Ritzen und Winkeln hervorzuquellen. Bis auf einige Schrammen und die beim Bergen abgerissene hintere Stoßstange, waren keine Schäden zu erkennen. Vermutlich war der Wagen im Schutz der nächtlichen Dunkelheit in den Park geschmuggelt worden, wo ihn jemand in den See geschoben hatte. Sie hatten leichte Reifenspuren im Gras finden können, aber leider keine Schuhabdrücke oder andere verräterische Hinweise, die auf die Identität des Täters hindeutete.    
            Im Halbkreis um den Kofferraum versammelten sich die Runner. Lightning griff zum Deckel und hielt inne. "OK, das ist die Stunde der Wahrheit."      
            "Mach's nicht so spannend, Kurze!", schnappte der ehemalige Ganger, woraufhin die Menschenzauberin tief Luft holte und den Kofferraumdeckel schwungvoll anhob. Aus dem Nichts erschien ein ekelerregender Duft und kroch in ihre Nasen. Er trieb Alyssa die Tränen in die Augen, die ihr die Sicht nahmen. Alles in ihrem Bauch zog sich zu einem bleischweren Klumpen zusammen. Mühsam unterdrückte sie ein erstes Würgen, doch dann wurde ihr vom Geruch zudem noch schwindelig. Sie schwankte vom Auto weg und konnte sich gerade noch so am geliehenen Tieflader festhalten, bevor ihr Magen endgültig aufgab und seinen Inhalt auf die Reise schickte. Zwei, drei Mal pumpte er ruckartig halbverdaute Brötchen, Rührei und SoyCafbrühe, von diversen Körpersäften durchtränkt, nach draußen. Als nichts mehr zum Erbrechen da war, krampfte ihr Magen noch etwas, aber sie fühlte sich schlagartig besser. "Boah Hendrik, das riecht ja schlimmer als dein Aftershave.", stichelte sie zwischen Husten und Räuspern, als sie sich den Mund abwischte. Dem Ork ging es kaum besser. Auch er hatte sich herzlich übergeben. Sunetra hielt sich etwas abseits - das Gesicht gefährlich grün verfärbt. Lediglich Cone stand noch wie zuvor am offenen Kofferraum und lachte dreckig. "Was für Weicheier."            
            Nachdem er vom Inneren einige Fotos geschossen hatte, winkte er ohne sich umzudrehen in Hendriks Richtung. "Hilf mir mal, du Softie! - Jetzt stell dich nicht so an. Es ist mit Leichen wie mit einer frisch geöffneten Packung Raclette-Käse: Nach einer Minute ist der Geruch schon fast angenehm." Wieder lachte er. Nur zögernd näherte sich der Ork seinem Cousin. Alyssa konnte es ihm nicht verdenken. Sie hatte im Moment auch keine Lust darauf ihr Verdauungssystem auf eine zweite Probe zu stellen. Zusammen hievten die Metamenschen einen Körper aus dem Kofferraum und trugen ihn zu einem Tisch, den sie für Untersuchungszwecke freigeräumt hatten. Obwohl sie etwas weiter entfernt war, konnte sie sehen, dass die gesamte Leiche aufgequollen war. 'Hmm... sie sieht nicht wie die Halvers aus.' Langsam gewann eine morbide Neugier in der Magierin die Oberhand. Sie wollte sich das Opfer wider besseren Wissens aus der Nähe ansehen.    
            "Hab was gefunden.", rief Iron und hielt triumphierend ein Kärtchen in die Luft. "Was hast du denn da?", wollte sie von ihm wissen. Er reichte ihr das Stück Plastik und suchte weiter in den Taschen der Toten. Alyssa konnte nichts auf dem Kunststoff erkennen und fragte sich, warum sich der Ork darüber so sehr gefreut hatte.
            "Mist! Sie hatte keine Brieftasche bei sich. Ich hatte gehofft dort mehr Hinweise auf ihre Identität zu gewinnen.", murmelte er enttäuscht. "Ähm...", Alyssa wedelte mit dem Plastik in ihrer Hand, "... und das hier ist...?"           
            Hendriks Gesicht hellte sich wieder auf und er zupfte ihr den Kunststoff aus den Fingern. "DAS, meine Liebe, ist ein elektronisches Ausweispapier. Behörden nutzen so etwas, um die unterschiedlichsten Berechtigungen in einem Utensil zusammen-zufassen." Als ihn die Magierin weiter skeptisch ansah, fuhr er fort: "Über solche Ausweise hat man beispielsweise die Möglichkeit Bürotüren zu entriegeln, bekommt Zugriff auf Computer, kann die Fahrzeugflotte benutzen oder bekommt in der Kantine billigeres Essen und so viel kostenfreien SoyCaf, wie man verträgt. Die Berechtigungen werden individuell vergeben und auf diesen Kärtchen vereinigt."  
            "Klingt risikoreich. Wenn man so einen Ausweis verliert... Braucht man denn keinen Fingerabdruck, der einen berechtigt, das Ding zu benutzen?"   
            Hendrik biss auf seine Zunge, während er das Stück Plastik absuchte und darauf scheinbar wahllos herumdrückte. "Ja, das ist richtig. Ohne Fingerabdruck ist das Kärtchen wertlos, aber mit etwas Glück kann ich es dazu überreden uns das anzuzeigen, wofür es zuletzt genutzt wurde."    
            "Im Moment kann ich nix sehen."     
"Warte mal! Ich hab's gleich." Der Ork stellte sein Getatsche auf dem Ausweis ein , als sich etwas auf dem weißen Kärtchen tat. Eine Seite färbte sich zuerst schwarz, bevor sich weiße Buchstaben herausschälten. 'Universalausweis der freien Stadt Hamburg' war darauf zu lesen. Dann wechselte die Anzeige wieder und teilte mit, dass mit dem Ausweis ein Auto reserviert worden war. Hendrik verglich das Kennzeichen mit dem Mercedes auf der Hebebühne und zog die Stirn kraus. "Es ist der selbe Wagen... und er wurde reserviert auf... DREK! - Die Inhaberin der Karte ist Stefanie Halvers."         
            Alyssa trat näher an den Untersuchungstisch heran und warf einen Blick auf die Leiche. "So aufgedunsen wie sie ist, kann man es nicht mit Sicherheit sagen. Mit der Person auf dem Foto hat sie nicht mehr viel gemein."    
            "So wie ihre Finger aussehen, wird das Kärtchen nicht auf den Abdruck zur Identifikation reagieren. Wirklich sicher könnten wir nur mit einem Zahnabdruckvergleich sein, aber dazu fehlen uns die nötigen Daten. Abgesehen davon haben wir nicht die Möglichkeiten einen Abdruck zu erstellen. Solange wir keinen gegenteiligen Beweis finden, müssen wir davon ausgehen, dass das hier die Freundin unserer Bürgermeisterin ist."     
            "Hey Leute!", rief Largo vom Fahrersitz herüber, "Ich hab den Bordcomputer gehackt!" Sofort warf der Ork den Ausweis zur Leiche auf den Tisch und ging zu dem Rigger, um ihn zu beglückwünschen. "Sehr gut! Jede Luxuskarosse ist mit Kameras ausgestattet. Schau mal nach, ob du über GPS und Videoaufzeichnungen herausfinden kannst, wo der Wagen zuletzt gewesen ist!" 
            "Bin doch schon dran, Eckzahn.", grinste der Zwerg schelmisch und stieß seine Faust gegen die des Orks. Hendrik kam danach zum Untersuchungstisch zurück und sah seinem Cousin eine Weile dabei zu, wie er die Leiche examinierte. Zwar war der Geruch, den der Körper verströmte immer noch unangenehm, aber inzwischen hatte er ein erträgliches Level erreicht. "Nun, Doktor Brinkmann, was hast du rausfinden können?" Auf Cones geistigen Zustand hätte Alyssa niemals Wetten abgeschlossen, aber wenn es um medizinische Belange ging, konnte er einen beinahe professionellen Eindruck hinterlassen. Eigenen Bekundungen zufolge hatte der Metamensch sogar einige Semester Medizin studiert. Jedenfalls konnte sie ihm in diesem Bereich ein gewisses Fachidiotentum nicht absprechen.    
            "Der gesamte Körper ist von der langen Zeit im Wasser ziemlich aufgequollen. Bei solchen Leichen bildet sich die sogenannte Waschhaut. - Na du weißt schon: wenn die Haut beim Baden schrumpelig wird." Er wartete bis Hendrik nickte, dann dozierte er weiter: "Bei dieser Leiche hier wurde zusätzlich das Körperfett unter der Haut in Fettwachs umgewandelt, das den Körper wie einen hauchdünnen Panzer umhüllt und so konserviert. Das kann aber nur unter vollständigem Ausschluss von Luft geschehen. Bei Leichen, die an der Oberfläche von Gewässern treiben, sieht man dieses Phänomen also nicht.
            DAS und die Male am Hals mit den fleckförmigen Hämatomen sagen mir, dass sie zuerst erwürgt wurde und schon tot war, als der Wagen ins Wasser geschoben wurde. Wenn ich hier entsprechend operieren könnte, würde ich in der Lunge sicherlich kein Wasser finden. Dann wäre der Befund eindeutig. Zudem hätte sich beim Ertrinken ein Schaumpilz vor Mund und Nase gebildet."
            "Hast du noch etwas herausfinden können?"
"Sie hat auf der linken Seite, auf der sie lag, Totenflecken. Die entstehen durch das Absinken des Blutes in die tiefer gelegenen Gefäße des Körpers. Daran kann man sehen, dass sie, nachdem man sie umgebracht hatte, in den Kofferraum gelegt und später nicht mehr umgelagert wurde."        
            "Kannst du uns sagen wie lange sie schon tot ist?", wollte Alyssa wissen. "Aufgrund dem allgemeinen Zustand der Leiche und der fortgeschrittenen Lösung der Leichenstarre würde ich sagen, dass es etwa drei Tage her sein muss."
            Hendrik kratzte sich nachdenklich am Hinterkopf. "Hmm, das passt zur Aussage des Schmidt, dass sie Dienstags abends das letzte Mal im Rathaus gesehen wurde."        
            "DREK!", schallte es vom Fahrersitz des Mercedes. Unter wütenden Schlägen mit der flachen Hand auf die Konsole, begleitet von diversen Flüchen, verschaffte Largo seinem Ärger Luft. "Was ist denn los?", rief Sunetra, "Soll ich dir dein Ritalin holen?" Der Zwerg stand auf, kam zum Untersuchungstisch und warf der Elfe einen giftigen Blick zu. "Hast du ein Witzebuch gelesen und plötzlich einen Sinn für Kalauer entwickelt, Mandelauge?" Die Magierin grinste lediglich als Antwort.  
            Der Rigger stemmte eine Hand in die Hüfte und wischte sich mit der anderen frustriert über das Gesicht. "Wir haben es mit Profis zu tun. Ich hab keine Ahnung mit wem sich die Kleine angelegt hat, aber derjenige wusste was er tat."    
            "Lass die Hieroglyphen sein und sprich verständlich!"
"Die Speicher haben für etwa zweieinhalb Tage Platz, bevor die alten Aufnahmen wieder gelöscht werden. Das sollte eigentlich mehr als genug sein, um uns Antworten zu liefern. Aus Datenschutzgründen zeichnen die Kameras nur auf, wenn der Schlüssel steckt. Zwar fielen der Motor und ein Großteil der Elektronik im See aus, aber die Kameras blieben trotzdem aktiv. Nachdem ich mich also im Schnelldurchlauf durch mehr als zwei Tage an Fischen und Seegras gespult hatte, konnte ich feststellen, dass die letzte Fahrt noch teilweise im Speicher war."
            "Das ist doch gut.", meinte die Elfe zu seiner Linken.          
"Schön wär's. Ich bin dann zum Anfang der Aufzeichnung gesprungen. Beim Einsteigen hat der Fahrer die Kameras manipuliert. Die, die nach hinten gerichtet ist, hat er zugeklebt, damit er nicht zu sehen ist. Obwohl Nacht war, war die andere auf Tageinsatz eingestellt. Dadurch sind die meisten Aufnahmen schwarz oder so dunkel, dass man kaum etwas erkennen kann. Zum Fahrer kann ich nur sagen, dass er relativ groß zu sein scheint und vermutlich ein Mann war. Möglicherweise saß er nicht allein im Auto." Hendrik überlegte einen Moment. "Konntest du trotzdem irgendwelche markanten Punkte in der Landschaft erkennen, aus der wir ableiten können, wo sie entlang gefahren sind?" 
            Der Zwerg schüttelte den Kopf. "Mit etwas Glück kann ich durch Nachbereitung des Filmmaterials die Qualität soweit verbessern, dass wir was damit anfangen können, aber das wird Zeit in Anspruch nehmen."        
            "Bevor du dir die Arbeit machst, lies doch die GPS Daten aus!", warf Alyssa ein, aber Largo sah sie nur sauertöpfisch an. "Was meinst du Schlaumeier denn, was ich die ganze Zeit gemacht hab? Laut GPS ist der Mercedes von Singapur über Hamburg nach Quebec gefahren."          
            Als alle ratlos dreinblickten, warf der Zwerg die Hände in die Höhe. "Ich sagte doch: wir haben es mit Profis zu tun."   
            Iron packte ihn bei den Schultern und sah ihn aufmunternd an. "Dann bleibt uns nichts anderes übrig als auf deine Fähigkeiten zu vertrauen. Ich bin sicher, dass du mit den Aufnahmen erfolgreich sein wirst." Largo presste wenig zuversichtlich die Lippen aufeinander und nickte schwach. Dann ging er zum Wagen zurück.
            Die Elfe zeigte auf den Untersuchungstisch. "Was machen wir mit ihr? Die kann doch nicht hierbleiben." 
            "Da hast du allerdings recht. Cone, schau mal, ob du bei deinen Kontakten einen Kühlraum organisieren kannst."          
            Der Ork sah seinen Cousin verdattert an. "Was für Kontakte?"         
            "Na, ne Schattenklink, nen Straßendoc oder so."      
"Woher soll ich die denn kennen?"    
            "Du bist doch von uns der Mediziner. Du wirst doch jemanden kennen, der über eine entsprechende Einrichtung verfügt?!", fügte Hendrik genervt hinzu.            
            "Äh... ne... wozu?"      
Dem Ork platzte fast der Kragen: "Weil der menschliche Schwamm auf deinem Tisch müffelt und über kurz oder lang die Bullen auf den Plan rufen wird. Und dann will ich nicht, dass man sie hier herumliegen sieht." 
            "Wir sollten sie den Behörden übergeben.", schlug Sunetra vor, aber Alyssa winkte ab. "Keine gute Idee. Wir haben einen Tatort kontaminiert. Auch wenn wir Fotos gemacht haben, wird man versuchen uns daraus einen Strick zu drehen, wenn wir nicht aufpassen. Abgesehen davon wäre dann der Tod der PR-Mitarbeiterin offiziell und der Schmidt hat klar gemacht, dass wir diskret sein sollen."      
            Die Elfe zuckte mit den Achseln. "Und nun?"
Die Menschenzauberin aktivierte ihr Komlink, wählte eine Nummer und ging etwas auf Distanz zu ihren Kollegen. "Ich hab da eine Idee. Bin gleich wieder da." Sie musste nur kurz warten, bis ihr Kontaktmann Barry abhob. "Moin, moin, Süße, wie geht es dir? Hab lange nichts mehr von dir gehört."        
            "Moin moin, Barry. Sorry, wenn ich dich so überfalle, aber ich brauch dringend deine Hilfe." Obwohl ihr Kontakt augenscheinlich nur in einer Kneipe arbeitete, wusste Lightning, dass er mehr als nur ein einfacher Barkeeper war. "Klar. Worum geht es denn?"
            "Ich brauche eine Kühleinheit für eine Leiche.", platzte sie heraus, weshalb Barry sie überrascht ansah. "Hast du einen gegangt?", fragte er skeptisch, aber die Magierin schüttelte den Kopf. "Nein, nein! Das ist eine lange Geschichte. "  
            Nun grinste der Barkeeper wieder: "Na dann schieß mal los! Mittags ist immer Flaute im Laden. Ich hab Zeit."

***

            Während Largo die Videoaufnahmen analysierte und mit seinen Programmen bearbeitete, stopften Cone und ich die tote Frau zuerst in einen Leichensack und dann in eine Kiste. Etwa eine halbe Stunde später tauchte ein unscheinbarer Lieferwagen mit der Aufschrift 'Polanskis Würstchen und mehr' auf, versahen die Kiste mit einer Nummer, stellten eine Quittung aus und verschwanden wieder. Die Erfahrung lehrte mich dem Hinweis 'und mehr' stets zu misstrauen, also wagte ich nicht nachzufragen.      
            Es war später Nachmittag als der Rigger seine Arbeit beendet hatte und wir die Schnitzeljagd wieder aufnehmen konnten. Die vage Spur führte uns in den hohen Norden Hamburgs. Der letzte markante Punkt, den Largo ausfindig machen konnte, war eine Straßenkreuzung vor dem KIK-Tower in Kaltenkirchen, wo es die besser betuchten Hamburger hinzog, wenn sie mal wieder sündhaft teure Klamotten brauchten. Von hier aus gab es nur zwei Möglichkeiten weiter zu fahren. Entweder zur Autobahn nach Stockholm oder ins Industriegebiet im nicht weit entfernten Pinneberg. Hier befanden sich vollautomatisierte Fabriken und ein Vergnügungszentrum - die als die nördlichste Gelegenheit sich zu amüsieren beworben wurde. Da es unwahrscheinlich war, dass Stefanie Halvers aus Dänemark gefahren war, versuchten wir mit Amüsierviertel unser Glück.   
            Also nahmen wir den Tunnel, der auf eine Insel führte. Die Schwarze Flut hatte mitten in Pinneberg einen See hinterlassen, auf dem Investoren in den Fünfzigern eine Insel hatten aufschütten lassen, die etwa zweieinhalb Kilometer im Durchmesser maß. Darauf war ein schmuckloser Betonbunker errichtet worden, der von zwei Eingängen an der Frontseite abgesehen kein natürliches Licht herein ließ. Im AR allerdings blinkte und leuchtete der gesamte Laden. Dort war 'die Schatzinsel' nämlich mit einer Galeone gekrönt, die an einer Maya-Pyramide gestrandet war, aus deren Spitze einem Füllhorn gleich das Geld sprudelte.       
            Hierher kamen Glücksritter, Junggesellenabschiede, Manager zu ihren informellen Feiern und viele Trucker, die auf ihren Reisen dort Einkehrten. Neben normalem Glücksspiel mit Automaten wurden auf der Schatzinsel auch Pitfights, Straßenkrieg und Combat-Biking ausgetragen. Wetten gehörten demnach auch zum Tagesgeschäft des Casinos. Die Betreiber hatten vor einigen Jahren mal versucht dem Laden noch einen exklusiven Puff anzugliedern, aber die Lobatchevski-Brüder waren nicht damit einverstanden, dass so ein paar Wichtigtuer aus dem Norden meinten mit Muschis Geld zu machen ohne sich mit ihnen abzustimmen. Man tauschte einige Kugeln aus, ging diskret mit Gewichten an den Füßen schwimmen und schickte sich gegenseitig Beileidskarten zu den Beerdigungen der unverhofft dahinge-schiedenen Verwandten zu, bis der Pressesprecher der Schatzinsel bekannt gab, dass man ein sauberes Geschäft führen wollte und gerne auf das Angebot der käuflichen Liebe verzichtete. Seitdem herrschte wieder Ruhe im Puff... ich meine natürlich: im Casino.
            Wenn man aus dem Tunnel kam wurde man vom automatischen System auf einen Parkplatz geleitet, der den Großteil des Gebäudes umgab. Wir ließen den Toyota Coaster zurück und gingen hinein. Sofort stürzten sich Largo und Cone auf die reichhaltige Bierkollektion an der Bar. Während sich die beiden über die Vorzüge von Starkbier unterhielten, flanierte ich mit den Magierinnen durch die erste weiträumige Halle. Von der hohen Decke aus flutete angenehmes Licht den Raum. Wir passierten Einarmige Banditen, Videospiele, Roulette und Blackjack-Tische, bis eine Frau auf uns zu kam. Die Blonde trug so etwas wie eine Uniform, sofern man das so nennen wollte. Ein Bordell wollten die scheinheiligen Betreiber nicht im Laden, aber die angestellten Damen mussten so freizügig herumlaufen, dass ich an ihrer Nichtkäuflichkeit ernste Zweifel hegte. Sie trug weitmaschige Netzstrümpfe, die sich an ihre in weißen High-Heels steckenden langen Beine schmiegten. Untenherum presste sich eine hautenge Hotpants um ihre ausladenden Hüften und die Apfelarschbacken. Zudem gaben sie auch die Form ihres Kamelhufs preis. Dass sie dazu ein schwarzes Top trug, aus dem ihre Möpse bei jedem Schritt heraus zu hüpfen drohten, fiel dabei kaum mehr auf.    
            "Hendrik! Hör auf sie so anzustarren!", gebot mir Sunetra mit strengem Blick. "Und du auch, Alyssa! Mit euch kann man echt nirgendwo hingehen." Mühsam versuchten die Kleine und ich der Blonden in die Augen zu schauen.           
            "Guten Tag, ich bin Kelly Nummer vierzehn. Was kann ich für sie tun?", fragte das Sexobjekt und schob lasziv mit einer Hand die langen blonden Haare von der Schulter nach hinten. Da weder Alyssa noch ich Worte hervor bringen konnten, die einen sinnvollen Satz ergeben hätten, übernahm die Teamelfe das Gespräch. Sie zeigte auf Lightning. "Hallo. Wir suchen ihre Schwester. Haben sie sie vielleicht gesehen?" Sie zeigte Kelly das Foto von Frau Halvers. Wie zu erwarten stellte sich heraus, dass die Dame nur zur Dekoration und nicht zum Denken angestellt worden war. Sie hatte sichtliche Mühe ihre grauen Zellen zu bemühen. "Ja, ich kenne sie. Das ist die Neue aus der anderen Schicht. Ich hab sie ein paar mal gesehen. Wie hieß sie noch... ich glaube sie war Amy Nummer sieben oder acht. mehr weiß ich aber nicht."        
            "Was soll das mit den Nummern?"    
"Oh, unser Boss benennt alle Kellnerinnen nach seinen Exfrauen. Süß, oder?"       
            "Äh, ja, entzückend.", kommentierte Sunetra in einem Tonfall, der klar machte, wie sie wirklich über den reizenden Chef dachte. "Wissen sie vielleicht wer uns weiter helfen kann?" Die Blonde lächelte treudoof und freute sich darüber die Antwort zu kennen: "Fragen sie Veronika Nummer fünf aus der Spätschicht. Sie hat mit ihr im VIP Bereich Dienst geschoben. Sie fängt in einer halben Stunde an."    
            "Oh, sehr gut. Wo werden wir sie denn finden?"       
"Sie arbeitet im Bereich der Kampfarenen. Heute Abend stehen Pitfights auf dem Programm. Da kommen sie aber ohne VIP Zugang nicht hin." Sunetra bedankte sich für die Hilfe und Kelly Nummer vierzehn zog weiter. "So, und wie kommen wir jetzt in den VIP-Bereich?", stöhnte die Elfe.     
            "Warte mal! Vielleicht...", ich suchte den Raum nach einem Informationsterminal ab und fand einen an der Wand neben dem Fahrsimulator. Neugierig folgten mir die Magierinnen während ich ihre Fragen ignorierte. Am Terminal durchsuchte ich die Veranstaltungshinweise und fand was ich suchte. "Leute, kreuzt den Tag im Kalender an. So viel Sonne hatten wir lange nicht mehr." Ich wählte eine Nummer und wartete darauf, dass mein Komlink die Verbindung aufbaute. "Wen rufst du denn an?"        
            "Ein alter Bekannter von uns ist heute in der Schatzinsel. Und ich bin mir sicher, dass er uns reinbringen kann." Es knackte in der Leitung und es wurde abgehoben. Karl Weilands Gesicht erschien im Display. Vor einigen Monaten hatten wir Karl und seiner Tochter Bianca das Leben gerettet, als er in einem illegalen Kampf angetreten war und der Austragungsort, das Frachtschiff 'Kap San Diego', gestürmt wurde. "Hallo Hendrik! Wie geht's dir? Du rufst ungünstig an, einer meiner Jungs hat gleich einen Wettkampf zu überstehen."          
            "Moin Karl, ich weiß. Wir sind gerade ebenfalls in der Schatzinsel und brauchen deine Hilfe. Es geht auch schnell. Versprochen!"          
            "Was gibt's denn?"     
"Wir ermitteln in einem Fall und müssen dringend in den VIP-Bereich, um dort eine Zeugin zu interviewen, aber wir haben keinen Zugang." Sofort lachte der vercyberte Mensch. "Ach wenn es weiter nichts ist. Ich schick dir Freipässe aufs Komlink."
            "Danke Karl. Du bist unsere Rettung."           
"Ach komm!", wehrte er ab, "Das ist das Mindeste, das ich für euch machen kann. Ich geb euch einen guten Tipp: setzt eine Wette auf meinen Schüler. Er ist heute der Underdog, den alle für den Loser halten, aber er ist verdammt gut und wird mit dem Elf den Boden aufwischen."   
            Mein Komlink bestätigte mir den Eingang der Pässe. "Das klingt doch mal super. Danke nochmal und viel Erfolg. Grüß deine Kleine von uns!"   
            "Werde ich machen. Wenn ich Zeit finde schau ich nachher mal bei euch in der Lounge rein." Dann legte der Kampfsportler auf und wir begaben uns auf direktem Weg in den VIP-Bereich, in den wir ohne Probleme vorgelassen wurden. Statt der Plastikpalmen standen hier echte Bäume in breiten Töpfen an den Wänden, ein Brunnen zierte das Zentrum der geräumigen Lounge, die zahlreiche gemütlich aussehende Sitzmöglichkeiten bot. Wir suchten uns eine freie Kabine im Kampfbereich, nahmen Platz und baten über eine AR Konsole, dass Veronika Nummer fünf kommen sollte, um unsere Bestellung aufzunehmen. Bis sie bei uns eintraf, befolgten wir Karls Wett-Tipp und beobachteten die ersten Vorkämpfe, die allesamt schnell vorüber waren und mehr langweilten als eine spannende Vorstellung boten. Ich bin kein Fan von unnötigem Gemetzel, der sich als Sport tarnt, aber auch die Pitfight-Profiliga, in der Hieb- und Stichwaffen verboten waren und nur bis zum K.O. gekämpft wurde, konnte keine Begeisterung in mir wecken.   
            Nach einigen Minuten betrat unsere ebenfalls sehr freizügig gekleidete Kellnerin in die Kabine und bat um unsere Bestellung. Um nicht zu sehr aufzufallen orderten wir zunächst Getränke, um sie auszufragen, wenn sie zurück kam. Kaum hatten wir unsere Gläser in den Händen, fragte sie nach unseren weiteren Wünschen. Da Alyssa und ich uns erst noch an den Anblick der dunkelhaarigen Schönheit gewöhnen musste, ergriff wieder einmal Sunetra das Wort. "Wir suchen ihre Schwester und haben gehört, dass sie hier arbeitet. Vielleicht können sie uns ja helfen."
            "Ja, das ist die Neue.", erinnerte sich Veronika Nummer fünf nach einem Blick auf das Foto. "Sie hat vor drei oder vier Wochen bei uns angefangen." Lightning fand langsam ihre Sprache wieder und bemühte sich die Kellnerin nicht zu sehr anzuschmachten. "Wenn Vater herausfindet, dass sie hier arbeitet bekommt er einen Anfall. Ich will meine Schwester vor unnötigem Ärger schützen."
            "Keine Sorge. Sie arbeitet nur als Kellnerin. Unsere Arbeitskleidung mag sehr sexy sein, aber das hier ist nicht der Kiez. Warum rufen sie denn ihre Schwester nicht einfach an?"  
            "Sie geht nicht ans Telefon, zu Hause ist sie nicht und ich mache mir etwas Sorgen um sie. Wissen sie wann sie wieder arbeitet?", fragte Alyssa. "Normalerweise ist sie Samstags und Sonntags Abends hier. Sie hat bevorzugt die Spätschichten am Wochenende übernommen, aber ich kenne ihren genauen Dienstplan nicht. Tut mir leid."     
            "Was für Klientel hält sich denn für gewöhnlich hier auf?", warf die Elfe neugierig ein. Stolz verkündete Veronika Nummer fünf, dass viele Hamburger Berühmtheiten in der Schatzinsel verkehren würden. Es gab einige Stammgäste unter denen neben Stars und Sternchen auch Politiker waren, deren Namen sie aber nicht kannte oder aus Diskretion nicht preisgeben wollte. Langsam wurde die Kellnerin nervös und deutete an gehen zu wollen, doch Alyssa fiel noch etwas ein, das sie wissen wollte."Hat meine Schwester einen Freund erwähnt? Jemanden, der mit ihr zusammen war?"         
            "Ähm es tut mir leid, ich muss jetzt gehen."
Rasch verließ sie die Kabine und verschloss die Tür wieder hinter sich. Für meinen Geschmack hatte sie es etwas zu eilig gehabt. Noch bevor ich mir weitere Gedanken über das Ende unseres Gesprächs machen konnte, wurde die Tür unerwartet wieder geöffnet und von einem auf den anderen Moment gesellte sich ein Ork mit zwei Trollen zu uns. Sie trugen Businesskleidung und neutrale Gesichtszüge zur Schau, aber ihre Gesinnung war eindeutig.
            "Darf ich die Herrschaften bitten diese Etablissement zu verlassen?", forderte uns der Ork im feinen Zwirn höflich auf. "Wir dulden keine Belästigung unserer Bediensteten. Ihre Wetten bleiben bestehen. Sollten sie etwas gewinnen, werden wir sie selbstredend auszahlen." 
            Alyssa setzte ihren unschuldigsten Hundeblick auf und versuchte so verzweifelt wie möglich zu klingen. "Es tut mir leid. Das war nicht unsere Absicht. Ich suche wirklich nur nach meiner geliebten Schwester."
            "Das kann ich natürlich verstehen. Sie haben die Möglichkeit über die Casinoverwaltung eine Anfrage zu stellen. Wir kümmern uns dann darum und versuchen ihnen so gut es geht zu helfen." Oder auf gut Deutsch: Es interessiert mich einen Scheißdreck, was du hier willst. Geh mir nicht auf die Eier und verpiss dich, bevor ich dich mit deinem eigenen Darm aufhänge.          
            Der Ork verschränkte die Arme hinter seinem Rücken und würdigte uns keines Blickes mehr. Ohne Zweifel, seine Entscheidung war endgültig. Weitere Diskussionen konnten wir uns sparen. Also leisteten wir seiner Aufforderung Folge und gingen in Begleitung der Trolle zum Ausgang des Casinos. Als wir an der Bar vorbei kamen, sahen Cone und Largo uns verdattert hinterher. Ich informierte sie knapp über Komlink als wir draußen standen.           
            "Entweder haben die die Kabine oder die Kellnerin abgehört. Oder vielleicht auch beides. Auf jeden Fall ist hier was oberfaul." "Wir trinken noch schnell das Bier leer und kommen dann zu euch raus.", kommentierte Cone den Bericht.           
            "Nur keine Hektik. Vielleicht brauchen wir euch noch da drin. Largo, hat sich Kabler schon auf deine Nachricht gemeldet?"
            "Nein, leider nicht. Wieso, was hast du vor?"
"Ich hab im VIP-Bereich jede Menge Überwachungskameras gesehen. Falls wir von Kabler nicht die Daten von den Drohnen aus dem Park bekommen, brauchen wir die Aufzeichnungen aus dem Casino. Denn wer auch immer sie umgebracht hat, ich bin überzeugt davon, dass sie ihren Mörder oder zumindest dessen Auftraggeber in der Schatzinsel kennen gelernt hat."

Kommentare:

  1. Wart mal ab bis heute Abend Kapitel 4 online kommt. Da denkste auch: IHR VERDAMMTEN CLIFFHANGER, IHR! ^^

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