Freitag, 14. Juni 2013

Im Sog des Mahlstroms



 Kapitel 6 - Arische Kronen

            Es gibt Tage an denen ich am liebsten alles hinschmeißen würde. An diesem war ich bereits als Abschleppdienstleister unterwegs gewesen, hatte eine Leiche untersucht, war mehrfach durch halb Hamburg gedüst, um mich aus einem zwielichtigen Casino werfen zu lassen, um einen Aufmarsch von Neonazis aufzulösen (Und das wohlbemerkt lediglich mit einem Telefon bewaffnet!), nur um bei einem simplen Überwachungseinsatz fast eine Freundin zu verlieren und versehentlich einen unschuldigen Mann anzuschießen, als ich eingreifen musste. Dass uns Doc Wagon auf unserer Flucht beinahe das Fell über die Ohren gezogen hatte, erwähne ich besser gar nicht. Ich will endlich ins Bett.          
            Stattdessen stand ich kurz vor Mitternacht mit stetig sinkender Laune im sechsten Stock einer verlassenen Baustelle, die einmal ein Bürogebäude hatte werden sollen bevor die wirtschaftliche Realität sie eingeholt hatte, und verhörte eine der Glatzen, die wir im Hotel gefangen nehmen konnten. Obwohl Lightning ihn fest mit Kabelbinder verschnürt hatte, windete sich der Bastard als hielte er sich für Houdini höchstpersönlich. Aus der Misere brachte ihn das allerdings nicht. Nachdem ihn auch nettes Fragen, höfliches Drohen und grobes Argumentieren nicht zum Reden gebracht hatte, packte ich ihn am Schlafittchen und hing ihn durch ein brüstungsfreies Fenster am Rand der Baustelle über den Abgrund. Doch auch dann weigerte er sich partout sein Maul aufzumachen. Nebenbei bemerkt trugen seine permanenten Beleidigungen nicht dazu bei meine Stimmung zu heben.    

            "Fick dich, du Missgeburt!", fauchte er mich an. Ich ignorierte die Speichelpartikel, die aus seinem Mund geflogen kamen. Sein Hass auf Metamenschen saß so tief, dass meine versierten Verhörtaktiken wirkungslos an ihm abprallten. Härtere Geschütze mussten aufgefahren werden. Also nickte ich meinem Cousin zu, der sich den zweite Nazi schnappte und kommentarlos in die Tiefe warf. Er gab zum Abschied ein letztes dumpfes Geräusch von sich, als er unten auf einem Hügel mit Bauschutt aufprallte. Unterdessen gab ich meinem baumelnden Freund ausreichend Gelegenheit dem Experiment 'Gravitation und ihre Auswirkungen auf belebte Körper' beizuwohnen.          
            Glücklicherweise hatte er nicht bemerkt, dass unser zweiter Gefangener bereits tot gewesen war bevor Cone ihm Fliegen beigebracht hatte. Einer der Betäubungsbolzen, die ihm unsere Zauberinnen auf dem Hotelparkplatz über den Pelz gebraten hatten, hatte leider auch sein Gehirn gegrillt - kein Wunder! Viel zu Grillen gab es bei diesen Spackos eh nicht in der Birne. Er atmete schon nicht mehr, als wir einen Block weiter diese ruhige Ecke gefunden hatten. Nicht, dass ich deswegen Bedauern empfunden hätte. Es fühlte sich immer richtig an Faschos aus der Welt zu tilgen. 
            Jedenfalls zeigte unsere kleine Demonstration die gewünschte Wirkung. Junior pisste sich vor Angst die Buxen voll. Endlich wurde er kooperativer. "Gut! Ist ja schon gut!", jaulte er, "Ich will nicht wegen so 'nem Scheiß Auftrag draufgehen!"  
            "Na also, geht doch. Jetzt raus mit der Sprache! Was wolltet ihr im Hotel und für wen arbeitet ihr?" 
         Er zappelte ein wenig, aber mittlerweile vor Nervosität und nicht Aggression. "Wir sollten nur nachschaun, ob so eine blonde Alte im Hotel wohnt und sie umbringen, wenn wir sie finden. Ich, ich weiß nicht wer uns den Auftrag gegeben hat. Das kann dir nur mein Boss sagen."       
            Sunetra blickte ihn einen Moment lang scharf an. Dann wandte sie sich mir zu: "Er spricht die Wahrheit." Schon praktisch so ein magischer Lügendetektor.      
            "Was weißt du noch?"
"Mein Boss sagte, dass wir es für die Zukunft der Stadt tun würden. Um den Sauhaufen wieder unter Kontrolle zu bringen."        
            "Wie heißt dein Boss?"           
"Schmitt!", antwortete er dreist grinsend und garantiert gelogen zurück. Findest dich wohl sehr gerissen, wie?! Ich ließ seine Jacke ein Stückchen aus dem Griff meiner Faust gleiten, wodurch sein Körper ruckartig nach unten sackte. Das braune Dreckschwein erschrak sich fürchterlich. Ich ließ ihn ein wenig Quieken, damit er seinen nächsten Satz überdenken konnte. "Sch... sch.. schau mal beim arischen Untergrund nach! Ich kenn ihn nur als Schmitt. Ehrlich!"
            Entweder wusste er wirklich nicht mehr oder wir würden ab hier nichts mehr aus ihm heraus bekommen. Also stellte ich seine Füße wieder auf festen Boden. Er brauchte nur einen kurzen Moment zum Durchatmen, bis er wieder in sein altes Verhaltensmuster zurückfiel und uns verbal angriff. "Abschaum wie ihr werdet schon bald aus der Stadt gespült werden. Hamburg wird endlich wieder rein sein."    
            "Ja, ja. Das hab ich gern. Von Reinheit faseln, aber selber nicht mal stubenrein sein.", kommentierte Lightning mit tadelndem Blick auf seinen Schritt, der nach wie vor feucht glänzte. Doch er ignorierte die Zauberin. "Es gibt nichts, was ihr dagegen tun könnt, Hauer!", giftete er mich und Cone an. Wie ich dieses elende Nazidreckspack hasse!           
            "Träum weiter!"         
Ich zog meine Pistole und schoss ihm in die Brust. Seine Augen weiteten sich vor Überraschung, als ihm die Kugel den linken Lungenflügel zerfetzte. Hustend fiel er zu Boden, wo er noch fast eine Minute lebte, bevor es endgültig vorüber war. Ich verweigerte ihm die letzte Gnade.   
            Währenddessen verlor Alyssa keine Zeit und durchsuchte seine Sachen. Cone schoss mit der Pistole der Glatze zwei Mal in Boden und Wand der Baustelle und drückte sie der Leiche in die Hand. Dann machten wir uns schweigend auf den Weg zur Treppe. Mit einem Taschentuch wischte ich meine Fingerabdrücke von meiner Pistole, denn sie mussten Platz für neue machen.       
            Hoffentlich beobachtet mich keiner, wenn ich zu dem anderen Scheißer auf den Schutthügel steige...'

***

            Seit mehr als einer halben Stunde fuhr Largo bereits durch den nächtlichen Großstadtdschungel Hamburgs. Neben ihm auf dem Beifahrersitz gab Wadi einen mittelprächtig nervösen Fahrgast ab. Die ganze Zeit sah er besorgt auf die Gehsteige, die sie passierten und kontrollierte immer wieder über die Rückspiegel, ob sie verfolgt wurden. Er konnte es dem Lehrer nicht verübeln - nicht nach diesem ereignisreichen Tag. Eigentlich sollte er sich mit Mahmut ad-Din in seinem Hotelzimmer verstecken, aber nach dem Debakel in der Heiteren Springflut packte der Zwerg den Mann ein und düste mit ihm los, um seine Freunde abzuholen.    
            Zum Glück war um Mitternacht nicht allzu viel auf den Straßen los, sodass er gut durch kam. Gleich würde er da sein. Plötzlich klingelte es in seinem Komlink. Als er sah, dass es Kabler war, schaltete er die restlichen Wild Cards mit in das Gespräch ein. Das Sichtfeld seiner Cyberaugen füllte sich mit fünf Videofenstern. Während er im Hintergrund bei Kabler Teile seiner Hong Konger Wohnung erkennen konnte, war bei den anderen nur Finsternis zu entdecken. "Guten Morgen, alter Freund!", begrüßte ihn der Hacker fröhlich. 'In China ist es nun sicherlich schon nach Acht.', überlegte der Zwerg und antwortete angemessen.
            "Moin, Moin. Hast Glück, dass du mich um die Uhrzeit noch erreichst. Was gibt's denn?"   
            "Ich glaube, ich hatte gerade einen kleinen Durchbruch und da war's mir egal, ob ich dich wecken würde."           
            "Bist du etwa an die Kameradaten der Schatzinsel rangekommen?" Largo hatte ihm auf der Fahrt vom Casino weg noch eine E-Mail geschrieben, in der er ihn mit dem Hack des Sicherheitssystems beauftragt hatte. Es freute ihn, dass er so schnell Erfolg vermelden konnte, doch Kabler zog den Mund schief.      "Jein! Nicht ganz. Das System des Casinos ist sehr gut abgeschottet. Direkten Zugriff auf die Kameras konnte ich also nicht bekommen. Aber das ist auch schnurz, denn die Idioten überlisten sich selbst. Um die großen Datenmengen verarbeiten zu können, lagern die die Aufnahmen nach etwa einer Woche auf einen Archivserver aus. Das Vorgehen ist nicht ungewöhnlich. Erst nach einem Quartal werden die Aufnahmen auch dort gelöscht. Auf diesem Server konnte ich übrigens eure Dame wiederentdecken."
            "Sehr gut. Haben sie sie mehrfach mit bestimmten Personen sehen können?", fiel ihm Hendrik ins Wort und ließ Kabler stocken. "Ähm... Wer bist du denn?"       
            "Iron.", antwortete ihm der Ork wahrheitsgemäß, aber der Hacker schien erfolglos in seinen Erinnerungen zu kramen. Also half ihm Largo auf die Sprünge. "Du kennst ihn! Das ist mein Kumpel aus der Schwarzwald Mission. Du hast schon selbst mit ihm gesprochen."      
            "Ach ja... du bist doch der Typ mit dem dämlichen Cousin, oder? - Nichts für ungut, aber für mich sehen alle Orks fast gleich aus." Hendrik quittierte seine Frage mit einem breiten Grinsen, um die Hauer deutlicher zu zeigen, und überhörte die kleine Spitze am Ende. Cone hingegen rollte mit den Augen.           
            "Nun, mir ist aufgefallen, dass sie immer Samstags spät abends auftaucht. Normalerweise ist das eine sehr unbeliebte Schicht bei Personal in Bars und Clubs. Das Publikum ist oft schon sehr betrunken und aggressiv. Hinzu kommt, dass sie sich extrem nuttig anziehen musste, um im VIP Bereich den reichen Schnöseln als Freiwild zu Diensten zu sein.       
            Das und ihr Verhalten wirkte auf mich, als würde sie jemandem nachspionieren. Ich habe sie nicht ständig mit den selben Gästen gesehen, aber es war offensichtlich, dass sie diese Herren gesucht hat. Sie haben sich nämlich zu den selben Zeiten im Casino aufgehalten."   
            Kabler spielte einen Zusammenschnitt ein, der mehrere Männer in abgetragenen, abgewetzten und nicht besonders modischen Mänteln zeigten. Die Manschettenknöpfe, die einer von ihnen trug, waren edle Schmuckstücke. Etwas, das so gar nicht ins Bild passen wollte. Die Frage nach deren Identitäten konnte sich Largo gleich abschminken. Auf allen Aufnahmen war das Bild knackscharf. Die Körper und Umgebungen waren in hoher Qualität gefilmt worden, aber die Gesichter waren verzerrt, als hätte man das Bildmaterial nachbearbeitet, um zu verschleiern, wer da zu sehen ist.      
            "Wie ihr seht sind die Gesichter nicht zu erkennen. Da war keine Software am Werk, sondern ein Scrambler. Dabei handelt es sich um ein verdammt teures Stück Technik, das Filmaufnahmen unbrauchbar macht."
            'Mist! Damit sind wir wieder so weit wie am Anfang.'   
"Es scheint sich um zwei Gruppen zu handeln. Während die eine relativ locker drauf ist, wirkt die andere sehr verkrampft. Seht ihr diese beiden Typen in den Mänteln? Die benehmen sich wie Chefs. Kommandieren andere herum, geben Anweisungen und spielen sich wie Alpha Männchen auf. - Jeder will den Größten haben. - Auf der anderen Seite versuchen sie sich aber auch auffällig unauffällig zu verhalten. Sie sehen sich ständig um, stehen nahe beieinander, um möglichst leise reden zu können. Sie sehen aus wie jemand, der das Handwerk des Spions nur aus dem Film kennt.         
            Die anderen sind wahrscheinlich ihre Leibwächter."
Tatsächlich. Das Verhalten war äußerst merkwürdig. Hielt da etwa jemand in der Schatzinsel konspirative Treffen ab und hatte das ungewöhnliche Bedürfnis nach äußerster Geheimhaltung? Kabler grinste triumphierend, als er sah, dass die Wild Cards gebannt das Material studierten, das er ihnen zuspielte.      
            "Ich hab aber noch etwas für euch! Nach unserem letzten Gespräch bin ich noch mal die Daten aus Frau Halvers Wohnung durchgegangen und hab folgendes herausfinden können:         
            Ihr habt erwähnt, dass eine Person mit 'W' in Verbindung zu ihr steht. Ich habe einen Wadi gefunden, der immer wieder auf ihren Kontoauszügen auftaucht. Scheint ein Deckname zu sein. Es gingen regelmäßig Zahlungen an ihn in großer Höhe raus. Habt ihr vielleicht schon mal von dem Kerl gehört?"         
            Largo nickte und warf einen besorgten Blick zum Lehrer auf dem Beifahrersitz, der das Gespräch nicht hören konnte. 'Sollte er etwa wirklich?!...' Der Zwerg wollte nicht glauben, dass Mahmut ad-Din so etwas tun würde. Das passte einfach nicht zu seinem sonstigen Verhalten.           
            Als der Hacker Anstalten machte das Gespräch zu beenden, meldete sich Hendrik räuspernd zu Wort: "Ähm, ich bräuchte noch in einer Sache deine Dienste, Kabler. Eine Waffe müsste so schnell es geht auf eine tote SIN um geschlüsselt werden."           
            "Was bedeutet schnell? Ich brauche mindestens eine Woche, bis alle Protokolle überschrieben sind und das System die Schlüsselung tatsächlich gefressen hat."           
            "Drek!", fluchte der Ork. "Das dauert zu lange."        
"Nicht verzagen, Kabler fragen! Alternativ kann ich die Waffe rückwirkend als vermisst melden, falls das hilft. Geht deutlich schneller, ist aber auch nicht ganz billig."    
            "Geld ist kein Thema. Mach es bitte!"
"Gut. Schick mir die Daten, dann kümmere ich mich drum. Die Rechnung für alle Arbeiten bekommt ihr noch von mir." Er wartete ein bestätigendes Nicken ab, bis er sich verabschiedete. "Viel Glück! Haltet mich auf dem Laufenden! Ihr seid da einer echt großen Sache auf der Spur." Er zwinkerte uns zum Abschied zu. "Das spür ich in meinen Algorithmen." 
            Die Videofenster schlossen sich. Eine Weile steuerte Largo den Toyota Coaster weiter durch die Nacht, bis er endlich die anderen am Straßenrand entdeckte. Sunetra sah besonders fertig aus, als sie einstiegen. Kaum waren sie wieder auf der Strecke, schlang Lightning Wadi wie aus dem Nichts von der Rückbank aus den Arm um den Hals und hielt ihn im Würgegriff gefangen. Sofort ergriff er ihren Arm, konnte ihn aber nicht bewegen.       
            "Halt still, oder ich drück fester zu, Arschloch! Raus mit der Sprache: Womit hast du die Halvers erpresst?"

***

            Zurück im Versteck rief ich unseren Schmidt an. Es dauerte eine Weile bis er ran ging und als es tat, sah er so aus, wie ich mich fühlte. Doch im Gegensatz zu mir hatte er bereits am Kissenradio horchen können, während ich mich mit jeder Minute mehr nach meinem Bett sehnte. Ich spielte unserem Auftraggeber die Aufnahmen vor, die wir von Largos altem Kampfgefährten bekommen hatten. Ich konnte an seinem Gesichtsausdruck erkennen, dass wir einen Treffer gelandet hatten.           
            "Den Mistkerl im Mantel würde ich überall wiedererkennen. Ich meine den Typ, der die Anstecknadel mit dem eingeprägten Reichsadler am Revers trägt.", knurrte der Schmidt zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Interessant. Er scheint einen sehr persönlichen Groll gegen den Mann zu hegen.        
            "Sein Name lautet Jörg Schiffersmann. Er steht so weit rechts außen im konservativen Block, dass er schon fast auf der linken Seite wieder kommt. Den anderen Mann im Mantel kenne ich nicht. Die restlichen Kerle sind seine Bodyguards. Die lassen ihn nie aus den Augen.        
            Sich mit Schiffersmann anzulegen ist äußerst gefährlich. Er hat sehr gute Verbindungen nach Frankfurt."
            Frankfurt? Das bedeutet, dass er sich mit den Großbanken zusammen getan hat. Oder mit Lofwyr. Oder beiden. Ein leise unruhige Stimme rutschte auf der letzten Bank meines Gedächtnisses unruhig auf ihrem Platz herum. Sollte die Information des Schmidts stimmen, mussten wir unsere weiteren Schritte weise wählen. Unser langfristiger Auftrag, Sunetras Kopf aus der Schlinge zu ziehen, konnte bedeuten, dass eine Konfrontation mit Lofwyr und Saeder-Krupp unvermeidlich war. Ich hatte aber keine Eile mich schon so früh mit dem Drachen anzulegen. Sogar ich hing an meinem Leben.         
            "Glauben sie, dass was an der Theorie dran sein könnte, dass Frau Halvers diesem Schiffersmann in der Schatzinsel nachspioniert hat?"         
            "Ich wüsste beim besten Willen nicht warum.", antwortete er nach kurzem Überlegen. Er fuhr sich über das Gesicht und knetete schließlich seinen Nasenrücken durch als wenn er Kopfschmerzen hätte. "Ach es ist zum Mäusemelken. Wir kommen hier nicht weiter. Und uns rennt die Zeit davon."        
            "Macht die Presse immer noch Druck wegen der Affäre der Bürgermeisterin?", wollte Lightning wissen.  
            "Das sowieso. Aber es wird noch schlimmer. Ich hab über Kontakte herausgefunden, dass die Opposition in ein, zwei Tagen mit etwas ganz Großem an die Öffentlichkeit will und es macht mir Sorgen, dass sie damit unseren Wahlkampf pulverisieren wollen. Ich hab aber keine Ahnung, was es sein könnte. Und darum kann ich meine Chefin nicht darauf vorbereiten." Er blickte frustriert an die Decke seiner Wohnung und ließ die Schultern hängen.        
            "Ähm. In dem Fall kann ich ihnen auf die Sprünge helfen." Sein Gesicht war eine Mischung aus Irritation, Freude und Skepsis zu gleichen Teilen. Während der Fahrt zurück zum Hotel hatten wir Wadi um das Wissen erleichtert, das er die ganze Zeit vor uns zu verheimlichen versucht hatte. Dass die Halvers ihm große Summen auf seinen Decknamen überwiesen hatte, deutete darauf hin, dass er etwas gegen sie in der Hand hatte, womit er sie erpresste. Zunächst versuchte er sich herauszureden und das Unschuldslamm zu mimen, doch schon recht schnell brach sein Widerstand, als er erkannte, dass wir bereits zu viel wussten, als dass er uns weiter an der Nase herumführen konnte.  Glücklicherweise stellte sich heraus, dass er zwar in ein Verbrechen verwickelt war, der Frau aber kein Haar gekrümmt hatte. Es hätte mich auch deprimiert, wenn meine Menschenkenntnis mich derart im Stich gelassen hätte.          
            Seitdem in Nordafrika Islamisten herrschten und zum heiligen Dschihad gegen Frauenrechte, Metamenschen, andere Religionen und Magie aufgerufen hatten, war es für junge Frauen besonders schwer geworden. Ihnen wurde nur ein begrenzter Zugang zu Bildung gewährt, durften kein eigenes Geld besitzen und wurden wie Vieh behandelt. Und diese Vorzugsbehandlung wurde nur einem Teil der Frauen gewährt. Weibliche, magisch begabte Orks, Trolle und Zwerge waren richtig gekniffen. Doch nicht alle Menschen in Nordafrika hießen das Handeln der Regime gut. Mahmut ad-Dins Cousin in Tunesien beispielsweise schmuggelte Mädchen und junge Frauen aus dem Land, um ihnen in Hamburg ein besseres Leben zu ermöglichen. Ich kannte die Geschichte nicht, die ihn zu diesem Altruismus bewegte, aber ich musste zugeben, dass sogar die Hansestadt bei aller angebrachter Kritik ein besseres Pflaster für sie war.           
            Wadi kümmerte sich in Deutschland darum, dass die Mädchen in der Schule unterkamen und entsprechend ihrer Talente gefördert wurden. Als Lehrer war er der ideale Mann dafür. Stefanie Halvers kümmerte sich primär um die gefälschten SINs, die benötigt wurden. Wenn es sein musste, organisierte sie auch Gelder, um die Stellen zu schmieren, die ein oder zwei Augen zudrücken mussten, damit das Unternehmen weiterlaufen konnte. 
            Seit einigen Wochen allerdings sagte sie öfters Treffen ab, war kaum zu erreichen und schien sehr viel Zeit auf der Arbeit zu verbringen. Laut Wadi war sie sehr nervös, falls er sie mal erreichen konnte. Er dachte es hätte mit ihrem Wahlkampf zu tun. Die Information, dass sie in der Schatzinsel gearbeitet hatte überraschte ihn so sehr, dass ich ihm ohne weiter nachzufragen glaubte, als er angab davon nichts gewusst zu haben. Auch die Männer auf den Videoaufnahmen waren ihm nicht bekannt. Ebenso wenig konnte er sich erklären, wie er in die Mühle geraten konnte, die ihn nun zu zermalmen drohte.     
            "Dann ergibt alles endlich einen Sinn!", rief der Schmidt frohgemut aus. "Im Rathaus muss es eine Stelle geben, die diese Mission billigt. Etwas darüber muss herausgekommen sein und um ihre Geliebte zu schützen, hat sich Stefanie in Gegenspionage versucht."   
            "Und ist deswegen gestorben.", warf Alyssa trocken ein. "Wusste die Bürgermeisterin vielleicht über das Hobby ihrer Freundin bescheid?"      
            "Nein! Das wüsste ich. Ich habe als persönlicher Assistent vollen Zugriff auf die Konten meiner Chefin. Weder fehlt dort etwas, noch wurden ungewöhnliche Buchungen von dort aus vorgenommen. Ich glaube, dass sie zu ihrem Schutz nichts gesagt hatte." Nachdenklich kratzte er sich an der Schläfe, wo die Datenbuchse implantiert worden war. "Aber irgendjemand musste ihr das Geld zugeschustert haben. Sie selber hat nicht viel Geld verdient. Und mit einem Hunderter lässt sich niemand schmieren, der noch bei Trost ist. - Finden sie ihren Partner!"        
            Ich fragte Wadi, der wie ein Häufchen Elend in einem Sessel versunken war, aber er wusste nicht, wer die Finanzierung vorgenommen hatte.   
            "Danke für die Infos. Das sollte mir schon weiter helfen. Bleiben sie an ihrem Auftrag dran. Sie haben nicht mehr viel Zeit. Und nehmen sie sich vor Schiffersmann in Acht. Der Kerl ist imstande seine Mutter umzubringen, wenn er einen Vorteil darin sehen würde."

***

            "Was für ein Sauwetter!", beschwerte sich Cone, der übermüdet auf die Hamburger Binnengewässer starrte und wegen des Nieselregens die Nase rümpfte. Es war zudem erstaunlich neblig geworden, sodass man kaum das andere Ufer sehen konnte. Immerhin war es dadurch nicht so schwül, wie es Hamburger Sommer die Regel war. Das im gemächlichen Tempo dahin tuckernde Wassertaxi, auf dem wir uns befanden, schaukelte leicht hin und her, während sich die Pendler geradezu auf dem Deck stapelten. Ich fühlte mich fast wie in einer vollgestopften Szenedisco, wenn man vom Fehlen der Musik mal absah. Die wurde allerdings vom vielstimmigen Geplapper um mich herum ausreichend und nerv tötend genug ersetzt.
            Largo trieb sich am Heck des Taxis herum und hielt nach ungewöhnlichen Personen Ausschau. Cone, Lightning und ich hielten uns mit etwas Abstand zu Sunetra auf dem Bugdeck auf, wo wir sie besser im Auge hatten. Die Elfe hatte sich erneut mit einem Zauberspruch in die vermisste und viel zu früh verstorbene Stefanie Halvers verwandelt und wartete darauf, dass sie jemand ansprach. Nach mehr als vierzig Minuten wurde sie langsam unruhig. Ob wir etwa falsch lagen mit unserer Vermutung? Vielleicht würde ja niemand kommen. Nur noch zwei Stationen, bis wir an der Hafenkante wären, dem Endziel des Taxis, bevor es Kehrt machte und wieder in den Osten der Stadt zurück fuhr.           
            Das lange Warten machte uns dezent rammdösig, weshalb wir von dem Mann überrascht wurden, der sich plötzlich aus der anonymen Menge schälte, um Sunetra auf die Schulter zu tippen. Er trug einen langen Manten und einen Hut, den er so tief ins Gesicht gezogen hatte, dass man es nicht erkennen konnte. "Ein Glück. Du lebst! Triff mich in fünf Minuten auf der Herrentoilette."            
            Damit verschwand er wieder in der Masse auf dem Deck. Uns blieb nichts anderes übrig, als zu tun, wie er ihr aufgetragen hatte. Also machten wir uns auf den Weg zu den Toiletten. Nach dem Telefonat mit unserem Schmidt in der letzten Nacht, waren wir noch einmal alle Unterlagen durchgegangen, die wir aus Frau Halvers Wohnung mitgenommen hatten. Dabei warfen wir dieses Mal einen besonders intensiven Blick auf die Bewegungen auf ihrem Konto. Nach einiger Recherche konnten wir einige Regelmäßigkeiten entdecken, die zusammen ein eindeutiges Muster ergaben. Uns fiel auf, dass immer wieder am gleichen Tag mehrere kleine Beträge auf ihr Konto eingezahlt worden waren. Größere Summen wären uns sicherlich direkt ins Auge gesprungen, aber so übersah man es leicht. Der jeweils genutzte Automat war willkürlich ausgewählt worden. Doch an jedem dritten Samstag wurde ein bestimmter Automat an der Hafenkante genutzt. Zusammen mit den Abbuchungen eines Cafés in der Nähe und dem Ticket für das Wassertaxi, das dort Halt macht, schlussfolgerten wir, dass sie sich dort alle drei Wochen mit dem edlen Spender traf. Wie es der Zufall so wollte, war der nächste Termin am folgenden Mittag, weshalb ich tatsächlich doch noch spät in der Nacht in mein Bett krabbeln konnte, wenn auch nur für ein paar Stunden.   
            Der Rigger postierte sich an einem Pissior, während ich mit Cone und Lightning in der Nähe des Eingangs zur Toilette wartete. Sunetra schaltete die Kamera ihres Komlinks ein, verband uns mit ihrem Signal und betrat die Kabine. Drinnen war Largo bereits eifrig damit beschäftigt aus den Ritzen seines Körpers noch etwas Feuchtigkeit zu quetschen, die er durch die Harnröhre spülen konnte. Sonst musste er sich bald wieder nach Draußen begeben, wenn er nicht auffallen wollte.         
            Ich sah über Sunetras Videosignal, wie sie sich die Hände wusch. Als sie den Blick in den Spiegel hob, öffnete sich hinter ihr eine Klotür. Der Mann im Mantel kam heraus und gesellte sich zu ihr. Sein Gesicht wurde verzerrt dargestellt. Sofort stellten sich mir die Nackenhaare auf. Der Kerl trug einen Scrambler bei sich.  
            Er flüsterte.    
"Ich dachte du könntest tot sein. Als du dich nicht mehr gemeldet hattest... und nach den Nachrichten der letzten Tage. Ich, ich bin sehr froh dich zu sehen. Was ist denn passiert?" 
            Die Stimme des Mannes war warm und ich hörte ehrliche Besorgnis aus ihr heraus. Sunetra erzählte ihm, dass sie einen Autounfall gehabt hatte. Jemand hatte sie abgedrängt und sie wäre aus Angst abgetaucht. Obwohl das Gesicht verzerrt war, konnte man sehen, dass er sie musterte. Hoffentlich hielt der Zauber der Elfe, denn sich von einer Kamera filmen zu lassen war eine Sache, jemanden live von der gestohlenen Identität zu überzeugen eine ganz andere. Glücklicherweise blickte er nicht durch die physische Maske, die auch ihre Stimme verändert hatte.       
            "Konntest du was über Schiffersmann herausfinden?", wollte er wissen, woraufhin die Zauberin die Aufzeichnung aus der Schatzinsel vorspielte. Largo tat indes als wäre er nicht im selben Raum. Hoffentlich geht das gut.           
            "Ja, das ist dieser niederträchtige gierige Geier. Den anderen kenne ich auch. Mir fällt gerade nicht sein Name ein, aber er ist der Hauptinvestor der Schatzinsel und leitet das Mighty Luck in Kopenhagen." Hmmm, Mighty Luck. Bei dem Namen muss das ein weiteres Casino sein.          
            "Was könnte er dort gewollt haben?"
"Du weißt doch, dass Glückspiel im großen Stil, mit beliebigen Wetten und unlimitierten Einsätzen, im alten Hamburger Stadtgebiet verboten ist! Darum mussten die diesen Schandfleck hoch im Norden bauen, wo nicht das große Geschäft zu machen ist. Anders als hier in den Vierteln um den Hafen, wo sich die High Society trifft. Da ist das eigentliche Geld verborgen. Der Däne wollte sich schon häufiger in dieser Gegend breit machen. Aber unter der jetzigen Koalition würde er niemals die Erlaubnis bekommen, hier die Art Zockerhöhle zu eröffnen, die der Kerl im Sinn hat." Er kratzte sich am Kinn. Zumindest kam endlich Licht in die Angelegenheit. Ein Däne, der mit einem ausgewachsenen Nazi klüngelt, um die Maden im Speck ausnehmen zu können, wäre ein handfester Skandal. Der konservative Politiker könnte es dann vergessen je Bürgermeister von Hamburg zu werden. Wenn die Halvers in der Schatzinsel Beweise gegen Schiffersmann gesammelt hat, war das durchaus ein starkes Motiv sie umzubringen.        
            "Ich wette, dass er den Wahlkampf von Schiffersmann finanziert. Damit kann man sich den einen oder anderen Gefallen erkaufen." Auf einmal hörte der Mann den Reißverschluss von Largos Hose, was den Zwerg zurück in seine Aufmerksamkeit brachte. Ihm musste dabei aufgefallen sein, dass der kleine Kerl schon seit geraumer Zeit da stand. Hatte er überhaupt ein Geschäft verrichtet, oder tat er nur so? Jedenfalls zog er eine Pistole unter seinem Mantel hervor und änderte seinen Tonfall.    
            "Moment... du bist nicht Stefanie. Keine falsche Bewegung! Ich mag alt sein, aber ich kenne noch den einen oder anderen Trick aus den Eurokriegen.", grollte es aus seiner Kehle.      
            Sofort stapfte ich ebenfalls in die Toilette. Nun fand er sich umzingelt von einem Ork, einem Zwerg und einer Frau, die vorgab seine Freundin zu sein. Sunetra winkte einmal mit ihrer rechten Hand woraufhin die physische Maske aufhörte zu wirken. "Warten sie! Wir sind auf ihrer Seite."    
            Nicht halb so überrascht wie er hätte sein müssen, beobachtet er, wie Sunetra ihr Aussehen veränderte. "Sehen sie SO wirklich aus?"  
            Die Elfe nickte. "Wenn wir für Schiffersmann arbeiten würden, wären sie längst tot." Das schien den älteren, hageren Mann zu überzeugen, denn er ließ seine Waffe in den Mantel zurück gleiten. "Wer sind sie?"      
            "Wir haben den Auftrag Frau Halvers Verschwinden aufzuklären." Er dachte einen Moment lang nach.      
            "Es ist hier nicht sicher genug. Treffen sie mich an der Hafenkante im..."   
            "...Café Veneziano.", beendete Sunetra seinen Satz, was ihn erstaunt die Stirn runzeln ließ. "In dem Fall... bis gleich." Mit diesen Worten verließ er die Toilette wieder und verschwand spurlos an Deck. Interessanter Kerl. Ich wette er hat die eine oder andere Geschichte auf Lager, die es wert ist erzählt zu werden.
            Nachdem das Wassertaxi an der Anlegestelle fest gemacht hatte, schlenderte ich mit unserer Japanerin und Largo zum Cafe. Es gab keine Not preiszugeben, dass unser Team noch aus zwei weiteren Mitgliedern bestand. Während sich Largo etwas abseits nieder ließ, von wo er einen guten Blick auf uns hatte, nahmen wir in einer Nische mit Sitzbank Platz. Es dauerte nicht lange, bis der Mann im Mantel das Café betrat. Als er den Rigger passierte tippte er sich mit einem Finger an den Hut und grüßte ihn. Falls er immer noch seinen Scrambler eingeschaltet hatte, würde der vercyberte Zwerg sein Gesicht weiterhin nicht erkennen können.        
            "Gehe ich recht in der Annahme, dass sie Shadowrunner sind?" Wir neigten unsere Köpfe zur Bestätigung. "Wenn sie wirklich Stefanies Verschwinden untersuchen spielen wir im selben Team." Er faltete die Hände vor sich auf dem Tisch und kaute an der Unterlippe. "Sie ist tot, oder?" 
            "Leider ja. Wir fanden sie im Kofferraum eines Mercedes, den man in einem See versenkt hatte." Diese bittere Pille musste der Mann erst einmal verdauen.
            "Sie hat schon vor einiger Zeit erwähnt, dass sie bedrängt wurde. Ich dachte es wäre nur politisches Geschacher. Ein Versuch mehr Geld locker zu machen, aber ich fürchte ich hätte ihre Ängste ernster nehmen müssen." Der Mann stellte sich als Freiherr von Bayer vor. Wie wir vermutet hatten, war Frau Halvers davon überzeugt gewesen, dass man ihrem Hilfsprojekt auf die Spur gekommen war und das Wissen darum nutzen wollte, um ihre Geliebte zu stürzen. Wir teilten dem Adligen mit, was wir herausgefunden hatten. Als wir unseren Bericht beendet hatten, fiel er in langes Schweigen. Schließlich sprach er wieder. Allerdings langsam, als würden ihm die Worte schwer fallen.  
            "Die Konservativen haben ihre Kampagne nur deswegen noch nicht gestartet, weil sie unsicher sind, ob Stefanie noch lebt. Wir müssen sie in diesem Glauben lassen, wenn wir verhindern wollen, dass sie aus dieser Sache einen Vorteil ziehen werden. - Wenn ihr Tod nicht umsonst gewesen sein soll, darf ihr Leichnam niemals auftauchen!" Mir gefiel der Gedanke nicht, aber von Bayer hatte recht. Solange sie Angst haben mussten, dass mitten in ihrer Schmutzkampagne eine Zeugin auftauchen konnte, um ihnen Bestechung und einen Mordversuch anzuhängen, würden sie die Füße still halten.        
            Wir mussten Beweise für Schiffersmanns Käuflichkeit finden. Selbst wenn wir ihn bloß stellten, musste er immer noch fürchten, dass man ihnm den versuchten Mord nachwies. Es hätte zudem keinen Sinn für die Konservativen mit Frau Halvers Mission gegen Lyzhichko eine Front zu eröffnen. Was ist schon ein Verbrechen, das aus Nächstenliebe geschah gegen die unermessliche Raffgier der Politiker? Frau Halvers Verfehlungen würden daneben verblassen. Nein. Schiffersmann wird sich hüten etwas zu unternehmen, solange jemand etwas gegen ihn in der Hand hatte. Von Bayer musste meine Gedanken gelesen haben, denn er lächelte uns über seine Kaffeetasse an.       
            "Wie wäre es, wenn sie für mich arbeiten würden?"

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