Samstag, 8. Juni 2013

Im Sog des Mahlstroms



 Kapitel 5 - Totgesagte leben länger

            Ohne übertriebene Hektik steuerte Hrabnaz den alten, von Rost zerfressenen, klapprigen Golf 13 auf einen der wenigen Parkplätze vor dem Hotel. Auch wenn er sich dank seiner magischen Künste sehr gut seiner Haut erwehren konnte, war er froh, dass eine der wenigen funktionstüchtigen Lampen in der Straße diesen Platz erhellte. Die Gegend war ziemlich herunter gekommen. Müll lag auf der Straße und dem Gehsteig. Die mit zerfledderten Plakatresten beklebte Litfaßsäule, ein Relikt aus den Tagen vor der Erfindung des Augmented Reality, stand so schief, dass man meinen konnte, sie wolle sich auf den erstbesten Passanten fallen lassen, der so dumm war sich ihr zu nähern. Der Putz bröckelte bereits von der Fassade des Hotels 'Heitere Springflut'. Der Name ließ den Schamanen abfällig grunzen. Sein bester Freund, der zeitgleich auch sein Boss war, sah fragend vom Beifahrersitz zu ihm herüber. "Guck dir die Gegend an! Das Einzige, das hier für Heiterkeit sorgt, ist die Straße, die von dem Drecksloch wieder weg führt." 
            Heinrich lächelte sein bitteres Lächeln - wie er es immer tat, wenn er zynisch wurde. "Ich weiß gar nicht, was du hast. In solchen Gegenden hatte ich bisher immer am meisten Spaß" Dabei fuhr er mit seinem Kampfmesser sanft seinen Zeigefinger ab und blickte ihn über die Klinge hinweg an. Sein Boss liebte den Zweikampf und war berüchtigt für seine brutale Vorgehensweise, besonders wenn er ein Messer führte. Hatte er einen Gegner erwischt, stach er nicht erneut zu um die Sache zu beenden. Nein, Heinrich bevorzugte es die Klinge um die eigene Achse zu drehen und sich durch die Eingeweide zu sägen und zu schneiden.

            Einmal musste Hrabnaz erleben, wie Heinrich einem afrikanischen Zwerg den Schädel gespalten hatte. Sein Messer steckte in der Schläfe des Metamenschen, der wie gelähmt zu Boden sank. Leider war dem armen Kerl die Gnade verwehrt geblieben direkt zu sterben. So genoss Heinrich noch ein wenig länger das Martyrium und setzte sich auf dessen Brust, um ihm tief in die Augen zu sehen. Er hatte Hrabnaz einmal erzählt, dass er glaubte die Kraft seines Gegners in sich aufnehmen zu können, wenn er zusah, wie die Seele durch die Augen den Körper verließ. Heinrich griff nach dem Messer und presste mit der freien Hand den Kopf des Zwergennegers auf den Asphalt. Dann bearbeitete er mit langsamen Bewegungen des Kampfmessers dessen Schädel. Die Säge der Klinge fräste sich minutenlang Millimeter für Millimeter durch den Knochen. Abgesehen von einem heiseren Wimmern gab der Zwerg keinen Ton von sich. Nur das widerliche, knöcherne Knacken und Krachen des Schädels und das feuchte Schmatzen des Fleisches war hin und wieder zu hören. Es glich einem Wunder, dass der Neger noch lebte. Hrabnaz hoffte, dass das Schauspiel bald vorbei war.     
            In solchen Momenten fragte er sich, ob sein Freund dem Wahnsinn anheim gefallen war. Andererseits brachte er auch Verständnis für den Mann auf, der als Kind während der Eurokriege in den Dreißigern mit ansehen musste, wie die Russen seine Eltern abgeschlachtet hatten. Seitdem hatte er einen Hass auf alles entwickelt, das seiner Meinung nach nicht nach Deutschland gehörte. Selbst die deutschen Trolle, Orks und Zwerge lehnte er kategorisch ab, während sie von den meisten Kameraden als Teil der germanischen Kultur akzeptiert wurden - was aber nicht bedeutete, dass man sich freudig um den Hals fiel.    
            Endlich, nach scheinbar endlosen Minuten hatte Heinrich sein Werk vollbracht und das Opfer regte sich nicht mehr. Er hob den Oberkörper des Zwergs an, um einen besseren Blick auf das Gehirn werfen zu können. Aus der Jackentasche fischte er ein Metallmaßband, zog es mit den Zähnen von der Spule und hielt es über die gesamte Länge des Zwergenhauptes. "Hab ich es mit doch gedacht. Schau, alter Freund! Sein Gehirn ist im Durchmesser zwei Zentimeter kleiner als das eines durchschnittlichen Menschen. Das Beweist doch, dass diese Brut niemals so intelligent wie unsereins sein kann.", jauchzte er auch nach all den Jahren immer noch in Hrabnaz Kopf. 
            Mit flauem Gefühl im Magen schüttelte der Schamane die unangenehme Erinnerung ab. Er musste sich auf die Mission konzentrieren. Lange schaute er aus dem Fenster des Golfs und beobachtete die Umgebung. Es war in der heutigen Nacht nicht viel los. Allgemein war hier wohl tote Hose. Das Hotel lehnte sich schwerfällig gegen ein nicht weniger baufälliges Bürogebäude an seiner linken Seite. Ohne es wäre es glatt umgefallen. Die Mülltonnen standen auf der anderen Seite des Hotels, von wo eine schmale Straße zu weiteren Parkplätzen auf der Rückseite der Heiteren Springflut führte. Vor dem Hotel ging ein Ork auf und ab, wild gestikulierend. Scheinbar führte er gerade ein Telefonat. Sah nicht so aus, als ob es ein besonders angenehmes Gespräch war. Ein frisch verliebtes Paar schlenderte vorüber. Hrabnaz fragte sich, wie sich die armen Leute all die Nahrung leisten konnten, um derart fett zu werden. 'Wir füttern auch wirklich jeden durch. Die faulen Schweine sollen was schaffen. Außer Fressen und sich Vermehren machen die doch nichts den lieben langen Tag.' 
            Hinter dem Golf war eine Bushaltestelle, wo eine attraktive junge Frau saß, die gerade mit ihrem Komlink herumspielte. Das Hotel selbst war eine derart schäbige Absteige, dass sie wahrscheinlich sogar von der billigsten Nutte gemieden wurde. "Und du bist dir ganz sicher, dass sie HIER ist?", fragte er skeptisch.
            "Du hast doch selbst die Aufnahmen von der Überwachungskamera gesehen, die uns unser Schmidt zugespielt hat. Es ist definitiv dieses Hotel." 
            "Ich frage mich halt, warum sie ausgerechnet hier abgestiegen sein soll." 
            "Willst du mich verarschen?", lachte Heinrich. "Mitten im Nirgendwo! Mir wäre kein besseres Versteck eingefallen. Mal ehrlich: Hättest du sie hier gesucht?" Vielleicht hatte er recht, aber aus einem unerfindlichen Grund konnte der Schamane das schlechte Gefühl nicht loswerden. Andererseits hatte eine mehr als drei Dekaden währende Freundschaft Hrabnaz gelehrt, dass sein Freund selten falsch lag, wenn es um die taktischen und planerischen Aspekte ihrer Runs ging. Der Schamane wusste, dass Heinrich bei aller Blutlust nie unüberlegt vorpreschte oder über alle Maßen leichtsinnig wurde. 'Wahrscheinlich sehe ich bloß Gespenster.', dachte Hrabnaz amüsiert über die Ironie dieses Sprichworts.    
            Etwas rumpelte schwer hinter dem Golf. Ein Blick in den Rückspiegel offenbarte, dass die Jungs angekommen waren. Die Seitentür des ausgemusterten Polizeiräumfahrzeugs schwang auf. Es hatte in seinen besten Tagen dazu gedient Demonstrationen aufzulösen. Davon zeugten noch die inzwischen nutzlos gewordenen Halterungen für den Wasserwerfer. Mittlerweile war das Vehikel alt und der Motor lief nicht mehr rund, aber es erfüllte seinen Zweck als Mannschaftstransporter. Abgesehen davon konnte sich die Kameradschaft derzeit nichts besseres leisten - zumindest bis dieser Auftrag erledigt war und ihr Schmidt sie bezahlt hatte.    
            Etwas knuffte seinen Oberarm und holte ihn ins Hier und Jetzt zurück. Heinrich grinste ihn an: "Mach nicht so ein Gesicht, alter Mann! Alles ist in Ordnung. Die Rückendeckung passt schon auf, dass uns nichts passiert. Ich schlitze nur eben schnell diese kleine Schlampe auf und danach lad ich dich auf eine Pizza ein. Wie wär's?"          
            Hrabnaz hielt sich mit beiden Händen den Bauch und lächelte ebenfalls. "Naja, etwas Kohldampf hätte ich ja schon..."          Zufrieden schob der Boss sein Kampfmesser wieder in die Scheide an seinem Gürtel zurück und stieg aus. Draußen hatten sich die Kameraden aufgereiht. Alle trugen unauffällige Zivilkleidung. Keiner hatte allzu offensichtliche Symbole an den Klamotten. Sehr gut. Der Schamane fuhr sich mit der Hand über den struppigen Kinnbart und sah zu, wie Heinrich wortlos Kommandos gab. Jeder wusste im Grunde, was er zu tun hatte. Am Eingang blieb Heiner stehen, um die Straße im Blick zu behalten. Es war äußerst unwahrscheinlich, dass die Bullen sich in diese gottverlassene Gegend bemühen würden, aber man konnte ja nie wissen. Drinnen ging die Gruppe zur Rezeption. Die unansehnliche alte Vettel, die dort arbeitete, gab ängstlich, aber bereitwillig Auskunft. Danach zog sie sich in ihr Räumchen hinter der Theke zurück. Gut so. Je weniger sie mitbekam umso besser. Sie wollten nur die Halvers kalt machen und nicht irgendwelche Unbeteiligten da mit hinein ziehen. Jeder Mord mehr machte nur die Polizei nervös und hinterließ zwangsläufig mehr Spuren, die zu ihnen führen würden.       
            Tatsächlich hatte diese Halvers in der Heiteren Springflut eingecheckt. Heinrich hielt drei Finger hoch als Zeichen für das Stockwerk, in dem sie residierte. Ihr Zimmerschlüssel hing nicht am Brett hinter der Theke, also war sie da. Vielleicht war die Arbeit schnell getan und sie konnten wieder von hier verschwinden. Hrabnaz wollte nicht länger als notwendig in diesem Schuppen verweilen. Er schlenderte zur Sitzgruppe im Foyer und fläzte sich in einen Sessel.
            Während Jan bei ihm blieb, teilten sich die anderen auf. Richard ging mit Heinrich über die Treppe nach oben. Fritz folgte den beiden hünenhaften Zwillinge Horst und Pascal zum Hinterausgang, wo die Brüder die Außentreppe zum dritten Stock erklimmen würden. Als alle weg waren, schloss Hrabnaz die Augen und holte mehrmals tief Luft. Er verlangsamte seinen Puls und begab sich innerhalb weniger Sekunden in einen meditativen Zustand. Sein Geist löste sich vom Körper und schwebte durch den Astralraum. Jedesmal, wenn der Schamane das tat, konnte er das vielfache Krächzen von Raben hören, das ihn wie eine schräge Melodie hinüber geleitete. Die permanente Anwesenheit seines Totems hatte eine beruhigende Wirkung auf ihn.     
            Dritter Stock also. Hrabnaz glitt durch die Decke und ließ seinen Körper bei Jan in der Eingangshalle zurück. Die Räume, die er passierte, waren fast alle leer. Im zweiten Stock lag ein BTL-Junkie, der seinen Trip mit einer injizierten Droge intensivieren wollte, in seinem eigenen Erbrochenen. 'Der macht's nicht mehr lange.' Einige Meter weiter ortete der Schamane Heinrichs Aura, der bereits die letzten Stufen zum zweiten Stock hoch ging.          
            Doch dann nahm der Rabe eine andere Präsenz wahr. Schräg über sich glomm eine Aura, die heller als alle anderen im Gebäude leuchtete. Je näher er ihr kam, umso sicherer war er sich, dass sich im dritten Stock eine Magierin aufhielt. Alle Alarmglocken schrillten in Hrabnaz auf. Er umflog den Raum einmal, um die Lage zu sondieren. Er konnte das Gefühl nicht loswerden, dass die Person vorgab ihn nicht zu sehen. Ihm gefiel die Sache immer weniger. Die Anwesenheit eines magisch Begabten konnte kein Zufall sein. Lieber schaltete er eine Person zu viel aus, als dass seinen Kameraden etwas zustieß. Er musste sie ja nicht töten, sondern nur ins Reich der Träume schicken.           
            Hrabnaz griff an. Im Bruchteil einer Sekunde materialisierte er sich in dem Hotelzimmer, untermalt von dem flappenden Geräusch sich ausbreitender und schlagender Schwingen. Im Zimmer standen eine asiatische Elfe und ein hässlicher Ork in Lederklamotten. Hrabnaz plötzliches Erscheinen hatte ihn sichtlich erschrocken, denn er wich einen Schritt zurück. Die Elfe hingegen hatte ihn erwartet. Sie wappnete sich bereits gegen Hrabnazs ersten Schlag.   
            'Wusste ich es doch!', dachte der Schamane triumphierend, während er die Energien durch sich kanalisierte und wie ein Prisma gebündelt auf die Asiatin abfeuerte. Einen Teil der zerstörerischen Kraft konnte sie absorbieren, aber sie taumelte getroffen zurück. Ein feiner Blutfaden rann aus ihrer Nase, den sie jedoch ignorierte. Stattdessen ging sie zum Gegenangriff über, dem er gerade so ausweichen konnte. 'Vor der muss ich mich in Acht nehmen. Die hat Feuer im Blut.'   
            Sie murmelte etwas, das er nicht verstehen konnte. Fast hätte Hrabnaz den Ork übersehen, der sich zwischenzeitlich wieder gefangen hatte und schreiend auf ihn zustürmte. Irritiert konnte er den Blick nicht von dem seltsamen Objekt nehmen, das der Kerl in der Hand hielt. War das etwa ein rosa Dildo?! Das skurrile Schauspiel hielt ihn derart gefangen, dass er nicht auswich. In dem einen Moment flogen noch die Worte 'Honey-Bunny' auf seine Augen zu und im nächsten pflügte der Prügel durch seine ektoplasmische Projektion. Mehr passierte nicht. Verzweifelt holte der Ork wieder und wieder aus, aber er konnte Hrabnaz keinen Schaden zufügen.    
            "Verdammt nochmal!", schrie er, der Panik nahe. "Du hast gesagt, dass man die Drecksbiester auch ohne Magie kaputt schlagen kann."
            'Das funktioniert nur bei normalen Geistern, mein schwachsinniger Freund, aber nicht bei der geisterhaften Manifestation eines Magiers.', amüsierte sich Hrabnaz. Sein Humor verging ihm allerdings sofort wieder, denn die Elfe griff erneut an. Dieses mal traf ihr Energieblitz. Alle Synapsen seines echten Körpers schrien vor Schmerzen auf.           
            Das würde sie büßen! Daraufhin wechselten sie sich mit Angreifen und Ausweichen ab, aber keiner konnte sich einen nennenswerten Vorteil erarbeiten. Sich gegenseitig umkreisend, bewegten sie sich durch das kleine Hotelzimmer, jeweils auf der Suche nach einem Schwachpunkt in der Deckung des Gegners. Erstaunlicherweise gab auch der Ork nicht auf und drosch beharrlich auf Hrabnaz Geist ein. Langsam musste er seiner Feindin Respekt zollen. So wacker hatte sich noch niemand zuvor geschlagen. Doch irgendwann, da war er sich sicher, würde sie müde werden. Und dann wäre sie Fischfutter.        
            Gerade holte der Schamane zu einem weiteren Angriff aus und ließ die Energien durch sich strömen, als ihn ein schrecklicher Schmerz erfasste. Er fraß sich von seinem Hinterkopf aus durch den gesamten Körper. 'Was ist das?' Angst kroch in Hrabnaz Verstand, als sein Geist von feinen Rissen zerfurcht wurde, die sich ihren Weg durch die Manifestation bahnten. Und über alledem: der Schmerz! Er war im Fegefeuer der Pein und Hrabnaz konnte nicht begreifen, was mit ihm geschah. Schließlich zerplatzte der Geist in einem Schwarm schreiender schwarzer Raben, die in alle Richtungen davon flogen.        
            Es wurde finster vor den Augen des Schamanen. Grenzenlose Wut füllte die Leere in ihm aus, bis ihn das Nichts umfing.

***

            "So, ich hab Wadi sicher untergebracht." Largos sonore Stimme tönte über den Kopfhörer des Komlinks. Während ich mit Sunetra in der Heiteren Springflut unserem neuen Hobby des Amateurflilms gefrönt hatte, überzeugten Lightning und unser Zwerg den störrischen Lehrer davon, dass es sicherer für alle war, wenn er sich von uns beschützen ließ. Nachdem die Skins abgezogen waren, konnten wir Wadi aus dem Jugendzentrum rausholen. Wenn sie dort kein echtes Feindbild mehr hatten, würden sie nicht mehr angreifen. Zudem mussten sie fürchten, dass ihnen die Ram's Children die Hammelbeine lang ziehen würden, wenn sie da je wieder auftauchen sollten. Als der erfahrenste Runner der Wild Cards kümmerte sich Largo darum Mahmut ad-Din von der Bildfläche verschwinden zu lassen. Dazu nutzte er die SINs kürzlich Verstorbener, bezahlte nur mit Bargeld und wechselte alle zwölf Stunden das Zimmer und alle zwei Tage das Hotel. Es sollte für Wadis Häscher schwierig werden ihn zu finden. Solange der Zwerg bei ihm blieb, hatte er genug Zeit uns mit Recherchen zu unterstützten, was man im Wert nicht unterschätzen sollte. Manchmal half die richtige Information im richtigen Moment zwischen Freund und Feind zu unterscheiden oder ob man einen Angriff besser vermied oder den Auftrag ganz abblies.    Verdientes Geld kann man halt nicht mehr ausgeben, wenn man in der Zinkwanne nach Hause getragen wird.
            "Sehr gut, Largo."      
"Ich sehe, ihr habt das Hotelzimmer der Halvers vorbereitet.", erkannte der Rigger korrekt, als er die Kamera der Drohne einschaltete, die wir dort versteckt hatten. "Jepp! Ein paar von ihren Haaren liegen in der Dusche und im Waschbecken. Das Bett haben wir zerwühlt, ein paar Wäschestücke im Raum verteilt und ihren Universalpass auf den Nachttischt gelegt."   
            "Ah, sauber! Ich bekomme jetzt auch das Signal des RFID Markers ein." Da wir hofften, dass wer auch immer auf unsere Aufnahmen reagierte, den Ausweis mitnehmen würde, hatten wir ihn so präpariert, dass wir ihn jederzeit orten konnten. "Jetzt muss nur noch jemand in die Falle tappen." Die Aufnahmen, die wir unserem Schmidt zugeschickt hatten, zeigten Sunetra, die sich als das Opfer maskiert hatte, und von einer Sicherheitskamera dabei beobachtet wurde, wie sie das Stundenhotel betrat. Zum Glück gab es hier keine echten Kameras. Ich wurde ungern bei der Arbeit gefilmt - eine alte Agentenkrankheit.  
            "Was meinst du, wann die kommen werden?", wollte der Zwerg wissen. Ehrlich gesagt hatte ich keine Ahnung. Seit wir mit dem Schmidt telefoniert hatten, war eine knappe halbe Stunde vergangen. Er versprach das Video umgehend innerhalb des Rathauses zu veröffentlichen - natürlich nur unter der Hand. Jeder weiß, dass Dinge, die als geheim gelten, sich schneller verbreiten als für Jedermann öffentlich zugängliche Informationen. Falls die undichte Stelle im Rathaus war, würde die Reaktion schnell, diskret und brutal erfolgen. Zwar war es schon spät am Abend, aber wenn die Geliebte der Bürgermeisterin so plötzlich wieder auftauchte, würde es sicher schnell die Runde machen. "Ach ich glaube nicht, dass es lange dauern wird. Sunetra und Cone haben sich im Zimmer gegenüber verschanzt. Vielleicht müssen sie eingreifen, wenn etwas schief geht. Ich geh gerade mit Pinky Pie runter auf die Straße - AU!", Lightning boxte mir in die Seite und schnaubte mich grimmig an.  
            "Viel Glück! Meldet euch, wenn es was Neues gibt." 
Wenigstens regnete es nicht mehr als wir auf der Straße ankamen. Tatsächlich mussten wir keine zwanzig Minuten mehr warten, bis ein ramponierter Golf 3 vor dem Hotel parkte. Zwei ältere Menschen unterhielten sich darin, bis ein nicht weniger baufälliger, ausrangierter Mannschaftswagen in schwarz und rostroten Flecken hinter dem VW stehen blieb. Sechs Männer stiegen aus. Zwar waren drei von ihnen mit Haaren statt Glatze gesegnet, aber die Springerstiefel unter der legeren Alltagskleidung sprachen eine deutliche Sprache. Kaum hatten sie sich aufgestellt, stiegen auch die beiden Altsemester aus. Der vermeintliche Anführer hatte breite Schultern und musste Mitte Vierzig sein. Er trug deutlich feinere Kleidung als seine Freunde und statt der Stiefel Halbschuhe. Der Kerl, der den Golf gefahren hatte, war mindestens fünf Jahre älter. Er war an den Schläfen kahlgeschoren hatte eine Lederjacke mit Pelzbesatz an Kragen und Ärmeln an. Auf dem Hinterkopf schimmerte ein tätowiertes Eisernes Kreuz durch die kurzen Haare durch. Einige der Handlanger hatten ebenfalls Tätowierungen, die an Hals und Handrücken nicht gänzlich von den Klamotten verdeckt wurden. Das, was ich erkennen konnte, erinnerte mich frappierend an germanische Runen. Ich schickte Largo ein Bild von dem Tatzenkreuz, das auf der Tür des Golf prangte.       
            Alyssa hatte sich auf der Bank der Bushaltestelle niedergelassen und löste ein Kreuzworträtsel auf ihrem Komlink, während ich mit meiner imaginären Freundin diskutierte und geduldig der Predigt lauschte, die sie mir hielt. In Wahrheit flüsterte mir der Rigger ins Ohr, was er über das Symbol auf dem Wagen herausfinden konnte. "Es gibt mehrere paganistische Kulte, die es nutzen. Von Nazis über Anhänger von Naturreligionen bis zu LARP Spieler... ohne weitere Infos kann ich nicht sagen, mit wem wir es hier zu tun haben."     
            "Da Glatzen mit eindeutigen Absichten das Jugendzentrum überfallen haben, gehe ich davon aus, dass es sich um Nazis handelt. Ich hasse das Pack."        
            "Ruhig Blut, Iron.", ermahnte mich Largo über Komlink. Die Gruppe ging in das Hotel und würdigte weder mich noch Alyssa eines Blickes. Sehr gut. Nur einer von ihnen, den ich spontan Carlos Glatzos taufte, blieb am Eingang stehen. Ich ging derweil immer noch mit meiner Freundin diskutierend auf und ab bis sich Sunetra nach kurzer Zeit atemlos über die gemeinsame Frequenz meldete. "Ein Schamane greift an."        
            Der Typ mit dem Pelzkragen! Natürlich! Sein Aussehen schrie geradezu heraus, dass er schamanistischer Zauberer war. Wir mussten sofort rein. Alyssa hatte Sunetras Warnung ebenfalls gehört und stand langsam von der Bank auf. Ich tat weiterhin so, als würde ich resigniert eine Standpauke über mich ergehen lassen und ging ermattet zum Hoteleingang. "Ja, Schatz... nein, das war doch ganz anders... ja.... ja.........nei....ja, ja!"         
            Carlos sah mich kritisch an, als ich an ihm vorbei ins Hotel ging, aber er kaufte mir die Nummer ab. Alyssa schlüpfte unterdessen in meinem Schatten mit hinein. Drinnen verbreitete eine altersschwache Lampe ein schummriges Licht. Der Schamane saß auf einem abgewetzten Sessel in der Eingangshalle. Unweit von dem Magier stand einer der anderen Glatzen und passte auf ihn auf. Den Geräuschen im Komlink nach zu schließen, lief der Kampf nicht besonders gut für unsere Elfe. Ich musste schleunigst was unternehmen.   
            Von meiner Position aus konnte ich den Kopf des Schamanen nur von hinten sehen. Er zuckte immer wieder, vermutlich als Folge des Kampfes, den sein Geist gegen Sunetra ausfocht. Ich schlenderte nun lebhaft lamentierend zur Sitzgruppe und warf all mein schauspielerisches Talent in die Darstellung des leidenden Mannes, der besser Junggeselle geblieben wäre. Nix Haarinski, der an der Wand lehnte, sah mich - einen Ork! - sogar mitleidig an.   
            Plötzlich meldete sich Largo über Komlink. "Die Kerle beziehen im Flur vor dem Zimmer Stellung. So wie die sich bewegen würde ich sagen, dass sie mal eine militärische Ausbildung genossen haben. Sie sichern sich gegenseitig bevor sie weiter gehen. Passt auf, wenn ihr sie angreift!"        
            Ich hatte nicht vor leichtsinnig zu werden. Darum nahm ich mir unseren mächtigsten Gegner zuerst vor. Kaum dass ich am Schamanen vorbei kam, zog ich meine schallgedämpfte Pistole aus dem Tarnholster unter dem Mantel und schoss ihm in die Tätowierung auf dem Hinterkopf. Bevor die Glatze gegenüber seine Waffe ziehen konnte, sprang Alyssa hinter mir vor und feuerte einen Betäubungsbolzen auf ihn ab. Er knallte rücklings gegen die Wand und ich richtete meine Waffe auf ihn. Zwei meiner Kugeln schlugen wirkungslos zu seinen Seiten in der Wand ein, die dritte Kugel, die ich unabsichtlich abfeuerte bevor ich mein Ziel korrigieren konnte, traf den Hausmeister, der just in diesem Moment putzend um die Ecke geschlurft kam. Mit einem Seufzen sank er zu Boden          Drek!
Nun hatte der Nazi ebenfalls seine Pistole gezogen und legte auf mich an. Lightning gab ihm aber keine Gelegenheit abzudrücken. Sie schleuderte ihn mit einem Zauberspruch an die Decke. Noch bevor er auf dem Boden aufschlug hatte er das Bewusstsein verloren.   
            "Carlos Glatzos!", schoss es mir durch den Kopf und ich wirbelte zum Eingang herum. Ich hatte kein Bedürfnis danach eine Kugel in den Rücken zu bekommen, weil ihn der Lärm alarmiert hatte. Doch statt in den Lauf einer Waffe zu starren, sah ich wie Cone krachend auf dem Nazi landete und so K.O. schlug. Den Staub abklopfend kam er herein. "Bist du von allen Geistern verlassen?", herrschte ich ihn an. Bei einem Sprung aus dem dritten Stock hätte er sich alle Knochen brechen können.     
            "Mach mal halblang, Iron. Du klingst ja fast, als würdest du dir Sorgen um mich machen." Er grinste mich an. Familie! "Die Spruchschleuder hat mich runter levitiert."      
            Im gleichen Moment landete auch Sunetra vor dem Eingang und gesellte sich zu uns. Sie wirkte ziemlich mitgenommen und wischte sich mit dem Handrücken etwas Blut weg, das aus der Nase gelaufen war. "Danke! Das wurde da oben echt ungemütlich."   
            Da ich immer noch entsetzt drein schaute fügte sie schnell hinzu, dass sie nicht wusste, ob das Eliminierungsteam den Kampf in ihrem Zimmer gehört hatte. Deshalb entschied sie sich über das Fenster zu fliehen.           
            "Ich glaube er kommt durch.", rief Alyssa herüber. Zwischenzeitlich hatte sie den Notruf an der Komstation gewählt und einen Heilzauber auf den armen Hausmeister gewirkt. Der Anblick versetzte mir einen Stich. Warum musste immer alles aus dem Ruder laufen? Das hatte verdammt noch mal eine einfache Überwachung werden sollen, und kein Gemetzel. Zu allem Übel realisierte ich jetzt erst, dass ich die Waffe verschwinden lassen musste. Die HanSec fand es nicht lustig, wenn Unschuldige zu Schaden kamen. Zu wissen, dass er Überleben würde, war immerhin ein Trost, wenn auch nur ein schwacher.
            Wieder meldete sich Largo, der die Kamera der Drohne im Auge behalten hatte: "Sie stürmen gerade das Zimmer. Scheiße, die haben ohne Vorwarnung zwei Schüsse auf das Bett abgegeben und erst dann das Licht angemacht. Jetzt durchsuchen sie den Raum. Ah, einer hat den Ausweis gefunden und gibt ihn dem Anführer. Er sieht nicht sehr erfreut aus." Sehr gut. Wenigstens eine Sache schien nach Plan zu laufen.       
            "Der Krankenwagen ist aber schnell da.", bemerkte mein Cousin. "Hä?!" Tatsächlich konnte man hören, wie sich aus der Ferne die Sirenen eines Krankenwagens näherten. Doch irgendwie klangen sie anders als normalerweise. Ich wusste, dass ich das Geräusch kannte. Nur woher? ... Plötzlich machte es Klick im rostigen Getriebe meines Hirns.           
            "DREK! Doc Wagon! Schnell raus hier!"         
Je nachdem welchen Vertrag man mit dieser Firma abgeschlossen hatte, kamen die Einsatzteams von Doc Wagon sogar in Kriegsgebiete, um einen bei einer Verletzung zu evakuieren. Dazu bekam man einen Chip implantiert, der Standort und Gesundheitszustand meldete. Der Schamane, den ich erschossen hatte, musste einen besonders guten Vertrag haben, dass sie derart schnell waren. Das Problem: Doc Wagon machte keine halben Sachen, wenn es galt einen Klienten herauszupauken. Im Zweifelsfall ballerten die alles über den Haufen, das nicht sofort die Waffen streckte. Bei dem Schamanen gab es zwar nichts mehr zu retten, aber das interessierte diese Wild-West-Ärzte nicht die Bohne. Es galt schließlich einen Vertrag zu erfüllen. Also mussten wir sofort weg.        
            Die Nazis mussten den Einsatzwagen ebenfalls gehört haben, denn Largo gab durch, dass sie sich in dem Zimmer von der Halvers verschanzt hatten und abwarteten. Gerade hatte ich den bewusstlosen Glatzkopf geschultert, als es wieder einmal noch schlimmer kam. Der Kerl, der den Hintereingang gesichert hatte, stand auf einmal in der Eingangshalle und sah entsetzt auf den toten Schamanen. Bevor einer von uns reagieren konnte, rannte er wieder zum Ausgang. Keine Sekunde später hechteten wir hinterher. Er durfte auf keinen Fall entkommen. Sonst wäre der schöne Plan im Eimer und die würden wissen, wie wir aussehen.     Sunetra und Lightning schickten Betäubungsbolzen aus ihren Handflächen, während ich mehrmals auf den Flüchtenden schoss. Wir rannten durch mehrere Gänge, bis wir auf dem Parkplatz hinter der Heiteren Springflut standen. Dort sprang der Nazi über eine Motorhaube. Bevor er darüber hinweg war, trafen ihn mehrere magische und physische Geschosse in den Rücken, sodass er hinter den Wagen fiel und kraftlos liegen blieb. Cone warf den ramponierten, blutenden Bastard über seine Schulter als auch schon Doc Wagon mit quietschenden Reifen um die Ecke kam.
            FUCK FUCK FUCK!       
Ohne Zeit zu verlieren sprinteten wir los als wäre der Teufel hinter uns her - und keine Sekunde zu früh. Um uns in unserer Motivation zu bestärken, schickte das Doc Wagon Einsatzteam noch zwei Salven aus vollautomatischen Gewehren zum Abschied hinterher. Zwar gingen sie meilenweit vorbei, aber wir beschleunigten lieber noch ein wenig mehr. Sicher ist sicher.          
            Immerhin hatten wir jetzt zwei von den Mistkerlen, die wir verhören konnten. Laufen können wir sie jedenfalls nicht lassen, dachte ich grimmig und verschwand mit den anderen in einer der Seitengassen in der stockfinsteren Nacht.

***

            Sie hatten noch etwa fünf Minuten gewartet, nachdem Doc Wagon wieder verschwunden war, bevor Heinrich mit Richard, Horst und Pascal wieder das Zimmer verließ. Viel hatten sie nicht gefunden. Wenigstens wussten sie nun dank des Ausweises sicher, dass die Halvers noch lebte. Es ärgerte ihn maßlos, dass sie nicht da gewesen war. Sie mussten nun das Hotel so lange beschatten, bis das Miststück wieder auftauchte. 'Nur was ist da unten passiert, dass die militanten Ärzte aufgekreuzt sind?'
            Als sie unten ankamen, bot sich ihnen ein grauenhafter Anblick. Heiner saß in eine Decke gewickelt in einem Sessel und hielt sich einen Eisbeutel an den Kopf, während Sanitäter - also die unbewaffnete Sorte - einen Mann, den er nicht kannte, auf einer Bahre nach draußen trugen. Heinrich sah eine Blutlache, wo der Typ gelegen hatte. Aber da war noch mehr Blut. Einer der Sessel der Sitzgruppe war geradezu von dem roten Lebenssaft durchtränkt. Hatte nicht sein bester Freund hier gesessen?    Ein kalter Schauer lief Heinrich über den Rücken. Doc Wagon!         
            Mit einem Mal realisierte er, dass nicht nur sein Freund, sondern auch Jan und Fritz fehlten. Wie ging es Hrabnaz? Würde er überleben? War er vielleicht schon gar nicht mehr unter ihnen? Er ballte die Fäuste, während das Blut in ihm zu Kochen begann. Heinrich würde herausfinden, was hier vorgefallen war und dann die Schweine suchen, die dafür verantwortlich waren.         
            Ein wölfisches Lächeln umspielte seine Mundwinkel als er daran dachte, was er mit ihnen anstellen würde, wenn er sie in die Finger bekam.       
            'Oh ja, das wird ein sehr interessanter Tag werden.'

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen