Donnerstag, 18. Juli 2013

Back in Black




          Dunkelgraue bis schwarze Wolken, die den Himmel verstecken. Ein Nieselschauer, der die Kleidung über die Dauer der Zeremonie durchweicht und im Duett mit einem unerbittlich pfeifenden, eisigen Wind die Kälte bis in die Knochen treibt. So sehen Hollywoods Konventionen für eine anständige Trauerfeier aus. Doch weder waren wir in Amerikas Traumfabrik, noch wollten wir einen billigen Trivid-Film drehen. Dies war die Wirklichkeit - und die war auch an einem sonnigen Juli Tag schon kaum zu ertragen. Wer also der Meinung ist, dass gefälligst beschissenes Wetter zu herrschen habe, wenn man einem Freund das letzte Geleit gibt, der ignoriert einfach die Tatsache, dass ein laues Lüftchen die Blätter der Bäume rascheln ließ, Vöglein lustig zwitscherten und nicht eine einzige Wolke den blauen Himmel bedeckte.       
            Knapp zwei Wochen waren seit dem schicksalhaften Abend vergangen, an dem ein Neonazi meinem Cousin Cone aus nächster Nähe ein halbes Magazin in den Rücken entleert hatte. Das elende Dreckschwein war zwar von Sunetra in seine molekularen Einzelheiten zerlegt worden, aber das brachte unseren Freund leider nicht wieder zurück. Nun blieb uns nichts anderes übrig, als dem groben Klotz einen würdigen Abschied zu bereiten.    

           Für uns alle unerwartet waren auf dem Eimsbütteler Friedhof, auf dem sich die lokale Shadowrunner-Szene eine eigene Parzelle gesichert hatte, um in Ruhe, ohne von offiziellen Stellen genervt zu werden, Kollegen und Freunde zu bestatten, richtig was los. Es war in unserem Gewerbe nicht unüblich, dass auf Beerdigungen bekannter Runner neben Verwandten, Bekannten und Freunden auch Konkurrenten, manchmal sogar Feinde, auftauchten, um den Verblichenen Respekt zu zollen. Jeder wusste um die eigene Vergänglichkeit und dass es oft nur der Zufall war, der einem den grimmigen Schnitter vom Leibe hielt. Solche Zusammenkünfte waren eine gute Gelegenheit innere Einkehr zu halten. Es kam durchaus vor, dass der eine oder andere wieder aus den Schatten ins normale Leben zurückkehrte, weil jemand, den man gut gekannt hatte, brutal aus dem Leben geschieden war. Natürlich gab es auch die Elendstouristen, die immer auf Beerdigungen rumlungern und den lieben langen Tag Todesanzeigen studieren, um zu wissen wo man als nächstes hin muss. Solange das Gafferpack nicht störte, war es mir egal, ob sie da waren oder nicht.
            Die zweite große Gruppe, die sich auf Beerdigungen ein Stelldichein gab, waren wegen des Business da. Wenn sich viele Runner mit den unterschiedlichsten Spezialisierungen an einem Ort versammelten, konnte man leicht Kontakte knüpfen und Teams zusammenstellen.          
            Bei Cone allerdings handelte es sich um keinen bekannten Runner. Zumindest hatten wir das bislang immer gedacht. Entweder hatte jemand über unseren letzten Auftrag gepetzt, sodass die Kunde in den Schatten die Runde machen konnte, oder wir hatten uns in dem ehemaligen Ganger gehörig getäuscht.     
            Gesandte verschiedener Gangs aus unterschiedlichen Städten hatten sich ebenso unters Volk gemischt, wie Schaulustige und andere Runnerteams. Hier und da konnte ich bekannte Gesichter entdecken. Finch, Cones ehemaliger Boss bei den Dragon Hornet's, stand neben Hauptkommissar Marten, der allerdings so umsichtig gewesen war nicht in Uniform zu erscheinen. Na das hätte hier für richtig gute Stimmung gesorgt. Drei Frauen - zwei waren Orks, eine menschlich - vergossen leise Tränen. Cone, das hätte ich dir gar nicht zugetraut.      
            Ian war mit seinem Team aus vercyberten Elfen, den Magic Five, ebenso anwesend, wie die Runner der Tamril Devils. Mein Cousin hatte sich vor Jahren mit Ian ein paar höchst illegale Motorrad Rennen geliefert, die genauso oft beinahe im Krankenhaus geendet hatten. Und mit den Devils hatte er mal auf eine Tour ans Mittelmeer gemacht. Kabler war über die Matrix via AR Übertragung aus Hong Kong zugeschaltet. Ein feiner Zug von dem Hacker, wenn man bedenkt, dass er Cone praktisch gar nicht gekannt hat. 
            Selbstverständlich waren auch Largo, Sunetra und Lightning vor Ort. Gemeinsam schleppten wir den Sarg unseres schweren Jungen zum Grab, wo wir ihn dann in die Erde hinabgelassen hatten. Auf einen Pfaffen oder anderes religiöses Geschmeiß hatten wir verzichtet, weil Cone das Kirchenvolk leiden konnte wie einen Ausschlag im Intimbereich - und da hatte er ausreichend Erfahrung sammeln können. So war es an uns ein paar Worte des Abschieds zu formulieren. Die Magierinnen und unser Rigger hatten sich kurz gefasst. Niemandem war nach viel Gerede zumute. Als Letzter erklomm ich den aufgeschütteten Erdhügel vor dem offenen Grab. Von dort aus konnte ich über die Menge hinwegsehen. Verdammt, sind das viele!        
            Gerade wollte ich loslegen, aber dann erscholl plötzlich Lärm und Gezeter aus der hintersten Reihe bei den zwei uralten, in vollem Saft stehenden Eichen. Bewegung kam in die Trauergemeinde. Wie Moses das Rote Meer teilte sich die Menge, um einen Korridor zu bilden, durch den der Störenfried kam. Es handelte sich um einen Troll in dunklen Cargo-Hosen und einem roten T-Shirt der Band Tourette-Syndrom, der sich mit einem zappelnden Menschen im Schlepptau nach vorne durchkämpfte. Er schliff den Mann unachtsam hinter sich her, wie ein gelangweiltes Blag seinen Turnbeutel. Ein Holsten Zombie! Ich erkannte die Gangzugehörigkeit sofort an den schwarzen Klamotten, den gefärbten Haaren und dem weiß angemalten Gesicht. Er schrie, jammerte und fluchte wie ein Rohrspatz.         
            Der Troll blieb vor dem Grab stehen und hielt den Zombie hoch in die Luft - ein Klacks bei einer Körpergröße von geschätzt zweieinhalb Meter. Kopfüber baumelte er, der linke Fuß im unnachgiebigen Griff des Metamenschen gefangen. Sein Gesicht lief trotz der Schminke rot an, als das Blut der Schwerkraft nachgab und sich im Kopf sammelte. Immer noch stieß er wenig freundschaftsbezeugende Namen in die Richtung des Trolls aus und bezichtigte ihn einiger unangemessener Praktiken mit seiner Mutter. Als klar wurde, dass der Ganger damit nicht aufhören würde, stieß ihm der Troll sein Knie ins Gesicht.      
            "Halt dein Maul!"         
Umgehend kam der Mensch der Aufforderung nach und verstummte, wenn man vom Gurgeln und Husten von Blut einmal absah."Was soll denn der Unfug?", wollte ich vom Neuankömmling wissen.
            "Das Arschloch hat sich da hinten mit nem Gewehr im Baum versteckt." Damit auch keine Zweifel aufkamen, wen er meinte, schüttelte er den Zombie noch einmal kräftig durch. Es sah aus als hätte er ein aufgerolltes Jojo in der Hand gehabt. Mittlerweile war sein Gefangener dazu übergegangen zu weinen, denn langsam begriff der Kerl in welcher Bredouille er steckte.     
            Runner teilen selten Gepflogenheiten, aber im Schatten-Knigge stand klar geschrieben, dass man auf Beerdigungen unbewaffnet zu erscheinen hat. Ein Ort der Trauer ist für Auseinandersetzungen tabu. Wer trotzdem mit Schießeisen, Stich- oder Schlagwaffen erwischt wurde, musste mindestens mit einer zünftigen Abreibung rechnen.   
            "Lass ihn runter!", befahl ich dem Troll mit lauter, fester Stimme. Seltsamerweise kam er der Aufforderung sofort nach, ließ ihn fallen und nahm Haltung an. Das Gras bremste den Sturz allerdings nur unwesentlich. Bis ich vom Erdhügel zu ihnen herabgestiegen war, hatte er sich wieder aufgerappelt. Sein Gesicht war blutverschmiert, die Lippe zweifach aufgeplatzt und ihm wuchs eine beachtliche Beule auf der Stirn. "Was willst du hier?"       
            Verachtung blitzte in seinen Augen auf, als er mir antwortete. "Die Schatten haben uns geflüstert, dass ein Schweinchen für die Lesbe den Löffel abgegeben hat. - Ein Eber sollte nie alleine im Grab liegen." Eber gleich Hauer. Schon verstanden. Ohne darüber nachzudenken, versenkte ich meine Faust in der Magengrube des Untoten. Explosionsartig wich die Luft aus seinen Lungen und er spuckte Bluttröpfchen. Eine Pranke des Trolls schnellte vor und packte ihn am Hals, um ihn wieder aufzurichten. Danach versäumte er es jedoch den Würgegriff zu lockern, sodass der Typ langsam blau anlief. Dachte ich es mir doch! Irgendwie müssen Details unseres letzten Runs bekannt geworden sein. Darum sind so viele Besucher hier, die ich noch nie gesehen habe.  
            "Soll ich ihm das Genick brechen und mit ins Loch schmeißen? Macht mir auch keine Umstände.", bot der Troll im pflichtbewussten Ton an. Wer zum Geier bist du? Kenne ich dich? Muss ich dich kennen?
            "Nein danke! So reizvoll der Gedanke ist diesen Abfall entsorgt zu wissen - ich will nicht, dass er Cones letzte Ruhe stört, indem er in der Erde über im verrottet." Abgesehen davon ist ein Polizist anwesend. Aber ich werde den Teufel tun und das laut sagen. Ich wandte mich an die gesamte Trauergesellschaft und rief: "Bildet eine Gasse für den Untoten!"    
            Wieder teilte sich die Menge. Diesmal an der Stelle, auf die ich zeigte. "So, Sackgesicht! Du darfst gehen, aber du musst da durch!" Ängstlich schaute er in den Gang, dessen Wände aus wehrhaften Körpern bestanden. Als er keine Anstalten machte sich in Bewegung zu setzen, gab ich ihm Starthilfe in Form eines kräftigen Tritts in den Hintern. "Und grüß Warg schön von mir!"
            Langsam, Schritt für Schritt, stolperte der Zombie voraus, in einen Korridor, der ihn mit Schlägen und Tritten malträtierte, bis er endlich durch war und friedlich davon humpeln durfte. Einige der Anwesenden lachten dreckig und rissen gemeine Sprüche über den gescheiterten Attentäter. Ich dankte dem Troll und kehrte zu meiner Rednerposition zurück. Nachdem ich mich ein paar Mal laut und vernehmlich geräuspert hatte, kehrte wieder Ruhe ein. Endlich konnte ich meine Pflicht erfüllen. 
            "Sehr verehrte Trauende, Kollegen, liebe Freunde. Es freut mich, dass ihr hier so zahlreich erschienen seid. Um ehrlich zu sein bin ich überrascht, denn wir hatten damit gerechnet im ganz kleinen Kreis zu feiern. Zahlreiche unbekannte Gesichter, wohin ich auch blicke. Von euch allen will ich nachher jede Menge lustige Anekdoten über den alten Schwerenöter hören! Und lasst auf keinen Fall die pikanten Details aus!" Mehrere Personen in der Menge lachten herzlich beim Gedanken an Erlebtes.
            "Ich fürchte, dass wir mit den Brötchen etwas knapp kalkuliert haben, aber das Bier sollte locker für alle reichen." Wie zu erwarten entlockte die Aussicht auf Alkohol einigen durstigen Kehlen Jubelrufe. Hier und da klatschten die Gäste.   
            "Cone hatte keine Familie. Daher möchte ich mich als sein Cousin stellvertretend für uns alle von ihm verabschieden.    
            Gangster, Punk, Schläger, Pistensau, Biker, Pathologe, Partylöwe, Medizinmann, Kamerad - ich kann den alten Sturkopf so einiges nennen - vor allem aber war er eines: ein Freund auf den man sich verlassen konnte.     
            So schwierig seine Kindheit war, so einfach gestaltete er sein Leben als Erwachsener. Komplizierte Manöver waren ihm ebenso fremd, wie unnötige Rücksichtnahme auf die Etikette.           
            Es soll mir nun ja keiner auf die Idee kommen, Cone wäre dumm oder einfältig gewesen. Ganz im Gegenteil. Wenn er sich für ein Thema interessierte, kannte er sich darin binnen kurzer Zeit so allumfassend aus, dass man ihm nichts mehr vormachen konnte. Aber wenn er ein Ziel vor Augen hatte, ging er ohne Umwege auf es zu - mit dem Kopf durch die Wand, wenn es sein musste. In einem solchen Fall hab es für ihn kein Halten mehr."        
            "Das stimmt!", rief eine Menschenfrau mit vercyberten Armen aus der vierten Reihe und lachte laut. "Er hat sich mal durch eine Backsteinwand gestürzt, um einen Weg aus einer Falle zu bahnen, als uns ein Glowpunk auf den Fersen war." Nun stimmten andere mit ein.    
            "Ich werde nie vergessen, wie er ein Klavier auf ein Bullenauto hat stürzen lassen, damit die uns nicht folgen konnten.", rief ein Mann von weit hinten.
            "Einmal mussten wir Gras verticken, um uns über Wasser halten zu können. Als wir nix mehr hatten und der Nachschub stockte, war Cone so dreist und hat dämlichen Studenten Kräutertee als Marihuana verkauft. Für den doppelten Preis!" Erneut wogte eine Welle aus vielstimmigem Gelächter durch die Menge, die weitere Gäste inspirierte ihre Geschichten über Heldenmut, Ungeschicktheit, Streiche oder schlichten Unfug in die Runde zu werfen. Als niemand mehr den Reigen fortsetzte, beendete ich meine Rede. Ich muss gestehen, dass ich einen fetten Kloß im Hals verspürte, als ich diese Worte sprach.     
            "Ein Mann, über den so viel erzählt werden kann, hat wahrhaftig gelebt. Und ein Mann, dem so viele Freunde die letzte Ehre erweisen und dafür extra aus der gesamten ADL und darüber hinaus angereist sind, kann mit Fug und Recht als ein reicher Mann bezeichnet werden.           
            Danke, dass ihr alle hier seid."
Bevor mir doch noch eine Träne aus dem Auge rutschen konnte, verneigte ich mich kurz und sah zu vom Erdhügel herunter zu kommen. Sofort begann sich die Versammlung aufzulösen. Einige gingen zum Grab, um sich persönlicher von Cone zu verabschieden. Andere gingen nach Hause, weil das Schauspiel zu Ende war. Wieder andere begaben sich zum Parkplatz des Friedhofs, wo das Wild Card Mobil mit den Erfrischungen stand.      
            Auf dem Weg zu unserem Wagen gesellten sich immer wieder Leute zu mir, um noch ein paar warme Worte mit auf den Weg zu geben. Taran, ein riesenhafter Troll in Lederkluft war der Chef der Ram's Children. Er beglückwünschte uns zu unserem letzten Coup und ließ durchblicken, dass er wusste, wer sein Chapter auf eine gewisse marodierende Horde Neonazis angesetzt hatte. Zuerst wollte ich mich für die Nummer entschuldigen, doch sein Grinsen verriet mir, dass er damit kein Problem hatte. Puh, Glück gehabt.      
            Hauptkommissar Marten bot nach seinen Kondolenzbekundungen an, dass wir uns an ihn wenden könnten, falls wir mal wieder Hilfe brauchen sollten. Kaum hatte ich mich bei ihm bedankt, löste Finch ihn ab und versprach mir das gleiche, sofern wir eines Tages Berlin unsicher machen wollten.          
            Gerade als der Gangchef mit seinen zwei Leutnants gegangen war, lief ich geradewegs in den Troll, der mir vorhin das Leben gerettet hatte. "Oh, Entschuldigung!"     
            Der Mann wirkte etwas verunsichert, als wüsste er nicht so recht, was er sagen sollte. Scheinbar fiel es ihm nicht leicht Worte zu finden, die dem Anlass gerecht wurden. Er dachte einige Zeit lang nach - haderte mit sich selbst - und sprach das, was er sagen wollte, gerade heraus: "Ist der alte Sack doch noch krepiert, wie?!" Sofort fiel ihm auf, dass das irgendwie ruppiger als beabsichtigt geklungen hatte. "Öhm, ich meine... nette Rede."   
            Ich lächelte den Mann, der mich um mehr als einen Kopf überragte, gewinnend an und bedankte mich. Irgendwie erinnerte mich seine Art ein wenig an Cone, was ihn auf eine schräge Weise sympathisch machte. Er entspannte sich etwas und reichte mir seine Hand. "Hank!"   
            "Hi, ich bin Hendrik."   
"Du bist also Cones Cousin? Hat mir nie von dir erzählt."        
            "Wundert mich nicht.", lachte ich. "Zwischen uns war das Verhältnis früher nicht besonders gut. Das hat sich erst in den letzten Monaten gebessert, als wir in einem Team gespielt haben. Wir waren nie Gegner, aber du weißt ja bestimmt wie das mit Familie ist."      
            Hank blickte etwas genervt in die Ferne und zog den Mund schief. "Worauf du einen fetten Haufen scheißen kannst! - Ähm... jo, Familie ist ne Seuche."   
            "Woher kanntet ihr euch denn?"         
"Wir waren zusammen auf einer Stube, als wir unseren Grundwehrdienst geleistet haben."   
            "Cone war bei der Bundeswehr?! Das wusste ich ja gar nicht."           
"Ach das war nur für ein Jahr oder so."           
            Das waren interessante Neuigkeiten und am liebsten hätte ich den Mann weiter interviewt, aber ich hatte in der Menge ein bekanntes Gesicht ausgemacht. "Hank, ich muss leider weg. Aber ich würd gern mal ausführlicher mit dir quatschen. Gib mir deine Komlink Nummer! Dann ruf ich dich die Tage mal an."    
            Nachdem wir die Nummern ausgetauscht hatten, begab ich mich auf die Suche nach dem Bekannten. Zwar hatte sich die Gesellschaft schon weitgehend über dem Gelände verteilt aber ich konnte ihn nirgendwo sehen. Als ich schon dachte ihn verloren zu haben, entdeckte ich die Gestalt im Schatten einiger Birken, die ein Familiengrab umstanden. 
            "Hallo Herr Schmidt!"  
Überrascht zog der hagere, ehemalige Decker mit den schwarzen, leicht angegrauten Haren den Hut vom Kopf. "Wie haben sie mich erkennen können?"         
            "Ach, ihre Statur ist recht einprägsam. Außerdem fällt es auf, wenn sich jemand mit aller Gewalt so unauffällig gibt wie sie." Er lächelte unsicher zurück, aber es war eindeutig, dass er mich nicht verstanden hatte. "Lassen sie es mich so sagen: sie spielen den Geheimagenten wie ein Filmklischee."        
            Der Schmidt zuckte mit den Achseln und kratzte sich an der Datenbuchse in seiner Schläfe. "Ist ja auch egal. Nun, da sie mich auch so gefunden haben..."        
            "Sind sie etwa geschäftlich hier?"       
"Ich wollte natürlich auch zur Beerdigung. Aber meine Absicht ist wohl nicht zu leugnen. - Ihr Husarenstreich hat für die Zukunft der Stadt, die HUSPD und alle liberalen Kräfte mehr Positives bewirkt, als alle Politiker in den letzten zehn Jahren zusammen. Zu schade, dass wir uns dafür nicht öffentlich erkenntlich zeigen können."   
            "Schwamm drüber! Ich bin froh, dass man mein Gesicht nicht überall gleich erkennt. - Was gibt es denn?"     
            "Meine Chefin ist sehr wütend. Die Ereignisse der letzten Wochen haben sie davon überzeugt, dass es an der Zeit ist die Samthandschuhe auszuziehen und hart durchzugreifen."           
            "Sie meinen nach dem Motto: Angriff ist die beste Verteidigung?"      
            "Richtig! Derzeit sieht alles danach aus, dass Frau Lyzhichko mit einem Erdrutschsieg als Bürgermeisterin bestätigt wird. Wenn die Wahlen nächste Woche vorüber sind, könnten wir wieder ihre Hilfe brauchen. Dieses Mal wird es nicht nett werden und sie werden auch niemanden beschützen müssen. Haben sie Interesse?"     
            Es tat gut den Konservativen ein Schnippchen geschlagen zu haben, daher sagte ich ihm unsere Unterstützung zu.                   
            "Auch wenn es pietätlos erscheinen mag gerade jetzt danach zu fragen, aber suchen sie nach Verstärkung für ihr Team? Ich hätte da einen Mann an der Hand, der ihnen entsprechende Kontakte vermitteln kann."     
            "Cone hatte zweifellos eine Lücke hinterlassen, die wir möglichst bald wieder füllen sollten. Sagen sie dem Mann, er soll uns alle in Frage kommenden Bewerbungen zuschicken!"           
            Der Schmidt drückte mir noch ein Wegwerfkomlink in die Hand, auf dem er uns später wieder kontaktieren wollte, zog den Hut tief ins Gesicht und stahl sich beinahe schleichend, mit eingezogenem Kopf, immer wieder um sich schauend, davon.
            Schräger Vogel.
***
            "Der hier hat gerade erst sein gesamtes Team verloren. Klingt vielversprechend. Last uns doch den nehmen!", ätzte Largo mies gelaunt über den gefühlten hundertsten Lebenslauf, der in unser Postfach getrudelt kam und als Ausdruck im Drucker landete. Zusammen saßen wir in der Werkstatt am Hafen und sortierten die Versager und Anfänger aus. Mittlerweile war der Stapel schon ziemlich angewachsen. 
            "Lasst uns doch eine von den beiden hier nehmen!", schlug Alyssa vor und hielt die Fotos zweier Mädels hoch. Sunetra ging den Stoß noch einmal durch und schüttelte mit einem Blick auf die Bilder den Kopf. "Du bist noch schlimmer als die Kerle, Gajin."      
            "Ach nun tu mal nicht so spießig! Die sehen echt heiß aus." Genervt nahm ihr die Elfe die Fotos ab. "Die hier hat schon eine Entziehungskur hinter sich und diese tätowierte, überpiercte Dame hat als Referenz den Neuhaus-Skandal angegeben. Das war Wetwork der übelsten Sorte."           
            "Das meiste sind Gerüchte. Und das weißt du!", gab Alyssa geknickt an. "Kinder sind dabei gestorben!", setzte die Japanerin hinterher, worauf die Menschenfrau endlich Ruhe gab.           
            "Das gibt's doch nicht!", rief ich überrascht aus, was die anderen veranlasste sich um mich zu versammeln. "Was hast du denn da?"
            "Schaut mal, wer unter den Anwärtern ist!" Ich hielt das Foto hoch, damit es alle sehen konnten.         
            "Ist das nicht der Kerl vom Friedhof?", fragte Largo.   
"Ja, Hank ist sein Name."        
            "Ich hab mit ihm ein Bier getrunken. Ein bisschen grobschlächtig, aber er scheint ganz in Ordnung zu sein."       
            Sunetra stimmte dem Zwerg zu. "Ein Glück hat er den Zombie im Baum noch rechtzeitig entdeckt."       
            "Also ich weiß nicht wie es euch geht, aber ich glaube wir haben unseren Praktikanten gefunden."     
            Ligtning war von unserer Wahl etwas enttäuscht, sah aber ein, dass in unserem Job andere Qualitäten zählten als ein hübsches Gesicht und ein knackiger Po. Da ich Hanks Nummer bereits hatte, beschloss ich ihn direkt anzurufen. Doch noch bevor ich meine Kontaktliste im Komlink geöffnet hatte, klingelte es bei mir. Ich nahm ab und ein vertrautes Gesicht aus meiner Vergangenheit erschien im Videoschirm der AR-Brille. 
            "Moin moin, Frank! Lange nicht mehr gehört. Wie geht es dir denn?" Das übernächtigte, ernste Gesicht meines ehemaligen Kollegen bei ARGUS wischte jede Freude über den Anruf sofort hinfort. Tief in mir zog sich etwas zusammen und ich spürte, dass etwas Schlimmes vorgefallen sein musste.   
            "Hallo Hendrik. Sorry, dass ich nicht zur Beerdigung kommen konnte, aber hier war in den letzten Tagen der Teufel los."
            "Mach's nicht so spannend! Was ist passiert?"
"Du wirst es nicht glauben! Der Stalker ist wieder da."

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