Mittwoch, 3. Juli 2013

Im Sog des Mahlstroms


Kapitel 7 - Operation Schnittmuster

            Ein sanftes Lüftchen spielte mit meinen schwarzen Haaren, als sich die Dead Man's Hand des Nächtens durch den innerstädtischen Teil der Elbe schob, die 2011 große Teile Hamburgs überflutet und in der Folge nur widerwillig und dann auch nur einen Teil ihrer Trophäe wieder hergegeben hatte. Bis auf wenige Wolken war es eine sternenklare Nacht, was eine willkommene Abwechslung zum Regen der vergangenen Tage war - selbst wenn es bedeutete, dass wir damit zum feuchtschwülen Juni zurückkehren mussten. Für den Moment allerdings waren die Wetterbedingungen optimal für die Mission, die uns bevorstand.
            "Irgendwann müssen wir uns mal den Laden von innen anschauen.", sagte Cone, der Big Willi grinsend angaffte - das Alcatraz Hamburgs, wenn man so will. Bevor jemand anderes etwas sagen konnte, bekam er von Alyssa, die etwas fröstelte, den passenden Kommentar: "So wie ich dich kenne, wirst du über kurz oder lang auf natürlichem Weg da drin landen. Aber wenn es soweit ist, sei bitte nicht sauer, wenn ich auf Abstand zu dir gehe."
            "Ach du! Das mein ich doch nicht."     
"Wenn du so begierig darauf aus bist dich zu prügeln, wirst du nachher noch genug Gelegenheit bekommen.", sagte ich mit einem tadelnden Seitenblick auf meinen Cousin. So sehr ich seinen Enthusiasmus schätzte, er neigte manchmal zu unüberlegten Aktionen und dann war es an uns ihn wieder etwas zu bremsen. Wir ließen die Gefängnisinsel hinter uns und passierten die ersten schwimmenden Bars und Clubs des dem Hafen vorgelagerten Vergnügungsviertels. In unserem Rücken beleuchteten die grellen Lichter der Sardinenstadt die Nacht, sodass sie die Sterne in einem großen Umkreis überstrahlten.  
            "Hat Largo eigentlich etwas nützliches über unser Ziel herausfinden können?", wollte Cone wissen, während wir, auf die Reling gestützt, den feiernden Leuten auf den Pontons zusahen. "Den markierten Ausweis von Frau Halvers konnte er in einem Haus im Südosten Harburgs aufspüren. Laut Stadtarchiv handelt es sich um ein leerstehendes Mietshaus. Allerdings ist die Gegend unter Kontrolle der Faschisten. Die HanSec hat den Bereich aufgegeben und sich schon vor vielen Jahren zurückgezogen. Seitdem ist das rechtsfreier Raum, in dem sich dieses Dreckspack seine eigenen Gesetze macht."    
            "Umso besser." Cone klopfte mir freudig auf die Schulter. "Das bedeutet, dass sich niemand für den Stapel Leichen interessieren wird, den wir dort heute Nacht zurücklassen werden."

            "Wenigstens etwas.", stimmte ich nur leidlich begeistert zu. Ich mag es nicht, wenn ich nicht abschätzen kann, mit welchem Feind ich es zu tun bekommen werde. Wie gut sind sie ausgerüstet? Wie viele Gegner sind anwesend? Bekomme ich es mit Amateuren oder Profis zu tun? Nach dem Angriff des Arischen Untergrunds auf die Heitere Springflut wussten wir zumindest, dass sie eine militärische Grundausbildung genossen hatten, aber keine trainierten Killer waren. Das bedeutete aber nicht, dass wir da so einfach rein spazieren konnten. Daher planten wir das Hauptquartier der Glatzen aus der Nähe zu inspizieren.         
            Die Dead Man's Hand fuhr in einen Kanal, der sich durch eine Gebäudeschlucht fraß. Schon nach wenigen Metern wurde klar, dass wir den schönen Teil Hamburgs verlassen hatten - und das wollte etwas heißen. Aber Harburg hielt nicht ohne Grund seit Jahrzehnten beharrlich den ersten Platz als der heruntergekommenster Stadtteil Hamburgs. Vor der Schwarzen Flut und den Eurokriegen muss es hier sehr malerisch gewesen sein. Doch irgendwann war der Harburger Slum mit der steigenden Verelendung über seine Grenzen hinaus gewachsen und hatte unter anderem das schöne Fachwerkdorf Winsen/Luhe assimiliert. Ironischer weise lebten nach dem Krieg ausgerechnet vorwiegend Russen in dem größtenteils gefluteten Stadtteil, der bislang jedem Versuch der Verschönerung und Restaurierung widerstanden hatte.
            Hier lebten die Ärmsten der Armen, der Bodensatz der Gesellschaft aus Asozialen, radikalen Randgruppen, obskuren Sektierern, Aussteigern, Junkies, Banden und anderen Kriminellen. Die wenigsten verfügten über eine SIN und fielen so aus dem Raster des städtischen Verwaltungsapparats. Soweit es die Behörden anging, existierte Harburg nur noch als von der Steuer befreite Ruine, in der sich zufällig Menschen aufhielten. Niemand kümmerte ihr Schicksal. Die meisten der dort Lebenden waren ganz Unten angekommen und hatten resigniert, sodass ich bezweifle, dass sie sich selbst noch dafür interessierten. Wer hier noch ein Geschäft betrieb, musste an die Lobatchevski Brüder Schutzgelde abdrücken. Scheinbar lohnt es sich selbst noch die auszunehmen, die gar nichts mehr besitzen. Wenigstens müssen wir nicht nach Wildost. Man mag es kaum glauben, aber dort sind die Zustände sogar noch schlimmer. Der Gedanke an das Ponton-Ghetto im Nordwesten Harburgs ließ mich schaudern. Ich war für jeden Tag froh, an dem ich dort keinen Fuß reinsetzen musste.           
            Cone hatte Recht damit, wenn er sich darüber freute, dass dort keine Polizei war, denn wir hatten vor uns an diesem Abend sehr unartig zu benehmen. Wer keine SIN hat, existiert offiziell nicht. Und wer nicht existiert, kann auch nicht sterben. Also brauchte man in Harburg weder Drohnen, Überwachungskameras noch sonstigen Schnickschnack, der für die Sicherheit der Bevölkerung sorgen sollte. Wir würden also ganz privat mit unseren Spielkameraden sein.    
            Je weiter wir kamen, desto verfallener wirkte das Stadtbild, das von der Klinkeroptik der schnell und billig hochgezogenen Bauten beherrscht wurde. Teilweise hatte die Schwarze Flut nur noch Ruinen zurück gelassen. 
            'Die faulen Arbeitslosen sollen dankbar sein. Immerzu beschwert ihr euch, dass ihr keine Jobs finden könnt. Jetzt hat euch die Flut endlich eine Aufgabe gegeben. Baut also gefälligst eure Heime wieder auf und schreit nicht permanent nach Hilfe vom Sozialstaat! Zeit habt ihr doch mehr als genug.', stänkerte damals der scheidende Senator Ronald Barnabas Schill in einem zynischen Gastbeitrag in der Hamburger Morgenpost. Wenige Wochen später legte ein verzweifelter Mann, dessen Familie in der Katastrophe umgekommen war, eine Bombe, in der er mitsamt dem Politiker ums Leben kam. Der Scheißkerl war auch nicht besser als Schiffersmann.      
            Kaum ein Haus in Harburg war komplett bewohnt. Provisorische Anlegestellen dominierten das Bild, denn bis zum ersten Stock stand alles unter Wasser. Leitungen waren von Haus zu Haus gespannt worden und wann immer ein Licht aus einem der Fenster schien, konnte man auch einen Generator hören, der für Strom sorgte. Nur wenige Gebiete des Viertels waren an das öffentliche Energienetz angeschlossen. Das hier ist nicht nur in Bezug auf die Matrixanbindung eine tote Zone.
            "Finden sie Beweise, die entweder den Mord an Stefanie oder Schiffermanns Käuflichkeit belegen. Und wenn sie schon dabei sind: sollten sie auf seine Freunde von der Arischen Front oder dem Untergrund stoßen, dann seien sie doch so gut und befreien sie uns von ihrer Existenz.", hatte ihnen Freiherr von Bayer aufgetragen. Recherchen ergaben, dass der sozialliberale Adlige ein Erbe des Bayer Chemiekonzerns war und sich offizielle im Ruhestand befand. "Ich hoffe, das stellt kein Problem für sie dar."          
            "Nein, ist es nicht.", murmelte ich in Erinnerung an unser Gespräch im Café. Es war ungewöhnlich während einer Mission einen weiteren Auftrag anzunehmen, aber in diesem Fall deckten sich unsere Ziele nahezu zur Gänze. Obendrein hätten wir mit Bayer bereits drei mächtige Verbündete, die mit der Hamburger Politik verbandelt waren. Abgesehen davon fühlt es sich immer gerecht an, Faschos zur Strecke zu bringen. Also willigten wir ein, rüsteten uns aus, beluden das Schnellboot und legten bei Einbruch der Nacht ab.
            Inzwischen waren wir so tief in Harburger Gebiet vorgedrungen, dass nur noch zeitweise Zugriff auf die Matrix möglich war. Auf den wenigen Straßen, die über der Wasserlinie lagen, blockierten ausgebrannte Autowracks die Fahrbahn. Schutt und Müll komplettierten schließlich das Trio der Wegelagerer. An einer Stelle verhinderte eine eingestürzte Hauswand unser Weiterkommen im Kanal. Largo musste wenden und eine alternative Route suchen. So arbeiteten wir uns im gefühlten Schneckentempo zu unserem Ziel vor, das bald nach Mitternacht endlich in Sicht kam. Da keine Straßenlaternen brannten, konnten wir nur dank des Mondlichts all die Plakate sehen, die uns willkommen hießen. 'Kauft nicht bei Elfenschweinen!', 'Hauer go home!' oder 'Tu was Gutes - töte einen Hauer!', proklamierten sie verächtlich. Die Wände der Häuser waren an der Grenze zum Naziterritorium mit so absurd vielen Swastikas beschmiert worden, dass ich fast laut lachen musste - zumal viele auch noch falsch gezeichnet worden waren. Die sind sogar zu dumm zum korrekt rechts sein.        
            "Reizende Gegend.", grummelte Sunetra, die den Sitz ihres Katana in seinem Saya überprüfte. Ab hier befanden wir uns ganz offiziell in Feindesgebiet. Wenn man uns entdeckte, wären wir in echten Schwierigkeiten. Largo hielt mit der Dead Man's Hand im Schatten eines Hauses und startete eine Flugdrohne zum erkunden der Gegend. Planken und Hängebrücken verbanden die einzelnen Gebäude miteinander, um Passanten ein Fortkommen zu ermöglichen. Auf dem Dach unseres Ziels, einem vierstöckigen Gebäude, das wie alle anderen von der Elbe um eine Etage reduziert worden war, hatten es sich zwei Faschos am Zugang gemütlich gemacht. Es war offensichtlich, dass sie ihn bewachten. Die Drohne entdeckte noch einen weiteren Eingang: eine Anlegestelle, in deren Nähe sich drei Typen herumtrieben und die Zeit mit Videospielen totschlugen.    
            "Wir sollten übers Dach gehen!", schlug Alyssa vor, doch Sunetra hob eine Hand und gebot uns still zu sein. "Wart mal grad!" Sie schwieg eine kurze Weile und teilte uns dann mit, dass ihr Mentorgeist Susanoo ihr einen Rat gegeben hätte. Ehrlich - an die Anwesenheit dieses Dings in ihrem Kopf würde ich mich wohl nie gewöhnen. Irgendwie fühlte ich mich manchmal von ihm beobachtet, sogar wenn die Elfe schlief. "Wir sollten rein tauchen. Das Erdgeschoss mag unter Wasser stehen, aber es gibt eine Treppe, die nach oben führt." 
            "Du vergisst, dass nicht jeder von uns Tauchen kann und..."
"Wollt ihr den ganzen Abend verquatschen oder kommt ihr auch bald mal hoch?", fragte Cone übers Komlink. Überrascht sah ich an dem ehemaligen Wohnhaus hoch, an dem unser Boot gehalten hatte. Mein Cousin hatte einfach den Aufstieg begonnen ohne abzuwarten, wofür wir uns entscheiden würden. Fluchend machte ich mich ebenfalls auf den Weg, um von Balkon zu Balkon hochzuklettern. "Kommt, es macht keinen Sinn, wenn wir uns aufteilen. Unten sind zu viele für nur zwei von uns."    
            Largo schaute zu, wie wir Orks kraxeln mussten, während die Magierinnen ihre Levitationsfähigkeiten nutzten, um aufs Dach zu kommen. Er selbst blieb als Rückendeckung auf dem Boot zurück.        
            "Das nächste Mal wartest du gefälligst auf den Rest der Herde! Irgendwann bringst du uns noch alle mit deinen spontanen Aktionen um!", zischte Alyssa den Ex-Ganger giftig an. Der wiederum zuckte nur mit den Schultern, machte ein leidiges Gesicht, zog seinen Betäubungsschlagstock aus dem Gürtel und ging hinter einem Müllberg in Deckung. Wir anderen taten es ihm gleich und machten unsere Waffen einsatzbereit. Vorsichtig schlichen wir von Deckung zu Deckung, die meist aus Unrat bestand, bis wir fast am Zielort angekommen waren - und ich Tollpatsch versehentlich eine Konservendose um trat, die geräuschvoll wegrollte und schließlich in den Kanal plumpste. 
       Wir hielten den Atem an, aber die Glatzen hatten nichts mitbekommen. Auch die Kerle an der Anlegestelle waren weiterhin auf ihr Videospiel fixiert. Glück gehabt, du dummer Hauer!     
            Nun galt es irgendwie über die Planke zu kommen, die unser Dach mit dem nächsten verband. Dummerweise hatten Pickeldi und Frederik die Aufgaben eben jene zu bewachen.  
            "Ich hab eine Idee."    
Lightning lehnte sich leicht aus ihrer Deckung, drückte sich zwei Finger an die linke Schläfe und kniff die Augen zu Schlitzen zusammen. Nach wenigen Sekunden kippte Frederiks Bierdose um und rollte wie von Zauberhand getrieben bergauf zum Rand des leicht geneigten Flachdachs.           
            "Drek!"
"Scheiße, Alter! Kannst du nicht besser aufpassen?", nölte Pickeldi lachend mit alkoholgeschwängerter Stimme, während sein ungeschickter Kumpel in gebückter Haltung und mit ausgestreckten Armen der Hopfenkaltschale hinterher torkelte. Plötzlich verspürte ich einen Lufthauch, als ob sich jemand vorbei bewegt hätte. Die Planke bog sich sanft durch und leise Schritte waren zu hören, aber ich konnte niemanden sehen. Es dauerte einen Moment bis ich kapierte, dass sich unsere Elfe unsichtbar gemacht hatte und die Ablenkung zu unserem Vorteil nutzen wollte. Ich drückte ihr beide Daumen, denn sie würde vorerst auf sich gestellt sein, wenn wir nicht augenblicklich Alarm auslösen wollten. Sicherheitshalber legte ich schon mal mit dem Ares Alpha Sturmgewehr an.   
            Man konnte kein Geräusch hören als es passierte. Das glucksende Lachen Pickeldis erstarb von einem Moment auf den anderen. Es sah aus, als habe jemand einen Strich mit einem roten Marker auf seinem Hals gezogen. Sein Körper musste die unerwartete Veränderung seiner Verkabelung zunächst einmal verdauen, denn erst nach quälend langen Sekunden rutschte der Kopf vom Torso, knallte auf den Campingtisch vor ihm, prallte ab und kullerte in Richtung seines Freundes, als wolle er ihn bitten ihm hoch zu helfen. Über das Geräusch aufgeschreckt, drehte sich Frederik um. Wo eben noch sein Kamerad gesessen hatte, thronte nur noch dessen Körper. Der aber war urplötzlich zu einem blutroten Springbrunnen des Todes mutiert und malte um sich herum das Dach an. Frederik warf sich in Deckung, wobei er fast über den Kopf gestolpert wäre. Ohne zu registrieren, was er vor sich hatte, trat er ihn achtlos mit dem Fuß beiseite, lud seine AK durch und eröffnete das Feuer.          
            "Scharfschütze!", stieß er verängstigt zwischen zwei Salven hervor, mehr zu sich selbst als eine Warnung für seine Kameraden, und fuchtelte wild mit seiner Waffe herum. Nur mit Mühe behielt er die Kontrolle über das Schießeisen. Genau darum soll man im Dienst nicht saufen, du minderbemittelte Amöbe.        
            Er sah nicht in meine Richtung. Das war die Gelegenheit. Ohne Zeit zu verlieren flitzte ich über die Planke, deren Enden unter meinen schweren Schritten auf und ab wippten. Das Sturmgewehr im Anschlag nahm ich Frederik aufs Korn und wägte ab, ob ich ein freies Schussfeld hatte. Mit einem Mal erschien vor mir in der Luft eine rote Flüssigkeit, die auf den Boden fiel und dort kleben blieb. Sie blutet! Ich senkte den Lauf. Zwar wollte ich Frederik ans Leder, aber auf keinen Fall wollte ich dafür riskieren einer Freundin eine Kugel in den Kopf zu jagen. Meine Sorge über das weitere Vorgehen stellte sich als unbegründet heraus. Mit einem geschmeidigen Hieb trennte ihr Monofilamentkatana seinen Kopf vom Rumpf.       
            Endlich herrschte wieder Ruhe.                      
"Elende, verdammte Glückstreffer.", stöhnte Sunetra mit zusammengebissenen Zähnen, als sie wieder sichtbar wurde. Mit schmerzverzerrtem Gesicht sank sie neben der Leiche zu Boden, aus der es lustig sprudelte. Sie hielt sich die Seite. Zwischen ihren Fingern sickerten rote Rinnsale hervor. Inzwischen waren auch Cone und Lightning angekommen. Die menschliche Magierin eilte zur Elfe, um ihr mit einem Heilzauber die Wunde zu verarzten. Sie wird wieder. Aber wir haben Krach gemacht. Zu viel Krach!
            Besorgt zielte ich auf den offenen Zugang des Dachs, von wo aus eine Holztreppe ins Innere des Gebäudes führte. Gleich würde bestimmt eine Horde von ihnen hochgerannt kommen. Hörte ich da etwa schon Getrappel von Stiefeln?         
            Stattdessen brüllte eine Stimme von der Anlegestelle hoch. "Alles klar da oben?" Herrlich! Ich liebe die Glatzen für ihre unvergleichliche zerebrale Inkontinenz. Es war kaum zu glauben. Kam es etwa häufiger vor, dass sie das Dach spontan als Schießcasino benutzten?! Mit einem Räuspern verstellte ich meine Stimme etwas und versuchte Pickeldi zu imitieren.       
            "Ja, ja. Dieser dreimal dämliche Spacko war der Meinung, er müsste unbedingt ein paar Zielübungen machen. - Hörst du!? Kein Bier mehr für dich! Du hattest mehr als genug für heut Abend!"           Überraschenderweise antwortete von unten mehrstimmiges Gelächter. "Typisch Kevin. Den kann man echt nicht allein lassen. - Apropos Bier: Habt ihr noch was bei euch? Wir sitzen hier schon fast auf dem Trockenen." Tatsächlich stand unter dem Tisch noch ein Sixpack. Wir durch ein Wunder hatte Pickeldi die Freundlichkeit besessen darum herum zu bluten.     
            "Klar. Hier, fang!"        
Ich hielt es über den Rand des Dachs und ließ los. Unten wäre der Kerl fast ins Wasser gefallen, was für weiteres Gelächter sorgte. Erleichtert ging ich zu den anderen. Alyssa hatte Sunetra wieder auf die Beine gebracht. Sie blutete nicht mehr, aber wirklich fit sah sie nicht aus.       
            "Es geht schon. Lasst uns weiter machen und diese Scheiße schnell hinter uns bringen." Tapfer humpelte sie zur Treppe. Im Stockwerk unter uns erkundete Lightning astral die Räume und fand zwei Gruppen. Rechts von der Treppe hielten sich zwei, auf der linken Seite vier Gegner auf. Um uns einen Überraschungsvorteil zu sichern, zauberte die Magierin auf mich eine physische Maske, die mir das Aussehen von unserem kopflosen Freund Pickeldi verlieh. Hinter der ersten Tür fanden wir zwei Faschos, die Helme mit AR Brillen trugen und sich SimSinn Schrott reinzogen. Sie waren durch ihr Programm so abgelenkt, dass sie nicht mitbekamen wie ich mich mit Sunetra in Position brachte. Wir schnitten ihnen gemeinsam von hinten die Kehlen durch.           
            Im selben Raum stand auch der Generator, der das Haus mit Strom versorgte. Cone band die Leichen zusammen mit einem Sprengsatz am Generator fest und verband den Auslöser mit der Tür. "Das sollte den Arschlöchern nachhaltig den Spaß verderben.", grinste der Ork nach getaner Arbeit und schnalzte mit der Zunge.   Durch die gegenüberliegende Tür konnte ich hören, wie sich mehrere Männer über einem Pokerspiel unterhielten. "Den hier lassen wir erst einmal aus. Zu viele Gegner auf einmal." Daher durchsuchten wir zunächst die restlichen Räume im Stockwerk, die einst Appartements gewesen waren und nun als Schlaf- und Lagerräume dienten. Vom Büro des Chefnazis war keine Spur zu finden. Hatte er überhaupt ein Büro? Er muss! Jeder weiß, dass Nazis dumm sind, aber dafür einen Hang zu penibler Gründlichkeit haben, wenn es um ihre Pläne geht. Zumindest behaupteten das alte Dokumentationen über das Dritte Reich immer wieder.    
            In der Etage darunter sah es nicht viel anders aus. Die meisten Wohnungen waren schon lange verlassen. Zugemüllt, eingestaubt und vergessen gammelten altbackene Möbel vor sich hin. Den drei Glatzen, die sich hier zur Ruhe gebettet hatten, gewährten wir ewigen Schlaf, bevor sie aufwachen konnten. Während Sunetra immer noch ihr Katana schwang, ließ ich mein Cougar Fineblade arbeiten.     
            Im letzten Stockwerk auf Höhe der Wasserlinie hielten sich immer noch die videospielenden Faschos auf, die sich genüßlich volllaufen ließen. Als ich herunter gehen wollte, hielt mich Alyssa am Arm fest. "Lass das sein! Wir kommen auf keinen Fall ungesehen da runter. Largo hat gesagt, dass er den RFID-Chip im Ausweis oben lokalisieren konnte."        
            Sie hatte Recht. Also doch das Pokerspiel.      
Wir mussten dafür sorgen, dass sie sich aufteilten. Dann kam mir eine Idee. 
            Keine Minute später standen wir wieder auf dem Dach und ich brüllte die Treppe herunter: "Ey, Bert! Sie zu, dass Bier hoch kommt!" Ich hatte den Namen gehört, als ich an der Tür gelauscht hatte. Es hatte einmal geklappt Pickeldi zu imitieren - glücklicherweise gelang es auch ein zweites Mal. Eine Tür wurde unsanft geöffnet. "Ach halt's Maul und hols dir selbst!"        
            "Soll ich etwa meinen Posten verlassen, oder was? Kannst ja dem Boss erklären, dass ich wegen einem Bier hier weg musste."    "Heinrich verliert gerade das Spiel. Kannst es ihm ja selber sagen!" So, so, Heinrich ist also sein Name?   
            "Komm schon! Jetzt stell dich nicht so an!"     
Bert verschwand unter lautem Mosern wieder im Raum. Dann rumpelte etwas. Schließlich ging die Tür wieder auf, dann zu und jemand kam zur Holztreppe geschlurft.  
            "Hauptsache ihr hört dann auf rumzuballern."
Ich gab Sunetra, die sich hinter dem Zugang auf dem Dach in Position gebracht hatte, mit einem Kopfnicken das vereinbarte Zeichen. Sie hob ihr Katana hoch in die Luft. Die Schritte waren nun an der Treppe angekommen und bemühten sich zu uns hoch. Ein fettleibiger, schnaufender Hüne, mit von Akne zerfurchtem Gesicht, erschien - das Sixpack im Arm - und funkelte mich an.           
            "Hier! Und jetzt geh mir nicht mehr auf den Sack. Ich bin gerade am..." Was genau er sagen wollte, erfuhren wir nicht mehr, denn sein Kopf hatte spontan beschlossen auf Wanderschaft zu gehen. Da waren es nur noch drei.  
            "Ich geh rein und schau mich mal um. Macht euch bereit einzugreifen!" Energisch öffnete ich die Tür. In der Mitte des Raums stand ein ovaler Tisch, auf dem sich Karten, Bargeld und Türmchen aus Pokerchips befanden. Die drei Männer saßen am Tisch und sahen mich erwartungsvoll an. "Ist Bert eigentlich zu blöd den Weg hoch zu finden oder will der mich nur verarschen?", gab ich verärgert zu Protokoll. Der ältere Kerl musterte mich eindringlich. Das ist doch der Typ aus der Heiteren Springflut!        
            "Sag mal, hast du abgenommen?" Oh Drek! Er nimmt mir die Maskerade nicht ab. Improvisiere! IM-PRO-VI-SIE-RE! Ich klopfte mir auf Bauch und Hüften und lachte. "Danke! Dachte schon es fällt gar keinem auf. Ich hol mir schnell ne Ladung und verschwinde dann wieder."          
            Endlich von meiner Identität überzeugt, widmete er sich wieder seinem Spiel und studierte die Karten. "Aber mach schnell! Ich will das Dach unter ständiger Überwachung haben!" Innerlich musste ich lachen. Scheinbar hatte ihn der Tod des Schamanen etwas mitgenommen. Er wirkte beinahe übervorsichtig. Das würde erklären, warum er inmitten von Faschos kontrolliertem Gebiet Wachen aufstellen ließ. Andererseits waren wir ja auch ungehindert bis ins Haus gekommen.     
            Hinter dem Tisch standen mehrere Sofas, deren Polster ihre besten Zeiten hinter sich hatten. Aus einem lugte sogar eine Feder heraus. Zig SMG's, MP's, Pistolen und alte AK's lagen auf einem großen Stapel. Zu viele für die paar Typen im Haus, sofern sie sich nicht noch mehrere Paar Arme wachsen ließen. Rüstest du deine Armee aus oder vertickst du die Dinger nur?      
            An der Wand hing ein Poster, das den Pornofilm "Ein Stich ins Lesbennest" anpries, was so ziemlich die einzige Dekoration darstellte, die ich in dem Haus gesehen hatte. Auf der linken Seite des Raums war ein Tresen mit einem Kühlschrank. Rechts daneben stand ein Safe mit einer Datenstation. Da mussten die Unterlagen drin sein, die wir suchten. Um keine Aufmerksamkeit zu erregen, ging ich zum Kühlschrank und fuhrwerkte geräuschvoll darin herum.  
         "Drei am Tisch. Der Boss sitzt in der Mitte. Wartet auf mein Signal!", flüsterte ich ins Komlink. 
            "Hast du es bald?", knurrte Heinrich verärgert. Triumphierend hielt ich ein Sixpack hoch, das ich gut geschüttelt hatte. "Aber das allererste gibt's direkt!", lachte ich und riss an der Lasche zweier Dosen, die umgehend überschäumten und das kühle Nass im Raum verspritzten. Die Glatzen am Tisch brachen über Pickeldis Ungeschicklichkeit in schallendes Gelächter aus. Sogar Heinrich stimmte mit ein.        
            "Jetzt!"
Kaum hatte ich das Kommando ausgesprochen, warf ich das schäumende Päckchen zum Tisch, woraufhin der Kerl, dem es an den Kopf zu fliegen drohte, die Arme schützend hochriss. Ab hier geschah alles innerhalb weniger Sekunden. Die Tür flog auf, ein Bolzen flirrender Energie schlug in Heinrich ein und riss ihn mitsamt dem Stuhl nach hinten um. Bewusstlos blieb er mit nach oben gestreckten Beinen liegen.      
            Alyssa ließ meine magische Maske fallen und stürmte Betäubungsbolzen zaubernd herein - Cone direkt hinter ihr. Flink zog ich meine schallgedämpfte Pistole - die andere, die ich nicht zurückgelassen hatte - aus dem Tarnholster und gab mehrere Schüsse auf den Gegner links vom Boss ab. Der starrte mich ungläubig an. War ich nicht noch einen Augenblick zuvor sein Kamerad gewesen? Wo kam denn der Ork plötzlich her? Zwei Kugeln in Brust und Stirn unterbanden einen letzten Moment der Erleuchtung.        
            Der letzte Gegner wollte sich gerade erheben, als eine zornerfüllte Elfe den Raum betrat und ein magisches Geschoss beschwor. Bläuliches Glühen schwamm die Wände entlang, als das Projektil aus der Hand der Magierin trat und den Weg zur Glatze zurück legte. Als es ihn traf, tötete es ihn nicht sofort, sondern drang erst in ihn ein und ließ seinen Körper mit minimaler Verzögerung von innen heraus platzen. Cone hatte gerade mit seinem rosa Schlagstock ausgeholt und bekam die volle Ladung Blut, Innereien und Hirn ab. Stückchenweise glitt der Nazi von seiner Panzerweste herunter. Mit dem freien Ärmel wischte sich mein Cousin übers Gesicht, aber da auch der in Blut getränkt war, hätte er es genauso gut bleiben lassen können. Er sah immer noch aus, wie ein überdimensionaler, pickliger Pavianarsch.       
            Alyssa horchte in den Flur hinein. Als sich niemand näherte schloss sie die Tür hinter sich, ging zu Cone und hielt ihm giggelnd ein Taschentuch hin, das er leise fluchend annahm.     
            "Das war wie aus dem Lehrbuch. Super gemacht, Leute."
Mein Blick fiel auf den Safe, der geradezu antik schien und mit einigen provisorisch angebrachten Modifikationen einbruchsicherer gemacht worden war.           
            "Largo?"          
"Hier.", knisterte eine ferne Stimme in meinem Ohr. Die schlechte Netzabdeckung Harburgs machte sich bemerkbar.          
            "Wir könnten hier mal deine Hilfe gebrauchen."

***


Normalerweise hat ein Shadowrunner während eines Einsatzes nur einen Auftraggeber. Falls das einmal anders ist, tut man gut daran den Umstand zu verheimlichen, dass man auf mehreren Hochzeiten gleichzeitig tanzt. Der Eine oder Andere könnte das sonst leicht in den falschen Hals bekommen. In diesem Fall war es offensichtlich, dass unsere beiden Auftraggeber gemeinsame Ziele verfolgten und dies sicherlich besser tun konnten, wenn sie sich zusammen taten. Also trafen wir uns alle gemeinsam im Café Schöner Ausblick in der Sardinenstadt, wo unsere Mission ihren Anfang genommen hatte. Das musste eine Ewigkeit her gewesen zu sein – dabei waren seitdem gerade einmal vier Tage vergangen. Irgendwie erschien es mir richtig, dass es auch dort enden sollte. Abgesehen davon war es auch ein sicherer Treffpunkt.
            Es benötigte einiges an Überredungskunst, aber schließlich stimmten sowohl der Schmidt, als auch Herr von Bayer zu. Beide waren mit einem Leibwächter im Gepäck dort aufgetaucht. Zumindest gab sich der Schreibtischtäter aus dem Rathaus wenig Mühe den Anschein zu erwecken, er könne jemandes Leben beschützen. Ich vermute, dass sich das Hemdchen im Anzug wahrscheinlich schon vor einem trockenen Stempelkissen verstecken musste – so sehr lief ihm bei unserem Anblick der Angstschweiß herunter.  
            Wir machten die beiden miteinander bekannt. Nach einem kurzen Plausch befanden sie den jeweils anderen für ausreichend sympathisch und vertrauenswürdig, um in der Tagesordnung weiterzumachen. Schweigend hörten sie sich unseren Bericht an und gingen die Unterlagen durch, die wir aus dem Safe der Neonazis geklaut hatten. Darunter waren Dokumente über Frau Halvers und Überweisungsträger, die Zahlungen zwischen diesem Arschloch Schiffersmann und diversen rechtsradikalen Gruppen belegten. Hirnamputiert wie diese Glatzen waren, hatten sie sogar die Quittungen für die Mautstellen aus der Mordnacht aufgehoben. Wie ich bereits erwähnt habe, ist auf die gründliche Bürokratenseele von diesem Pack immer Verlass.           
            Zusätzlich fanden wir noch ein Büchlein, in dem die abgewickelten Waffenverkäufe aufgelistet waren. Beliefert wurden vorzugsweise metamenschenfeindliche Gruppen, wie beispielsweise die Holsten Zombies. Largo konnte beim Auslesen des Datenterminals, der neben dem Safe stand, Zugriff auf die Datenbank des arischen Untergrunds erlangen. Dort fand der Rigger Aktionspläne über durchgeführte und angesetzte Kampagnen, die den Wahlkampf in den sozialliberalen Stadtteilen torpedieren sollten. Ohne die Unterstützung der Nazis hätten die Zombies in Altona niemals einen so offenen Krieg gegen die Bürger führen können. Ein Umstand, der der parteienlosen Linda Schiller fast die Wahl gekostet hätte. Ein Schelm der Böses dabei denkt. 
            Im Safe lagen zudem noch einige Credsticks und Besitzurkunden über diverse Immobilien in Hamburg, die wir aber vorsorglich für uns behalten hatten. Für die Sache unserer Auftraggeber waren sie ohnehin uninteressant.       
            „Was sie entdeckt haben, ist eine echte Goldgrube.“, schloss Freiherr von Bayer, nachdem er die Sichtung der Unterlagen beendet hatte. Der Schmidt lehnte sich ebenfalls zufrieden in seinem Stuhl zurück. „Selbst die Veröffentlichung von nur einem Teil dieses Materials dürfte der Bürgermeisterin und auch vielen anderen Politikern der HUSPD zu einem Erdrutschsieg verhelfen. Auch die meisten eher konservativen Mitbürger finden es nicht lustig, wenn ihre Politiker die öffentliche Ordnung mit Füßen treten.“
            „Und das Wissen um ihre langfristigen Pläne und der Tod eines ihrer Anführer sollte unsere Gegner für die nächste Zeit nahezu handlungsunfähig machen.“, fügte von Bayer fröhlich hinzu. Die Angelegenheit entwickelte sich besser als die beiden erhofft hatten. Ich lächelte matt. Ja, wir haben die braunen Schweine geschlagen. Aber zu welchem Preis!?      
            Der Schmidt bemerkte erst jetzt die gedrückte Stimmung unter den Wild Cards. „Gibt es ein Problem, Herr Summerset?“
            Ich atmete tief durch und versuchte mich vergeblich in eine etwas bequemere Position auf dem Stuhl zu manövrieren, um meine Anspannung zu kaschieren. „Verzeihen sie, wenn uns heute nicht zum Feiern zumute ist. – Wir… nicht alle von uns haben es letzte Nacht nach Hause geschafft.“      
            „Das tut mir leid. – Was ist denn passiert?“


***


Während Largo mit dem Hacken des Datenterminals beschäftigt war, begab ich mich mit Alyssa zum Schmiere stehen auf den Flur. Als ich die Tür hinter mir schloss, konnte ich noch sehen wie unsere Elfe dem Obernazi Heinrich die finale Akupunktur verpasste. Nachdem wir den Code für den Safe aus ihm herausgeholt hatten, hatte er keinen Wert mehr für uns. Sein Wissen um unser Aussehen war nur unnötiger Ballast.           
            Noch bevor wir auf unseren Positionen waren, konnten wir Schritte hören, die sich uns über das Treppenhaus näherten. Sofort huschten wir in Deckung und außer Sicht. Zwei Kerle kamen in den Gang und unterhielten sich leise.         
            „Ich finde es seltsam, dass es hier so ruhig ist. Normalerweise polieren die sich um die Uhrzeit schon längst die Fresse und beschuldigen den Sieger, er würde bescheißen.“ Er hielt eine Pistole in der Hand und blickte sich nervös um. Sein Kamerad hatte die Kalaschnikow jedoch immer noch geschultert und redete beruhigend auf ihn ein. „Ach bestimmt sind die nur voll wie zehn Russen und bekommen gar nix mehr auf die Reihe.“      
            Der Kerl mit der Pistole ließ sich davon nicht aus der Unruhe bringen und griff zur Türklinke. Vorsichtig drückte er sie herunter und zog langsam die Tür auf. Wenn er seine toten Freunde sah, würde er ohne Vorwarnung das Feuer eröffnen. Largo war hilflos ins Terminal eingeklinkt und befand sich im Zimmer auf dem Präsentierteller. Mir blieb keine andere Wahl.           
            Ich lugte aus meiner Deckung und gab einen gezielten Schuss auf den Kopf des Nazis ab. Das Projektil ließ den Schädel auf der Austrittsseite bersten. Blut, Knochen und Hirnmasse verteilten sich über dem zweiten Skinhead. Ich wechselte rasch mein Ziel und schoss erneut, verfehlte ihn aber. Im Ausweichen gab er eine Salve aus seiner AK auf mich ab. Verdammt. Ich hab noch nie gesehen, dass einer so schnell seine Waffe gezogen hat. Mehrere Treffer in Flanke und Brust ließen mich stöhnend zu Boden gehen. Sternchen tanzten vor meinen Augen unkoordiniert auf und ab.       
            Plötzlich flog die Tür auf und Cone stürzte sich mit erhobenem Schlagstock auf ihn, um ihn windelweich zu prügelten. Das rosa Monster in seiner Hand hatte eine Tasereinheit in ihrer Spitze eingebaut, die die Glatze wild zuckend zusammenbrechen ließ. Er verlor die Kontrolle über seine Blase und pisste sich die Hosen voll.      
            Kaum hatte ich mich wieder halbwegs aufgerappelt und meine Sinne sortiert, war auch schon Sunetra bei mir. Sie legte mir eine Hand auf die Stirn und murmelte mir unverständliche Worte. Heilende Wärme strömte durch meinen Körper – aber dafür hatte ich keine Zeit. Ich musste sie dringend warnen.  
            Schwach versuchte ich die Elfe abzuwehren und etwas zu sagen, aber lediglich ein Krächzen war meinen Stimmbändern zu entlocken. Der Nazi hatte mich schwerer getroffen, als ich gedacht hatte. Mehrere Rippen mussten zumindest angebrochen sein. Alyssa sah zu mir herüber: „Was ist denn?“          
            Drek! Uns bleibt keine Zeit. Ich zeigte um die Ecke in den Flur zu Cone. Wieder war nur ein heiseres Raspeln aus meinem Mund zu hören. „Red Klartext, Iron!“          
            Sunetras Heilzauber tat sein Werk und stellte einen Teil meines Körpers wieder her und ich fühlte wie meine Kraft zurückkehrte. „D..d….drei!“, keuchte ich mühsam. 
            „Drei? Was meinst du damit?“ 
Kapier doch endlich, du dämliche Spruchschleuder! Wieder zeigte ich in den Gang. „Es… es waren D R E I!“         
            Endlich verstand sie. Ihre Augen weiteten sich, als sie in den Gang sah, und ihre Lippen formten sich zu einem entsetzlichen Schrei. Ich wollte wissen, was sie da sah und drehte mich so weit, dass ich um die Ecke blicken konnte. Alles schien wie in Zeitlupe abzulaufen.
            Cone nahm den Kopf des zitternden Nazis in die Armbeuge und brach ihm mit einem kräftigen Ruck unter Hilfe der freien Hand das Genick. Ein lautes, knorpeliges Krachen hallte über den Flur. Hinter meinem Cousin war wie aus dem Nichts der dritte Nazi erschienen. Er feuerte eine Salve mit einem Sturmgewehr auf ihn ab. Blutrote Orchideen, sechs an der Zahl, sprossen aus seinem Rücken, dem Hals und dem Kopf, die für eine schreckliche Sekunde in der Luft verharrten, um sich dann aufzulösen. Leblos sackte Cone in sich zusammen. 
            Kein Zweifel. Niemand konnte so etwas überleben.     
Cone war tot.  
            Tot.
In wilde animalische Raserei verfallen, stürmte Sunetra aus der Deckung und schrie einen Zauberspruch, der den Nazi in tausende Fetzen riss. Für einen Moment wurde der Gang in ein unwirkliches, bläuliches Licht getaucht. Zurück blieb nur eine Quelle sprudelnden Blutes, die an der Stelle entsprang, wo sich zuvor die Glatze befunden hatte. Wo kommt nur all das Blut her?           
            Am gruseligsten war jedoch dieses grausame unbarmherzige Lachen, das daraus ertönte und mir die Haare zu Berge stehen ließ. Nach einigen Sekunden versiegte die Quelle wieder und mit ihr erstarb auch das Lachen in einem letzten gurgelnden Glucksen.         
            Sunetra stürzte aus Augen und Nase blutend zu Boden. Sie atmete schwach, aber sie atmete. Später verriet sie uns, dass es die Stimme ihres Mentorgeistes Susanoo gewesen war und sie der Zauberspruch beinahe in eine ausgebrannte Hülle verwandelt hätte.   Als wir sicher waren, dass die Elfe selber gehen konnte, schulterte ich unter Schmerzen meinen Cousin und brachte ihn zur Dead Man’s Hand. Die anderen packten alles ein, was wir brauchten und zündeten diese Drecksbude an.           
            Flammen leckten in den nächtlichen Himmel über Harburg, als wir ablegten und es dauerte keine zehn Minuten, bis wir die dumpfe Explosion hörten, die das obere Stockwerk einstürzen ließ.
            Das war er also.          
Cones letzer Abschiedsgruß an die Wild Cards.


***


            Du dummer, unvorsichtiger  Ork! Traurig schollt ich ihn in Gedanken und bedauerte es sogleich wieder. Alyssa schniefte vernehmlich. Sie trug heute eine Sonnenbrille, damit man ihre geröteten, verquollenen Augen nicht sehen konnte. Largo war in brütendes Schweigen gehüllt und drehte geistesabwesend sein Bierglas auf dem Tisch um die eigene Achse. Sunetra sah von der letzten Nacht immer noch sehr mitgenommen aus. Die Elfe zeigte sich – ganz die stoische Japanerin – selten emotional, aber es war offensichtlich, dass sie in der Zwischenzeit kein Auge hatte zumachen können. So wie wir alle. Der grobe Klotz war uns in den letzten Monaten mehr ans Herz gewachsen, als uns bewusst gewesen war.  
            „Ich erspare ihnen die unappetitlichen Details, meine Herren. Wir haben einen lieben Freund verloren. Belassen wir es bitte dabei.“ Die beiden nickten zustimmend. Ich weiß nicht, was von Bayer dazu bewogen hatte – vielleicht erinnerte er sich an jemanden, von dem er selbst einst Abschied nehmen musste – aber er hob spontan sein Glas zum Toast.
            „Auf ihren Kameraden!“          
Wir alle taten es ihm gleich und stießen gemeinsam an.
           
„Auf Cone!“  
In den nächsten Minuten klärten wir noch einige lästige Details bezüglich unserer Bezahlung. Danach wollten wir schon nach Hause aufbrechen, als uns der Schmidt zurückhielt. „Sie haben mir mit Herrn von Bayer einen wertvollen Verbündeten vermittelt, den Mord an Frau Halvers aufgeklärt und die Wiederwahl der Bürgermeisterin sicher gestellt. Im Laufe ihrer Mission haben sie große Kompetenz bewiesen und ich möchte ihnen dafür angemessen danken. Bitte folgen sie mir doch! Ich habe eine Überraschung für sie.“          
            Erstaunt und auch ein wenig verwirrt gingen wir mit dem Kerl in einen Nebenraum des Cafés. Was wir dort zu sehen bekamen, als sich die Tür öffnete, ließ uns die Unterkiefer herunter klappen. Bürgermeisterin Vesna Lyzhichko saß an einem Tisch und unterhielt sich mit einem uns unbekannten Mann. Als wir herein kamen, stand sie auf und lächelte uns an. Es wirkte so echt, wie es bei einer erfahrenen Politikerin nur sein kann. Nacheinander begrüßte sie uns und sprach ihr Beileid aus. Scheinbar hatte sie unser Gespräch mitgehört.           
            „Vielen Dank, dass sie Stefanies Mörder… ‚bestraft‘ haben. Es ist nur ein schwacher Trost, aber wenigstens habe ich die Genugtuung, dass sie nicht damit durchgekommen sind.“ Tränen schimmerten in ihren Augen, doch sie ließ nicht zu, dass der Damm brach. „Sie war ein guter Mensch. – Viel besser als es für dieses Geschäft gut war.“     
            Alyssa händigte Lyzhichko den Abholschein von Frau Halvers Sarg aus, den Barry eingelagert hatte. Damit hatte sie die Möglichkeit sich von ihrer Geliebten zu verabschieden. Ehrlich gerührt nahm sie ihn entgegen und bedankte sich abermals. 
            „Ihnen ist hoffentlich klar, dass sie heute eine mächtige Freundin gewonnen haben?!“ Unnötig eine rhetorische Frage zu beantworten, nickten wir nur. Lyzichko wandte sich daraufhin Sunetra zu. „Es ist mir eine Ehre sie kennenzulernen. Der Ruf ihrer Abteilung eilt ihnen voraus.“ Die Elfe hatte nicht erwartet, dass die Bürgermeisterin so gut über sie und MRU-13 informiert war, und kam ins Stocken.      
            „Ja, nun, da läuft es derzeit leider nicht so gut.“        
„Kann ich etwas für sie tun?“  
            „Ich wüsste nicht, was…“, Sunetra blickte verärgert zu Alyssa, die sie mit dem Ellenbogen an gestupst hatte „WAS denn?“
            „Sag es ihr! Du weißt was ich meine.“ 
Die japanische Magierin legte sich in Gedanken ihre Worte zurecht und holte tief Luft. „Es gibt da tatsächlich etwas. Ein Freund von mir würde sie gerne kennenlernen.
            Er heißt Yashida Himoto.“

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