Montag, 19. August 2013

Unterm Messer




 Kapitel 1 - ARGUS Whitechapel
            Professor Doktor Markus Brandhorst fühlte sich zur Abwechslung wunderbar. Alles lief nach Plan und er konnte in Ruhe - und das bedeutete ganz alleine - im Labor arbeiten. Das Projekt an dem er die letzten achtzehn Monate so beharrlich geforscht hatte, war endlich in der finalen Phase angelangt. Sofern die Tests wie erwartet positiv ausfielen, konnten die Feldstudien mit den lebenden Patienten beginnen.  
            Für gewöhnlich arbeitete der Arzt solo, wenn er den dem Labor angeschlossenen Operationssaal nutzte. Wann immer er die Wahl hatte, zog er die Einsamkeit der Gesellschaft vor. Ohnehin bestand sie am Institut lediglich aus bestenfalls leidlich gebildeten Kollegen, die ihn mit dämlichen Fragen belästigten. Generell waren ihm andere Menschen nur im Weg. Mehr noch: er fühlte sich in ihrer Gegenwart unwohl. Während andere geradezu leichtfüßig um die Fettnäpfchen und Stolperfallen im Minenfeld der zwischenmenschlichen Kommunikation tanzten, schien er sie magisch anzuziehen. Roboter, Akten, komatöse Patienten, noch lieber waren ihm Leichen oder einzelne Organe – damit konnte er umgehen. Sein Ungeschick im sozialen Bereich ging so weit, dass er sogar seine Anschlussrehabilitation abgebrochen hatte. Allerdings glich seine Abreise mehr einer Flucht als einem strategischen Rückzug.         

      Im Moment verfluchte er sich selbst dafür, nicht länger durchgehalten zu haben. Die Bewegungsübungen waren der Verbesserung seiner Schrittkoordination sehr zuträglich gewesen. So humpelte und stakste er mit seinem neuen Cyberbein steif über den mit weißen Kacheln gefliesten Boden des Labors. Markus Brandhorst seufzte niedergeschlagen, schlug auf das künstliche Bein und sah anschließend durch die Fenster in den OP-Saal. Der Anblick, der sich ihm bot, hob augenblicklich wieder seine Stimmung.         
            Frohgemut griff er nach dem Tablet mit den Spezifikationen seiner Forschungen und humpelte zu automatischen Verbindungstür. Ohne Murren öffnete sie sich unter einem leisen Zischen. Sobald die Sensoren registrierten, dass der Arzt den Raum betreten hatte, wechselte die Beleuchtung von einem schummrigen, bläulichen Glühen in einen Modus, der den Operationssaal taghell strahlen ließ. Die Wände waren von metallenen Schränken und Kommoden gesäumt. In der Mitte des Raums thronte der Operationstisch. Auf ihm lag, umgeben von einer schützenden mehrwandigen Wanne, ein Torso.       
            Von der Decke wuchsen sechs Roboterarme, die dank mehrerer Gelenke nahezu jede x-beliebige Position über dem Tisch einnehmen konnten. Die Arme endeten in verschiedenen Instrumenten, mit denen die eigentlichen Operationen durchgeführt wurden. Derzeit waren die künstlichen Extremitäten inaktiv und in ihrer Standby-Position an der Decke geparkt. Doch sobald Professor Doktor Brandhorst ein Programm über einen der beiden Terminals am Kopfende des OP-Tischs eingab, würden sich Skalpelle, Laser, Spreitzer, Klemmen, Bohrer und Sägen um den heutigen Patienten kümmern.           
            Von dort, wo normalerweise der Kopf sitzen würde, wuchsen aus dem Torso mehrere Schläuche, die ihn über Infusionsbeutel mit verschiedenen Nährlösungen, Hormonen usw. versorgten. Er war künstlich gezüchtet worden, die Rippen durch eine genetische Manipulation zurückgebildet und die Bauchdecke nur von einem zarten Häutchen bedeckt. Auf diese Weise waren Operationen zur Entnahme der Organe deutlich leichter geworden. Seit einigen Jahren hatte man zwar vollautomatische Operationssäle eingerichtet, die den Forschern die mühsame Arbeit abnahmen, doch für den Fall, dass man unerwartet selber Hand anlegen musste, zog man es weiterhin vor, Bioware in dieser Art von ‚Verpackung‘ zu züchten. 
            Markus legte das Tablet ab. Über eine Wifi-Verbindung tauschte es die aktuellen Datensätze in der gemeinsamen Cloud mit dem Terminal aus, während der Arzt eine AR-Konsole öffnete und Musik einschaltete. Nach wenigen Sekunden füllten die Lautsprecher den Raum mit den Klängen der Purgatorio aus der Dante-Sinfonie von Franz Liszt.     
            Klassische Musik war seine zweite Passion. Die Einzige, die er sich neben seiner Erwerbstätigkeit erlaubte. Markus schloss kurz die Augen und bewegte die Hände sachte hin und her, während er sich vorstellte, er wäre der Dirigent, der den Instrumenten befahl Musik zu werden. Als er sich endlich bereit fühlte, wandte er sich wieder dem Torso zu.        
            Bevor die Lungenflügel entnommen werden konnten, mussten alle Schläuche gezogen werden. Fröhlich pfeifend beugte er sich über den Tischrand und entfernte den Schlauch mit der Breitband Antibiose. Als nächstes waren die NaCl-Lösung und der Dialysekatheter dran. Alles lief wie am Schnürchen. Professor Doktor Brandhorst frohlockte innerlich, während er die Melodie mitpfiff. ‚Ja, das wird ein wundervoller Tag.‘     
            Wäre die Musik nicht so laut gewesen, hätte er hören können, wie über ihm an der Decke sechs Roboterarme, wie von Geisterhand animiert, auf ihre volle Größe ausfuhren und das Roboter Äquivalent des sich Streckens ausführten. Klingen, Sägen, Meißel und Bohrer verharrten einen Augenblick über dem Forscher, bevor sie ihr Tagewerk begannen.

***

            Immer wenn man denkt, dass man endlich die Gelegenheit bekommt durchzuatmen, ruft jemand an, um einem die gute Laune bereits im Ansatz auszutreiben. In meinem Fall hatte Frank Zehntner das mit einem schlichten Satz geschafft. „Der Stalker ist wieder da!“   
            Ich wusste sofort, dass er das perverse Dreckschwein meinte, das mich einst meinen Job bei ARGUS gekostet hatte. Aus einer Laune heraus deklarierte er mich danach zu seinem Spielzeug, das er nach Belieben auspacken und herumschubsen konnte. Leider hatte ich keinen Schimmer, warum er einen solchen Narren an mir gefressen hatte, aber da er auch meine Freunde bedrohte, musste ich ihm das Handwerk legen. Nun mag man glauben, dass jemand, der
in einem Steckbrief in der Rubrik Hobby "Zerstückeln und Ausweiden meiner Mitbürger" angeben müsste, eine deutliche Spur hinter sich her ziehen würde. Leider war dem nicht so. Sehr zu meiner Verärgerung verstand sich der Unbekannte wunderbar darauf Hinweise auf seine Identität oder seinen Aufenthaltsort perfekt zu verschleiern. Weder Largo noch sein hackender Freund Kabler konnten ihn erfolgreich in der Matrix aufspüren. Denn was die Ermittlungen gegen ihn - oder sie - noch erschwerte, war die Tatsache, dass er scheinbar nie persönlich am Tatort auftauchte, sondern nur über ferngesteuerte Drohnen, Roboter... und Lastkräne. Solch ein Ungetüm hätte uns am Kopenhagener Hafen fast die Lichter ausgepustet, wenn Sunetras 'Verlobter' Yashida Himoto nicht aufgetaucht wäre, um uns den Arsch zu retten.         
            Nachdem ich mich wieder etwas gefangen hatte, schaltete ich die restlichen Wild Cards mit in die Unterhaltung ein, damit alle das Überwachungsvideo sehen konnten, das Frank vorführte. Es zeigte das Labor einer Tochterfirma von ARGUS. Der Agent hatte uns nicht verraten, wo es sich exakt befand, und ich hatte den Eindruck, dass wir es auch nie erfahren würden. Ein Typ, der wie ein Chirurg gekleidet war, beugte sich über einen Operationstisch. Darauf lag ein menschlicher Torso, in dem Organe heran wuchsen, die genetisch modifiziert waren, um die Empfänger der Transplantate stärker, schneller und ausdauernder zu machen. Bioware nannte man die organischen Pendants zu den aus künstlichen Materialien bestehenden Cyberware.           
            Jedenfalls machte sich der Doc an dem Rumpf zu schaffen bis das Bild plötzlich schwarz wurde. Drei Minuten lang passierte gar nichts. Als die Kamera wieder ein Bild lieferten, hatte sich der OP-Saal in ein Abbild der Hölle verwandelt. Der Operateur lag in handliche Stückchen geschnitten im gesamten Raum verteilt. Alle Wände waren mit Blut beschmiert und direkt gegenüber der Kamera klebte das abgezogene Gesicht des Mannes, um den Zuschauer aus leeren Augen anzustarren.          
            Der Torso saß auf den Beinstümpfen und war wie ein Weihnachtsbaum aufgezogen worden. Därme hingen aus dem offenen Bauch und schmückten als Lamettaersatz den Körper. Alyssa verzog angeekelt den Mund und auch Sunetra war der Anblick zuwider. Ich muss zugeben, dass mich das Kunstwerk nicht weniger gruselte. Da hat sich jemand einen ganz besonderen Spaß gegönnt. Nur ein Monster konnte so etwas tun, dessen war ich mir sicher. Lediglich Largo ließ sich nicht anmerken, was das Video in ihm auslöste. Dank seiner Cyberaugen bewahrte er mit Leichtigkeit sein Pokerface. "Herr Zehntner, wie kommen sie darauf, dass es sich um den selben Täter handelt?"           
            "Wir dachten auch zuerst, wir hätten es mit der Tat eines Magiers zu tun.", gab Frank zu und blickt uns aus traurigen, übermüdeten Augen über das Videofenster im Komlink an. "Aber dann fanden wir heraus, dass die Kamera nicht etwa abgeschaltet, sondern das Video nachträglich bearbeitet worden war." 
            "Du meinst die fehlenden Minuten!?", fragte ich.     
"Richtig. Für einen Magier ist das Vorgehen viel zu umständlich. Wer auch immer das war, hat versucht den Tathergang zu verschleiern. Wir versuchten herauszubekommen wer das gewesen war. Wie ihr sicher wisst, hinterlässt jeder Spuren in der Matrix. Daher nahmen wir umgehend die Verfolgung auf. Doch anstatt ihn zu finden, lockte er uns über die abenteuerlichsten Knotenpunkte des Netzes, bis wir schließlich in der Hamburger Stadtbücherei gelandet waren."        
            "Das erinnert mich an meine Recherchen in Kopenhagen", brummte der Zwerg und schnaubte verärgert. "Pah! Südostkirgisischer Anglerverein und Belgische Genossenschafts-bank! - Humor hat der Kerl immerhin." 
            "Naja, ich lache später, wenn es recht ist. Jedenfalls hat er sich wieder der selben Methode bedient und sich über gefälschte Accounts und kopierte Personalakten Zugang verschafft. Als er erst einmal in unserem System war, fiel es ihm leicht die Steuerung des OP-Saals zu übernehmen."      
            "OK, OK!", mischte ich mich in Franks Ausführungen ein. "Halten wir mal fest: der Angriff erfolgte von außen über die Matrix und er hat seine Spuren ebenso verwischt, wie der Stalker. Dann fehlt aber immer noch eines, um sicher sein zu können, dass er es war."        
            "Was meinst du?"      
"Die Amputation fehlt mir noch. Ja, der arme Mann ist in Stücke geschnitten worden, aber fehlt denn auch ein Körperteil? Ich blicke bei dem Puzzle auf dem Video nämlich nicht mehr durch."   
            Bevor Frank antworten konnte, sprach der Rigger: "Das vercyberte rechte Bein fehlt. - Ich hab es direkt an seinem leichten Humpeln bemerkt. Das ist typisch für die ersten Wochen nach einer Implantation."       
            "Beeindruckend!", sagte der Agent verblüfft. "Der Kandidat hat hundert Punkte. Professor Brandhorst hat tatsächlich erst kürzlich ein vercybertes Bein bekommen. Und wie sie richtig bemerkt haben, ist es nicht mehr da, wo es hingehört."
            "Nichts von dem Kerl ist noch da, wo es hingehört.", bemerkte Alyssa trocken und ich stimmte ihr nickend zu. "Was hat ARGUS denn als nächstes vor?"     
            "Nichts, Hendrik. Gar nichts!"
Ich wollte nicht glauben, was ich da hörte. "Die Spur endet in Hamburg. Dort haben wir nur wenige Kontakte und kaum Ressourcen. Vermutlich finden wir dort nicht einmal weitere Hinweise. Die Firma will vermeiden, dass der Fall an die Öffentlichkeit kommt und legt ihn zu den Akten."     
            Das war so typisch für die Geheimniskrämerei meines ehemaligen Brötchengebers. Lieber gar keine Publicity als negative. Andererseits versucht man als militärischer Nachrichtendienst möglichst nie in die Schlagzeilen zu kommen.       
            "Ich rufe nicht bei dir an, um euch einen Auftrag zu vermitteln, sondern weil ich mir dachte, dass dich die Neuigkeiten interessieren könnten. - Wer weiß!? Vielleicht findest du ja doch was in der Bibliothek heraus. - Falls ja: halt mich auf dem Laufenden! Mach's gut!" Frank legte auf und die anderen sahen mich fragend an. "Tja, lasst die Sache hinter uns bringen und da mal nachschauen. Bei der Gelegenheit können wir testen, wie sich unser Showpraktikant ins Team fügt."         
            Während wir den Toyota Coaster beluden, ging mir eine Sache nicht mehr aus dem Kopf. Der Stalker wusste nur zu gut um meine Verbindung zu Frank und ARGUS. War der Angriff also wirklich nur ein Zufall oder war das Video vielmehr eine Botschaft an mich gewesen?

***

            "Und du bist davon überzeugt, dass uns dieser... Witters weiterhelfen kann?", fragte Alyssa nicht ohne Besorgnis in der Stimme.
            "Der Schmidt klang sehr überzeugend, als er ihn empfahl. Witters ist für die Sicherheit der Bücherei zuständig, was aber nicht halb so aufregend oder wichtig ist, wie es klingen mag. Es ist kein besonders lukrativer Job seitdem die Gehälter '59 eingefroren wurden."    
            "Die Nummer ist eine echte Schweinerei. Bei der Inflation der letzten Jahre dürfte bald nicht mehr viel vom Lohn übrig sein. Scheiß Politik! Kein Wunder, dass es mit dem Land bergab geht.", kommentierte sie verärgert. "Dennoch... was ist, wenn er von der ehrenvollen Sorte ist? Du weißt schon: die, die schnell beleidigt ist, wenn..."           
            "Keine Sorge! Wir werden schon nicht mit der Tür ins Haus fallen, sondern diskret auf das Bestechungsangebot zu sprechen kommen. - Er wird darauf anspringen. Ich versprech's dir!"    
            Ich hoffte es wirklich. 
Nach dem Telefonat mit Frank machten wir uns zunächst ein Bild von der Lage. Dabei fanden wir heraus, dass die öffentliche Bibliothek auch im Bereich der Matrixzugangsterminals mit Sicherheitskameras ausgestattet war. Dank der Daten, die wir von Frank bekommen hatten, wussten wir an welchem Platz der Stalker gesessen haben musste - sofern er denn überhaupt vor Ort gewesen war. Zeit und Lokalität waren uns also bekannt. Ein Vergleich mit den Aufnahmen sollte also kein Problem darstellen. An die Aufzeichnungen heranzukommen war allerdings schon eines.
            Es war naiv gewesen zu glauben, dass der Schmidt, der im Rathaus die rechte Hand der Bürgermeisterin war, sie uns einfach aushändigen würde. Aus Angst um eine mögliche aktive Verwicklung mit unserem aktuellen Job, verweigerte er die Zusammenarbeit. Um uns die Arbeit zu erleichtern, nannte er stattdessen einen Kontakt in der städtischen Sicherheitszentrale: Herrn Manfred Witters. Ein frustrierter Enddreißiger, der auf einem mäßig bezahlten Posten festsaß, ohne weitere Aufstiegschancen. Die Wahrscheinlichkeit war demnach hoch, dass der Mann für unser Angebot empfänglich sein würde. Bevor wir zur Bibliothek fuhren, legten wir also einen Zwischenstopp an der Sicherheitszentrale für städtische Immobilien ein.       
            Man sollte sich nicht vom langen Namen beirren lassen, denn der Anblick dieser Quasi-Behörde war ernüchternd. Der schmale Parkplatz vor der Kindergarten Version eines HanSec Reviers war nahezu verwaist. Lediglich zwei Drohnen patrouillierten um den schicken, wenn auch schlicht gehaltenen, Backsteinbau aus roten Ziegeln. Die Wände waren mit Graffitis beschmiert worden. Größe und Anzahl der Bilder legten ein schlechtes Zeugnis von der Sicherheit der Einrichtung ab. Da sich scheinbar niemand Mühe gemacht hatte, die Sprayer von ihrer Arbeit abzuhalten, konnte man davon ausgehen, dass das Amt hoffnungslos unterbesetzt und obendrein noch miserabel ausgestattet war. Dass die Tags und Zeichnungen ausgiebig vor dem bösen, bösen Überwachungsstaat warnten, wirkte daher ziemlich lächerlich.        
            Largo legte den Kopf schief, als er eines der Kunstwerk betrachtete. "Was meint ihr? Soll das da eine Guy Fawkes Maske darstellen oder doch eher Edvard Munchs Schrei?"   
            "Ich kannte man 'nen Edward. Der konnte sehr laut schreien. Hörte erst damit auf, als ich ihm die Kehle durchgeschnitten hatte.", murmelte Hank in Erinnerungen versunken.      
            Wir hatten den Troll unterwegs am Hafen aufgegabelt. Er gehörte zu der eher ruhigeren Sorte, die selbst dann nicht viel redete, wenn man sie direkt ansprach. Fast die gesamte Fahrt über hatte er aus dem Fenster gestarrt und sich nicht an dem üblichen Geschnatter der Wild Cards beteiligt. Mir war noch unklar, ob das so war, weil er uns noch nicht so lange kannte oder ob er sich generell in Gesellschaft unwohl fühlte. Ich erinnerte mich an seinen Auftritt auf dem Friedhof und wie verloren er gewirkt hatte, als er sich bemüht hatte etwas Nettes zu Cones Begräbnis zu sagen.           
            Trolle fallen noch viel mehr als Orks und Zwerge auf, da sie immer aus der Menschenmasse hervorstehen - und das im wahrsten Sinn des Wortes. Mit seinen fast zweieinhalb Metern Körpergröße war er für Trollverhältnisse nicht übermäßig groß, hatte aber schon Mühe in den Toyota Coaster ein- und auszusteigen. Dabei hatten wir unseren Wagen bereits an große Typen wie mich angepasst. Und an Cone, seufzte ich traurig in mich hinein.        
            Alyssa sah Hank von unten kritisch an. "Ich würde vorschlagen, du überlässt uns da drinnen das Reden." Ohne eine Reaktion von ihm abzuwarten, zischte die zierliche Magierin los und führte unsere bunte Truppe zum Eingang der sogenannten Sicherheitszentrale.
            Im Erdgeschoss folgte Ernüchterung. Von zwei Aufzügen und dem Treppenhaus abgesehen befand sich dort nichts. Kein Empfangsschalter oder irgendwelche Hinweisschilder. Auch im AR blieben die Wände kahl. Und obendrein hielt sich hier kein Schwein auf. Selbst als wir in den Flur hinein riefen, meldete sich niemand. "Seltsamer Laden..."           
            "Hey, hier ist ein Auskunftsterminal!", rief Sunetra und winkte uns zu sich herüber. Largo stöhnte entsetzt auf, als er das billig produzierte, achtlos an die Wand geklatschte Gerät in Augenschein nahm. "Aus welchem Jahrzehnt ist das denn? Prä-Eurokriege, oder was!?" Der Zwerg betätigte einen Schalter an dem Kasten. Kurz darauf erwachte flackernd eine Figur zu Leben, die in die Luft darüber projiziert wurde. Erneut stieß Largo einen Laut der Frustration aus.    
            "Ne Polizeimännchenkarikatur?! Ernsthaft!? Das ist ein Witz, oder?!"          
           
"Ihre Anfrage konnte nicht erkannt werden. Bitte wiederholen!", gab die virtuelle Intelligenz des Terminals zurück. Mürrisch stemmte der Rigger die Fäuste in die Hüften und schüttelte den Kopf. "Wundert mich nicht, dass du das nicht verstehst."  
           
"Ihre Anfrage konnte nicht erkannt werden. Bitte wiederholen!"        
            Bevor er eine Schimpfworttirade ausstoßen konnte, drängelte ich mich vor: "Wir möchten mit Herrn Witters sprechen. Ist er im Haus?" Es dauerte einige Sekunden bis die Antwort kam. Für die Suche durch die Datenbank drehte die Zeichnung des Polizisten die Kelle in der Hand um und schwenkte sie wie eine überdimensionale Lupe durch den Raum.       
           
"Ja.", lautete die schmucklose Antwort.      
"Ladezeiten direkt aus der Hölle.", schnaubte Largo. "Und die VI ist so dumm wie Bohnenstroh. Hendrik, du musst deine Fragen bei diesem blöden Miststück präziser stellen!"           
           
"Ihre Anfrage konnte nicht erkannt..." 
"FRESSE!", herrschte der sonst so ruhige Zwerg das Terminal an. Erstaunlicherweise verstummte es zu seiner Zufriedenheit sofort. Vorsichtig tätschelte ich seine Schulter.         
            "Ähm, wenn es dir recht ist, begeben wir anderen uns wieder zurück auf den Planeten Erde. - Auskunft: Wo hält sich Herr Witters im Moment exakt auf?" Wieder einmal durchsuchte der Polizist mit seiner Lupe die Datenbank. Nach fast einer Minute endlosen Wartens, in der der Rigger mit einem Schraubendreher ungeduldig drohend gegen das Gehäuse der VI trommelte, bekamen wir endlich unsere Antwort:
"Herr Witters befindet sich in der Bereitschaftszentrale."   
            "Sehr gut. Auf geht's, Leute!"
Gerade wollten wir uns aufmachen, als uns wieder einfiel, dass der Mangel an Schildern im Gebäude die Suche schwierig gestalten würde. Largo seufzte resigniert, drehte sich wieder zum Terminal um und ergab sich der nächsten Wartezeit. "OK. Und wo befindet sich die Bereitschaftszentrale?"    
           
"Bevor sie die weiteren Stockwerke betreten können, benötigen sie einen Besucherausweis.", kam die überraschend prompte Antwort. "Besucherausweise erhalten sie im Besucherzentrum."           
            Largos Cyberaugen schienen  zu Glühen, als er fast auf den Kasten losgegangen wäre. "Du nervst noch mehr als diese verfickte Dreks-Büroklammer in meinem Schreibprogramm! Willst du mich eigentlich verarschen!? Es gibt auf dieser Ebene keine Räume- Wo zum Geier soll sich denn dieses beschissene Besucherzentrum befinden?"  
            Lupe schwenken. Noch mehr Lupe schwenken. Dann nochmal so viele Schwenker. Stehenbleiben. Weiter schwenken. Bild flackert, friert ein. Nach einem Reset befand sich die Figur wieder in Ausgangsposition. 
           
"Das Besucherzentrum befindet sich in... [EINTRAG NICHT GEFUNDEN]."      
            Frustriert und den Tränen nahe blickte der Zwerg zu Alyssa, die ihm aufmunternd den Arm um die Schultern legte. Ohne dass er es sehen konnte, verdrehte sie die Augen und vollführte mit ihrem linken Zeigefinger kreisende Bewegungen auf Höhe ihrer Schläfe.
            "Ist Junior immer so?", wollte Hank wissen, was der Zwerg mit einem energischen Tritt gegen sein Schienbein quittierte. "Ist schon gut, Kurzer. Ich hab von Computern auch null Ahnung." Das gab Largo den Rest und er ließ endgültig den Kopf hängen.   
            "Autsch! Das war technischer Tiefschlag, Hank.", lachte Sunetra. "Wartet mal! Ich hab eine Idee. Vielleicht lässt sich ja einer Blicken, wenn wir für die Auskunft was springen lassen." Die Elfe trat vor eine Sicherheitskamera und wedelte mit einem Credstick vor der Linse herum. Doch auch nach diesem lukrativen Angebot bemühte sich niemand zu uns. Dafür riss die VI des Auskunftsterminals hinter ihr das Maul auf.     
           
"Wenn sie die Beschädigung einer öffentlichen Kamera bezahlen möchten, wenden sie sich an das Besucherzentrum in... [EINTRAG NICHT GEFUNDEN]."         
            Den Schraubendreher wie ein Messer haltend, ging der Rigger auf das Gerät los. "Jetzt reicht's, Freundchen!" Auf ein Kopfnicken hin, packte Hank den guten Largo am Schlafittchen und hielt ihn fest. 
            "Lass mich los! Ich mach einen Taschenrechner aus dieser mies gelöteten Beleidigung!"
            "Was hat er denn?", fragte der Troll mit hochgezogener Augenbraue, weshalb ich herzhaft lachen musste. "Ich glaub es hat was mit Berufsehre zu tun. Komm schon, junger Padawan! Wir schauen uns ohne Ausweise hier um."           
            Umgehend ließ der Zwerg das Werkzeug wieder in einer Hosentasche verschwinden und machte auf dem Absatz kehrt. "Wie ihr wünscht, Meister Yoda." Hanks verblüffter Gesichtsausdruck verriet mir, dass er früher oder später an unserem Humor verzweifeln würde. Fast tat er mir ein wenig leid.          
            Während die abgeschalteten Aufzüge den verlassenen Eindruck des Gebäudes unterstrichen, fanden wir im Treppenhaus Kippenstummel und Asche. Haufenweise Asche. Direkt auf dem 'Rauchen verboten'-Schild waren zig Generationen an Zigaretten ausgedrückt worden, sodass die ursprüngliche Botschaft kaum noch zu entziffern war. Aha! Es arbeitet also doch jemand hier. Und gemessen an dem Dreck, der hier rumliegt, können es gar nicht mal so wenige sein. Die Tür zum ersten Stock war verschlossen. Aktivitäten schien es keine zu geben. Zumindest konnten wir nichts hören, das auf die Anwesenheit einer Person schloss. Das selbe galt auch für die nächsten Ebenen. Zum Ausgleich stieg die Menge der Kippenreste je höher wir kamen. Auf dem letzten Stock befand sich das Asche Hauptlager. Obendrein muffelte es nach frischem Rauch. Ein gutes Zeichen.     
            Sunetra versuchte sich an der Tür. "Ich bekomme sie nur einen Spalt weit auf. Irgendetwas blockiert von der anderen Seite."
            "Lass mich mal da ran!"         
Anstatt sich mit der Schulter dagegen zu stemmen, trat der Troll die Tür einfach ein. Krachend prallte sie von der Wand ab und stürzte in den Flur.       
            "Ein bisschen subtiler hätte es schon sein dürfen, Kleiner.", meckerte Alyssa als sie Holzsplitter aus den Zöpfen fischte. Zwischen den Hörnern runzelte sich Hanks Stirn. "Woher kennst du denn meinen Spitznamen?" 
            "Häh?!"           
"Du hast mich 'Kleiner' genannt. So rufen mich meine Freunde immer." Als die Magierin ihn weiterhin verständnislos anstarrte, fügte er vorsichtig hinzu: "Na, weil ich so groß bin, weißt du?!"
            "Ja, schon kapiert. Ganz schön pfiffig von deinen Leuten." Ihr ätzender Tonfall gefiel mir nicht. Abgesehen davon hatten wir dringendere Probleme. "Hör auf den Neuen dumm anzumachen! Wir haben hier eine Leiche, falls es dir noch nicht aufgefallen ist."           
            Hinter der Tür lag der leblose Körper einer Frau mittleren Alters. Darum war sie nicht aufgegangen. Der Kleidung nach zu urteilen, gehörte sie zum Reinigungspersonal. Aus mehreren Stichwunden sickerte immer noch Blut. Sie muss erst vor wenigen Minuten gestorben sein. Eine Spur aus roten Tropfen führte von ihr weg den Gang herunter. Man hat sie nicht hier abgestochen, sondern da hinten. Danach hat sie versucht wegzulaufen, ist aber nur bis zur Tür gekommen.     
            Leise bewegten wir uns durch den Flur - immer dem Blut hinterher. Einfallslose, farbige Drucke hingen an den grauen, verputzten Wänden und in unregelmäßigen Abständen lockerten Pflanzenkübel die Optik ein wenig auf. Blöderweise waren wir unbewaffnet hergekommen. Also mussten wir besonders vorsichtig vorgehen. Unter einer geschlossenen Tür verschwanden die Tröpfchen.    
            Dort ist sie hergekommen.      
Es rumpelte schwer hinter der Tür. Wer auch immer diesen Lärm veranstaltete, erwartete keine weiteren Besucher im Gebäude. Nicht mal Hanks kleine Vorstellung hatte er mitbekommen. Mit Handzeichen befahl ich Largo und Lightning dort zu bleiben. Die anderen kamen mit mir. Da wir auf dem gesamten Flur keine weiteren Türen gesehen hatten, handelte es sich vermutlich um einen großen Raum mit mehreren Eingängen.     
            "Drohne rein geschickt.", flüsterte die Stimme des Riggers über Komlink. 
            An die Wand gepresst linste ich um die Ecke. Wieder keine Tür. "Es ist ziemlich dunkel im Raum. Die Geräusche kommen vom anderen Ende.", meldete Largo. Also von dort her, wo wir uns hinbewegen.       
            Weiter ging es zur nächsten Biegung. Endlich sahen wir einen weiteren Eingang. Gleich sitzt du in der Falle, Freundchen! In meiner Freude bewegte ich mich etwas zu überschwänglich vorwärts und riss eine Topfpflanze um. Mit lautem Klirren zersprang der Ton, der die Erde mit dem Bäumchen umhüllte.       
            Im selben Augenblick verstummte auch der Lärm im Raum nebenan. Es war ja so klar, dass er ausgerechnet DAS mitbekommen musste!, schoss es mir genervt durch den Kopf, als auch schon die Tür aufflog und es Scherben regnete.

***

            Largo ließ sich im Schneidersitz vor der Tür nieder. Aus der linken Beintasche fischte er ein Schächtelchen, das ein kleines, metallisches Objekt enthielt. Er platzierte die Drohne in Hornissengestalt auf seiner Handfläche und hob sie auf Höhe seiner Augen. Als er sanft mit dem Daumen über den Rücken des Roboters strich, öffnete sich im AR ein hellblau leuchtendes Menü. Der Rigger klinkte sich über eine WiFi-Verbindung in das elektronische Gehirn der Drohne ein, was sie veranlasste zum Leben zu erwachen.    
            Zaghaft bewegte sie nacheinander alle sechs Beinchen und die Flügel einmal, um den Check der motorischen Systeme abzuschließen. Largos Verstand befand sich nun vollends in der Hornisse. Er sah mit ihren Kameraaugen und fühlte mit ihren Sensoren. Der Zwerg transformierte sich förmlich in ein neues Wesen. Als er sich davon überzeugt hatte, dass die Hornisse funktionsbereit war, hob er von seiner Hand ab und flog zur Tür, wo er den Spalt am Boden nutzte, um unter ihr durchzukriechen.          
            Kaum auf der anderen Seite angekommen, ging es wieder hoch in die Luft. Da der Raum keine Fenster besaß und die Deckenlampen ausgeschaltet waren, herrschte fast völlige Finsternis. Lediglich auf der anderen Seite des Raumes illuminierten Monitore spärlich die Einrichtung. Zu wenig, um Genaueres erkennen zu können. Von dort kam auch der Lärm, den sie auf dem Flur gehört hatten. Mechanisch gab Largo über Komlink einen ersten Statusbericht an die anderen Wild Cards durch. Dann schaltete er auf Nachtsicht um.          
            'Ah, schon besser.'      
Vor ihm schälten sich nun Serverschränke und mehrere Arbeitsplätze aus der Dunkelheit. Wie Waben reihten sich die Cubicals, wie diese Art von Arbeitsplatz auch genannt wurde, aneinander. Zusammen ergaben sie einen nahezu quadratischen Block aus Nischen, die Schreibtischen, Rollcontainern, halbvollen Papierkörben und Bürostühlen ein Zuhause gaben. Die meisten Bildschirme waren ausgeschaltet. In einem Cubical konnte der Rigger hektische Bewegungen ausmachen, die die Möbelstücke erzittern ließen. Doch leider schränkten Trennwände und Dunkelheit seine Sicht so weit ein, dass er von undeutlichen Schemen abgesehen immer noch nichts erkennen konnte.    
            'Ich muss näher ran.'  
Immer höher stieg die Hornisse mit dem zwergischen Verstand, bis sie dicht unter der Decke schwebte. Doch noch war ihr Blickfeld nicht frei von Hindernissen. Sie drehte die Flügel ein wenig nach außen, was ihr zusätzlich zum Auftrieb noch Schub nach vorne gab, Wie ein Helikopter neigte sie dabei ihren Kopf leicht nach unten. Fast konnte sie die Person sehen.
            'Nur noch ein bisschen näher.' 
Largo war sich sicher, dass sie es mit einem Mann zu tun hatten. Die Statur und die Art und Weise, wie sich das Ziel bewegte, verriet ihm das. Doch damit die Gesichtserkennungssoftware ihre Arbeit tun konnte, reichte das Licht nicht aus. Zu viele Details blieben ihm verborgen. Gerade als er darüber nachdachte, wie er das Problem lösen konnte ohne ihm direkt vor die Augen zu fliegen, schepperte etwas auf dem Flur. Umgehend stellte der Mann ein, was auch immer er dort gerade tat und horchte in die sich ausbreitende Stille hinein.          
            Dann sprintete er wie von der Tarantel gestochen zur Tür, stieß sie achtlos auf und sprang ohne zu Zögern durch das geschlossene Fenster im Flur. Von der plötzlich hereinströmenden Helligkeit waren die Sensoren der Hornisse für einen Augenblick überlastet. Largo sah nur weißes Glühen. Erst als er auf Normalsicht zurückgewechselt war, kamen nach und nach die Konturen zurück.
            'Hinterher!', trieb er sich kämpferisch an und prügelte die Drohne auf Höchstgeschwindigkeit. Auf dem Weg zur Tür bekam der Rigger nur am Rande mit, dass alles voller Blut und Scherben lag. Im Flur standen Hank, Sunetra und Iron, die dem Flüchtenden ungläubig hinterher glotzten. Die Gestalt war groß und massig - ähnlich der Figur eines Orks. Sie trug einen langen Mantel, der wie ein Schweif seinem Besitzer hinterher jagte. Zwei Stockwerke legte der Kerl zurück, bevor er weder festen Boden unter den Füßen hatte. Noch bevor die Reste der Fensterscheibe über ihm auf das Dach der Garage niederregnen konnten, sprintete er schon wieder weiter.
            'Beeindruckend.'         
"Entweder ist er ein mächtiger Magier oder man hat ihn mit ordentlich Cyberware ausgestattet.", gab Largo an die anderen durch. "Ich bleib an ihm dran."       
            Kaum ausgesprochen, sprang er erneut zwei Stockwerke tief und landete auf der Straße. Eine gebrechliche Frau fiel vor Schreck um, als er neben ihr aufkam. Sie klammerte sich panisch an ihrem Rollator fest, aber verhindern konnte das ihren Sturz nicht mehr. Dabei war der Flüchtende, noch bevor sie den Boden berührte schon längst wieder über alle Berge; rannte um Straßenschilder, schubste Passanten zur Seite, hechtete über Bänke, Mülltonnen und angeleinte Hunde, die sich ängstlich jaulend zusammen kauerten. Als er glaubte in Sicherheit zu sein, verlangsamte der Kerl sein Tempo und warf einen flüchtigen Blick über die Schulter. Ein neugierig vorbeifliegender Vogel verhinderte, dass Largo sein Gesicht sehen konnte.
            'Hau ab, du blödes Vieh! - Drek! Er hat mich bemerkt.'
Mit einem Mal erhöhte der Unbekannte wieder das Tempo und nutzte seine Arme, um sich wie ein Pflug durch die Menge zu schieben. Viele der achtlos umgestoßenen Leute schrien und fluchten. Largos Hornissenleib summte knapp zwei Meter über den Köpfen der Fußgänger hinterher. 'Wenigstens kann ich ihn bei der Welle, die er macht, nicht verlieren.'        
            Doch dann fand der Kerl einen Ausweg. Mit einem heftigen Schubsen drängelte er sich in eine schmale Seitengasse und war außer Sicht. Kurz darauf war ihm die Largodrohne aber wieder auf den Spuren. Da der Mann den ganzen Kisten, herumlungernden Obdachlosen und dem gestapelten Müll ausweichen musste, konnte der Zwerg sogar Meter gut machen. Anscheinend hatte das auch der andere mitbekommen. Während er eine Abfalltonne passierte, rupfte er im Lauf den Deckel ab und schleuderte ihn aus der Bewegung heraus wie eine Frisbee auf seinen Verfolger. Nur mit Mühe konnte Largo noch unter dem Geschoss abtauchen, bevor es hinter ihm scheppernd von der Hauswand abprallte. Er brauchte einen Augenblick, um die Hornisse nach diesem Manöver wieder zu stabilisieren. In der Zwischenzeit hatte der Kerl die Gelegenheit genutzt und war mit in die nächste Gasse eingedrungen.          
            Largo flog hinterher. Als er um die Ecke kam, sah er gerade noch den flatternden Mantel am anderen Ende des Weges nach links verschwinden. 'Verdammt, ist der schnell' Verbissen beeilte sich der Rigger hinterher zu kommen, doch schließlich war er wieder an einer der Hauptstraßen angekommen. Autos verstopften mit dem Feierabendverkehr die mehrspurige Straße, und auf den Gehsteigen taten es ihnen die Passanten gleich.          
            Speedy Gonzales war hingegen nicht mehr zu sehen. Weder in der einen noch in der anderen Richtung konnte der Zwerg hektische Bewegungen oder eine ungewöhnliche Unruhe ausmachen. 'Verhältst dich ruhig, wie!? Blöd bist du schon mal nicht.' Einige Zeit beobachtete Largo den dahinfließenden Verkehr und die unregelmäßigen Wogen aus Leibern, die ziellos in alle Richtungen strebten.        
            Gerade als der Rigger die Suche abbrechen wollte, sah er eine wuchtige Gestalt, die ihm bekannt vorkam. Und sie stieg hastig die Treppen zur Metro hinab. 'Volltreffer!', triumphierte Largo und gab wieder vollen Schub. Geschwind pfiff er über den Fußgängern hinweg und tauchte in den Untergrund hinab. Am Ende der Treppen, hinter den Schranken und den Fahrkartenautomaten, tauchte der Flüchtende erneut in einer größeren Gruppe unter, die wartend an den Schienen stand. 'Schnell, bevor er weg ist!'    
            Largo presste alles an Geschwindigkeit aus dem kleinen künstlichen Insekt heraus, das es aufbieten konnte. Um keine wertvollen Sekunden zu verlieren, machte er sich nicht die Mühe bis ganz nach unten zu fliegen, sondern hielt sich dicht unter der Decke. 'Er muss irgendwo hier vorne sein, verdammt!'      
            Linie Neun fuhr pünktlich in die Station hinein. 'Zeig dich!' Menschen, Elfen und einige Trolle verließen ihre Plätze, um bessere Einstiegspositionen zu erreichen. Doch immer noch war vom mysteriösen Mantelträger nichts zu sehen, Der Zug kam zum Stillstand. 'Komm schon! Alles, was ich will, ist ein Bild von deinem Gesicht.' Die Türen öffneten sich, Menschenmassen drängten auf die Bahnsteige und füllten die Korridore, die die Wartenden für sie gebildet hatten. Kaum war der Letzte draußen, betraten die anderen den Zug. 'Wo bist du?'           
            Für einen Moment lang war der Steig vor der Linie Neun verlassen. Egal wohin der Zwerg die Drohne ausrichtete, niemand war zu sehen. Aber er war sicher, dass die Zielperson nicht in den Zug eingestiegen war. Dann, als er die Hornisse wieder dem Fahrzeug zuwandte, löste sich aus einer Nische ein Schatten, der zu den Türen sprintete. Sofort drehte Largo die Drohne wieder in die andere Richtung, aber er war zu langsam, um ihn von vorne zu erwischen. Als der Kerl unter einer Lampe hindurch lief, wurde eine schwärzlich glänzende Platte sichtbar, die seinen kahlen Schädel von der Stirn bis zum Nacken bedeckte. 'Karbonverbundstoff! Er ist vecybert.'       
            Largo stieß wie ein Sturzkampfbomber von der Decke auf ihn herab. 'Ich muss da rein!' Doch bevor er ebenfalls die Türen erreichen konnte, schlossen sie sich hinter dem Flüchtenden. Linie Neun setzte sich ruckend in Bewegung und nahm den Mann mit sich in den dunklen Tunnel.           
            'DREK!'

***

            Der Lichtkegel der Taschenlampe entlockte der Finsternis einen Anblick des Grauens. Von den sechzehn Cubicals war nur der eine in Betrieb gewesen, den unser Unbekannter gezielt oder in einem Wutanfall in seine Bestandteile zerlegt hatte. Das arme Schwein, das hier gearbeitet hatte, war mit dem Gesicht voran in einen Serverschrank gerammt worden. Haare, Hirn und Unmengen von Blut klebten an der aus den Angeln gerissenen, verbeulten Tür. Zu ihren Füßen lag die Leiche des männlichen Angestellten. Zerschmetterter Schädel, gebrochene linke Kniescheibe, offener Wadenbruch - sicherlich waren auch einige Rippen nicht mehr intakt.  
            Fast hätte ich die Hände vergessen, die man ihm abgehackt hatte. Ich überlegte einen Moment. Sie waren in arbeitender Position vor dem AR-Keyboard mit zwei Kugelschreibern am Tisch festgenagelt worden. Er hat sein Opfer also genauer gesagt von den Händen losgehackt als anders herum.    
            "Sieht für mich aus als hätte irgendjemand irgendetwas sehr persönlich genommen.", analysierte Alyssa den Tatort und ich stimmte ihr zu. "Vermutlich kannte der Angestellte seinen Mörder. Außer den Beiden scheint niemand im Gebäude zu sein. - Der Killer kam mit ihm hierher. Und als er hatte, was er wollte, griff er ihn von hinten an."
            "Du vergisst die Putzfrau draußen im Flur."   
"Richtig. Aber ich glaube, sie hatte bloß das Pech zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen zu sein."     
            "Welch tröstliche Erkenntnis."           
Die menschliche Magierin zog den Mund schief und ging einen Schritt zurück, um das ganze Ausmaß an Zerstörung in Augenschein nehmen zu können. "Pass auf, Alyssa! Du bist fast in die Blutlache rein getreten. Denk dran, dass wir nichts verändern dürfen!"      
            Wir waren überein gekommen die Polizei zu verständigen. Bei all den installierten Kameras konnten wir nicht verleugnen, dass wir hier gewesen waren. Abgesehen davon muss doch irgendwann noch jemand auftauchen, der hier arbeitet. Dass der Laden ausgerechnet an einem Werktag so verlassen war, war mir unheimlich. Wegen Mordes angeklagt zu werden, weil ich gerade eine Leiche inspizierte, gehörte nicht zu den Punkten auf meiner Wunschliste. "Komm, lass uns gehen! Die Bullen sind bestimmt gleich da und ich glaube nicht, dass es hier noch etwas zu entdecken gibt, das uns weiter helfen kann."           
            "Ob das dieser Witters ist, den wir hier treffen wollten?", fragte Lightning, als wie den Raum verließen, aber ich kannte die Antwort nicht. Durch das zerstörte Fenster flog just in diesem Moment die Drohne wieder herein. Largo war zurück. Hoffentlich hat er gute Nachrichten. Auf dem Weg zurück in den Eingangsbereich musste er uns leider enttäuschen.  
            "Immerhin wissen wir jetzt, dass der Killer stark vercybert ist und vermutlich Beweise vernichten wollte.", kommentierte Sunetra Largos Bericht. "Nur warum? - Könnte es sein, dass wir vorhin deine Nemesis gesehen haben, Hendrik?"       
            "Glaube ich nicht.", winkte ich ab. "Bislang war der Stalker nie persönlich vor Ort gewesen und hat vorrangig aus der Matrix heraus zugeschlagen."           
            Nun schaltete sich auch der Rigger in die Diskussion ein. "Verwirf den Gedanken nicht zu schnell, Hendrik! Es gibt Systeme, die sind so gut von der Außenwelt abgeschottet, dass man nur von einem Zugangspunkt innerhalb der jeweiligen Einrichtung an die gesuchten Daten herankommt. Der Stalker könnte aber auch einen Runner engagiert haben, der die Drecksarbeit für ihn erledigt.
            Jedenfalls finde ich merkwürdig, wie viel Rechenpower da oben rumsteht. Diese Sicherheitszentrale ist überproportional gut ausgerüstet für die Aufgaben, die die angeblich zu erfüllen haben. Hier geht mehr vor sich als man mit den Schildern über dem Eingang suggeriert."        
            Ich dachte einige Treppenstufen lang nach. "Es ist ein Schuss ins Blaue, aber vielleicht hatte der Kerl die gleiche Idee wie wir und wollte an die Kameradaten aus der Bibliothek ran."          
            "In dem Fall muss er der Stalker sein - oder mit ihm in Verbindung stehen.", schlussfolgerte Sunetra nachdenklich. 
            "Es gibt nur einen Weg das herauszufinden: Wir müssen in die Stadtbücherei" Zuvor allerdings mussten wir mit den SchuPos noch ein obligatorisches Pläuschchen halten. Wie man uns befohlen hatte, warteten wir im Erdgeschoss, bis die überbezahlten Knallchargen in Blau eintrafen. Wie zu erwarten hielten unsere gefälschten SINs der Überprüfung durch die Staatsgewalt stand. Was dann folgte fühlte sich mehr wie ein Verhör an als die Befragung eines besorgten Mitbürgers, der gerade ein Kapitalverbrechen gemeldet hatte.     
            "Was hatten sie dort oben verloren?", knurrte die Töle mit dem Diktiergerät. "Ich bin Privatdetektiv, Herr Wachtmeister. Ich hatte gehofft hier einen Herrn Witters sprechen zu können, aber es war niemand da, der uns in Empfang genommen hat. Also haben wir uns auf die Suche nach ihm gemacht."  
            "Warum wollten sie zu diesem Witters?"      
"Guter Mann, ich werde den Teufel tun und ihnen die Anliegen meiner Mandanten offenlegen. Die Arbeit eines Privatdetektivs beruht auf Diskretion. Das sollten sie eigentlich wissen." Freundlich, aber bestimmt gab ich dem unzufriedenen Polizisten einen Korb. Largo brannte ebenfalls noch etwas unter den Fingernägeln.           
            "An allem ist diese dämliche VI schuld. Das Ding hat uns minutenlang aufgehalten. Wenn die Stadt endlich in vernünftiges Equipment investieren würde, wären wir bestimmt noch rechtzeitig oben gewesen, um das Schlimmste zu verhindern." Zunächst sah der HanSec-Hansel betreten zum Auskunftsterminal, fing sich dann aber wieder. "Heute Morgen wurde spontan eine Generalüberprüfung der Systeme angeordnet. Das kam auch für die Angestellten sehr überraschend. Alle wurde wieder nach Hause geschickt. Vom Reinigungspersonal abgesehen hätte sich niemand im Gebäude aufhalten dürfen. Sogar von außen hatte man seit heute Morgen keinen Zugriff mehr auf die Kameradaten, weil alle Systeme heruntergefahren worden waren."
            Nachdenklich kratzte ich mir meinen Kinnbart. "Tja, da hat sich wohl jemand nicht daran gehalten. Diese 'spontane Überprüfung' sollte sie sich mal genauer anschauen. Die stinkt nämlich bis zum Himmel." Ich wandte mich zum Gehen, als mir noch etwas einfiel: "Oh, und bitte schließen sie nächstes Mal den Laden ab, den sie für Besucher dicht machen!"          
            Daraufhin entgleiste ein ganzer Güterbahnhof im Gesicht des Polizisten und er lief puterrot an. "Kümmern sie sich besser um betrogene Ehefrauen und entlaufene Haustiere, aber lassen sie die Profis ihre Arbeit machen!" 
            Süffisant grinsend zückte ich eine Visitenkarte der Wild Cards und überreichte sie ihm: "Apropos Ehefrau: Sie werden bestimmt irgendwann unsere Hilfe brauchen."        
            Wütend zerknüllte er das Papier, schleuderte es zu Boden und ließ Speichel fliegen: "Raus hier! Und nehmen sie den zu groß geratenen Türstopper mit!" Kaum ausgesprochen erinnerte er sich zu wem er in seiner Rage so gesprochen hatte. Hank senkte seinen Kopf, um den Finger sehen zu können, den ihm der unverschämte Kerl unter die Nase hielt. Er fixierte ihn einen Moment lang mit einem Blick, der Wodka sauer werden lassen konnte, und brummte: "Scheiß Bullen!"    
            "Z...ziehn... ziehen sie ihren Köter zurück! Sonst nehm ich ihn mit ... auf .. auf die W..W...Wache und steck ihn zu den Nazis in die Zelle." Daraufhin zuckte der Troll mit den Achseln, schob den Bullen unsanft beiseite und ging zum Ausgang: "Wozu? Ich hab grad keinen Hunger."       
            Wir folgten ihm und ließen den Mann mit seinem in Strömen herablaufenden Angstschweiß zurück. Alyssa hopste neben Hank her und knufft ihn vergnügt in die Seite. "Gut gekontert, Kleiner. Wer weiß: Vielleicht passt du ja doch ganz gut zu uns."          
            Auf dem Weg zum Auto fiel mir auf, dass Largo in sich gekehrt war. Mit Sorgenfalten auf der Stirn und zusammengepressten Lippen grübelte er über etwas nach. Ich stupste ihn an.    
            "Einen Euro für deine Gedanken."     
"Wie bitte, was!?", verdattert sah er zu mir. "Oh... ähm... Mir kam gerade ein schrecklicher Verdacht."    
            "Was ist denn?"         
"Ich hab mich die ganze Zeit gewundert: falls der geflohene Mörder unser Killer ist, wie konnte er dann so schnell hier gewesen sein? Ich meine, er muss doch irgendwo her gewusst haben, was wir vor haben..." Wir hatten lediglich mit Frank und dem Schmidt im Rathaus gesprochen und es stand außer Frage, dass einer von ihnen Informationen weiter gegeben hatte. "Du denkst, unsere Komlinks könnten verwanzt sein?"      
            "Genau das, Iron." Largo seufzte, als er die Fahrertür öffnete. "Ich schicke Kabler eine Mail. Er soll unsere Geräte auf Spyware untersuchen."    
            Wenn der Zwerg recht hatte, hatte der Kerl versucht seine Spuren zu verwischen. Und bei dem, was ich gesehen hatte, sogar ziemlich erfolgreich. Im schlimmsten Fall bedeutete das, dass wir in der Bibliothek erst recht keine Spuren finden würden. 
            Na das sind mal prächtige Aussichten. 

***

            Obwohl im Jahre 2072 mittlerweile jeder auf die eine oder andere Weise mit der Matrix vernetzt war und Inhalte fast ausschließlich nur noch digital publiziert und distribuiert wurden, waren physische Medien noch nicht gänzlich ausgestorben. - Na sie wissen schon: Bücher! Die Dinger mit zwei stabilen Pappdeckeln und vielen bedruckten Papierseiten dazwischen.
            Jedenfalls gab es eine Menge wertvoller Privatsammlungen mit alten Romanen, Fachliteratur oder thaumaturgische Folianten, die sogar für Runner interessant waren, falls ein Schmitt eines der Bücher begehrte. Besonders die Erstausgaben alter Werke waren ein Vermögen wert. Als wichtigster Hort des Wissens - und darum auch verhältnismäßig gut bewacht - galt die Bibliothek; und die Hamburger Stadtbücherei besaß eine der umfangreichsten Sammlungen des Planeten.          
            Der ursprüngliche Bau aus dem frühen 19. Jahrhundert war beständig erweitert worden, wobei man darauf achtete den altmodischen Stil des Hauptgebäudes beizubehalten. Mittlerweile beherbergte die Bibliothek sogar einen mit der Hamburger Universität kooperierenden arkanen Lehrstuhl, an dem junge Talente gesucht und gefördert wurden. Dass hier zudem die wichtigsten Werke aus der Pionierzeit der Magieforschung und unzählige Grimoires standen, war diesem Umstand sicherlich förderlich. 
            Zusätzlich zu all den Meisterwerken der Literatur, deren Lektüre der geneigte Leser auf den reichhaltig zur Verfügung stehenden Sesseln nachgehen konnte, bot die Einrichtung mehr als zweitausend Matrix-Zugangsknoten, die im Internet-Café standen und von Konzernhand gesponsert worden waren. Wer möglichst anonym surfen wollte, war hier an der richtigen Adresse.     
            Zum Pech des Stalkers wussten wir welchen Zugang er zu welchem Zeitpunkt genutzt hatte. Die Überwachungsaufnahmen mochten zerstört worden sein, aber vielleicht erinnerte sich ja jemand an ihn.           
            Auf Verdacht fragte Alyssa eine etwas schüchterne junge Frau aus, die im Café arbeitete. So wie ich sie kenne, hat sie auch gleich ihre Nummer mit abgestaubt. - Zur Abwechslung hatten wir Glück und die Angestellte konnte sich an den Mann mit dem langen Mantel, der orkischen Statur und der Platte auf dem Schädel erinnern.
            Ich konnte mir ein Jubeltänzchen gerade so verkneifen, als Alyssa verkündete, dass die Kleine sogar wusste, welchen Spind er benutzte. Scheinbar kam er häufiger her und nutzte das Café für seien Recherchen.    
            Wenig später standen wir einen Stock höher an der Empore vor dem tiefer gelegenen Matrixgehege. Hier reihten sich mehr als dreihundert Schließfächer aneinander, die man zeitweise oder auf Dauer mieten konnte.   
            "Hab's gefunden! 216. Es ist abgeschlossen.", verkündete Sunetra freudig, aber mit gedämpfter Stimme. Es musste ja nicht gleich jeder darauf aufmerksam gemacht werden, dass wir etwas höchst illegales im Schilde führten. Mit einem Griff in die Hosentasche hatte ich meine kleinen, neckischen Werkzeuge einsatzbereit. "Zeig mal her! - Hmm, einfaches Schloss. Sollte kein Problem sein."
            Tatsächlich schnappte nach wenigen Sekunden der Riegel im Inneren zurück und die Tür schwang unter leisem Quietschen auf. Im Schließfach lag etwas, das wie ein Kasten aussah, auf dem eine rot leuchtende Diode prangte. Er war mit einer Metallklammer auf ein Datenpad geschnallt. "Drek! Das ist ein Drop-Dead-Safety-System.", fluchte Largo genervt.         
            "Ein was!?, wollte Hank wissen, der schon beim ersten Fremdwort den Faden verloren hatte.      
            "Wenn jemand Unbefugtes versucht auf das Datenpad zuzugreifen, vernichtet es den Inhalt - und manchmal auch den armen Wicht, der an der Sperre herumgefummelt hat. Es gibt da verschiedene Modelle."        
            "Es kann nie einfach sein, oder?!", jammerte Alyssa.           
"Das hier ist höchst illegale Hardware."         
            "Was zeigt eigentlich das Lämpchen an?", fragte Sunetra, die sich wie wir anderen neugierig um den Zwerg versammelt hatte und ihn belagerte. "Öhm... also entweder bedeutet es, dass das System scharf geschaltet ist. Oder... und das wäre ganz schlecht: es handelt sich um einen Bewegungssensor, der unseren speziellen Freund vorwarnt."      
            Noch bevor wir über die Alternativen philosophieren konnten, dröhnte die Antwort als Durchsage vom Band über die Lautsprecher der Bücherei: "Wir bitten alle Gäste zum Ausgang zu gehen und die Räumlichkeiten zu verlassen. Die Bibliothek schließt in fünf Minuten."   
            Sofort drückte ich die Tür des Schließfachs wieder zu und ging ein paar Schritte zurück, um mir einen Überblick über unsere Umgebung zu verschaffen. Bislang gab es keine verdächtigen Bewegungen. Gehorsam schlenderten die Besucher Richtung Ausgang. 
            "Schnell! Wir müssen uns verstecken!"        
Die restlichen Wild Cards und Hank standen sichtlich auf dem Schlauch. "Ich hoffe ihr habt eure Argumentationsverstärker dabei."
            Ja, das Regal hier ist super. Zusammen mit der Palme und dem Topf sollte man mich dahinter nicht sehen können. Ich zog meine Pistole aus dem Tarnholster, entsicherte die Waffe und duckte mich ab.    
            "Was hast du denn auf einmal, Hendrik?", fragte die japanische Elfe besorgt.        
            "Schaut mal auf die Uhr! Die Bib hat immer bis zehn geöffnet, aber wir haben gerade mal halb sechs durch."           
            Nun verstanden sie.   
Was auch immer zu uns unterwegs war, noch einmal würden wir es nicht entwischen lassen.

1 Kommentar:

  1. Der Anfang schonnmal ne ganz andere Atmosphäre für den Run als die letzte Story. Top!

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