Samstag, 21. September 2013

Unterm Messer



Kapitel 2 - Ein Schritt vor und zwei zurück

            "Na das ist ja mal prächtig gelaufen! Und jetzt?! Was sollen wir deiner Meinung nach machen? Denn egal was wir anstellen, die werden Bescheid wissen. Weil sie uns jetzt als Köder benutzen werden. So schaut es nämlich aus. - Also sei nicht so blöd und ruf Frank mit einem verwanzten Komlink an!"    
            Viel weniger als ihre Worte, ging mir Alyssas Tonfall auf den Zeiger. In dem vergeblichen Versuch die Magierin zu ignorieren, schaltete ich mein Komlink ein und rief die Kontaktliste auf. 
            "Sag mal: Hörst du mir überhaupt zu!?", echauffierte sie sich, wobei ihre Stimme schriller wurde. Mein Geduldsfaden riss endgültig und ich antwortete ihr deutlich ungehaltener als ich gewollt hatte: "Ich hör dir schon zu, aber du sagst leider nichts, das hörenswert wäre. Seit zehn Minuten bist du dich unablässig am Beschweren, quengelst und jammerst uns die Ohren voll. Dir hat meine Performance in der Bib nicht gefallen? - Fein!
            Ist ja nicht so, als ob ich allzu viele Optionen gehabt hätte.
Du warst übrigens genauso wenig hilfreich in der Situation wie alle anderen. Wenn du dich im Selbstmitleid suhlen willst, weil wir einen auf den Sack bekommen haben, dann mach das!       
            Ich jedenfalls werde das nicht auf mir sitzen lassen. Diese Arschlöcher werden noch von mir hören, das verspreche ich dir! Also werde ich, statt die Hände in den Schoß zu legen, das einzig Richtige tun und mit der Mission weitermachen."         
            Von meinem Ausbruch verstört, begann Alyssa zu stammeln: "Aber dein... dein Komlink!"           

            Bevor ich etwas erwidern konnte, schaltete sich glücklicherweise Largo ein, der gerade Sunetras Komeinheit untersuchte. "Ich hab's mir schon angeschaut, Kleines. Ich konnte auf den ersten Blick keine Spyware entdecken. Höchstwahrscheinlich sind alle sauber. Die wollten uns nur einen Denkzettel verpassen. Und falls sie uns weiter im Auge behalten, dann tun sie es auf andere Weise."  
            Theatralisch warf sie ihre Arme in die Luft. "Oh, das baut mein Selbstwertgefühl ungemein auf, dass wir sogar zu unwichtig sind, um ausspioniert zu werden." Als niemand auf ihre Vorstellung reagierte, warf sie dem Zwerg resigniert ihr ramponiertes Komlink zu und trottete, Steinchen wegkickend, von uns fort.
            Während ich dem Tuten in der Leitung lauschte, rieb ich mir frustriert übers Kinn, das immer noch schmerzte. Der Unterkiefer knackste unangenehm, aber er war nicht gebrochen. Wenn ich nur wüsste wo wir hier sind... Der Innenhof des maroden, verlassenen Wohnhauses mit dem abgedeckten Dach war von der Natur zurückerobert worden. Überall zwischen den Steinplatten wuchsen Grasbüschel. Vereinzelt sprossen sogar ein paar Blumen hervor. An den Wänden wucherten Efeu und Unkraut um die Wette. So wie es aussah, stand die Bude schon seit einigen Jahren leer. Leider half mir die Erkenntnis kein Stück weiter, denn Hamburg war mit ungastlichen Ecken übersät, in denen keiner mehr freiwillig wohnen wollte. Allerdings galt das nur für Personen, die über eine SIN verfügten. SINlose hingegen ließen sich bevorzugt dort nieder, von wo sich die registrierte Bevölkerung zurückgezogen hatte. Nichtsdestotrotz waren wir allein im Innenhof und niemand zeigte sich uns. Wahrscheinlich hat Alyssas Gezeter alle verscheucht.
            Es knackste in der Leitung. Franks vertrautes Gesicht erschien im Videofenster. Dieses Mal sah er deutlich erholter aus. "Hi! Hast du endlich ne Mütze voll Schlaf bekommen?"          
            "Musste!", lachte er, "Irgendwann kann sogar eine Nachteule wie ich nicht mehr. - Was gibt's denn? Wart ihr in der Bibliothek?" Mein Gesichtsausdruck verfinsterte sich augenblicklich, worauf sein Mund ein lautloses 'Oh-Oh!' formte. "Raus mit der Sprache! Was ist passiert, alter Freund?"      
            Ich seufzte resigniert.
"Man hat uns mit runtergelassenen Hosen erwischt. Vorgeführt wie blutige Anfänger."


***


            ...Während die Besucher in Scharen die Bibliothek verließen, hielten wir Ausschau nach guten Positionen, an denen wir uns auf die Lauer legen konnten. Bevor wir wussten wie uns geschah, tauchten mehrere Bewaffnete aus dem Nichts auf. Keine Ahnung wo sie hergekommen waren. Vermutlich gibt es für normale Besucher nicht erkennbare Zugänge, die von Sicherheitspersonal genutzt werden. Du weißt ja, wie gerne Bücher geklaut werden.       
            Diese Jungs aber waren anders. Normale Wachleute sind unterbezahlt, schlecht ausgebildet und tollpatschig - Zivilversager halt. Die hier aber trugen unter ihren normalen Klamotten Panzerwesten; und die Art und Weise wie sie sich bewegten, verriet mir, dass es sich um Profis handelte. Die Sorte, die für gewöhnlich nicht auf Bücher aufpasst. Mir wurde in dem Moment bewusst, dass ich komplett falsch gelegen hatte. So schnell wie die Reaktion auf den geöffneten Spind erfolgt war, konnte es sich nicht um unseren Unbekannter handeln. Das Schließfach wurde überwacht - und das ließ nur einen Schluß zu:       
            Sie waren wegen dem selben Kerl dort wie wir.           
Wir waren zu überrascht, um auf die Idee zu kommen etwas Dummes zu tun. In Nullkommanichts wurden wir entwaffnet und mit Kabelbindern gefesselt abgeführt. Es ging durch mehrere Seitengänge bis zu einem Raum, an dessen Tür das Schild Nur für Personal prangte. Eine herrlich ruhige Ecke für eine ungeplante Hinrichtung. Kurz: uns ging der Arsch auf Grundeis.
            Auf ein Klopfen hin, kam ein weiterer Typ in Schutzkleidung heraus. Er trug eine Pumpgun bei sich und ließ Hank nicht mehr aus den Augen. Nun kassierten sie unsere Komlinks ein. Zunächsten dachten sie, Largo hätte seins versteckt und drohten ihm eine Ladung Blei zu verpassen, bis er sagte:
"Ich würd's euch ja gerne geben, aber ich fürchte, es ist in meinen Kopf implantiert. Da komm ich grad nicht dran."     
            Der Typ zuckte mit den Achseln, steckte seine Pistole weg und klatschte dem armen Kerl einen Cyberwareblocker an die Schläfe. "Super! Jetzt kann ich nix mehr sehen und hören. Darf ich wenigstens meine Augen und Ohren behalten?" Als Antwort packte ihn der Typ im Nacken und presste ihm die Pistole in den Rücken. Largo blieb danach vorerst still.           
            Nun kam noch ein Kerl dazu, der leichtere Kleidung trug. Warum er keine fette Panzerung brauchte wurde uns schnell klar.
"Dreht die Mädels zur Wand! Die sind erwacht!", befahl er zweien der Männer, die umgehend gehorchten. Magier brauchen für die meisten Zaubersprüche einen direkten Sichtkontakt. Solange Alyssa und Sunetra nur Stein anglotzen konnten, waren sie praktisch wehrlos. Daher ließen sie sich nur widerwillig und unter Fluchen bewegen.    
            Danach gingen wir in den Raum hinein, der sich als staubiges Bucharchiv entpuppte. Dort mussten sich unsere Zauberinnen auf den Boden legen. Sicherheitshalber stülpte man ihnen noch Leinensäcke über. Hank nahm man die Sicht mit einer Augenbinde. Der Pumpgun-Typ fixierte ihn in knieender Position, mit der Stirn an der Wand. Sogar Largo bekam eine Augenbinde, obwohl er eh nichts mehr sehen konnte. Diese Kerle überließen wirklich nichts dem Zufall. 
            Und ich? Ich wurde freundlich dazu aufgefordert Platz zu nehmen. Mir gegenüber saß ein Mann, der auf der Adlernase eine Sonnenbrille trug, die seine kantigen Gesichtszüge noch betonte. Eine Colt Manhunter lag vor ihm auf dem Tisch. Eine unausgesprochene Drohung, falls ich nicht spuren sollte. Er schätzte mich einen Moment lang ab bevor er begann.          
           
"Sie haben die Wahl. Wir können das hier auf die nette, zivilisierte Tour machen oder auf die, die mein Freund hier bevorzugt." Mit einem Kopfnicken deutete er zu dem Magier rüber, der mich wölfisch an griente.           
           
"Ach, lassen sie uns nett anfangen. Wäre doch schade, wenn sich Harry Potter unnötig an mir Aua tut." Des Zauberers Augen verengten sich zu Schlitzen, aber sein Boss zog amüsiert die Sonnenbrille ab.         
            "Für wen arbeiten sie?"         
"Niemanden. Ich bin ohne Auftrag hier."       
            Immer noch amüsiert schnaubte der Anführer ein Lachen und gab dem Magier ein Zeichen. Krachend landete die Faust auf meinem Kiefer und ließ meinen Kopf unangenehm zur Seite rucken. Sternchen tanzten vor meinen Augen auf und ab.
Noch so ein Treffer und ich werde das Bewusstsein verlieren, wurde mir schmerzhaft klar.
            Aber das war nicht die Zeit Schwäche zu zeigen.         
"Der schlägt ja wie ein Mädchen."     
            "Ich frage sie nur noch einmal: für wen arbeiten sie?", sagte der Boss unbeeindruckt.        
           
"Wie ich bereits erwähnte, haben wir keinen Schmidt." Erneutes Nicken, dem ein kräftiger Schlag in die Nieren folgte. Ich musste ein Stöhnen unterdrücken. 
           
"Wir können das den ganzen Abend machen. Ich habe Zeit."
"OK, OK! Ich sehe, einem Mann von ihrem Format kann man nichts vormachen. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass ich keinem offiziellen Auftrag nachgehe."     
            "Und inoffiziell?"         
"Private Ermittlungen, die meine Person und einen Freund bei ARGUS betreffen." Ich dachte mir, dass es an der Zeit wäre zu erwähnen, dass ich gefährliche Freunde habe. Zu gefährlich, um sich leichtfertig mit ihnen anzulegen. Der Name des Geheimdienstes ließ ein Raunen durch den Raum gehen. Alle Wachen wechselten irritierte bis besorgte Blicke.    
           
"Präzisieren sie!"        
"Ein unbekannter Mann hat sich von einem Matrixknoten in der Bib illegal Zugang verschafft. Fragen sie nicht wo - ich werde nicht darauf antworten. Jedenfalls waren wir heute Nachmittag in der Sicherheitszentrale, wo wir hofften Einblick in die Aufzeichnungen der Sicherheitskameras zu bekommen. Sie wissen schon: für eine Identifikation. Und was haben wir gefunden? Irgendein Arschloch hat in der Behörde eine riesen Sauerei angerichtet und mehrere Angestellten umgebracht. Als er uns bemerkte, sprang er aus dem vierten Stock und tauchte in der Menge unter."           
            Etwas blitzte gefährlich in seinen Augen auf.   
"Was wissen sie von der Zielperson?"           
            "Dass er ein kranker, irrer Bastard ist. Er hat sein Opfer in Stücke gerissen und rennt so schnell wie der Teufel Höchstselbst. Wenn sie aber glauben, ich wüsste wer er ist oder wie er ausschaut, dann sind sie auf dem Holzweg. Alles ging viel zu schnell. Soweit ich es sagen kann, ist er voll vercybert und gehört am ehesten dem Metatyp Ork an."           
            Mein Inquisitor dachte kurz über die seltsame Geschichte nach, die ich ihm aufgetischt hatte - und er sah nicht überzeugt aus.
"Und was zur Hölle wollten sie mit der Safety-Drop-Box anstellen?"
            "Nachdem wir in der Sicherheitszentrale nicht weitergekommen waren, sind wir hierher gefahren. Die Bib ist nicht die beste, aber unsere einzige Spur. Aus den Angestellten haben wir rausbekommen, dass ein Typ, der auf die Beschreibung unseres flüchtigen Flugäffchens passt, hier öfters rumhängt und ein Schließfach gemietet hat.     
            Da sind wir neugierig geworden und wollten uns das mal genauer anschauen."     
           
"Ach, was für ein Bullshit!", platzte es aus dem Magier heraus. "Soll ich, Boss?" Er sah seinen Vorgesetzten flehend an. Die perverse Sau hat sich richtiggehend darauf gefreut in meinem Gehirn rumzukramen. - Leider ließ er ihn gewähren. Ich wusste, was mich erwartete: per Geistsonde drang der Kerl gewaltsam in meinen Verstand ein. Ich leiste so wenig Widerstand wie möglich, aber als ich wieder zu mir kam, dröhnte mir der Schädel dennoch. Immerhin bestätigte der Zauberer meine Story: "Du glaubst es nicht, aber der Typ sagt die Wahrheit."         
            Der Boss seufzte und rieb sich die Nasenwurzel zwischen Daumen und Zeigefinger:
"Nun gut... können sie mir etwas geben, warum ich sie am Leben lassen sollte?"         
            Er bluffte. Ich wusste es einfach. Und als er mir in die Augen sah, wusste er, dass ich es wusste. Aber es gab keinen Grund das Spielchen nicht bis zum Ende zu spielen.   
           
"Wir können uns gegenseitig helfen."           
"Sie glauben doch nicht ernsthaft, dass ich mir meinen Sold mit ihrem verlausten Haufen teile?!"           
            "Nein. In diesem Fall arbeiten wir bereits ohne Aussicht auf irgendeinen Verdienst. Das hier ist eine persönliche Angelegenheit."
            Er lehnte sich zurück und verschränkte die Arme.       
"Vielleicht haben sie schon mal vom Mord an Adolphes Ur-Großcousin gehört." Dieses Mal regte sich der Magier. "Sie reden vom Großherzog von Westrhein-Luxemburg?"           
           
"Keinem Geringerem.", entgegnete ich erfreut.         
"Stimmt! Da war mal was in den Nachrichten. Muss ziemlich grausam gewesen sein. Was haben sie mit alldem zu schaffen?"
            "Sagen wir es mal so: die Umstände seines Todes hatten ungünstige Auswirkungen auf meine Karriere. Seitdem hab ich mich an die Fersen einer Person gehängt, die so gut wie keine Spuren hinterlässt. Wir haben Grund zu der Annahme, dass ihre Zielperson entweder mit demjenigen zusammenarbeitet, den wir suchen oder dass beide sogar ein und die selbe Person sind."           
            Heiser lachend erhob sich der Boss von seinem Stuhl, nachdem ihm der Magier erneut bestätigt hatte, dass ich die Wahrheit sprach.
"Ach ihr Vögel habt Glück, dass ich keine Lust hab mir Gedanken zu machen, wo ich eure Leichen verscharren soll. - Schafft sie mir aus den Augen!"  
            Dann verließ er den Raum.       


***


            "Wir wurden in einen Transporter gesteckt und an einem verlassenen Flecken Hamburgs von der Ladefläche geworfen. Bevor sie uns verließen, platzierten sie zwischen uns eine Mine mit Bewegungssensor, die sich nach einigen Minuten selbst deaktivierte. So verhinderten die Kerle, dass wir ihnen folgten."     
            "Ha! Als ob wir dazu in der Lage wären!", höhnte Alyssa aus dem Hintergrund, wofür sie umgehend von Sunetra zurechtgewiesen wuren: "Reiß dich am Riemen, Gaijin! Du generierst mieses Karma."    
            Frank hingegen hatte von dieser kleinen Episode nichts mitbekommen. Dass unser Ego einen empfindlichen Knacks bekommen hatte, war auch so offenkundig. "Hmmm, klingt für mich nicht nach einem Konzernteam. Die hätten euch vorsichtshalber umgebracht, damit ihr ihnen nicht mehr in die Quere kommt. Entweder waren das Leute vom BND oder dem LKA. Runner kommen auch in Betracht, aber die Teams sind nur sehr selten rein menschlich.           
            Wie wollt ihr weiter vorgehen?"         
"Ehrlich gesagt bin ich mir noch nicht sicher, was wir jetzt machen sollen.", antwortete ich niedergeschlagen. Jetzt war es an Sunetra sich einzumischen. Sie zog ihr Katana aus dem Saya auf ihrem Rücken und rief: "Ich bin dafür zurückzufahren und ein paar Hälse zu schneiden!"   
            "In der Stimmung sind wir alle. Aber das hilft uns nicht weiter den Fall zu lösen."  
            "Außerdem wäre es nicht ratsam Staatsdiener umzubringen.", lachte Frank am anderen Ende der Leitung. "Was hat unser Ausbilder damals immer gesagt? Wenn du das Ziel nicht finden kannst..."
            "... dann finde mehr über es heraus!", beendete ich den Satz, den wir gefühlte tausendmal gehört haben mussten. "Der Typ ist voll vercybert und verfügt über eine Ganzköperdermalpanzerung. Eigentlich müsste er auffallen wie ein Paradiesvogel."          
            Franks Gesicht hellte sich auf. "Geh dieser Spur nach, Hendrik! - Oh, und halte mich auf dem Laufenden! Viel Glück!"
            Kaum hatte ich aufgelegt kam vor uns ein Bus unter gequältem Quietschen zum Stehen. Wir stellten uns der hoffentlich letzten Demütigung des Tages und stiegen ein.


***


            Während der Busfahrt klapperten wir unsere Kontakte ab und forderten ein paar Gefallen ein. Aufgrund seines Aussehens gehörte der Mörder aller Voraussicht nach zur Cyberfetischszene - eine Gruppe von Leuten, die sich nicht deshalb Geräte implantierten, weil sie mit den Maschinen verlorene Körperfunktionen wiederherstellen mussten, sondern weil ihnen einer darauf abging möglichst roboterhaft und anders zu sein. Tatsächlich verlor man mit jedem Stück, das man sich einbaute, mit jedem Körperteil, der ersetzt wurde, mehr und mehr Menschlichkeit, bis man zu einem willenlosen Zombie wurde - natürlich nur, wenn man nicht aufpasste.         
            Wir mussten uns also mitten ins Herz der hanseatischen Cyberfetischszene begeben: dem Empire auf der Reeperbahn. Wenn wir irgendwo fündig würden, dann hier! 
            Der Laden war, um es auf ein Wort zu reduzieren, bizarr. Er vereinte Musikclub, Muckibude, Ausstellungsraum, Chilloutzone und Gelegenheit zum Swingen, sofern man auf den etwas anderen Sex steht. Hier ging es definitiv nicht normal zu, sogar nach den Maßstäben der Erwachten Welt durfte man das hiesige Treiben pervers nennen.       
            Wie es sich für einen solchen Laden gehörte, wurde er von einer nicht minder schillernden Person geleitet: der Alien-Queen. Niemand weiß mehr wie die ehemalige Shadowrunnerin mit bürgerlichem Namen geheißen hatte. Den hatte sie schon vor langer Zeit abgelegt. Sie lief in ihrem Club immerzu nackt herum, lediglich gekleidet in die pechschwarze Dermalpanzerung, mit der sie ihre natürlich Haut hatte ersetzen lassen. Doch damit endeten ihre Modifikationen nicht. Alle Gliedmaßen waren durch Implantate ersetzt worden. Besonders die nach hinten abgewinkelten Beine und der eineinhalb Meter lange, breit geschuppte Alligatorschwanz, der als Fortsatz aus ihrem Rückenende am Steiß wuchs, verliehen ihr ein echsenhaftes Aussehen. Von Schultern, Rückenpartie und den Seiten der Stirn wuchsen Dornen, die es dem Betrachter noch schwieriger machten, sie als Mensch zu identifizieren. Obwohl sie sich solch umfangreichen Modifikationen unterzogen hatte, war sie kein Roboter geworden und führte das Empire mit eiserner, aber zugleich auch charmanter Hand. Die Queen besaß nämlich die seltene Gabe nahezu jeden um den Finger wickeln zu können. Mit einer solchen Frau legt man sich besser nicht an. Zum Glück wollten wir lediglich mit ihr reden. 
            In einen solch exklusiven Club wie das Empire kommt man natürlich nicht einfach so rein. Ganz besonders nicht, wenn man nicht zur Szene gehört. Wir ließen der Alien-Queen Grüße von Karl Weiland überbringen, einem Cyberkampfsportler dem wir mal das Leben gerettet hatten. Der Bodyguard lauschte kurz seinem Komlink und ließ uns dann anstandslos rein.    
            "Geht geradeaus und steigt bei der Cocktailbar links die Treppenstufen zur Empore hinauf. Die Königin erwartet euch dort." Gewissenhaft folgten wir den Anweisungen, aber es war schwierig nicht vom Weg abzukommen. Zu faszinierend war der Anblick in dem Laden, der von den verschiedensten, exotisch ausgestatteten Chromwesen bevölkert war. Die Empore befand sich über der Tanzfläche, die ein Pärchen.. was-auch-immer, ausgiebig dazu nutzte, sich Dinge in Körperöffnungen zu schieben, während andere ausgelassen groovten und um sie herum tanzten. 
            "Ieehhhh!", stieß Sunetra angeekelt aus. "Das ist ja widerlich."       
            "Jepp! Aber wie ein Unfall - man kann einfach nicht weggucken.", brummte Hank und schüttelte sich. Unter Technobeats und Lasergewitter, beobachtet von mehreren misstrauischen Gästen, stiegen wir schließlich die Stufen hinauf. Dort fanden wir sie. Eingerollt, von ihrem eigenen Schwanz umschlungen, lümmelte sie in der Kuhle eines geschmiedeten Sofas und streichelte mit ihren Klauen einer jungen Frau sanft durch das Haar. Irritierender weise ließt ihr gedankenverlorener Blick offen, ob sie gedachte die Kleine zu Küssen oder doch eher aufzufressen. Die Tante wird mir von Sekunde zu Sekunde unheimlicher.    
            Als sie uns schließlich bemerkte, nahm sie die Augen nur halbherzig von ihrem notdürftig bekleideten Spielzeug und winkte uns gelangweilt herüber. "Guten Abend!", begrüßte ich sie mangels einer einfallsreicheren Anrede. Sofort erhob sich das Mädel und sah uns nacheinander an.
            "Willkommen im Empire. Was wünschen s...?", mit einer zärtlichen, fast beiläufigen Berührung an ihrer Hüfte, unterbrach die Alien-Queen sie. "Lass gut sein, Trisha! Ich erledige das selbst. Geh und genieße die Party!"       
            Ein Lächeln umspielte ihre Mundwinkel und ein seltsam entrückter Glanz belegte ihre Augen. Nein, ich will gar nicht wissen, was sie unter einer guten Feier versteht. Trisha deutete eine dezente Verneigung an. "Danke, meine Königin. Mit Vergnügen."
            Fröhlich huschte sie die Treppen herunter und verwand von der Bildfläche, während Alyssa ihr hinterher sah. Genau dein Typ, wie!? Als sich die Magierin wieder umdrehte, zuckte sie kurz zusammen. Wenige Zentimeter vor ihrem Gesicht, verharrte der Kopf der Hausherrin, die sie aus klugen Augen musterte. Die einzigen Körperteile, die sich noch im original Auslieferungszustand zu befinden schienen. "Wenn du willst, kann ich euch miteinander bekannt machen."           
            Hitzige Röte krabbelte unter Alyssas sonst sehr helle Haut. "Ähm, nein. Aber danke fürs Angebot."          
            Mit einem Lächeln auf den Lippen trat die Königin einen Schritt zurück. "Nun, meine Damen und Herren, was führt Fleischsäcke, wie sie in mein bescheidenes Etablissement? Sind sie auf der Suche nach ausgefallenen Modifikationen?" Sie ging zu Sunetra herüber. "Du, meine mandeläugige Schönheit wärst noch umwerfender, wenn du dich von diesen ineffizienten Armen befreien würdest."       
            "Sorry, ich muss aus beruflichen Gründen passen.", gab die Elfe in neutralem Tonfall zu Protokoll. In gespielter Enttäuschung bohrte die Maschinenfrau nicht weiter nach. "Wie geht es eigentlich Karl? Ich wundere mich, warum er mich nicht selber anruft, statt über Lakaien Grüße auszurichten. Ist er über die Sache in Dresden immer noch nicht hinweg? - Oder haben sie noch ein weiteres Anliegen?"      
            Sie spielt mit uns. Ach was! Die spielt die mit jedem, der sich in ihr Netz wagt. Sie ist die Spinne, die die Fäden zieht. Vergiss das nicht, Hendrik!        

            "Karl geht es sehr gut. Sein Geschäft brummt - zumindest behauptet er das. Allerdings sind wir keine seiner Zuträger. Er hat sie uns empfohlen, da wir auf der Suche nach jemanden sind, von dem er glaubt, dass sie ihn kennen könnten."       
            Neugierig kam sie zu mir. "Unsere Zielperson ist voll vercybert, verfügt über eine Dermalpanzerung, ist schnell wie der Wind und nimmt beim Springen mehrere Stockwerke auf einmal. Klingelt da was bei ihnen?"      
            "Sie haben gerade die Auswahl auf fünfhundert Leute eingegrenzt. Können sie detaillierter werden?"      
            Sunetra lachte laut auf: "Ja, er trägt eine Ares Chrom-Badekappe." Es war so wenig ihres natürlichen Gesichts übrig, dass man es nicht genau sagen konnte, aber ich hätte wetten können, dass ihre Majestät die Stirn runzelte. Um ihr auf die Sprünge zu helfen, zückte ich das Bild, das wir gemacht hatten. Ihre Augen weiteten sich ein wenig. Sie erinnerte sich. Volltreffer!, frohlockte ich innerlich.   
            "OK, ich helfe ihnen. Aber ich verlange eine Gegenleistung."
"Wie wär's denn mit einem romantischen Abend mit unserem Kleinen hier?", fragte Alyssa grinsend und zeigte auf Hank, der den zugespielten Ball souverän annahm. Er korrigierte den Sitz seiner Hose und warf sich in Pose. "Endlich ein Weib, bei dem ich mich nicht zurückhalten muss. Keine Angst, Schätzchen! Ich hinterlasse auch kaum Dellen in deiner Kiste." 
            Etwas aus dem Konzept gebracht, musterte die Alien-Queen den stämmigen Troll eingehend und lehnte vorsichtshalber ab. "Nein danke. Zu viel Fleisch dran."         
            "Ich gehe mal davon aus, dass ihnen unsere ewige Dankbarkeit nicht genug sein wird. Wenn es um Geld geht: Nennen sie einfach ihren Preis!", sagte ich.  
            "Geld interessiert mich nicht.", begann sie, legte aber eine dramatische Pause ein, bevor sie in verschwörerischem Tonfall fortfuhr. "Penunsen habe ich genug. Mich interessieren mehr die Dinge, die man nicht für Geld kaufen kann."     
            Wenn sie von uns Wetwork verlangt, sind wir draußen - und damit wieder ganz am Anfang unserer Suche.   

            "Sie sollen niemanden umbringen. Falls sie so etwas befürchten, dann seien sie beruhigt. Für solche Aufgaben habe ich zehn an jedem Finger, die sich mit einem Lachen auf das Ziel stürzen würden." 
            Kann die Alte Gedanken lesen?           

"Ich habe schon viel von den Wild Cards gehört."    
            Woher weiß sie wer wir sind?   

Die Alien-Queen lächelte mich an. "Klappen sie ihren Mund wieder zu, Herr Summerset! Das sieht dämlich aus. Haben sie etwa gedacht, ich lasse jemanden ins Empire, den ich nicht kenne?" Sie ließ den Gedanken kurz bei uns sacken. "Jedenfalls sind ihre Talente selten in einem Gewerbe, in dem es nur so vor gewissenlosen, egomanischen Halsabschneidern und großkotzigen Freizeithelden wimmelt. - Ich gebe ihnen die gewünschten Informationen. Dafür habe ich einen Gefallen bei ihnen gut.          
            Irgendwann werde ich sie anrufen und um etwas bitten, das sie dann ohne Diskussionen erledigen werden."           
            Da wir keine große Wahl hatten stimmten wir ihren Bedingungen zu. Erfreut zeigte sie auf das Foto vom Tatort. "Dieser Mann heißt Sven Nider. Oder besser gesagt hieß er mal so, als wir uns noch regelmäßig trafen." 
            "Warum haben sie den Kontakt abgebrochen?", wollte Largo wissen. Die Königin zog einen Flunsch. "Er ist vor ein paar Jahren gestorben. Zumindest dachte ich das.        
            Er war von der ganz extremen Sorte. Runner, Cyberkombatsportler, Model für Modifikationen... Er ist bei einer OP gestorben. - So wie es aussieht war das eine Falschinformation."
            "Es ging um eine Modifikation, oder?", fragte der Zwerg.
"Ja." Sie seufzte. "Sven war bereits merklich eingeschränkt, was seine menschliche Seite anging. Aber er wollte immer mehr."
            "Super! Ein Cyberzombie.", stöhnte die japanische Magierin an meiner Seite.        
            "Richtig. Es war das berühmte eine Implantat zu viel.          
Er hat sich als Testsubjekt bei der Firma Third Life freiwillig gemeldet, um von seinem Verstand ein Backup anlegen zu lassen. Sein Körper wurde dabei in Stase gehalten."
            Ich erinnerte mich, dass der zweite Matrix Crash von 2064 bewiesen hatte, dass so etwas prinzipiell technisch möglich ist. Damals hatte sich die Künstliche Intelligenz Deus in die Gehirne mehrerer Decker heruntergeladen und kontrolliert sie. Nachdem die Schäden des Crashs beseitigt worden waren, schossen Firmen wie Third Life wie Pilze aus dem Boden. Genauso schnell jedoch verschwanden sie auch wieder, denn keiner konnte ein sicheres Verfahren entwickeln, mit dem sich der Verstand dauerhaft konservieren ließ.           
            "Ich vermute, dass es jemanden gelungen sein muss, Sven wieder zu reaktivieren. Entweder mit dem Backup. Oder man benutzt lediglich seinen Körper."  
            Largo kratzte sich am struppigen Kinnbart. "Sie meinen, dass er wie eine Drohne eingesetzt wird?"        
            Meine Nackenhaare richteten sich elektrisiert auf. "Vielleicht ist Sven nur einer von vielen. Der Stalker könnte überall auf der Welt Körper als Fahrzeuge geparkt haben. Darum kann er sich so schnell zu den unterschiedlichsten Orten bewegen. Er müsste sich nur über die Matrix aus- und einloggen."   
            "Stalker?!", fragte die Alien-Queen verdutzt, aber ich winkte ab. "Lange Geschichte! Können sie uns irgendwelche Daten von Sven geben?"         
            "Nun, ich hab in der Kundendatei sich noch ein Foto und die alte Adresse."           
            "Bist du sicher, Hendrik?", mischte sich Alyssa ein, "Findest du das nicht etwas weit hergeholt?" 
            "Zugegeben: Ist nur eine Theorie. Aber es würde einiges erklären. Wenn er aus der Matrix angreift wie neulich, muss er Maschinen benutzen. Was er im OP angestellt hat, ging nur mit Hilfe der Operationsroboter. Außerhalb eines solchen Raums wird's schwierig so etwas durchzuführen. Aber wenn ihm die Körper von bestimmten Personen als Vehikel zur Verfügung stehen, macht es endlich Sinn wie er auf einem fürstlichen Ball und auf dem Klo einer Hamburger Spelunke seine Opfer filetieren konnte.
            Außerdem muss ja auch irgendjemand das Paket mit dem rausgerissenen Herz auf der Rückbank meines Rover abgelegt haben. Durch die Matrix geht das nicht."     
            "Ein Herz in einem Paket? Das finde ja sogar ich widerwärtig.", schnaubte die Alien-Queen entsetzt.        
            "Tja, willkommen in unserer Welt, Verehrteste."




1 Kommentar: