Mittwoch, 16. Oktober 2013

Unterm Messer



Kapitel 3 - Industrial Light & Magic 

Wie zu erwarten war Sven Niders alte Wohnung in Altona inzwischen wieder weiter vermietet worden. Eine blondierte und in den wildesten Farben gesträhnte, buntblusige Blödblinse namens Samantha Biwack glotzte debil aus der offenen Tür, als Sunetra und Lightning ihr als Reporter auf Storyhatz einen Besuch abstatteten. Dafür, dass wir uns mit dieser Nummer keinerlei Ergebnisse erhofft hatten, wurden wir reichhaltig entlohnt. Unser vercyberter Unbekannter hatte scheinbar keine lebenden Verwandten mehr gehabt, die hätten beerbt werden können. Vielleicht wusste man aber auch bloß nicht, wen man hätte informieren müssen. Jedenfalls hatte Frau Biwack noch eine große Kiste mit Krempel ihres Vormieters im Keller stehen und war froh sie den Journalistinnen von der Zeitschrift Critter & Hund für ihre Reportage über einen Großwildjäger, der ein Veteran der Eurokriege gewesen war, mitgeben zu können. Die Geschichte war so blöd, dass sie nicht mit einem einzigen Wort in Frage gestellt wurde. Sowas kann man sich einfach nicht ausdenken.        
           
Auf dem Weg zu einer Imbissbude durchstöberten wir auf der Rückbank den Inhalt der Kiste. Neben zwei Pokalen, die Sven Nider bei Körperverbesserungs-Bodybuilding-Wettbewerben gewonnen hatte, diversen Fotoalben mit professionell angefertigten Bildern seiner Cyberimplantat-Modelkarriere und Tand aus Shadowrunner Zeiten, befanden sich auch eine Reihe von Unterlagen darin. Unter Gehaltsabrechnungen, Urkunden, Behandlungs- und Wartungspläne seiner Körpermodifikationen, Kontoauszüge, nie eingelöste Rezepte für Medikamente zur Unterdrückung von Abstoßungsreaktionen, trollte ganz unten eine Durchschrift des Vertrags mit Third-Life-Inc.. Das war es, was wir gesucht hatten.    
    
            Die Alien-Queen hatte uns also keinen Bären aufgebunden, als sie uns erzählte, dass Nider sich mit einer dieser obskuren Seelenbanken eingelassen hatte.   

            „Den Wisch hat er in Hamburg unterschrieben.“, stellte Alyssa nach eingehender Untersuchung fest. Forsch stupste ich Largo an, der, in die Systeme des Toyotas versunken, aus dem Mundwinkel sabberte. Mit einem schnarchigen Grunzen zuckte er zusammen, blinzelte ein paar Mal und fuhr sich mit dem Handrücken über die Futterluke.      
            „Hä!?“ 
„Was hast du über Third-Life rausfinden können? Oder warst du für eine Matrixsuche zu beschäftigt mit Christine?“           
            Mit der Verachtung eines Meisters gegenüber einem zurückgebliebenen Schüler, der kaum fähig war die dummen Fragen, die er hatte, in Worte zu kleiden, winkte er belustigt schnaubend ab: „Hendrik! Ich brauche im vollen VR nicht mal ein Achtel meines Frontallappens, um diese Kiste sicher von A nach B zu bringen. Ich hatte schon alle Infos über die Firma zusammengetragen, als ihr noch die schnöseligen Wanderpokale von dem Typ durchgegangen seid.“  
            „Ja, ja! Wir sind Asche! Wir sind unwürdig – Oh, Binäro! Großer Meister der Einsen und Nullen! – Also raus mit der Sprache! Was hast du rausgefunden?“   
            Einen Moment lang bedachte mich der Zwerg mit einem mitleidigen Blick, bevor er sich erbarmte: „Na, OK! Third-Life ging noch vor seinem zweiten Geburtstag seit Gründung pleite. Der Laden ist also schon seit über acht Jahren dicht. Nach dem Crash 2.0 gab es kurzfristig einen Run auf Unternehmen, die Backups von Persönlichkeiten mit all ihren Erinnerungen anboten. Ich fand das damals schon schwachsinnig und bin froh für den Quatsch kein Geld zum Fenster rausgeworfen zu haben.       
            In der ersten Euphorie expandierte Third-Life wie ein rasch wachsender Tumor und öffnete mehr als sieben Filialen in den ADL. Neben Stuttgart, München, Frankfurt und Leipzig gab es selbstverständlich auch eine in unserer schönen Hansestadt.“
            „Schön hässlich, meinst du wohl?!“, stänkerte Hank auf dem Rücksitz und wurde dafür vom Rigger ignoriert. „Im Nordosten von Pinneberg entstand in der Post-Crash-Ära ein neues Industriegebiet, wo sich Third-Life angesiedelt hat. Da man dachte auf eine Goldader mit einem zukunftsträchtigen Produkt gestoßen zu sein, hat man sogleich Wartungsverträge mit Laufzeiten von über einem halben Jahrhundert geschlossen.“        
            „Naja, macht Sinn, wenn man sicherstellen will, dass die Aufbewahrung der Daten auch gewährleisten ist.“ Largo stimmte unserer Teamelfe mit einem Nicken zu. „Nach der Pleite fand sich kein neuer Investor oder ein Käufer der Grundstücke und Immobilien. Heute ist niemand mehr da, der eine Herausgabe der Backups durchführen würde, aber dafür werden die Wartungsverträge mit deutscher Gründlichkeit erfüllt.“       
            Im Bestfall bedeutete dies, dass wir vollkommen ungestört herumschnüffeln konnten. „Wir sollten uns in Pinneberg umsehen!“
            „Ach, Großer!“, seufzte Largo übertrieben gequält und grinste mich an, „Was meinst du denn, wo wir schon die ganze Zeit hinfahren?“


***


            Die Fahrt zu unserem Ziel zog sich elend in die Länge. Nachdem wir den Stadtkern hinter uns gelassen hatten, wurde die Landschaft immer wieder von brach liegenden Feldern durchbrochen. Niemand wäre auf die Schnapsidee gekommen hier etwas anzubauen. Die Schwarze Flut hatte hochgiftigen Schlamm zurückgelassen, der die ursprüngliche Vegetation verändert hatte. Das Gras, das seitdem hier wuchs, war von lederartiger Beschaffenheit und glomm nachts in einem unheimlichen Grün. Nicht selten traf man auf Pflanzen, die sich aktiv mittels Toxinen ihres Blattwerks erwehren konnten. Über Nesseln, die Quallen ähnelten, an Stiel und Unterseite der Blätter injizierten sie allem, was sie fressen wollte, ihr Gift. Eine heimische Pilzsorte jagte angeblich auf diese Weise ihre Nahrung und nur wenige Critter hatten sich den Bedingungen in dieser Gegend, die zur Küste hin immer gefährlicher wurde, angepasst und konnten den Drek fressen, der hier wuchs.       

            Zwischen den Feldern mit phosphoreszierendem Gras, niedrigen, verkrüppelten Bäumen, mordlustigen Farnen und dornigen Hecken wuchsen die Industrieanlagen empor, für die Pinneberg bekannt war. Da die hiesige Flora und Faune eh nicht mehr zu retten war, beschwerte sich auch niemand, wenn man das eine oder andere Schwermetall ins Grundwasser leitete. Dass man dadurch die Bildung von toxischen Geistern begünstigte, wurde von den Konzernen billigend in Kauf genommen. Dafür hatte man ja Magier, die den Biestern bei Bedarf einheizten.   
            Im äußersten Zipfel Pinnebergs waren die jüngsten Industrieviertel, die erst in den Sechzigern entstanden waren. Dementsprechend waren Gebäude wie Straßen in tadellosem Zustand. Gut – der Smog vernebelte einem regelmäßig die Sicht, aber zum Sightseeing waren wir zum Glück nicht dort.          
            Vorbei ging es an vollautomatisierten Fertigungsanlagen, Kolonnen mit beladenen LKWs, Verwaltungsgebäuden, Lagerhallen, kleinen Kiosken, ranzigen Fressständen und Stuffer Shacks. Insgesamt herrschte zwar reger Betrieb, aber lebendige Zeitgenossen waren nur wenige unterwegs. Roboter erledigten die meiste Arbeit. Das konnte unserem Vorhaben nur zuträglich sein.
            So kamen wir am frühen Abend endlich bei Third-Life-Inc. an. Bis auf das kniehoch stehende Gras sah das menschenleere Gelände gepflegt aus. Noch immer wurde die Einrichtung mit Strom versorgt, denn von den ersten beiden Buchstaben abgesehen, die sich dem Zahn der Zeit ergeben hatten, hieß uns der leuchtende Schriftzug der Firma willkommen.     
            „Ich kenn ‘nen schnellen Weg rein!“, tönte Hank selbstbewusst und machte Anstalten den Maschendraht-Zaun zu zerrupfen. Doch Alyssa hielt ihn im letzten Moment auf. „An deiner Stelle würde ich das lassen.“ Sie zeigte auf die Überwachungskameras, die das Gelände bewachten und den Blick langsam aber gleichmäßig schweifen ließen. Der Troll mochte ungehobelt und etwas einfach gestrickt sein, aber er war nicht dumm.         
            „Drek! Auf dem Zaun ist dann bestimmt auch noch Strom.“
Er sah zu mir herüber. „Wie sollen wir jetzt rein ohne Alarm auszulösen? Klingeln etwa?“
            Ich zuckte mit den Achseln. „Warum eigentlich nicht?!“
Sprachs und schlenderte zum verschlossenen Eingang. Auf das erste Klingeln folgte keine Reaktion, also probierte ich es wieder und wieder. Largo kratzte sich die behaarte Backe. „Mich wundert es nicht, dass noch alles läuft. Ohne Strom funktionieren weder die Backups noch die Kryoeinheiten im Lager.“
            „Du meinst, die haben auch die physischen Teile ihrer Kunden aufbewahrt?“         
„Laut Vertrag von diesem Nider hat er beide Optionen gewählt – für den Fall, dass ein Backup aus welchen Gründen auch immer gerade nicht möglich ist.“         
            Unter den allergröbsten Umständen konnte das also bedeuten, dass wir neben dem Datenpaket auch den Körper des Mörders oder wenigstens die geöffnete Stasiskapsel finden konnten. Damit würden sich wundervolle neue Möglichkeiten der Spurensuche ergeben. Wir müssen da unbedingt rein!    
            Plötzlich krachte es blechern in der Gegensprechanlage. Eine raue Stimme fuhr mich barsch an: „Ja, was wollnse?“        
            Überrascht räusperte ich mich und gab meiner Stimme einen zunächst verunsichert höflichen Klang. „Ähm, guten Tag der Herr. Ich bin wegen dem Nachlass meines Onkels hier. Er ist verstorben und…“    
            „Und warum belästigen sie mich damit?“      
Meine Rolle musste nun verdutzt inne halten. Mit Widerstand hatte der Neffe nämlich nicht gerechnet. Nach einer Pause sich ausdehnender Stille fuhr ich fort: „Dies ist doch Third-Life, oder nicht? Mein Onkel hat ihren Service gebucht und ich verlange die Herausgabe seines Nachlasses!“         
            „Ach… ähm… da müssen sie im Hauptbüro in der Innenstadt nachfragen!“
„Von dort kommen wir doch gerade!“, schnappte ich nun deutlich selbstsicherer, mit einer Prise Empörung über diese bürokratische Viehtreiberei. „Man hat uns direkt zu ihnen geschickt! Also was denn nun?“
            Nun wütete irritiertes Schweigen am anderen Ende der Leitung. „Was?! – Das kann doch gar nicht sein… öhm.“            
            Treffer! Schiff versenkt!           
Plötzlich fiel dem Kerl auf, dass er drauf und dran war sich zu verplappern, und verhaspelte sich im Versuch sein Mundwerk zu stopppen.         
            „Doooooch! Halten sie mich etwa für beschränkt?!“, insistierte der trauernde Neffe.         
„Hören sie!“, entgegnete mein Gesprächspartner versöhnlich. „Es tut mir sehr leid, aber ich kann ihnen nicht helfen. Ich bin lediglich der Hausmeister und putze hier nur ab und an mal durch. Außerdem gibt es hier keine Daten mehr, die ich ihnen geben könnte.“
            Lügner!
„Nein! Guter Mann, ich bin nicht den weiten Weg hergekommen, nur um unverrichteter Dinge wieder abzuziehen.“           
            „Was soll ich ihrer Meinung nach denn machen?“ Seiner Stimme war nun der Stress anzuhören, unter dem er stand. „Ich hab nicht mal für alle Räume einen Schlüssel und kann sie nicht da reinbringen.“       
            „Bitte?! Was sind sie denn für ein Hausmeister, wenn sie noch nicht einmal über den Generalschlüssel… - Ach mir reicht es! Ich ruf jetzt ihren Boss an. Dann können sie was erleben!“   
            „Ach leck mich…!“, fluchte er pampig und unterbrach dann die Verbindung. Die Sicherheitskameras beobachteten mich allerdings weiter. Na egal. Ich hab sowieso nicht mehr damit gerechnet, dass er uns rein lässt. „Es ist was faul im Staate Dänemark.“          
            Hank. der etwas abseits stand, pflichtete mir bei. „Glaub nicht, dass der Scheißer alleine ist.“       
            „Darauf kannst du einen lassen, Kleiner!“ Alyssas astrale Projektion war in ihren Körper zurückgekehrt, woraufhin sie sich aus dem Schneidersitz erhob. Feiner Split knirschte dabei unter ihren Schuhen. Sie streckte sich ausgiebig, bevor sie ihre Ergebnisse mitteilte: „Im vorderen Bereich des Gebäudes sind sechs Personen. Einige sind vercybert. Ob noch jemand da drin ist, kann ich nicht sagen, weil in den Wänden um die eigentliche Anlage sind Magieblocker – und wie ihr sehen könnt, wächst außen Efeu. Da komm ich nicht durch.“  
            Als wäre das noch nicht Grund genug gewesen, den Laden aufzumischen, meldete sich just in diesem Augenblick Largo, der an unserem Wagen stand. „Hey Leute! Ich hab mal auf Verdacht die Hausmeisterfirma angerufen. Ihr wisst schon: die, mit denen Third-Life einen Vertrag hat. Die sagen, dass sie seit über drei Jahren niemanden hergeschickt hätten. Laut deren EDV ist dieser Auftrag an einen Subunternehmer outgesourced worden. Wer das veranlasst hatte, konnte mir die Sachbearbeiterin leider nicht sagen.“     
            Was auch immer in den Hallen der Seelenbank vor sich ging, wir mussten da hinein – koste es, was es wolle. Irgendwo dort drin lagen die Antworten, die wir dringend benötigten. Ich überlegte, welche Möglichkeiten uns zur Verfügung standen. Eine Idee begann in meinem Hirn zu keimen. Es wäre zwar mit einer Menge Krach verbunden, aber es dämmert schon. Die Arbeit in den umliegenden Fabriken wird hauptsächlich von Robotern und automatisierten LKWs erledigt. Bei den Bullen rufen die nicht an, wenn es kurz laut wird. – Ha! Selbst wenn. Ist ja nicht so, dass wir noch eine andere Spur hätten.    
            „Largo, wir haben nicht zufällig die Wolfspinne dabei, oder?“
Sofort strahlte der Zwerg übers ganze Gesicht und rieb sich erwartungsvoll die Hände. „Du meinst, ich darf endlich mal so richtig die Sau raus lassen?“         
            „Es ist unklar, wie stark unser Gegner wirklich ist. Wir können jede Verstärkung gebrauchen. Abgesehen davon wüsste ich nicht, wo wir in Hamburg ungestörter wären als hier.“
            „YES!“, jubelte der Rigger. Seine gute Laune steckte uns alle an. „Dann pack aus!“, forderte Alyssa ihn auf.           
            Nun hielt er inne und begann herumzudrucksen: „Äh… ja. Gleich! Ich hab nicht mehr daran geglaubt, dass wir sie jemals außerhalb von Kriegsgebieten einsetzen würden. – Ich… äh, fahr sie holen.“ Ohne uns Gelegenheit zu geben noch etwas zu erwidern, flitzte er wieder zum Auto zurück. Sunetra lachte aus vollem Halse: „Hank, fahr besser mit ihm, bevor er sich noch vor lauter Vorfreude verfährt!“  


***


            Die Fahrt nach Pinneberg hatte fast eine halbe Stunde gedauert. Also stellten sich die restlichen Wild Cards auf eine längere Wartezeit ein. Bevor auch das letzte Sonnenlicht verschwunden war, nutzte Sunetra die Gelegenheit und sah sich auf der Rückseite des Grundstücks um. Als sie ihre Untersuchung abgeschlossen hatte, kehrte sie zu Hendrik und Alyssa zurück. Wie so oft in den Wochen seit Cones Tod zankten sie sich über Kleinigkeiten. Hoffentlich legt sich das bald wieder, bevor die mir noch den letzten Nerv rauben. Als sie das Rascheln ihrer Schritte im hohen Gras, das den Zaun umstand, hören konnten, drehten sie sich um.           
            „Hinten sind auch Kameras. Da kommen wir nicht ungesehen rein.“          
„Scheiße!“ Alyssa stopfte sich verärgert die Hände in die Hosentaschen und legte die Stirn in Falten. „So viel zum Überraschungsmoment.“      
            Wie aufs Stichwort erklang das Dröhnen eines LKW Motors in der Ferne. Durch die Dunkelheit der Nacht, die mittlerweile hereingebrochen war, frästen sich Scheinwerfer die Straße hinauf, geradewegs auf ihre Position zu. Um nicht aufzufallen, taten die Shadowrunner, als wären sie Arbeiter auf dem Weg nach hause. Gemächlich schlenderten sie den Trottoire entlang, behielten dabei aber immer den Neuankömmling im Blick. Im Gegensatz zu den Fahrzeugen, die sie hier bislang gesehen hatten, saß jemand am Steuer. Das war ungewöhnlich. Auf ihrer Höhe verlor der LKW an Fahrt und bog in die Einfahrt von Third-Life ein. Das Fenster wurde heruntergelassen. Ein junger Ork beugte sich hinaus und betätigte die Klingel. Nach einigen Worten, die er mit dem ‚Hausmeister‘ gewechselt hatte und die wir nicht verstehen konnten, hob sich die Schranke und ließ ihn herein.          
            „Habt ihr auch das Tattoo auf seinem Hals gesehen?“, fragte Lightning. Sunetra nickte. „Ja, es sah wie eine Kompaßnadel aus.“
            „Russische Gangs benutzen das Motiv gerne.“         
Hendrik zeigt seine Zähne als er wölfisch grinste. „Das wird ja immer besser. Ganger sind leichtere Opfer als ausgebildete Soldaten.“         
            „So Opfer haben Cone gegangt.“, zischte Alyssa giftig in seine Richtung. Iron zog den Mund schief und gab sein Bestes sie zu ignorieren. Statt ihr zu antworten, schlich er sich zum Zaun zurück und beobachtete den Transporter, der an der Laderampe rückwärts eingeparkt hatte.  Der Ork war inzwischen ausgestiegen und begrüßte jemanden, der das Tor des Lagers hob. Zusammen holten sie etwas aus dem Anhänger des LKWs heraus. Viel länger waren sie danach mit Beladen desselben beschäftigt. „Ich würde zu gerne wissen, was die da treiben.“, murmelte Iron gedankenverloren. Sunetra stimmte ihm im Stillen zu und öffnete ihre Jacke.       
            „Was hast du denn vor?“       
Sie kramte ihre schallgedämpfte Maschinenpistole hervor und lud durch. „Kommt mit! Ich habe eine Idee, wie wir da reinkommen.“
            Das Beladen schien sich seinem Ende zuzuneigen, denn der Fahrer verabschiedete sich lautstark von seinem Kumpel. Geduckt schlich die Elfe mit ihren Freunden vom Zaun weg und führte sie einige hundert Meter die Straße hinunter, wo sie ein Versteck zwischen Müllcontainern fanden. „Sobald der LKW stehen bleibt, müsst ihr den Fahrer überwältigen, damit er keinen Alarm schlagen kann.“          
            „Nichts einfacher als das, Süße!“ Lightning zog eine Augenbraue hoch und ließ kleine Blitze auf ihren Fingerkuppen tanzen.            
            „Da! Er kommt!“ Hendrik zeigte in die Richtung, aus der sich das bekannte Brummen des LKWs näherte. Zeit in Position  zu gehen. Vorsichtig lugte sie über den Rand des Containers und suchte über Kimme und Korn ihr Ziel. Unterdessen pressten sich hinter ihr Alyssa und Iron an den nächsten Müllbehälter und bereiteten sich darauf vor aus der Nische zu sprinten.          
            In zügigem Tempo rollte der Truck die Straße entlang. Hast es wohl eilig, wie?! Sunetra neigte ihren Kopf etwas mehr, um eine bessere Sicht auf das Ziel zu bekommen. Zur Stabilisierung stellte sie die Beine weiter auseinander und lehnte sich gegen den Container. Selbst wenn der Fahrer von ihrer Anwesenheit gewusst hätte, wäre die Magierin nur schwer im Halbdunkel zwischen den Straßenlampen zu entdecken gewesen. Doch so fuhr er unbesorgt weiter, nichts Böses ahnend. 
            Mit dem Daumen der Abzugshand schaltete Sunetra auf Feuerstoß um und verfolgte mit der Maschinenpistole den vorderen rechten Reifen des Vehikels. Ein letztes Mal atmete sie ein, hielt die Luft an, wartete zwei Sekunden und krümmte den Zeigefinger.
            Unter gezischelten Plopp-Geräuschen  ging die Salve auf Reise. Mehrere Projekte schlugen in das Ziel ein, aber erst die letzte Kugel brachte den Reifen zum Platzen. Mit einem lautem Knall zerbarst das Profil. Ruckartig begann der Truck zu Schlingern. Das Letzte, das die Elfe noch erkennen konnte, bevor der LKW an ihr vorüber war, war die Panik in den Augen des Orks, der hektische Versuche unternahm, die Kontrolle über das Fahrzeug zurückzuerlangen.     
            Er versagte.    
Von jetzt auf gleich blockierte auch der linke Reifen. Doch statt langsamer zu werden, schob der Anhänger von hinten nach. Dadurch drehte sich der Truck leicht um die eigene Achse und kippte durch die veränderte Kräfteverteilung auf die blank liegende Felge mit den verbliebenen Fetzen Gummi. Das löste eine Kettenreaktion aus. Zuerst drehte sich das Führerhaus nach rechts und auf die Seite weg, während der Hänger in die entgegengesetzte Richtung tendierte. Das Bewegungsmoment zog die Ladung nach vorne. Schließlich gab die ganze Konstruktion nach und überschlug sich mehrmals. Funken stoben hoch, wo Metall über Teerfläche rieb. Unter Kreischen des gequälten Materials blieb der Truck nach knapp hundert Metern auf der Seite liegen. Sofort erfüllte wieder Stille die Luft, wo zuvor noch ohrenbetäubender Lärm gewesen war. Als würde er Schmerzen leiden, ächzten Hydraulik und Bremsanlage des LKWs noch einige Male. Unter dem Motorblock bildete sich eine Lache aus verschiedenen Flüssigkeiten, die aus herausgerissenen und geplatzten Schläuchen liefen.           
            Drek!   
Fassungslos sah die Elfe auf ihre MP herunter. Mit einem solchen Ergebnis hatte sie nicht gerechnet. Das muss man meilenweit gehört haben. Gebannt lauschte sie in die Nacht hinein, aber wie durch ein Wunder regte sich nichts und niemand in der Nachbarschaft. Zu ihrem Glück waren zu dieser Uhrzeit fast nur noch die Werksroboter aktiv. Iron war mit Alyssa losgestürmt, kaum dass das Fahrzeug ihre Position passiert hatte und erreichten gerade die Unfallstelle. Sunetra löste sich aus ihrer Starre und lief ebenfalls los. Inzwischen wandten sich ihre Freunde vom Führerhaus ab und gingen zum Heck.           
            Die Szene bot ein entsetzliches Bild. Bei so einem Unfall hilft selbst der beste Sicherheitsgurt nicht mehr. Schlaff hing der junge Ork mit verdrehtem Hals im grauen Lebensretter. Die Innenseite der Scheibe und die gesamte Konsole waren mit Blut und Hirngewebe aus dem geplatzten Schädel verziert. Der rechte Arm war unnatürlich abgewinkelt. Weiß und spitz ragte die Speiche unterhalb des Ellenbogens durch die Lederjacke.  
            Mit flauem Gefühl im Magen löste sich die Elfe von der Leiche. Wir müssen sofort alle Beweise vernichten. Ohne Vorwarnung wuchs ein gigantischer Schatten über das leblose Wrack. Es war ihr eigener. Erschrocken drehte sich die Japanerin um, immer noch die MP im Anschlag. Rasch näherte sich ein Wagen dem Tatort, dessen Scheinwerfer sie unangenehm blendeten. Ihr Herz pochte wild unter dem zugeschnürten Hals. Keine Zeugen! Niemand durfte sie hier sehen. Aber sie konnte doch nicht einfach Unschuldige umbringen! Eine schreckliche Sekunde lang sah sie sich den Abzug betätigen, doch dann spürte sie Erleichterung, als sie den Toyota Coaster hinter den grellen Lichtkegeln erkannte.        
            „Ihr habt euch ganz schön Zeit gelassen.“    
Hank pellte sich vom Beifahrersitz und sah erstaunt auf das Chaos, das Sunetra angerichtet hatte. „Machst keine halben Sachen, was!?
            „Was ist denn hier passiert?“ Largo flitzte zur Fahrerkabine und kletterte hoch, um einen Blick in die Fahrerkabine werfen zu können. Dann kehrte er zu Sunetra zurück, legte ihr eine Hand auf den Arm und sprach in beruhigendem Tonfall: „Ich weiß, PMS ist eine schlimme Sache, aber das kannst du nicht immer an deiner Umwelt auslassen.“     
            „Scherzkobold!“, parierte Sunetra, steckte die Waffe weg und ging zu Alyssa und Iron, die sich derweil im Anhänger umsahen. Zwerg und Troll folgten ihr in kurzem Abstand. Im Frachtbereich sah es nicht weniger chaotisch aus als auf der Straße. Im schwachen Licht der Taschenlampe sah sie wild durcheinander gewürfelte Plastikboxen und Holzkisten. Dazwischen standen ihre Freunde, die den Inhalt kritisch beäugten.    
            „Habt ihr was Interessantes gefunden?“       
Hendrik entnahm der offenen Kiste einen Gegenstand und kam ins Freie. Er hielt eine Packung in die Höhe. „Preisfrage: Was ist das?“
            „Sieht nach ordinärem Mehl aus.“     
„Fast richtig! Ich würde euch aber davon abraten mit diesen Zutaten zu Backen. Im Inneren sind kleine Tütchen mit lustigen bunten Pillen. Beim Zucker, Backpulver und der Hefe sieht es kein Stück besser aus.“    
            „Wir haben eine Drogenküche gefunden?“, wollte Largo verwundert wissen. Der Ork seufzte. „Es ist schlimmer. Viel schlimmer.“ Mit seiner anderen Hand warf er dem Zwerg etwas zu. Largo nahm den Gegenstand unter die Lupe und stöhnte.  
            „Nicht auch DAS noch! BTL-Chips.“    
„Genau das! Unsere kleinen Schweinchen haben eine Möglichkeit gefunden noch was aus dem Geschäft von Third-Life zu machen und produzieren aus den Erinnerungen der Toten süchtig machende Programme für Chipheads.“     
            Sunetra fluchte leise in sich hinein. Zu allem Übel auch noch Drogendealer? Musste das sein?! Largo jedenfalls sah entschlossen zum Kofferraum des Toyota.        
            „Ich weiß nicht wie es euch geht, aber ich finde, in diesem Fall zwingt die Bürgerpflicht uns dazu, den großen, bösen Wolf auf sie loszulassen.“



***

            Unter heftigem Humpeln, das deutlich machte, unter welcher Pein er litt, näherte sich der junge Ork dem Tor von Third-Life. Dort angekommen stützte er sich an einem Metallpfosten ab und atmete mehrere Male tief durch. Der Weg vom zerstörten Truck hierher zurück war beschwerlich gewesen und die Anstrengung zehrte an seinen Kräften.          
            Er klingelte.    
Als sich nach einer halben Minuten immer noch niemand gemeldet hatte, wollte er erneut den Knopf drücken, doch just in diesem Augenblick meldete sich ein Mann über die Gegensprechanlage. „Was ist?“, fragte die Stimme genervt.   
            „Gerade erst aufgewacht, oder was!?“, keifte der Ork giftig zurück. „Ich dachte schon ich müsste über den scheiß Zaun klettern.“          
            „Häh? Was machst du denn schon wieder hier? Solltest du nicht schon auf halbem Weg nach Altona sein?“ Nun antwortete der Ork in zerknirschtem Tonfall: „Ich… ich hatte einen Unfall.“           
            „Was!?“, kläffte es aus dem Lautsprecher, woraufhin der Metamensch hastig hinzufügte, dass ein Reifen geplatzt sei. Es war sehr wichtig für ihn, dass er keine Schuld an der Misere bekam. „SHITFUCK! Wir kommen raus. Das Zeug muss von der Straße, bevor die Bullen hier auftauchen.“ Danach klackte es wieder, als die Verbindung unterbrochen wurde.      
            'Er hätte Schauspieler werden sollen.', dachte Hank anerkennend. Nachdem die kleine Magierin – er konnte sich einfach nicht die Namen merken – auf Iron eine physische Maske gewirkt hatte, die ihm das Aussehen des toten Truckers verlieh, begab sich der Ork gänzlich in seine Rolle und war zu Third-Life zurückgehumpelt. Während der Rest der Truppe den Hinterhalt vorbereitete, konnten sie ihm über die Kamera seines Komlinks zusehen.       
            Der grobschlächtige Troll musste zugeben, dass arkane Fähigkeiten durchaus ihren Nutzen hatten, auch wenn am Ende nur hochbeschleunigtes Metall ihr Problem lösen konnte. Im Videofenster in der unteren rechten Ecke seines Sichtfelds sah er nun, wie ein Tor hochgefahren wurde und ein zweiter LKW gleich dem ersten, der quer über die Straße liegend verendet war, zum Ausgang fuhr. Iron stieg zu zwei Männern ins Führerhaus, wo ihn Beschimpfungen, Besserwisserei und Häme begrüßten.  
            Über Komlink teilte der Zwerg mit, dass er starten könne. Danach bestätigten auch die anderen ihre Bereitschaft. Alle waren auf ihren Posten. Der Hinterhalt war gelegt. Wenn nichts Unvorhergesehenes geschah, würde es gleich ein schönes Feuerwerk geben. "Diese Wichser haben es verdient mehrmals gekillt zu werden.", dachte Hank einmal mehr grimmig. Er hasste Drogendealer über alles andere auf der Welt. 'Sogar mehr als diese Nazischweine!' Und ganz besonders hasste er B.T.L.      
            'Better-Than-Life… von wegen!'           
Über den beschönigenden Namen dieser Droge sammelte sich ein zäher, grüner Klumpen Verachtung in seinem Rachen, den er auf den Boden spuckte. Bei BTL handelte es sich um Erlebnisse, welche den Probanden aus ihrem Gedächtnis extrahiert wurden. Diese sogenannten Sim-Sinn-Feeds wurden dann auf Chips zum künftigen Abspielen gespeichert. So konnte man beispielsweise Bergsteigen gehen ohne von der heimischen Couch aufzustehen. Einige Zeitlang dachte man, dass BTL das Kino ablösen könnte, da die Erfahrungen, die man nacherlebte, auch alle gefühlten Emotionen vermittelten. Dummerweise musste man dann feststellen, dass der Konsum von BTL-Chips neurologische Schäden verursachen konnte und obendrein stark süchtig machend war. Nicht, dass dieses Wissen die Leute davon abgehalten hätte den Drek zu kaufen. Zu verlockend war die Suche nach dem ultimativen Kick. Einmal Extremsportler sein, Pornostar, Polizist oder gar ein Killer?! Es dauerte nicht lange bis BTL gesellschaftlich geächtet war. Leider hielt das die Produzenten nicht davon ab ihren Schund im Verborgenen weiter zu vertreiben. Schließlich gab es genug Chipheads, die alles kauften, was sie in die Finger kriegen konnten. Hank hatte als Teenager ebenfalls Erfahrungen mit dieser Droge sammeln müssen, denn seine Jugendliebe experimentierte mit dem Zeug herum.     
            'Dumme Fehler von dummen Kindern.'           
Er verstärkte den Griff um sein Sturmgewehr, als er versuchte die Erinnerung zu vertreiben. Zu Anfang war es noch aufregend gewesen in den Erlebnissen anderer Menschen zu baden, aber irgendwann kam Susi zu ihm, Kokain und Acid in den Taschen. Sie lebte sich durch das Drehbuch des typischen BTL-Junkies, bis auf den letzten Punkt genau - mit all den widerlichen Details.
            Ab diesem Punkt weigerte sich der Troll weiter mitzuspielen. Susi allerdings konnte sich nicht zurückhalten und zog sich einen Sim-Sinn-Feed nach dem nächsten rein – zunächst offen, dann heimlich, als sie sich deswegen immer häufiger stritten. Ständig wurden auf der Suche nach dem nächsten Kick die Inhalte der konsumierten Chips extremer… und abartiger.      
            Schon nach wenigen Monaten konnte man ihr ansehen, dass etwas nicht stimmte. Ringe unter den Augen, zitternde Hände und ein fahriger Blick wurden ihrem Erscheinungsbild zu eigen. Immer wieder ließ sie sich Ausreden einfallen, um ein Date platzen lassen zu können. Hank stellte sie zur Rede.     
            Es kam wie es kommen musste.          
Statt ihr Problem einzusehen und sich helfen zu lassen, verpasste sie ihm den Arschtritt seines Lebens – und das war es dann gewesen.        
            Jahre später musste der Troll von einem gemeinsamen Freund erfahren, dass Susi eine Zeitlang auf den Strich gegangen war, um Stoff ranzuschaffen. Irgendwann hatten die BTLs sie besiegt. Verschollen im mentalen Niemandsland, fristete sie seitdem ihr Dasein in einem Pflegeheim, nicht einmal mehr in der Lage alleine auf die Toilette zu gehen.  
            Bei all den schlechten Dingen, die sie gemeinsam erlebt hatten, konnte Hank nicht leugnen, dass er die Menschenfrau einst geliebt hatte. Selbst heute, nach all den Jahren, war es schwer nichts zu empfinden. 'Wir hatten auch unsere guten Zeiten...'
            Er stellte sich vor, noch einmal in ihr schönes Gesicht sehen, sich in diesen leuchtenden grünen Augen verlieren und das Grübchen in ihrer linken Backe beobachten zu können, das sie tanzen ließ, wenn sie lachte.   
            Traurigkeit verdrängte die Wut für einen Augenblick, aber dann hörte er den Motor des näher kommenden Trucks. Sofort war Hank wieder voll bei der Sache. Endlich konnte er es einigen dieser Drekschweine heimzahlen.       
            Die Neuankömmlinge wendeten den LKW und rangierten rückwärts zum Heck des zerstörten Fahrzeugs. So befanden sich die beiden Ladeflächen leicht schräg gegenüber, um den Transfer der Kisten zu erleichtern. Das Rolltor des zweiten Trucks wurde von Innen nach oben geschoben und zwei Männer sprangen auf den Asphalt. Sofort machten sie sich an der Verriegelung des Ersten zu schaffen. Aus dem Führerhaus kamen die zwei anderen Männer, die sie bereits in der Videoübertragung gesehen hatten. Iron kletterte als Letzter heraus. Er tat immer noch so, als sei sein Knie vom Unfall verletzt. Der Anführer trieb die anderen mit lauten Kommandos an. Als sich alle vier vorm nun geöffneten Anhänger versammelt hatten, flüsterte Iron ins Komlink.         
            „Jetzt!“
Die Falle schnappte zu. Im Laderaum surrte etwas und spie dann tödliches Feuer. Unter heftigen Zuckungen ging der erste Gegner zu Boden, durchsiebt von dutzenden Geschossen. Blut und Eingeweide aus dem aufgerissenen Bauch verteilten sich über die Männer hinter ihm, die sich panisch in Deckung warfen.    
            Plötzlich stand die Elfe auf dem liegenden Anhänger und nahm einen der Fliehenden aufs Korn. Ein Halstreffer nahm den Bauern vom Spielbrett. Hank, der an der Seite des Anhängers im Schatten gewartet hatte, drehte sich an der Wand entlang ins Sichtfeld seiner Opfer und gab mehrere Feuerstöße ab. Die zwei aus dem Führerhaus hatten sich derweil außer Reichweite des Monsters gebracht, das im Bauch des Trucks  Tod und Verderben schrie.
            Während der eine ungelenk auf die Elfe feuerte, deckte der andere Iron mit blauen Bohnen ein. Beide konnten sich nicht mehr vergewissern, ob sie getroffen hatten. Hanks Sturmgewehr knackte den Schädel des Zweiten wie eine Kokosnuss. Doch als er auch dem Ersten eine Ladung Blei verpassen wollte, kam die Wolfsspinne auf ihren sechs Roboterbeinen aus dem Anhänger gekrabbelt und nahm ihm die Arbeit ab. Der Zwerg steuerte die Kampfdrohne vom Toyota aus über eine WiFi-Verbindung und befand sich in Sicherheit. 'Von uns kann man das nicht gerade sagen.'    
            Nachdem klar war, dass niemand den Krach gehört hatte, der nach wenigen Sekunden vorbei gewesen war, folgte eine kurze Bestandsaufnahme. Niemand war ernsthaft verletzt worden. Lediglich Iron, der nun wieder wie er selbst aussah, hatte ein Paar blaue Flecke abbekommen. Der Anführer der Dealer hatte auf ihn geschossen und nur seiner Panzerweste war es zu verdanken, dass Schlimmeres verhindert wurde.           
            „Und jetzt?“, wollte die kleine Magierin wissen. Ihr war anzusehen, dass sie sich darüber ärgerte, keine Gelegenheit gehabt zu haben aktiv am Kampfgeschehen teilzunehmen. Sie hatte Irons magische Verkleidung so lange wie möglich aufrecht halten müssen. Und dann, als sie überflüssig wurde, war die Show war zu schnell vorbei gewesen. Sie lechzte nach Action und Adrenalin. 'Fast wie ein Chiphead. Aber wenigstens ist das hier das echte Leben und keine Illusion.'          
            Iron rieb sich die schmerzende Brust, aber er grinste gewinnend. „Was einmal geklappt hat, funktioniert bestimmt auch ein zweites Mal.“       
            Allen war klar, was er damit meinte. So manövrierte der Rigger seine Kampfdrohne auf die Ladefläche des fahrtüchtigen Trucks. Hank kletterte mit der Elfe ebenfalls hinten rein, während Iron und die Kurze nach vorne gingen. Am Tor hielt der LKW kurz an. Sie hörten einige dumpfe Worte, konnten aber nicht verstehen, was gesprochen wurde. Dann ruckte das Gefährt, als es erneut anfuhr. 'Wir sind drin.' 
            In der Ferne konnten sie hören, wie ein Rolltor geöffnet wurde. Anhand der sich verändernden Geräusche wusste der ehemalige Soldat, dass sie in den Ladebereich von Third-Life hineingefahren waren. Die Wände warfen das Bullern des Motors wieder zurück, was dem donnernden Sound des Trucks einen dezenten Hall hinzufügte.         
            Plötzlich schrie eine unbekannte Stimme auf. Dann zischelte es. Hank konnte nicht identifizieren, was es war, aber er hätte schwören können, dass auf einmal der Duft von Ozon in der Luft hing. Als das Schreien und Fluchen kein Ende nahm, erklangen Schüsse aus dem Führerhaus. Inzwischen hatte die Elfe das Tor des Anhängers aufgezogen und sprang mit gezückter Waffe heraus. 'Sie ist hart im Nehmen und konzentriert sich auf das Wesentliche. Quatscht nicht den lieben langen Tag - ganz anders als die Kleine. Das gefällt mir.      '
            Hank folgte ihr.           
Sie befanden sich in einer Art Garage mit Laderampe. Unweit des Trucks lag die Leiche eines Gegners, die von den Folgen des Blitzzaubers der Menschenmagierin immer noch zuckte. Unter ihm färbte sich der Beton rot. Hinter ihnen kletterte nun auch wieder die Wolfsspinne heraus. Wortlos gab Iron zu verstehen, dass der Troll zum linken Rolltor an der Verladefläche sollte. Dort angekommen erkannte er seine Aufgabe. Das Tor war mit einem Schloss gesichert. 'Keine Herausforderung für mich.' Er schulterte sein Sturmgewehr und ging in die Hocke. Mit beiden Händen umschloss er die Haltegriffe und stemmte sich mit aller Kraft in die Vertikale. Zunächst schien gar nichts zu passieren, aber dann quietschte das Schloss leise, nur um sogleich krachend aufzuspringen. Das Tor flog von der ungebändigten Kraft des Trolls förmlich nach oben.       
            Dafür bekam er von den anderen ein Grinsen und den Daumen. Danach teilten sie sich auf. Die Elfe folgte der Kampfdrohne in eine Art Lager hinein, während Hank mit den anderen beiden zu einer Stahltür ging. Nachdem er an der Tür gelauscht hatte, gab er dem ehemaligen Bundeswehrsoldaten und der Magierin ein Zeichen. 'Aufstellen und bereit halten!' Das Gewehr im Anschlag nickte er Iron zu. Dieser presste sich mit seiner rechten Schulter an die Tür und zog sie langsam auf. 'Sehr gut. Hektische Bewegungen ziehen sonst zu viel Aufmerksamkeit auf uns.'           
            Doch zu früh gefreut. 
Durch den sich weitenden Spalt sah er drei bewaffnete Männer auf sie zukommen. Sie feuerten. Mit einer schnellen Bewegung zur Seite machte er den Kugeln Platz. Sie stanzten Löcher in den geparkten Truck, trafen aber sonst nichts.      
            Ohne Zeit zu verlieren lehnte sich die Menschenfrau aus der Deckung hinter seinen Beinen und feuerte einen Blitz in den Gang. Wieder roch es nach Ozon, diesmal aber strenger als zuvor. Der Mann in der Mitte krümmte sich als hätte er einen epileptischen Anfall. Schließlich brach er zusammen. Die bei seinen Freunden entstehende Irritation nutzte der Ork zu seinem Vorteil aus.      
            In der Feuerpause trat er vor die Tür und ließ die Ingram Warrior in seiner Hand Blei spucken. Tödlich getroffen klammerte sich der Kerl an die Fliesen zu seinen Füßen. Panik stieg im verbliebenen Gegner auf, aber bevor sie ihn erledigen konnten, fing er sich und sprintete zu einer Seitentür. Betonkrümel und Holzsplitter platzten aus der Wand um ihn herum. Dann war er fort. Sofort nahm der Troll die Verfolgung auf.       
            Mit wenigen Schritten seiner langen Beine war er durch den Gang gelaufen, Iron und die Magierin dicht hinter ihm, auch wenn sie sich deutlich abmühen mussten, um mit ihm mitzuhalten. Er stieß die Tür auf, durch die der Mann geflohen war. Dahinter befand sich ein Raum in der Größe von etwa fünfzig mal hundert Metern. An den Wänden und in der Mitte bildeten sargähnliche Gebilde zusammen mit massiven Metallschränken lange Gänge. An der Decke war ein Schienensystem installiert, an dem entlang sich Kräne, bestehend aus jeweils drei Roboterarmen, bewegen konnten. Ihre Bauweise ließ den Schluss zu, dass sie zum Transport der Särge dienten.
            Hank ging hinein. Ein unbestimmtes, mechanisches Surren und Klackern erfüllte den ansonsten stillen Raum. Die Temperatur war etwa drei Grad unter der im Flur, sodass er leicht fröstelte. 'Das sind die Kryoeinheiten, von denen der Zwerg gesprochen hat.', blitzte die Erkenntnis in ihm auf, als er die Kapseln genauer betrachtete.           
            Das Gewehr im Anschlag beobachtete er den Raum. Kein verdächtiges Geräusch war zu hören. 'Früher oder später wirst du dich schon selbst verraten.' Er schritt bedächtig den Gang hinunter, stets auf der Hut. Aus dem Augenwinkel bemerkte er eine unerwartete Bewegung. Sofort riss der Troll den Lauf der Waffe herum und hielt den Atem an.           
            Ohne die Gefahr zu bemerken, flog die Wartungsdrohne unbekümmert weiter zu einem der Metallschränke, wo sie eine Klappe öffnete und etwas überprüfte. Dann setzte sie ihren Rundgang fort. Hank erkannte nun, dass es sich um die Server für die Backups handeln musste. 'Genug der Ablenkung! Konzentrier dich, du dummer Hauer!' Er holte tief Luft.          
            „Zeig dich, Arschloch! Dann reiß ich dir deine hässliche Fresse ab und schick sie deiner Mama als Valentinsgruß!“ Sein gewaltiges Organ donnerte durch die Halle. Es war so laut, dass sogar Iron und die Menschenfrau unwillkürlich zusammenzuckten. Es hatte die beabsichtigte Wirkung.         
            'Da!'    
Schuhsohlen glitten und rutschten über den gefliesten Boden. Mit Kraft, von Angst und Schrecken genährt, strampelte sich der Dealer aus seiner Deckung hinter einer Schlafkapsel hoch. Allerdings mit zu viel Kraft, sodass seine Füße Mühe hatten ausreichend Halt für seine Flucht zu finden. Hank sah ein Knäul aus wirbelnden Gliedmaßen aufblitzen und dann hinter der nächsten Reihe Schränke verschwinden. 'Drek! Ich war zu langsam.' 
            Ein unerwartetes Ploppen und ein Körper, der wie ein nasser Sack zu Boden fiel, ließen Hank innehalten. Vorsichtig spinste er um die Ecke. Sein Gegner lag blutüberströmt da und hielt sich den Bauch, aus dem der lebensspendende Saft beharrlich heraus sickerte wie aus einem undichten TetraPak. Über ihm stand Sunetra mit ihrer schallgedämpften Automatik und grinste ihn an. Hinter ihr kam nun auch die Wolfsspinne zum Vorschein.       
            Als ihn der Dealer bemerkte, streckte er in einer flehenden Geste seine rechte Hand nach ihm aus und erging sich in dem kläglichen Versuch etwas zu sagen. Lediglich ein ersticktes, gurgelndes Krächzen entstieg der Kehle des sterbenden Mannes. Aus irgendeinem Grund musste der Troll wieder an Susi denken.
            „Halt die Fresse!“        
Erst als das Magazin komplett in den Körper des Verbrechers gepumpt war, löste er seinen Zeigefinger vom Abzug. Etwas tätschelte ihm auf den Arm und flötete fröhlich: „Ich glaube, er hat dich jetzt verstanden, Kleiner.“           
            Er sah die Menschenfrau mit ausdrucksloser Miene an.
„Das müssen alle gewesen sein.“, gab Largo über die gemeinsame Frequenz durch.  
            „Sehr gut. Dann lasst uns keine Zeit verlieren. Wir haben einen Laden auf den Kopf zu stellen!“ Iron schulterte seine Waffe und begab sich zu einem der Server, nachdem er jedem einen Suchbereich zugeteilt hatte. Konzentriert und ohne Murren begaben sich alle an ihre Aufgaben.       
            Hatte Hank anfangs noch geglaubt es mit einem chaotischen Haufen Amateure zu tun zu haben, der sich lieber zankte und Unfug trieb anstatt vernünftig zu arbeiten, so musste er zugeben, dass ihnen ein überraschend effektives Zusammenspiel gelang, sobald es die Situation erforderte. Und sie hatten das Herz am rechten Fleck.
            Er sah auf die Leiche des Dealers und dachte an all den Abschaum, dem sie heute das Handwerk gelegt hatten. 'Hier könnte ich helfen; endlich mal etwas zum Guten wenden. Etwas bewirken. Vielleicht sogar etwas, das Bestand hat.'     
            Eigentlich hatte er vorgehabt nach diesem Auftrag bei einem anderen Team anzuheuern, aber inzwischen war er sich sicher, dass er noch ein wenig bleiben sollte.       
            'Mal sehen wie es sich entwickelt'

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