Freitag, 22. November 2013

Unterm Messer



Kapitel 4 – Überraschungsparty

            Als hätte sich eine unsichtbare Tür geöffnet, schlüpfte das Wesen aus dem Nichts in unsere Welt. Feine Wellen waberten über die Oberfläche des zunächst unscheinbaren, durchsichtigen Balls, der unbeholfen zu Boden plumpste. Nachdem er dreimal aufgetitscht war und feuchtglänzende Stellen auf dem Linoleum hinterlassen hatte, stülpten sich mehrere Protuberanzen aus der Masse hervor. Sie verdickten sich und wuchsen in die Länge, bis sich das Wesen in etwas verwandelt hatte, das wie eine Katze aussah. 
            Sie benötigte einen Moment, um sich zu orientieren.
Dabei entdeckte sie zu allererst den in Flammen stehenden Köter vor sich, der sie böse anknurrte. Sofort sträubte sich ihr wässriges Fell. Sie buckelte, hob eine Vorderpfote zur Verteidigung und fauchte giftig zurück. Dampf stieg in dicken Schwaden von der liquiden Lebensform auf. Dennoch machte sie keine Anstalten in ihrer Größe zu schrumpfen. Wo auch immer das Wasser hergekommen war, aus dem sie bestand, seine Quelle schien diesseits unserer Sphären zu liegen.        

            „Zurück!“, befahl Sunetra dem Wasserelementar zu ihren Füßen in einem Ton, der keine Widerworte duldete. Überrascht starrt es seine Beschwörerin an, verkrümelte sich dann aber rasch in die Ecke, in die die Japanerin zeigte. Der brennende Hund setzte sich indes auf seinen Hintern und ließ etwas, das wie eine glühende Zunge aussah, aus dem Maul hängen. Äußerst selbstzufrieden hechelte er vor sich hin. Alyssa hatte ihn beschworen, als wir eine halbe Stunde zuvor damit begonnen hatten, den Server mit den Kundendaten auszubauen. Das Vieh hatte den Auftrag das gesamte Gebäude und den verunglückten LKW auf der Straße abzufackeln, sobald wir hier fertig waren. Bis dahin würde er sich keinen Millimeter rühren – zumindest solange ihm die Katze aus dem Weg ging. Zugegeben: hauptsächlich ging es uns um die Verwischung unserer Spuren, aber BTL-Dealern gehörig das Geschäft zu vermasseln verschaffte uns ein gutes Gefühl dabei.
            Hank rümpfte die Nase, als ihn der Schwall aus Wasserdampf und Hitze umtanzte. „Zu dumm, dass wir keine Zeit für einen Pinienaufguss haben.“ 
            Die menschliche Magierin rollte mit den Augen und zog am Arm des Trolls. „Komm schon mit, du Komiker! Auf Sauna mit dir kann ich verzichten.“ Hank versuchte traurig drein zu schauen, verformte sein Gesicht aber mehr zu einen gequälten Grinsen, als er widerwillig mitging. Sie verließen den Serverraum, bezogen im abgedunkelten Flur an der Zugangstür Stellung und luden ihre Waffen durch.         
            Warum? Ganz einfach:            Weil Ärger im Anmarsch war. 
Neun mal Ärger, um genau zu sein. Im Geiste dankte ich Largos fliegendem Auge, das draußen über Third-Life patrouilliert. Ohne es hätten wir die Verstärkung der Russenmafia garantiert nicht rechtzeitig bemerkt, die vor wenigen Augenblicken mit zwei schweren VW Geländewagen den Hof der Firma gestürmt hatte. Keine Ahnung, ob wir einen stillen Alarm ausgelöst hatten oder ob sie sowieso auf dem Weg gewesen waren. Höchstwahrscheinlich hatten sie den zerstörten Truck entdeckt und haben deshalb nicht gezögert, als sich keiner auf ihr Klingeln gemeldet hatte. Ich tat es mit Sunetra den Kameraden im Flur gleich und postierte mich an der Tür zum Aufenthaltsraum, dessen Tür ebenfalls offen stand und den Blick auf die Eingangshalle frei gab, wo nur ein schummriges Licht den Raum illuminierte.   
            „Sie haben versucht durch die Garage reinzukommen, kommen aber nicht durch. – Jetzt gehen sie in Zweiergruppen zum Haupteingang.“, meldet Largo, der die Kameradaten seiner Drohne im AR studierte. Sehr gut, das treibt sie genau in unsere Richtung und damit in die Schusslinie. Den Scheißern werden wir einen heißen Empfang bereiten.  Zum Glück hatten wir daran gedacht das Tor von Innen zu verschließen, nachdem der Zwerg den Toyota geparkt hatte. Blöd war allerdings, dass wir die Wolfsspinne bereits wieder im Auto verstaut hatten. Es würde also noch etwas dauern, bis der Rigger das Kampffahrzeug wieder aktiviert und zu uns gelotst hatte.         
            Glas splitterte als die Eingangstür aufgebrochen wurde. Ich hörte knirschende Schritte schwerer Stiefel auf den Fragmenten. Sie kamen näher. Warum muss es immer komplizierter werden als es eh schon ist!? Nachdem wir den Laden aufgemischt hatten, halfen Sunetra und meine Wenigkeit dem technikversierten Zwerg den Server abzuklemmen. Währenddessen hatte die Kleine mit unserem großen Klotz die Kryokammern durchsucht. Tatsächlich fanden sie Sven Niders Schlafkapsel – wie zu erwarten war sie leer. Die Innenseite der Kuppel war eingerissen und blutverschmiert. Sven musste mehrmals seinen Dickschädel dagegen gedonnert haben, bevor man ihn dort rausgeholt hatte. Lightning tütete Blut- und Haarproben ein, falls wir ihn magisch aufspüren mussten. Nun brauchten wir nur noch die Daten auf dem Server. Das Mistding war zu gut gesichert, als dass wir uns hätten reinhacken können. Also musste es unbedingt mit. Leider stellte sich der Ausbau als etwas komplizierter heraus, als wir erwartet hatten. So waren wir noch nicht wieder auf dem Heimweg, als die Kavallerie eintraf.          
            Schatten huschten durch das Dämmerlicht und drei Personen kamen in unser Blickfeld. Zwei durchschnittlich große Menschen sicherten wie wir die Seiten ihrer Tür. Im Hintergrund stand ein hünenhafter Ork mit breiten Schultern, kurzgeschorenem Haar und einer fiesen Narbe, die ihm von der linken Backe nah am Auge vorbei bis auf die Stirn verlief, wo sie abrupt endete. Er flüsterte etwas und gab per Gesten Kommandos. Das musste ihr Anführer sein.           
            Die Magierin zögerte keine Sekunde. 
In schneller Folge feuerte sie einen Manabolzen und eine Salve aus ihrer Maschinenpistole auf den Ork ab. Beide Male traf sie voll ins Schwarze. Wie mit einer Schaufel vor den Kopf geschlagen, kippte er langsam nach hinten. Rumsend schlug er auf und rührte sich nicht mehr. Nach einer Schreckenssekunde, in der sich die Gangster bewusst wurden, dass ihr Hauptmann tot war, brach die Hölle los. Abwechselnd feuerten wir unsere Waffen aufeinander ab und tauchten wieder in Deckung, um selbst nicht erwischt zu werden. Im Flur tauschte man ebenfalls Blaue Bohnen mit dem Feind aus. Zwei oder drei aus der Truppe versuchten uns einzukesseln, aber Hank und Alyssa heizten ihnen ordentlich ein.           
            In das unkoordinierte Knallen, Blitzen und Bröckeln von Putz, schaltete sich auf einmal die Wolfspinne ein und nahm ihre Redezeit in Anspruch. Den Schreien nach zu urteilen hatten die Dealer letzte Einwände vorgebracht.  
            Ein Streifschuss verletzte die Elfe am Arm. Ihre Augen funkelten wütend. Dann befahl sie ihrer Wasserkatze anzugreifen. Wie ein Wirbelwind stürmte das magische Geschöpf los und zog das Feuer auf sich. Wir nutzten die Gelegenheit und landeten unsere ersten Treffer. Sunetras Gegner zuckte getroffen zurück. Er griff sich an die Brust und versuchte das Gleichgewicht wiederzufinden, doch der Elementar kam im dazwischen. Mit einem Satz sprang er dem Mann an die Kehle und zerfetzte sie ihm. Blut spritzte aus der Wunde und besprenkelte alles um ihn herum.           
            Dann wandte sich die Katze meinem Tanzpartner zu, doch er konnte sie mit einem Kolbenschlag abwehren. Vorerst. Im Versuch eine Schwachstelle zu finden, umrundete sie ihn unablässig und er drehte sich brav mit ihr. Hey, vielleicht wird ihm gleich schwindelig und er muss kotzen., dachte ich amüsiert. Die Szene hatte etwas geradezu Slapstikhaftes.
            Ich hatte mich zu früh gefreut. Als die Katze wieder angreifen wollte, entleerte er einen Großteil seines Magazins in sie und schaffte es tatsächlich, das Wesen zerplatzten zu lassen. Sogar Sunetra war von dem Anblick überrascht. Meinem Colt hingegen war das egal. Seine Showeinlage hatte mir genug Zeit zum Zielen gegeben. Treffer! Doch noch während er mit perforierter Lunge langsam auf die Knie sank, stürmte ein weiterer Gangster zur Tür und gab eine lange Salve auf uns ab.       
            Wir gingen eilig in Deckung, aber ich hätte schwören können, dass jemand in den Aufenthaltsraum gerannt war. Ein Blick in Sunetras Augen verriet, dass sie es auch gesehen hatte. Behände fischte sie ihr Katana aus dem Saya auf ihrem Rücken und ließ die MP fallen. Kaum war sie in Kampfposition, platzte der Gegner herein und bat sie mit der Machte in der Hand um ein Tänzchen. Sunetra beherrschte ihre Schritte aus dem Effeff und parierte die Schläge ohne Mühe. Sie drängte ihn mit ihrem Gegenangriff sogar zurück und damit in meine Richtung. Mit dem Colt in der Hand schlug ich auf ihn ein, um ihr einen weiteren Vorteil zu verschaffen. Zu meinem Pech hatte er die Bewegung in seinem Rücken mitbekommen und schnellte herum. Meine Pistole knallte auf die Machete und schabte kreischend an der Klinge entlang. Alle meine Zahnplomben sirrten und sendeten Schmerzimpulse ans Hirn.
            Mehr Ablenkung hatte die Elfe nicht gebraucht. Mit einem sauberen Hieb trennte sie den hässlichen Kopf vom Hals und gab ihm einen Schubs, der den Kerl wieder durch die Tür nach draußen fallen ließ. In dem Moment sprang ein zweiter Gangster zwischen uns und attackierte die Magierin mit seinem Kampfmesser. Dieses Mal hielt ich mich respektvoll heraus und wich lieber einen Schritt zurück, denn sie wirbelten in einem Tango des Todes durch den Raum. Arme und Beine bewegten sich immer schneller als hätten sie eine Wette laufen. Jeder beharkte den anderen, nur um daraufhin Schläge zu blocken und auszuweichen. Nach einer gefühlten Ewigkeit täuschte Sunetra einen Streich auf den Kopf des Mannes an. Er zog das große Kampfmesser zu sich heran und vor sein Gesicht. Doch es gab dort kein Katana, das abgewehrt werden musste. Tief schnitt das fernöstliche Schwert über die gesamte Breite des entblößten Bauchs. Ohne das Ergebnis zu Begutachten, drehte sich die Japanerin sogleich in einer geschmeidigen Bewegung hundertachtzig Grad um die eigene Achse und stieß es ihm nach hinten bis zum Anschlag in den Leib und drehte die Klinge.
            Statt ihm nun den Gnadenstoß zu gewähren, fuhr sie zu ihm herum und prügelte wie eine Furie kreischend auf ihn ein, schlug ihn in Fetzen, ließ Fleisch und Blut regnen. Ihre Augen! Mir wurde bewusst, dass sie in einen Blutrausch verfallen war. Ihr Mentorgeist Susanoo, so hatte sie uns einmal erklärt, dürstete nach der Jagd und damit auch nach dem Tod, den sie versprach. Wir wussten also, dass für sie stets die Gefahr bestand in der Hitze des Gefechts die Kontrolle über sich zu verlieren. Aber solange nichts passierte, redeten wir uns ein, dass alles in Ordnung war. Mir wurde mulmig. Es war an der Zeit das Weite zu suchen, bevor sie mich noch mit einem dieser Arschlöcher verwechselte. 
            Also trat ich die Flucht nach vorn an und sprintete durch den Aufenthaltsraum. An der nächsten Tür ging ich in Deckung. Unser letzter Gegner hatte sich hinter einem Tisch verschanzt und schoss auf die Wolfsspinne, die ihm übel zusetzte. Mehr als ein paar Beulen konnte er ihr nicht zufügen. Hank und Alyssa rückten hinter der Drohne ebenfalls vor und feuerten unablässig auf ihn. Schließlich traf ihn einer von Lightnings Blitzen und er fiel zuckend zu Boden. Rauchfäden stiegen von seinem Leichnam auf und der penetrante Geruch verschmorten Fleischs lag in der Luft.           
            „Und Tschüss, Arschloch!“ Hank sicherte mit einem grimmigen Lächeln seine Waffe und schulterte sie wieder. „Gute Arbeit, Leute.“, rief ich fröhlich, „Das lief wie am Schnürchen.“ Ein metallisches Klappern hinter mir, unterbrach mich jäh. Sunetra!
            Zusammengesunken verharrte sie schwer atmend vor einem Sessel im Aufenthaltsraum. Das Katana lag neben ihr. Blutströpfchen benetzten ihre Kleindung, ihr Haar und ihr Gesicht, was ihr im künstlichen Licht der Lampen einen seltsam entrückten Glanz verlieh. Besorgt gesellten wir uns zu ihr. Niemand wagte es sie in diesem Zustand anzufassen. Es hatte nur wenige Sekunden gedauert, aber man konnte nie wissen, wie sie reagieren würde. Schließlich hob sie erschöpft ihren Kopf. Traurige Augen blickten uns entgegen.    
            „Lasst uns endlich zusammenräumen und von hier verschwinden!“

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