Mittwoch, 14. Mai 2014

Eine Woche Ewigkeit

 

Kapitel 1 - Interessante Zeiten


            Gerade noch rechtzeitig duckte ich mich unter dem Messer hinweg, das durch die Luft auf mich zuflog. Ein kühler Lufthauch zog durch die neu entstandene Öffnung in mein Shirt , kroch über meine verschwitzte Haut und ermahnte mich das nächste Mal zeitiger zu reagieren. Mit einem scharfen Tock blieb die Klinge in einem Holzbalken in der Wand stecken. Noch bevor der Griff aufhörte von einer Seite zur anderen zu wippen, prasselten schon die nächsten Angriffe auf mich ein. Aus der abgeknieten Haltung, in der ich mich befand, blieben mir nicht viele Optionen übrig. Die ersten beiden Schläge konnte ich durch einen Block mit dem rechten Unterarm abfangen Der Dritte streifte mich schmerzhaft an der linken Schläfe. Sternchen tanzten vor meinen Augen einen konfusen, alkoholschwangeren Walzer auf dem Weg zum Saalausgang. Ein weiterer Schmerz gesellte sich zu den vielen anderen, über die sich mein Körper seit Beginn des Kampfs quengelnd beschwerte. Es war an der Zeit meine Position zu wechseln. Also stieß ich mich seitlich weg, ging in eine Rolle über, aus der ich in die Vertikale schoss.
            Zum ersten Mal in diesem Gefecht schlug er an mir vorbei. Erstaunt dass sein Ziel verschwunden war, hopste er ein Schrittchen zurück und wiegte sich erwartungsvoll in seinen Knien, bereit wieder auf mich loszugehen. Er grinste. Nicht wütend werden, Hendrik! Ruhe bewahren und auf die Situation konzentrieren! Doch das war einfacher gesagt als getan. Im Moment hätte ich mich am liebsten wie ein Berserker aufgeführt. Ein wenig Gebrüllt, Geflucht und den gesamten Raum in Einzelteile geschlagen. Ich wusste, dass er genau darauf wartete. Darauf wartete, dass ich die Kontrolle verlor. Versagte.          

            Heute nicht.    
Bedächtig einen Fuß vor den anderen setzend, bewegte ich mich in gebührendem Abstand kreisförmig um meinen Gegner, der mich nicht für eine Sekunde aus den Augen ließ. Er verlagerte immer wieder seinen Körper von einem Bein aufs andere und federte sich mit seinen Füßen ab. Locker hingen seine Arme an ihm herab, aber ich wusste, dass sie nur darauf wartete, dass ich so dumm war in ihre Reichweite zu kommen. Der schlaksige Mann vor mir, sah auf den ersten Blick nicht gefährlich aus, doch der Eindruck täuschte. Seine Körperhaltung verbarg, wie die Maske ein Gesicht, geschickt seine Fähigkeiten. Drahtig war er, und durchtrainiert. Nicht auf plumpe Kraft getrimmt, sondern auf Schnelligkeit. Zusammen mit seinen Kenntnissen des Muay Thai, der Kunst des Thaiboxens, verwandelte sich der Exilkongolese bei Bedarf in ein tödliches Bündel aus Knien, Füßen, Händen und Ellenbogen. Und das schlimmste war, dass er wie ich KI-Adept war und seine Reflexe die meinen noch weit überflügelten.      
            Er grinste wieder und provozierte mich mit einem auffordernden Winken seines Kinns. ‚Kommt doch und hol mich!‘
            Ich musste mir dringend etwas einfallen lassen, wenn ich nicht als körperliches Wrack aus diesem Kampf gehen wollte. Einige Meter weiter hing ein Säbel an der Wand. Er diente mehr der Zierde, war aber sicherlich ausreichend, um eine ausgewachsene Sauerei zu veranstalten. Hoffnungsfroh bewegte ich mich weiter um den Afrikaner. Doch er hatte meinen kurzen Blick zur Wand bemerkt und ging zum Angriff über, nachdem er seine Chancen abgecheckt hatte. Mit drei wippenden Schritt nahm er Anlauf und schnellte dann wie ein Flummi durch die Luft. Die Knie hatte er hochgezogen, die Arme in Schlaghaltung über dem Kopf. Ich erkannte, was er vor hatte: gegen meine Brust knallen, mich ins Wanken bringen und seine Ellenbogen auf meinen Kopf schlagen, damit mir die Lichter ausgingen.
            Fast wäre es ihm gelungen.    
Instinktiv ließ ich mich auf die Knie fallen und tauchte sozusagen unter ihm weg. Dabei packte ich im letzten Moment seinen rechten Fuß und verhinderte so, dass er mir im Vorbeiflug gegen die Rübe treten konnte. Nachdem ich in der Bewegung kräftig an seinem Hühnerbein gezogen hatte, veränderte sich seine Flugbahn und er krachte gegen die Wand hinter mir. Sofort rappelte er sich wieder auf, doch ich war bereits bei ihm, um drei Treffer in die Seite und die Magengegend zu landen. Er grunzte leise, fing aber schon den nächsten Hieb mit einem seiner langen Arme ab und ging in den Gegenangriff über.           
            In den darauffolgenden dreißig Sekunden wirbelten wir durch den großen unmöblierten Raum und teilten auf kürzester Distanz Schläge aus. Einen wirklichen Vorteil konnte sich niemand erarbeiten. Das Schlimme aber war, dass ich spürte, wie die Dauer des Kampfes an meinen Kräften zehrte. Schließlich trat ich bei einem Seitenschritt auf die Kante der Bodenmatte und verlor das Gleichgewicht. Es dauerte nur den Bruchteil einer Sekunde, um mich wieder zu fangen, doch mein Gegner stieß mir sein Knie unangenehm in die Seite, nur um direkt danach seinen Spann in die Kniekehle zu rammen. Ich fiel ungebremst zu Boden. Als ich wieder aufstehen wollte, flog er wie ein Tänzer elegant um mich herum, schlug mir mehrmals gegen Kopf und Hals ließ mich erneut auf die Matte klatschen. Zeit zum Luft holen ließ er mir jedoch nicht und presste mir sein Schienbein auf die Kehle. So konnte er einen Großteil seinen Gewichts einsetzen. Mit den verstreichenden Sekunden wurde mir langsam schwarz vor Augen. Panik flackerte in mir auf..           
            Es ist vorbei.   
Dreimal klopfte ich mit der flachen Hand auf den Boden. Der Kämpfer beäugte mich einen Augenblick, nickte dann und stand auf. Endlich! Wie ein Fisch an Land nach Wasser japst, sog ich die schweißgeschwängerte Luft des Trainingsraums in meine Lungen. Und löste so einen Hustenanfall aus. Als der Reiz im Hals verschwunden war und ich normal Atmen konnte, schwebte eine Hand vor meinem Gesicht. Am anderen Ende befand sich mein afrikanischer Trainer Tidjani Kasereka, der triumphierend von einem Ohr zum anderen grinste. Schon wieder den Kürzeren gezogen. Aus der Nummer komme ich wohl nie mehr raus. Leicht genervt ergriff ich seine Hand und ließ mir auf die Beine helfen.       
            „Was zum Geier sollte die Nummer mit dem Messer?“ 
Er zuckte unschuldig mit den Achseln. „Ich hab herausgefunden, dass meine Schüler ihre Lektionen viel besser lernen, wenn sich die Gefahr echt anfühlt.“       
            „Zugegeben, das klingt sinnvoll. Wie hoch ist denn für gewöhnlich die Verlustrate unter deinen Schülern?“ Nun musste er lachen. Es war ein warmherziges, dunkles und volltönendes Lachen. So wie es nur klingen kann, wenn es aus den Tiefen des Bauches kommt. „An guten Tagen kratzen nur so zwei bis drei ab. Ist gar nicht mal so schlecht fürs Geschäft, wie man zunächst denken mag. – Nein ernsthaft: ich pass schon auf. Und falls du doch mal verletzt werden solltest, wird sich meine liebe Frau um dich kümmern.“ Shae war die gute Seele des Yojimbo-Gyms. Der Gedanke an die mandeläugige Schönheit mit den wohlig anzuschauenden Rundungen, den hellgrauen Augen und dem feurigen arabischen Temperament, das sie von einem ihrer Elternteile geerbt hatte, ließ mich die Prellungen und blauen Flecke im Nu vergessen. Tidjani hatte erraten, woran ich gerade dachte, denn er sah mich kritisch an und boxte mir fest auf den Oberarm. „DAS kannst du vergessen! So kümmert sie sich garantiert nur um mich!“ Doch dann lachte er wieder und zog seine Trainingsjacke an.         
            Bevor die Schamanin und ihr Mann das Kampfsportstudio in Hamburg aufgemacht hatten, verdienten sie sich ihre Brötchen als Shadowrunner in Seoul. Nachdem eine Mission ein ziemlich desaströses Ende genommen hatte, packten sie fix ihre Siebensachen, flohen aus der Gefahrenzone und reisten in der Folgezeit um den halben Globus. Irgendwann waren sie einfach in der Hansestadt kleben geblieben.   
            Es war kein großes Studio, aber es wurde von einem KI-Adepten geleitet, was es für mich zur ersten Anlaufstelle machte, als ich mich dazu durchgerungen hatte endlich wieder mein Training aufzunehmen. Seit meinem Rauswurf bei ARGUS hatte ich nicht mehr an meinen Fähigkeiten gefeilt und es war an der Zeit wieder etwas Pfeffer in meinen Körper zu kriegen. In den letzten Wochen hatte ich, wann immer es möglich war, abends Privatstunden genommen und mich mit dem schwarzafrikanischen Muay Thai-Kampfsportler und der chinesischen Halbmarokkanerin, deren Totem der Panda war, angefreundet. Bei näherer Betrachtung wundert es mich nicht, dass es ausgerechnet diese beiden in einen kulturellen Schmelztiegel wie Hamburg verschlagen hat.         
            Nach einer wohltuenden Dusche traf ich Tidjani in der Umkleide wieder. Er räumte gerade auf und sah immer wieder besorgt zu dem Tridschirm an der Wand, auf dem die Nachrichten liefen. Schilder und Transparente haltende Menschenmassen waren zu sehen, die die Millowitsch-Chaussee hinab marschierten. Dann wechselte das Bild zu einem mehrstöckigen, in Flammen stehenden Haus. Dicke Rauschwaden quollen aus den geplatzten Fenstern im dritten und vierten Geschoss. Weiter unten bemühte sich die Feuerwehr den Brand zu löschen. Ob sie erfolgreich waren, konnte man nicht sehen, denn die Wasserstrahlen aus den Schläuchen verschwanden spurlos im schwarzen Qualm. Schließlich wechselte das Bild wieder zur Demonstration für mehr Toleranz zurück, wo Personen von außerhalb des Bildes Steine warfen. Als eine Frau von einem Brocken am Kopf getroffen zu Boden sank, lösten sich einige Personen aus der Menge, um aufzuhören friedliche Demonstranten zu sein. Ein Kampf entbrannte am Straßenrand, der sich so schnell ausweitete, dass die Polizei sich nicht traute einzugreifen. Oder den Arschlöchern gefällt was sie da sehen.        
            Tidjiani schüttelte den Kopf. „Es ist so unglaublich dumm.“
„Was ist denn jetzt wieder passiert?“, wollte ich wissen.         
            „Wieder ein Brandsatz. Diesmal haben sie das Wahlkampfbüro von Eberhard Uhl angezündet. Und die Wohnungen obendrüber gleich mit. Ein altes Ehepaar hat es nicht mehr rechtzeitig raus geschafft.“ Erneut schüttelte er den Kopf. „Weißt du, Hendrik, ich hab so etwas schon zu oft mit ansehen müssen. Watamu, Johannesburg… Seoul. Jedes mal hatten am Ende radikale Politschranzen ihre Finger im Spiel. Zogen die Strippen im Hintergrund, die die Stimmung der enttäuschten Massen zum überkochen brachten. So lange, bis sich der Volkszorn nicht mehr mit Ausgrenzung im Zaum halten ließ, sondern in Ausschreitungen, Deportationen und Mord entlud.“ Er seufzte traurig. „Ach ich hatte gehofft hier in Hamburg endlich Abstand zu diesem Scheißdreck zu gewinnen.“     
            Ich schnaubte zynisch. „Habt ihr wirklich gehofft in Deutschland auf ein Paradies der Toleranz zu stoßen? Ganz schön naiv, wenn man bedenkt, dass wir den Genozid praktisch erfunden haben.“ Der Afrikaner sah mich kritisch an. „Ernsthaft, Tidjani, du kannst froh sein, dass du nur Schwarz bist und kein Meta, wie ich. Dank uns Orks, Trollen, Elfen und Zwergen hat man endlich ein viel besseres Ziel gefunden, auf das man seinen Hass projizieren kann. Rassismus war bei uns Deutschen immer genauso ein Thema, wie im Rest der Welt.“ 
            Einen kurzen Augenblick lang erinnerte ich mich an eine Dokumentation über Konzentrationslager, die man vor einem halben Jahrhundert in Bayern errichtet hatte, nachdem sich im Zuge der Goblinisierungswelle viele Menschen spontan in Orks und Trolle verwandelt hatten. Schließlich sah ich vor meinem geistigen Auge, wie mein Cousin Cone von einem Fascho hingerichtet wurde. Gewöhn dich dran, dieses Bild nie wieder loszuwerden, du dummer Hauer!           
            Nickend stimmte mir mein Trainer nach kurzem Zögern zu. „Wahrscheinlich hast du recht. Aber abfinden kann und will ich mich damit nicht.“     
            „Das will ich auch gehofft haben, Meister.“ Ich schaute eine Weile dem Treiben auf dem Trid-Schirm zu, während ich meinen Kram aus dem Spind holte und Straßenschuhe anzog. Sanitäter sammelten die verwundeten Demonstranten ein. Mehrere mussten schwer verletzt gewesen sein, denn sie wurden mit Helikoptern abtransportiert. Eine professionell bestürzt dreinblickende Reporterin verglich die chaotische Situation in der Hansestadt mit den verbissenen Straßenschlachten zwischen Nazis und Kommunisten im Berlin zur Zeit der Weimarer Republik. Chapeau zu diesem Einfall! Eine Erwähnung von Adolf Hitlers Nazi-Partei treibt immer die Quoten hoch. Ich fand die Analogie gewagt, aber ich musste zugeben, dass es beängstigend war, wie schnell die Situation eskaliert war. Noch vor zwei Wochen hatte man sich mit dem Stören von Wahlkampfveranstaltungen begnügt. Mittlerweile gerieten aber immer mehr Einwohner in Lebensgefahr. 
            Inzwischen interviewte die Journalistin mehrere verängstigte Passanten, die in dem Straßenkampf verletzt worden waren. Die Schilder, die sie bei sich hatten, verrieten ihre Zugehörigkeit zum sozialliberalen Lager der amtierenden Bürgermeisterin Vesna Lyzhichko. „Eberhard Uhl, sagst du? Ist der nicht von der HUSPD?“
            Tidjani knallte frustriert einen zusammengeknüllten Ballen Papier in den Korb zu seinen Füßen. „Als ob bislang auch nur ein einziges Sackgesicht von den Konservativen ausgeräuchert worden wäre. – Natürlich gehört er zur Bürgermeisterin.“ Er seufzte. „Ich hoffe sie gewinnt. Wir brauchen ein unabhängiges Hamburg, Hendrik. Im Vergleich zu den Orten, an denen ich bislang war, ist das hier ein Hort der Freiheit.“
            Ich ließ die Schultern hängen. „OK, jetzt hast du mich deprimiert.“    
            Er lachte wieder sein herzliches Lachen. Zur Verabschiedung reichte ich ihm die Hand und lächelte zuversichtlich. „Am Wochenende geht’s zur Wahlurne. Ich werde mein Bestes geben, damit Hamburg weiter dieses schillernde, miefige, lebensgefährliche, aber liebenswert freie Stadt bleibt. Versprochen!“
            „Viel Erfolg, das wünsche ich uns allen.“         
„Und vergiss nicht bis zum nächsten Mal deine Übungen zu machen. Du musst jeden Tag trainieren, wenn du die nächste Stufe erreichen willst.“, rief er mir noch beim Verlassen der Umkleide hinterher:
            Auf dem Weg nach Draußen begegnete ich Tidjanis reizender Frau Shae. Sie ließ gerade die Jalousien herunter, denn ich war der letzte Gast an diesem Abend und es war an der Zeit den Laden zu schließen. Wie immer trug sie Kleidung aus leichten Stoffen. Heute war es ein hauteng anliegendes T-Shirt und eine bequeme schwarze Hose aus Seide. Als sie meine Schritte hörte, neigte sie ihren Kopf leicht zur Seite. Dann schlug sie sich mit der flachen Hand auf ihre Hüfte. „Hendrik“, sagte sie tadelnd, „Starrst du etwa wieder auf meinen prachtvollen Hintern?“       
            Mist, ertappt!  
„Öhm, ich kam nicht umhin, seine Anwesenheit zu bemerken, falls du das meinst.“   
            Sie lachte heiter und drehte sich vom Fenster weg. „Tja, ich kann mich einfach nicht von ihm trennen. – Und jetzt sag ja nichts Falsches!“, drohte sie mit erhobenem Zeigefinger, aber weiterhin mit einem Lächeln um die Augenwinkel. Ich wusste nur aus Andeutungen der beiden, was sie in den letzten Jahren alles an Scheiße erlebt hatten, doch irgendwie hatten sie es geschafft sich ihre Lebensfreude zu erhalten. Aus einem Grund, der mir nicht klar wurde, weckte das in mir die diffuse Hoffnung, dass für die WildCards eines Tages alles gut ausgehen würde.           
            Ich hob abwehrend die Hände. „Niemals würde ich mich negativ über deinen Hintern äußern, verehrte Shae.“          
            „Na das wollte ich dir auch geraten haben.“ Kritisch zog sie eine Augenbraue hoch und musterte mich einen Moment lang. „So, und jetzt runter mit deinem Hemd!“ 
            Irritiert sah ich sie an. Ich kannte Pornos, die so anfingen. War ich im falschen Film gelandet? Dann stieß sie ungeduldig Luft zwischen den Zähnen aus. „ Das Tattoo! Ich will sehen, wie gut meine Arbeit geworden ist, du primitiver Klotz!“         
            Das machte dann schon mehr Sinn.    
Wie geheißen zog ich mein Hemd aus, ging in die Knie und drehte ihr meinen Rücken zu. Kalte Fingerspitzen fuhren sanft über die Haut und glitten prüfend über die Konturen des Motivs, ein Kompass, der gleichzeitig in alle vier Himmelsrichtungen zeigte. „Sehr gut. Von einer leichten Rötung abgesehen ist alles gut verheilt. Und das wird auch noch werden. Kannst dich wieder anziehen.“      
            Wenn jemand  ein intensives Kampfsporttraining in einem solch kleinen Studio antreten will, schauen sich die Besitzer die Neuen in aller Regel ganz genau an. Dann entscheiden sie, ob man die Mühe wert ist oder nicht. So seltsam es in unserer heutigen Zeit anmuten mag, hier achtet man erst in zweiter Linie auf das Geld. Schließlich sollte man sich halbwegs riechen können, wenn man miteinander arbeiten will. Zwar war Tidjani auf Muay Thai spezialisiert, hatte aber auch in anderen Kampfsportarten ausreichend Erfahrung sammeln können. Zudem waren mir seine Lehren im Bezug auf meine Adeptenfähigkeiten wichtiger, als eine ganz bestimmte waffenlose Kampfkunst zu lernen. Jedenfalls führten wir im Zuge des gegenseitigen Beschnupperns intensive Gespräche zu meinem Werdegang, meiner Motivation und meinen Zielen; natürlich nur in Bezug auf den Sport. Ich hütete mich auch nur ein Wort über den mysteriösen Stalker zu verlieren, der unlängst eine KI auf meine Spuren angesetzt hatte, mit dem Ziel mich zu ermorden. Dass ich auch von Sunetras kleinem Problem nichts erzählte, versteht sich da von selbst. 
            Während unserer Gespräche fand ich heraus, dass seine Frau Shae nicht nur Shamanin, sondern auch in der Kunst des Bamboo Tattoo bewandert war. Sie fertigte sie traditionell an, mit Bambus Sticks und nicht mit Nadeln, wie es im Laufe des letzten Jahrhunderts Mode geworden war. Statt mit einer Maschine, die bis zu mehrere hundert Male in der Minute zustach, um das gewünschte Bild auf der Haut zu verewigen, arbeitete die Asiatin manuell. Das dauerte natürlich länger, weshalb man die Schmerzen bei dieser Prozedur besser genießen kann. Als Ingredienzien für die Farbe dienten so illustre Zutaten wie Tintenfischblut, Salamanderpulver, Ruß, Barghesthodensud, Büffelgalle oder Alraunentinktur. Früher, also als im fünften Zeitalter vor dem Erwachen das magische Niveau praktisch nicht vorhanden war, glaubte man in Thailand, dass es möglich war auf diese Weise Schutz- und Stärkungszauber in die Haut einbringen zu können. Was damals nicht funktionieren konnte, war nun möglich geworden. 
            Im Hinblick auf die teils schweren Verletzungen, die mir in den letzten Monaten zugefügt worden waren, entschied ich mich ein weiteres Mal auf Magie zu vertrauen. „Mit der Farbe, webe ich einen Zauberspruch in deine Haut, der deinen Körper kräftigen wird.“, hatte sie mir damals erklärt. „Du wirst dich fitter fühlen und mehr Schläge einstecken können als zuvor. Aber sei vorsichtig: Das Tattoo macht dich nicht unbesiegbar. Es zapft lediglich die magischen Reserven des Adepten, sein Ki an, und wandelt es um.“
            Auch wenn ich kein Zauberer war, war mir bewusst, dass Ki-Adepten eine gewisse praktische Veranlagung zur Nutzung arkaner Energien besaßen. Auf diese Weise konnten sie ohne im eigentlichen Sinne zu Zaubern ihre physischen Attribute verbessern bzw. verändern, um sich beispielsweise schneller als normale Menschen zu bewegen oder um ihre Stimme zu modulieren, was mir schon häufiger geholfen hatte mich als jemand anderes auszugeben. Ich bin also so wenig ein Zauberer wie ein Hund eine Katze ist, nur weil er auch vier Beine und einen Schwanz hat und Sauerstoff zum atmen braucht.       
            Diese Tattoos funktionierten in etwa wie der Fokus eines handelsüblichen Magiers und konnten nur von Adepten genutzt werden. Daher bezeichnete man sie auch als Qi-Tattoos, was übrigens noch einfallsloser klingt als es sich liest.       
            Shae verpasste mir einen Klaps auf den Hinterkopf. „Braver Junge! Jetzt darfst du nach Hause gehen.“
            „Danke, Mama!“          
Nun trat sie mir lachend gegen das Bein. „Hüte deine Zunge und sieh zu, dass du Land gewinnst! Raus mit dir!“  
            Notdürftig knöpfte ich mir mein Hemd zu, feixte noch ein letztes Mal und war in der regennassen Nacht verschwunden bevor sie mich wieder schlagen  konnte.

***

            Dienstag

       „…reißen die Meldungen über Kämpfe auf offener Straße, Drohbriefe und Brandanschläge nicht ab. Obwohl sich die Mehrzahl der Bürger laut den neusten Umfrageergebnissen immer noch zu Bürgermeisterin Lyzhichko bekennen, sinken ihre Werte, seitdem Anhänger der Sozialdemokraten sich zu Schlägertrupps zusammengeschlossen und das Büro von HUCDU Fraktionschef Ecky Friesner verwüstet haben.          
            „Ihr wisst echt einen Wahlkampf zu führen. Da fühl ich mich doch gleich wie daheim in Mütterchen Russland.“, konstatierte Lina und bog in eine andere Straße ein. 
            Alyssa schnaubte verächtlich in Richtung der Windschutzscheibe, auf deren Innenseite die Nachrichtensendung projiziert wurde. „Geschieht dem Arsch ganz recht. Ist doch sonnenklar, dass er und seine feinen Parteifreunde hinter den Anschlägen auf die Sozialliberalen stecken.“           
            „Das kannst du nicht wissen.“, entgegnete Sunetra vom Beifahrersitz. „Zugegeben, es ist wahrscheinlich, aber es gibt keinen Beweis dafür. Nicht einer von den Krawallbrüdern ist Mitglied in einer Partei. Sie sind halt nur gegen Lyzhichko.“     
            Da hatte sie leider recht. So war es schwer für die Bürgermeisterin Stimmung gegen das konservative Pack zu machen. Jetzt aber verfügte die Gegenseite über die Munition, die eigentlich den Sozialliberalen zustand. Missgelaunt schaute die Magierin auf dem Rücksitz nach draußen und sah, dass sie inzwischen durch eine piekfeine Gegend fuhren. „Hey Lina, wo bringst du uns eigentich hin?“
            Sunetras ehemalige Shadowrunnerkollegin kutschierte sie bereits seit zwanzig Minuten scheinbar ziellos durch die Stadt. Statt zu antworten, zwinkerte sie ihr über den Rückspiegel verschwörerisch zu. „Lass dich einfach überraschen.“ 
            Geduld war keine von Alyssas Stärken, sie von ihr zu Verlangen ein Glücksspiel. Largo oder Hendrik, die sie besser kannte, hätte sie nun so lange zugetextet, bis sie endlich eine entnervte Antwort bekommen hätte. Die weißhaarige Schamanin allerdings kannte sie noch nicht lange und wusste nicht wie sie sie einschätzen musste. Noch bevor sie sich weiter über die Situation ärgern konnte, zogen die Nachrichten wieder ihre Aufmerksamkeit auf sich, denn sie zeigten gerade eine alte Bekannte von ihr. Ein Polizist hob vom Zuschauer abgewandt das blutverschmierte Tuch von einer Leiche. Die Frau schien das Opfer zu kennen, denn sie hielt sich erschrocken die Hand vor den Mund und nickte langsam. Man konnte nicht genau erkennen, ob sie weinte, aber Alyssa hätte schwören können, Tränen gesehen zu haben..  
           
„… überfielen Unbekannte unbewaffnete Wahlkampfhelfer und hetzten sie durch die Straßen. Als einer der Männer stürzte, wurde er mit Schlägen und Tritten malträtiert. Noch bevor der Krankenwagen am Einsatzort eintraf, war Mustafa Ucturk bereits seinen inneren Verletzungen erlegen. Gerüchte besagen, dass die parteilose Politikerin Linda Schiller nach dieser entsetzlichen Tat ihre Kandidatur zurückziehen wird. Schillers stellvertretender Pressesprecher hat auf unsere Nachfragen in dieser Angelegenheit nicht geantwortet. …
            Erst wenige Wochen war es her, dass sie den Deutschen mit türkischen Vorfahren kennengelernt hatten. Damals hatten sie sich für Frau Schiller um eine marodierende Gruppe der Holsten Zombies gekümmert. Eigentlich dachten sie, dass sie die Angelegenheit abschließend geklärt hatten. Ein kleiner Ballen Traurigkeit versuchte aus dem Magen in Alyssas Hals hinaufzurollen. „Der arme Kerl!“
            „Ja.“, bestätigte die Elfe vor ihr, „Er hat einen netten Eindruck gemacht. Glaubst du es waren die Zombies?“   
            „Bestimmt.“     
Die Magierin versank in brütender Stimmung. Wie hatte die Situation in Hamburg nur so schnell so sehr aus dem Ruder laufen können? Zu gerne hätte sie noch etwas länger über diese Frage gegrübelt, aber in diesem Moment verkündete Lina, dass sie ihr Ziel erreicht hatten.
            Nachdem sie ausgestiegen waren, eröffnete ihnen die Schamanin, dass sie sich im Botschaftsviertel befanden. „Genauer gesagt vor der Japanischen Botschaft.“           
            Argwöhnisch musterte Sunetra sie. „Und da willst du rein?!“ Die Elfe hatte guten Grund misstrauisch zu sein. Schließlich gab es immer noch Kräfte in ihrer Heimat, die sie am liebsten sechs Fuß unter der Erde gesehen hätten. Außerdem war unklar, ob diese Leute dafür gesorgt hatten, dass sie als persona non grata eingestuft worden war. Im schlimmsten Fall hätte man sie sofort nach Betreten der Botschaft gefangen genommen.      
            Doch Lina winkte ab. „Nein, nicht ganz. Kommt mit mir.“
Weit gehen mussten sie nicht. Am nächsten Eingang blieb sie stehen und betätigte die Klingel. Links und rechts des wuchtigen Holztores wuchsen Steinmauern fast vier Meter empor. ‚Wer auch immer da drin haust, schätzt seine Privatsphäre.‘ Vorsichtig prüfte Alyssa mit einem Fingernagel den Mörtel zwischen den Steinen. ‚Scheint echt zu sein und nicht irgend so ein  Plastikdrek. Nobel…und teuer.‘       
            Summend öffnete sich das Tor einen Spalt, woraufhin Lina dagegen drückte und sie einließ. Drinnen staunten die Magierinnen nicht schlecht. Vor ihnen breitete sich eine wundervolle Szenerie aus. Scheinbar hatte der Architekt einst den Auftrag gehabt mitten in Deutschland ein japanisches Dorf auferstehen zu lassen. Unmittelbar hinter der Mauer wölbten sich getrimmte Grashügel, wie Dünen in der Wüste. Sie erzeugten beim Betrachter den Eindruck, er befände sich inmitten eines bei hohem Wellengang von der Zeit verstoßenen Meeres. Vom Eingang ausgehend pflügte sich ein gepflasterter Weg, gesäumt von mit Lampions behangenen, hölzernen Torbögen, durch das grüne Stillleben und führte sie zu den ersten Gebäuden.   
            Sunetra bemerkte, wie sich Alyssa staunend umsah.  
„Diese Häuser nennt man Minka.“       
            „Das heißt übersetzt ‚Volkshaus‘, oder?“         
„Richtig. So baute man früher in Japan. Die Dörfer bestanden größtenteils aus diesen flexiblen Holzfachwerkhäusern. Ihre Wände waren in der Regel aus leichten Materialien – wegen der Erdbebengefahr in meiner Heimat. Sie waren einfacher wieder aufzubauen als Steinhäuser. Oft wurden sie wie hier mit Walmdächern gedeckt, hatten manchmal aber auch Schindeln. Dann sah das Ganze mehr helmförmig aus, oder wie gefaltete Hände.“
            Als sie um das erste Haus herum kamen entdeckten sie ein größeres Anwesen. „Ah, das dort ist das Machiya. Das Stadthaus.“ Sunetra blickte etwas länger hin und stutzte. „Hat man dort ein Torii und einen kleinen Schrein errichtet?“
            „Ja, und genau dort müssen wir hin, Teuerste.“ Lina sah auf ihre Uhr und legte einen Schritt zu. „Kommt! Wir werden erwartet.“
            Alyssa versuchte mit den beiden Frauen Schritt zu halten und gleichzeitig die Eindrücke auf sich wirken zu lassen. Erst nach einer Weile bemerkte sie die Männer, die wie Statuen vor den Häusern postiert worden waren. Gewandet waren sie in eine Art dunkelbauen Kimono. Schriftzeichen waren in weißer Farbe darauf abgebildet, aber die Magierin konnte sie aus der Entfernung nicht entziffern. Bei genauerem Hinsehen erkannte Lightning, dass der Eindruck der leichten Kleidung täuschte. Sie war ein Kompromiss aus traditionellem Aussehen und praktischem Nutzen. Unter den Kimonos verbargen sich Panzerwesten und andere Sicherheitskleidung. An den Hüften hingen Sayas, in denen wiederum Katanas steckten. Zusätzlich hatten die Wachen noch Mitama Sturmgewehre geschultert, das sie am Riemen festhielten, während sie mit steinernen Mienen auf einen imaginären Punkt vor sich starrten. Der Anblick verunsicherte Alyssa ein wenig, weshalb sie etwas hinter den anderen zurückgefallen war und fast die Begrüßung verpasst hatte.           
            „Guten Tag, meine Damen. Es freut ich, dass sie es so kurzfristig einrichten konnten.“, flötete der Priester in der prachtvollen gelben, mit roten Drachenzeichnungen verzierten Robe und der schwarzen Kopfbedeckung. Sunetra hatte sich auf ein traditionelles Willkommen eingestellt und befand sich bereits in Grundhaltung, um sich zu verbeugen. Doch der alte Japaner lachte und drückte ihr freundschaftlich den Oberarm. Auch Lightning und Lina schüttelte er die Hand und plapperte jovial drauf los, als wäre er weder Japaner noch eine religiöse Respektsperson. ‚Sehr ungewöhnlich. Vermutlich hat der jahrelange Umgang mit uns Europäern auf ihn abgefärbt.‘ Spontan mochte sie den komischen Kauz leiden.        
            „Man nennt mich Yakamura-San. Und dies hier“, lächelnd breitete er die Arme in einer großen Geste aus, so als wollte er sie umarmen, „ist das Zentrum des Shintoglaubens in Norddeutschland.“      
            Shinto? Alyssa fragte sich spontan, was sie an einem Ort des Glaubens zu suchen hatte. Ein Gott war schon schlimm genug, aber gleich eine Unzahl von Götter war ihr unerträglich?! Die Mehrheit der japanischen Bevölkerung praktizierte Shinto und huldigten den verschiedensten Gottheiten, die oft in Verbundenheit mit der Natur gesehen wurden. Kami wurden sie genannt und waren unterschiedlich stark. Amaterasu war als Sonnengöttin natürlich mächtiger als der Kami eines schilfbewachsenen Bachlaufs.
            „Lina hat sie mir empfohlen.“  
Anstatt neugierig nachzubohren sah die Elfe ihn nur fragend an. Nachdem der Moment höflichen Wartens vorüber war, rückte er seine Kopfbedeckung zurecht, die dabei leise wie Papier raschelte, und fuhr fort: „Wie ich hörte, haben sie Schwierigkeiten ihre Magie in dem Umfang auszuüben, wie es ihnen einst in Japan möglich war.“       
            Sunetra schwieg und nickte.   
„Vielleicht können wir ihnen dabei helfen ihr Gedächtnis aufzufrischen, denn in dieser malerischen Anlage haben wir auch eine Magieschule untergebracht.“           
            Nun hielt es Alyssa nicht mehr aus.    
„Nun, ich finde diesen Ort wunderschön, aber warum bin ich eigentlich hier? Dass Lina als Schamanin einen Bezug zum Shintoglauben hat, leuchtet mir ja noch ein, aber ich bin Hermetikerin. Ich verlasse mich nicht auf die Magie der Natur.“
            „Ich glaube ich muss hier ein wenig Aufklärungsarbeit leisten.“
            Yakamura-San lächelte sanft, was den Fältchen und Runzeln um seine Augen etwas mehr Tiefe verlieh. „Neben der schamanistischen und der hermetischen Tradition stellt der Shinto einen dritten Weg in die Magie dar. Unser Glaube ist nicht an Dogmen gebunden. Wir kennen beispielsweise keine Zehn Gebote, wie die Christen, und haben damit auch keine klar umrissene Ethik, auch wenn wir bei der Durchführungen unserer Zeremonien sehr pingelig sein können.“ Er kicherte als hätte er einen unfeinen Witz gemacht. „Wir sind eher praktisch veranlagt und vereinen beide magische Traditionen. Denn selbst wenn sie mir sicher nicht uneingeschränkt zustimmen werden, sind Hermetik und Schamanismus Teil eines Ganzen und nicht unvereinbar voneinander getrennt.“           
            Sunetra und Alyssa tauschten kurze Blicke und bedeuteten dann dem Priester, er möge weitersprechen. „Kurz und gut: wir sind ein gemeinnütziger Verein und offen für alle Interessenten. Nach allem, was mir Lina über sie erzählt hat, wären sie ideale Kandidaten für eine Mitgliedschaft bei uns.“ Ihm entging nicht der kritische Blick, den ihm Alyssa zuwarf. Beschwichtigens hob er eine Hand und legte die andere auf seine Brust. „Sie haben mein Ehrenwort, dass es nicht darum geht sie zu missionieren. Das ist nicht unser Auftrag.“         
            „Worum geht es ihnen denn dann?“, fragte Alyssa forsch, da die Elfe an diesem Nachmittag zu gehemmt war. Wahrscheinlich fürchtete sie, dem Mann versehentlich auf die Füße zu treten.
            „Im Gegensatz zu unseren anderen arkan gesegneten Mitgliedern gehören sie zu den wenigen auch physisch sehr aktiven Magiern und würden unser Spektrum an Know-How beträchtlich erweitern.“ Er spielte auf die Tatsache an, dass Sunetra gerne auch mal das  Katana sprechen ließ und Alyssa gut mit Schusswaffen umgehen konnte.     
            Er faltete die Hände vor seinem Schoß und gab sich Mühe bescheiden zu wirken. „Zugegeben, die Mitgliedschaft ist nicht ganz billig und wir erwarten ein wenig Engagement von ihnen, aber auf der anderen Seite haben wir auch eine Menge zu bieten. Unserem Schrein sind verschiedene Kampfschulen angeschlossen und die Mitglieder helfen sich untereinander. Stellen sie sich vor, sie benötigen einen Rat im Knacken einer Firewall. In dem Fall würde ich sie an Hohiro Miyamoto verweisen. Er hat nur mäßigen Zugang zum Fluss des Mana, ist aber ein Zauberer auf dem Computerdeck.
            Oder brauchen sie Hilfe beim Erlernen eines Zauberspruchs, mit dem sie Halluzinationen wirken können? Dann würde ich ihnen empfehlen mit Reinhard Feldmann zu sprechen.“       
            Geduldig wartete der ältere Mann die Reaktion der Magierinnen ab. Sunetra sah zu Alyssa, die sich am Kinn kratzte. „Nun…“, begann sie vorsichtig, „.. es klingt wirklich sehr interessant. Lass uns der Sache doch eine Chance geben.“    
            Wieder lachte der Priester heiter und wippte leicht mit seinen Füßen. „Sehr gut. Lassen sie uns doch die Details bei einem Tee besprechen.“        

***

            Mittwoch

            Etwas ratlos standen wir am frühen Abend zusammen in der Werkstatt am Hafen und kippten bereits den vierten Pott Soykaff in uns rein. Seitdem es auf den Straßen drunter und drüber ging, Gegendemos mit Gegengegendemos beantwortet wurden und  sich die Anhänger der verschiedenen Lager mehrheitlich zu Sachbeschädigung und Köperverletzung hinreißen ließen, wollten selbst wir nicht mehr draußen herumlaufen. Ich weiß, dass es aus dem Mund eines Shadowrunners ein klein wenig heuchlerisch klingen mag. Immerhin wird von uns sogar erwartet, dass wir Dinge zerdeppern oder mitgehen lassen und Leute ins Nachleben befördern. Aber im Gegensatz zum wilden Mob waren wir dagegen ein Instrument mit chirurgischer Präzision. Kein Vergleich zu den marodierenden Massen, die ohne Sinn und Verstand losschlugen.
            Krisenzeiten waren die beste Gelegenheit für Armeen und Shadowrunner. Je nachdem wie offiziell man vorgehen wollte, kamen die einen oder die anderen zum Einsatz. Da Shadowrunner zu engagieren deutlich billiger war, als den Militätapparat auf Hochtouren zu bringen, begnügte man sich meist mit dem Engagieren von entbehrlichen Söldnern. Falls die unerwartet den Löffel abgaben, musste man zudem nicht damit rechnen, dass aufgebrachte Hinterbliebene die Aufmerksamkeit der Presse auf einen lenkten.
            Mit jedem Tag, an dem die Situation in Hamburg mehr und mehr bürgerkriegsähnliche Züge annahm, stieg daher im gleichen Maße die Wahrscheinlichkeit, dass auch die WildCards von einem Schmidt kontaktiert werden würden. So wunderte es uns dann auch nicht mehr, als es am Mittwoch vor der Wahl endlich soweit war.
            „Dringendes Treffen um 23 Uhr erbeten. Ruhiges Plätzchen zwischen BW und Altstadt. Grüne Signallampe zur Kontaktbestätigung mitbringen. – Schmidt“, lautete die schmucklose Textnachricht, die Largo an uns weitergeleitet hatte. BW war die Kurzform für das bekannte Hamburger Inselgefängnis Big Willi.    
            „Könnte ne Falle sein.“, schnaubte Hank mürrisch. Der Troll hauste seit unserem letzten Auftrag in der Werkstatt. Scheinbar lief seine Wohnungssuche nicht besonders erfolgreich.  
            Largo wog ein schwarzes, etwa Daumen großes Gerät in der Hand, warf es schließlich hoch und ließ es dann wieder in einer geschlossenen Faust verschwinden. „Nein. Das glaube ich nicht. Jedem unserer ehemaligen Auftraggeber, geben wir eine Nummer zu einem Wegwerf-Komlink, über die er mit uns Kontakt aufnehmen kann. Jeder bekommt eine andere. So wissen wir immer, wer sich bei uns meldet.“ Der Zwerg warf in einer hilflosen Geste die Arme hoch. „Ich weiß ja nicht, wie es dir geht, Kleiner, aber ich komm bei all den Schmidts und Schmitts immer total durcheinander.“          
            „Und wer hat uns geschrieben?“, wollte Sunetra wissen. Nachdenklich rührte sie einen Schluck Sojamilch unter ihren SoyCaf. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass die Brühe dadurch besser schmeckte. Schlimmer konnte es allerdings auch nicht mehr werden. 
            „Erinnert ihr euch noch an den feinen Pinkel, der uns mit dem Kubanischen Gold nach Kopenhagen geschickt hat?“   
            Sunetra wusste sofort, auf wen der Rigger anspielte. „Der arrogante Schnösel mit der Yacht? Wie könnte ich den vergessen!?“
            Alyssa und meine Wenigkeit hingegen mussten sofort an jemand anderes denken. „Asha!“, entfleuchte es unisono wie ein feuchter Fiebertraum aus zwei Mündern. Entsetzt wurde uns im selben Augenblick bewusst, dass das Wort nicht länger nur in unseren Köpfen verweilte, sondern ausgebrochen war und unbeaufsichtigt durch den Raum huschte. Betreten gaben die Kleine und ich uns Mühe so zu tun, als wäre nichts Ungewöhnliches passiert. Anstatt uns den Gefallen zu tun und das Wort wie einen versehentlichen Furz zu überhören, warfen die Elfe und der Zwerg uns Blicke zu. Bloß an Hank prallten Andeutungen und Implikationen an seiner muskelbepackten Brust ab. Zum einen, weil Herr Subtext einfach nicht durch den Panzer aus trollischer Ignoranz hindurch kam, und zum anderen, kannte er Asha nicht.  
            Bevor ich ihn darum bedauern konnte, wanderten meine Gedanken wieder an jenen Abend zurück, als die bezaubernde Elfe, mit ihrer wogenden, feuerfackelroten Lockenpracht, den kleinen festen Brüsten, gekrönt von steil aufragenden Nippeln, dem durchtrainierten, flachen Bauch und den Apfelarschbacken die Stufen zu uns herabgestiegen war. Mit jedem einzelnen Schritt spielten ihre Brüste neckisch mit der Schwerkraft. Nur ein ganz kleines bisschen. Nachgegeben hätten sie niemals. Je mehr Asha ins Licht trat, desto deutlicher wurde, dass ihr durchsichtiger Bikini nichts der Phantasie überließ. Ganz besonders nicht ihre rasierte M…
            „Kommt ihr zwei endlich?“ Eine außerordentlich genervte Sunetra stand in der offenen Werkstatttür und tappte ungeduldig mit einem Fuß auf der Stelle. Abgesehen mir war nur noch Lightning im mittlerweile abgedunkelten Raum. Vor lauter Tagträumerei hatten wir komplett auf Durchzug geschaltet. Ich räusperte mich, klopfte unsichtbare Staubflocken von den Ärmeln und schritt entschlossen los. „Äh, natürlich. Ich finde wir sollten da nicht wie räudiges Pack aufschlagen und uns vorher noch umziehen.“
            Da kam auch die menschliche Magierin wieder zu sich. „Ja! Jaaa, das ist eine gute Idee! Ich wollte mich auch noch frisch machen. Es wird eh Zeit, dass bei uns etwas mehr Stil Einzug hält. Shadowrunner hin oder her, wir müssen ja nicht immer wie die letzten Penner rumlaufen.“           
            „Nix da!“, stoppte uns die Magierin aus Fernost mit erhobener Hand. „Ihr liebestollen Teens begebt euch jetzt auf direktem Weg über Start zum Boot, zieht keine zweitausend Nuyen ein und kühlt ein bisschen an der frischen Luft ab!“   
            Alyssa setzte zu einer schnippischen Antwort an, kam aber nicht weit. „Keine Widerrede! Ansonsten wird euch Hank in den Schwitzkasten nehmen. Zwei Nervensägen, zwei Achseln. Jeder kann bedient werden.“ Dann drehte sie auf dem Absatz um und ging schnurstracks auf die Dead Man’s Hand zu, die am Pier vertäut war.         
            Beleidigt eine Schnute ziehend und die Hände in die Taschen gestopft, trotteten wir missmutig hintendrein. Ausnahmsweise war ich mit Lightning einer Meinung.
            „Spielverderber!“

***

            Mehr als zwei Stunden dauerte die Reise bis zum Treffpunkt. Und obwohl wir zeitig losgefahren waren, legten wir eine Punktlandung hin. Aufgrund der Unruhen in der Stadt herrschte auch auf den Wasserwegen erhöhte Sicherheit. Allerorten schallte der Lärm der Sirenen von Krankenwagen, Feuerwehr und Polizei über das Wasser zu uns herüber. Hier und dort waren Rauchsäulen zu sehen, die langsam in der hereinbrechenden Nacht verschwanden, während am Himmel waren so viele Helikopter unterwegs waren, dass man den Eindruck gewinnen konnte, eine Flugshow zu besuchen. ‚Ob der Spuk wohl mit dem Auszählen der Stimmen am Sonntag Abend ein so rasches Ende haben wird, wie es angefangen hat?!‘ Ich hoffte es, konnte aber nicht so recht daran glauben. Etwas war in Gang gesetzt worden, das das Gesicht der Stadt tiefgreifend verändern wollte. Und nicht zum Guten, so viel war klar. Trotz aller Hoffnung war ich sicher, dass was auch immer vor sich ging, seine Spuren in den Einwohnern hinterlassen würde.
            Mehrfach gerieten wir in Kontrollen der Wasserpolizei, was unser Vorankommen erheblich verzögerte. Vorsichtshalber hatten wir nur leichtes Gerät an Bord genommen, was unser Glück war. Die Beamten waren nämlich derart nervös, dass man befürchten musste, sie ballern wild um sich, wenn ihnen illegale Hardware in die Finger geraten sollte. Schließlich hatten wir es aber geschafft und Largo aktivierte die grüne Signallampe am Bug.           
            Es dauerte keine zehn Sekunden, bis das Deck der Yacht in hellem Licht erstrahlte. Wir sicherten die Dead Man’s Hand und kletterten über eine Strickleiter an Bord des luxuriösen Schiffes. Der in den Boden eingelassene Whirlpool wirkte ohne Wasser nur noch halb so einladend. Dennoch strahlte der Anblick nach wie vor Urlaubsatmosphäre aus. Vernichtet wurde diese durch den Schmidt, der uns mit einem kurzen Händeschütteln in Empfang nahm. Der glatzköpfige Mann mit den Cyberaugen hatte beim letzten Mal eine Selbstsicherheit ausgestrahlt, die geradezu beängstigend gewesen war. Aber an diesem Abend war er wie verwandelt.       
            Er steckte wieder in edlem Zwirn, wirkte aber nervös und zerzaust. Das Hemd steckt nur zur Hälfte in der Hose, die Augen mit den tiefen, dunklen Ringen darunter wanderten ziellos umher, seine Hände spielten unablässig mit einem Feuerzeug und er konnte nicht ruhig stehen bleiben. Seine Rasur musste er schon seit Tagen vernachlässigt haben. Was er wohl erlebt haben mochte, dass er derart durch den Wind war? Zudem schien er alleine gekommen zu sein. ‚Keine Bodyguards? Entweder ist er lebensmüde oder echt verzweifelt.‘ Zu meiner Enttäuschung konnte ich auch Asha nirgends entdecken. Ebenso hielt unsere menschliche Magierin erfolglos nach dem roten Gift Ausschau.   
            Trotz alledem vernachlässigte der dünne Mensch seine Pflichten als Gastgeber nicht und goss uns allen an der Bordbar einen Whiskey ein, bevor er zum Geschäftlichen kam. Alyssa schnüffelte lediglich an dem edlen Single Malt und lächelte nichtssagend ohne zu trinken. Unser Schmidt jedoch prostete still in den Raum hinein und kippte den Alkohol in einem Zug herunter. Dann goss er sich einen weiteren ein, an dem er fortan bei jeder Gelegenheit nippte.
            „Nun denn, gemeinsame Bekannte haben mir gezwitschert, dass sie in der Lage sind delikate und gefährliche Aufgaben zu übernehmen.“, begann er, den Whiskey im Glas schwenkend, und nahm noch einen Schluck. „Trotz all der Gewalt, dem Schrecken und der Angst, die seit Tagen verbreitet wird, sieht es so aus, als wird unsere allseits geschätzte Bürgermeisterin im Amt bleiben. Ja, die gegnerische Propaganda hat sie bereits Stimmen gekostet, aber ihr Vorsprung ist zu groß, als dass sie noch verlieren kann.“        
            „Frau Lyzhichko wäre nicht die erste, die über den wankelmütigen Wählerwillen stolpert. Ich wäre also mit solchen Vorhersagen vorsichtig.“, mahnte Largo an. Als der Schmidt ihn verstimmt ansah, fügte er noch hinzu: „Guter Stoff übrigens.“          
            Die Ablenkung funktionierte. Wieder einmal betrachtete der Schmidt die bernsteinfarbene Flüssigkeit und befeuchtete sich damit die Kehle. „Danke. Er reift zuerst sechs Jahre in Sherry Fässern und dann nochmal acht in Rumfässern. Das gibt ihm das mild süße Aroma im Abgang.“ Am Ende seiner Ausführung, fiel ihm wieder ein, warum er eigentlich mit uns sprach und rieb sich eine Schläfe. „Wenn die Wahl so ausgeht, wie wir vermuten, ist die Unabhängigkeit Hamburgs in Gefahr.“          
            „Wie denn das? Genau das ist doch das Kernthema in ihrem Wahlkampf gewesen.“, wollte ich wissen.      
            „Das ist richtig. Aber sie hat sich gefährliche Feinde gemacht, die nicht tatenlos zusehen werden, wie ihnen Hamburg weiter entgleitet. Wir rechnen damit, dass sie Konzerntruppen herschicken werden, um ihre Interessen mit Gewalt zu durchzusetzen.“        
            „Was für Arschlöcher sind das?“, fragte Hank unverblümt.
Der Schmidt musste nicht antworten. Ein unangenehmer Klumpen schlechter Vorahnung in meinem Magen wusste bereits Bescheid. „Saeder-Krupp und der Franfurter Bankenverein.“  
            „Die Äppelwoi-Meschpoke,“, knurrte Alyssa. „Denen ist die sozialliberale Politik in Hamburg doch schon seit Jahren ein Dorn im Auge. Nur dank der Bürgermeisterin kann uns die NEEC nicht vorschreiben, was wir zu tun und zu lassen haben.“ Sie hatte recht. Denn wer hatte die NEEC in der Hand? Richtig: Lofwyr. Der Drache war der Geschäftsführer des weltgrößten Megakonzerns Saeder-Krupp. Und es ergab sich aus der Natur der Sache, dass Kapitalisten zusammen hielten, wenn es darum ging möglichst viel Kohle zu scheffeln. Regierungen und ganz besonders unabhängige Regierungen waren dabei nur im Weg. All diese unangenehmen Arbeitsschutzgesetze, Menschenrechte und Vorschriften bezüglich des Umweltschutzes konnte man sich mit einer Marionetten-Junta genauso gut sparen und sich dem widmen, was man am liebsten tat: möglichst viel auf Kosten anderer erwirtschaften.
            „Ok, wir hören.“          
„Ihr Auftrag birgt ein sehr hohes Risiko und wird sie in direkten Konflikt mit den Kräften aus Frankfurt bringen. Wenn sie scheitern, werden sie höchstwahrscheinlich ihr Leben verlieren. Und wenn sie obsiegen, wird niemand ihre Namen besingen, denn sie sollen unter allerhöchster Geheimhaltung arbeiten. Doch seien sie unbesorgt! Diejenigen unter uns, auf die es ankommt, werden wissen, wem sie es zu verdanken haben werden, dass Hamburg seinen Sonderstatus in den ADL halten konnte.“         
            Yashida, MCT, die auf Sunetra angesetzten Killer aus Japan…Konnte der Schmidt etwa von unserem langfristigen Ziel wissen, dass er den letzten Satz so betonte? Wir mussten für MCT Kontakte zu ARGUS, EVO und dem Hamburger Senat herstellen und sie für deren Ziele gewinnen. Ein Auftrag, der Hamburg vor den gierigen Klauen des Drachen rettet, würde uns in eine Position bringen aus der wir vom Senat nahezu alles einfordern könnten. Ich musste daher gar nicht erst mit den anderen sprechen, um eine Entscheidung treffen zu können. „Egal was es ist, wir sind dabei.“
            Zum ersten Mal seit der Begrüßung lächelte der Schmidt.
„Sehr gut. Sagt ihnen der Name Karl Weißhaupt etwas?“        
            Alle WildCards verneinten die Frage nach kurzem Kramen in der Rumpelkiste, die wir Gedächtnis nannten. „Das dachte ich mir schon. Und es wundert mich nicht im Geringsten, denn unbekannt zu bleiben ist eine der größten Stärken dieses Mannes.“ Er stellte sein leeres Whiskey Glas auf der Theke ab ohne sich erneut einzuschenken. Leben war in ihn gekommen und ich glaubte sogar ein wenig Zuversicht in seinen Augen erkannt zu haben. Genauso gut konnte es aber auch bloß vom Alkohol entfachter Kampfeswille gewesen sein.    
            „Er ist einer der führenden Köpfe der neofaschistischen Bewegung ‚Glaube, Stärke, Einheit‘, in der sich rechtes und religiöses Gedankengut vermischen.“           
            Hanks Augen verzogen sich zu Schlitzen. „Nazis.“      
„Nein, nicht ganz. Weißhaupt agiert im Hintergrund. Als graue Eminenz, wenn sie so mögen. Er hängt weniger dem Faschismus an, sondern ist streng gläubiger Christ. Weißhaupt weiß aber mit welchen Motiven er Mitglieder anlocken und die Bewegung am Laufen halten kann. Und Fremdenangst zu schüren war noch nie so einfach wie in der Sechsten Welt.“           
            Der Troll zuckte mit den Achseln. „Ob ich ihn für das eine oder das andere totklatschen darf, ist mir einerlei.“  
            Unsicher stieß der Schmidt ein bellendes Lachen nahe der Hysterie aus. „Ah, schön dass sie motiviert sind.“ Dann fuhr er fort: „Ihr Ziel hasst jede Form der freien Magie. In seinem Weltbild hat die Kirche alle magisch Begabten zu kontrollieren. Wer seine Künste anderweitig ausüben will gehört vom Erdboden getilgt.“ Er sah in unsere illustre Runde und machte dann eine abwehrende Geste. „Das sind seine Worte, nicht meine. Aber sie sollten sie sich gut einprägen, denn er wird sie ihnen ins Gesicht spucken, falls er je in Hamburg das Sagen haben sollte.“  
            Überrascht zeigte Alyssa auf die Lichter unserer Heimatstadt, die um uns herum die Nacht beleuchteten. Nur dass einige Lichter von Gebäuden stammten, die lichterloh brannten. „Wollen sie damit sagen, dieses Arschloch ist daran schuld?“  
            „Nein, nicht er alleine. Aber Weißhaupt ist ein elementarer Faktor in den Geschehnissen der letzten Tage. Er ist klug, erst ist umsichtig, aber noch viel schlimmer: er ist reich. Unter der Hand finanziert er radikale Gruppen, Gangs und anderes Gesindel, das für ihn die Drecksarbeit macht. Natürlich kann man nichts zu ihm zurückverfolgen. Durch das Chaos, das er und seine Mitverschwörer angerichtet haben, spielt er der Frankfurter Fraktion in die Hände. Entweder verliert die Bürgermeisterin die Wahl, oder sie marschieren unter dem Vorwand hier ein, um Recht und Ordnung wiederherzustellen.“     
            „So wie sie es in Berlin gemacht haben!? Nein danke!“           
„Sie verstehen also, warum es so immens wichtig ist, das zu verhindern. Der Drache will Hamburg mit der NEEC auf Linie gebracht sehen, egal auf welche Weise. Wir müssen ihm beide Optionen nehmen.“ Nacheinander sah der Schmidt jedem von uns in die Augen, bis er sich davon überzeugt hatte, dass wir mit ihm einer Meinung waren.        
            „Das Schwierigste an Karl Weißhaupt ist, dass man aufgrund seiner strikten Geheimhaltungspolitik nur selten weiß, wo er sich aufhält. Zudem lockert er so gut wie nie die Sicherheit um ihn herum.“ Er holte tief Luft. „Doch diese Woche ist es soweit. Einmal im Jahr trifft er sich mit seiner Familie, um seinen Geburtstag zu feiern. Durch einen zuverlässigen Informanten wissen wir zum ersten Mal seit Jahren, wo er sein wird. Sie müssen vor der Wahl ihre Arbeit erledigt haben. Sie müssen sie gnadenlos erledigen, ohne Spuren zu hinterlassen. Das Wie bleibt ihnen überlassen. Es gibt nur ein paar kleine Einschränkungen, die sie bei ihrer Planung berücksichtigen sollten.“         
            „Und die wären?“        
„Der Tatort muss seinen Freunden in Frankfurt eine klare Botschaft übermitteln, aber es darf nicht wie ein Profiattentat aussehen. Auch wollen wir nicht, dass Weißhaupt der Öffentlichkeit als Märtyrer für seinen christlichen Glauben in Erinnerung bleibt.“ Wütend bildete der Schmidt eine knochige Faust und hieb auf die Theke. „Ich will nicht nur, dass sie ihn kalt machen. Sie sollen auch seine Reputation vernichten. Falls sich ihnen hierzu eine Gelegenheit bieten sollte, tun sie’s! Ich werde es bei ihrer Entlohnung berücksichtigen. “  
            „Ok.“, fasste ich zusammen. „Wir schmuggeln uns rein, wo auch immer das sein mag, schieben ihm was unter und sorgen dafür, dass er keinen Sauerstoff mehr verbraucht. Dann schleichen wir uns wieder raus. Tag gerettet und Happy End. Zumindest wenn sie es schaffen hier wieder Frieden in die Straßen zu bringen.“           
            Müde lehnte sich unser Auftraggeber mit dem Rücken an die Theke und stützte einen Ellenbogen in eine Pfütze aus vergossenem Whiskey. „Ich glaube sie haben mich falsch verstanden.“   
            „Inwiefern?“ Der Kerl verwirrte mich mehr als mir lieb war.
Seine Miene verfinsterte sich bedrohlich und der Zorn kehrte in seine Stimme zurück. „Ja, sie sollen Weißhaupt umbringen. Aber es darf keine Zeugen geben. -      
            Wenn sie schon dabei sind, erlösen sie die Welt auch gleich vom Rest seiner Drecksbrut!“

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