Montag, 26. Mai 2014

Eine Woche Ewigkeit




Kapitel 2 – Zurück zur Natur
 


            Donnerstag, 18:26 Uhr

            Selbst durch ausdauerndes Fuchteln mit der Hand ließ sich der beißende Geruch verbrannten Reifengummis nicht von der Nase verscheuchen. Wie ein räudiger Straßenköter mischte er sich unter die feuchtschwüle Hitze des ausklingenden Tages und erschwerte das ohnehin schon mühsame Atmen zusätzlich. Bald schon würden die Schatten länger werden und die Temperaturen in angenehme Bereiche rutschen. Für den Moment allerdings blieb nichts anderes übrig, als uns mit der brütenden Hitze zu arrangieren, die geduldig über dem Asphalt des Werlter Flughafens verharrte. Wie Schimmelpilz auf einem viel zu alten Duschvorhang lauerte sie dort auf ihre Opfer.     
            So trieb sie uns prompt ab dem Moment die Suppe aus allen Poren, als sich das Schott des Fluzeugs öffnete. In Rinnsalen ergossen sich die salzigen Säfte über Stirn und Rücken. Gegen diese Hitzewand versagte selbst die beste Klimaanlage.         
            „Boah, ist das ekelhaft.“, stöhnte Alyssa mit hängenden Schultern. Vergeblich suchte sie Kühlung, indem sie ihr Top vom Oberkörper zupfte. Der vermaledeite Stoff weigerte sich jedoch zu kooperieren und flitschte fortwährend wie ein Gummiband in seine klebrige Ausgangsposition zurück. Lightning wirkte, als hätte man ihr mit einem Knüppel vor den Kopf geschlagen. „Da war‘s ja selbst in Hamburg angenehmer. Ich dachte das hier wäre ein Erholungsgebiet.“    
            „Jammer nicht rum, Kurze! Sobald wir im Wald sind, wird’s angenehmer.“, unerbittlich scheuchte Largo die Magierin vor sich die Gangway herunter.            
 

            Tapfer trotteten wir anderen hintendrein, ohne zu Zeigen, wie sehr das Wetter auch uns zusetzte. Von den Triebwerken des kleinen Passagierfliegers stieg flirrend Luft auf, so wie auch von der geteerten Landebahn. Werlte war ein kleiner Flughafen, der hauptsächlich von Privatmaschinen angesteuert wurde, und mitten aufem Platten Land lag. J.W.D., wie wir im Norden dazu sagten. Janz weit draußen.         
            Um uns herum dominierte die Natur die Szenerie. Mit vorwiegend konservativen Mitteln hatte man die Umwelt renanturiert. Nur dort, wo der Mensch auf herkömmlichem Wege nicht mehr weiter kam, musste die Magie nachhelfen. Hier und da stachen Käffer aus dem saftigen Grün der Wiesen und Wälder hervor. Aufgrund der wenig ausgeprägten Höhenlandschaft konnte man verhältnismäßig weit blicken. Hier ließ es sich definitiv aushalten. Ich konnte verstehen, warum die reichen Pinkel gerne her kamen, um vom Stress des Alltags zu entspannen.         
            Abseits der Gangway sammelten wir uns im Schatten einer Tragfläche. Die wenigen anderen Fluggäste fackelten ebenfalls nicht lange und verkrümelten sich so schnell es ging Richtung Terminal zwei, wo sie wieder unter den schützenden Schwingen des Gottes AirConditioner Platz nehmen konnten. Bevor wir weiter gingen, überprüfte jeder noch einmal den Inhalt seines Rucksack auf Vollständigkeit. Da wir nicht vor hatten in einem Hotel einzuchecken, und die Devise ‚Schnell rein, schnell raus!‘ galt, war schweres Gepäck Gift für unser Unterfangen. Alles, was wir benötigten, hatten wir in den begrenzten Stauraum gestopft. Für uns arbeitete der Umstand, dass es sich um einen kurzen Inlandsflug zum langen, faltigen Arsch der Welt gehandelt hatte und die Sicherheitsbestimmungen daher sehr lax ausfielen. Zwar mussten wir unsere schweren Geschütze daheim lassen, aber für die unauffälligeren Argumentationsverstärker war zwischen unserem Einsatzklamotten noch Platz gewesen. Eigentlich hätte mir das zu denken geben müssen, aber solange ich an meine Waffe kam, bereiteten mir mögliche Flugzeugentführungen mit meiner Wenigkeit an Bord keine unruhigen Nächte.           
            Für unbefangene Außenstehende sahen wir in unseren lockeren Outfits wie fünf Freunde aus, die auf Wandertour waren. In meiner Ausbildung bei ARGUS hatte man mir beigebracht, dass die Leute einem nur dann die Rolle abnehmen, die man spielt, wenn die Verkleidung stimmt. Dabei ist es unerheblich, ob das Kostüm dem Abbild der Wirklichkeit entspricht. Es reicht schon, wenn man sich im Aussehen dem Klischee in den Köpfen der Leute anpasst. Wer beispielsweise als FBI Agent rumläuft, tut gut daran sich in einen feinen Zwirn zu werfen, denn Hollywood hat sich viele Jahrzehnte Zeit genommen, dieses Bild zu prägen. Dabei entspricht das keineswegs der Realität. Die Agenten im Außendienst sind geradezu die Definition des Normalos. Man darf nämlich nicht zu sehr aus dem Rahmen fallen, wenn man als der Bevölkerungsschicht zugehörig angenommen werden will, innerhalb der man sich bewegt. Warum? Niemand drückt gerne arroganten Schlipsträgern Informationen aufs Auge, wenn er nicht muss. Einem Kumpeltyp hingegen, mit dem man sich vorstellen kann, in die Kneipe zu gehen oder den man genausgut in der örtlichen Kirche, dem Fußballverein oder im Elternbeirat treffen könnte, erzählt man spätestens über einem Bierchen buchstäblich alles. Und das ohne Folter. In unseren Zeiten. Das muss man sich mal vorstellen!
            Dass der Schein schon Zweidrittel der Miete ausmacht, bestätigte sich auch an diesem Abend. Außerhalb des Terminals klapperten wir die einzelnen Geschäfte ab. Hochprozentiges wechselte sich mit Autovermietungen, Zeitschriften, Parfums und Fast Food aus leckeren Abfällen ab. Nichts, wonach wir suchten. Vor einem Parcour mit Half Pipes, Rampen und Tubes trafen wir auf eine Gruppe Jugendlicher. Typisch für den aktuellen Style trugen sie grellbunte, weit geschnittene Shorts, die in direktem Konkurrenzkampf mit schlabberigen T-Shirts standen, deren Farben nicht minder bissig waren. Getoppt wurde das ganze von den aufgedruckten Motiven. Es sah aus, als wäre ein Geodreieck Amok gelaufen. Trotz der Hitze hatten sie Wollmützen mit knubbeligen Bommeln auf den Köpfen. Kurz: der Anblick tat schon von Weitem weh.
            Drei von den Jungs übten mit ihren Skateboards auf dem Parcours, während ein etwa Zwanzigjährger Knilch im Schatten an der Gußbetonmauer stand, wo er einem deutlich jüngeren Mädel in Knielangem Röckchen die Mandeln massierte. Da man in dem Alter cool sein muss, streckte sie in der freien Hand eine extralange Zigarette von sich. Die beiden mussten schon eine Weile beschäftigt gewesen sein, denn die Rauchware hatte sich schon zu mehr als der Hälfte in Asche verwandelt. Beharrlich hielt das grauweiße Stäbchen am Stumpen fest und weigerte sich zu Boden zu fallen. Zwei weitere Kerle saßen auf dem Bordstein neben einem Ghettoblaster, der fast ausschließlich aus einer Ansammlung von Boxen bestand. Aus ihm quoll der Lärm einer modernen Technopunkband. Das Geschrei des Sängers ging in wirr miteinander vermischten Beats und dem Geschrammel der Gitarren beinahe unter. In Form einer Skulptur gegossen hätte das Ganze wunderbar als moderne Kunst durchgehen können. Wenigstens wären dann meine Ohren verschon geblieben. So musste man damit rechnen, dass sich unter dieser Weltuntergangssinfonie der Erdboden auftat, um uns alle zu verschlucken. Wenn ich ehrlich bin, wünschte ich mir das sogar, wenn auch nur einen kurzen Augenblick lang. An diesem Abend musste ich mich aber mit ihnen fraternisieren.
            „Hey Partypeople! Alles senkrecht?“, lachte ich glucksend und bewegte mich mit tänzelnden Schritten auf sie zu.         
            Nummer eins sah zu uns auf und ließ die Kinnlade nach unten klappen. „Ach du Scheiße. Was ist denn das für ne Freak Show?“
            Ich lachte wieder und zeigte mit dem Daumen auf Hank, der hinter mir stand und verdattert drein blickte. „Wenn ihr das schon lustig findet, müsst ihr den Kleinen hier erst mal in seinen Stöckelschuhen sehen.“          
            Als wir in der Nacht zuvor erfahren hatten, wo uns unser Auftrag hinführen würde, waren wir mittelprächtig entsetzt gewesen. Ausgerechnet in den Norden Westphalens ging die Reise. Nach Nazichristushausen!       
            Mit dem Anbruch der Sechsten Welt im Dezember 2012 waren Ereignisse in Gang gesetzt worden, die in den Jahrzehnten danach dazu führen sollten, dass die Bundesrepublik wieder in Teilstaaten zerfiel. Zwar firmierte man danach unter dem Namen Allianz Deutscher Länder erneut, aber das Gesicht des Staates hatte sich auf alle Zeiten verändert. Durch das Aufkommen der Magie, UGE und Goblinisierung verschreckt, sammelten sich die religiösen Fundamentalisten des Landes im Nordwesten der ehemaligen BRD. Dort bauten sie sich einen theokratischen Staat auf, in dem Magie strikt reglementiert und andere Rassen, von  Menschen abgesehen, lediglich geduldet wurden. Am liebsten hätte man für den Rest Konzentrationslager errichtet, aber aus irgendeinem Grund, fand die restliche Welt die sportliche Betätigung im Genozid trotz global schwelender Rassenkonflikte im Großen und Ganzen zum Kotzen. Um den Schein zu wahren, gab man sich nach Außen großmütig. Dafür schikanierte man die Bevölkerung einfach bei jeder Gelegenheit, wenn keiner hinsah. Und das machte den machtgeilen Hirnkastraten auch schon eine Menge Spaß. Sozusagen eine Win-Win-Situation, wenn man den Umstand nicht deportiert, eingesperrt, sterilisiert und/oder umgebracht zu werden schon als Sieg verbuchen wollte.     
            Man kann sich also vorstellen, welche Begeisterung die bevorstehende Reise bei uns ausgelöst hatte. Sofort beruhigte uns der Schmidt wieder. Da es sich um ein Feriengebiet handelte, in das viele Wanderfreunde und Sportbegeisterte reisten, war damit zu rechnen, dass neben lascheren Sicherheitsbestimmungen auch mit mehr Toleranz unter der Bevölkerung zu rechnen war. Wenn es ums liebe Geld geht, sieht der konservative Christ gerne über seine Prinzipien hinweg. Ich hoffte, dass die Jugendlichen allein schon aus Trotz ihren strengen Eltern gegenüber aufgeschlossener für unsereins waren.     
            Nacheinander musterten die beiden jeden Einzelnen aus der bunt gemischten Gruppe. Die Mädels nahmen sie wie zu erwarten ein wenig länger in Augenschein. Zu meiner Erleichterung grinsten sie schließlich. „Yo, was geht, Chummer?!“   
            Ganz in meiner Rolle als unbedarfter Städter, der endlich mal raus in die Natur darf und keine Ahnung von gar nichts hat, plapperte ich frohgemut drauf los. „Urlaub geht, was sonst!? Geiles Wetter habt ihr hier. Genau richtig für uns.“ Ich setzte eine hilflose Miene auf und zog die Schultern hoch. „Jetzt brauchen wir nur noch passende Beschäftigung. Paragliden oder Fallschirmspringen wollten wir unter anderem machen. Wir sind zum ersten Mal hier und kennen uns null aus. Könnt ihr uns vielleicht helfen?“ 
            Hinter mir hörte ich, wie eine vorlaute Magierin über meine Vorstellung Kotzgeräusche vorspielte, gefolgt von einem lauten Klaps gegen ihren Kopf. „AU!“ Danke Sunetra. Hoffentlich erhöht es ihr Denkvermögen.  
            Die Jungs waren so sehr von dem großen Typ vor sich belustigt, dass sie sich nicht beirren ließen und durch den Parcours zeigten. „Dann müsst ihr ‚Zum fallenden Stein‘. Der alte Rupert hat alles da, was man im Outdoor Bereich gebrauchen kann. Und er vermietet Flugzeuge. Wenn ihr’s da nicht bekommt, dann nirgendwo.“      
            Wir bedankten und bei den beiden, durchquerten die Anlage und fanden uns schließlich auf einer Parallelstraße wieder. Auf der anderen Straßenseite direkt gegenüber, war der gesuchte Laden. Um dem Gebäude das entsprechende Flair zu geben, hatte man die Außenwände mit dickem Wellblech verschalt. Beim Öffnen der Tür klingelte ein Glöckchen über unseren Köpfen. Auch der Rest des Interieurs gab sich alle Mühe antik zu wirken. Der Boden war mit stark gealterten Holzdielen belegt, die bei jedem Schritt protestierend knarzten. Regale, Vitrinen und Aufsteller musste der Besitzer auf Flohmärkten erstanden haben. Nicht eine Präsentationsfläche für die angebotenen Waren glich einer anderen. Jedes Objekt war einzigartig. Gemein war ihnen lediglich aus den Vierzigern und Fünfzigern des letzten Jahrhunderts zu stammen. Das meiste war aus gebeiztem Holz oder gestanzten, teilweise korrodierten Blechen gefertigt. An den Gußbetonwänden hingen metallene Werbeschilder, an denen der Lack über die Jahre spröde geworden und stellenweise abgeplatzt war. Sie priesen Produkte an, die schon lange in Vergessenheit geraten waren. Obwohl ich mir sicher war, dass eine moderne Klimaanlage lief, drehte sich unter der Decke munter ein altersschwacher Ventilator. Er Wackelte und Klackerte in regelmäßigen Abständen heftig, als wolle er sich konstant dafür entschuldigen unnütz geworden zu sein. Eine leise Stimme in meinem Ohr ermahnte mich, vorsichtig zu sein. Das klapprige Ding wäre imstande auf ein passendes Opfer zu warten, nur um sich dann auf es fallen zu lassen. Dass Mister Jesus an seinem Kreuz über der Tür Zeuge sein würde, beruhigte mich nicht im Geringsten.           
            Damit nicht auffiel, wie ich dem Ventilator aus dem Weg ging, gab ich mich am Inhalt der Vitrine zu meiner Linken interessiert. Pokale verschiedenster Größen waren darin geparkt worden. Allesamt auf Hochglanz poliert, lobten sie die fliegerischen Fähigkeiten ihres Besitzers. Auf diversen Flugschauen und Wettbewerben hatte er auffällig oft einen der ersten fünf Plätze ergattern können. Der ganz große Wurf, die Numero Uno, war ihm jedoch verwehrt geblieben. Auf einer Ebene darunter lag eine Reihe mit Flugzeugtand. Eine Fliegeruhr, Brillen, Modelle, Kompasse und ein Altimeter. Im Gegensatz zur gesamten Einrichtung waren die zum Verkauf stehenden Waren höchst modern. Von selbstaufbauenden, biologisch abbaubaren Einwegzelten mit integrierten Isomatten, über Trekkingschuhe, Wanderstöcke, analogem und digitalem Kartenmaterial, Essensrationen inklusive Kocheinheiten, Klappspaten, Jacken, Seilen, Erste Hilfe Kästen und Faltstühlen war alles da, was das Outdoorherz begehrte. Auf Komfort musste man auch in der Wildnis nicht verzichten, sofern man das nötige Kleingeld zu investieren gedachte.           
            Auch die Theke fügte sich in den Stil ein, der aus alten Abenteuerfilmen entlehnt sein mochte. Ebenfalls aus Holz gearbeitet, mit einer dicken, verkratzten und mit ausgeprägten Riefen  übersäten Arbeitsplatte, besaß sie in der Mitte ein Segment aus Glas mit drei Böden. Hier lagen Schmuckstücke wie fein gearbeitete Chronometer, Taschenmesser und Benzinfeuerzeuge. Interessanter war allerdings das, was hinter der Theke stand. ‚R. Stein‘, war auf dem Namensschild auf der wildledernen Fliegerjacke zu lesen. In das zu enge Kleidungsstück hatte man einen Mann geschossen, von etwa Mitte Fünfzig, der seinem Haupt einen Bürstenschnitt aufgezwungen hatte und dessen Gesicht vernarbt war. Unter der knorrigen Nase führte er eine dichtbewachsene Rotzbremse Gassi. Er drosch bei offenem Mund unablässig mit den Zähnen auf einen Kaugummi ein. Misstrauisch hatte er uns im Auge behalten, seitdem wir seinen Laden betreten hatten. Man sah ihm an, dass er Metas gegenüber Vorbehalte hatte. Doch wir waren Kunden in seinem Geschäft und da hatten persönliche Gefühle hintanzustehen. Da ich für einen Ork sehr menschlich aussah, hielt ich es für vernünftig das Gespräch mit ihm zu führen. Außer mir wäre nur Alyssa in Frage gekommen, aber unser Hitzkopf war imstande ihn direkt mit spitzen Kommentaren über pädophile Kleriker zu brüskieren.  
            „Guten Abend, der Herr. Wir interessieren uns für ihr Angebot an Wildniserlebnistouren.“            
            Geräuschvoll zog der Mann einen Rotzballen hoch und ließ ihn die Kehle herunterrutschen. Nach einer Kunstpause mit kritischem Beäugen meiner Person bekam ich seine Antwort.          
            „Joah, wirhamalles. Egalwassebrauchen: Directto-basejump, Paragliden, FallschirmspringenmitoderohnePilotjenachdemwiegewünscht.“ 
            Ich brauchte eine Sekunde lang, um das maschinengewehrartig ausgestoßene Genuschel zu entziffern. „Ähh…“, stöhnte ich fachmännisch, um mir für die Transkription Zeit zu verschaffen. „Paragliden! Wir wollen das dann mit einer Trekkingtour durch ihr wunderschönes Land verknüpften.“  
            „Ah, gudgudgud. AlsoohneAbholdiensdfürsiealle, nurdieGleiter. Feinfein.“ Er brach dem Kaugummi zwischen zwei Backenzähnen das Genick und schluckte den Ballen runter. Unter der Theke kramte er ein vergilbtes Buch hervor und nahm einen Kugelschreiber zur Hand. „WieschaudsmidPilotenaus? DasschmaleKerlchenmitdemBlingBlingimJesichdkanndochbestimmdfliegen.“ R. Stein zeigte auf Largo, der keine Miene verzog. Seine Cyberaugen verrieten nicht, was er dachte – sofern er das Geseiere überhaupt hatte auseinanderdröseln können. Genauso gut hätte der Mann Suaheli oder Klingonisch sprechen können. Für einen Moment wusste ich, wie sich der kleine Junge gefühlt haben musste, wenn er das Gekläffe seines Köters Lassie für die Erwachsenen übersetzte. Gott, wie ich das Remake dieser Drecksserie hasse!
            Ich lächelte selbstsicher: „Da haben sie Recht. Mein Kumpel hat einen Pilotenschein. Man hat uns mitgeteilt, dass sie auch Flugzeuge vermieten?!“       
            Amüsiert winkte der Besitzer ab und lachte. „Klar. HamdiebestenMaschinenderGegend, meinJungchn.“ Er überlegte kurz und krickelte dann einige Zahlen in sein Buch. „Okai, dasmachddannfürjeden 400 € unnochmalZweitausendPfand. OrksunTrolle zahlenzwanzichProzentmehr. Machensewas-kaputtoderverlierensedieGleiderisdasGeldwech. Verstanden?!“ 
            Ich nickte und wurde mir über den Inhalt erst mit Verzögerung klar.  
            „DannnochmalenTausenderfürsFluchzeuch. Brauchnochne-SINvonihnen.“ Erwartungsvoll streckte er die Hand aus. Das Flugzeug würde nach unserem Absprung über dem Zielgebiet per Autopilot zum Fallenden Stein zurückkehren, aber wir hatten nie vor das Pfand für die Gleiter wieder einzutreiben. Wenn wir nicht wieder kamen, mussten wir damit rechnen, dass der Händler eine Vermisstenmeldung aufgeben würde. Daher war es ratsam keine zurückverfolgbaren Spuren zu hinterlassen. Alyssa verfügte über eine gefakte SIN, deren digitalen Eintragungen sich nach achtundvierzig Stunden in Nichts auflösten. Dann hätte er keine gesicherten Informationen, die er der Polizei weiterleiten konnte. Das erhöhte unsere Chance, dass er die Gleiter abschrieb und einfach das Pfand einstrich.    
            Alyssa übermittelte Herrn Stein ihre SIN und wir zahlten die Zeche. Nach einem kurzen Check aller Daten lächelte der Mann zufrieden. Dann öffnete er hinter sich eine Tür zu einer Art Lager und brüllte hinein: „Walter! Klaus! LosihrfaulenSchweine! MachtfünfGleiderfeddich! ViernormaluneinenfürenFettklops!“ 

***

            Donnerstag, 22:59 Uhr

            Manchmal war das Leben als Rigger einfach praktisch. Solange Largo via Wifi-Verbindung mit dem Bordcomputer des umgebauten Walker Aerodesign Olympus, einer einmotorigen Maschine für bis zu zwölf Passagiere, verbunden war, konnte er sich mit Hendrik der Manipulation der GPS Tracker in den Paragleitern widmen. Nacheinander schalteten sie alle ab, damit ihre Spur nicht ins Konzernerholungsgebiet zurückzuverfolgen war. „Wie schauts draußen aus?“, wollte Hendrik wissen.          
            Largo überprüfte die Instrumente im AR, ohne die Arbeit unterbrechen zu müssen. „Die Sicht hat sich verschlechtert. Durch die Wolkendecke dringt kaum Licht. Unten wird’s stockfinster sein.“ Für einen Absprung, bei dem man möglichst nicht entdeckt werden will, waren die Bedingungen ideal, aber die meisten Mitglieder der WildCards hatten wenig bis keine Erfahrung im Umgang mit den Gleitern. Die Gefahr eines Absturzes war demnach nicht von der Hand zu weisen. Am Boden hatten sie alle eine Einweisung erhalten. Das und die eingebauten Flugstabilisatoren mussten ausreichen. Ihnen waren aufgrund der Kürze der Vorbereitungszeit ohnehin keine Alterativen geblieben. Nachdenklich nahm er sich den letzten Gleiter vor.       
            „Ey, Funkemariechen! Was ziehste denn so ne Fresse?“, fragte Hank.
Genervt rollte Lightning mit den Augen und seufzte. „Ich hab gerade die Nachrichten geschaut.“           
            Sunetra, die sich noch ein wenig zu entspannen versuchte bevor es los ging, sah auf. „Jetzt sag bloß, es gab auf dem Trauermarsch von Herrn Ucturk Randale?!“   
            Sie nickt. „Dieses Mal sind ganz offen Neonazis aufmarschiert. Und radikale Linke haben das Auto von diesem Wolffsen  angezündet. Ihr wisst schon: der Gegenkandidat von Frau Schiller in Altona.“       
            „War er drin?“, hakte der Troll mit vor der Brust verschränkten Armen nach.  
„Äh, zum Glück nein!“, entgegnete die Magierin entsetzt. „Die Konservativen schlachten das so schon nach allen Regeln der Kunst aus. mit einem Toten würde den Schweinen erst recht einer abgehen.“       
            Hank schob die Unterlippe nach vorn. „Wenn du meinst.“
„Gaijins!“ Sunetra schüttelte verständnislos den Kopf. „Ihr habt weder Disziplin, noch ein allgemeingültiges Verständnis von Ehre. Kein Wunder, dass in Hamburg alles drunter und drüber geht.“
            Zur Freude des Riggers schaltete sich auch der letzte GPS Tracker ab. ‚Fertig.‘ Er reichte das übergroße Gerät an den Troll in der Gruppe weiter. „In wenigen Minuten sind wir über der Absprungzone. Sobald ich das Flugzeug verlasse, schaltet sich der Autopilot ein. Ich gehe als Erster, ihr folgt mir in kurzen Abständen. Wir steigen etwa zehn Kilometern vom Perimeter entfernt aus und sollten es bei der aktuellen Höhe locker bis in die markierte Landezone schaffen.“       
            Danach nahmen alle ihre Gleiter an sich, zogen Schutzbrillen und Helme an. Anschließend nahmen die WildCards in einer Reihe Aufstellung. Jeder überprüfte den Sitz der Ausrüstung beim jeweiligen Vordermann. Als alles in Ordnung schien, öffnete der Rigger die Außentür. Sofort zog, drückte und riss die vorbeiströmende Luft an ihnen. Unbeirrt bereitete er seinen Gleiter vor und sprang aus der Maschine. Er war keine zwei Meter gefallen, als sich das automatische System um das Ausklappen der Flügelkonstruktion kümmerte. Mit einem Ruck wurde sein Fall gebremst und es ging in einen Gleitflug über. Tatsächlich war zwischen den Wolkenfetzen kaum etwas vom Boden zu erkennen. Daher schaltete Largo seine künstlichen Augen auf Infrarotsicht um.
            Umgehend erhielt die Welt unter ihm deutliche Konturen. Keine Wolken versperrten mehr seine Sicht. Noch weit vor ihm lag, deutlich vom Rest der Landschaft abgegrenzt, das Feriengebiet, in das sie einzudringen dachten.           
            Nachdem sie in der letzten Nacht mit dem Schmidt gesprochen hatten, nahm er umgehend mit seinem Freund Kabler in Asien Kontakt auf. Der Teufelskerl hatte es trotz der kurzen Zeit wieder einmal geschafft ihm die dringend benötigten Informationen zukommen zu lassen. Zwar hätten sie zu gerne noch mehr über ihre Zielperson und seine Familie erfahren, gaben sich aber auch mit dem Kartenmaterial zufrieden, das der Hacker ausgraben konnte.
            Mehr als fünfzehnhundert Quadratkilometer umfasste das extraterritoriale Gebiet, das zu etwa sechzig Prozent aus Wäldern bestand, während der Rest Wiesen, ein kleiner See und brachliegende Felder waren. Wie der Rest der Norddeutschen Landschaft, gab es keine nennenswerten Erhebungen. Sieben Gebäude waren auf der Sattelitenaufnahme zu sehen gewesen, doch davon abgesehen keinerlei Infrastruktur. Wahrscheinlich waren die Ferienhäuser jeweils mit einem Generator oder Gastank ausgerüstet, der nicht direkt zu sehen war. Zwischen den Häusern lagen immer mehrere Kilometer Abstand. Für ausreichend Privatsphäre war also gesorgt. Befestigte Straßen gab es keine; lediglich befahrbare Feldwege. Umgeben wurde die Erholungsenklave von einem Streifen, bestehend aus einem mehrere Meter hohen Zaun, der von patrouillierenden Drohnen und Watchern, gebundenen Geistern, Kameras, Totemstäben und Crittern bewacht wurde.          
            Praktischerweise richtete sich der Verteidigungsring nur gegen Angreifer von Außen. Wenn sie also erst einmal drin waren, sollten sie keine Probleme mehr damit haben, vorzeitig entdeckt zu werden. Schwierig war, dass sie keine Ahnung hatten, welches Haus das richtige war. Wenn sie Pech hatten würden sie erst beim letzten Gebäude fündig werden. 
            Als sich das Geräusch der Olympus rasch entfernte, wusste Largo, dass das Flugzeug beigedreht hatte und sich auf dem Rückweg befand. Leider konnte er sich nicht umdrehen, um nach den anderen zu schauen. Für den Moment musste der Zwerg darauf hoffen, dass alle den Absprung geschafft hatten.    
            Unter ihm zog nun der Zaun mit seinen Verteidigungsanlagen vorüber. Er hatte den Eindruck, dass er nun schneller an Höhe verlor. Trotzdem sah es so aus, als würde er in der angepeilten Landezone eintreffen. Unaufhaltsam näherte er sich einer kleinen Anhöhe, auf der ein wildes Maisfeld wucherte. Zuerst strichen seine Füße nur über die Wipfel der Pflanzen, dann sank er tiefer und riss unreife Kolben ab. Schließlich tauchte er vollständig in das Feld ein, wodurch er hart abgebremst wurde. Im letzten Augenblick betätigte er einen Kopf am Rahmen des Gleiters und die Flügel klappten ein. Dann krachte er zu Boden, konnte sich aber noch abfangen. Ohne Zeit zu verlieren, löste er die Gurte um seinen Körpe, schnallte sich ab und ließ den Paragleiter hinter sich zurück.
            Largo musste sich nur einige wenige Meter zwischen den Maispflanzen durchkämpfen, dann war er wieder auf freiem Feld. Aufmerksam lauschte er in die Nacht hinein. Bislang war kein Alarm ausgelöst worden. ‚Alles läuft wie am Schnürchen. So muss das sein.‘, freute er sich.  
            Trotz des finsteren Nachthimmels konnte er nun sehen, wie Sunetra und Hank ebenfalls im Maisfeld unweit seiner Position ankamen. Nach wenigen Sekunden entdeckte er auch Lightning. Scheinbar hatte sie sich verfranzt und war einen Bogen geflogen. Sie landete etwas unterhalb des Maisfeldes und zog den Gleiter hinter sich her. Bis sie es zu seiner Position geschafft hatte, waren auch die anderen beiden aus dem Feld gekraxelt und zupften Blattreste von ihren Klamotten. Schwer atmend von der Anstrengung warf Alyssa ihren Gleiter ins Feld und ließ sich auf den Hintern fallen. „Puh, das war echt knapp gewesen. Zwischenzeitlich dachte ich schon, ich würde eher in Holland als bei euch angekommen.“  Als sie bemerkte, dass ihre Kameraden nicht mit ihr scherzten, sah sie sich zu ihnen um. „Alles klar?“     
            „Ich weiß nicht“, begann Largo vorsichtig, „Hendrik fehlt noch.“         
            „Ach dem wird schon nix passiert sein. Wirst schon sehen.“
„Hoffen wir es.“           
            Doch tief in sich wusste es der Rigger besser. Vielleicht war es Intuition, vielleicht die Erfahrung seines langen Lebens als Shadowrunner, aber egal was es war, der Zwerg ahnte, dass etwas nicht stimmte.   
            Dann, in der Ferne, hörte er sie.         
Wachhunde…

***

            Der Angreifer kam von Hinten.
Innerlich fluchte ich über meinen ungeschickten Flug, der mich um dringend benötigte Meter gebracht hatte. Die fehlten mir nun bis zur Landezone. Viel zu früh verlor mein Gleiter an Geschwindigkeit und mein dilettantischer Versuch diesen Mangel wieder auszugleichen ließ mich früher als gewollt runter kommen. Vielleicht zu früh, um unentdeckt zu bleiben.        
            Trotz der extrem schlechten Sicht war ich mir sicher, dass ich nicht vor den Absperrungen gelandet war, sondern im Erholungsgebiet. Prüfend ließ ich den Blick schweifen, während sich der Gleiter auf meinem Rücken wieder zusammenfaltete. Mit einem bestätigenden Klicken rastete die Rahmenkonstruktion wieder in der Ausgangsposition ein. Es dauerte etwas, bis meine Augen die Landschaft in der Dunkelheit gelesen hatten. Zu meiner Erleichterung konnte ich den Zaun in meinem Rücken erkennen. Regungslos verharrte er, etwa einem halben Kilometer entfernt. Ich war tatsächlich drinnen. Nun durfte nur niemand den großen Ork dabei beobachtet haben, wie er in das Naturschutzgebiet eingedrungen war. Falls ich einen Alarm ausgelöst haben sollte, dann war er stumm. Nicht eine einzige Sirene heulte. Auch waren keine bewaffneten Drohnen oder Scheinwerferkegel unterwegs, um die Wiese nach mir abzusuchen. Hatte ich womöglich einen Watcher aufgescheucht? Sicher war ich mir nicht. Magische Wesen konnte ich nämlich nur sehen, wenn sie sich mir freiwillig zeigten. Andererseits hätte ich es in diesem Fall bestimmt schon längst bemerkt. Dennoch galt es keine Müdigkeit vorzuschützen. Je länger ich so nahe beim Zaun blieb, desto eher lief ich Gefahr entdeckt zu werden.           
            Im letzten Augenblick hörte ich es.     
Leise, durch das dicht und üppig stehende Gras gedämpft, hatte ich die trampelnden, beinahe schwerfälligen Schritte zunächst nicht gehört. Es war das Hecheln und Japsen, das meinen Gegner verraten hatte. Alarmiert fuhr ich herum, die Arme in abwehrender Haltung. Just in diesem Moment sprang ein muskelbepacktes Fellknäul, bewehrt mit zweiundvierzig gierig nach mir schnappenden Zähnen, die kurz in der Nacht aufblitzten, auf mich zu. Ein Ausfallschritt zur Seite ließ das Tier an mir vorbeifliegen. Was war das? Ich wünschte mir, dass sich der Mond endlich wieder raus trauen würde. Meine Augen waren extrem lichtempfindlich, aber ein bisschen Licht brauchten sie schon, um in dieser Finsternis überhaupt etwas sehen zu können. Wieder fluchte ich. Fluchte auf Missionen, die so kurzfristig durchgeführt werden mussten, dass kaum Vorbereitungszeit blieb. Fluchte darauf, dass unsere Nachtsichtgeräte nicht rechtzeitig geliefert wurden. Fluchte auf die ganze Scheiß Politik. Ach, Hendrik. Wem machst du was vor? Du hast dich freiwillig gemeldet. Und wenn du ehrlich zu dir bist, liebst du die Aufregung. Bist du nicht exakt deswegen zu ARGUS gegangen? Die Welt sehen! Abenteuer erleben! Etwas verändern, den Unterschied machen.  
            Ich seufzte. Bis der Erdtrabant zur Hilfe kam, musste ich mich auf meine Ohren verlassen. Nun, da ich darauf achtete, nahm ich die Schritte des Tieres wahr. Das bissige Mistvieh versuchte mich zu umrunden. Nix da!     
            Ich drehte mich mit. Versuchte mehr über meinen Gegner herauszufinden. Das Hecheln verriet mir, dass es sich um hundeartiges Tier handeln musste. Leise schickte die Stimme in meinem Kopf ein Stoßgebet in den Himmel, dass es kein Höllenhund oder gar ein Barghest war. Auch wenn ich gerade leicht fröstelte, stand mir der Sinn kein Stück nach einem Critter, das Flammen spucken konnte.
            Vorsichtig öffnete ich meine Jacke und griff nach meinem Betäubungsschlagstock. Wieder wagte der Hund eine Umrundung, aber ich ließ ihn nicht in meinen Rücken kommen. Als er erkannte, dass er keine Chance bekam sich besser zu positionieren, hielt er inne und stellte sogar sein schnaufendes Hecheln ein. Endlich hatte ich den Stock aus der Innentasche befreit und zog ihn auf volle Länge aus. Verstand der Köter was ich da tat? Sah er es ganz deutlich vor sich, während ich die ganze Zeit nur vermuten musste, was um mich herum vorging? Als er auf mich zusprang, wurde die Frage Makulatur.
            Es war nur ein sanftes Geräusch. Gräser, die ein wenig unter dem Druck knarzten als er Schwung holte. Aber ich war vorgewarnt. Wieder drehte ich mich weg. Zumindest hoffte ich, dass ich mich in die richtige Richtung bewegte. Etwas riss kurz am Stoff meines linken Ärmels, ungelenk schlug ich mit dem Stock ins Leere. Dann plumpste etwas Schweres hinter mir in das Gras. Glück gehabt! Umgehend änderte ich meine Position.   
            Mehrere Sekunden lang geschah gar nichts. Weder Schritte noch Atmen waren zu hören. Auch alle anderen Geräusche hatten beschlossen aufzuhören zu existieren. Vollkommene Stille umhüllte mich in der wahrscheinlich finstersten Nacht des Jahres. Mit einem Mal fühlte ich mich schrecklich einsam. Und obendrein verletzlicher als mir lieb war. Als habe Petrus ein Einsehen gehabt, trennten sich endlich zwei dicke Cumulus voneinander und ein wenig fahles Mondlicht quetschte sich zwischen den Quellwolken hindurch. Nun konnte sich mein Feind nicht mehr vor meinen Augen verbergen.
            In meiner Ausbildung hatte ich viel Zeit mit Frank Zehntner verbracht, meinem ehemaligen Kollegen beim Geheimdienst. Franks Familie beschäftigte sich bereits seit mehreren Generationen mit der Hundezucht, sodass ich zwangsläufig auch das ein oder andere mitbekommen hatte. Sonst hätte ich sicherlich nicht erkannt, dass dort vor mir kein Höllenhund, kein Barghest oder ein anderes Monster der Erwachten Welt vor mir stand. Es handelte sich lediglich um eine Bulldogge. Genauer gesagt um eine Alapaha Blue Blood Bulldog. Kurzes, dichtes, vorwiegend weißes Fell mit einigen dunkelbraunen Flecken. Schätzungsweise war er knapp sechzig Zentimeter groß und wog um die vierzig Kilo. Otto, wie man diese Rasse auch nannte, war ein echter Wadenbeißer, den man nicht unterschätzen sollte. Schließlich hatte man die Bulldoggen ursprünglich gezüchtet, um sie auf Bullen zu hetzen. 
            Otto sah mich aus den dunklen Knopfaugen in seiner verschlagenen Visage grimmig an. Er wirkte wie ein englischer Rugbyspieler, dem man die Pille vor der Nase weggeschnappt hatte. Doch dann war er das Vorspiel leid und fletschte die Zähne. Lamellenartig schoben sich die Hautfalten auf dem Kopf zusammen. Die Finsternis war für den Moment vom Kampfplatz verbannt. Es gab keinen Grund mehr leise zu sein. Kehlig knurrend ging Otto in Angriffsstellung und ich tat es ihm gleich. Ohne ihn aus den Augen zu lassen, schob ich mit dem Daumen den Knopf am Betäubungsschlagstock nach vorne. Ein elektronisches Summen bestätigte dessen Aktivierung. Erst jetzt fiel mir die klebrige Substanz auf, die zähflüssig in meine Handfläche sickerte. Blut. Otto hatte den ersten Treffer gelandet. Ein tiefer Kratzer zog sich über die Seite meines linken Armgelenks.     
            Schneller als man es dem Tier zugetraut hätte, schoss es auf mich zu. In Rage kläffend, sprang er an mir hoch. Sabber spritze aus seinem Maul. Scheinbar sah er seine Vesper schon gesichert und freute sich aufs mitternächtliche Mahl. Doch noch hatte ich ein Wörtchen mitzureden. Ein Ausfallschritt nach hinten nahm ihm den ersten Schwung. So sehr er sich auch abmühte, meinen Hals erreichte er nicht. Nichts anderes hatte er mehr im Sinn als seine Reißzähne in das weiche Fleisch zu schlagen. Blind für alles andere um ihn herum, sah er den Schlagstock nicht, mit dem ich auf ihn einhieb. Dann spürte er ihn dafür umso deutlicher. Ein schauriges Knacken erklang aus der Gegend seiner Hüfte, dem unmittelbar das Tackern und Knistern ionisierter Luft folgte, verursacht vom Taser am Ende der Waffe.     
            Nur mit Mühe konnte Otto die Kontrolle über seine Gliedmaßen behalten, nachdem er zu Boden gefallen war. Zitternd wankte er von einer Pfote auf die andere und versuchte mich im Blick zu behalten. Er war immer noch gefährlich. Wahrscheinlich sogar gefährlicher als zuvor, nun da er verletzt war. Zur Untermauerung dieser Tatsache stellte er das Wimmern ein und knurrte mich wieder an. Doch es fehlte seiner Stimme an der Entschlossenheit, die ich noch kurz zuvor wahrgenommen hatte. Otto deutete an, sich wieder auf mich stürzen zu wollen. Ein Schritt auf ihn zu offenbarte seinen Bluff. Wenn nicht jetzt, dann nie mehr.
            Ich holte aus.  
Rauchfäden stiegen von dem geschundenen Körper des Hundes auf. Geruch versengten Haares lag in der Luft. Der Taser hatte ganze Arbeit geleistet. Mir war bewusst, dass der gute Otto kein langes Nickerchen halten würde. Kaum wach, wäre er mir sicher gefolgt. Also zog ich mein Kampfmesser aus der Scheide und tat, was getan werden musste..    Eingewickelt in das Tuch des Gleitschirms wie die Füllung einer Roulade, konnte mir das Tier nicht die Klamotten Vollbluten, was wiederum andere Hunde auf meine Fährte gebracht hätte. Nun musste ich nur noch einen guten Platz zum Verstecken des Kadavers finden. Daher schulterte ich Ottos Überreste und machte mich auf den Weg.      
            Unter den wieder dichter zusammenrückenden Wolken, war das Licht spärlicher geworden, aber im Gegensatz zu vorher, konnte ich genug sehen, um mich zu orientieren. Auch wenn es etwas länger dauerte, bis ich einen markanten Punkt ausgemacht hatte. Nach minutenlangem Suchen entdeckte ich den breiten Bachlauf, der sich durch den Norden des Erholungsgebietes schlängelte.  Von dort aus musste ich mich nach Westen begeben, um zur Landezone zu kommen. Die Landschaft war weitestgehend flach. Bäume oder Büsche und Hecken konnte ich keine erkennen.  Lediglich vor Wühlmauslöchern oder Maulwurfshügeln musste ich mich in acht nehmen. Einen angeknacksten Fuß konnte ich mir in dieser Gegend nicht leisten. Also verkniff ich es mir den Weg bis zum Bach zu joggen und ging stattdessen die nächste halbe Stunde strammen Schrittes darauf zu.
            Viel zu langsam für meinen Geschmack verkleinerte sich der Zaun in meinem Rücken. Etwas mehr als zweieinhalb Kilometer mochten es sein, die ich zwischen mich und die Absperrung hatte bringen können. Und langsam machte sich Ottos Gewicht auf meiner Schulter bemerkbar. Da half nur das Wechseln der Seite.
            Kaum hatte ich meinen Weg wieder fortgesetzt hörte ich in einiger Entfernung hinter mir Rascheln, dann Schritte und leises Kläffen, das fast wie eine Bestätigung klang. Einen Moment lang hielt ich den Atem an und horchte in die Nacht hinein. Ein Rudel! Doch zu meiner Erleichterung entfernten sich die Viecher wieder  von mir. Ich war froh fürs Erste um eine zweite Runde Hundekampf herumgekommen zu sein. Sicherheitshalber erhöhte ich mein Tempo.    
            Dank der Kühle der Nacht dauerte es eine Weile, bis die ersten Schweißperlen meinen Rücken herunterliefen. Es würden nicht die letzten sein. Nach Adam Riese musste es nämlich noch mehr als ein Kilometer bis zum Bachlauf sein. Allerdings konnte man sich nachts beim Abschätzen von Entfernungen nie ganz sicher sein. Das Fehlen der Tiefenwirkung, die man bei Tage erlebt, verzerrt die Wahrnehmung erheblich.      
            Mit der freien Hand wischte ich mir über die Stirn. Dankbar sog der Stoff des Ärmels die Feuchtigkeit auf. Zufrieden sah ich, dass die Blutung an der Hand gestoppt war. Eine noch nass glänzende Kruste hatte sich über dem Schnitt gebildet. Wie lange war meine letzte Tetanusimpfung her? Ich konnte mich nicht erinnern. Ein guter Anlass für eine Auffrischung zu sorgen. Am besten mach ich direkt am Montagmorgen einen Termin beim Arzt. – Falls ich das hier überlebe.
            Wieder war der Bach mehrere hundert Meter näher gekommen und erst ein weit entferntes Pfeifen aus westlicher Richtung, zerrte mich aus meinen Gedanken. Ich blieb stehen und lauschte. Hatte ich mich verhört? Bloß gehofft, dass mein Team mich gefunden hatte? Nicht zum ersten Mal seit ich gelandet war, widerstand ich der Versuchung einen Kanal über das Komlink zu öffnen. Wir hatten vereinbart absolute Funkstille zu halten und daran wollte ich mich auch halten. Zu Groß war die Gefahr wegen so einer Leichtsinnigkeit vorzeitig entdeckt zu werden.          
            Da!     
Schwach, aber deutlich erkennbar als Hanks Pfeifen, drang der Laut durch die Nacht zu mir herüber. Sie hatten mich gefunden! Auch nach eingehender Prüfung konnte ich sie nicht sehen. Aber sie mussten es sein, da war ich mir sicher. Freudig tätschelte ich der Ottoroulade auf der Schulter die Flanke und trabte in die Richtung aus der das Geräusch gekommen war. Für eine Minute passierte gar nichts. Dann hörte ich plötzlich vielstimmiges Gebell und Knurren. Ebenfalls weit entfernt, aber es kam aus der gleichen Richtung. War da ein menschlicher Schrei?        
            Das Rudel!      
Sunetra und die anderen mussten ihnen direkt in die Fänge gelaufen sein. Ich erhöhte mein Tempo ein weiteres Mal und lief so schnell ich konnte, ohne Gefahr zu laufen mein Paket zu verlieren. Nur zu gerne hätte ich den Kadaver umgehend entsorgt, aber es ließ sich einfach kein Versteck finden. Wenn ich doch nur gewusst hätte wo genau sich meine Freunde befanden. Doch noch gab die Finsternis ihr Geheimnis nicht preis.      
            Mit einem Mal erhellte ein Blitz für einen Sekundenbruchteil die Nacht und ließ mich blinzeln. Die Momentaufnahme brannte sich in die Netzhaut. Gestalten, grotesk entstellt vom Licht-und Schattenspiel. Fratzen in der Dunkelheit, eingefroren im Augenblick. Ein großer Brocken schräg hinter einer kleineren, gedrungenen Gestalt. Rechts davon die schlanke Silhouette einer Elfe. Sie waren da! Mehr als zwölfhundert Meter entfernt, aber ich hatte sie gefunden. Und...           
            DREK! -die Köter griffen sie tatsächlich an. Keine Zeit, um Details auszumachen, aber einer von ihnen hat sich über Alyssa hergemacht, die in der Aufnahme über dem Boden zu schweben schien.. Sie muss im Eifer des Gefechts versehentlich einen magischen Blitz in den Boden gejagt haben als sie stürzte. Ich musste schneller werden. Irgendwie.
            Die nächsten Minuten verstrichen in folternder Langsamkeit. Ich bekam kein weiteres Bild mehr gewahr. Nur die beunruhigende Melange aus Knurren, Schreien, Gekläff und Jaulen leitete meine Schritte. Das Wehklagen der Doggen flößte mir Mut ein. Doch dann folgte die Stille. Und sie war schlimmer als alles andere. Unerbittlich hielt ich auf die Position zu, an der ich meine Leute vermutete und lebendig aufzufinden hoffte. Eine Hoffnung, die mit jedem Schritt, jeder geräuschlosen Sekunde sank. 
            Wie steinerne Statuen, grau in grau und ohne Regung, schälten sie sich schließlich aus der Nacht. Hockten zu dritt im Kreis vor etwas oder jemandem, den ich nicht sehen konnte.. Lightning! Auf dem Feld verteilt lagen die Kadaver von vier von Ottos Spielkameraden. Schwer atmend blieb ich stehen und beobachtete Hank, Largo und die elfische Spruchschleuder. Sunetra drehte sich als erste um.         
            „Hendrik!“
Sie lächelte, als sie mich erkannte. Nun drehten sich auch der Zwerg und unser Troll um. „na wurde auch verdammt noch mal Zeit, du Trantüte.“, zog mich der Rigger auf. Ich war froh sie zu sehen, doch mein wahres Interesse galt der Person, die ich noch nicht sehen konnte. „Wir hätten deine Hilfe gebrauchen können.“, lamentierte Largo, während er sich wieder nach vorne drehte. Langsam konnte ich mir denken, was er dort tat.        
            „Och ich hatte auch ein wenig Gesellschaft.“, erzählte ich beiläufig und ließ Otto fallen. Mit einem protestierenden Schmatzen klatschte der Kadaver auf einen anderen toten Hund. „Alyssa… geht es ihr gut?“      
            „AUA!“, blökte es giftig zur Antwort. Die Magierin setzte sich auf die Knie, sodass sie mich sehen konnte, und rieb sich den Arm. Ein Verband bedeckte einen großen Teil ihrer rechten Schulter. Eine der Bulldoggen hatte sie wohl in die Mangel genommen. Aber sie schien einsatzbereit zu sein, und das war alles, was zählte. Über beide Backen grinsend, packte Largo eine Spritze weg. „Beschwer dich nicht! Alles, damit das feine Fräulein keinen Wundbrand bekommt.“
            „Das heißt nicht, dass du die Nadel durch mich durchstechen sollst, du Grobian!“     
Hank lachte. „Nächstes Mal lässt du mich das machen! Ich hab ein Händchen für so was.“ Ein unausgesprochenes Versprechen von Schmerzen lag im süffisanten Tonfall des Trolls. Ich war überrascht. Für seine Verhältnisse war das geradezu subtil gewesen. Alyssas erschrockener Blick zauberte uns ein Grinsen ins Gesicht. ‚Wehe, ihr lasst das zu!‘           
            Ich begab mich in die Rolle eines affektierten Kolonialbriten und hob meine verletzte Hand. „Ach, wenn Doktor Mabuse schon dabei ist: es wäre äußerst zuvorkommend von ihnen, wenn ihr euch auch meines Kratzers annehmen könntet,… Sir.“ 

            Freitag 04:56 Uhr

            Nachdem wir die Kadaver im Maisfeld versteckt hatten, ging es weiter zum Rand des nächstgelegenen Wäldchens. Von dort aus hielten wir uns in unmittelbarer Nähe zum Unterholz, um dort gegebenenfalls schnell in Deckung gehen zu können. Nach mehr als vier Stunden erreichten wir das erste Haus. Verlassen lag es auf einer sanften Anhöhe, eingekesselt zwischen zwei Baumbeständen. Kein Zaun begrenzte das Anwesen, sodass man den Eindruck bekommen konnte, jemand habe sein Heim auf einer Lichtung mitten im Wald errichtet. Es handelte sich um einen traditionellen Altbau aus Stein und Holz. Selbstredend renoviert und auf den neusten Stand der Technik gebracht. Daran bestand kein Zweifel. Hinter dem Gebäude befand sich ein Wintergarten mit einer großzügig angelegten Terrasse. Von dort aus konnte man direkt in den Swimmingpool springen. Leider blieb uns fürs Planschen keine Zeit. Zum Schutz war eine Art Dach in Form einer auf der Seite verharrenden Halbkuppel angebracht worden. Sie war aus Glas oder einem anderen durchsichtigen Material, ich konnte es bei diesen Lichtverhältnissen nicht genau erkennen.       
            Schon nach kurzem Sondieren war klar, dass das erste der sieben Häuser unbewohnt war. Zusammen mit Largo knackte ich das Türschloss und wir durchsuchten die Räume, was lediglich unseren Ersteindruck bestätigte.        
            „Wir sollten auf keinen Fall Licht machen oder etwas anderes, das Aufmerksamkeit anzieht.“, warnte Sunetra, als sie sich aufs Sofa fallen ließ.    
            Largo nickte. „Sie hat recht. Fühlt euch also nicht zu sehr wie zu Hause!“      
„Wir sollten uns ausruhen und spätestens um zehn wieder weiterziehen.“ Bevor ein anderer auf die Idee kam, reservierte ich mir den Ohrensessel, der wahnsinnig gemütlich aussah. „Hank! Du hältst die erste Wache. Weck mich so in zwei Stunden.“         
            Ohne etwas zu antworten holte sich der Troll zwei Stühle aus der Küche und ließ sich darauf nieder. Dabei musste er aufpassen, dass er nicht ständig mit dem Kopf gegen die Decke stieß. Wie ich bereits sagte: es waren alte Häuser, aus einer Zeit vor der Metamenschheit. Zufrieden lächelnd sank ich in einen traumlosen Schlaf. Trotz kleinerer Abzüge in den Haltungsnoten hatten wir den gefährlichsten Teil geschafft. Wir waren drin!  
            Und morgen… Morgen wird ein guter Tag sein, Weißhaupt!  Denn morgen ist ein guter Tag zum Sterben…  

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