Mittwoch, 18. Juni 2014

Eine Woche Ewigkeit





Kapitel 3 –Unverhofft kommt oft



            Freitag 08:40 Uhr



            Am Ende einer langen Nacht des geschäftigen Suchens nach Beute legte sich der Fuchs im Unterholz des Wäldchens zur Ruhe. Zwei magere Wühlmäuse hatte er in ihren Verstecken aufgestöbert und anschließend im spärlichem Mondschein verspeist. Ein voller Magen sieht anders aus, aber verhungern würde er heute nicht. Nein, Hunger würde er nicht mehr leiden müssen, aber wenn das Tier geahnt hätte, dass es gerade seine Henkersmahlzeit zu sich genommen hatte, es wäre die Sache mit mehr Genuss angegangen. Hätte sich Zeit gelassen statt die grauen Nager gierig hinunter zu schlingen. Aber da der Fuchs nichts von seinem Schicksal wissen konnte, rollte er sich erschöpft zusammen und schloss die Augen. Wahrscheinlich hätte er sein Ende sogar im Frieden des Schlafs gefunden, wenn ihn nicht ein Geräusch aufgeschreckt hätte. Sofort war er hellwach. Die Ohren aufrecht gestellt, den Kopf in die Höhe gereckt, horchte er in den Wald hinein. Was war das? Es hatte wie knackendes Holz geklungen. Ein Geräusch, das für gewöhnlich von schweren Schritten verursacht wurde. War jemand in seiner Nähe? Menschen etwa?           
            Vorsichtig schnupperte der Vierbeiner aus der Familie der Hundeartigen, konnte aber keine entlarvenden Gerüche ausmachen. Zu seinem Unglück ging dem Tier der Intellekt ab, die Quelle des Geräuschs mit der Windrichtung zu kombinieren. So entging ihm die lebensrettende Erkenntnis, dass sich ihm jemand aus der Richtung näherte, in die der Wind blies. So aber trug er den Geruch des Angreifers von dem Fuchs fort.    

            Dass er nicht an Ort und Stelle sein Leben aushauchte, verdankte er einer eiligen Reisegruppe morgendlicher Sonnenstrahlen, die sich zwischen den Zweigen und dem Laub der Bäume hindurch gequetscht hatten und auf der Klinge des Kampfmessers ein Stelldichein gaben. Derart plötzlich tanzte das blitzende Metall vor dem Auge des Fuchses auf, dass Panik auf dem Fahrersitz Platz nahm. Wie von der Tarantel gestochen rannte er los. Instinktiv, wie es sich gehörte, den Eingebungen seines Kleinhirns folgend, von seinem Häscher weg.        
            Ein zweites Stück Metall – präziser: ein sich sehr schnell bewegendes Stück Metall - setzte jäh eine Zäsur in seine Flucht. Es riss sein Hinterteil herum, sodass die Hinterläufe eine Sekunde lang wirkungslos in die Luft traten, bis sie wieder Waldboden spürten und ihn nach einem uneleganten Schlenker durch ein Grasbüschel wieder auf Kurs brachten. Nur weg, weg, weg! Aber etwas stimmte nicht, das fühlte der Fuchs ganz deutlich. Eisige Todesahnung umschloss sein wild pochendes Herz. Aufgrund des Adrenalins, das seinen kleinen Körper durchflutete, spürte er den Schmerz noch nicht, aber unübersehbar verlor er an Kraft und Wendigkeit. Und Blut.        
            Es war nun nur noch eine Frage der Zeit.      
Geduld, ist die wirkungsvollste Waffe des Jägers.   
            Susanoos Worte hallten in Sunetras Kopf wieder, als sie sich an ihr Gespräch mit dem Mentorgeist erinnerte. Sie gab ihm Recht. Und das war nicht selbstverständlich. Manchmal hatte die Elfe den Eindruck, dass sich der Geist gerne selber reden hörte. Arrogant, altklug und besserwisserisch, besonders wenn es um ihre Vergangenheit ging, an die sie sich nur mit äußerster Mühe erinnern konnte. Und wenn, dann nur bruchstückhaft. Aber obwohl er oft geschwurbelten, sinnbefreiten Unfug quasselte; sobald es um die Jagd ging, war der Hai der perfekte Lehrmeister. Also hörte sie ihm in diesen Dingen umso besser zu und versuchte ihn den Rest der Zeit über zu ignorieren.     
            „Guter Schuss.“, bemerkte sie anerkennend, als Hendrik aus dem Schatten eines Baumes hervortrat. Er ließ seine Pistole wieder im Holster verschwinden und lupfte eine Augenbraue. „Hoffen wir, dass es zu etwas gut war. Der arme Kerl verliert eine Menge Blut.“
            „Ja. Eine einfachere Art, einer Spur zu folgen, gibt es nicht. Der Fuchs wird nicht weit kommen.“ Sie sah Iron an. Überrascht stellte sie fest, dass sie im Gesicht ihres alten Freundes eine Facette sah, die sie bisher noch nicht gewahr worden war. Tierliebe? War es das? Er hatte Mitleid mit dem Tier? Bei den Kampfhunden in der letzten Nacht, war der Ork nicht zimperlich gewesen. Andererseits waren  sie von ihnen angegriffen worden. Es hatte sich also um Selbstverteidigung gehandelt. Der Fuchs hingegen hatte ihnen nichts getan. Er war lediglich Mittel zum Zweck. Aufmunternd legte sie ihm eine Hand auf den Arm. 
            „Es wird schnell gehen, Hendrik.“      
Er musterte sie einen Augenblick, dann lachte er. „Glaub nicht, dass ich auch nur ein Tränchen verdrücken oder ein Stoßgebet gen Himmel senden werde!“ Er seufzte. „Ich mag es nur nicht, den Viechern unnötig wehzutun.“     
            Im Stillen stimmte sie ihm zu. Es war so viel einfacher Tiere zu mögen als die Menschen um einen herum. Sie teilten quasi keine schlechte Eigenschaft mit der Metamenschheit. Weder betrogen sie, denunzierten und sperrten dich ein, noch quälten sie allein aus Spaß andere Lebewesen. Auch in der Erwachten Welt folgte in der Natur noch alles dem Gesetz von Fressen und Gefressen werden. Eine Regel mit der man sich durchaus arrangieren konnte. Bei den sogenannten vernunftbegabten Bewohnern des Planeten war es hingegen nur eine Frage der Zeit bis man bei jedem einen ausreichenden Grund fand, ihm oder ihr eine Kugel in den Kopf zu jagen.    
            Mehrere Minuten folgten sie schweigend der Spur aus Blutstropfen durch den Wald. Zunächst waren die Abstände zwischen ihnen größer gewesen, aber je weiter sie kamen, desto kürzer wurden sie. Ein Zeichen dafür, dass der Fuchs langsamer wurde. ‚Gleich haben wir dich.‘ 
            Kurz darauf fanden sie das Tier, versteckt unter einer Wurzel, die aus dem Waldboden wuchs, einen Bogen machte und dann wieder im Erdreich verschwand. Schwer atmend lag es da, nicht mehr in der Lage zu fliehen. Hilflos ergab es sich seinem Schicksal. Jammerte mit einem schmerzerfüllten, heiseren Fiepsen, weil es selbst zum Jaulen nicht mehr die Kraft hatte, als die Elfe es vom mit braunen Tannennadeln übersäten Boden pflückte. Das Adrenalin war vergangen und die zertrümmerte Hüfte sandte nun bei jeder Bewegung des Körpers peinigende Signale aus. Wieder war da das Messer, aber dieses Mal spiegelte sich kein Sonnenlicht darin.  
           
Gib dem Raben, was dem Raben ist!, flüsterte Susanoo ihr aus seinem stillen Kämmerlein im Elfenverstand zu. Hendrik freilich konnte ihn nicht hören und verstand nicht, warum Sunetra zögerte. „Worauf wartest du? Erlös den Fuchs endlich von seinem Leid!“
            Sie atmete tief ein bevor sie mit getragener Stimme in den Wald sprach: „Dein Opfer ist bedauerlich, aber unumgänglich.“ Dann zog sie dem verletzten Tier die Klinge mit einer geschmeidigen Bewegung durch die Kehle. Noch bevor der Schwall roten Lebenssafts den Boden berührte, waren ihre Augen glasig geworden, sahen leblos durch jede Materie hindurch. Als hätte man einer Marionette die Schnüre durchgeschnitten, stürzte sie zuerst auf die Knie und blieb schließlich auf der Seite liegen. Weder bekam sie mit, wie Iron ihr den Fuchs und das Messer aus den Händen nahm, noch wie er sie in eine stabile Seitenlage brachte.   
            Sunetra befand sich nicht länger in dieser Welt.



***



            „Dass wir uns für die Suche nach diesem Weißhaupt aufteilen, macht ja Sinn, aber mir geht einfach nicht in den Schädel, warum die beiden Jagd auf einen Fuchs machen. Das ist unnötige Zeitverschwendung!“ Zum wiederholten Mal seit sie nach ihrer kurzen Rast im Ferienhaus aufgebrochen waren, echauffierte sich Largo über die unerwartete Wendung, die ihr Abenteuer genommen hatte. Hank stapfte schweigend neben ihnen her. Als ehemaliger Soldat war er es gewohnt nicht alles zu kommentieren, sondern Anweisungen zu befolgen. Es wunderte Alyssa daher kein bisschen, dass er sich nicht der Litanei des Zwergs anschloss. Anhand seines Gesichtsausdrucks war schwer zu erkennen, ob ihm das Thema einerlei war oder er eine feste Meinung dazu hatte, die er einfach nur nicht zu äußern bereit war. Das erschwerte es der Magierin den Troll einzuschätzen. Es war einfach ihn dumm zu schelten, weil er mehr dem Typus des Befehlsempfängers entsprach, aber sie hatte das Gefühl, dass man ihm damit nicht gerecht wurde.
            Er hatte schon mehrfach gezeigt, dass er, wenn es die Situation erforderte, durchaus kreativ und effektiv vorgehen konnte. Mit tödlicher Präzision. Nur wie stand er zu ihnen, den Wild Cards? Dass er so wenig Worte verlor, entgegen dem Naturell der anderen Teammitglieder keinen Hang zum Palavern hatte, machte die Menschenfrau unruhig. Bestanden von seiner Seite aus Sympathien zu ihnen? Hatte er sich ihre Mission zu eigen gemacht? Waren sie lediglich eine gute Gelegenheit zum Geldverdienen? Bislang verhielt er sich loyal, das konnte sie nicht leugnen. Doch war er das, weil er sich als Teil der Familie ansah? Denn auch wenn das niemand in der Truppe so deutlich aussprach, genau das waren sie: Familie. Ein Ersatz für diejenigen, die sie verloren oder nie kennengelernt hatten.           
            Sie fröstelte ein wenig bei dem Gedanken, dass der Neue in der Familie lediglich so loyal wie ein Hund sein könnte. Nämlich nur so lange, wie er vom Herrchen gefüttert wurde. Sie machte sich innerlich eine Notiz, den Troll ganz genau im Auge zu behalten, bis sie sicher sein konnte, dass er ihnen nicht eines Tages in den Rücken fallen würde.
            „Hörst du mir überhaupt zu?“, fragte Largo mit zusammengeschobenen Augenbrauen, als sie die nächste Anhöhe hochwanderten. Aus den Gedanken gerissen sah Alyssa ihn perplex an. „Hä?!“    
            Der Zwerg seufzte genervt. „Was – der – Scheiß – mit – dem – Fuchs – soll? Ich kann dir aber auch ne SMS schreiben, wenn dir das gesprochene Wort zu kompliziert ist.“       
            Die Magierin rollte mit den Augen.     
‚Hab Nachsicht mit Machinehead. Er hat keine Ahnung von arkanen Mächten.‘           
            „OK, Largo, ich versuche es, aber ich glaube nicht, dass es von Erfolg gekrönt sein wird.“ 
„Hey, ihr reißt mich mit Geblubber über Geister, die unser Spitzohr auf nen Schwatz einladen, aus dem Schlaf und bevor ich mich versehe bin ich mit euch beiden unterwegs zum nächsten Haus, während Hendrik mit Sunetra einem Fuchs nachstellt.“ Er vollführte eine Essensgeste mit seiner Cyberhand und legte die Stirn in Furchen. „Die Viecher schmecken noch nicht einmal. Es tut mir also leid, dass eure ach so gelobte verstrahlte Welt für mich böhmische Dörfer sind.“   
            „Astrale Welt, wenn schon.“, korrigierte Alyssa geduldig, was ihr nur ein Stöhnen vom Rigger einbrachte. „Ach neee! Da hat der dumme Zwerg wohl was verwechselt.“ Es war der Magierin durchaus klar gewesen, dass Largo sie nur hatte sticheln wollen. Andererseits liebte sie es ebenso ihn zu ärgern und die Gelegenheit war einfach zu gut gewesen.       
            „Sie versuchen einen ansässigen Geist mit einer Opfergabe auf unsere Seite zu ziehen, um unsere Suche nach dem Ziel zu verkürzen. Und falls das nicht klappt werden sie unseren ursprünglichen Plan ausführen.“     
            „Na also.“, sagte der Zwerg, „Geht doch! Wenigstens einer hier, der sich verständlich ausdrücken kann.“           
            Einen Moment lang gingen die drei schweigend weiter, bis Alyssa kapiert hatte, dass Hank gesprochen hatte. Hank? Der Troll? Verdattert sah sie ihn fragend an. Unter der Schädeldecke mit den zwei Hörnern ging definitiv mehr vor sich als ein Ping-Pong-Spiel zwischen zwei lethargischen Gehirnzellen.  
            Ohne sie anzusehen, fuhr er schließlich fort. „Hatte mal nen Einsatz in der Nähe zur Grenze der SOX. Mein Zug wurde von einem Magier übel aufgemischt, der etwas Ähnliches gemacht hatte. Zu seinem Pech hatte er sich mit einem Insektengeist eingelassen. Mitten im Kampf befand ihn das Vieh nicht mehr für ‚würdig‘ und griff das Arschloch an. Hatte ihn filetiert bevor wir ihm ne Kugel verpassen konnten.“  
            Alyssa konnte sich nicht erinnern, ob sie den Troll je so viele Worte auf einmal hatte sprechen hören. „Und der Insektengeist?“, hakte Largo nach. Zur Antwort grinste ihn der Troll lediglich vielsagend an und fiel wieder dem Schweigen anheim.    
            Die Geisterwelt konnte sehr tückisch sein. Besonders wenn man kein Schamane war, der allein schon aufgrund seines naturverbundenen Zugangs zur Magie, einen besseren Draht zu diesen ätherischen Wesen hatte. Während sie sich weiter dem Wald vor ihnen näherten, wanderten ihre Gedanken besorgt zu Sunetra.
            ‚Hoffentlich geht die Sache nicht nach hinten los.‘



***



            Krächzen. Vielstimmiges Rabengeschrei. Unzählige Schatten spendende Schwingen, drohend ausgebreitet. Mit lautem FLAP FLAP die Luft schlagend. Federn schwebten schwarzen Schneeflocken gleich auf Sunetra herab. Sie versuchte nach einer zu greifen, aber ihre Hand ging durch sie hindurch. Fasziniert schaute sie der Feder hinterher. Der Boden schien sie nicht aufzuhalten, denn anstatt liegen zu bleiben, schmolzen sie dort zu einer öligen Substanz und versickerten im Erdreich. Eben noch hatte sie im Wald gestanden und dem Rabengeist, dessen Präsenz sie seit wenigen Stunden verspürte, ein Opfer dargebracht. Nun war alles um sie herum hinter einem dunklen Schleier verborgen, der wie Nebel waberte und über den erdigen Boden kroch. Der Kadaver des Fuchses lag zu ihren Füßen.           
            Vor ihr stand ein verkrüppelter, windschiefer Baum mit knotigen Ästen, der jegliches Laub schon vor Jahrhunderten abgeworfen zu haben schien. Bevölkert wurde der Baum von einer Kolonie schwarzgefiederter Raben. Dicht an dicht saßen sie dort und nahmen den Platz ein, der einst von saftig grünen Blättern beansprucht wurde. Einen Moment lang fröstelte es Sunetra, als sie das Bild an ein Memento-mori erinnerte. Erwartungsvoll schauten die Vögel auf die Elfe herab. Gespannt warum sie hier war. Begierig über sie zu richten.       
           
Bote des Todes, was führt dich in mein Revier?           
Eine unterschwellige Warnung schwang in der jenseitig klingenden Stimme mit, die aus dem Stamm des Baums zu kommen schien.
            Die Elfe bemühte sich gelassen zu wirken. „Ich habe dir ein Opfer dargebracht, um deine Aufmerksamkeit zu erlangen, weil…“, sie schluckte schwer, denn jetzt würde sich herausstellen, ob ihr der Geist gewogen war, „… weil ich dich um einen Gefallen bitten muss.“           
            Mehrere Raben krächzten böse und schlugen aggressiv mit ihren Schwingen. Die meisten jedoch blieben ruhig sitzen. ‚Interessant. Ich habe es nicht nur mit einem Geist, sondern mit mehreren zu tun. Das erklärt, warum ich ihre Anwesenheit so deutlich spüren konnte. Sie sprechen mit einer Stimme, aber sie sind nicht alle einer Meinung. Am Ende scheint aber die Mehrheit des Kollektivs die Entscheidungen zu fällen.‘           
           
Sein Aas wird den Schwarm ernähren., stellte die Stimme tonlos fest. Äußere deine Bitte und wir werden dir unsere Gunst erweisen!
            Sunetras Herz machte einen Freudensprung. Dass der Geist ihr Gehör schenkte war schon die halbe Miete. ‚Jetzt vermassel es nur nicht.‘, ermahnte sie sich.      
            „Ich habe gespürt, dass ich mich im Revier eines anderen befinde. Eines mächtigen Geists.“ ‚Verdammt, ich dachte einen Moment lang sogar ich wäre in das Refugium eines anderen Magiers geraten.‘ Aber das teilte sie dem Schwarm lieber nicht mit. „Diesen Fuchs opfere ich als Geste des Respekts, denn mir ist bewusst, dass ich deine Erlaubnis brauche, um hier in deinem Revier jagen zu dürfen.“       
           
Deine Geste wird gewürdigt. Hungrig starrten die Raben auf den unteren Ästen den Kadaver an, während die Augen der anderen weiter auf Sunetra ruhten. Du willst jagen. Wonach steht dir der Sinn, Susanoo?        
            Susanoo? Die Magierin war verstört, dass die Raben sie mit diesem Namen ansprachen. Sah der Schwarm sie in Gestalt ihres Mentorgeists oder spürte er nur dessen Anwesenheit? Sunetras Nackenhäärchen stellten sich auf. Befand er etwa hinter ihr? Am liebsten hätte sie sich umgedreht, sich umgesehen, aber sie traute sich nicht. Zu groß war die Gefahr, dass der Geist misstrauisch wurde und  ihr die Unterstützung versagte, oder schlimmer noch: sie dann angriff. Mit Mühe verdrängte sie den Gedanken.       
            „Ich suche einen Magier, der nicht auf dem Pfad des Schamanen wandelt. Er soll sehr fähig sein und ich bin mir sicher, dass du weißt wo er sich befindet.“   
           
Du sprichst vom Schwarm des Hasses. Was willst du von diesem… Magier? Die Art und Weise, wie der Geist das Wort ‚Magier‘ aussprach, ließ keinen Zweifel daran, was er von Magiern allgemein und von diesem einen im Speziellen hielt. ‚Susanoo, verlass mich jetzt bloß nicht!‘, flehte Sunetra leise und bekam ein heiseres Kichern zu hören, das in ihrem Kopf widerhallte. ‚Mach keinen Scheiß! Hörst du?! Wir stecken hier beide drin.‘           
           
Was willst du von ihm?             
„Er besitzt  keine Ehre, keinen Respekt. Ich verfolge ihn seit einiger Zeit und will ihn für seine Verbrechen bestrafen.“           
            Nun erhoben mehr Raben als zuvor ihr Klagen. Sie hüpften wild durcheinander, stritten miteinander, ein paar hackten sogar mit ihren gelblich schimmernden Schnäbeln aufeinander ein. Wütender und böswilliger wurde ihr Gekrächze bis Sunetra befürchtete ihr Trommelfell würde unter dieser Kakophonie platzen. Es kostete sie alle Anstrengung nicht in das Geschrei einzustimmen und sich die Ohren zuzuhalten.  
            Der Moment verging und es kehrte schlagartig Ruhe im Scharm ein. Nun saßen sie wieder da und starrten die Elfe aus kalten Augen an. Beobachteten. Prüften. Wägten ab. Trafen eine Entscheidung.   
           
Den Schwarm interessiert die Herkunft des Aases nicht. Bislang hat er uns keine Scherereien gemacht. Aber der Schwarm erhört deine Bitte, Haifisch.
            Sunetra hielt den Atem an. Sie hatte es geschafft.   
Du findest den Magier im Süden. Überquere die Straße und begib dich zum alten Haus inmitten des Waldes. 
            In Erinnerung an ihre japanische Kinderstube, verneigte sich die Elfe reflexhaft vor dem Geist. „Mein Dank gilt dem Schwarm.“
            Nun reckten die Raben die Köpfe, richteten ihre Körper auf, als wollten alle einen besseren Blick auf sie erhaschen. Drohend schwoll die Stimme an. Nun schien sie nicht mehr nur aus dem Baum zu kommen, sondern umflutete die Elfe und nahm sie geradezu in die Mangel.
Erledige wozu du gekommen bist und verschwinde dann wieder! Wir hoffen, du hast deinen Schützling im Griff, Susanoo. Geht nun mit unserer Erlaubnis. Unseren Segen jedoch habt ihr nicht! 
            Der Mentor in Sunetras Kopf fauchte zunächst wütend, keckerte dann aber ein hämisches Lachen, während Sunetra erneut schwarz vor Augen wurde. Susanoos Stimme echote noch eine Weile in ihren Ohren, bis sie auf dem klammen Waldboden wieder erwachte.



***



            Freitag, 10:13 Uhr



            Zu behaupten, der strahlend blaue Himmel und die unverdeckte Sonne würden einen warmen Tag ankündigen, käme einem Euphemismus gleich. Schon am frühen Morgen lieferte der lichtspendende Himmelskörper eine Kostprobe von der sengenden Hitze, die sie in der Nachmittagszeit zu erwarten hatten. Im Gegensatz zum Vortag ging hier draußen wenigstens ein laues Lüftchen, das ein Minimum an Abkühlung brachte. Noch jedenfalls. Zudem musste Alyssa resigniert feststellen, dass sie nicht über das körperliche Rüstzeug für einen solchen Gewaltmarsch verfügte. Zwei Beine alleine waren nun einmal nicht genug, um den ganzen Tag munter drauf loszuwandern. ‚Dabei wir sind gerade mal drei Stunden unterwegs. Na, das kann ja Eiter werden.‘, dachte sie säuerlich.    
            Ihre Waden schmerzten, die Suppe lief ihr in Strömen über den Rücken und sie hatte nicht mal genug Luft übrig, um sich über die Situation in voller epischer Breite zu beschweren. Kurz: sie hatte keinen Bock mehr. Da half auch nicht die schöne Landschaft mit ihren Wiesen, verwilderten Feldern und Wäldern, dem Gezwitscher der Vögel oder den grasenden Rehen. Obendrein liefen sie seit einer guten Stunde bergauf. Die Steigung an sich war nicht das Problem, aber der Weg zog sich endlos. Langsam beschlich sie der Verdacht, dass sie niemals den Wald erreichen würden, weil sich die Bäume ihrerseits von ihnen entfernten. Und Hank und Largo? Die sprachen kein Wort. Männer! Geboren um zu Schweigen. Kein Wunder, dass ihr so fad zumute war.       
            Unerwartet manifestierte sich aus dem Nichts eine geisterhafte Erscheinung vor ihnen, etwa einen Fuß über dem Boden schwebend. Largo sprang wie aus dem Schlaf gerissen erschrocken zurück und hob abwehrend die Arme vor den Brustkorb.     
            „Himmelarschundzwirn! Sunetra, das hat mich locker zwei Jahre meines Lebens gekostet.“         
            Sie lachte fröhlich: „Sei nicht so schreckhaft, Gaijin! Das ist schlecht für den Blutdruck.“   
            „Wie hast du uns denn finden können?“       
„Hey, traut mir ruhig was zu! Ich würde Alyssas Astralsignatur überall wiederfinden. Aber gesucht hab ich euch schon länger.“
            „Uns auf diesem Weg zu kontaktieren riskiert unsere Entdeckung. Dass du das Risiko eingehst sagt mir, dass du erfolgreich warst.“, mutmaßte Lightning, die froh über die unerwartete Pause war, und die Elfe nickte.           
            „Ja, ich hab mit dem Geist Kontakt aufnehmen können. Und er hat mir verraten wo sich Thomas Weißhaupt aufhält. Und wo der ist, wird sein Vater nicht weit sein.“      
            „Super! Bitte sag mir, dass wir schon auf dem richtigen Weg sind!“
            Nun machte Sunetra eine abwägende Geste. „Ähm, jein. Die Beschreibung des Rabenschwarms passt nur auf ein Gebäude und das steht etwa dreizehn Kilometer südlich von eurer Position.“   
            „Waaaas?!“, Alyssa war entsetzt angesichts der anstehenden Strapazen.   
„Herrlich! Dann kommt endlich mal etwas Bewegung in deine Puddingmuskeln.“, zog sie der von einem bis zum anderen Ohr grinsende Zwerg auf.    
            „Na danke! Ich kann drauf verzichten. Dürfen wir wenigstens auch den gesamten Weg zurücklatschen, den wir gekommen sind? Ich mein, damit es sich wenigstens gelohnt hat hier hochzulaufen.“     
            „Nein. Geht zum Rand des Waldes! Hendrik und ich kommen dorthin. Ruht euch aus! Holt den Schlaf nach, den wir im Haus verpasst haben! Vier Stunden werden wir bestimmt brauchen, bis wir euch eingeholt haben.“         
            Ohne auf eine Antwort zu warten, löste sich ihre Erscheinung wieder auf.   
            Erholen? Das würde sich Alyssa kein zweites Mal sagen lassen.



***



            Freitag, 22:50 Uhr



            Tatsächlich hatten wir drei Uhr durch, als wir die drei Kameraden fanden, faulenzend im Schatten der am Waldrand stehenden Bäume. Im Gegensatz zu Sunetra und mir waren sie erholt und voller Tatendrang. Zum Glück kam ich mit wenig Schlaf aus und stand ausreichend unter Strom. So spürte ich bislang noch keine Ermüdungserscheinungen in den Knochen. Nachdem sich die andern aufgerappelt hatten, zogen wir weiter.     
            Zeit war der kritischste Faktor in unserer Mission. Wir mussten noch am selben Tag das Ziel erreichen und die Aufgabe erledigen, denn an diesem Abend feierte das Familienoberhaupt seinen Jahrestag. Morgen konnte die Bande schon wieder ausgeflogen sein. Abgesehen davon musste vor der Wahl noch die Kunde ihres Ablebens die Runde machen. Und das bedeutete, wir mussten die Sache möglichst schnell hinter uns bringen. Dass Sunetra kurz nachdem wir in dem leer stehenden Haus eingeschlafen waren die Anwesenheit eines mächtigen Geists gespürt hatte, erwies sich daher im Nachhinein als Glücksfall.          
            Manche Tage beginnen einfach seltsam. Da hat man endlich ein wenig Ruhe gefunden, aber schon reißen einen die Magierinnen wieder aus dem wohlverdienten Schlaf. Zunächst hatte ich nur Bahnhof verstanden. Aus dem wirren, aufgeregten Geplapper der beiden wollte ich nicht schlau werden. Aber ich kapierte, dass sie auf etwas Wichtiges gestoßen waren. Also quälte ich mich wieder in die Senkrechte und machte mich mit der Elfe auf den Weg. Erst später, als ich meine Sinne wieder sortiert hatte, erzählte sie mir, dass der Mentorgeist ihr empfohlen hatte, mit dem Geist des Waldes Kontakt aufzunehmen. „Wenn er uns gewogen ist, wird er uns verraten, wo wir hin müssen. Denn wer wenn nicht der Geist des Waldes wird wissen, was hier vor sich geht?!“, hatte sie erklärt. Und ich glaubte ihr. Wie hätte ich als professioneller Magiedilletant da auch gegenargumentieren können? Selbst als sie wie erschlagen auf dem Waldboden lag, mit leeren Augen und einem so flachen Atem, dass man kaum sehen konnte wie sich der Brustkorb bewegte, bewahrte ich Ruhe. Wartete geduldig auf ihre Rückkehr, auch wenn mir während der sich endlos ziehenden Zwangspause  mehr als nur einmal Zweifel kamen, ob das je passieren würde.
            Am Ende war Sunetra wieder in unsere Welt zurückgekehrt. Nun, da wir am Waldrand standen, war ich froh, der Elfe vertraut zu haben. Unser kleiner Ausflug hatte uns nicht nur die benötigte Information eingebracht, sondern obendrein noch wertvolle Zeit gespart. Zeit, die wir auf unserem beschwerlichen Weg durch die Wälder des Erholungsgebiets dringend brauchen würden. Zwar hielten wir uns in der Nähe des Waldrands auf, wo der Untergrund noch nicht zu stark zugewachsen und mit totem Geäst bedeckt war, aber so schnell wie auf Straßen oder den Wiesen kamen wir natürlich nicht voran.        
            Es war beinahe sieben Uhr, als wir die leicht befestigte Hauptstraße erreichten. Vor uns lag eine Schotterdecke, durchbrochen von Flecken nackten Bodens und in zwei Hälften geteilt von einem Streifen grünbraunen Grases, das als natürliche Fahrbahnmarkierung diente. Nachdem ich die Lage gecheckt hatte, wechselte Einer nach dem Anderen die Seite. Sunetra bildete das Schlusslicht. Gerade als sie ebenfalls rüber kommen wollte, bemerkte ich ein Geräusch, das die Straße heraufkam. Genauer gesagt kam von einem Punkt über der Straße. Ich wollte die Elfe warnen, aber sie hatte es ebenfalls gehört. Tief in den Schatten einer Fichte hatte sie sich verkrochen, als eine schwer bewaffnete Skimmer-Drohne in unser Sichtfeld kam. Etwa einen Meter im Durchmesser und mit neuster Repulsor- und Sensortechnik ausgestattet, war sie leise und tödlich zugleich. An ihrem Bauch prangte ein Geschütz, das unerlaubten Besuchern gegebenenfalls den Weg nach draußen wies. Vorzugsweise in einer Zinkwanne, mit den Füßen voran.           
            Die Art wie sie stoisch die Straße entlang flog, zeigte, dass sie nicht aktiv auf der Suche nach uns war, sondern lediglich ihrer einprogrammierten Patrouillenroute folgte. Wir hielten den Atem an, als sie sich unser Position näherte. Ich war verborgen im Schutz einer niedrig wachsenden Weide, die sich an eine uralte Eiche schmiegte. Aber was war mit Sunetra? Würde ihr Versteck ausreichen, um die Maschine zu narren? 
            Wo kam das Ding überhaupt so plötzlich her? Von der Ranger-Station vielleicht? Eine halbe Stunde zuvor waren wir nämlich auf eine Blockhütte im Wald gestoßen, die von Sicherheitspersonal, Schrägstrich, Forstarbeitern genutzt wurde. Alyssa hätte am liebsten den Laden ausgeräuchert, aber dafür blieb uns keine Zeit. Also umgingen wir das Gebäude großräumig ohne Alarm auszulösen.          
            Mit sanftem Surren ihres Antriebs, schwebte die Überwachungsdrohne unbeirrt auf ihrem Pfad weiter, ohne die Eindringlinge bemerkt zu haben. Erst als sie um die nächste Biegung verschwunden war, traute ich mich wieder einzuatmen. Das war knapp gewesen. Eine Elfe, der der Schreck über diese unvorhergesehene Begegnung ins Gesicht geschrieben war, kam geduckt zu mir rüber geflitzt. „Puh, das war knapp. Ich wollte schon auf die Straße rennen, als… dieses Mistding war erstaunlich leise. Hab es erst in der letzten Sekunde gehört.“ 
            Erleichtert zogen wir weiter durch den Wald. Weiter in den Süden. Zum Glück mussten wir in dieser Gegend Deutschlands nicht damit rechnen im Wald noch Berge besteigen zu müssen. So erreichten wir kurz nach Einbruch der Nacht endlich unser Ziel.
Still lag es da. Wie das Haus, in das wir am frühen Morgen eingebrochen waren, stand es im Zentrum einer Lichtung. Es war aber nicht aus gebackenen Ziegeln, sondern Naturstein gefertigt, und musste deutlich älter sein. Ende siebzehntes, Anfang achtzehntes Jahrhundert, schätzte ich grob den Entstehungszeitraum. Es handelt sich um einen Gutshof, bestehend aus einem  Herrenhaus und einem Stall. Das Hauptgebäude war zwei Stockwerke hoch, gekrönt von einem Satteldach, gedeckt mit roten Schindeln. An Stelle der sonst üblichen Rollläden, sorgten kunstvoll aus Holz gefertigte Fensterläden für Dunkelheit im Inneren. An diesem Abend waren sie alle geöffnet. Ein zweigeteilter Schornstein ragte an der nördlichen Seite des Hauses in die Höhe. Unzweifelhaft diente er nur noch der Zierde, denn auch dieses alte Gemäuer war an moderne Standards angepasst worden. Am offenkundigsten machte dies die auf dem Dach prangende Satellitenschüssel. Eine genauere Überprüfung des Geländes zeigte, dass der ehemalige Stall immer noch seinem ursprünglichen Zweck diente. Nur beherbergte er mittlerweile statt der zu erwartenden Pferde, vier Wagen. Ein Nissan-Jaguar E800 mit 320 Pferdestärken wartete ungeduldig neben zwei Geländefahrzeugen und einem SUV darauf ausgeritten zu werden. Zusätzlich diente die Garage noch als Geräteschuppen und, wie wir schon vermutet hatten, als Unterbringung für die Stromversorgung des Hauses. Ein mannshoher Generator verrichtete dort leise brummend seinen Dienst. Wirklich dekadent war jedoch die hinterm Haus gelegene Terrasse. Rattanmöbel luden zum gemütlichen Verweilen ein. Und direkt dahinter der Eingang zur Wohnung. Lediglich eine gläserne Doppelschiebetür hielt uns davon ab, dort einzubrechen.    
            „Schlags dir aus dem Kopf! Ich kann dir nicht empfehlen darüber einzusteigen.“, dämpfte Sunetra meine Freude. „Die gesamte Terrasse ist von einem gebundenen Zauber belegt, der die warme Luft drinnen halten soll.“ Fragend hob ich eine Augenbraue. „Du meinst, darin könnte man im dicksten Winter sitzen und würde nicht frieren?“           
            „Sehr edel, und sehr teuer.“, fügte sie hinzu.
Sie hatte Recht. Wer weiß, ob man nicht noch einen Zauber hinzugefügt hatte, der bei unbefugtem Betreten Alarm schlug. Nein, die Terrasse war keine Option für unser Vorhaben. Während ich noch über unser weiteres Vorgehen grübelte, kam eine metallene Libelle heran geschwirrt und landete sanft auf Largos schwieliger Handfläche. Um nicht unnötig aufzufallen, hatte er ihr den Auftrag erteilt, durch die Fenster zu schauen, aus denen Licht drang. Danach flog sie davon und wir mussten warten, dass sie von alleine wieder zurückkehrte. Hätte Largo die Drohne aktiv gesteuert, hätte nämlich die Gefahr bestanden, dass das Signal entdeckt werden würde.       
            „Und? Was hat sie aufgezeichnet?`“, drängelte Alyssa. Doch zunächst musste Largo den Datenspeicher des künstlichen Insekts anzapfen. Sieben Personen befanden sich im Herrenhaus. So viel hatten unsere Magierinnen bereits durch einen vorsichtigen Blick in den Astralraum herausgefunden. Einer von ihnen war magisch aktiv. Normalerweise freute ich mich nicht über solche Nachrichten, aber in diesem Fall machte ich eine Ausnahme.   
            Denn es bedeutete, dass sich außer den erwarteten Personen niemand weiteres im Haus befand. Also auch kein Sicherheitspersonal. Wer könnte einem hochrangigen Konzernangestellten schon inmitten dieser Oase ans Leder gehen? Nun, wir können!, freute ich mich diebisch.  
            Aus den Unterlagen, die uns der Schmidt gegeben hatte, wussten wir über die Familie Weißhaupt folgendes: Karl Weißhaupt, Anhänger der rechtskonservativen Glaube-Stärke-Einheit Bewegung und geheimer Strippenzieher im Hamburger Machtkampf, war seit fast achtunddreißig Jahren mit Ursula verheiratet. Ein Liebchen, das sich politisch nicht engagierte und sich im streng geführten Haushalt darum bemühte zu nichts und niemandem eine eigene Meinung zu haben. In all den Jahren Ehe diente sie Karl als Projektionsfläche für seine Vorstellungen von einer braven Mutter für seine Kinder. Artig plapperte sie seine Parolen nach und sorgte dafür, dass der Nachwuchs zu keiner Zeit der Indoktrination entging.    
            Sie waren so erfolgreich damit, dass man mit Fug und Recht behaupten kann, dass der älteste Sohn Thomas ein noch größeres Arschloch als sein Vater war. Magisch begabt, tief religiös, im Gegensatz zu seinem Erzeuger neigte er zu Gewaltausbrüchen, in denen er seine Frau züchtigte. Gerüchteweise setzte er dazu auch seine speziellen Fähigkeiten ein. Und das konnte bei einem Magier nichts Gutes bedeuten. Unbarmherzig ordnete er das gemeinsame Leben den Zielen des Vaters unter. Mich hätte nicht mal gewundert zu hören, dass Thomas nur so zum Spaß auch den einen oder anderen seiner Konkurrenten abmurkste.          
            Sarah war das Nesthäkchen.  
Wie so oft wurde auch bei den Weißhaupts das jüngste Familienmitglied, das fast siebzehn Jahre nach ihrem Bruder Thomas geboren wurde, deutlich liberaler erzogen. Allerdings bedeutete das lediglich, dass sie der Softy unter den Nazis war. Sarah war Papas ganzer Stolz. Sie studierte Politikwissenschaften in Regensburg und plante in Karls Fußstapfen zu treten. 
            Kommen wir damit zum letzten Familienmitglied: dem zweitgeborenen Sohn. Gemäß dem Klischee verkam er neben seinem eifernden Bruder zur Nebenfigur im häuslichen Geschehen. Michael gilt als das Schwarze Schaf der Familie. Obwohl er sich Zeit seines Lebens bemühte, konnte er den Anforderungen des Alten nie gerecht werden. Er verdiente seine Brötchen als Regisseur von mittelmäßigen Soaps und Dramen. Verheiratet war er sodann auch mit einer Schauspielerin. Sybille hieß sie. Eine zielorientierte, oberflächliche Schlampe, die ihren Mann höchstwahrscheinlich nur als Trittbrett auf die nächste Stufe der Karriereleiter missbrauchte. Ihr wurde ein wildes Partyleben nachgesagt. Sicher nicht das, was sich Mama und Papa unter einer Bilderbuchschwiegertochter vorstellten. Ich bewunderte Michaels Chuzpe sie mit hergebracht zu haben. Sein Wochenende musste dadurch in einen Höllentrip verwandelt worden sein. Es ist nie zu spät gegen die Diktatoren in der Verwandtschaft zu rebellieren.          
            „Ich hab‘s!“, stellte Largo zufrieden fest.      
Er zeigte auf die Vorderseite des Herrenhauses. Licht drang aus dem breiten Fenster. „Dort sitzen Karl Weißhaupt und sein Sohn Thomas nebst Frauen und der Schwester einträchtig zusammen und picheln Weißwein.“        
            Ich drückte ein störendes  Ästchen zur Seite, das mich schon seit Minuten im Nacken kitzelte.. „Dann müssen die beiden verbliebenen Gestalten im ersten Stock Michael und Sybille sein.“
            „Im Grunde ist es doch egal wen wir wo im Haus rösten werden.“, bemerkte Lightning gelangweilt und ließ einen Funken von ihrem Zeigefinger springen.         
            Largo ging nicht auf Alyssas Kommentar ein. „Wir sollten mit ihm reden.“  
            „WAS?!“, brach es aus der menschlichen Magierin heraus. Als sie registrierte, wie laut sie geworden war, senkte sie wieder ihre Stimme. „Hast du sie noch alle? Der Auftrag lautet alle zu Killen. Was soll uns ein Schwätzchen einbringen?“   
            „Ganz einfach, irgendjemand hat die Information über den Urlaubsort durchsickern lassen. Es muss demnach jemand aus dem engeren Umfeld der Familie sein.“
            „Oder jemand aus der Familie selbst.“, fügte ich hinzu. Der Ast kitzelte wieder.     
„Dann hat er halt Pech gehabt. Mitgefangen, mit gehangen.“, beharrte sie störrisch.         
            „Überleg doch mal: wir haben mehr Möglichkeiten unsere Spuren zu verwischen, wenn wir auf Hilfe aus dem innersten Kreis hoffen können. Außerdem hat der Maulwurf sicher nicht im Sinn gehabt dabei mit draufzugehen.“           
            Ich nickte zustimmend und brach den lästigen Zweig ab. „Largo hat recht. Michael Weißhaupt hat die Möglichkeiten an die Information zu kommen und aufgrund seiner Vita alle Motivation der Welt seine Familie ans Messer zu liefern.“     
            „Ok.“ Alyssa schloss ihre Augen und rieb sich genervt die Nasenwurzel. „Gehen wir mal davon aus, dass ihr den Kerl in den Schwitzkasten bekommt. Was, wenn sich rausstellt, dass ihr falsch liegt?“       
            „Dann machen wir ihn an Ort und Stelle kalt.“, konstatierte ich trocken. Betretenes Schweigen folgte. Eine Weile lang lauschten wir in die Nacht hineinen.         
            „Sunetra kommt mit mir, ihr anderen bleibt hier!“ Als Alyssa erneut protestieren wollte hob ich die Hand und gebot ihr die Klappe zu halten. „Wir sind die fähigsten Leisetreter im Team. Ich will da oben nicht direkt auffallen und du bist in etwa so leise, wie ein Nilpferd ein filigraner Balletttänzer.“
            Missmutig sank sie in sich zusammen, die Arme verschränkt.         
„Hmmm, wir haben keine Leiter, mit der wir in den ersten Stock kommen können.“, stellte Sunetra fest. Stimmt. Das war ein Problem, das ich noch nicht bedacht hatte. Hank stand plötzlich auf und zog die Elfe mit sich.     
            „Und wie wir ne Leiter haben.“ Verständnislos sahen wir den grobschlächtigen Kerl an. Schließlich schnaubte er müde. „ICH bin eure Leiter. Und jetzt kommt endlich!!“      


***



            Nachrichten im Trivid.
Hungersnot in Südafrika. Streiks in Japan blutig niedergeschlagen. Familie in Florida gestorben, weil ein betrunkener Trucker ihr Auto übersehen hatte. Tornadowarnung im Mittleren Westen der UCAS. Oder war es schon Indianergebiet? Michael hatte nicht so genau hingesehen. In Amazonien hatte man bei einer Drogenrazzia eine Gruppe Ghule entdeckt und allesamt niedergeschossen. Angeblich waren sie vernunftbegabt gewesen und hatten für das Kartell Angel Dust in praktische kleine Plastiktütchen abgefüllt. Bezahlt wurden sie mit Menschenfleisch. Michael erschauderte beim Gedanken an diese ekelerregenden Wesen. Unnatürlich, kam ihm in den Sinn. Gleichzeitig wusste er aber auch ganz tief in sich drin, dass dort nur wieder sein Vater aus ihm Sprach. Die Stimme des Vorurteils, des Hasses und der Verachtung für alles was anders ist.  
            Schließlich flimmerten Bilder von erneuten Unruhen in Hamburg über den Schirm. Im Norden Altonas wütete ein Großbrand. In Ausschreitungen waren mehr als 186 Menschen festgenommen worden, zwölf hatten ihr Leben verloren, unzählige Verletzte. Michael seufzte. Ihm war bewusst, dass sein männlicher Genomspender nicht ganz unschuldig an der Situation in der Hansestadt war. Erst vorhin beim Abendessen hatte er unverhohlen damit geprahlt Hamburg an die Kandarre zu nehmen; dass dies sein Vermächtnis für die Nachwelt sei.   
            Zucht und Ordnung. Zucht und Ordnung.      
Die Worte kreisten umeinander, erinnerten ihn an seine Kindheit. Wie oft hatte er sie hören müssen? Wie oft war er durch Schläge, Hausarrest und Liebesentzug bestraft, war seinerseits an die Kandarre genommen worden? Seine Eltern kannten nur Schwarz und Weiß. Etwas anderes nahmen sie nicht wahr. Was nicht in ihr Weltbild passte, wurde ausgeblendet oder mit Attributen versehen, damit sie in die schön beschriftete Schubladen in ihren Köpfen passten.           
            „Kommst du Zivilversager auch endlich?!“
So war er am späten Nachmittag begrüßt worden: wie immer mit unverhohlener Missbilligung. Dabei war er keineswegs zu spät gewesen. Michael Weißhaupt zu sein reichte in dieser Familie schon. Prellbock, Notstopfen, Bauernopfer, Lakai… diese Namen hätten schon in seiner Kindheit besser zu ihm gepasst. Michael war im Grunde nur ein Alias. Arschloch oder Missgeburt konnte man ja leider nicht beim Standesamt als Vornamen angeben. Nie war seine Leistung gut genug gewesen. Gegen seinen Bruder anzukommen hatte er nie eine Chance. ‚Der Große Magus Thomas Weißhaupt. Gottgefällig und gottesfürchtig. ‚Wie er hatte ich sein sollen.‘ Ein Ziel das nicht zu schaffen war.          
            Der Wechsel auf die Universität in Stuttgart war einer Befreiung gleichgekommen. Nachdem er neunzehn Jahre lang versucht hatte einem utopischen Ideal hinterherzuhecheln, dem man niemals gerecht werden konnte, lernte er hier andere Blickwinkel kennen. Der introvertierte, schüchterne Junge aus strengem Elternhaus blühte während dieser Zeit auf, entwickelte eigene Ideen und Vorstellungen. Lernte, dass ihm seine Schwächen lediglich eingeredet worden waren und er eine Menge kreativen Potentials besaß. Nach und nach wuchs seine Verachtung für all das, wofür seine Familie stand. Er erkannte wie fehlgeleitet seines Vaters Ideologie war.     
            Dennoch gab er sich nach außen hin devot, wenn es um seine Familie ging. Schließlich gab es ja noch etwas zu erben. ‚Geld ist der einzige Wert, den Karl hat. In etwas anderem kann man den Bastard nicht aufwiegen.‘   
            Sybille zu heiraten war ihm ein Genuss gewesen. Ja, sie war schrecklich oberflächlich, achtete nur das Äußere und verfügte lediglich über gefährliches Eindrittelwissen, aber sie gab nichts auf das Gelaber seiner Verwandten und widersprach ihnen wie es ihr gefiel. Im Grunde war die Blondine mit der wilden Lockenmähne perfekt für ihn. Alleine schon, um dieser Arschgeigenparade da unten im Wohnzimmer ordentlich ans Bein zu pissen. Ihre bloße Anwesenheit verdarb den anderen bereits sichtlich die Laune. Mit ihr eskalierte wirklich jedes Treffen.  
            Thomas lächelte verträumt und sah zu seiner Frau herüber, die auf dem Bett liegend in einem Magazin schmökerte. ‚Und der Sex ist einfach traumhaft.‘ Er wusste, dass sie sich aus ihrer Verbindung Vorteile erhoffte, aber das störte ihn nicht. Aus seiner Sicht war es eine Win-Win-Situation.          
            Plötzlich klopfte es an der Tür.           
Aus seinen Gedanken gerissen schrak er hoch und drehte sich auf dem Stuhl zur Tür. „Ja?!“, fragte er säuerlich. Was wollten die jetzt wieder von ihm? Vom Flur antwortete ihm lediglich ein dumpfes Brummeln.       
            „Ich geh mal nachsehen was los ist, Schatz.“           
Zur Antwort winkte sie beiläufig aus dem Handgelenk. Es interessierte sie nicht. Auch gut. Vor der Zimmertür war niemand. Irritiert sah Michael den Flur hinauf und hinab. Polierte Holzdielen, gerahmte Bilder an der Wand, der Handlauf der Treppe... alles sah wie immer aus. Außer… das Flurfenster war offen. Ein leichter Sommernachtswind wehte erfrischend hinein. Und die Tür zum gegenüberliegenden Raum war nur angelehnt. Licht brannte dort. Eine Ahnung beschlich Michael. Leise schloss er hinter sich die Tür und ging zum anderen Schlafzimmer. Niemand da. Ein unberührtes, frisch bezogenes Bett stand dort. Sarahs Reisekoffer lag neben dem Schrank. Alles sah normal aus.           
            ‚Falscher Alarm‘.          
Gerade als er hinausgehen und das Licht löschen wollte ließ jemand die Tür hinter ihm leise klickend ins Schloss fallen. Ein hünenhafter Mensch… nein warte, er sah eher wie ein Ork aus, stand dort und beäugte ihn ernst. Michael war so erschrocken, dass er zunächst gar nicht reagierte. Als obendrein noch eine Elfe aus dem Badezimmer kam, brach der Bann.   „Ich… ich hab sie erwartet.“ Plötzlich war seine Kehle staubtrocken und er musste sich räuspern. Es war als wäre alle Feuchtigkeit aus seinem Hals gesogen worden,    
            Erleichterung flackerte im Blick des Orks auf. Er wechselte einen kurzen Blick mit der Frau und lächelte ihn geschäftsmännisch an. „Guten Tag Herr Weißhaupt. Darf ich davon ausgehen, dass wir dank ihrer Informationen heute Abend hier sind?“       
            Unfähig etwas zu sagen nickte er heftig. Schließlich krächzte er ein „Ja. Ja.“ Er war so aufgeregt wie noch nie in seinem Leben. Tausende Male hatte er sich vorgestellt wie es sein würde, wenn tatsächlich jemand reagieren und im Ferienhaus auftauchen würde. Und jetzt waren sie dort.      
            „Sehr gut. Hören sie mir gut zu, Herr Weißhaupt. Unter allen Umständen sollten sie Ruhe bewahren. Verhalten sie sich wie immer.“  
            Kratzender Hals, aber die Worte fanden den Weg aus seinem Mund: „Na… natürlich. … Was passiert jetzt?“
Wenn er ehrlich zu sich war, hatte er sich keine großen Gedanken darüber gemacht, was geschehen würde, nachdem er die Informationen weitergegeben hatte. Vielleicht entführten sie die ganze Bande. Vorstellbar war es. Trotz allem waren sie eine hübsche Summe Lösegeld wert. Ihm wurde schmerzlich bewusst, dass er die Sache nicht bis zum Ende durchdacht hatte. Hoffentlich kam das jetzt nicht wie ein Bumerang zu ihm zurück.
            „Sie werden mit ihrer Frau einen schönen romantischen Nachtausflug machen. Zeigen sie ihr einen tollen Aussichtspunkt, eine Lichtung unter dem Sternenhimmel. Egal was. Genießen sie die Zeit, wandern sie, pflücken sie ihr Blumen, schieben sie ein Nümmerchen … Egal was, Hauptsache die Wachdrohnen registrieren ihre Abwesenheit vom Ferienhaus, und sie kommen nicht so schnell zurück.“
            „Was passiert mit den anderen?“ Eigentlich war es ihm egal, aber aus irgendeinem Grund hielt er es für angebracht die Frage zu stellen. Dieses Mal antwortete ihm die Elfe achselzuckend.          
            „Die werden eine permanente Lektion lernen.“         
Damit ließ sie keinen Raum für Spekulationen. Michael kapierte sofort, was die hochgewachsene Frau damit meinte. Ihm öffnete sich ganz unerwartet eine Tür und zeigte einen neuen Weg auf. Sofern nichts kolossal schief ging, war er am Ende dieser Nacht der einzige Überlebende. Und damit Alleinerbe! Michaels Herz macht einen freudigen Sprung. ‚Und obendrein wird die Welt ohne dieses Dreckspack eine bessere sein.‘       
            Ob er wohl zusehen durfte, wenn sie… nein, es war besser, wenn er und Sybille nicht in der Nähe wären, wenn sie ihr Werk taten. Dafür könnte er sich mit Genugtuung am Ergebnis laben.
            Er lächelte verschwörerisch, den Drang unterdrückend sich die Hände reiben.       
            „In dem Fall wünsche ich uns allen eine vergnügliche Nacht.“

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