Samstag, 9. August 2014

Eine Woche Ewigkeit

Kapitel 4 - Die Zaunkönige sind los

            Freitag, 23:10 Uhr

            „Was haben sie hier zu suchen?!“, blökte die Stimme in meinem Rücken.       
Noch bevor man mir die Gelegenheit gab, mich um Kopf und Kragen zu quasseln, zischte ein mit Magie erzeugtes Säuregeschoss knapp an mir vorbei und zerplatzte an der geöffneten, mehrere hundert Jahre alten, massiven Tür. Der Lack begann zu brodeln und warf Blasen. Doch bevor sie unter der Hitze der chemischen Reaktion in Flammen aufgehen konnte, verging die ätzende Substanz und hinterließ lediglich einen schwärzlichen Fleck, von dem übelriechende, dünne Rauchfäden aufstiegen.          
            Shitdrekscheißeverdammtnochmal!
Binnen weniger Sekunden hatte sich der schöne Plan in Wohlgefallen aufgelöst. Michael musste zwar ein wenig diskutieren, aber schließlich überzeugte er seine Ehefrau von dem mitternächtlichen Ausflug. Nachdem sie das Haus mit Sekt und einem Snack im Gepäck verlassen hatten, inspizierte ich mit Sunetra den ersten Stock. Vielleicht ließ sich etwas Nützliches finden oder einen guten Platz für einen Hinterhalt. Am Ende unserer Runde wollten wir Hank über unsere Ergebnisse informieren, der immer noch unter dem Fenster wartete, durch das wir eingestiegen waren. Dann hätten die restlichen WildCards den Generator sabotiert. Während dann das Familienoberhaupt oder dessen ältester Sohn in den Stall gegangen wäre, hätte ich mit der Elfe die Gesellschaft im Erdgeschoss ein wenig aufgemischt. Hauptsache so wenig Lärm und Aufmerksamkeit wie möglich erregen. Selbstverständlich hätten sich unsere Freunde ebenso liebevoll um ihren Gast im Stall gekümmert.   


            Aber es musste ja unbedingt anders kommen.
Wir waren leise vorgegangen. Sehr leise. Aber möglicherweise war das immer noch zu laut gewesen. Vielleicht handelte es sich um ein vollkommen zufälliges Ereignis oder vielleicht war Thomas Weißhaupt dermaßen paranoid, dass er regelmäßig seine Umgebung in Astralsicht nach möglichen Häschern absuchte. Warum er uns in der im Kolonialstil gehaltenen Bibliothek mit den dunklen, ledernen Ohrensesseln, dem gemütlichen Kamin und den teils sehr wertvollen Büchern gefunden hatte, war letzten Endes egal. Dass er uns entdeckt hatte, reichte schon um uns die Nacht zu versauen. Jetzt ging es nur noch um Schadensbegrenzung.
            Glück gehabt! Nicht ein einziger Säurespitzer hatte mich erwischt.     
Jahre des Trainings brachen sich Bahn. Reflexe übernahmen das Steuer, ließen mich auf dem Absatz herumwirbeln, zur Pistole im Holster greifen, sie in einer geschmeidigen Bewegung hervorzaubern, aufs Ziel ausrichten und abfeuern. Nur um wenige Zentimeter verfehlte das Geschoss den Schädel des Magiers. Der zornige Ausdruck in seinem Gesicht wich dem der Überraschung. Thomas war Ende Dreißig und besaß schnell wachsende Geheimratsecken. Das kastanienbraune Haar hatte er nach hinten gegelt. Über der Oberlippe prangte ein dünnes, zweigeteiltes Bärtchen. Ein wenig erinnerte er mich an einen Schauspieler aus lange vergangenen Tagen Hollywoods. An jemanden, der sich bloß als Zauberer verkleidet hatte. Fehlte nur noch ein langes, buntes, wallendes, mit gelben Sternen verziertes Gewand, um die Illusion perfekt zu machen. Jeans und dem Polohemd wirkten dagegen fehl am Platze.  
            Nur wenige Sekundenbruchteile waren vergangen, in denen ich mein Gegenüber gemustert hatte. Alte Agentenkrankheit. Eines der ersten Dinge, die man in der Ausbildung lernte, war seine Umwelt genau zu beobachten, um Gefahren einschätzen zu können. Das aus dem Gesicht weichende Blut verriet mir jedenfalls, dass Thomas keine Lust hatte Zielscheibe zu spielen. Noch bevor ich die Ausrichtung meiner Waffe korrigiert und erneut abgedrückt hatte, türmte er händefuchtelnd aus dem Raum.      
            Sunetra stand bereits im Nebenraum, als Thomas Weißhaupt den Kampf eröffnet hatte. Sowohl die Bibliothek als auch das Schlafzimmer besaßen Türen, die zum Flur führten, der in diesem Abschnitt zur Hauseingangsseite hin offen war. Unmittelbar unterhalb des Flurs befand sich die Empfangshalle des Herrenhauses. Hoch droben an der Decke hing ein Kronleuchter. Mit Aufkommen der Elektrizität hatte man die Kerzenvariante durch einen moderneren Leuchter ersetzt. Inzwischen musste dieser über hundertsechzig Jahre auf dem Buckel haben, sah aber sehr gepflegt aus. Wie es sich für ein Relikt aus dem beginnenden zwanzigsten Jahrhundert gehörte, bildeten seine goldenen Arme einen Kreis und waren mit in Kristallform geschliffenem Glas geschmückt. Eine Marmortreppe führte ins Erdgeschoss. Auf ihr räkelte sich ein roter Teppich, der von Metallstangen fixiert wurde, die in den Ecken der Stufen angebracht waren.           
            „Schneid ihm den Weg ab!“, knurrte ich Sunetra zu.  
Die Elfe ließ sich nicht bitten und rannte los. Ich tat es ihr gleich. Kaum hatte ich zwei Schritte getan, fing die Bibliothek an zu wackeln. Bücher aller Größen hopsten aufgeregt in ihren Regalen, nur um dann in einem dichter werdenden Regen durch den Raum katapultiert zu werden. Wie Granatgeschosse flogen sie mir um die Ohren, als ich mich zur Tür durchschlug. Was hätte ich für einen Schützengraben gegeben!? Mehrere Exemplare trafen mich an Kopf und Schultern. Das würde böse blaue Flecken geben. Nachdem ich die Erfahrung machen durfte kann ich übrigens versichern, dass Hardcoverausgaben ihren Namen verdienen. Verdammt, das tat höllisch weh!           
            Für einen Moment dachte ich schon, dass wir einen Poltergeist aufgescheucht hatten, aber dann fiel mir wieder ein, dass er etwas mit den Händen angestellt hatte, als er geflohen war. ‚Ein Zauberspruch.‘, traf mich die schlichte Erkenntnis.          
            Unter den wildesten Verrenkungen – vergebliche Versuche den Literaturprojektilen auszuweichen – erreichte ich die Tür und riss sie auf. Thomas lief die Treppe runter. Ohne zu bemerken, dass ihn eine weitere meiner Kugeln verfehlte, wischte er mit dem linken Arm ausholend Richtung Decke. Funken sprühten aus dem Kronleuchter, als er abgerissen und die Verbindung zum Stromnetz rabiat gekappt wurde. Schlagartig wurde es dunkel. Nur zwei kleine Lampen im Eingangsbereich spendeten noch ein wenig Licht. Klirrend krachte das Gebilde Sunetra vor die Füße. Einen Meter weiter nach hinten und sie wäre womöglich von dem Ding zermatscht worden.    
            Sie stoppte ihren Lauf und setzte ebenfalls zum Zaubern an. Dann jedoch hielt sie inne und entschied sich anders. Elegant schwang sie sich über das Geländer und ließ sich in die Empfangshalle fallen. „Magische Barriere!“, rief sie und verschwand unterhalb des Flurs im Inneren des Ferienhauses. Unser Gegner war inzwischen durch die Tür im Salon verschwunden, wo die Familie zuvor ihr Abendmahl eingenommen hatte.       
            Hank, der den Lärm gehört hatte, war inzwischen durch das offene Fenster zum ersten Stock hochgeklettert und machte sich daran den zerdepperten Kronleuchter aus dem Weg zu stemmen. Zum Glück hatte er wie vereinbart Funkstille bewahrt. Nur zu gerne hätte ich Largo und Alyssa gewarnt, die draußen auf unser Signal warteten.         
            „Schnell! Das Gewehr! Und du ruf die Sicherheit!“     
Dumpf aber deutlich erkennbar war es Thomas, der im Salon Befehle brüllte. Die Geräuschkulisse und das Geschrei der anderen Familienmitglieder ermahnte mich, rasch zu handeln. Mit der Pistole im Anschlag huschte ich die Treppe herunter und winkte Hank zu mir, der den Kronleuchter gerade übers Geländer kippen ließ. Falls er vorher noch zu retten gewesen war, gab ihm der erneute Aufprall den Rest. Ketten und Glaselemente rissen ab, verteilten sich wie ein Puzzle im Eingangsbereich. Eine Kristallformation, die mir vor die Füße glitt, kickte ich achtlos aus dem Weg und postierte mich am Eingang zum Salon. Die Tür stand offen, aber im Raum befand sich eine Art Blase. Wie ein milchig trübes Kraftfeld hüllte sie die Menschen in ihr schützend ein. Das musste die Barriere sein, die Sunetra erwähnt hatte.       
            Mist! Hier komm ich nicht durch.        

***

Warten. Laufen. Warten. Laufen. Noch ein bisschen Warten gefolgt von Laufen.        
            Der halbe Auftrag bestand aus Warten und Laufen. Und wenn Alyssa etwas gegen den Strich ging, dann war es Warten und Laufen. Sie erkannte die Notwendigkeit dieser Tätigkeiten, aber es änderte nichts daran, dass es weder ihrem impulsiven Naturell noch ihrem Hang zur Bewegungsfäule entsprach. Und seit Hendrik mit Sunetra und dem Troll abgedampft waren, reihte sich nach dem Marschieren wieder einmal Warten ein.
            Alyssa war bis zum Zerreißen angespannt. Sie mussten nun schon eine gute Viertelstunde verschwunden sein. Hoffentlich kamen sie bald zurück.         
            Auch Largo wartete gebannt darauf, dass etwas passierte. Aber bislang war es ruhig geblieben. Durch die Fenster an der Vorderseite des Hauses beobachteten sie die Vorgänge im Wohnzimmer, aber das bislang aufregendste Ereignis war das Öffnen einer weiteren Flasche Wein gewesen.        
            ‚Ich schlaf gleich ein.‘  
Dann stand ein Mann auf und schlenderte über die Treppe in der Eingangshalle in den ersten Stock. Sie wechselte mit dem Zwerg Blicke. Auch er fand die Entwicklung beunruhigend. Soweit sie wussten schlichen ihre Freunde dort oben rum.     
            Schließlich verschwand der Mann aus ihrem Blickfeld und es passierte eine Weile lang gar nichts mehr. Doch dann brach die Hölle los. Der Kerl kam die Treppe wieder herunter gestürmt und schien mit einem Arm zu rudern. Etwas tauchte die Eingangshalle kurz in gleißendes Licht, dann wurde es stockfinster.    
            „Los geht’s. Pudding! Wir sind aufgeflogen.“  
Largo stemmte sich hoch und lief so schnell ihn seine Beine trugen über den geschotterten Hof, während er am Holster nestelte. Alyssa stöhnte als sie ebenfalls aufstand.     
            ‚Und schon wieder laufen.‘

***

            Ein lautes Donnern ließ die Fensterscheibe in den Salon regnen. Das kam von draußen.            
            Von den Wild Cards trug außer mir nur noch Largo eine Schusswaffe bei sich. Das musste seine Roomsweeper gewesen sein. All die Geschosse, die das Fenster nicht aufgehalten hatte, prasselten auf die Barriere ein. Sie glühte an den betroffenen Stellen auf. Vielleicht konnte man sie durch konzentrierten Beschuss schwächen.          
            Ich legte mit meiner Colt an, aber in diesem Moment blitzte es draußen auf und etwas entlud seine elektrische Energie in das Kraftfeld. Nun schien der magische Schutzwall geradezu zu vibrieren. Dampf stieg von seiner Oberfläche auf. Viel hält das Ding nicht mehr aus.         
            Erneut flammte ein gleißendes Licht auf. Der zweite Blitz gab der Barriere den Rest. Sie kollabierte und gab den Blick auf Karl Weißhaupt frei, der am zweiten Fenster stand und eine Schrotflinte durchlud. 
            Doch nicht so mächtig, wie du dachtest, wie?!
Ich grinste Hank an, der nun am Fuße der Treppe angekommen war. Ohne auf weitere Anweisungen zu warten stürmte der Troll an mir vorbei und in den Raum hinein. Er griff sich das erstbeste Ziel, das er entdecken konnte und gab ihm volles Pfund aufs Maul. Zum Leidwesen für den Häuptling des Stammes der Arschflöten. Karl Weißhaupt ging durch die Trollschelle zu Boden ohne auch nur einen einzigen Schuss abgefeuert zu haben.        
            Ein dritter Blitz zuckte durch die dunkle Nacht und das zersplitterte Fenster. Thomas Weißhaupt schrie auf und blieb schließlich regungslos liegen. ‚Ich will mich ja nicht beschweren, aber langsam komm ich mir überflüssig vor.‘  
            Nach dem Schreck der letzten Sekunden, stieg meine Laune wieder an. Im Salon sah es wüst aus. Jemand hatte den Esstisch umgeworfen und in eine künstliche Deckung verwandelt. Eigentlich eine Schande. Es handelte sich um ein edles Möbelstück. Die fest auf den massiven Holzunterbau montierte Steinplatte in Schieferoptik hatte das Parkett nachhaltig beschädigt. Servietten, Besteck, Reste vom der kalten Buffet, Teller, Servierschalen, Splitter des Fensters und diverse Gläser lagen im Raum verstreut. Im Gegensatz zu den stabileren bauchigen Whiskeygläsern waren die meisten Weißwein- und Cognacgläser zerbrochen. An der Wand gegenüber dem Eingang waren drei Halterungen für Waffen angebracht worden. Ein Schießprügel fehlte. Der, den Karl Weißhaupt versucht hatte zu laden, um uns einen auf den Pelz zu brennen. Vermutlich dienten die Flinten mehr der Zierde, um den Wildnischarakter des umgebenden Waldes zu unterstreichen. Eine gemütlich aussehende Eckcouch stand im hinteren Bereich des Zimmers.         
            „Na wen haben wir denn da?“, feixte ich hinterfotzig, als ich die hinterm Tisch kauernden Ehefrauen der beiden ältesten Männer der Familie entdeckte. Ursula und Sabine Weißhaupt starrten zu gleichen Teilen wütend und empört zurück. Wie konnte ich es nur wagen sie bei ihrem Dinner zu stören?! Einen Affront sondergleichen, den es erst einmal zu verdauen galt. Hach, die Probleme der Oberen Zehntausend.    
            „Das werden sie bitter bereuen! Sie werden sich nirgendwo auf der Welt verkrie…“ Die Augen der Frau des Magiers funkelten hasserfüllt, als sie zu einer pathetischen Ansprache ansetzte.         
            „Blablabla!“ Mich interessierte ihr Geseiere nicht im Mindesten. Also schickte ich sie mitsamt ihrem Schwiegemonster ins Reich der Träume. Wieder einmal hatten die Schockhandschuhe bewiesen, dass sie ihren Preis mehr als wert waren. Zufrieden richtete ich mich auf, sah wie Alyssa und Largo gerade durch das zerschossene Fenster rein kletterten und machte in Gedanken eine schnelle Inventur. Michael und Sybille sind im Wald unterwegs, Karl wacht so schnell nicht mehr auf, Thomas liegt ebenfalls darnieder und die beiden Ehefrauen sind eh keine Gefahr...Oh! Oh!       
            Von sechs Personen wusste ich den Aufenthaltsort. Aber müssten es nicht sieben sein? Wo war Töchterchen Sarah? Erst jetzt fiel mein Blick auf den zweiten Ausgang aus dem Salon.           
            Die Tür stand offen.    

***

            Putz bröckelte aus der Wand, wo der Kronleuchter mit voller Wucht aufgetroffen war. Hätte sie nicht so schnell reagiert und nach hinten gesprungen, das Ungetüm aus Glas und Metall hätte sie womöglich umgebracht. Kaum etwas anderes existiert auf der Welt, das so viele Endorphine in der Blutbahn freisetzt, als die Erkenntnis dem Tod von der Schippe gesprungen zu sein. Kaum war der erste Schreck überwunden, fühlte Sunetra eine geradezu unheimliche Euphorie in sich aufsteigen.    
            ‚Na warte. Jetzt bist du fällig!‘  
Thomas Weißhaupt nahm mit jedem Schritt mehrere Treppenstufen auf einmal und sprang den letzten Meter bis zum Absatz, wirbelte um die eigene Achse, bemüht den Fliehkräften zu trotzen, und verschwand durch eine Tür in den Salon, wo sich die anderen befanden. Unmittelbar nachdem er außer Sicht geraten war, wurde Sunetra Zeuge, wie sich im Astralraum eine Art Blase um die Menschen in dem Raum bildete, die in einem hellblauen Leuchten pulsierte. Mist! Das erschwerte die Sache gewaltig.           
            ‚Vielleicht versuchen sie durch die Hintertür zu verschwinden.‘           
            Sie musste ihnen den Weg abschneiden. Der Kronleuchter blockierte den Flur, sodass sie nicht zu Hendrik aufschließen konnte, der sich nun ebenfalls Richtung Treppe bewegte. Nur am Rande nahm sie wahr, wie Hank seinen massigen Leib durch das offene Fenster hinter ihr wuchtete. Nur mit Mühe schaffte er es hindurch ohne gleich den gesamten Rahmen aus der Mauer zu drücken.
            Es gab nur einen Weg für sie, der möglichst wenig Zeit kostete.        
            Beherzt griff sie nach dem Geländer und schwang sich elegant darüber hinweg. Einige Meter tiefer zog sie die Beine ein und rollte sich auf dem harten Echtholzparkett ab. Sie nutzte ihren Schwung und war in Nullkommanichts wieder auf den Beinen. Vor ihr die Eingangstür, hinter ihr ging es tiefer ins Herrenhaus hinein. Sie drehte sich um und rannte so schnell sie konnte.           
            „Magische Barriere!“, rief sie Hendrik noch als letzte Warnung zu, dann lief sie durch die aufgerissene Tür und durch ein elegant eingerichtetes Wohnzimmer. Ein Piano stand auf einem Perserteppich in der einen Ecke, ein hufeisenförmige Couch in der anderen. Davor der obligatorische Fernseher. Vitrinen, Bücherregale, das übliche eben. Weiter ging es.   
            Hinter der nächsten Tür war ein kurzer Flur, dann stand sie im hauseigenen Schwimmbad. Ob sie wollte oder nicht, musste sie um das Becken herumlaufen, was sie wertvolle Sekunden kostete. Währenddessen erklang Kampflärm, der gedämpft durch die Steinmauern zu ihr herüber schwappte. Sie konnte nicht exakt bestimmen, was vor sich ging, aber sie was sicher Schusswaffen gehört zu haben.          
            ‚Schneller!‘      
Glücklicherweise hatte sie keine rutschigen Schuhe an. Die hätten ihr auf den glatten Fliesen einen Bärendienst erwiesen. So konnte sie wenigstens Gas geben. Endlich war sie an der nächsten Tür. Der Kampflärm wurde nun deutlich laute. Sie musste sich direkt hinter dem Salon befinden. Auch hier standen wieder mehrere Sessel und Couchtische, es schien sich aber mehr um ein luxuriöses Arbeitszimmer zu handeln. Und der arkane Klimbim, der in den Regalen lag, erweckte mit den vielen Kerzen den Eindruck, dass sich hier von Zeit zu Zeit auch Magier betätigten.      
            Vor Sunetra stand eine junge Frau, mit dem Rücken zu ihr.
Immer wieder warf sie ängstliche Blicke in Richtung des Salons und schien mit jemandem zu sprechen. ‚Drek! Sie alarmiert den Sicherheitsdienst.‘ 
            Es war plötzlich sehr ruhig im benachbarten Raum geworden.
            Sunetra nahm die Beine in die Hand, um zu retten, was noch zu retten war. Von hinten griff sie nach die Frau und schlang ihr den rechten Arm um den Hals. Als das Blut keinen Weg mehr fand das Gehirn mit Sauerstoff zu versorgen, wurde sie ohnmächtig, ohne dass sie noch hätte um Hilfe rufen können. Es handelte sich um Tochter Sarah. Das Komlink, in das sie gesprochen hatte, fiel ihr aus der Hand.         
            Als die Magierin danach greifen wollte, schnappte Hendrik ihr das Gerät vor der Nase weg und gebot ihr mit einem Finger an den Lippen ruhig zu sein. Er horchte kurz daran. Leise war eine Stimme aus dem Lautsprecher des Komlinks zu hören. „Guten Tag. Ihr Anruf wird aufgezeichnet und weitergeleitet. Bitte bewahren sie Ruhe!“ 
            Ihr fiel ein Stein vom Herzen. Es war nur das Band eines Anrufbeantworters. Das war allemal besser als ein Bulle, der am anderen Ende mit anhörte, was im Ferienhaus vor sich ging. Dennoch durften sie keine Zeit mehr verlieren.          
            „Bitte, helfen sie uns. Er… er ist total durchgedreht!... AHHHHH…!!!“  
            Hendrik imitierte Sarahs Stimme und schauspielerte als ob sein Leben davon abhängen würde. Dann ließ er das Komlink fallen und trat kraftvoll darauf, sodass es zerbrach. Obwohl sie von seinem Talent wusste, war es erstaunlich, wie gut er die piepsig, quäkige Stimme der Studentin nachgemacht hatte.
            „Schreien wie ein sechzehnjährige Jungfrau, lernt man das etwa bei ARGUS?“, lachte sie schließlich, als sie mit ihm in den Salon ging.  
            Hendrik grinste schelmisch. „Erstes Lehrjahr. War Klassenbester.“     
„Wenn in den Schatten gar nichts mehr geht, kannst du immer noch eine Sexhotline aufmachen.“           
            Sie stiegen über Thomas leblosen Körper hinweg auf den umgestürzten Tisch zu.      
„Wenn ich mir das Desaster hier anschaue, klingt die Idee verlockend. Ich hoffe ich klang glaubwürdig genug, damit man mir die Tochter abnimmt. Für meinen Geschmack hab ich zu wenig von ihrer echten Stimme hören können, um…“ 
            „Mach dir keine Sorgen. Wenn irgendetwas am Tatort stimmig ist, dann war es deine Performance.“ Wieder lachte die Elfe herzlich. Alyssa stand mit verschränkten Armen am Tisch, während Largo etwas am Aufsammeln war.     
            „Und? Wie schaut’s aus?“, wollte die Menschenfrau wissen.
„Die Tochter hat die Wachhunde angerufen. Die Leitung war schon aufgebaut, als wir sie erwischt haben. Dass sie kommen ist also unausweichlich, aber im Moment denken sie, es handele sich um einen Familienstreit.“  
            Sie verzog missbilligend den Mund und fluchte: „Fuck! Da haben wir genau die Scheiße, die wir vermeiden wollten. – Und jetzt!?“        
            Sunetra sah sich um, ging die letzten zwei Minuten in Gedanken durch. Ein Plan begann Formen anzunehmen. „Zuallererst werden wir Ruhe bewahren. Noch können wir unser Vorhaben durchführen. Alyssa, du verwischst magisch unsere Spuren. Jeder entfernt mögliche Fingerabdrücke. Largo sammelt verschossenen Hülsen und Munition ein…“    
            Largo hob den Arm während er unbeeindruckt weiter seiner Tätigkeit nachging. „Bin schon dran!“   
            „Sehr gut! Hank, du sammelst die Glasscherben auf und wirfst sie raus. Die Polizei soll denken, dass es im Haus zu einer Schießerei kam. Du, Hendrik, drückst Thomas deine Pistole in die Finger.“     
            Fragend sah sie der Ork mit den menschlichen Gesichtszügen an.     
            „Du hast die Lizenz für die Pistole doch nach wie vor auf eine gefakte SIN laufen, oder?“           
            „Na klar, ich bin doch nicht total behämmert zu einem Attentat meine private…ohhhh, jetzt versteh ich, du hintertriebenes Biest.“ Verschwörerisch zwinkerte er ihr zu.    
            „Richtig. Wir lassen es so aussehen, als wäre der Vater durchgedreht und musste von seinem Sohn aufgehalten werden.“ Sie zuckte traurig mit den Achseln. „Tragischer weise sind alle bei dem Feuergefecht gestorben.“      
            „Es bleiben vielleicht acht oder neun Minuten, bevor jemand nachschauen kommt.“, warf Largo ein, der seine Arbeit beendet hatte. Sunetra griff nach der Schrotflinte, die neben Karl auf dem Boden lag. „In dem Fall sollten wir uns beeilen.“

***

            Samstag, 2:13 Uhr

            Gesagt, getan. Seitdem waren sie auf der Flucht durch den Wald.     
            In der kurzen Zeit, die ihnen blieb, hatten sie alles Menschenmögliche getan. Aufgeräumt, Beweise drapiert, Spuren verwischt, die Zeugen getötet und sogar an Schmauchspuren an den Händen der vermeintlichen Täter gedacht. Dennoch war Largo nicht zufrieden. Es war eine in der Not entstandene Aktion gewesen, schlampig und fehlerbehaftet. Sicherlich, für den ersten Anschein würde der Tatort den Inhalt des Notrufs bestätigen. Ein Familiendrama.
            Aber spätestens, wenn die Forensik die Lage analysierte - und das würde sie! – würden ihnen feine Glassplitterchen auf dem Boden am Fenster auffallen. Eine Stimmanalyse würde offenbaren, dass nicht die Tochter angerufen hatte. Dass die Blutspritzer und Winkel der Schusswunden nicht so recht zueinander passen wollten, wäre für das geschulte Auge auch kein Geheimnis. Sie würden zu dem Schluss kommen, dass jemand eingebrochen war, dass es sich in Wirklichkeit um eine Hinrichtung handelte. Vermutlich würden sie auf Shadowrunner tippen.
            Gut, das musste noch lange nicht bedeuten, dass man auf die Wild Cards kommen würde. Auch wenn die ADL nicht zu den größten Ländern der Welt gehörte, gab es eine umtriebige Schattengesellschaft, der viele Gruppen und Einzelgänger angehörte. Mehr oder weniger vertrauenswürdigen Söldner und Gauner jeder Couleur, die man anheuern konnte. Hendriks Colt gehörte laut gefälschter Lizenz einem Fedor Puto aus Hamburg Nord, der an einer Adresse gemeldet war, die es nicht gab. Im besten Fall sendete der Fingerzeig in den Norden des Landes den Gegenspielern der Bürgermeisterin die gewünschte Botschaft. Solange sie nicht mehr Informationen daraus ziehen konnten, würde der Zwerg zufrieden sein.        
            ‚Hauptsache unser improvisiertes Ablenkungsmanöver hält die Ermittler davon ab in der richtigen Richtung zu suchen. Zumindest solange bis wir von hier weg sind.‘ Beinahe hätte er eine aus dem Boden ragende Wurzel übersehen und stieg darüber hinweg. „Vorsichtig! Wurzel!“, flüsterte er und musste keine zwei Sekunden warten, bis trotzdem jemand dagegen trat und fast hingefallen wäre. Ein Fluch wurde in den stockfinsteren Wald gezischelt, dann kehrte wieder Ruhe ein.        
            Am liebsten wäre er mit einem der Wagen aus dem Stall geflohen, aber in der Kürze der Zeit war es unmöglich gewesen eine der teuren Karossen zu knacken. Im Gegensatz zu den billigen Schüsseln von Otto-Normalverbraucher besaßen sie umfangreiche Schutzmaßnahmen, und Largo war nun einmal Rigger und kein professioneller Hacker mit entsprechendem Equipment. Spontan dachte er an seine Zeiten mit Kabler in Asien. Der Datenjongleur hatte ihnen unzählige Male das Leben erleichtert. Er vermisste seinen alten Freund. Largo seufzte. ‚Arbeite mit den Werkzeugen, die du hast, und heul nicht dem Kram hinterher, den du vergessen hast einzupacken.‘  
            Man spürte an allen Ecken und Enden, dass dieser Auftrag unter hohem zeitlichem Druck ausgeführt werden musste. Die Planung ließ zu wünschen übrig. Sein Ausbilder hatte ihm eingeschärft sich immer zwei Pläne zurechtzulegen, wie er rein und wieder raus kam. Und dann, nur der Paranoia halber, sollte er sich zusätzlich noch Gedanken um einen Backup Plan für den Backup Plan machen.  
            OK, Autos waren tabu. Wahrscheinlich hätte man sie auf den wenigen Straßen des Ferienresorts ohnehin schneller gefunden, als man einen Becher Joghurt auslöffelt. Daher blieb ihnen nur der Weg durch den Wald. Es waren kaum zwei Minuten vergangen, seitdem sie im Dickicht verschwunden waren, als sie in der Ferne einen Jeep näherkommen hörten. Vermutlich handelte es sich um die Männer aus der Blockhütte. Largo konnte durch seine Cyberaugen von allen am Besten in der Dunkelheit sehen, also ging er voran und führte sie nach Süden. Dort reichte der Wald bis auf fünfhundert Meter an den Zaun heran. Die ideale Stelle, um den Übergang zu wagen. ‚Wie auch immer das aussehen soll.‘, dachte der Zwerg säuerlich. Aber mit dieser Frage würden sie sich befassen, wenn sie dort angekommen waren.    
            Wenige Minuten später rauschte ein Flugzeug über ihre Köpfe hinweg und sie gingen in Deckung. „Das war ein Vetol, ein Senkrechtstarter.“, flüsterte Largo seinen Freunden zu, nachdem der Lärm in der Ferne verklungen war. „Das könnte ein Team von Doc Wagon gewesen sein. Die Polizei ist jedenfalls nicht so schnell.“ Niemand lachte über den mauen Kalauer. Leidlich beruhigt und in gedrückter Stimmung zog man daraufhin weiter.
Lange Zeit schlugen sie sich mit mäßigem Tempo durch den Wald, mussten kleinere Umwege gehen, konnten sich aber erstaunlich lange an einem alten Trampelpfad orientieren, auf den sie zufällig gestoßen waren. Sie schwiegen, sogar Alyssa. Niemandem war daran gelegen Aufmerksamkeit auf die kleine Gruppe zu lenken, auch wenn es unwahrscheinlich war, dass es jemandem gelang sie hier zu entdecken. Nachdem eine weitere Stunde vergangen war, schwoll das Knattern von Rotoren an. Ein Hubschrauber flog mit aktiviertem Suchscheinwerfer den Rand des Waldes ab. Er verschwand, kehrte aber in unregelmäßigen Abständen immer wieder zurück. Besorgt blickte Largo in den Himmel. Durch das dichte Laubwerk, konnte er nichts erkennen, rechnete aber fest damit, dass auch Drohnen über dem Gebiet ihre Kreise zogen.     
            Doch suchten sie nach Michael und seiner Frau oder hatten sie bereits ihren Bluff durchschaut und wussten, dass ein Killerkommando in der Gegend unterwegs war? Dass sie ihn am Leben gelassen hatten war ein nicht zu unterschätzendes Risiko. Er würde sich nicht selber ans Messer liefern, indem er offen zugab die Mörder seiner Familie angelockt zu haben. Doch war er überzeugend genug, um als unwissendes Unschuldslämmchen durchzugehen? Würde er einer Befragung standhalten? Er hatte nun eine Menge zu verlieren und war den Wild Cards ebenso viel schuldig. Largo hoffte, dass sie ihn nicht ins Visier nahmen. Sollten sie es je hier raus schaffen, hätten sie an diesem Abend einen wertvollen Verbündeten kennengelernt. Davon konnte man in den Schatten nie genug haben.          
            Es war kurz vor fünf Uhr morgens als sie endlich den Waldrand erreicht hatten. Nur noch ein kurzes Stück Wiese trennte die erschöpfte Gruppe vom Zaun. Die Ereignisse des vergangenen Tages hatten bei ihnen allen Spuren hinterlassen. Aber noch waren sie nicht in Sicherheit, sofern man das als atheistischer Nichtmensch in Westphalen überhaupt sein konnte. Dafür galt es als letzte Hürde den Zaun zu überwinden.
            Largo aktivierte die Zoomfunktion seiner Cyberaugen und sah sich ausführlich um. Dann beschrieb er den anderen, was er gesehen hatte: „Keine Wachen, keine Hunde, keine Kameras. Der Zaun ist etwa dreieinhalb Meter hoch. Alle zwanzig Meter steht ein Pfosten, gespickt mit Sensoren. Soweit ich erkennen konnte, stecken die Sensoren auf beweglichen Elementen und sind nicht fixiert.“       
            Hendrik spielte mit einem Kieselstein, der zu seinen Füßen gelegen hatte, und grübelte eine Weile. „In meiner Zeit bei ARGUS musste ich mich intensiv mit Sicherheitssystemen beschäftigen. Was du beschreibst, hab ich schon ein paar Mal gesehen. Mit etwas Glück können wir einen Exploit ausnutzen, um rüber zu kommen.“
            „Wie das?“      
„Bei einem so großen Gebiet kann man den Zaun nicht auch noch manuell überwachen. In der Regel übernimmt eine Sicherheitsspinne diese Aufgabe. Da aber auch für eine Drohne die Menge an Input aus den unzähligen Sensoren zu groß ist, um in Echtzeit die Daten zu verarbeiten, schaltet man einen Computer dazwischen, der die Daten vorfiltert.“   
            „Sollte das die Arbeit der Spinne nicht erleichtern?“, fragte Alyssa skeptisch. 
            „Grundsätzlich schon, aber – und das ist der Casus Knacksus – wenn die Sicherheitsspinne ein bereits interpretiertes Signal erhält, das besagt, dass alles in Ordnung ist, wird die Drohne nicht aktiv eingreifen.“          
            Der Ork sah seine Freunde an, die nicht begreifen wollten. Schließlich ließ er das Steinchen auf den Waldboden fallen. „Leute! Überlegt doch mal wo wir sind? Das hier ist freie Natur. Und Tiere scheren sich einen Dreck um exterritoriales Gebiet. Damit das Sicherheitssystem nicht wegen jedem Hasen und jedem Reh, das am Zaun rumstromert Alarm schlägt, beobachtet das System bei solchen Ereignissen zunächst nur. Solange keine Verbindungen unterbrochen werden, oder das Tier zeitnah wieder verschwindet, passiert gar nichts.“       
            „Und wie soll uns das helfen?“
Largo verstand nun, worauf Hendrik raus wollte. Sein Blick hellte sich auf. „Wahrscheinlich können sich die Sensoren immer nur auf ein Ziel konzentrieren.“       
            „Richtig. Wenn die Sensoren einer falschen Fährte nachspüren, stehlen wir uns schnell rüber. Die Frage ist nur, wie wir sie am besten täuschen können“       
            Nun tuschelten die Magierinnen leise miteinander. Müde grinsend präsentierte Lightning das Ergebnis ihrer Konsultation: „Spitzöhrchen und ich beschwören jeder einen Geist. Die werden sich am Zaun manifestieren und in entgegengesetzte Richtungen daran entlang bewegen. Hank, du spielst unsere Räuberleiter.“
            „Hmmm. Das könnte funktionieren. Langsam aber sicher wird es heller. Wir sollten jetzt schnell handeln. Habt ihr um uns herum magische Aktivitäten feststellen können?“   
            Sunetra schüttelte den Kopf: „Alles sauber.“   
„Sehr gut. Dann ein letztes Mal volle Konzentration, Leute.“   
            Leise Formeln wurden gemurmelt, einige Gesten vollführt. Dann erschienen zwei Paar Augen, die regungslos in der Luft schwebten. Sie waren menschlich und erfüllt mit kaltem Hass. Ein Schauer lief über Largos Rücken. ‚Was bin ich froh, dass die Spruchschleudern auf meiner Seite stehen.‘  
            Nach einem kurzen, stummen Zwiegespräch, in dem sie ihre Befehle bekamen, flogen die Augen zum Zaun, wo sie humanoide Gestalt an nahmen. Mit seinen Cyberaugen beobachtete der Zwerg, wie der Zaun reagierte. „Die Sensoren auf den Pfosten drehen sich. Sie folgen den Geistern.“       
            „Dann los!“, gebot der Ork und rannte los. Der Rest folgte ihm.         
            Im Lauf erspähte Largo einen herabgefallenen Ast und klaubte ihm auf.        
            Am Zaun angekommen, konzentrierten sich die Sensoren immer noch auf die Geister. Wie lange das wohl gutgehen würde? Sunetra bereitete sich darauf vor mit Hanks Hilfe über den Maschendrahtzaun zu klettern. Neugierig drückte Largo den Stock an das Metall. Nach einigen Sekunden nahm er ein leises Zischen wahr.    
            „Sunetra, warte mal! Hier stimmt was nicht.“  
„Was ist denn?“, wollte Hendrik wissen, der zu ihm herüber eilte.
            Largo zeigte ihm den Stock und beschrieb das Geräusch. Besorgt inspizierte Hendrik den Zaun und die feinen Rillen, die der Draht in der Oberfläche des Astes hinterlassen hatte. „Drek! Das ist ausgefuchst.“  
            Scheinbar wurde das gemeingefährliche Monofilament als Material langsam out. Das Problem war, dass es permanente Schäden verursachte und es nicht im Interesse war, dass spielende Kinder oder Tiere versehentlich filetiert wurden, wenn sie den Zaun berührten. Die Absperrung des Ferienresorts war dafür auf andere Art hinterlistig. Zum einen war sie mit einem Neurotoxin beschichtet, das Eindringlinge lähmte. Und für all diejenigen, die so schlau waren, mit Schutzkleidung anzutanzen, wartete eine leichte Säure darauf sich während des Klettervorgangs durch den Stoff zu ätzen. Bevor die Haut ernsthafte Verletzungen erlitt, hatte das Neurotoxin wiederum seine Arbeit getan und der Eindringling fiel bewusstlos vom Zaun herab. Der Vorteil war, dass man dann noch jemanden zum Verhören hatte.      
            „Was für eine Hipster Kacke.“  
Ohne lange zu fackeln zog Largo seine Panzerweste aus und reichte sie dem Troll. „Hier! Leg die oben auf den Zaun. Damit kommen wir dann rüber ohne dieses … Zeug anzufassen.“
            Zuerst ging Sunetra. Sie war die agilste in der Truppe. Zwar rollte sie sie im hohen Gras auf der anderen Seite ab, aber dennoch war die Landung schmerzhaft gewesen. Mit gequältem Blick und zusammengebissenen Zähnen, rieb sie sich die Hüfte.        
            Nun folgten Alyssa, dann Largo und zuletzt Hendrik. Die Elfe nahm sie auf der anderen Seite in Empfang und bremste mittels Levitation ihren Sturz. Kaum spürte Iron wieder festen Boden unter den Füßen, fiel mit einem dumpfen Klatschen links und rechts des Zauns die Panzerweste in zwei Hälften herunter. Hank nahm den Teil an sich, der auf seiner Seite lag. 
            „Und wie soll ich jetzt rüber kommen? Ich sag’s gleich: die Scheiße pack ich nicht an!“           
            „Mach dir nicht ins Hemd, Kleiner. Die Mädels machen das schon.“    
            Ehe er sich versehen konnte, hoben die Magierinnen den Klotz mit vereinten Kräften hoch. Dem ehemaligen Bundeswehrsoldaten war es nicht geheuer, wie ihn unsichtbare Hände ergriffen langsam mit sich zogen. „Macht ja keinen Scheiß!“
            „Klappe halten!“, zischte Alyssa. Schweißperlen standen auf ihrer Stirn. Von ihnen allen hatte sie der vergangene Tag am meisten mitgenommen. Hoffentlich würde sie nicht gleich alle Viere von sich strecken.          
            Langsam aber sicher, schwebte der Troll über den Zaun und landete wohlbehalten auf der anderen Seite. „Siehste, war doch halb so schlimm.“, feixte die Menschenfrau betont fröhlich.           
            „Halt keine Maulaffen feil, Gaijin! Nichts wie weg von hier!“
           
***

            Samstag, 23:58 Uhr

            Geschafft! Wir hatten es tatsächlich geschafft!          
Nach unserer gelungenen Flucht aus dem Feriengebiet folgte eine Odyssee durch das Westphalener Hinterland. Über Feldwege bewegten wir uns so schnell wir konnten vom Zielgebiet fort. Scheinbar hatten wir uns keine Sekunde zu früh aus dem Staub gemacht. Largo konnte Drohnen ausmachen, die sich den Zaun entlang bewegten, und Sunetra entdeckte im Astralraum Watcher, die es ihren Maschinenkollegen gleich taten. Nur zur Sicherheit erhöhten wir noch einmal unser Tempo. Alyssa war nach einer Stunde so entkräftet, dass sie von Hank huckepack genommen werden musste.    
            Nach etwa fünfzehn Kilometern erreichten wir ein Dorf, von wo aus ein Bus in die nächstgrößere Stadt fuhr. Ab da nutzen wir die Bahn. Mehrmals wechselten wir die Strecke, bevor es auf Heimatkurs ging. Bis wir das Land verlassen hatten, waren misstrauische Blicke der rassistischen Einwohner und ihr bösartiges Getuschel hinter vorgehaltener Hand, unsere ständigen Begleiter. Für uns anzugreifen waren sie aber zu feige. Es kostete Kraft ihnen nicht die Fresse zu polieren. Diese fünf Wanderer jedenfalls wollten ohne weitere Zwischenfälle nach Hause.
            Tief in der Nacht trafen wir wieder dort ein, wo unser Abenteuer begonnen hatte: auf der Yacht des Schmidts. Im Gegensatz zu neulich, herrschte dieses Mal rege Betriebsamkeit. Anzüge wuselten geschäftig über Deck, telefonierten, diskutierten und planten. Wir kamen uns vor, als hätten wir die Wahlkampfzentrale der Bürgermeisterin betreten. Deutlich aufgeräumter als am Mittwoch begrüßte uns der Schmidt. Er lächelte als er meine Hand ergriff und kraftvoll schüttelte. „Sehr gute Arbeit! Meine Quellen berichten, dass der Einsatz ein voller Erfolg war.“   
            In kurzen Worten schilderte ich den Ablauf unserer Mission. Auch davon, dass wir Michael Weißhaupt hatten Leben lassen, um ihn in unseren Plan einzubinden.
            „Hmmm, das erklärt warum er sich in Gewahrsam der westphälischen Geheimpolizei befindet. Er hat sie beide also gesehen?“ Unser Auftraggeber zeigte auf die Elfe und meine Wenigkeit. „Ihre Absichten in Ehren, aber deren Polizei ist nicht zimperlich. Besser er erleidet unerwartet einen Herzinfarkt oder verunglückt tragisch. Wir wollen doch nicht, dass er unangenehme Wahrheiten ausplaudert. Darum werden sich meine Partner kümmern.“          
            Als nächstes kopierte Largo die Video-Aufzeichnungen aus seinen Cyberaugen. „Mithilfe dieser Daten werden wir die mediale Vernichtungskampagne gegen die konservativen Kräfte aufbauen. Sowohl DeMeKo als auch Horizon sind begierig auf die Veröffentlichung. Wir werden den Mistkerlen einen solchen Tritt in die Weichteile verpassen, dass sie Jahre brauchen werden, um sich davon zu erholen.“     
            Grimmig sah er zu einem TividSchirm, auf dem die Ereignisse der vergangenen Woche im Nachrichtenzusammenschnitt liefen. Zerstörung, Gewalt, Tote in allen Variationen. „Hoffentlich kehrt nach morgen Abend hier endlich wieder Ruhe ein.“, warf Alyssa ein.     
            „Ich denke wir haben das schlimmste hinter uns. Die Gewalt ist stark zurück gegangen seit Frau Lyzhichko Söldner engagiert hat. Sie unterstützen die Polizei nach besten Kräften und beschützen die Rettungskräfte. Angesichts solch schwer bewaffneten Truppen, trauen sich nur noch einige wenige lebensmüde Gestalten Terror zu verbreiten. Aber ich mache drei Kreuze, wenn wir ihre Dienste nicht länger brauchen.“         
            Als wir uns verabschiedeten, hielt der Schmidt fünf CredSticks in der Hand. Unsere Bezahlung. „Dank ihrer Hilfe sind die Chancen für ein freies Hamburg deutlich gestiegen. Womöglich sind wir ihnen mehr schuldig, als man es in Geld aufwiegen kann.“
            Alyssa lachte: „Ach, wissen sie, Knete ist ein guter Anfang.“

***

            Sonntag, 21:48 Uhr 

            Entgegen aller Erwartungen blieb der Wahlsonntag tatsächlich ruhig. Dabei hätte ich darauf wetten können, dass zum Finale noch einmal alle Irren auf die Straße rennen, um den jeweils anderen von seiner demokratischen Pflichterfüllung abzuhalten. Söldner hin oder her. Stattdessen herrschte eine geradezu gespenstische Ruhe in den Straßen. Im starken Kontrast zu den Tumulten der letzten Tage, stellten sich die Wähler artig in Reihen auf und gingen gesittet zu den Urnen. Keine Ausschreitungen, kein Streit, nicht einmal ein genervtes Gerangel wurde von den Medien registriert. Es war als hätte sich alle aggressive Energie bereits vollständig entladen. Zurückgeblieben waren entnervte Bürger, die endlich wieder zum Alltag zurückkehren wollten.           
            Selbstverständlich waren auch Alyssa und ich wählen gegangen. Allerdings erst am späten Nachmittag, nachdem wir ausgeschlafen und uns mit einem ausgiebigen Frühstück gestärkt hatten. Auch in unserem Bezirk waberte eine geradezu pastorale Ruhe durch die heiligen Hallen des Wahlbüros. Beschweren wollten wir uns aber nicht. Nach all den Strapazen stand uns der Sinn nach etwas Ruhe und Erholung.       
            Also trafen wir uns abends an Bord der Dead Man’s Hand zur Nachbesprechung. Während im Hintergrund die Nachrichten liefen und die Wiederwahl der Bürgermeisterin feierten, stießen wir mit kühlem Flaschenbier an.          
            „Yay! Wer hätte gedacht, dass wir das lebend überstehen?!“, brummte Largo, woraufhin ihn Sunetra freundschaftlich in die Seite knuffte. „Sei mal nicht so griesgrämig, alter Mann. Bislang sind keine Konzerntruppen einmarschiert. Und es sieht nicht so aus, als würde das in nächster Zeit nachgeholt werden.“     
            „Ist ja nicht so, dass die Chancen für uns gestanden hätten. Wir sollten froh sein, dass wir so glimpflich davongekommen sind. Und wer weiß, ob nicht doch noch jemand eine Spur findet, die zu uns führt.“        
            „Glaub ich nicht.“, konstatierte ich überzeugt. „Die Propaganda Magier der DeMeKo haben es geschafft, dass in der Matrix die Verschwörungstheorien wie Pilze  aus dem Boden schießen. Das wird binnen kürzester Zeit zu einem derart undurchdringlicher Geflecht aus Halbwahrheiten, Mythen und Legenden gewuchert sein, dass man am Ende die Realität nicht mehr erkennen kann.“ 
            Je nach politischer Gesinnung und Grad der geistigen Umnachtung waren es mal kommunistische Gegner des Familienoberhaupts gewesen, dann wiederum Konkurrenten aus dem eigenen Lager, ein Familienstreit über Geld, politische Ziele, ideologische Differenzen über die magischen Fähigkeiten des ältesten Sohnes, Inzest – einige führten die abstrusesten Indizien dafür an, dass die drei Fortpflanzen in ihrer Kindheit missbraucht worden waren – und Himmel! Man war sich sogar nicht zu schade den Klassiker wieder aus der miefigen Mottenkiste ans Tageslicht zu zerren. Natürlich musste die jüdische Weltverschwörung dahinter stecken. Warum nicht gleich auch die Illuminaten und Karl Kombatmage?!
            „Wir sind die Magische Kugel, die JFK erwischt hat.“, kicherte Alyssa leicht beschwipst. Ausnahmsweise, zur Feier des Tages, trank sie mit uns.         
            Ich musste unwillkürlich grinsen. „So schaut’s aus! Außerdem haben wir unsere gewissenhaft unsere Spuren verwischt.“ Um Michael Weißhaupt tat es mir ein wenig leid. Er schien in Ordnung zu sein. Aber wahrscheinlich hatte der Schmidt recht und es war sicherer für uns alle, wenn er von der Bildfläche verschwand.       
            Mein Komlink vibrierte. Es war eine Nummer, die ich seit einiger Zeit nur zu gut kannte: es war das Büro von Vesna Lyzhichko. Ich hob ab. Der Sekretär der Bürgermeisterin war dran. Ohne sich mit einer Begrüßung aufzuhalten kam er direkt zum Zweck seines Anrufs. „Die Bürgermeisterin weiß was sie für uns getan haben. Ich soll ihnen mitteilen, dass wir uns mit Mitsuhama an einen Tisch setzen werden.“      Danach klickte es in der Leitung und der Kerl hatte aufgelegt.       
Das war sie. Die Nachricht, auf die wir so sehr gehofft hatten. Wir hatten den Hamburger Senat auf unserer Seite. Um Yashida Himotos Aufgabe zu erfüllen, brauchten wir noch die Unterstützung des Megakonzerns Evo und meines alten Arbeitgebers ARGUS. Somit lag noch eine Menge Arbeit vor uns. Aber das war uns in diesem Moment egal.       
            Daran denken wir später. Heute Abend wird gefeiert!

***

            Addendum


            Es war früher Abend. Nicht mehr lange und die Sonne würde am Horizont verschwinden. Nicht, dass sie auf das Licht angewiesen waren, aber es war ein langer, frustrierender Tag gewesen. Sie wollten schon die Suche abbrechen, als der Fenriswolf etwas entdeckt hatte. Die Schnauze dicht über dem Boden, den Kopf leicht von einer Seite zur anderen Seite verlagernd und unter hörbarem Schnüffeln, lief er über die Wiese. Auf dem Rücken des Tieres hielt sich Sondra beherzt im Fell fest.    
            Normalerweise war es tödlich, sich einem Fenriswolf derart zu nähern. Aber dieser war der jungen Frau freundlich gesonnen. Sie hatte ihn drei Jahre zuvor in der Wildnis gefunden. Ein kleiner, einsamer und verlassener Welpe. Ängstlich hatte er nach seiner Mutter gerufen. Ob sie gestorben war, wusste Sondra nicht, aber zurücklassen hatte sie ihn nicht können. Binnen weniger Monate war ihr der Racker über den Kopf gewachsen. Mehr als eineinhalb Meter Schulterhöhe maß er schließlich. So hoch und kräftig, dass sie auf dem Tier reiten konnte. Zugegeben, sie war ziemlich klein und zierlich, aber sie war kein Zwerg. Ein Umstand, den sie gerne hervorhob, wenn mal wieder ihre Größe zur Sprache kam. Wenngleich nicht wegzudiskutieren war, dass sie kaum mehr als eine halbe Portion war.           
            Zusammen boten die beiden einen unvergleichlichen Anblick. Eine Hackerin, die auf einem zahmen Fenriswolf durch die Straßen ritt. Mit ihren feuerfackelroten, glatten, im Sidecutstil geschnittenen Haaren und den in allen Regenbogenfarben schimmernden Klamotten, konnte man sie glatt für eine Fee aus einer Steampunk Version von Grimms Märchen halten. So idyllisch die beiden zusammen wirkten, so tödlich konnte der magieresistente Wolf werden. Wagte es jemand an seiner Herrin Hand anzulegen, verwandelte sich das Tier in eine reißende Bestie.
            Schnüffelnd blieb er am Zaun stehen. 
Sondra sprang mit einem Satz von seinem Rücken. „Na, Isegrim, was hast du gefunden? - Ein Stock?!“          
            Die Zunge aus dem Maul hängend, hechelte ihr Begleiter sie erwartungsvoll an. Er genoss die Streicheleinheiten, mit denen sie ihn belohnte. Ruppig fuhr sie ihm durch das Fell, kratzte ihn am Hals und auf dem Kopf, hinter den Ohren. Überall dort, wo er es liebte. Dafür beugte er sich zu ihr herab und stieß ein zufriedenes Jauchzen aus. Als Sondra der Meinung war, dass es reichte, begutachtete sie den Stock, der vor ihr in der Wiese lag. ‚Verätzungen….interessant.‘           
            „Hey, Jochen! Komm mal rüber!“, rief sie ihrem Kameraden über die Schulter zu. Mit leisem Surren des Elektromotors kam das Quad neben ihr zum stehen. Ein hochgewachsener Mann mit Glatze stieg ab. Die rechte Gesichtshälfte war vernarbt, das Auge war durch ein künstliches ersetzt worden, ebenso wie die rechte Hand. Sondra war damals zu spät gekommen, als ihn der Feuerelementar angegriffen und beinahe umgebracht hatte, aber sie war es gewesen, die ihm mit der medizinischen Erstversorgung das Leben gerettet hatte.       
            Er lächelte sie warmherzig an, strich mit der unverletzten Hand über die rasierte Seite ihres Schädels, spielte mit dem Daumen kurz an der Datenbuchse, die sie sich hatte implantieren lassen. Sondra lächelte zurück und hielt ihm den Stock hin. „Wenn mich nicht alles täuscht hat jemand am Zaun herumgefingert.“
            Jochen schloss kurz die Augen.          
Sie wusste, dass er sich nun im Astralraum umschaute. Dann sah er sie wieder an und grinste wölfisch.         
            „Wusste ich doch, dass die Gottlosen früher oder später einen Fehler machen würden.“

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