Dienstag, 21. Oktober 2014

Die Nacht der langen Messer


Kapitel 1 - Die Oper ist erst zu Ende, wenn die fette Frau gesungen hat

                    Manchmal werden Worte umgehend Lügen gestraft.
'Ich wusst's! Ich wusst's! Ich wusst's!'
           
Zornig waberte die Erkenntnis durch das Zwergenhirn. Die Fäuste in den Taschen geballt, stapfte Largo den anderen Wild Cards hinterher ins Innere des Hel's Kitchen. Barrys Bar. Alyssas Kontaktmann zur Unterwelt der Hansestadt.   
            Wie viel lieber würde er noch immer an Bord der Dead Man's Hand den Abschluss der Mission und die Wiederwahl von Vesna Lyzhichko feiern, ein wohlverdientes, kühles Bier genießen.
            Schon vor Stunden hatte ihm sein Bauch geflüstert, dass der Mord an Karl Weißhaupt nicht das Ende der Geschichte sein konnte. Zu viel hatte er in seiner Karriere als Shadowrunner erlebt, um sich der Illusion hingeben zu können, so leicht aus der Sache herauszukommen. Ausgerechnet Sunetra, die er als erfahrene Kollegin und Freundin schätzte, hatte sich wie ein Anfänger mit der Sicherheit eines Blinden in einem Minenfeld über den Sieg gefreut. Sie hatte geglaubt, dass sich die gegnerischen Parteien aus Frankfurt nun kuschen würden.   
            'Zu früh gefreut, Spitzohr.'      
Keine zwei Minuten nach dem Anruf aus dem Büro der Bürgermeisterin klingelte Hendriks Telefon ein weiteres Mal. Sein Gesicht verwandelte sich in einen Korb gemischten sauren Obsts, als Yashida Himotos Antlitz im Videofenster erschien. Der Ork machte keinen Hehl daraus, dass er Sunetras Ex-Verlobten äußerst skeptisch gegenüber stand. Doch wenn er helfen wollte der Elfe den Kopf aus der Schlinge zu ziehen, die ihr ihr ehemaliger Arbeitgeber MCT[1] um den Hals gelegt hatte, musste er wohl oder übel mit ihm zusammen arbeiten. Also schluckte er runter, was ihm als Erstes in den Sinn kam und gab sich betont freundlich. Irgendwie gelang es ihm auf diese Weise seine Antipathie besonders gut zum Ausdruck zu bringen.     
            "Konbanwa, Himoto-San."       
Der Japaner lächelte typisch asiatisch freudlos. Genauso gut hätte er 'Leck mich am Arsch, blöder Penner!' sagen können. Stattdessen kamen folgende Worte aus seinem Mund: "Summerset. Sehr gute Arbeit, die sie und ihre Truppe in Westphalen geleistet haben. Ich bin erfreut über das neu geschmiedete Bündnis mit dem Hamburger Senat. Damit ist MCT seinem Ziel einen großen Schritt näher gekommen."

            Sein Gesicht verfinsterte sich.
"Allerdings hat der Sieg der Bürgermeisterin zur Folge, dass auch andere Beteiligte im Großen Spiel ihr Interesse angemeldet haben."
            'Großes Spiel.' Largo hasste die Euphemismen, mit denen Politiker und Konzernexecs nur zu gerne um sich warfen. Natürlich meinte der Japaner ausgewachsene Machtkämpfe, bei denen es zu umfassenden Kollateralschäden unter unschuldigen Zivilisten kommen würde. Über den Grad der Unschuld konnte man sich ja gerne streiten, aber es ist Fakt, dass die Großen reihenweise die Kleinen zertrampelten, wenn es darum ging Macht zu erlangen oder zu erhalten. In diesem Fall waren die Großen die Kaisertreuen gegen die Allianz des Shogunats. Und je nachdem wer die Oberhand gewann, würde Nippon in Zukunft von Militärs und Konzernen oder von einem vernünftigen Souverän in Gestalt des Kaisers beherrscht werden. Ein Mann, der sich deutlich mehr für das Wohlergehen seines Volkes denn für Absatzmärkte und Gewinnmaximierung interessierte.      
            „Vertreter einiger Interessengruppen haben mich telefonisch kontaktiert. Ich möchte, dass sie sich mit einem von ihnen treffen. Es handelt sich im Übrigen um einen alten Freund von ihnen.“ Yashida grinste noch einmal sein messerscharfes Zahnpastawerbung-jetzt-extra-weiße-Kauleisten-Lächeln zum Abschied und trennte die Leitung. Unmittelbar darauf kam eine Textnachricht herein mit Treffpunkt und Zeitangabe. 
            ‚Hel’s Kitchen in einer Stunde. Kommen sie vorbereitet!‘
Unweit der Hafenkante marschierten die Shadowrunner um kurz nach zehn Uhr abends über die Schwelle der Spelunke. Jeder trug seinen bevorzugten Schießprügel bei sich und kugelsichere Kleidung. Den Toyota hatten sie mit weiterem Equipment beladen.
            Eiligen Schrittes zerteilten sie mit ihren Körpern die schwitzige, rauchgeschwängerte Luft. Fenster öffnende Abtreibungsgedanken plagten den Zwerg, als sie sich durch den stickigen Dunst, angefüllt mit paffenden und in den verschiedensten Gerüchen miefenden Menschen, Orks und Zwergen, schoben. Der ausklingende Wahlabend wurde hier, wie vielerorts, gefeiert und diskutiert. Auf den Trividschirmen liefen die aktuellsten Hochrechnungen. Seit acht Uhr stiegen Lyzhichkos Werte stetig an, während die konservativen Kräfte auf knapp über dreißig Prozent zurückfielen. Wie so oft in der Geschichte konnten sich besonders die Ultra-Rechten nicht auf eine Partei einigen und waren von ihren eigenen Wählern zu Fußnoten degradiert worden.   
            Der Barkeeper mit dem buschigen, grüngefärbten Backenbart und dem kurzgeschorenen Irokesen nahm sie an der Theke in Empfang. 
            „Hey Alyssa! Geht durch die Tür hinter mir die Treppe hoch in den ersten Stock! Vor einem Raum stehen zwei ‚unauffällige‘ Typen. Ihr werdet da schon erwartet.“          
            Bestätigend nickte ihm die Magierin zu und folgte der Wegbeschreibung. Oben angekommen sahen die Wild Cards die ‚unauffälligen‘ Männer. Breitschultrige, vercyberte, in tiefstes Schwarz gekleidete Muskelpakete, deren Sturmgewehre unter den Mänteln verdächtige, tödliche Konsequenzen versprechende Ausbeulungen hinterließen. Grimmig musterten sie die Neuankömmlinge, gewährten dann aber wortlos Eintritt.        
            Drinnen fanden sie sich in einem kleinen Raum wieder, in dem sonst geheime Pokerrunden mit ungewissen Einsätzen abgehalten wurden. Ungewissen, aber garantiert illegal hohen Einsätzen. So viel war sicher. Die Fenster waren mit Postern von Musikbands und Konzertflyern abgeklebt worden und ließen Licht nur in homöopathischen Dosen herein. Draußen mühte sich eine Straßenlaterne vergebens ab gegen den mageren Erfolg der Tagessonne anzustinken.   
            Am leergeräumten, runden Tisch saß der erwähnte Bekannte, flankiert von zwei weiteren Waffenschränken: Hendriks ehemaliger Kollege Frank Zehntner von ARGUS, dem Geheimdienst des Konzerns MET2000, der teilweise Aufgaben der Bundeswehr übernommen hatte. Missmutig ließ er drei Jetons zwischen Finger und Knöchel hin und her wandern. Als die bunte Truppe den Raum enterte, sah der Mittdreißiger auf und lächelte seinen alten Freund unsicher an. Es war offensichtlich, dass auch er lieber woanders wäre.
            „Hallo Hendrik, schön dich zu sehen.“ 
Der Ork stutze, lachte anschließend, fügte aber düster hinzu: „Moin, moin, Frank. Wer sind denn die gedungenen Abdeckergehilfen hinter dir?“
            Frank seufzte matt. „Ich hab gehört, dass du und deine kleine Gruppe eine Pan-japanisch-europäische-Kooperation angezettelt habt?“           
            Hendrik, der erwartet hatte herzlicher begrüßt zu werden, hielt inne und antwortete verdutzt: „Ja, alles nur zum Wohle Hamburgs. Ich dachte unser Ziel wäre dir nach unserem letzten Telefonat klar gewesen.“         
            Trotz der irritierten Antwort des Orks, blieb Franks Gesichtsausdruck hart und geschäftsmäßig: „ARGUS macht sich Sorgen bezüglich seiner Interessen in der Hansestadt.“ Er faltete die Hände und sah dezent traurig drein. Hendrik fing sich wieder und nahm vor ihm Platz, während die anderen stehen blieben und Al Capones schwere Jungs im Auge behielten.       
            „Da dein Name fiel, hab ich den Auftrag übernommen.“
Hendrik musterte ihn eine Zeit lang: „Was will ARGUS von uns? Und warum traust du dich nur mit Schulhofschlägern zu einem Treffen mit Freunden?“  
            Frank kaute auf den Innenseiten seiner Backen herum und wägte seine Antwortmöglichkeiten ab. „Hendrik… die Alternative hierzu...“, der Agent vollführte eine raumeinnehmende Geste, „…war, die Kameraden von der Leine zu lassen, wie es meine Vorgesetzten zuerst vor hatten. Im Gegensatz zu mir, hätten die euch einfach einkassiert und in einem schalldichten Bunker verhört.“  
            Der Ork nickte nach kurzem Überlegen, als würde er sich an etwas aus seiner Zeit beim Geheimdienst erinnern. „Worum geht es, Frank?"       
            "Nun ja...", begann er zögerlich, "ich konnte sie überzeugen, dass es einfacher sein würde an Infos zu kommen, wenn ihr noch lebt." Beim Spielen mit den Jetons fiel ihm einer der Pokerchips klackend auf den Tisch. "Also was genau läuft da zwischen MCT und der Bürgermeisterin?"       
            Hendrik wägte nun seinerseits ab, was er sagen konnte, ohne ihre Situation zu verschlimmern. "Zum einen Freiheit und Sicherheit für Hamburg. Dafür garantiert sie dem Kaiser und seinen Verbündeten ihre Unterstützung."
            "Die Allianz ist also echt.", stellte der Mensch fest. Seine Bewacher rührten sich keinen Millimeter. "Dann haben wir ein Problem. ARGUS hat im Vorfeld auf die Kräfte aus Frankfurt gesetzt und bereits Verhandlungen aufgenommen."  
            "Sondieren, wer die besten Karten hat und erst dann Stellung beziehen. ARGUS... so pragmatisch wie eh und jeh.", ätzte Iron bitter. "Und ihr hättet auch richtig gelegen, wenn wir nicht gewesen wären. Dieses Mal habt ihr euch gewaltig verkalkuliert."
            Frank zog den Mund schief und nickte verdrossen.    
"Wir überlegen angesichts der veränderten Lage die Seiten zu wechseln. An dieser Stelle kommen die Wild Cards ins Spiel."        
            Der Ork verschränkte die Arme vor der Brust. 
"Wieso das? Es scheint, als hätte ARGUS seine Wahl bereits getroffen. Sich jetzt um zu entscheiden ist gefährlich. Warum der Sinneswandel?"          
            "Frankfurt hat meiner Meinung nach nicht unser Bestes im Sinn. Da bin ich übrigens nicht der Einzige. Allerdings muss ich meine Chefs erst noch davon überzeugen."  
            "Die Äppelwoi-Meschpoke ist nur an ihrem eigenen Vorteil interessiert. Eure Zukunftspläne sind denen doch egal.", stellte Hendrik fest. Erneut nickte sein Freund auf der anderen Seite des Tischs.
            "Darum komme ich zu euch. Während der letzten Wochen wurden massiv Menschen in Hamburg eingeschleust. Diese wiederum Warten auf Ausrüstung, die über Scheinfirmen von New York aus eingeschifft wird. Ich hab Dokumente, die diese These stützen. Vermutlich handelt es sich um Lone Star Truppen; von Frankfurt angeworben. Im Klartext bedeutet das, dass ich davon überzeugt bin, dass man versuchen wird Tatsachen zu schaffen."      
            Einen Moment lang ließ der Geheimagent die Vorstellung im Raum stehen, damit jeder Gelegenheit hatte seiner Phantasie freien Lauf zu lassen. Hamburg, beherrscht von fremden Mächten. 'Das bedeutet, dass eine Menge Blut vergossen sein wird, bis sie ihr Ziel erreicht haben.' Largo mochte nicht daran denken wie hoch die Metzgerrechnung sein würde, bis Frankfurt auch den letzten Widerstand in der Stadt gebrochen hätte.
            "Beweist, dass unsere Verbündeten falsch spielen und nie vor hatten sich an das Wahlergebnis zu halten. Dann werden wir uns ebenfalls MCT anschließen. Stellt dazu eines der beteiligten Schiffe, ihr Manifest oder ihre Ladung sicher, damit ich ARGUS überzeugen kann seine Position zu überdenken!"        
            Das Szenario, das Frank beschwor, war besorgniserregend. Wenn man genügend gut ausgerüstete Söldner einschmuggeln konnte, wäre es ein Leichtes Schlüsselpositionen in der Stadt zu übernehmen. Ganz egal, ob derzeit Söldner die Polizei auf den Straßen unterstützten. Vor allem, wenn niemand damit rechnete. Und im Moment feierten alle den Sieg der amtierenden Bürgermeisterin.
            Largos Nackenhaare stellten sich auf. 
'Der ideale Zeitpunkt, um zuzuschlagen.'        
           
"Ich hab deinetwegen zuerst mit Yashida Himoto Kontakt aufgenommen."     
            "Weise Entscheidung mein Freund. Immerhin hat Lyzhichko ebenfalls Söldner engagiert, um die öffentliche Ordnung wieder herzustellen. Sobald der Coup startet, werden wir hüfthoch im Blut stehen. Insbesondere dem Blut von Zivilisten. Aber das muss ich dir ja nicht erklären."  
            Der Geheimdienstagent traute sich nicht seinem alten Freund in die Augen zu sehen und klopfte auf einen Chip auf dem Tisch. 
            "Ich gehe richtig in der Annahme, dass die Tumulte der letzten Tage auch auf das Konto der Frankfurter gehen?"
            Demütig nickte sein Gegenüber. Es schämte sich für seinen Arbeitgeber. So viel konnte Largo aus seiner Körpersprache lesen.
            "Wenn sich alles so entwickelt, wie vermutet, ist ein offener Konflikt mit dem Bankenverein eh nicht zu vermeiden."
            "Wer wird unser Hauptgegner sein, Frank?"    
Nun sah er Iron wieder an. Er konnte zwischen den Zeilen lesen: die Wild Cards würden am 'Großen Spiel' teilnehmen.      
            "Genau wissen wir es selber nicht, aber wenn ich Wetten abschließen müsste, würde ich sagen, dass Saeder-Security die Strippen zieht."        
            'Lofwyr... wer sonst?!'  
Der denkbar gefährlichste Opponent, den man sich auf dem Planeten Dreckserde vorstellen konnte. Largo stöhnte innerlich.
            Frank überreichte dem Ork einen Datenspeicher mit den Dokumenten, die er sicherstellen konnte. Anschließend vereinbarten sie zwei bis drei Tage für die anstehenden Arbeiten. Viel zu positiv geschätzt, wie der Zwerg vermutete. Alleine die erste Auswertung der Daten konnte einen Tag in Anspruch nehmen. Frank drängte dennoch darauf so schnell wie möglich Ergebnisse zu erzielen.          
            "Die Zeit spielt gegen uns."    
"Nun gut.", antwortete Hendrik unglücklich, "Ich schau, was wir machen können."    
            Energisch stapfte der Meta aus dem Raum, die Muskeln und die ausgestreckte Hand ihres Herren nicht weiter beachtend. "Ich melde mich morgen wieder bei dir, Söldner!"      
            Frank zuckte beim dem Stich unmerklich zusammen und sah seinem Freund traurig hinterher.

***

                    Während der nächsten Stunden versuchten wir alle Kollegen, Freunde und sonstigen Kontakte dingfest zu machen, die hilfreich sein konnten. Mitten in der Nacht war das leichter gesagt als getan.        
            Hank telefonierte mit einem Bekannten bei der Küstenwache. Leider konnte er ihm nicht weiterhelfen, da die Wache nicht für Zollangelegenheiten zuständig war. Yashida musste seinerseits Sunetra einen Korb geben. Da er als Gast der Bürgermeisterin in Hamburg verweilte, konnte er keinen offiziellen Kontakt zu ARGUS aufnehmen. Jedenfalls noch nicht. Der Clan aus Hessen-Nassau wäre misstrauisch geworden und hätte womöglich vorzeitig zugeschlagen. Zudem war sein Problem, dass der japanische Geheimdienst traditionell eine eher pro-Shogunat-Haltung inne hatte. Infos über die fernöstlichen Spione zu beschaffen war also nahezu unmöglich und riskant obendrein. Zumal Sunetra in ihrer alten Heimat nach wie vor gesucht wurde.
            Aus den Tagen von Cone Entrusconio kannte ich Hauptkommissar Marten. Der ehemalige Gangster und der Gesetzeshüter hatten eine ungewöhnliche Freundschaft gepflegt. Schon alleine um das Andenken meines streitbaren Cousins zu wahren, sah ich es als meine Pflicht an ihn vorzuwarnen. Wer weiß, vielleicht stellt sich diese Entscheidung langfristig als gewinnbringend heraus .
           
Wie zu erwarten gab sich der alte Griesgram Marten widerborstig. als ich ihn anrief. Doch bereits nach kurzer Bearbeitungszeit lenkte er ein. "Na OK, sonst nervst du noch bis zu meiner Pensionierung. Kannst mich am Imbiss in der Querstraße zum Revier treffen. Halt Kaffee bereit!", raunte der Hamburger Bulle leise in den Hörer.           
            Gegen zwei Uhr in der Nacht standen wir unter dem Vordach des ranzigen Verkaufstands. In dicken Tropfen pladderde der Regen darauf und ergoss sich in breiten Wasserfällen über den Rand des blechernen Dachs. Übelgelaunt nahm der dickbäuchige Hauptkommissar einen wabbeligen Pappbecher mit künstlichem Kaffee von der speckigen Pressspan-Theke, von der das Furnier großflächig abgeplatzt war. Er hatte tiefe Ränder unter den Augen. Auch an ihm hatten die letzten Tage ihre Spuren hinterlassen.
            "Du hast fünf Minuten mich zu überzeugen, warum ich dir auch nur einen Handschlag helfen soll."     
            Ich sah ihn einen Moment skeptisch an.         
"Schmeichel dir nicht zu sehr, Marten. Dass hier ist mehr ein Höflichkeitsbesuch. Ich will, dass du dir selber hilfst. Halt die Augen auf und den Rücken frei!"      
            Irritiert zog er eine Augenbraue hoch und nippte am Kaffeeersatz. "Leg los! Was hast du so Wichtiges erfahren, dass du mich des Nächtens auf die Straße lockst?"     
            Entgegen seiner lautstark geäußerten Einwände, hatte Largo bereits nach wenigen Stunden Recherche herausgefunden, wie Saeder-Security das Unternehmen organisierte. Frank hatte das Material vorsortiert übergeben, was die Suche deutlich erleichterte.
            Seit sechs Wochen liefen im Hafen Schiffe ein, deren Container teilweise höher beladen waren, als gelistet. Da es nie das selbe Schiff, geschweige denn die selbe Firma war, fiel dem Zoll die Regelmäßigkeit des Ereignisses nicht weiter auf. Zudem war der Inhalt als Gefahrgut, manchmal auch als biologischer Gefahrstoff deklariert worden.          
            Auf diese Weise sorgte man dafür, dass beim Löschen der Ladung die Container nicht von jedem Hanswurst geöffnet wurden, sondern nur von einem bestimmten Team, das auf den Umgang mit einer solchen Fracht spezialisiert war. Es handelte sich also um eine überschaubare Gruppe von Zollbediensteten. Man musste nur noch einige von ihnen schmieren, damit fortan die zunächst verdächtige Fracht, also Lone Star Truppen, durch gewunken wurde. Und wenn man die Ankunft der Schiffe mit dem Dienstplan der gekauften Beamten abstimmte, minimierte man Kosten und Risiko.      
            Tatsächlich liefen die betreffenden Schiffe immer an den gleichen Tagen zu denselben Uhrzeiten ein. Leider fehlten ihnen die Einsatzpläne des Zollpersonals, aber so kamen sie der ‚San Annabelle‘ auf die Spur, einem Südamerikanischen Frachter, der zuvor in New York Halt gemacht hatte. Falls Frank Recht hatte – und danach sah es in dieser Nacht aus – würde die San Annabelle gegen sechs Uhr morgens mit Ausrüstung für die Putschisten eintreffen. Und dann geht es um die Wurst. 
           
Ich schwenkte den Becher Soycaf sanft in meiner Hand. die ölig schwarze Schlacke zog an den Wänden Schlieren und zerstörte vollends die Illusion auch nur zu einem Jota Kaffee irgendwie ähnlich zu sein.       
            „Wie dir sicherlich bekannt ist, gibt es Kräfte in den ADL, die Hamburg seine Sonderposition missgönnen und gerne etwas gegen die NEEC feindliche Politik der Bürgermeisterin tun würden.“ 
            „Jungchen, für die Erkenntnis muss man kein Professor der Politikwissenschaften sein. Sag gefälligst, was du zu sagen hast und vergeude meine Zeit nicht mit deiner langweiligen Sozialkundestunde!“, schnarrte die Stimme des Gesetzeshüters unwirsch.
            „Immer locker durch die Hose atmen, Marten! Ich will nur sicher gehen, dass dir klar ist, worüber wir uns unterhalten.“
            Der Alte fischte ein zerbeultes Päckchen Zigaretten aus der Jacke und zündete sich einen windschiefen Sargnagel an. Einen langen, tiefen Lungenzug später, deutete er mit seiner Hand, ohne mich anzusehen, fortzufahren.   
            „Fein. Die Kurzfassung:          
Die konservativen Kräfte sind wegen dem Wahlergebnis angepisst. Sie haben alles gegeben, damit ihr Kandidat das Rennen macht und wollen sich jetzt nicht mit der Niederlage abfinden. Notfalls wollen sie Hamburg mit Waffengewalt auf Kurs zwingen.“      
            Nun sah er überrascht auf.     
„Uns wurden aus verlässlicher Quelle Informationen zugespielt, aus denen hervor geht, dass schon seit Wochen Lone Star Truppen nach Hamburg geschmuggelt werden und binnen der nächsten Tage eine Meuterei anzetteln und den Käpt’n austauschen wollen. Ihnen fehlt nur noch das Equipment, das heute Morgen im Hafen ankommen soll.“
            „Wer hat…“, begann er, aber ich fiel ihm ins Wort, bevor er die Frage beenden konnte.           
            „Tut mir leid, aber ich kann dir weder meine Quelle nennen, noch die Dokumente übergeben, die wir bekommen haben.“
Verärgert klopfte er mit einem Zeigefinger auf meine Brust. Sein Kaffee drohte durch die hastige Bewegung überzuschwappen. „Spuck‘s aus, Sportsfreund! Oder muss ich dich im Peterwagen zur Wache schleifen und im Verhörraum weichkochen?“   
            Ich bedachte ihn mit meinem glaubwürdigsten Ausdruck des Bedauerns: „Du würdest den Versuch mich einzusacken nicht überleben, alter Mann. Und selbst wenn du es schaffst, sind ich und die anderen Fischfutter, wenn ich petze. Sieh es ein, Marten: ich kann dir nichts sagen. Gerade dir sollte doch klar sein wie wichtig Anonymität in dem Geschäft ist. Außerdem würde alles bereits zu spät sein, bis du mich soweit hättest.“        
            Einen wütenden Fluch nuschelnd schnippte der Bulle den Zigarettenstummel achtlos in eine Pfütze. „Was erwartest du denn, das ich jetzt machen soll? He?!“           
            Ich hielt ihm einen Zettel vor die Nase, den er an sich nahm, entfaltete und studierte. „Wenn ich mich recht entsinne sind das Adressen in der Nähe von Konzernzentralen, Nachrichtensendern, Behörden, öffentlichen Plätzen und… Was ist da, Hendrik?“      
            Oh, du erinnerst dich doch noch an meinen Namen, du alter Stinkstiefel., dachte ich amüsiert.        
            „Wenn Largo die Daten korrekt interpretiert, wurden die feindlichen Einheiten in Lagerhäusern untergebracht, die an strategisch günstigen Punkten in Hamburg stehen. Sobald die Operation startet, werden die einen Verwirrung stiften, während die anderen gezielt unsere Infrastruktur übernehmen werden. Und daran werden Sie und ihre Kollegen - ich glaube es dürften derzeit etwas um die 23.000 Männer und Frauen sein - nichts ändern können.“
            Marten ließ das Gehörte wie seine Mundwinkel sacken und wurde aschfahl. „Wir sind nicht für einen Krieg ausgerüstet. Meine… … wir… wir hätten keine Chance gegen eine echte Armee.“           
            „Falls nicht bereits ein Teil des Führungspersonals auf deren Seite steht.“     
            „Komm mit nicht so, Grünschnabel!“, herrschte er mich an. Unbeeindruckt zuckte ich mit den Achseln. „Denk mal drüber nach, wie du an deren Stelle vorgehen würdest! Ich jedenfalls würde dafür sorgen, Alliierte vor Ort zu haben, die mir helfen würden die Übergabe der Regierungsgewalt so leicht wie möglich zu machen. Schließlich will man ja auch nach dem Putsch die Stadt fest im Griff halten. Ohne die Polizei geht es nicht, wenn man nicht dauerhaft auf Söldner zurückgreifen will.“    
            „Aber beweisen kannst du deine Verschwörungstheorie nicht.“
            „Das stimmt. Ich kann das nicht. Aber du!      
Sammel ein paar Kollegen und schau dir die Lagerhäuser genauer an! Wenn ich Unrecht habe, spendier ich die Getränke auf eurer nächsten Weihnachtsfeier und mach mich obendrein als Nikolaus verkleidet zum Affen. Aber falls nicht… triff Vorbereitungen die illegal Eingereisten wieder legal ausreisen zu lassen!“      
            Nach kurzem Zögern nickte er.
„Und was machen die Wild Cards?“     
            „Wir verfolgen die Spur zur Waffenlieferung. Nach Möglichkeit werden wir sie aus dem Verkehr ziehen. Ohne ihre Argumentationsverstärker, Drohnen und Fahrzeuge ist Lone Star machtlos.“
            „OK, Hendrik…“, er wandte sich zum Gehen und winkte mit dem Zettel. Ein paar Regentropften klatschten dagegen und tränkten das Papier ohne die Schrift zu zerfasern. „Ich muss wieder los. Wenn ich was rausfinde, melde ich mich wieder bei dir. Und du…“
            „Keine Sorge. Wenn wir die Waffen sicherstellen können, funk ich dich an.“  
            Als der Hauptkommissar schon einige Schritte weit gekommen war, rief ich ihm hinterher: „Und trau niemandem!“
            Halb zu mir umgedreht konnte ich im Licht der Laterne die in Sorgenfalten gelegte Stirn sehen. Seine Stimme klang nun heiser und sehr alt.   
            „Ich versuche gerade einem Mann zu trauen.“



[1] Mitsuhama Computer Technologies

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen