Samstag, 8. November 2014

Die Nacht der langen Messer

Kapitel 3 – Iden des März

                    So zu tun, als wäre man nicht auf der Flucht, obwohl man gerade auf schnellstem Wege das Weite sucht, ist nicht mal im Ansatz so einfach, wie es in billigen Trivid Filmen immer wieder kolportiert wird. Ganz besonders, wenn einem dabei Überwachungsdrohnen wie Scheiße am Hacken kleben.
            Wir verluden gerade eine der Metallboxen aus dem Anhänger des Lastwagens in das Wild Card Mobil, als sie Largo auffielen.    
            Zwei Objekte von der Größe einer Schokoladentafel schwebten in etwa dreißig Metern Höhe über dem LKW. Ohne Cyberaugen war für uns andere schwer zu erkennen, dass da überhaupt etwas war.
            Der Zwerg hielt inne und musterte sie einen Moment lang. „Militärische Bauweise. Sind verdammt gut ausgestattet. Die haben bestimmt meine Fly-Spy entdeckt, die dem Truck folgen sollte.“
            „Deshalb haben die Penner also gewusst, dass wir kommen!“, fluchte Alyssa und warf die Heckklappe des Toyota mit mehr Kraftaufwand als nötig zu. 
            „Auf geht’s! Wir sollten die Dinger so schnell wie möglich los werden.“ Hank, Largo und die menschliche Magierin stiegen in den Wagen ein, während ich wieder hinter Sunetra auf der Mirage Platz nahm. Knatternd startete die Maschine. Ihre Stimme ging in ein leierndes Nölen über, als sie mit durchdrehenden Reifen davon brauste, unserm zweiten Fahrzeug hinterher. 

            „Die Drohnen folgen uns.“      

Es war eine Feststellung, die Largo über Kom durchgab, nicht mehr und nicht weniger. Damit bestätigte er lediglich, was wir anderen bereits erwartet hatten. „Müssen per Autopilot fliegen. Den Rigger haben wir nämlich vorhin erledigt. Saß am Steuer.“          
            „Willst du mich damit aufheitern, Zwerg?!“, ertönte Alyssa quäkend. 
            Unerwartet mischte sich der Troll in die Unterhaltung ein. „Sei froh, dass niemand aktiv steuert. Das erhöht unsere Chancen zu entkommen. Und jetzt mach zur Abwechslung mal was Vernünftiges und halts Maul!“ Einen Augenblick lang herrschte Totenstille in der Leitung, bis Hank ein geschnoddertes „Bitte!“ hinterherschob. Wie durch ein Wunder blieb die Magierin mucksmäuschenstill.
            Ich musste unwillkürlich lachen und wagte einen kurzen Blick zurück. Mit hohem Tempo ließen wir die Unfallstelle hinter uns. Das schmauchende Wrack schrumpfte in der Ferne zusammen, dann fuhren wir in eine langgezogene Kurve und es war nicht mehr zu sehen. Mir fiel der Golf wieder ein, der von dem Geschützturm in Stücke gerissen worden war. Hoffentlich gab es nicht zu viele Tote und Verletzte. Kaltblütig hatten diese Schweine unschuldige Zivilisten massakriert, statt unsere Mirage einfach abzudrängen. Wut brandete wieder in meinem Bauch an.           
            Sie hatten bekommen, was sie verdienen.      
Während der nächsten Minuten passten wir unsere Geschwindigkeit an, um nicht mit der nächsten Streife aneinander zu geraten. Es ging durch mehrere Querstraßen und schließlich hinein in Hamburgs Untertage gelegenes Schnellstraßennetz. Beim Passieren des Tunneleingangs checkten die Computersysteme unsere SINs und die zugehörigen Fahrzeuglizenzen.
            Bevor wir zu unserer Mission aufgebrochen waren, hatten wir uns angemessen vorbereitet. Jeder trug entweder Helm oder Maske, sodass eine Gesichtserkennung verhindert wurde. Obendrein verfügte der Toyota über ein Anonymisierungssystem, das dessen strafrechtliche Verfolgung nahezu unmöglich machte. Es funktionierte. Niemand hielt uns auf.           
            Die Drohnen allerdings auch nicht.     
In den Tunnels füllten sich die Straßen zusehends unter dem stärker einsetzenden montagmorgendlichen Berufsverkehr. Knapp unter der Decke schwirrten immer wieder Frachtdrohnen und solche, die medizinische Notfälle zu Krankenhäusern transportierten. Largo nahm jede Gelegenheit wahr zu überholen. Sunetra musste sich auf der leichteren Maschine hinter ihm deutlich anstrengen, um mithalten zu können. Gegen die Fähigkeiten des Riggers konnte sie eben nicht anstinken. „Ich fahre jetzt Richtung Sardinenstadt. Mit etwas Glück halten die Scanner im Bonzenviertel Lone Stars Schoßhündchen auf.“, gab Largo durch, klang jedoch wenig zuversichtlich.    
            Irgendwie schafften wir es schon vorher eine der beiden Drohnen im Straßengedränge loszuwerden. Als sich der Weg gabelte, zogen wir im letzten Moment auf die benachbarte Spur in eine andere Richtung und verschwanden im Tunnel. Nummer Zwei allerdings war hartnäckiger.            
            Egal, was wir unternahmen, sie verlor uns nicht aus den Sensoren und klebte förmlich an uns. Mehrfach wechselten wir die Fahrbahn, nahmen unerwartet Abzweigungen, versteckten uns hinter größeren Fahrzeugen, zogen bewusst unter weiteren zivilen Drohnen durch und überholten in Situationen, die für meinen Geschmack einen Tick zu riskant gewesen waren. Immer wieder ertönte hinter uns zorniges Hupen. Doch stets blieb das Flugobjekt an uns dran, holte sogar mit jeder Minute weiter auf.           
            Schließlich hatte Lightning die Faxen dicke und stellte die Herkunft ihres Straßennamens unter Beweis. Ein Seitenfenster wurde heruntergelassen und eine zierliche Hand kam zum Vorschein. Ich wappnete mich innerlich für das Kommende und hielt mich noch ein wenig mehr an der Elfe vor mir fest. Vom Zeigefinger sprang ein grellblauer Ast, der sich unter lautem Knallen mit unserem Verfolger verband. Es dauerte nur Millisekunden und ich hatte damit gerechnet, dennoch zuckte ich kurz zusammen. Glücklicherweise waren unsere Komlinks für den Feldeinsatz mit Brillen ausgerüstet, die über eine Blitzkompensation verfügen. Sonst wären Sunetra und ich wahrscheinlich für einen Moment erblindet.     
            Der Drohne tat der Tanz mit dem Voltmillionär allerdings nicht gut. Brutal auf die Füße getreten, machte sie einen Satz nach oben. Einige ihrer Schaltkreise brannten von dem Überangebot an Elektronen durch, verschmorten Kabel und beschädigten einen Stabilisator. Wie ein Brummkreisel drehte sie sich um ihre eigene Achse, titschte auf dem Dach eines vorbeifahrenden LKWs auf und schoss schließlich gegen die Tunnelwand.      
            Endlich waren wir unsere Verfolger los.            
Nur um sicher zu gehen, nahmen wir mehrere Umwege, bevor wir zur Anlegestelle der Dead Man’s Hand fuhren. Largo parkte den Wagen im Werkstattbereich der Halle, die wir mit angemietet hatten. „Das Baby braucht eine neue Lackierung, wenn wir verhindern wollen, dass uns wirklich keiner wieder erkennt.“, schlug er vor und öffnete die Heckklappe.     
            „Schade. Dabei mochte ich den Coaster in Schwarz.“   
Hank zog die Metallkiste aus dem Laderaum und trug sie zur Werkbank. Zusammen mit dem Zwerg inspizierte er die Ware. Erst als sie sich sicher sein konnten, dass weder Sprengfallen, noch Peilsender angebracht worden waren, lösten sie die Verschlüsse. Ich sah mir den Inhalt genau an und wählte anschließend Martens Nummer.
            Der Hauptkomissar wirkte äußerst angespannt und um mindestens zehn Jahre gealtert. Ernst blickte er mich im Videofenster an. „Marten.“      
            „Moin moin! Wie stehen die Aktien?"    
„Ach“, seufzte er schwer, „ich hab mich um dutzende Verletzte in einer Schlägerei, drei Morde und einen Unfall mit Fahrerflucht zu kümmern, der allerdings mehr nach einem gezielten Anschlag ausschaut. Du siehst: ich hab viel zu tun. Dabei ist es gerade mal elf Uhr morgens.“            
            „Klingt für mich nach einem ganz normalen Tag in Hamburg. Komm schon, Marten, du weißt warum ich anrufe! Hast du schon was herausgefunden?“           
            Er fuhr sich mit der Hand durchs schüttere Haar, überlegte was er sagen konnte, wie viel er überhaupt sagen durfte. Wahrscheinlich gar nichts. Unser Deal ging ihm sichtlich gegen den Strich. Auf der anderen Seite sah er dessen Notwendigkeit ein. Also machte er den Mund doch noch auf. „Ich hab zu drei der Adressen Streifen hingeschickt. Sie sollten dort nach dem Rechten sehen. Bei einer wurden die Kollegen abgewiesen. Da es sich um extraterritoriales Gebiet handelt, hatten sie keine Chance sich aufs Gelände zu mogeln. Sie haben lediglich eine ungewöhnliche Menge Lieferverkehr beobachtet. Auch die Wachen am Eingang waren unerwartet stark bewaffnet.“      
            „OK, ich denke, mehr war da nicht zu machen. Was ist mit den anderen beiden?“       
            Nun sah der Polizist besorgt drein.                   „Nachdem sie ihre Ankunft am Zielort durchgegeben hatten, haben wir jeden Kontakt verloren. Die Tracker ihrer Wagen zeigen an, dass sie noch da sind, wo sie abgestellt wurden, aber niemand beantwortet die Rufe.“          
            Das klang gar nicht gut.         
Möglich, dass Lone Star bereits durch unseren Einsatz beim Hafen aufgeschreckt worden war. Zwar hatten wir einen Störsender aktiviert, doch konnte ich nicht sicher sein, dass kein Funkspruch durchgegangen war. Aber wenn den Kerlen Hamburger Polizisten in die Finger gegangen sind, die vor Ort die Lage inspizieren sollten, wird das mit hoher Wahrscheinlichkeit die weiteren Ereignisse beschleunigen.     
            Mir war zu dem Zeitpunkt nicht bewusst, wie richtig ich mit dieser Einschätzung lag. Sunetra, die wie die anderen das Gespräch mitgehört hatte, ging ein paar Schritte weiter, um ebenfalls zu telefonieren.        
            „Das untermauert meine These.“        
Marten wehrte ab: „Ich gebe zu, dass es merkwürdig ist, aber ich hab noch keinen Beweis gesehen. Bevor ich den gesamten Laden so sehr in Bewegung setze, dass er nicht mehr gestoppt werden kann, muss ich…“       
            „Kannst du haben.“     
Sauertöpfisch starrte er aus dem Videofenster als Reaktion auf die ruppige Unterbrechung. Ich ging zur Kiste zurück und schaltete die Frontkamera meines Komlinks an, sodass der Polizist sehen konnte, was ich sah. Sofort veränderte sich sein Gesichtsausdruck wieder. Überraschung, Entsetzen, Verzweiflung, Wut und grimmige Entschlossenheit wanderten Händchen haltend durch seine Miene, während ich den Inhalt der Kiste präsentierte. Gasgranatwerfer. Tränengasmunition. Taser. Schlagstöcke. Plexglasschilde. Panzerwesten. Und auf allem prangte das Logo des Sternschutzes.
            „Hier drin ist alles, was man braucht, um Aufstände nieder zu knüppeln. Du weißt schon: um die Massen in Schach zu halten, sollten sie so töricht sein um ihre Freiheit kämpfen zu wollen. Und da wo das her kommt, ist noch viel mehr davon. … Hast du eigentlich schon den Stern bemerkt?“       
            Der Stich saß. Marten lief puterrot an. 
„Afknöper! Ehrgüstriger! Zickzackpisser! Dwarsdriever! Verdammte Afkieker! Butenlanner! Scheissdrecks….. WICHSER!“  
            Aufbrausend. So kannte ich den Mann. Doch so sehr außer Fassung hatte ich ihn noch nie erlebt. Und dass er dann noch in seinen Hamburger Dialekt verfiel, den er sonst mühsam versteckt hielt, hätte mich zum Lachen gebracht, wenn die Situation nicht so furchtbar ernst gewesen wäre.
            „Wo hast du das her?“, es klang wie das irre Knurren eines tollwütigen Wolfs.           
            „Nun…. wir hatten heute Morgen eine Erkenntnis bringende Exkursion am Hafen. Leider kam es außerhalb des HAZMAT Zuständigkeitsbereiches zu einem tragischen Unfall. Wir konnten in der Eile nicht mehr als DAS hier sicherstellen. Aber ich denke es reicht, um die Hände aus dem Schoß zu nehmen.“     
            „Da kannst du einen drauf lassen, Summerset!“         
Der Hauptkomissar grübelte einen Moment lang. „Gut, hör mir genau zu! Während ich hier alles anleiere, damit sich die Kollegen in Schale werfen können, will ich, dass du über deine… „Auftraggeber“… die Propagandamaschinerie fütterst! Schick den Sendern ein Video von dem Material! Wenn es so groß ist, wie du vermutest, müssen wir die Bürger auf unserer Seite wissen.“           
            Im Hintergrund hörte ich Sunetra mit ihrem Ex-Verlobten Yashida Himoto diskutieren. Er hatte scheinbar ebenfalls die Bilder von ihr bekommen und war besorgt. Zwischendurch konnte ich die die Worte Nachrichten und Pressestelle erkennen. „Ist bereits erledigt, Marten. Unsere Elfe spricht gerade mit ihm darüber.“         
             „Sehr gut. Das wird meine Arbeit enorm erleichtern.“ Er stockte kurz, als ihm erwas einfiel. „Ähm… dieser Unfall… hast du sauber gearbeitet oder muss ich Beweise verschwinden lassen?“
            Es war interessant zu sehen, wie schnell ein gerechtes Ziel die eigenen Prinzipien aufweichen konnte. In meinen Augen ließ das den alten Paragraphenreiter bloß menschlicher erscheinen.     
            „Wir haben in der kurzen Zeit aufgeräumt so gut es ging. Erkannt haben kann uns niemand. Wäre aber dennoch nicht schlecht, wenn du mal einen Blick auf die Akte wirfst, nachdem wir die Sache überstanden haben.“  
            Zur Antwort nickte er. 
„Egal, was ihr als nächstes plant, seht zu, dass ihr in spätestens einer halben Stunde auf dem Weg seid! Denn sobald der Einsatz startet, werden wir eine Ausgangssperre verhängen.“     
            „Zum Schutz der Bürger?“      
„Zum Schutz der Bürger.“, beantwortete er meine Frage selbstsicher. „Wir haben Hamburg in den letzten fünfzig Jahren sauber gehalten. Da werden wir uns von ein paar daherglaufenen Ami-Bullen nicht ausspielen lassen.“                               „Unterschätz die Kerle nicht, Marten! Wir hatten am Hafen verdammtes Glück da lebend rauszukommen. Die sind bis unters Kinn vercybert. Warn deine Leute vor, sich nicht zu sicher zu fühlen!“          
            „Danke für die Info. Viel Glück!“         
„Viel Glück uns allen, alter Mann!“      
            Er grinste zum Abschied wölfisch, dann erlosch das Bild im Videofenster. Sunetra winkte mir zu. Erst jetzt nahm ich das blinkende Symbol im AR wahr. Es offerierte eine Konferenzschaltung.   
            Ich trat bei.     
Yashida sah wie immer ernst und höchst konzentriert aus. In einem zweiten Fenster blickte ich in die Cyberaugen des Schmidts mit der prunkvollen Yacht. Erst zwei Tage zuvor, Samstag Nacht, hatten wir ihm die Daten aus Karl Weißhaupts Haus überbracht und damit der Bürgermeisterin geholfen, die Wahl zu gewinnen.        
            Yashida Himoto, Frank Zehntner und nun auch noch dieser Kerl? Wie viele Auftraggeber haben wir dieses Mal eigentlich?         
            „Guten Morgen, Herr Summerset. Sie fragen sich bestimmt, warum ich diesem Gespräch beiwohne.“      
            „Ich setze Telepathie auf die Liste mit ihren unheimlichen, streng geheimen Fähigkeiten.“           
            Der Schmidt lachte kurz und trocken. 
„Ich hatte Himoto-San gebeten, mich mit ins Boot zu holen, wenn sie … die benötigten Erkundigungen eingeholt haben.“ 
            „Ich denke, sie sind bereits über den Fund im Bilde?!“
„Die Frachtdaten an sich waren schon beunruhigend. Aber die Aufnahmen der sichergestellten Gegenstände und das Logo von Lone Star haben alle im Büro in helle Aufruhr versetzt. Damit ist es erwiesen, dass ein Putsch vorbereitet wird“ Er gestikulierte ausladend während er sprach.
            Tu nicht so, als hättest du den Senat zum Public Viewing auf deinem Schiff, du Angeber!           
            „Zu allem Überfluss wurden mir vor wenigen Minuten Informationen zugespielt, nach denen die Frankfurter Fraktion nicht länger zu warten gedenkt. Sie wollen die Bürgermeisterin ermorden und den gesamten Laden übernehmen! Ein Kommando soll bereits zur Residenz am Ufer unterwegs sein. Wir haben versucht sie und ihre Bodyguards zu warnen, aber wir erreichen niemanden. Es muss vom Schlimmsten ausgegangen werden.“         
            Er hatte den letzten Satz noch nicht ganz ausgesprochen, als sich alle Wild Cards in Bewegung setzten, um Munition, Waffen und Schutzwesten aus den Schränken zu holen.    
            „Sie sind von allen verfügbaren Teams am nächsten dran. Holen sie Frau Lyzhichko um jeden Preis da raus! Ich schicke ihnen die Koordinaten zu. Der Wasserweg wird der schnellste sein.“  
            „Sind schon auf dem Weg zum Schnellboot.“  
Vollgepackt verließen wir unsere Werkstatt und eilten über den Steg zum Schiff.       
            „Beeilen sie sich!“       
Mir war der erste Tag der neuen Legislaturperiode schon von der ersten Minute an mächtig auf die Eier gegangen, und er wurde einfach nicht besser. „Ja, ja! Wir werden schon nicht die Paddel auspacken. Und sie machen hoffentlich der Presse Beine! Am besten schon gestern!“           
            Kommentarlos und ziemlich sauer beendete ich die Verbindung, als ich an Bord kletterte. Dann fiel mir ein, dass ich noch einem alten Freund einen Anruf schuldete.


***
            „Und du bist dir sicher, Daniel?“       
Ernst blickten die fünf Gesichter aus den Videofenstern, welche auf eine matt gebürstete Glasplatte im Büro des Ersten Polizeihauptkommissars in Eimsbüttel projiziert wurden. Sie gehörten den Dienststellenleitern von Wandsbek, Kaltenkirchen, Pinneberg, Altona und Neue Mitte. Marten hatte keine Zeit verschwendet und war nach seinem Telefonat mit Iron schnurstracks ins Büro seines Vorgesetzten marschiert, um eine Konferenz einberufen.      
            „Ja, ganz sicher.“      
Erster Polizeihauptkommissar Dreher saß mit verschränkten Armen hinterm Schreibtisch und musterte seinen alten Freund. „Was soll der Blödsinn? Du bist doch sonst nicht so anfällig für paranoide Phantastereien. Hätte ich vorher gewusst, um was es geht, hätte ich niemals eine TelKo[1] einberufen, damit du dich und mich zum Affen machen kannst.“       
            Sie hatten das Videomaterial von den Waffenlieferungen gesehen, seinem Bericht gelauscht, doch immer noch zweifelten sie am Wahrheitsgehalt seiner Worte. „Was muss ich denn noch alles vorbringen? Die Bilder waren doch eindeutig.“     
            „Ja, eindeutig,“, lachte Bernd Dreher sarkastisch und hielt sich seinen dicken Bauch, „Eindeutig eine Fälschung. Daniel, man hat dich zum Narren gehalten."      
            „Ich weiß nicht recht…“, Kaltenkirchens oberste Polizeibeamtin bei der Hanse Security rieb sich über eine Augenbraue. Der Ton der Übertragung war so gut, dass man meinen konnte, sie stünde mit ihnen im selben Raum. „Martens Erklärung klingt schlüssig. Nicht zu vergessen, dass ich seit heute Morgen eine Streife vermisse. Die Kollegen sollten eine verdächtige Lagerhalle inspizieren.“  
            Dankenswerterweise unterschlug Katja Susenburger ein entscheidendes Detail, nämlich dass die Untersuchung auf Bitten von Marten erfolgt war. Im Moment herrschte ungewöhnlich dicke Luft. So engstirnig kannte er Bernd gar nicht. In all den Jahren hatten sie immer gut zusammen gearbeitet und wussten, dass sie sich aufeinander verlassen konnten. Sicherlich waren sie des Öfteren unterschiedlicher Meinung, aber derart hatte er ihn noch nie auflaufen lassen. ‚Irgendetwas ist faul im Staate Dänemark.‘                  „Dass sich die Kollegen nicht melden kann zig Gründe haben.“, warf sein Vorgesetzter ein.   
            „Ich glaube nicht an Zufälle, Bernd.“
„Ach nicht auch noch du, Katja! Reicht es nicht, wenn wir uns tagein tagaus mit den Spinnern auf der Straße rumschlagen müssen, die davon überzeugt sind, dass wir jeden von ihnen überwachen?!“
            Dieter Wannsem aus Pinneberg räusperte sich vernehmlich und unterdrückte ein Grinsen. „Wäre ja auch zu praktisch, wenn wir das könnten.“ 
            Bernd stöhnte. „Scherzbold! Hat noch einer von euch eine ernstgemeinte Wortmeldung in petto oder sollen wir den ganzen Tag mit dem Unfug verschwenden?“         
            „Ich finde, die Indizien sind alarmierend genug, dass wir der Angelegenheit zumindest nachgehen sollten. Die politische Lage ist seit Wochen angespannt. Hamburg gleicht einem Pulverfass, das beim kleinsten Funken hochgehen könnte. Die Unruhen vor der Wahl haben mir jedenfalls gereicht. Und Martens Bericht klingt in meinen Ohren mehr als schlüssig.“
            ‚Schön, dass wenigstens du mir zustimmst, aber uns bleibt keine Zeit für schöne Reden. Warum erkennt das keiner!?‘
            Unruhe breitete sich in ihm aus. Er war am falschen Ort, das fühlte er ganz genau. Einsätze müssten dringend koordiniert, die Kollegen ausgerüstet und auf die Straße geschickt werden. Sein Bauchgefühl verriet ihm, dass der große Knall unmittelbar bevorstand. Mit einem Mal sah er Bernd mit anderen Augen. Wie der fettleibige Mann in seinem Bürostuhl saß, alle Bedenken hinfort wischte, sich nicht einmal für fünf Minuten mit dem beunruhigenden Gedanken einer möglichen Invasion befassen wollte.    
            ‚Könnte es etwa sein, dass sie dich auf ihre Seite gezogen haben, alter Freund?!‘                    Marten fühlte sich plötzlich einsam und verlassen und wäre am liebsten aus dem Altbau geflohen, in dem das Revier untergebracht war. Doch was hätte das für ein Bild von ihm hinterlassen!? Also rang er den Impuls nieder und blieb stehen, trug weiterhin stoische Ruhe als Fassade in seinem Gesicht.   
            Bernd Dreher redete sich in Rage und stellte die geistige Verfassung seiner Kollegen in Abrede. Doch bevor er etwas ernsthaft Beleidigendes sagen konnte, öffnete sich die Tür zum Büro und Polizeioberkommissar Rüdiger Tanner kam herein.         
            Dreher wand sich auf seinem Stuhl und fixierte seinen Untergeben.
            „Was ist denn!?“, fragte er ungehalten.        
„Ich hab die Chefin in der Leitung.“  
            Olga Kalaschnikowa, die scherzhaft Sturmgeschütz der HanseSec genannt wurde, leitete als Präsidentin des Polizeipräsidiums die hiesige Ordnungsmacht. Marten hatte in der letzten halben Stunde ein paar Mal versucht sie zu erreichen, aber sie war nicht an ihren Apparat gegangen. Dass sie sich nun meldete ließ ihn aufatmen. Wenn er sie überzeugen konnte, würde es endlich voran gehen.        
            Bernd saß steif da, nahm sich einen Moment, um seine Gedanken zu ordnen und bat Rüdiger dann sie durchzustellen.      
            ‚Wozu der Umstand? Sie kennt doch Drehers persönliche Nummer.‘
            Ein weiteres Videofenster öffnete sich auf dem Schirm. Der Anblick der schwarzhaarigen Frau Anfang Fünfzig ließ Martens Hoffnung schwinden. Auf einen friedlichen Plausch war sie nicht aus. So viel verrieten ihre zusammengezogenen Augenbrauen und der düstere Blick.
            „Ich will sofort wissen, warum sich sechs meiner Revierleiter hinter meinem Rücken verschwören!?“         
            Verwunderung erschien auf allen Gesichtern. Verschwörung? Davon konnte nun wirklich keine Rede sein. Wie kam sie nur auf dieses schmale Brett? Bernd dachte scheinbar das Gleiche. „Bitte was!? Ich glaub ich höre nicht richtig. Bei allem gebührenden Respekt…“
            Mit einer zackigen Handbewegung hieb sie ihm ins Wort. „Ihren Respekt können sie sich dahin stecken, wo die Sonne nicht scheint, Dreher!“
            Das saß. Zum ersten Mal seitdem ihre Besprechung begonnen hatte, war Bernd sprachlos. Wie ein Fisch an Land, schnappten seine fleischigen Lippen nach Luft und passenden Vokabeln. Doch die Polizeipräsidentin hinderte ihn daran, seinen Einwand zu wiederholen. „Stimmt es etwa nicht, dass ihr Mitarbeiter, Polizeihauptkommissar Marten, in ihrem Auftrag mit Shadowrunnern konspiriert und Beweismaterial gefälscht hat, um eine Schmutzkampagne zu initiieren, deren Zweck es ist, Bürgermeisterin Lyzhicho den Nährboden zu bereiten, auf dem sie inmitten der ADL[2] einen autokratischen Staat errichten kann?“
            Unter Daniel wurde der Boden weggezogen. Was passierte da gerade? Er hörte die Worte, aber glauben konnte er sie nicht. Die Situation war so surreal, die Vorwürfe derart absurd, dass er sich in einem Traum wähnte, aus dem er nicht aufwachen konnte.   
            „Eine Militärdiktatur, in der sie einen Großteil der Einnahmen der Allianz und der NEEC[3] kontrollieren könnte.“
            Dreher und seine Kollegen versuchten sich zu verteidigen, doch weil sie sich gegenseitig zu übertönen versuchten, konnte man am Ende niemanden mehr verstehen. Ihre Chefin lief puterrot an und ließ einen Schrei.     
            „RUUUUHHEEEE!“     
Es dauerte einen Moment, bis alle ihr Geplapper eingestellt hatten. Dann fuhr sie fort. „Ich bin nicht willens mir ihre jämmerlichen Ausflüchte anzuhören. Sie alle werden des Hochverrats angeklagt. Ergeben sie sich und ich verspreche ihnen einen fairen Prozess.“
            In das folgende Schweigen mischte sich ein metallisches Klicken. Langsam drehte Marten sich um und sah aus nächster Nähe in den Lauf einer Pistole.
            „Rüdiger? Du etwa auch!?“

***

            Ruhig und gleichmäßig zog der Helikopter der DeMeKo unter sanftem Wirbeln der Rotoren am strahlend blauen Himmel seine Bahnen. Wer keinen Blick gen Boden wagte, hätte annehmen können, dass es ein herrlicher Spätsommertag war. Dort unten jedoch bot sich dem geneigten Betrachter ein Bild, das Susanne Wischnewski die Nackenhaare zu Berge stehen ließ. Unter normalen Umständen hätte sie ihre Beine in die Hand genommen und wäre aus der Stadt geflohen, aber sie war ein Profi. Und als Profi musste sie dort hingehen, wo die Story war. Leider bedeutete das an diesem Tag zugleich auch, sich mit einem Überangebot an Blauen Bohnen und bröckelndem Beton zu arrangieren.   
            Wenigstens befand sie sich nun hoch oben in der Luft. Ohne ihren Chefredakteur säße sie immer noch im Büro fest, inmitten von all dem Chaos. Nur wenige Minuten waren vergangen, seitdem die ersten Salven in die Front der DeMeKo-Zentrale einschlagen waren. Auch aus luftiger Höh 
sah die Gegend wie verwandelt aus. Bäume und Autos brannten lichterloh. Ein Krater zierte nun die Stelle, an der sich zuvor das Rondell befunden hatte. Von der Skulptur, die dort einst die Besucher begrüßte, war nichts mehr zu sehen. Leichen überall. Söldner lieferten sich mit den Sicherheitskräften Feuergefechte. 'Und im Rest der Stadt schaut es nicht besser aus.'
            Susanne wurde in diesem Moment klar, dass es nie mehr so sein würde, wie zuvor.    
            „Wir sind auf Sendung in 5, 4, 3…“      
Tim, ihr Kameramann, hielt auf sie drauf und zählte die letzten Sekunden stumm mit den Fingern der erhobenen Hand ab. Danach leuchtete ein kleines Lämpchen neben dem Objektiv auf und signalisierte ihr, dass es jetzt an der Zeit war sich zusammenzureißen. ‘Aber das bedeutet nicht, dass ich wie ein debiles Püppchen dämlich drein grinsen muss.‘           
            Also bemühte sie sich, eine feste Stimme zu wahren und etwas Zuversicht auf ihr Gesicht zu zaubern. Aber nicht zu viel! Schließlich musste den Zuschauern der Ernst der Lage klar werden. Susanne übersprang die üblichen Begrüßungsfloskeln und kam direkt zum Thema.   
            „Es herrscht Krieg auf Hamburgs Straßen!“   
Sie machte eine kurze Kunstpause, um den Leuten Zeit zu geben, ihre Ohren zu spitzen.    
            „Vor etwa sieben Minuten sind überall in der Stadt unbekannte Truppen aus dem Nichts aufgetaucht und haben mit einer Invasion begonnen.“           

            Wieder wartete sie einen Augenblick, damit die Bilder, die nun vom Studio eingespielt wurden, ihre Wirkung entfalten konnten.     
            „Im Norden sind Kommandoeinheiten in die Kraftwerke eingedrungen. Mehrere Polizeireviere stehen unter Beschuss. In Altona wütet derzeit ein Feuer. Mancherorts scheinen die SchuPos gegeneinander zu kämpfen. Zu Pinneberg ist jede Verbindung abgebrochen. Vermutlich ist dort ein Störsender aktiv. Straßensperren wurden errichtet, mehrere Bahnhöfe wurden dicht gemacht, Zivilisten verhaftet….“ Susanne schluckte, als sie an das Schlachtfeld vor der DeMeKo-Zentrale dachte, „... oder wurden kaltblütig hingerichtet. Unter mir am Boden verteidigen Sicherheitskräfte unsere Fernseh- und Radiostationen.“          

            Tim schwenkte die Kamera zum Fenster und zeigte, was vor sich ging. Der Pilot flog dazu eine weitläufige Kurve über das Gelände.        
            „Irgendjemand versucht Hamburgs Infrastruktur einzunehmen, um uns so in die Knie zu zwingen. Gerüchteweise handelt es sich um Lone Star Einheiten, doch konnten wir bislang niemanden zu einer Stellungnahme bewegen.“           
            Plötzlich huschte ein Schatten vorbei und hinterließ mehrere Luftlöcher in der Außenwand. Sofort ging der Pilot in ein hektisches Ausweichmanöver über. Kehliges Gurgeln erklang, die Kamera schaukelte und krachte schließlich zu Boden.
            „Oh mein Gott! Tim!“   

Susanne stützte zu ihrem Kollegen, der gerade an seinem eigenen Blut ertrank. Etwas hatte ihm den Hals perforiert. Sie konnte nichts anderes tun, als ihn festzuhalten, während er ihre Bluse rot wusch. Tränen rollten ihr aus den Augen und über das mit Blutsprenkeln übersäte Gesicht. „Was…. was ist… passiert?“, presste sie zwischen einzelnen Schluchzern hervor.         
            „Eine Drohne macht Schweizer Käse aus meinem Baby.“
Erneut sauste ein Objekt an ihnen vorbei. Dieses Mal trafen die Kugeln jedoch keinen Insassen.         
            „FUCK!“           

Nur mit Mühe konnte sich Susanne am Handlauf festhalten. Ansonsten wäre sie vom Sitz gerissen worden, als der Pilot den Helikopter steil nach unten abtauchen ließ. Tims Körper hingegen klatschte von hinten gegen den Sitz des Piloten. Als dieser die Lage wieder stabilisiert hatte, schnappte sich die Reporterin die Kamera. Sie war immer noch am Laufen. Sehr gut!  
            Inzwischen war es ihr egal wie sie aussah. Sollten alle Welt sie nun sehen: verzweifelt, verängstigt, blutbesudelt... und auch ihren aufkeimenden Hass. Susanne filmte sich nun selbst.            
            „Verehrte Mitbürger, dies ist Hamburgs schwerste Stunde. Wenn euch etwas an unserer Heimat liegt, dann schnappt euch eine Waffe! Und dann geht da raus und bringt diese Schweine um! Sie sollen den Tag verfluchen an dem sie einen Fuß in diese Stadt gesetzt haben; dass sie es gewagt haben, uns herauszufordern…“
            Wieder zischte etwas hinter ihr vorbei. Über der Reporterin kreischten die Rotoren und der Helikopter wurde durchgeschüttelt.
            „Gehen runter.“, kommentierte der Pilot mit ruhiger Stimme, gerade so als sei es das Normalste auf der Welt. Rasch verlor die Maschine an Höhe und begann sich immer schneller um die eigene Achse zu drehen. Qualm zog wie ein verblassender Schweif hinter ihnen her. Susanne wurde von einem Augenblick auf den anderen speiübel und erbrach sich. Bröckchen unverdauten Essens, Magensaft- und Galletröpfchen  tanzten durch das Interieur.
            Das Letzte, das die Kamera übertrug, war Susannes gellender Schrei und die Explosion, die ihn beendete.

***

            „Immer schön den Stock im Arsch behalten, Daniel! Dann passiert dir auch nix.“     
            Am anderen Ende der Pistole feixte Rüdiger Tanner zynisch und winkte mit der freien Hand zwei weitere Kollegen herbei. Da sie ohne Fragen zu stellen Bernd Dreher in Gewahrsam nahmen, wusste Marten, dass sie bereits vorab instruiert worden waren. Die Polizeipräsidentin hatte wahrscheinlich insgeheim der Konferenzschaltung beigewohnt und gelauscht. Als sie genug gehört hatte, zog sie den Stecker. Aber warum? ‚Was wird hier gespielt?!‘            Ihm fielen Summersets Worte wieder ein. Er hatte ihn gewarnt, dass die Frankfurter einige Polizisten umgedreht haben könnten. Marten verfluchte seine Naivität. Natürlich machte es Sinn, sich vor Ort um Verstärkung zu bemühen. Und wer war die wichtigste Person in der HanseSec? Natürlich die Polizeipräsidentin! Wenn man sie kaufen konnte, musste man nur noch einige wenige andere von den neuen Herren überzeugen, damit der Regierungswechsel geschmeidiger vonstattengehen konnte.      
            Andererseits gab es für ihn keinen Grund den Menschen zu misstrauen, mit denen er viele Jahre lang gedient hatte. Menschen, die er Freunde nannte.   
            Bernd befand sich in einer Art Trance, seit die Polizeipräsidentin aufgelegt hatte. Mit aschfahlem Gesicht stand er von seinem Stuhl auf und ließ sich ohne Gegenwehr abführen. Er verstand die Welt nicht mehr. Seine Augen wanderten zur Glasplatte mit den Videobildern. Zwei Verbindungen waren abgebrochen, Dieter Wannsem lag mit dem Kopf auf dem Schreibtisch. Die Wand hinter ihm war blutbespritzt. Man hatte ihn erschossen, als er sich verteidigen wollte. Der Anblick versetzte Bernd einen Stich. Marten hingegen war froh, dass sein alter Freund kein Verräter war, lediglich derselbe streitlustige Sturkopf wie immer. Ein wenig schämte er sich, dass er ihn verdächtigt hatte. Rüdiger andererseits… Er starrte den Mistkerl wütend an.  
            „Komm schon! Spiel den Helden und gib mir einen Grund der Stadtkasse das Geld für deine Verhandlung zu sparen!“         
            „Ich weiß ja, dass du Karriere machen willst, aber dass du so geil auf meinen Job bist, hätte ich nicht gedacht.“      
            Unschuldig zuckte der Überläufer mit den Achseln:     „Manchmal muss man halt seinem Glück etwas auf die Sprünge helfen. Ist nichts persönliches, Daniel, aber du stehst der neuen Ordnung leider im Weg.“      
            „Du hast es gerade eben zu etwas sehr persönlichem gemacht, Drecksack! Sollte ich dich je in die Finger kriegen...“
            Tanner versteifte sich an der Waffe und zielte auf Martens Stirn. „Was dann… häh?!“
            Er lachte hämisch: „Ich hätte dich eigentlich erst draußen erschießen sollen… Na du weißt schon: so von wegen Reinigungskosten, teure Einrichtung und so. Aber weißt du was?! Ich inszeniere deine gescheiterte Flucht gleich hier an Ort und Stelle.“  
            Aus seiner Hosentasche fischte er einen Datenstick, hielt ihn in die Höhe und grinste schadenfroh. „Ist im Grunde egal wo ich dir die Beweise unterschiebe, oder?!“        
            'Seit wann habt ihr diesen Coup schon geplant?'       
Tanners Finger krümmte sich um den Abzug, um den siebten Kreis der Hölle zu entfesseln.

***

            Wir hatten es in den Nachrichten gesehen. Wir alle.    
Die Bilder von einem Hamburg im Kriegszustand, von dem Drohnenangriff, wie die Reporterin zum offenen Kampf aufgerufen und schließlich vor laufender Kamera den Tod gefunden hatte. Es dauerte keine zehn Sekunden bis die Social-Media-Kanäle in der Matrix mit Hassparolen gegen die Invasoren geflutet wurden. Wischnewskis kurze Ansprache hatte ihre Wirkung nicht verfehlt. Linke, Rechte, Konservative... alle waren sich in ihrer Empörung ausnahmsweise mal einig. Entgegen jeder Vernunft würden sich die Bürger bewaffnen und den Totalen Krieg auf die Straßen tragen.
            Das Deprimierende war, dass ich mir angesichts der Lage nicht einmal sicher sein konnte, ob das so falsch war. Unter Umständen könnte es Hamburgs einzige Chance sein. Jedenfalls hatten sie uns mit heruntergelassenen Hosen erwischt. Die Aufnahmen der Straßenschlachten und das beängstigend gut koordinierte Vorgehen der Lone Star Truppen, machten wenig Hoffnung auf einen guten Ausgang der Geschichte.    
            Lärm von Maschinengewehren und Explosionen wurden vom Wind zu uns übers Wasser getragen. Ein Sound, schwach und verzerrt, wie fernab der Realität, als käme er von einem Fernseher aus der Nachbarswohnung. Aber selbst wenn man sich einreden wollte, dass man einer Illusion aufgesessen sei, waren da immer noch die Rauchsäulen, die sich allerorten wie anthrazitfarbene Schlangen in den blauen Himmel fraßen. VTOLs, Hubschrauber und wegen der Entfernung kaum erkennbare Drohnen jagten einander in einem tödlichen Slalom zwischen ihnen hindurch. Feuerblumen erblühten aus dem Nichts und vergingen wieder.       
            Ich sah zu den anderen in der Kabine der Dead Man’s Hand. Besorgnis stand in ihren Gesichtern zu lesen. Sogar Hank, dessen Kopf bei jeder Welle, durch die das Schnellboot pflügte, gegen die Decke zu dotzen drohte, ließ die Situation nicht kalt. Largo unterhielt sich leise mit Sunetra, während er mit Höchstgeschwindigkeit auf die Residenz der Bürgermeisterin zuhielt.
            Bedrückt die Schultern hängen lassend, klebte Alyssa am Backbordfenster und starrte die umkämpfte Stadt an. Es tat weh sie so zu sehen. Sie war mehr als nur befähigt, den Job zu machen, keine Frage. Allerdings war es nicht von der Hand zu weisen, dass sie zugleich auch die unerfahrenste Runnerin in der Gruppe war. Die letzten Monate hatten die sonst so quirlige, leichtfüßig und unbeschwert agierende Magierin verändert. Man konnte es an ihren Augen sehen. Trauriger, gehetzter, reizbarer war sie geworden.
            ‚Niemand geht unbeschadet durch die Schatten. Sie heißen jedes Wesen, das sich in sie traut, willkommen. Aber sobald du einmal drin bist, versuchen sie dein Innerstes nach außen zu kehren. Am Ende verändern sie uns alle.‘ Cones Worte aus einer lange vergangenen, durchzechten Nacht hallten in meinem Kopf wieder. 
            Ich seufzte.      

Es war eine harte Schule, durch die die Magierin gegangen war. Nirgendwo wird man so schonungslos mit den Abgründen der menschlichen Natur konfrontiert, wie in den Schatten. 
            Alyssas Augen schimmerten feuchtglänzend. Ich hätte ihr deswegen nie einen Vorwurf gemacht. Sie lebte schon seit Jahren in Hamburg und hatte viele Freunde und Verwandte, um die sie sich Sorgen machte. Letztendes waren Shadowrunner auch nur Menschen und keine gefühlsamputierten Roboter.    
            Als ich ihr eine Hand auf die Schulter legte, zuckte sie aus den Gedanken gerissen zusammen. Ohne den Blick von der brennenden Skyline zu nehmen, sprach sie mit belegter Stimme: „Wusstest du, dass ich sie gekannt habe?!“   
            „Die Reporterin?“, fragte ich vorsichtig, nachdem mir nicht einfiel, wen sie sonst meinen konnte.            
            Nicken.
„Nein, das wusste ich nicht. Tut mir leid, was…“           

            „Bin ein paar Monate mit ihrer Cousine zusammen gewesen. Hat mich erst auf die Idee gebracht, mir eine gefälschte Reporter-SIN zuzulegen. Sie war ein guter Mensch, Hendrik.“ So leise sie konnte, zog sie die Nase hoch. „Danach… also nachdem mit Nadine Schluss war, haben wir weiter Kontakt gehalten. Hin und wieder mal einen Kaffee zusammen getrunken, über Gott und die Welt geklönt… Was normale Leute halt so in ihrer Freizeit machen.“   
            Sie meint damit: nicht wie der durchschnittliche, sozial verkrüppelte Shadowrunner.               „Jedenfalls hab ich unser Treffen letzte Woche wegen diesem verdammten Job in Scheiß-Westphalen abgesagt.“            
            „Mach dir deswegen keine Vorwürfe, Alyssa…“
Mein unbeholfener Versuch sie aufzumuntern war vollkommen fehl am Platze. Das wurde mir klar. als sie sich endlich von der Scheibe abwandte. Flammen loderten tief in den Augen, hinter ihren unvergossenen Tränen.           

            „Weswegen sollte ich das? Ich habe sie nicht umgebracht. Das waren DIE!  
            Ich bin nicht nur deswegen in den Schatten, um möglichst schnell an Geld zu kommen. Sie bieten mehr als nur die Chance auf Reichtum. So viel hab ich inzwischen erkannt.“ Wütend stemmte sie die Hände in die Hüfte. 
            „Wir Fünf sind die letzte schmale Grenze, die diese unschuldigen Leute da draußen von dem Abschaum trennt, der sie versklaven, verarbeiten und verkaufen will. Die Kons haben den Krieg vom Zaun gebrochen und den Kampf zu uns getragen. Sicherheit ist also keine Option mehr. Heute geht’s um unsere Freiheit, Hendrik. Ich will verdammt sein, wenn ich nicht mein Möglichstes gebe, sie zu verteidigen. Und wenn wir alle unseren Job richtig machen, wird der Kampf kurz und brutal ausfallen. Davon sollen sich diese Schweine nicht mehr erholen.“ Sie schniefte und wischte sich mit dem Handrücken über die Augen.        

            Langsam lud sich die Luft in der Kabine statisch auf. Ich fühlte, wie die kleinen Härchen auf meinem Kopf aufgerichtet wurden. Es war einer dieser Momente, in denen mir Magie unheimlich war. Zu meiner Erleichterung wurde Lightning von unserer Elfe abgelenkt, bevor ein Unglück geschehen konnte.     
            „Gute Ansprache, Gaijin, aber spar dir deine Energie! Wir sind gleich an unserem Ziel.“            
            Tatsächlich konnte man durch die Windschutzscheibe bereits die vorgelagerte Landzunge mit dem Anwesen der Bürgermeisterin erkennen. Ein prächtiger, weiß getünchter Bau im Art-Noveau-Stil der Sechziger Jahre. Weiden säumten das 
ufernahe Gelände. In die Elbe ragte der Landungssteg. So idyllisch die Szenerie wirkte, man konnte davon ausgehen, dass Wachpersonal und diverse Sicherheitsmaßnahmen unerwünschte Besucher vom Grundstück fernhielten.     
            „Drek!“, murmelte Largo mürrisch. „Sie sind schon da!“
Zwei schwarze Schnellboote ragten aus dem dichten Schilf. Alyssa askennte sofort die Gegend.            
            „Es sind mindestens vier. Ein Magier, zwei sind stark vercybert. Die Ziele bewegen sich aufs Haus zu.“ 
            Ich hoffte inständig, dass wir noch nicht zu spät waren.
„Nur für den Fall der Fälle: mach das Geschütz der Dead Man’s Hand einsatzbereit!“  
            Largo grinste: „Aye, Skipper.“  
„Checkt noch mal eure Ausrüstung! Wir werden uns den Weg notfalls freiballern.“     
            Während wir die letzten zweihundert Meter fuhren, musste ich aus irgendeinem Grund an Marten denken.        
            Wie es bei ihm wohl gerade läuft?

***

            Der Finger betätigte den Abzug. In die Erwartung des tödlichen Schusses mischte sich entfernt dumpfes Rumpeln und Kollern. Dann ließ ihn ein gleißendes Licht, heller als die Sonne die Augen zusammenkneifen und die Arme vors Gesicht reißen. Dem himmlischen Leuchten folgte ein breiiger Knall, der in einem Regen endete. Schließlich schlug der Mann hart auf den versiegelten Parkettboden. Er war tot. Überraschenderweise konnte er sich umgehend mit diesem Umstand anfreunden. Das war’s! Ende Gelände! Endlich waren seine Sorgen ein für allemal vorbei.
            Jedoch schon wenige Augenblicke später zerrten starke Hände an seinem Körper und zogen ihn in die Senkrechte, klopften ihn ab. Geradezu sanft, als wollten sie sich seiner Unversehrtheit versichern. Nur sehr langsam kehrte die Welt um ihn herum zurück. Das Gleißen lichtete sich wie ein morgendlicher Nebel und auch die Geräusche drangen wieder zur ihm vor. Jemand redete auf ihn ein.
            Zögerlich und beinahe ein wenig enttäuscht realisierte Hauptkommissar Marten, dass er noch lebte, statt unter den Toten zu weilen. Ein Ork stand in voller Schutzmontur inklusive Helm vor ihm und stellte unablässig Fragen. Es kostete den Beamten Mühe einzelne Worte zu erkennen. Zu stark war noch das Pfeifen und Rauschen seines Blutes in den Ohren. Vermutlich wollte der Kerl bloß wissen, ob Marten wieder etwas hören konnte. Also winkte er ab und krächzte, dass alles ok wäre. Vielleicht hatte er es auch geschrien. Den Unterschied zu erkennen fiel ihm für den Moment noch schwer.  
            Verdammte Blendgranaten!  
Nur mit mäßigem Erfolg massierte sein Mittelfinger die Hörmuschel, um das unangenehme Druckgefühl auf dem Gehörgang loszuwerden. Als das nicht half, hielt er sich die Nase zu und baute Druck auf den Ohren auf. Es ploppte und knackte zweimal unangenehm, dann wurde der Sound klarer.   

            Marten fiel erst jetzt auf, dass der Ork die Insignien der Schutztruppe trug, die die Bürgermeisterin in der vergangenen Woche engagiert hatte. Blackwaters Aufgabe war die überforderte Polizei auf Hamburgs Straßen zu unterstützen. Er mochte keine Söldner, änderte aber spontan seine Meinung über Lyzhichkos Entscheidung.   
            Der Regen, den er gefühlt hatte, stellte sich wenig überraschend als Blut heraus. Am Boden lag Rüdigers Leiche, mit deformiertem Schädel. Jemand hatte ihm mit einem dicken Kaliber die Birne perforiert und über die Einrichtung verteilt. Marten seufzte erleichtert. Er konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal so knapp dem Tod von der Schippe gesprungen war.   
            Mit stetigem Absinken des Adrenalinpegels, begannen seine Hände leicht zu zittern. Da er vor den Möchtegernsheriffs keine Schwäche zeigen wollte, stopfte er die verräterischen Pranken in die weiten Hosentaschen und gab sich betont cool.
            ‚Um ein Haar wie ein räudiger Straßenköter abgeschossen werden?! Ach, die Nummer ist mir schon so oft passiert, dass es mich nur noch langweilt. - Gähn!‘                Der hilfsbereite Ork grinste, schlug ihm aufmunternd auf den Oberarm und ging aus dem Raum. Abgelöst wurde er von einer resoluten Zwergenfrau. Ihr Helm war unter den rechten Arm geklemmt, das strohblonde Haar zu einem Bürstenschnitt frisiert, der so störrisch aussah, als wäre er dazu geeignet Rost von Blechen zu schmirgeln. Eines ihrer Augen war durch ein künstliches ersetzt worden. Scheinbar nicht freiwillig, wenn man das Narbengewebe über dem Stirnbein und die nicht mehr vorhandene Augenbraue, in die Betrachtung mit einbezog.        

            Die fast zwei Köpfe kleinere Frau streckte ihm die Hand zum Gruß entgegen: „Captain Winchester.“    
            Der Polizist erwiderte die Geste: „Hauptkommissar Marten.“
"Ich hoffe sie sind uns nicht böse hier so unangemeldet reinzuplatzen.“ Ein leichter britischer Akzent umspülte ihre Worte, aber sie sprach so gut Deutsch, dass er der Zwergin spontan unterstellte, zumindest eine Zeitlang in den ADL gelebt haben.
            „Um ehrlich zu sein, freue ich mich über die…“, Marten sah zu Rüdigers Leichnam, „… spontane Unterbrechung unserer Unterhaltung.“ Er bemühte sich seine Verwirrung über die aktuellen Ereignisse nicht anmerken zu lassen, aber es schwirrten allzu offensichtlich Fragezeichen durch den Raum.            
            Captain Winchester lächelte charmant und ging zum Schreibtisch des Ersten Polizeihauptkommissars von Eimsbüttel. Dort angekommen, machte sie sich an der Komstation zu schaffen.         „Sie fragen sich sicher, was wir hier zu suchen haben…“
„Ich will nicht unhöflich erscheinen, aber ja, der Gedanke kam mir gerade.“   
            Während die Söldnerin darauf wartete, dass das System sie zu ihrem Gesprächspartner durchstellte, warf Marten einen vorsichtigen Blick in das benachbarte Großraumbüro. Sechs Söldner sprachen dort mit den anwesenden Polizisten. Die Atmosphäre wirkte äußerst angespannt, aber mit den Sturmgewehren der Eindringlinge wollte sich niemand messen. Einer der Kollegen, die Bernd Dreher festgenommen hatten, lag bewusstlos auf dem Boden, wo ihn der Ork verarztete.
            Nicht weniger verwirrt als er selbst war auch Martens Chef.

„Was zum Teufel geht hier vor, Daniel?“ Humpelnd wuchtete Dreher seinen massigen Leib zu ihm herüber. Bis auf einige Kratzer und einem verknacksten Knöchel schien er bei seiner Befreiung nichts abbekommen haben.     
            Marten kannte die Antwort nicht. Also zuckte er mit den Achseln und ging mit ihm zu Captain Winchester zurück. Beim Anblick der Leiche in seinem Büro, schnaubte Bernd Dreher verächtlich: „Verräterschwein!“            
            Dass er dem leblosen Körper nicht noch zusätzlich einen Tritt verpasste, lag mehr daran, dass ihm sein angeschlagener Knöchel bereits genug Instabilität verlieh. Mit schiefer Miene begrüßte er die Zwergin förmlich und stützte sich auf seinem Schreibtisch ab. Ungeduldig trommelte die Söldnerin auf die Glasplatte, wo sich eine digitale Sanduhr unablässig um sich selbst drehte.   
            Der Warterei überdrüssig, begann sie mit ihrem Report: „Während der letzten Wochen sind Lone Star Truppen in Hamburg eingeschleust worden. Finanziert und koordiniert wurde die Aktion durch den Frankfurter Bankenverein und gerüchteweise auch dem Vorstand von Saeder-Krupp. Das Ziel ist die Übernahme der Regierungsgeschäfte für den Fall, dass Miss Lyzhichko erneut die Wahl gewinnt.“       
            Marten warf seinem alten Freund einen tadelnden Blick zu, der sogleich abwinkte. „Jaaa, ich geb‘s ja zu: du hattest Recht! Das nächste Mal höre ich auf dich.“ 
            Bevor der Hauptkommissar etwas darauf erwidern konnte, wurde die Verbindung endlich aufgebaut und das Videofenster erwachte zum Leben. Sie sahen das Büro der Polizeichefin. Auf dem Stuhl saß allerdings nicht sie selbst, sondern ein zufrieden drein grinsender Mann. „Ah, sehr gut! Die Herren Dreher und Marten. Schön, dass sie wohlauf sind.“    
            „Wer sind sie?!“ Der Tag wurde immer seltsamer.
„Tut mir leid, das kann ich ihnen nicht sagen. Zumindest für den Moment müssen sie sich mit dem Wissen begnügen, dass wir einen gemeinsamen Freund haben.“ 
            Marten brauchte nicht lange nachzudenken. 'Summerset.'
„Er war der Meinung, dass sie kurzfristig ein wenig Unterstützung gebrauchen könnten, falls es bei HanseSec… nun ja... ein paar falsche Fuffziger geben sollte. Ich hab mich direkt zum Präsidium begeben und mit dem Blackwater Kommando in Verbindung gesetzt.“ Er vollführte mit seinen Händen eine einschließende Geste. „Wie sich herausstellte, hatte unser Freund leider den richtigen Riecher.“       
            „Zurzeit sind mehr als hundertzwanzig Einheiten in Hamburg im Einsatz.“, fügte Captain Winchester hinzu, „Dreiviertel meiner Männer und Frauen sind aktuell zur Sicherung der Polizeireviere abgestellt. In mehreren kam es zu Kampfhandlungen, aber nach den neusten Berichten ist die Lage wieder unter Kontrolle. Tragischerweise kamen wir in Pinneberg zu spät. Polizeihauptkommissar Wannsem wurde ermordet aufgefunden.“
            „Was ist mit Kalaschnikowa?“, wollte Dreher wissen.    
Der unbekannte Mann stützte sich mit verschränkten Armen auf dem Schreibtisch ab und sah nun ernst drein: „Wir haben sie festgenommen, nachdem ich mit einigen Polizisten ihrer äußerst interessanten Ansprache lauschen durfte. Bis diese Angelegenheit ausgestanden ist, sitzt sie in einer Zelle.    
            Ich habe hier Akten gefunden, deren Lektüre sie unbedingt in ihre Ermittlungen mit einbeziehen sollten, meine Herren.“ Er lehnte sich wieder im Stuhl zurück.  
            "Sie müssen ihrer Chefin böse auf die Füße getreten sein. Sie hat über Monate hinweg 'Beweismaterial...'", der Mann vollführte mit seinen Mittel- und Zeigefingern eine Winkende Geste, "...zusammengetragen, mit dem sie sie und einige ihrer Kollegen diskreditieren wollte. Darüber sollten sie auch mit Kalaschnikowas Sekretär reden, der übrigens deutlich gesprächiger als sein Boss ist." Der Mann zwinkerte verschwörerisch und Marten fragte sich erneut wie er so schnell und effizient den Putsch hatte vereiteln können. Tief in ihm flüsterte eine leise Stimme hinter vorgehaltener Hand ein Wort: Geheimdienst
            Dreher zog eine Augenbraue hoch und seufzte: "Sagen wir es mal so: sie hat Konkurrenz im eigenen Haus nicht ertragen können."
            „Zwar mussten wir uns nur mit einigen wenigen hochrangigen Verschwörern befassen, aber der Kampf hat gerade erst begonnen. Überall in der Stadt greift Lone Star kritische Ziele an. Sie machen sich die momentane Verwirrung zunutze, zum vorzurücken. Darum müssen wir jetzt schnell handeln und unser weiteres Vorgehen miteinander abstimmen.“         

            Bernd Dreher tippte nachdenklich auf seinen Schreibtisch. Dann zeigte er auf die überdimensionale Karte der Stadt, welche an der Wand hing, und sah zur Zwergin herüber: „Ich schlage vor, dass wir hier das Hauptquartier einrichten und gemeinsam eine Strategie entwickeln.“
            Sie grinste kämpferisch: „Gute Idee!“  
„Da sie scheinbar zaubern können, schaffen sie es ja vielleicht auch meine Kollegen wieder an die Strippe zu bekommen!? Wir werden ihre Hilfe brauchen, alleine schon um der Moral der Truppe willen.“ Das war an den Fremden gerichtet, der bestätigend nickte und dann geschäftig auf die Tastatur einhämmerte.
            Schließlich richtete Dreher einen Finger auf Marten: „Informier die anderen über die Situation! Ich will, dass die Nachrichten auf den Bildschirmen laufen. Jeder soll mitbekommen, wer hier der wahre Feind ist. Eine bessere Aufklärung haben wir im Moment nicht. Dann geht ihr zur Waffenkammer und rüstet euch aus! Ich brauche da draußen Leute, denen ich vertrauen kann. Schnapp dir Koslowski, Birnbaum und Schumacher! Ihr werdet die Einsatzteams anführen.“            

            Endlich war es soweit.  
Marten machte auf dem Absatz kehrt und eilte zur Tür. Auf halbem Weg rief ihm Dreher noch hinterher:        
            „Oh und sag der Forensik Bescheid! Sie sollen hochkommen und ihre Arbeit machen, damit die Leiche von hier verschwinden kann.“



Index

[1] Telefonkonferenz
[2] Allianz Deutscher Länder
[3] New European Economic Community

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