Sonntag, 2. November 2014

Die Nacht der langen Messer

Kapitel 2 – Heißer Reifen

           Dämmerlicht drang durch die frisch geputzten Fensterscheiben und vermischte sich mit dem spärlichen, weißkalten Kunstlicht der Deckenlampen. Die Sonne enthüllte nichts, das Ricardo nicht bereits mit Hilfe seiner künstlichen Augen hatte sehen können. Viel zu entdecken gab es eh nicht. Nackte, in schlichtes Weiß getünchte Betonwände standen ringsum. Nur ein Pin-Up-Kalender mit drittklassigen Weibern und ihren viertklassigen, künstlichen Titten, schmückte den Raum. In regelmäßigen Abständen ragten Träger der stützenden Stahlkonstruktion aus den Wänden hervor. Förderbänder lieferten Fracht vom Verladedock durch die Anlage, an Scannern vorbei und aus der Halle heraus in den Außenbereich, wo sie auf Zügen und Lastwagen ihre weitere Reise antraten.
            Ricardo war es unmöglich die Schlichtheit der Architektur, die Sauberkeit oder die Effizienz zu schätzen, mit der hier gearbeitet wurde. Es war nicht so, dass es ihm an blumigen Ausdrücken gemangelt hätte. Er kannte sie alle aus der Zeit vor seiner Metamorphose. Doch seit er nach umfangreichen Operationen mehr Maschine denn Mensch war, hatte vieles um ihn herum an Bedeutung verloren. Genuss, leichtfüßiger Umgang mit Frauen, Pflege sozialer Kontakte… Ricardo spürte keine Leidenschaft mehr in seinem Leib. Selbst der Begriff Langeweile war etwas, das mit jedem Tag fremder klang. Ihm war spätestens seit der letzten Operation das Gefühl für Zeit vollständig entglitten. Geduldig konnte er stunden-, ja tagelang, ausharren und warten, ohne dass es ihm etwas ausgemacht hätte. Stoisch wie ein Roboter auf Abruf.



            Das Einzige, was ihn noch ein klein wenig kribbeln ließ, war die Macht, die ihm vier künstlichen Gliedmaße, Implantate im Kopf und eine Dermalpanzerung verlieh, die große Teile seiner Haut ersetzte. Nichts und niemand konnte ihm etwas anhaben. Er war sicher: So musste sich Gott fühlen.         
            Wirklich wichtig war ihm nur noch der Auftrag. Und ein hochdatierter Scheck am Ende des Monats. Der UCAS Bürger mit südamerikanischen Wurzeln war ein bescheidener Mann mit bescheidenen Ansprüchen. Ein Kind erschießen? Einen Gefangenen foltern, um an Informationen zu gelangen? Ihn kümmerte es nicht, was er da tat. Lone Star bezahlte gut, also sah er keinen Grund sich zu beschweren.     
            Zwei Männer und eine Frau betätigten sich geschäftig hinter dem Tresen. Es waren Zollbeamte. Ricardo sah sie nicht zum ersten Mal. Ihre Aufgabe war die Überprüfung von Gefahrgut, das über den Hamburger Hafen in die ADL importiert wurde.        
            Die einmalige Provision, die vor sieben Wochen auf ihren Konten eingegangen war, garantierte Lone Star, dass sie sich nicht übermäßig für den Inhalt der Container interessierten. War alles ordentlich verplombt und gesichert? Dann durfte die Ladung passieren. Seit Operation Stille Post angelaufen war, hatten sie peinlichst darauf geachtet, dass der Eingang von Schmuggelware nur mit ihren Schichten zusammenfiel. So hielten sie die Kosten und das Risiko niedrig.           
            Inzwischen unterließen sie es glücklicherweise Ricardo und seinen stiernackigen Kameraden Jeff während der Prozedur voll zu quatschen. Schließlich waren sie nicht auf Fraternisierung mit dem Dienstvolk aus. Die Beamten sollten gefälligst den Mund halten und so tun als hätten sie ihren Job richtig gemacht, damit sie hier schnell wieder raus konnten.       
            Normalerweise arbeiteten vier Zöllner, aber einer von ihnen fehlte. Der schmierige Fettsack mit den gigantischen Schweißflecken unter den Achseln hatte sich spontan krank gemeldet. Wenn man eine delikate Mission wie die ihre durchführt, reagiert man empfindlich auf jede unerwartete Veränderung. Die Brünette versicherte ihm mehrfach, mit einem nervösen Lächeln, dass alles in Ordnung sei und hierdurch keinerlei Verzögerungen auftreten würden. Ricardo entschloss dennoch besonders wachsam zu bleiben.  
            Wie versprochen wurde die Ladung im selben zeitlichen Rahmen wie immer abgefertigt und freigegeben. Ohne ein Wort des Abschieds verließen die beiden Lone Star Söldner den Zoll und gingen zur Frachtrampe, wo der Container jeden Moment eintreffen musste. Am Truck warteten bereits zwei weitere Kameraden auf sie. Steven und Martin rauchten Zigaretten und scherzten über etwas,
das Ricardo nicht verstehen konnte. Er hätte ohnehin nicht gelacht. Humor war seiner Meinung nach niederen Lebensformen vorbehalten. Auch diese beiden waren stark vercybert, hatten aber noch nicht den Punkt Menschlichkeitsverlust erreicht, wie er. Verglichen mit ihm waren sie noch erbärmliche Schwächlinge.     
            Als Martin sie kommen sah, trat er seine Zigarette aus und tippte Steven an, damit er es ihm gleich tat. Bevor er Ricardo etwas fragen konnte, öffnete sich das Rolltor der Frachtrampe und der Container glitt auf schweren Metallrollen heran. Stumm machten sich die Männer an die Arbeit, brachen das Siegel, öffneten die Türen und deponierten dreizehn Paletten mit Kisten voller Waffen, Munition und weiterer Ausrüstung im Anhänger des Trucks. Nach einer Viertelstunde war die Arbeit erledigt.      
            Während sich Martin und Steven zur Fracht gesellten, stieg Ricardo auf den Beifahrersitz und überließ Jeff das Fahren. Der kahlgeschorene Mann aus Neuengland koppelte sich mit der Riggeradaption des Fahrzeugs und startete den Motor. Mit einem blubbernden Bollern erwachte er zum Leben.     

            Ricardo musste Jeff nicht extra sagen, dass er höchste Wachsamkeit walten lassen sollte. Solange sie sich noch in unmittelbarer Nähe des Hafens aufhielten, waren sie weitestgehend sicher. Hier hatte die Hamburger Zoll- und Marineschutztruppe HAZMAT das Sagen. Dabei handelte es sich um eine paramilitärische Sicherheitstruppe, die im Hafengebiet für Recht und Ordnung sorgte und für ihr hartes Durchgreifen bekannt war. Dass die HAZMAT ihnen nicht auf die Spur kam, dafür sorgten die geschmierten Beamten, denn Waffenschieber waren hier nicht gern gesehen. Zum Ausgleich würde sich niemand trauen ihnen im Hafen aufzulauern, es sei denn er hatte Todessehnsucht.          
            Kritisch wurde es erst, wenn sie das Einzugsgebiet der HAZMAT verließen. Dies war der optimale Zeitpunkt für einen Überfall. Nun gab es keinen Grund anzunehmen, dass jemand ihrem Unternehmen auf die Spur gekommen war und etwas derartig Dummes plante, aber sie waren Profis und erwarteten daher stets das Schlimmste.     
            Sie waren etwa drei Minuten gefahren, als Jeff etwas über seine hoch über dem Truck positionierten Wächterdrohnen entdeckte. „Uns hängt 'ne Fly-Spy am Arsch.“           
            Früher hätte Ricardo überrascht „WAS?!“ ausgerufen, aber das war sein altes, sein schwaches Ich. Stattdessen warf er Jeff nur einen fragenden Blick zu. „Sehr kleine Drohne. Purer Zufall, dass ich sie überhaupt zu sehen bekommen habe.“, fuhr er fort, „Fliegt uns seit dem Hafen hinterher.“      
            „Könnte es eine vom Zoll sein?“          
„Möglich, kann ich aber noch nicht genau sagen. Ist vielleicht falscher Alarm.“          
            Der Latino schnaubte verächtlich, während er versuchte über die Fenster und den Seitenspiegel zu erkennen, ob ihnen jemand auf den Fersen war: „Ich glaube nicht an Zufälle.“           
            Sie waren mit aller höchster Vorsicht vorgegangen, hatten sich stets an ihre Protokolle und den Ball flach gehalten. Selbst wenn man Verdacht geschöpft hatte, wie war man ihnen auf die Spur kommen? Hatte Schwabbelbacke sie etwa verpfiffen? Denkbar war es, aber unwahrscheinlich. Er hatte viel zu viel Angst vor Ricardos beeindruckender Erscheinung gehabt, als dass er sich zu so einer Dummheit trauen würde. Andererseits vermochte Geldgier sogar auf Feiglinge ungemein motivierend wirken.         
            Bislang konnte er keine Verfolger ausmachen. Alles sah nach hundsgewöhnlichem frühmorgendlichem Berufsverkehr aus. Die Straßen waren belebt, aber noch nicht von den Wagen der Pendler vollgestopft, wie es etwa eine Stunde später zu erwarten war.
            „Ist die Drohne noch über uns?“         
„Positiv.“         
            Das war definitiv kein gutes Zeichen. 
Falls jemand in der Regierung Lunte gerochen hatte, war es nicht unmöglich ihre Fährte aufzunehmen. Man musste nur wissen, wo man zu suchen hatte. Beim Vergleich der Frachtlisten, konnte man Regelmäßigkeiten in den Unstimmigkeiten entdecken. Wiederum war es sehr unwahrscheinlich, dass jemandem dies gelang, aber es war möglich. Die Spur würde dann zur Spedition führen, die die Fracht jedes Mal abgeholt hatte: HanseTransport. Sofern man weitergrub, konnte man über diverse Briefkastenfirmen bei einem Tochterkonzern von Lone Star landen. Spätestens dann musste man nur noch Eins und Eins zusammenzählen, um sich den Twist im Plot ausmalen zu können.     
                    Der Hamburger Hafen war groß. Verdammt groß sogar. Unter normalen Umständen war es besonders bei einem Hafen wie diesem, der mitten in der Stadt lag statt in einem eher verlassenen Außenbezirk, kein leichtes Unterfangen ein bestimmtes Fahrzeug zu finden und zu überwachen. Dummerweise waren die Trucks, die Lone Star für die erste Phase von Operation Stille Post einsetzte, dafür gedacht später als Truppentransporter und mobile Einsatzzentralen zu dienen. Wer einen genaueren Blick auf den Lastwagen warf, stellte fest, dass die Reifen aus kugelsicherem Material bestanden und von einem ungewöhnlich hohen Gesamtgewicht zeugten. Das würde anschließend die Aufmerksamkeit auf die dicke Panzerung des Hängers und der Fahrerkabine lenken. Und dann war da noch eine verdächtige Wölbung auf dem Dach im hinteren Drittel des Anhängers. Was wie der äußere Teil einer Kühleinrichtung aussah, wollte dort nicht so recht hinpassen. Schließlich handelte es sich bei dem Lastwagen nicht um einen Transporter für verderbliche Ware. Nein, die Kühlung war nur Tarnung für eine Waffenplattform, die Jeff von der Fahrerkabine aus steuern konnte.       
            Für jemanden, der sich mit der Materie auskannte, fiel der Truck auf wie ein bunter Hund. Ein Rigger, der Drohnen steuern konnte, war beispielsweise so ein Jemand.   
            Ricardo beobachtete weiterhin aufmerksam den Verkehr. Alles sah normal aus. Dann fiel ihm ein Motorrad auf. Zwei Gestalten saßen darauf und näherten sich ihnen auf ungewöhnlich kurze Distanz. Entweder war das ihr Verfolger oder nur ein Depp, der es eilig hatte. Es gab nur einen Weg das herauszufinden.          
            „Versuch die Mirage hinter uns abzuhängen!“
Jeff folgte umgehend dem Befehl und trat aufs Gas. Mit geringer Verzögerung erhöhte auch das Zweirad das Tempo und schloss wieder auf. 'Erwischt!'          
           
Mit dumpf glimmender Befriedigung aktivierte Ricardo sein Komlink und wählte die Nummer des Einsatzleiters. Statt ein Freizeichen kam nur ein gleichbleibendes Rauschen.     
            „Sie haben einen White Noise Generator. Ich komm nicht zum HQ durch. Knall sie ab und dann nichts wie weg von hier!“, befahl er tonlos.        
            Von einem Moment auf den nächsten verwandelte sich der verschlafene Berufsverkehr in heilloses, blutiges Chaos. Schwungvoll klappte auf dem Dach des Transporters die Verschalung der Kühleinrichtung zu zwei Seiten weg und legte ein Geschütz frei. Ruckartig wurde es einige Zentimeter in die Höhe gewuchtet, in Schussposition arretiert und ohne Verzögerung abgefeuert. Ihre Verfolger mussten etwas geahnt haben, denn der Fahrer der Mirage wich seitlich aus, gab Gas und setzte sich in den toten Winkel der Waffe, direkt hinter der Frachtluke.       
            Währenddessen spie die Kanone auf dem Dach ohne Unterlass Tod und Verderben. Ein Golf Retro-Edition, der hinter der Mirage über die Fahrbahn gezockelt kam, wurde von den Projektilen in Fetzen gerissen. Die Fahrgastzelle füllte sich schlagartig mit roter Luft, dann platzte der hintere Teil des Wagens ab und schlitterte Funken sprühend davon. Die Front überschlug sich mehrfach und krachte schließlich in den Gegenverkehr, was eine Massenkarambolage nach sich zog.    
            „Wir haben zwei Banditen.“, konstatierte Jeff unaufgeregt. Tatsächlich! Etwa hundert Meter entfernt wich ein Toyota Coaster dem Heck des Golfs geschickt aus und arbeitete sich mit hoher Geschwindigkeit zu ihnen nach vorne durch. Aufgrund der sich ineinander verkeilenden Fahrzeuge auf der Gegenfahrbahn, nutzte der Gegner mehrfach Parkstreifen und Bordsteine, um die erschrocken abbremsenden Verkehrsteilnehmer umfahren zu können.     
            „Der Toyota ist die größere Gefahr. Setz ihn als neues Ziel!“
„Schon erledigt.“         
            Einige Sekunden lang passierte gar nichts, sodass Ricardo ungeduldig nachhakte: „Worauf wartest du denn?“     
            „Irgendetwas stimmt nicht. Die Sensoren geben eine Hitzewarnung nach der nächsten durch. Der Bordcomputer hat die Sicherheitsabschaltung der Waffe eingeleitet.“ Der Söldner war außerstande die Informationen von den virtuellen Instrumenten abzulesen, da sie nur dem Rigger zu seiner Linken angezeigt wurde,. eingespeist aus dem Bordcomputer, direkt in sein Gehirn. Doch er zweifelte nicht an der Richtigkeit seiner Worte. Was war auf dem Dach los? Ein Brandsatz etwa?  

            Während er noch in Gedanken die Optionen durchging, sah er einen kurzen Augenblick, nicht länger als für einen Wimpernschlag, eine in Flammen stehende Gestalt vor der Fahrerkabine aufleuchten. Dann verschwand sie unter ihnen. Ein Rütteln fuhr durch ihre Sitze. „Was ist denn jetzt wieder los!?“       
            Jeff fluchte und riss das Steuer ruckartig herum, tranchierte dabei fast einen Kleinbus auf der Gegenfahrbahn wie eine Weihnachtsgans, prallte stattdessen von ihm ab und landete wieder auf seiner Spur. Das Ruckeln war vorerst verschwunden.       
            „Pass auf, das war ein Feuerelementar!“         
„Drek! Ich hasse Magier.“ Um die Geschwindigkeit halten zu können, ging er nicht auf die Bremse, als sie sich rasch einem Elektro-Stadtflitzer näherten. Die Fahrerin wusste nicht wie ihr geschah, als sie HanseTransport auf die Hörner nahm und dann unsanft seitlich wegprügelte. Schließlich endete ihr FlashyRod als Plastikknäul an einer Mauer. Mit etwas Glück würde sie diese Begegnung überleben, ohne für den Rest ihres Lebens an einen Rollstuhl gefesselt sein.      
            Ricardo ging der Gedanke zwar durch den Kopf, aber es war eher ein Posten auf der Metzgerrechnung dieser Fahrt, der kaltherzig notiert wurde, als Mitgefühl mit einer Unschuldigen, die bloß das Pech gehabt hatte zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen zu sein.   
            Wieder ging ein Ruck durch das Fahrzeug, was Jeff zu weiteren Manövern veranlasste, um den Elementar abzuschütteln. Unterdessen nutzte der Toyota die Gelegenheit zum Überholen. Der Lone Star Söldner war für einen Moment so sehr abgelenkt, dass er erschrocken auswich, als der Gegner gefährlich seine Spur schnitt. Der Truck drohte an der Mauer zu zerschellen, dann sprintete das Lenkrad wieder in die entgegengesetzte Richtung. Das Fahrzeug machte eine Menge Sperenzchen mit, aber die Physik erhob an dieser Stelle mahnend den Zeigefinger. Durch den Schwung in die eine Richtung und den Fliehkräften, die dagegen preschten, hob langsam die linke Seite ab. Die Reifen verloren den Bodenkontakt. Erst drei, dann sieben, elf, schließlich fünfzehn Zentimeter. Immer noch schwenkte der Truck wieder auf die Straße zurück.           
            Mit Ach und Krach konnte Jeff das Fahrzeug wieder unter Kontrolle bringen. Kraftvoll klatschten die Reifen auf den Teerbelag. Nach einigem Schlingern und mit wippendem Hinterteil folgte der Rest des Lastwagens wieder den Befehlen der Lenkung.    
            Doch wer auch immer den Toyota fuhr, gönnte ihnen keine Pause. Auf dem Dach klappte ein verstecktes Fach auf, nicht unähnlich dem ihren, und ein Maschinengewehr kam zum Vorschein. Bevor das Feuer eröffnet wurde, glaubte Ricardo erkannt zu haben, dass es sich um ein Modell von Ruhrmetall handelte. Wenn ihm sein Humor nicht bereits abhanden gekommen wäre, hätte er die Ironie zu schätzen gewusst, dass er in diesem Moment ausgerechnet so etwas wahrnahm.      
            Scheiben, die sich in Spinnennetze verwandelten, Plastikverkleidung, die zu Schrapnells zerplatzte, kreischendes Metall, Splitter regneten durch die Kabine. Schließlich zerrte der Fahrtwind an ihnen. Der erste Angriff hatte ihrem Führerhaus das Dach gestohlen. Irgendwo hinter ihnen landete es auf dem Trottoir und zwang Passanten in Deckung zu springen. Weder Jeff noch er selbst hatten mehr als Kratzer davon getragen, aber es war klar, dass sie etwas unternehmen mussten.           
            „Das Dach muss die Aufhängung vom Geschütz getroffen haben.“    
            Ricardo dachte einen kurzen Augenblick nach.
„Ist das Hitzeproblem beseitigt?“         
            Jeff nickte.      
Der Latino schnallte sich ab, kletterte durch das offene Führerhaus auf das Dach des Anhängers und machte sich an der Waffe zu schaffen. In dem Winkel, in dem sie nun dort hing, war sie nutzlos geworden, schien aber grundsätzlich einsatzbereit zu sein. Mit wenigen Handgriffen hatte er die Verbindungsstecker gelöst, aber das gesamte Gestell hatte sich verbogen, sodass er Mühe hatte den Argumentationsverstärker auch nur einen Millimeter zu bewegen.   Vorne tobte erneut das cholerische Maschinengewehr auf dem Toyota. Unbeeindruckt, spreizte Ricardo mit der Kraft seiner Cyberarme zwei Streben auseinander. Erst als Kugeln von der Seite her über die Metallstreben der zerstörten Halterung peitschten, ging er in Deckung. Der Regen tödlicher Bienen endete und er wagte einen vorsichtigen Blick über den Rand des Dachs. Immer noch folgte ihnen die Mirage. Der Beifahrer auf dem Sozius hielt eine Maschinenpistole in der Hand und schoss ein weiteres Mal.          
            Blitzschnelle Reflexe ließen Ricardos massiven Körper aus der Ziellinie rollen. Doch zu spät. Etwas traf ihn im Rücken und überschüttete seinen Körper mit krampfartigen Zuckungen. War er getasert worden?! Hatten sie eine Stromleitung gestreift?!      
            Mühsam zwang er seine mehrheitlich künstlichen Muskeln wieder unter Kontrolle und wandte sich erneut dem Geschütz zu. Wenn er einen Vorteil erringen wollte, musste die Waffe aus der Halterung heraus. 'Und das am besten schon gestern.'          
           
Zwei Streben waren nun offen, fehlten nur noch die beiden letzten.   
Unter Aufbietung all seiner Kräfte zog Ricardo. Widerwillig gab das Metall nach und begann sich zu verbiegen. Von vorne skandierte die Ruhrmetall ein weiteres Mal den Namen des grimmigen Schnitters, während von hinten die Maschinenpistole versuchte ihn zu erwischen. Doch er hatte sich in einen Winkel hinter der Waffenplattform zurückgezogen, wo es nahezu unmöglich war ihn während der Fahrt zu treffen.       
            Mit einem trockenen Klacken kam die Sturmkanone so plötzlich frei, dass er fast nach hinten umgefallen wäre. Noch einmal inspizierte er den Gegenstand. Die Lackierung war an einigen Stellen verbrannt. Seiner Meinung nach sah es danach aus, als hätten sehr hohe Temperaturen darauf eingewirkt. 'Der Feuerelementar.'         
           
Zufrieden registrierte Ricardo, dass das Rütteln verschwunden war. Jeff musste es geschafft haben den Geist loszuwerden. Und der Rest würde ihm bald folgen.           

            Grimmig entschlossen lud er durch und hoffte, dass er es trotz seines Zustands würde genießen können, wenn ihre Leiber aufplatzten. Er biss die Zähne zusammen, stand auf und betätigte den Abzug.   
            Doch bevor der Schlagbolzen das Projektil im Inneren der Kammer auf Reise schicken konnte, hatte der Fahrer der Mirage die Hand gehoben. Ein greller Blitz überbrückte binnen Nanosekunden die Distanz zwischen ihnen und zog ihm den Boden unter den Füßen weg. Als wäre er auf Ecstasy, wirbelten seine Gliedmaßen zu unhörbarem Technobeat umher. Alles in seinem Körper schien ein Eigenleben zu Entwickeln und beging Insubordination         .          
            Der Söldner konnte nicht verhindern, dass er, immer noch das Sturmgewehr kampfhaft in einer Hand haltend, über den Rand des Daches rutschte. Er sah den Vorsprung, an dem er sich festhalten konnte und gab dem linken Arm den Befehl etwas für den Selbsterhaltungstrieb zu tun. Der jedoch hatte kein Einsehen und ruderte stattdessen sinnfrei durch die Luft.
            Ricardo de la Fuentes starb nicht durch den Aufprall auf der Straße, sein Körper war für solche Gelegenheiten gewappnet. Auch der vierfache Doppelreifen des Trucks, der im nächsten Augenblick seinen Körper malträtierte, eins ser künstlichen Beine abriss, den linken Arm in einen formlosen Brei verwandelte, den Unterkiefer zertrümmerte, innere Organe quetschte, Rückenwirbel und Rippen brach, die ihrerseits wiederum einen Lungenflügel perforierten, konnte ihn nicht töten.           
            Wie ein Medizinball wurde er von den Pneus nach hinten geschleudert, flog in einem flachen Winkel auf das Motorrad zu, das ihm im letzten Moment auswich, einem Haken schlagenden Hasen gleich. Mehrfach überschlug sich Ricardo, schlitterte über den Asphalt, bevor er im Rinnstein liegen blieb. Helles Blut, vermischt mit Speichel und zerbrochenen Zähnen, troff aus seinem Mund. Nach vielen Jahren wusste er wieder, was es bedeutet Schmerzen zu fühlen. Da er nicht mal mehr in der Lage war zu schreien, wusste er, dass selbst die beste medizinische Versorgung keine Rettung mehr für ihn bedeutete.    
            Unfähig mehr zu tun, als zu sterben, musste er mit ansehen, wie eine kleine Explosion alles in gleißendes Licht tauchte. Flammen ergossen sich über das Führerhaus. Funken sprühten wie Wasserfälle auf den Straßenbelag. Der Anhänger stellte sich quer, hob leicht ab. Dann krachte der Lastwagen in eine Reihe parkender Autos, mit ihnen gegen eine Wand und beendete die Existenz der Zugmaschine; und mit ihr Jeff.   
            Schemenhafte Gestalten wuselten wenige Augenblicke später um das Wrack. Die Laderampe wurde geöffnet. Stakkatoartig flammte Feuerschein auf, als das Überfallkommando Martin und Steven erschoss. Sie machten sich an der Ladung zu schaffen, nahmen etwas mit und flohen bevor die Polizei den Tatort erreichen konnte.
            Die Mission war gescheitert, der Plan aufgeflogen. Nun lag es an ihren Kameraden, die Situation noch zu retten. Sehnsuchtsvoll wartete Ricardo auf den Tod. Auf das Ende der Schmerzen.     
            Doch dieser Frieden war ihm nicht vergönnt.  
Sanitäter wuchteten ihn auf eine Tragbahre, schoben ihn in einen Krankenwagen und fuhren ins nächste Hospital. Selbst auf dem OP-Tisch konnte er den Häschern in Weiß nicht entkommen. Pflichtbewusst reponierten sie alle Knochen, schraubten und nagelten sie wieder zusammen, amputierten was nicht mehr repariert oder aneinandergenäht werden konnte, räumten auch das Hämatom aus, das sich nach dem Unfall in seinem Schädel ausgebreitet hatte.         
            Ricardo de la Fuentes lebte.    
Unfähig mit seiner Umwelt in Kontakt zu treten, nicht einmal mehr in der Lage zu Sprechen oder die Augen zu bewegen, wurde er fünf Monaten später in ein Heim verlegt. Dort wartete er seitdem, eingesperrt in seinem Kopf, auf das Ende und fand zu seinem Leidwesen etwas wieder, von dem er dachte, es sei für immer verloren gegangen: sein Gefühl für das Verrinnen der Zeit.


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen