Donnerstag, 12. Februar 2015

Kalte Wasser

            Sunetra betrachtete die Regentropfen, die langsam an der Fensterscheibe wie kleine Glaskugeln herunter rutschten. Obwohl die Fensterfront geschlossen war und die automatische Raumtemperatur die Kälte auf der anderen Seite zuverlässig in Schach hielt, meinte sie den Wind an ihren Armen und Beinen spüren zu können. Das laute Pfeifen des nächtlichen Windes tat sein übriges.          
            Die Nacht war ihr immer lieber gewesen als die blendende Klarheit der Sonne, die die Welt in Hell und Dunkel unterteilt oder gar alles mit ihrer Helligkeit für sich beansprucht. Die andere Hälfte des Tages erschien ihr stets passender, mit den wechselnden Bedingungen von Vollmond, Wolken, künstlichem und natürlichem Licht. Der Tag war die Domäne der Optimisten und ironischerweise, der Träumer. Seine Welt war klar und hell, ganz von selbst und offen für jeden, der in sie hinein trat. Die Nacht hingegen erforderte, dass man sich mit ihr auseinander setzte, Licht und Möglichkeiten mussten den Schatten und der Dunkelheit abgerungen werden. Grau und Schwarz waren ihre Farben. Silhouetten konnten alles in sich beinhalten, von tödlichen Gefahren bis zu besten Freunden. Dies erschien ihr stets als eine bessere Beschreibung der Welt, ohne dass sie dies jemals zum Anlass genommen hätte an ihr zu verzweifeln. Vielmehr lag darin ein Imperativ, eine fundamentale Herausforderung, und Sunetra hatte sich dieser stets gestellt.      
   
            Ihr Blick schweifte über die unzähligen Lichter der Stadt unter ihr, alle eifrig darum bemüht die Finsternis vom Boden fernzuhalten, als wolle die Stadt selbst dem Sternenhimmel über ihr nacheifern. So sehr sie die Möglichkeiten und Vielfalt schätzte, die ihr dieser See von Menschen bot, wanderte ihr Blick doch zur Küste und die pechschwarze See, die das Licht zu schlucken schien wie ein riesiger Teppich. Für einige Sekunden fühlte sie sich als würde sie in diesen schwarzen Fleck gezogen werden wie in einen riesigen Abgrund. Erst zögerlich, als erwartete sie dass ihre Lungen sich mit Salzwasser füllen würden, dann entschlossen, nahm sie einen tiefen Atemzug und drehte sich um.     
            Yashida saß immer noch mit steifem Rücken vor dem Schrein an der Wand, in dessen Mitte das Foto seines Vaters stand, umrahmt von Opfergaben, Blumen und Räucherstäbchen. Langsam und konzentriert beendete er sein Gebet und setzte sich auf. Obwohl er über eine Stunde am gleichen Fleck verharrt hatte ließ es keine unüberlegte Geste zu, kein Stöhnen oder Ausschütteln der Beine, nicht einmal ein einfaches Schulterzucken. Diese Selbstbeherrschung und Förmlichkeit war wohl ein Grund dafür, warum er meist viel älter wirkte als er in Wirklichkeit war.    
            Als er bemerkte, dass sie ihn beobachtete, lächelte er sie an und für einen kurzen Augenblick wirkte er gar nicht mehr förmlich. „Willst du etwas essen bevor wir aufbrechen?“ fragte er sie, gedanklich bereits am planen und kalkulieren, welche Dinge noch erledigt werden mussten.         
            Sie schüttelte nur kurz den Kopf, was er als Anlass nahm sich ins Schlafzimmer zurück zu ziehen. Ihr Blick wanderte über seinen Rücken und Hinterkopf. Der lang gestreckte Hals und die aufrechte Haltung ließen ihn größer aussehen als er wirklich war. Wie die meisten Magier war er kein Muskelpaket, aber seine Ausstrahlung verriet ihn sofort als Erben einer Samuraifamilie, stolz und mit einer Aura der Autorität ausgestattet.
            Seine Rolle im Leben war praktisch mit seiner Geburt festgelegt worden, sein besonderes Talent lediglich eine Zugabe gewesen. Als Sohn aus gutem Hause und noch dazu magisch begabt, hatte er die strenge und formelle Art seiner Eltern seit seiner Kindheit in sich aufgesogen. Er schien aus diesen Ritualen seine Disziplin und Konzentration zu ziehen, die ihn zu dem mächtigen Magier machten, der er war.          
            Und so sehr Sunetra genauso ein Produkt der Welt von MCT war, tief in ihrem Inneren hatte sie stets eine Lücke gefunden, einen kleinen Spalt zwischen ihrer Existenz als mächtige und erfolgreiche Agentin ihres Konzerns.   
            Und sich selbst.          
Die Umgangsformen, die Regeln und Intrigen meisterte sie genauso erfolgreich wie diejenigen, die in die MCT-Familie hinein geboren worden waren. Aber sie kamen ihr manchmal eher wie eine Rüstung vor, eine schützender Kokon und eine schwere Last zugleich. Je weiter sie in der langen Leiter der Hierarchie hochgeklettert war, umso schwerer kam ihr die Rüstung vor. Als würde ein riesiger Magnet sie in eine Richtung ziehen, hatte sie das Gefühl die Kontrolle über ihr Leben schon lange an mechanische und kaltherzige Kräfte abgegeben zu haben.    
            Wenn sie ihn so ansah, erschienen ihr plötzlich verschiedene Bilder im Kopf, wie eine Kollage seiner Rolle in vergangenen Zeiten. Als Feldherr zu Pferde, in einem altmodischen doppelreihigen Anzug Reden haltend, im Kniesitz vor einer langen Reihe untergebener Fürsten. Manchmal sah sie sich selbst im Hintergrund, als Beraterin und Vertraute, als Offizier und rechte Hand. Doch stets war sein Blick in die Ferne gerichtet, nie zu ihr.       
            Ihr Blick schweifte weiter über die eckigen Sofas, die in der Mitte des Raumes standen, den perfekt polierten Holzboden und die modular höhenverstellbare Küchenzeile am anderen Ende. Die Lichter der Stadt spiegelten sich als kleine goldene Punkte in den metallischen Armaturen und Griffen wider, so als wäre in jeder eine eigene kleine Galaxie gefangen, wie in einer Schneekugel. Die Wohnung war zwar ihr zuhause, aber in diesem Moment kam sie ihr wie eine fremde Welt vor, eine Kopie oder eine dieser realistischen Simulationen, in denen man doch immer wusste dass es nicht real war, weil irgendein winziges Detail nicht stimmte.    
            Die Komposition aus Leder, Holz und Metall kam ihr zu kalt vor, so als würde ein riesiger Eisblock den gesamten Raum umgeben. Sie fröstelte kurz, während sie an den Schrank ging und ihr Commlink und eine Datenbrille heraussuchte. Ihre Finger glitten durch die Luft, während sie in den Projektionen an der Wand nach dem richtigen Bild suchte. Kurz flackernd, doch dann stetig wie ein aufgehängter Kunstdruck füllte sich die Wand mit dem Bild.  
            Eine grüne Wiese und ein Kirschbaum umrahmten Yashida und sie, während sie auf einer karierten Picknick-Decke saßen und in Richtung der Kamera lächelten. Sie trug einen fein bestickten, aber praktisch geschnittenen Kimono und er ein einfaches weißes Hemd. Sie konnte sich noch gut an den Tag erinnern. Der Himmel war tatsächlich so blau gewesen wie auf der Aufnahme und der Lärm spielender Kinder hatte sich mit dem Vogelzwitschern vermischt.    
            Sie lächelte beim Gedanken an den Anblick der Männer und Frauen ihrer Abteilung, allesamt extrem begabte und geschulte Maho-Tsukai, wie sie Decken ausbreiteten, mitgebrachtes Essen auspackten und sich über auslaufende Getränkeflaschen beschwerten. Hier saßen Leute beisammen, die den Tod nicht fürchteten weil sie Schlimmeres gesehen und überlebt hatten, und stritten sich über die richtige Art ein Sandwich einzupacken. Es war ein ungewöhnlich entspannter Tag gewesen und in diesem Moment kam es ihr wirklich so vor als wären diese Leute ihre Familie, zumindest soweit ihr Verständnis dieses Wortes reichte.        
            Yashida und sie hatten sich bei einem dieser Firmenpicknicks kennen gelernt; und wie Adelsfamilien vergangener Jahrhunderte waren Kollegen und Vorgesetzten fast genauso involviert gewesen wie ihre gegenseitige Anziehung. Ob es der Kollege war, der sie und ihn zum gemeinsamen Essen mit seiner Frau einlud, oder die unauffällige Zuteilung des gemeinsamen Zugabteils während einer Dienstreise, stets waren andere bemüht, ihnen romantische Gelegenheiten in ihrem eng gepackten Arbeitskalender zu geben. Obwohl dies bisweilen unfreiwillig komische Züge angenommen hatte, musste Sunetra zugeben, dass sie für die ungebetene Einmischung dankbar gewesen war. Sie war sich nicht sicher ob Yashida und sie sonst jemals ein Paar geworden wären.          
            Wie die meisten gut ausgebildeten Japaner waren sie an eine strenge Etikette gewöhnt, die wenig Platz ließ für spontane und ungezwungene Interaktion, die zwei Menschen einander näher kommen lässt. Als hätte er ihre Gedanken gelesen (etwas wozu er durchaus in Lage war), umarmte Yashida sie von hinten.        
            „Was tust du?“, fragte er.       
„Erinnerst du dich an unseren Besuch auf dem Kirschblütenfest?“
            „Natürlich. Wir haben die Zugvögel beobachtetet und uns das Feuerwerk angesehen. Warum fragst du?“

            Sunetra verstummte kurz. „Ich musste nur gerade daran denken.“ Sie seufzte und drehte sich um. „Hast du nicht manchmal das Gefühl, dass wir wie in einem riesigen Strom gefangen sind?“
            Seine Miene blieb unverändert, aber sie konnte sein Unbehagen spüren. „Wir sind alle nur ein winziger Teil eines großen Ganzen. Du weißt das wahrscheinlich besser als die meisten Menschen.“     
            „Das meine ich nicht. Kannst du nicht bereits den Rest unseres Lebens vor dir sehen? All diese Intrigen und Pläne,... Für was?!“
            „Reicht es nicht, seinen Teil beizutragen und seine Pflicht zu tun?“ erwiderte er unsicher. „Unser Pflichtgefühl unterscheidet uns von den ganzen selbstsüchtigen Wahnsinnigen da draußen, die glauben die Welt würde ihnen gehören, nur weil sie die Realität ein bisschen ihrem Willen unterwerfen können.“   
            Sie nickte still. „Entschuldige. Ich schätze du hast recht.“ Von dieser Antwort scheinbar zufrieden gestellt reichte er ihr einen gefalteten langen Gürtel. „Ich dachte der würde heute Abend gut passen. Das Wasser um den Tempel soll grün wie Smaragde sein.“
            Sie betrachtete den grünen Seidenstoff und für einen Moment kam ihr das kleine Rechteck wie ein See vor, dessen Tiefe sie nicht ergründen konnte. Sie gab ihm einen kleinen Kuss und nahm den Gürtel mit ins Schlafzimmer. Sie legte einen traditionellen hellen Kimono raus und zog sich um. Der frisch gewaschene Stoff war zwar kühl, fühlte sich aber angenehm auf der Haut an. Sie wickelte sich den Gürtel um die Taille und betrachtete das Ergebnis im Spiegel. Mit den streng zurückgebundenen Haaren, ohne Makeup und dem traditionellen Gewand sah sie fast wie in ihrer Vision aus: ein Überbleibsel aus einer anderen Zeit. Sie strich den Stoff ein letztes Mal glatt und nickte. Ihr Verlobter stand bereits wartend bei der Tür, gerüstet in Anzug und Mantel. Eine kurze Geste ließ die Tür aufgleiten und den Fahrstuhl auf die richtige Etage fahren.      
            Nach einigen Minuten glitt die Tür lautlos aus dem Weg und offenbarte den Blick auf den Innenhof der Arkologie. Das Gebäude sah aus wie eine gigantische Muschel, die sich in mehreren Hundert Metern Höhe wie ein Band über die riesige Grünfläche in seiner Mitte erstreckte. Jedes dritte Stockwerk hatte eine kranzförmige Terrasse, die einmal um die gesamte Länge der Anlage lief. Die kleineren Parks und Grünanlagen auf diesen Terrassen hingen teilweise mehrere Stockwerke weit in die Tiefe, als wäre der Dschungel in Teile des Gebäudes eingedrungen, um die Kälte der funktionalen Architektur daraus zu vertreiben.        
            Zahlreiche kleine und große Drohnen huschten wie Bienen zwischen den verschiedenen Ebenen hin und her, lieferten Essen, begossen die Pflanzen oder sammelten den Müll ein.    
            Sie schlenderten kurz an den Rand und blickten auf das geschäftige Treiben unter ihnen. Die Bäume wogten im Wind, der Teil des künstlichen Mikroklimas war, und Sunetra entdeckte sogar ein paar Vögel, die aufgeregt zwischen den Wipfeln hin und her flogen. Einen kurzen Spaziergang später standen sie an der Landefläche, auf der bereits eine kleinere Flugmaschine auf sie wartete. Der heiße Wind der Turbinen zerrte an ihrer Kleidung, während sie durch die enge Luke in den Innenraum kletterte. Sobald sie beide eingestiegen waren jaulten die Triebwerke wie ein Rudel hungriger Wölfe auf, denen die Beute entkommen war, und der plötzliche Schub drückte sie in ihre Sitze.       
            Durch das kleine Fenster konnte sie die Terrassen und Fensterfronten der Arkologie an ihnen vorbei rauschen sehen, um dann Platz zu machen für die breite Fläche Tokyos. Während das Lichtermeer unter ihnen zu einem abstrakten Muster aus Farben verschmolz, ging Sunetra ein letztes Mal ihre Vorbereitungen für den heutigen Abend durch.          
            Obwohl sie bereits seit Monaten auf diesen Moment hin gearbeitet hatte und jeden Schritt auswendig kannte, hatte sie doch das Gefühl vollkommen unvorbereitet und schutzlos zu sein. Sie schloss die Augen und stellte sich einen See vor, der sich spiegelglatt und schwarz vor ihr ausbreitete. Langsam tauchte sie in das Wasser ein und öffnete die Augen. Zuerst war alles schwarz, doch langsam erhoben sich Muster und Konturen aus der Dunkelheit. Sie konnte kleinere Fische ausmachen, die zwischen Felsen und wogendem Seegras schwammen. Sie unterdrückte die in ihr aufsteigende Panik und versuchte sich zu erinnern, dass sie an diesem Ort nicht ertrinken konnte. Sie konzentrierte sich auf die fahlen Lichtstreifen an der Wasseroberfläche, bis sie Ähnlichkeit mit dem Nachthimmel hatten und wiederholte dabei ihr Mantra.           
            Sie war der Jäger. Dies war ihr Revier. Nichts konnte ihr gefährlich werden.   
            Sie war der Jäger. Dies war ihr Revier.
Vor ihr breitete sich immer noch die tintenschwarze Dunkelheit aus, doch langsam, ganz langsam schien etwas von unten zu ihr hochzusteigen. Sie spürte wie sich ihre Nackenmuskeln anspannten und das Blut in ihren Ohren pulsierte. Erst träge, doch dann immer schneller werdend schoss die Präsenz aus der Dunkelheit heran und auf sie zu. Die Dunkelheit selbst schien lebendig zu sein und Wirbel formten sich im Wasser vor ihr. Doch gerade als sie erwartete, dass etwas aus dem schwarzen Loch empor stoßen müsste, hörten die Bewegungen auf und alles lag so ruhig da wie zuvor. Als sie gerade anfing ihre Muskeln wieder zu entspannen spürte sie plötzlich etwas an ihrem Bein entlang streifen und schreckte hoch.    
            Der Innenraum lag dunkel beleuchtet vor ihr, die Banalität seiner klaren Konturen ein Kontrast zu den düsteren Bildern in ihrem Kopf. Yashida sah sie fragend an, während sie tief durchatmete, um ihren Puls zu beruhigen. „Ich glaube ich mache Fortschritte. So schnell wie heute habe ich seine Präsenz noch nie gespürt. Aber da ist immer noch diese Feindseligkeit, als wolle etwas mich nicht dort haben.“    
            „Es könnte der natürliche Instinkt sein, sein Territorium beschützen zu wollen.“        
            „Vielleicht.“, erwiderte sie.      
Den Rest des Fluges saßen sie schweigend nebeneinander, während unter ihnen die endlosen Häuserzeilen Platz machten für bewachsene Hügel und steilen Klippen, die jäh in das unruhig brandende Meer abfielen.       
            Nach einer Weile eröffnete sich der Blick auf einen größeren Gebäudekomplex, der in der Mitte einer Bucht stand, die durch eine Landzunge vor der starken Brandung der offenen See geschützt war. Ein einzelner langer Steg aus rot lackiertem Holz verband das auf Stelzen gebaute Gebäude mit dem Strand, der wiederum nur durch einen Tunnel zu erreichen war. In Richtung der Ausfahrt der Bucht konnte Sunetra ein einfaches Holztor ausmachen, ebenfalls in traditionellem Rot gehalten, das einsam in den Wellen stand und auf unerklärliche Weise von unterhalb der Wasseroberfläche beleuchtet zu werden schien.
            Sie erinnerte sich, dass die Priester diesen Ort auch das Tor zur Tiefe nannten. Die Maschine landete auf dem nassen Sand des Ufers. Am Anfang des Stegs warteten bereits mehrere Männer in den traditionellen Roben shintoistischer Priester, wallend und flatternd im Wind. Sunetra stieg aus und drehte sich ein letztes Mal zu Yashida um, der im Rahmen der Ausstiegsluke stand.   
            „Viel Glück. Wir sehen uns wenn alles vorbei ist. Bis nachher.“           
            „Danke. Sayonara.“, erwiderte sie und lächelte ihn ein letztes Mal kurz an, bevor sie sich umdrehte und auf den langen Weg den Steg hinunter machte.

von Marco Raphael


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