Freitag, 26. Juni 2015

Schatten über Jigoku



Prolog
            ‚Schatten dominieren diesen Ort.‘        

Der Priester spürte die hasserfüllte Präsenz durch jede Ritze, jede Spalte quellen, wie sie wucherte, sich tumorartig ausbreitete, die Seelen der Menschen infiltrierte und korrumpierte, alles und jeden ins Böse verkehrte. Shinta war unwohl in seiner Haut, doch er wusste tief in seinem Inneren, dass er nun, im entscheidenden Moment, nicht mehr zögern durfte. Seine Mission war, den Schatten zu bannen, der vor einiger Zeit damit begonnen hatte, von der Neu-Tokioter Unterwelt aus sein Netz zu spinnen.
            Viele Mühen und unzählige Gefallen hatte es ihn gekostet die Spur bis zu dieser Bar zu verfolgen. Karaoke und leichte Mädchen wurden hier neben Sake, Whiskey und Snacks auf der Karte angeboten. Unter normalen Umständen würde sich der Priester einen Dreck um die zwielichtigen Geschäfte scheren, die hier abgewickelt wurden. Bezahlter Sex stand nicht besonders hoch auf seiner Beliebtheitsskala, aber es gab weiß Gott schlimmere Verfehlungen. Doch unlängst hatte sich der Amüsierschuppen in eines der Nester verwandelt, in dem Es zu hausen pflegte. Während seiner Recherchen hatte der Shintopriester herausgefunden, dass sich das Wesen besonders in der Nähe von Außenseitern der Gesellschaft wohlfühlte.     
            Unter den Verzweifelten und Ausgestoßenen, die nichts mehr zu verlieren hatten, rekrutierte es auch seine Söldner. Manche von ihnen unterwarfen sich freiwillig seinem unbeugsamen Willen, andere zwang es mit Gewalt unter seine Kontrolle. Der traurige Rest bekam keine Chance von der Begegnung mit dem Leibhaftigen zu erzählen.    
            Nun saß der Priester im Halbdunkeln unter dem Treppenansatz in Deckung und wartete mit wachsender Anspannung darauf, dass Es ihm in die Falle ging.     
            Vier Männer saßen im Raum verteilt in den Sitzecken der Bar und unterhielten sich ausgelassen mit den Prostituierten. Sie tranken Bier aus Flaschen. Ein weiterer Mann verlor sein Geld an einen Spielautomaten, der ihn mit vielen blinkenden Lichtern und dem leeren Versprechen auf einen schnellen Gewinn ausnahm. Mit dem Rücken zu ihnen stand ein junger Ork am Eingang und beobachtete die Straße. Er, die Prostituierten und die Kellnerin trugen ein Mal, das man nur im Astralraum sehen konnte. Normalerweise leuchteten die Auren lebender Personen mehr oder weniger stark, aber diese wiesen dunkle Flecken auf, mit denen sie wie das Vieh eines Bauern markiert worden waren. Der Priester war sich nicht sicher, aber er hätte schwören können, dass die Male nicht wahllos aufgetragen worden waren, sondern zu einer ihm fremden Schriftsprache gehörten.      
            Vor diesen Leuten musste er sich besonders in Acht nehmen. Es war zu erwarten, dass sie versuchen würden den Schatten zu verteidigen. Er könnte sie zuerst töten, um seine Chancen zu verbessern, aber er war ein Priester und kein Auftragskiller. Seine Taten mussten von höheren Zielen inspiriert sein. ‚Wenn ich erfolgreich bin, sollte auch seine Kontrolle über sie erlöschen. Vielleicht kann ich sie so retten.‘     
            „Meister! Meister!“, rief die Kellnerin gehorsam.        
Sie war das schwächste Glied in der Kette gewesen. Das hatte der Priester sofort erkannt. Ihre Astralprojektion flackerte leicht, weil sein Einfluss auf sie nicht absolut war. Darum war Shintas Wahl auf sie gefallen. Verstohlen hatte er einen Zettel in ihre Schürze gleiten lassen. Darauf standen magisch aufgeladene Worte der Segnung. Zusammen mit dem Spruch, den er ihr ins Ohr geflüstert hatte, festigte sich ihre Aura wieder. Die dunklen Flecken waren schwächer geworden, der Einfluss des übernatürlichen Parasiten auf sie nahezu gebrochen. Die Kellnerin schien einen Moment lang desorientiert, gehorchte dann aber der Aufforderung des Priesters und rief die Verderbnis aus dem Obergeschoss herbei.
            Nichtsahnend bewegte sich von oben eine tiefschwarze, grollende Gewitterwolke durch den Astralraum und stieg die Stufen herab. Der Geistliche umfasste den Griff seines Holzstabes nun so fest er konnte. Er hoffte, dass der Bannspruch, den er hinein geschnitzt hatte, seinen Zweck erfüllen würde. Schweißperlen sammelten sich auf seiner Stirn, während sich vom Hinterkopf kleine Bäche in den Nacken ergossen.  
            Shinta wechselte wieder zurück in die normale Welt und beobachte, wie sich ein Mann näherte. Auf den ersten Blick wirkte er wie ein Obdachloser, aber seine Kleidung war zu hochwertig und teuer, als dass sie jemand aus der Gosse besitzen konnte. Er trug eine zerschlissene Marken-Jeans und einen dunkelgrauen, mit rostfarbenen Sprenkeln übersäten Kapuzenpulli. Er war barfuß unterwegs. Die Füße waren vom Schmutz der Straßen schwarz gefärbt, die Zehennägel ungepflegt. Viel zu lang gewachsen, begannen sie sich zu gelblichen Krallen zu verformen und schnitten in ihr eigenes Fleisch.     
            Wer jedoch hinter die Dinge schauen konnte, erkannte, dass dieser Mann schon vor geraumer Zeit aufgehört hatte, ein Mensch zu sein. Und der Shintopriester konnte wahrhaftig sehen!          
            Einige Zeit lang starrte der Mann die Kellnerin schweigend an. Unbehagen breitete sich von ihm aus und sammelte sich wie ein schauriger Nebel über dem Fußboden. Dann senkte das Wesen den Kopf, als hätte es etwas entdeckt. Es griff in die Schürze und zog den Zettel mit den Segensworten hervor. Ohne ein äußeres Anzeichen ging es schlagartig zwischen seinen Fingern in Flammen auf. Ein Klumpen aus Blei sammelte sich im Bauch des Priesters, als er Ascheflocken zusah, wie sie zitternd herab schwebten.           
            Nun lächelte die Kellnerin derart übertrieben, als hätte sie den Verstand verloren. Tränen aus Blut quollen ihr aus den Augen. Es gerann auf ihren Wangen binnen weniger Sekunden, wie Wachs aus einer wieder und wieder auslaufenden Kerze.    
            „Er ist gekommen, wie ihr vorhergesagt habt, oh Eroberer.“
‚Eroberer?! Was geht hier wirklich vor?‘            
            Plötzlich hatte der Priester das Gefühl, dass ihm wichtige Informationen fehlten, dass er nicht genug vorbereitet in diesen Kampf gegangen sein könnte. Bevor ihn die aufkeimende Panik lähmen konnte, fasste er sich ein Herz und tauchte unter der Treppe auf, schwang den Stab und rief:            
            „Im Namen von Amaterasu banne ich dich aus dieser Welt. Verschwinde dorthin, wo du hergekommen bist!“            
            Der Stab traf den Mann ungebremst auf den Kopf. Er hatte keinen Versuch unternommen auszuweichen und Shinta erkannte augenblicklich warum:          
            'Weil ich keine Gefahr für ihn bin.'        
Dann explodierte um sie herum ein gleißendes Licht, das an den Rändern lilafarben ausfranste. Der gesamte Raum schien wie eine Glocke zu vibrieren, sodass das Sichtfeld des Geistlichen an Schärfe verlor. Für einen Wimpernschlag blieb die Welt stehen und das Monstrum offenbarte sich in seiner ganzen Schrecklichkeit.
            Zunächst weigerte sich Shintas Verstand zu akzeptieren und stemmte sich mit aller Macht gegen den Anblick. Unerbittlich schlossen sich Klauen aus nackter Angst um sein Herz. Dann zerbrach etwas in ihm und jedes einzelne Pigment wurde aus seinen Haaren gefegt, wie Samen von einer Pusteblume, vom Wind auf Reisen schickt. Zurück blieb ein schlohweißes, strohiges und wirr wachsendes Kraut, das nur noch vom Haargummi gebändigt wurde.
            Eine Druckwellenkaskade, die sich vom Boden her schräg nach oben fortpflanzte , erschütterte die Bar und riss jeden von den Beinen. Scheiben sprangen, Gläser zerplatzen, Sichtschutzwände aus Teakholzimitat zwischen den Sitzgruppen wurden eingerissen, Putz rieselte von der Decke und eine der Lampen verlor ihren Halt. Krachend landete sie auf den Fliesen.     
            Erdig schmeckender Staub zog in Schwaden durch die Luft, sodass der Priester husten musste. Mühsam rappelte er sich auf, indem er sich an einem umgeworfenen Tisch hochzog. Seine Knie waren aus Pudding und sein Puls raste. Dann sah er zu dem Monster und blinzelte irritiert. Der Staub musste ihm seine Sinne verwirrt haben.            
            Schatten und Mann waren eins und doch wieder nicht.
Es sah beinahe wieder wie ein Mensch aus, aber im Schein der flackernden Lampen verrieten die Schatten seine wahre Gestalt. Unförmig wölbte sich der ausladende Buckel zu einem scheinbar deformieren Becken, das auf kräftigen Beinen ruhte, die unnatürlich abgewinkelt zu stehen schienen. Dort, wo der sein Kopf die Lichtstrahlen hätte blockieren müssen, klaffte eine Loch im Schattenspiel. Stattdessen wuchsen unzählige Tentakel aus seinem Rumpf. Sie schlängelten umeinander, richteten sich bedrohlich auf, schnappten um sich.  
            Endgültig gewann Panik die Oberhand.           
Er musste auf schnellstem Wege aus der Bar entkommen, wenn er diese Nacht überleben wollte. Nur wie?!       
            Da, die Tür stand offen!          
Überhastet stürzte der Priester zum Ausgang, doch bevor er auch nur in die Nähe der Schwelle kam, flogen die Flügel der Tür scheppernd zu. Im letzten Moment konnte er anhalten, ohne im vollen Lauf dagegen zu knallen.
            'Das war's!'       
Innerlich wappnete er sich für das Ende und zwang sich zur Ruhe. Langsam drehte er sich zu dem Monster um. Erst jetzt bemerkte er, dass auch die anderen wieder auf den Beinen waren. Mit durchdringenden Blicken fixierten sie Shinta, blieben aber wie angewurzelt stehen. Nun fletschte das Wesen die Zähne und sprach in fremden Zungen.            
            QenKrfsai!RhsdofojMhop459<ppof
Was war das für eine Sprache?           
            Panik kämpfte sich wieder zurück an die Oberfläche. Er konnte sich nicht erinnern jemals solche Worte vernommen zu haben. Sie ähnelten nichts von dem, das er kannte. Aber was auch immer es gesagt hatte, die Gäste gingen kreischend auf ihn los. So weh es ihm tat, es war an der Zeit die Samthandschuhe auszuziehen. Mit zitternden Händen zog er das Wakizashi aus dem Saya und wehrte die ersten Angreifer mit gezielten Schlägen ab. Ihre Angriffe waren plump und unbeholfen. Mit ihnen würde er fertig werden, aber was war dann?         
            Mit einem Ausfallschritt fiel ein dicklicher Gast an ihm vorbei. Arme und Beine des Priesters vollführten Bewegungen, die sich nach langen Jahren des Trainings in ihr Gedächtnis gebrannt hatten. Todesangst oder nicht. Sie scherten sich in diesem Moment keinen Finger breit um den Geisteszustand ihres Herrn.             
            Blut sprudelte aus dem Hals des Mannes und er stolpert gegen eine der Prostituierten, die versuchte den Priester mit einem abgebrochenen Stück Glas zu schneiden. Zusammen stürzten sie zu Boden. Lautes Knacken hallte von den Wänden wieder, als ihr linker Oberschenkel brach und durch das dünne Fleisch wie ein Spieß hervortrat. Statt sich vor Schmerzen zu winden, versuchte sie weiter an ihren Gegner heranzukommen.    
            'Welch ein starker Wille muss das sein, der sie kontrolliert?', dachte der Shintopriester verzweifelt, während er ihr wie in Trance die Hand abhackte. Danach duckte er sich unter einem Arm hindurch, der ihn von hinten zu greifen drohte.            
            Stich nach oben, Klinge nach vorne ziehen und drehen. Mehr Blut benetzte den Mann und die demolierte Bar. Feuchtes, schmatzendes Klatschen kommentierte den Aufschlag des Leibes.
            Als hätte ein Kami mit ihm ein Nachsehen gehabt, starrte er nach dem Ende seines Angriffs auf einen Gang, der weiter nach hinten in das Gebäude führte.          
            'Die Toiletten!' Es fiel ihm wie Schuppen von den Augen.
Shinta nahm seine Chance wahr, sprang aus der knieenden Haltung heraus und gab Fersengeld. Auch das Monster, der Parasit, Geist, was auch immer es wirklich war, erkannte seinen Fehler. Dieses Mal konnte es ihm keine Türen vor der Nase zuschlagen. Hasserfüllt brüllte es und griff nach der blutbeschmierten Kellnerin. Es bekam sie am Hals zu fassen. Seine nun wie Krallen wirkenden Finger gruben sich in ihr Fleisch, zerquetschten Luftröhre und Kehlkopf als wären sie aus Softeis. Ohne Mühen schleuderte es ihren sterbenden Leib in die Richtung, in die der Priester floh.            
            Geschickt wich dieser aus, sodass die Kellnerin ihn verfehlte und an der abknickenden Wand abprallte. In einem unnatürlichen Winkel blieb sie schließlich liegen.        
            Schnell weiter, den Gang hinunter, die Pendeltür aufgestoßen, vorbei an Waschbecken und Pissoirs und zum Fenster. Es stand offen. Unter dem Fenster war ein Sims. Rasch kletterte der Mann nach draußen und hangelte sich so schnell es ging zur Feuerleiter. Dann ging es abwärts. Die letzten eineinhalb Meter sprang er herunter. Etwas knirschte schmerzhaft in seinem rechten Knie, aber er konnte Laufen, für den Moment zumindest.  
            Shinta befand sich in einem Hinterhof und wusste, dass er schnellstens wieder auf eine der belebten Hauptstraßen musste. Dort würde es ihn aus den Augen verlieren. Doch er kannte sich hier nicht aus. Leise fluchte der Priester, weil er so töricht gewesen war, im Vorfeld nicht die Fluchtwege ausgekundschaftet zu haben. Er hetzte in die nächstbeste Seitenstraße und fand sich in einem Gewirr aus engeren Gässchen wieder, die sich in einem Labyrinth verliefen. Ein, zwei Mal glaubte er den Lärm der Hauptstraße näher kommen zu hören, doch immer dann, wenn er in die Richtung abbog, in der er das Geräusch vermutete, landete er in einer Sackgasse oder entfernte sich wieder von der Quelle.       
            Inzwischen war sein Knie bereits beträchtlich angeschwollen und der Schmerz verstärkte sich. Lange würde er in diesem Tempo nicht mehr durchhalten. Mit klopfendem Herzen hielt er kurz inne und lauschte in die Nacht hinein. Er konnte weder einen Verfolger hören noch sehen, aber das konnte täuschen. Er musste wieder weiter. Nur weg von diesem verfluchten Ort.          
            Beharrlich bahnte er sich seinen Weg durch den Irrgarten. Es musste einfach einen Ausweg daraus geben. Zweimal links, danach rechts. Fünfzig Meter weiter zur nächsten Abzweigung. Horchen. Links oder doch lieber rechts herum? Nein... links! Er humpelte nun mehr als dass er lief.            
            Gerade als ihn sein Mut zu verlassen drohte, bog der Shintopriester um eine Ecke und blickte geradewegs auf die Hauptstraße. Neonlichter tauchten das Ende der Gasse in poppige Farben. Eine Gruppe Jugendlicher tanzte zu irgendeiner Art Technomusik. Shinta konnte sogar schon die wunderbaren, verheißungsvollen Düfte der Garküchen riechen.           
            Es war schon ein wenig seltsam, dass ihm ausgerechnet jetzt sein leerer Magen in den Sinn kam. 'Der Starrsinn des Willens zu Überleben.', dachte er erleichtert und trotzig zugleich.           
            Mit neuer Energie erfüllt, legte er die letzten Meter zurück. Doch dann schien ihn eine Dunkelheit zu umhüllen, die die Welt der Lebenden auszublenden drohte.      
            Wieder war da die Panik, als wäre sie nie weggewesen. Vor Schreck quiekte der Priester wie ein Schwein, das man lebendig aufspießte, seine Blase leerte sich und auch der rückwärtige Schließmuskel vergaß, welche Aufgabe er zu erfüllen hatte. Shinta spürte einen schmerzhaften Stich und danach wie sich Wärme in seinem Bauch ausbreitete.            
            Die schwelende Wolke gab ihn unvermittelt frei und irgendwie schaffte er es sein Knie dazu zu überreden zu Laufen. Meter für Meter kämpfte er sich der Straße und dem Leben entgegen. Doch etwas zehrte rasend schnell seine Kräfte auf. Schließlich wurde dem Priester schwarz vor Augen und er stürzte hin. Sein Magen revoltierte und presste ruckartig seinen mageren Inhalt auf den Asphalt.      
            Flach atmend blieb er dort einige Augenblicke liegen und fragte sich, was mit ihm geschehen sei. Immer stärker spürte er ein unangenehmes Ziehen an seinem Leib. Matt drehte er den Kopf, damit er an sich herabschauen konnte. Hundert Tonnen musste er wiegen, so schwer fiel es ihm, ihn in Position zu halten. Blut quoll unter seinem Bauch hervor und bildete auf dem Straßenbelag eine größer werdende Pfütze.       
            Plötzlich ging ein Ruck durch seinen Körper, wodurch er auf den Rücken gedreht wurde. Shinta brauchte einen Augenblick, um zu verstehen, dass das wurstartige Seil, das aus seinem Unterleib ragte, nichts weniger als sein Darm war. Er war wie eine Gitarrensaite gespannt und etwas in der Dunkelheit im Labyrinth zog an ihm. 'Nicht etwas... Er ist es!'       
            Das Monstrum spielte mit ihm, wollte, dass er in seinen letzten wachen Momenten ganz genau mitbekam, was mit ihm geschah. Mit letzter Kraft entlockte Shinta seiner Kehle ein finales, krächzendes Wort zum Abschied an diese Welt.    
            "Akuma."
Endlich war es zufrieden und zog ihn zu sich in die Finsternis.



Kapitel 1 - Zwischen den Zeilen

            Sunetra konnte sich nicht erinnern, wann sie zuletzt so nervös gewesen war. Unruhig stand sie vor dem offenen Kleiderschrank und durchwühlte ihre Garderobe. Welches Outfit war dem Anlass angemessen? Leger oder konservativ? Schlicht oder eher prunkvoll? Sie wollte nicht wie ein eitler Pfau aufmarschieren, der mit eindeutigen Absichten pussieren geht, um am Ende feststellen zu müssen jemanden damit beleidigt zu haben. Sich leichtfertig in eine solche Situation zu begeben war undenkbar und unter allen Umständen zu vermeiden. Die Gefahr underdressed zu erscheinen war allerdings auch nicht zu unterschätzen.   

            Sie seufzte, als sie sich der nächsten Schublade zuwandte. Seitdem ihr Ex-Verlobter Yashida Himoto sie angerufen hatte, befand sie sich in diesem Zustand der Rastlosigkeit. Würde es sich nur um ein einfaches Date handeln, hätte sie entspannt zu ihrer Jeans und einem schlichten schwarzen Top gegriffen. Sie spürte, dass Yashida noch Gefühle für sie hegte, aber die Elfe sah sich außerstande diese zu erwidern. Obwohl sie sich wieder an viele Dinge aus ihrem alten Leben erinnern konnte, war alles, was den Japaner mit den hohen Wangenknochen und den schmalen Lippen betraf, weiterhin wie ausgelöscht. Die Magierin war nicht einmal in der Lage eine vages Gefühl zu diesem Thema abzurufen. Vielleicht, wenn sie sich mehr Mühe gab? Andererseits sah sie keinen Grund das zu tun. Erneut seufzte sie. Sie Situation war ziemlich vertrackt.
            Normalerweise hätte sie sich auf einen unterhaltsamen Abend mit Geschichten von früher eingestellt und der Dinge geharrt, die da gekommen wären.       
            Hätte.
Denn hierbei handelte es sich um etwas ungleich Größeres. Yashida hatte klar gemacht, dass ein wichtiger Besucher im 42. Stock des Hilton auf die Elfe wartete und sie nicht alleine erscheinen durfte. ‚Bring unbedingt die anderen mit!‘, hatte er ihr aufgetragen. Namen nannte er keine, aber Sunetra wusste auch so, dass er ihre Freunde von den WildCards meinte. Sein ernster Blick implizierte Konsequenzen, sollte sie sich nicht fügen. Susanoo, ihrem Mentorgeist, gefiel die Unterhaltung kein bisschen. Angriffslustig fauchte er in ihrem Verstand und wanderte seitdem ruhelos umher, was wiederum das Unbehagen in Sunetra beständig verstärkte. Um es kurz zu machen: Die Elfe spürte Furcht in sich aufsteigen.        
            Sie schüttelte sich einen Moment, um den Gedanken an eine diffus im Raum schwebende Bedrohung zu vertreiben und riet Susanoo zur Räson zu kommen. Der sah jedoch nicht ein auf sie zu hören und machte unbeirrt weiter. So nützlich das immaterielle Wesen ihr im letzten halben Jahr auch gewesen war, manchmal wurde der Kami zu einer Belastung. Die Magierin brauchte einen klaren Kopf, um sich was-auch-immer stellen zu können.
            Endlich fanden ihre Hände, was sie suchte.   
Einen Hosenrock.        
            Das leinene Hakama war von dunkelblauer Farbe, seine sieben Falten, die die Tugenden der Samurai symbolisierten, waren mit dicken weißen Nähten abgesetzt worden. Sie legte das Kleidungsstück auf ihr Bett. Nachdem der Anfang gemacht war, fiel es ihr leicht, das restliche Outfit zusammenzustellen: Ein blütenweißes Keiko-Gi für den Oberkörper sollte ihre spirituelle Reinheit unterstreichen und die anthrazitfarbene, mit roter Seide durchwebte Weste als starken Kontrast ein elegantes Element hinzufügen. Zu den Zori Sandalen kramte sie noch ein Paar Tabi aus enganliegendem Stretch-Material aus der untersten Schublade. Diese Socken waren knöchelhoch und besaßen einen abgeteilten großen Zeh. Damit waren sie die erste Wahl zu ihrem Schuhwerk.
            Nachdem sie sich umgezogen hatte, überprüfte sie ihr Aussehen im Spiegel.        
            Schlicht, aber formenbewusst, sendete sie folgende Botschaft aus: ‚Ich trage die Kleidung eines kampferprobten Kriegers, der in der Etikette bewandert ist und Wert auf gepflegte Umgangsformen legt. Ich bin aus offiziellem Anlass hier und respektiere mein Gegenüber, bin aber dennoch bereit meinen Pflichten als Samurai nachzukommen. Also komm nicht auf die dumme Idee mich herauszufordern!‘ Die perfekte Mischung für ein Treffen mit ungewissem Anlass und noch ungewisserem Ausgang.
            Sunetra war zufrieden mit ihrer Wahl.
Einmal noch drehte sie sich vor dem Spiegel hin und her, sah über ihre Schultern, um sich vom korrekten Sitz ihres Hakamas am Hintern zu überzeugen. Plötzlich erkannte sie, dass sie für Außenstehende wie ein aufgeregtes, unschuldiges Schulmädchen vor seinem ersten Date aussehen musste, das von der düsteren Welt da draußen keinen blassen Schimmer hatte. Sie lachte laut auf und fürs erste fiel alle Anspannung von ihr ab.            
            Das Komlink begann zu vibrieren. Largo rief an.
„Moin moin! Wir warten schon auf dich. Schwing deinen Arsch runter, Spitzohr!“    
            Die Magierin warf einen überraschten Blick auf die Uhr. Hatte sie wirklich so lange gebraucht, um sich anzuziehen? Peinlich! „Bin gleich da.“
            Auf dem Weg nach Draußen aktivierte sie noch fix die Alarmanlage ihrer Wohnung und flitzte das Treppenhaus hinunter so schnell sie konnte, nahm mehrere Stufen auf einmal und sprang über die Enden der Geländer. Sie sollten den mysteriösen Besucher nicht zu lange warten lassen. Hoffentlich hatten ihre Freunde darauf geachtet, dass auch der rüpelhafte Hank einen anständigen Zwirn am Leib hatte. Der Kerl war imstande einem Staatsoberhaupt mit ölverschmierten Händen in die Backen zu kneifen.    
            Endlich im Erdgeschoss angekommen, stieß sie die Eingangstür auf und fröstelte sofort, als sie der kühle Oktoberwind empfing. Enttäuscht sah die Magierin ein, dass der Indianische Sommer und damit auch die letzten warmen Tage des Jahres endgültig vorüber waren.   
            Dreist parkte Largo mit dem Toyota Coaster in der zweiten Reihe, damit die Elfe nicht weit zu laufen hatte. So zwang er die anderen Verkehrsteilnehmer zu ihrem Unmut dazu, um ihn herum zu manövrieren. Inzwischen hatte sich schon ein beachtlicher Stau hinter ihm gebildet. Erhobene Fäuste und wüste Flüche aus heruntergelassenen Fenstern wurden dem Zwerg dafür zu teil. Der ließ sich davon allerdings nicht aus der Ruhe bringen und präsentierte ihnen die kalte Schulter.
            Noch bevor Sunetra auf dem Rücksitz Platz genommen hatte, wurde sie mit einem Schwall herzlicher Begrüßungen überschüttet. Einige aus ihrer Truppe hatte sie schon seit Wochen nicht mehr gesehen und war gespannt auf die Neuigkeiten, die sie zu berichten hatten. Über die Entwicklungen bei Alyssa war sie im Bilde. Schließlich hatten die beiden Frauen gemeinsam viel Zeit auf dem Gelände der Shinto-Gesellschaft verbracht, bei der sie Mitglied waren. Dort hatten sie sich vornehmlich der Kontemplation gewidmet und unter Anleitung von Maria Orzawa, einer orkischen Zauberin, einige neue Tricks gelernt.          
            Einige der WildCards hatten als Dank für die Rolle, die sie bei der Rettung der Bürgermeisterin und damit auch der Stadt gespielt hatten, Zugang zu Ausrüstung erhalten, an die man als Otto-Normal-Runner sonst nicht so einfach ran kam. Sie selbst und Alyssa bestellten sich Memory-Blades. Die Form dieser Schwerter konnte individuell angepasst werden, sodass sie wie gewöhnliche Alltagsgegenstände aussahen. Auf Knopfdruck verwandelten sie sich bei Bedarf wieder in Todbringende Waffen. Während einige Konzernexecs sie als Armreif trugen, beanspruchten die Magierinnen die Gürtelvariante. Eine schöne Überraschung in brenzligen Situationen und eine Waffe, mit der in aller Regel nicht gerechnet wurde. Sunetra hatte kurz erwogen ihr Memory-Blade als Alternative zu ihrem Obi anzulegen, aber sie befürchtete, dass es ihr bei dem heutigen Treffen vermeidbaren Ärger einbringen könnte, sollte man sie damit erwischen.       
            Als sie auf die Schnellstraße Richtung Neue Mitte einbogen, erzählten Hank und Largo begeistert vom Erfolg ihrer Operationen. Sie hatten sich auf Kosten der Stadt Muskelstraffer implantieren lassen. Diese künstlich gezüchtete Bioware hatte Militär-Qualität und ermöglichte ihren Besitzern eine bessere Kontrolle über die betroffenen Muskelgruppen. In den Armen sorgen sie beispielsweise für höhere Fingerfertigkeiten. Man wurde dadurch deutlich geschickter im Umgang mit allem, das man mit den Händen bediente. Scheinbar hatte es sich um einen minimalinvasiven Eingriff gehandelt, denn bereits vier Tage nach der OP waren die Jungs schon wieder fit für den Einsatz.            
            Iron hatte als Einziger das Angebot des Schmidts nicht in Anspruch genommen. Er war der Meinung keine weitere Ausrüstung zu benötigen. Stattdessen hatte er sich im Studio seines afrikanischen Kampfsportkumpels vergraben. Wie hieß es noch mal? Yojimbo-Gym?! Wie auch immer… Als sie den Ork mit den menschlichen Gesichtszügen genauer in Augenschein nahm, konnte sie feststellen, dass sich das Training zumindest auf sein Gewicht ausgewirkt hatte. Sunetra nahm sich vor, den ehemaligen Geheimagenten bei Gelegenheit ausführlich darüber zu interviewen, was genau er getrieben hatte. Insgesamt wirkte er außerordentlich nachdenklich, gab sich wortkarg und schwieg im Gegensatz zu sonst die meiste Zeit über.
            Aufmerksam beäugte er die Straßenzüge, durch die sie fuhren, schien ihren Zustand kritisch zu beurteilen. In den zwei Monaten, die seit dem Dreitägigen-Befreiungskrieg vergangen waren, hatten die hanseatischen Einwohner nach Leibeskräften aufgeräumt. Straßensperren hatte man ebenso entfernt wie Trümmer von eingestürzten Häusern. Inzwischen waren die Reparaturen an den Fahrwegen abgeschlossen worden. Immer wieder konnte man Gerüste an Häusern sehen, die wieder neu aufgebaut oder instandgesetzt wurden. Maler waren ebenso am Werk wie Maurer, Zimmermänner, Dachdecker, Verputzer und Heizungsinstallateuere. Besonders Letztere waren jetzt im Dauereinsatz. Der Winter stand vor der Tür und wenn man den Wetterfröschen Glauben schenken durfte, würde es einer der kältesten der letzten zwanzig Jahre werden. Eine Vorhersage, die man in einer Gegend, die ohnehin schon kühler als andere ist, nicht auf die leichte Schulter nehmen sollte.       
            Viele hatten ihr Leben riskiert oder verloren, um die Freiheit der Stadt zu verteidigen. Hamburg zeigte sich gegenüber seinen Bürgern daher großzügig. Immer dann, wenn Versicherungen fehlten oder Zahlungen verweigerten, sprang die Verwaltung in die Bresche. Für mehrere Tausend war das Letzte, das die Hansestadt für sie tun konnte, ihre Beerdigung zu organisieren. Noch bevor das gröbste Chaos beseitigt worden war, wurden auf öffentlichen Plätzen Gedenkfeiern veranstaltet, zu denen sich die Einwohner ganzer Stadtteile versammelten. Niemand wollten fehlen, wenn von den Toten Abschied genommen wurde. Über die Rassengrenzen hinweg schweißten die jüngsten Ereignisse die Bürger zu einer solidarischeren Gemeinschaft zusammen, als sie es zuvor gewesen sein schien.        
            Auf allen Zeremonien sprach Hamburgs Bürgermeisterin Vesna Lyzhichko zusammen mit anderen Vertretern des Volkes Worte des Trosts und der Hoffnung für eine bessere Zukunft. Sie versuchte dem Verlust der Angehörigen einen Sinn zu geben. Sunetra glaubte der Menschenfrau, dass ihr diese Auftritte persönlich sehr wichtig waren und die Dinge auch so meinte, die sie aussprach. Auf politischer Ebene jedenfalls zementierten sie zudem weiter ihr Ansehen in der Stadt. Sie traf in diesen Tagen einen Nerv bei den Einwohnern, der viele ehemalige Gegner auf ihre Seite zog. Auch im Rest der ADL hagelte es harsche Kritik an den Verantwortlichen des Umsturzversuchs. Eine Win-Win-Situation, wie sie im Buche stand.          
            ‚Es fehlt nicht mehr viel und man spricht sie heilig.‘, dachte die Elfe amüsiert.           
            Auf der anderen Seite hatte Lyzhichko als Folge der brennenden Nacht, in der sich Teile der Sicherheitskräfte der Stadt auf die Seite der Invasoren geschlagen hatten, umfangreiche Säuberungsaktionen bei der Polizei durchführen lassen. Einige landeten in Gefängnissen, andere verschwanden für immer von der Bildfläche. Wahrscheinlich waren nicht alle von ihnen tot, sondern wurden irgendwo zum Verhör festgehalten.         
            Auch die Polizeipräsidentin Olga Kalaschnikowa, die sich nach ihrer Entmachtung offiziell in Luft aufgelöst hatte? Wahrscheinlich. Sunetra konnte sich nur zu gut vorstellen, dass Lyzhichko an ihrer ehemaligen Busenfreundin ein Exempel statuieren würde.     
            Statt über die großzügige Auslegung der Gesetze und der Verhältnismäßigkeit der Mittel, berichtete die Presse wohlwollend über andere Dinge. Angesichts der vielen Toten konnten Verräter nicht übermäßig viel Mitleid oder Unterstützung erwarten. ‚Karma ist halt eine lustige Angelegenheit.‘   
            Doch auch andere Dinge veränderten sich in Hamburg. Wer mit offenen Augen durch die Welt ging und aufmerksam die Berichterstattung verfolgte, registrierte, dass die Aktivitäten von Konzernen aus den UCAS im Norden der Allianz Deutscher Länder und in Skandinavien signifikant zurückgingen. Das Vertrauen in die Partner im Westen war schwer erschüttert worden, sodass Verträge aufgekündigt und an Firmen aus Nippon vergeben wurden, die sich teilweise zum ersten Mal für Europa öffneten. Zahlreiche andere japanische Konzerne verlagerten ihren europäischen Geschäftssitz von Frankfurt in die Hansestadt. Ein Affront und Lyzhichkos Stinkefinger an den Drachen Lofwyr, der mit seinen Freunden vom Bankenverein die Strippen hinter dem Putschversuch gezogen hatte. Er hatte Vabanque gespielt und seinen gesamten Einsatz verloren. Obendrein kam noch der Gesichtsverlust hinzu, die Schmach so grandios gescheitert zu sein. Sunetra zweifelte, dass er die Angelegenheit auf sich sitzen lassen würde. Höchstwahrscheinlich war er schon die nächste Intrige am schmieden, um seinen Fehler zu korrigieren.
            Die Frage war weniger ob er wieder zuschlagen würde, sondern eher wann.           
            So oder so, es würde spannend bleiben.       
Während sie die letzten Wochen hatte Revue passierten lassen, war der Elfe gar nicht aufgefallen, dass sie bereits ihr Ziel erreicht hatten: das Hamburg Hilton. Geschäftiges Treiben herrschte im Viertel, da eine Konferenz japanischer und deutscher Diplomaten und Konzernvertreter in vollem Gange war. Aus diesem Grund dauerte es eine Weile, bis Largo einen Parkplatz in der Tiefgarage gefunden hatte.     
            Auf ihrem Weg zur Rezeption beäugte Sunetra die Kleidung ihrer Freunde und war beruhigt, dass alle geschniegelt und gebügelt in ihrem feinsten Sonntagsanzügen erschienen waren. Ein Concierge begleitete die Gruppe, die bereits erwartet worden war, zu einem VIP Aufzug und erteilte ihnen mittels Augenscan die Freigabe für den 42. Stock. Immer noch wussten sie nicht, wer sie dort oben erwarten würde und auch der Hotelangestellte ließ sich nicht überreden ihnen etwas zu verraten. Diskretion war an einem Ort, an dem die Prominenz aus Politik, Wirtschaft, Medien und Unterwelt ein und aus gingen, alles. Wenn man schon in die besten Sicherheitsvorkehrungen der Stadt investiert, sollte man nicht ausgerechnet an zuverlässigen Arbeitskräften sparen. Die Betreiber der Hotels hatten ihre Hausaufgaben jedenfalls gemacht. Die Fahrt mit dem Aufzug dauerte eine gefühlte Ewigkeit und ließ die Anspannung in der Elfe wieder in unerträgliche Höhen steigen. Hoffentlich konnten die anderen ihr die Aufregung nicht ansehen. Sie hatte schließlich einen Ruf zu wahren.  
            Anstatt die Gelegenheit zu erkennen und sie aufzuziehen, unterhielten sie sich über die neusten Nachrichten. „Es ist wieder ein Fall von Identitätssplitterung aufgetreten.“, erzählte Alyssa.
            „Wirklich? Wer denn diesmal?“           
„Keine Ahnung, hab mir den Namen nicht merken können, aber es war ein Exec von Horizon. Ist durchgedreht und hat in einer Bar in der Sardinenstadt um sich geballert. Nachdem man ihn überwältigt hatte, stand er unter Schock und wusste nicht, wie er da hingekommen war. Konnte sich wie die anderen an nichts erinnern. Ich wüsste zu gerne, was da vor sich geht.“        
            Largo strich sich durch den geflochtenen Bart. „Mach dir mal nicht zu viele Gedanken, Kurze. Für uns verspricht die neuste Entwicklung wenigstens genug Arbeit in nächster Zeit. Es werden aktuell eine Menge hoher Konzernangestellter extrahiert, um sie vor sich selbst oder Ihresgleichen zu schützen.“    
            „Ich weiß nicht. Was, wenn es einen magischen Ursprung hat… oder sogar ein Nervengift? Vielleicht auch sowas wie damals mit Technomancern.“, gab Alyssa zu Bedenken.  
            „Was es auch ist, die Betroffenen handeln, als wären sie von etwas oder jemanden besessen gewesen.“, fügte Hendrik hinzu. Es war seit der Begrüßung im Auto erst das zweite Mal gewesen, dass er etwas zur Unterhaltung beigetragen hatte.      
            Dann öffneten sich die Fahrstuhltüren und gaben den Blick auf Japan wieder; oder besser gesagt: auf einen Teil davon. Ob das Stockwerk permanent in diesem Stil eingerichtet worden oder nur für einige Gäste der Konferenz derart umgestaltet worden war, ließ sich nicht genau sagen. Sunetra musste allerdings zugeben, dass die Verarbeitung von hoher Qualität zeugte und das gesamte Interieur authentisch wirkte. Jemand mit viel Liebe zum Detail hatte den Neo-Japanischen-Stil in die ADL gebracht und ihm Leben eingehaucht.   
            Wie so oft, wenn die Vorsilbe Neo in einem Begriff auftaucht, handelt es sich um etwas Altbekanntes im neuen Gewand. So auch hier. Traditionelle Materialien wie Bambus, Kirschbaumholz, Kupferblech und Sandstein vermischten sich mit neuartigen Gestaltungsmöglichkeiten, die an jahrhundertealte Formenlehre angelehnt war. Herausgekommen war etwas, das modern wirkte, aber gleichzeitig Erinnerungen an vergangene Zeiten weckte und den Betrachter die Nostalgiebrille aufsetzen ließ.
            „Hey, Hendrik! Schau mal: ein laufender Fetisch.“     
Largo knuffte den Ork mit dem Ellenbogen in die Seite und zeigte in Richtung der jungen Frau, die auf sie zukam und so gar nicht japanisch wirkte. Blondes, langes, zu einem Zopf gebundenes Haar, hochgewachsen und mit viel zu großen Brüsten, stolzierte sie arschwackelnd den Gang herunter. Lediglich ihr kurzer Kimono, der die glattrasierten Beine in Höhe der Knie preis gab, war ein Zugeständnis an die Umgebung. Tatsächlich erfüllten ihre Attribute so ziemlich jede Erwartung, die der durchschnittliche Japaner an westliche Frauen hatte.       
            Sunetra schämte sich für ihre Landsleute ein wenig fremd und konnte sich gut vorstellen, wie die Stellenbeschreibung ausgesehen haben musste: ‚Gutaussehendes Blondchen mit ordentlich Holz vor der Hütte und Hang zum Narzissmus als Vorzimmerdame für notgeile Geschäftsleute aus Fernost gesucht.‘
            Zu allem Überfluss stellte sich Blondie dann auch noch als Heidi vor.           
            Wenigstens quatschte sie sie nicht voll, sondern empfing sie freundlich, um sie ohne Umschweife zu ihrem Treffen zu geleiten. Dabei kamen sie an qualitativ hochwertigen Vasen, kunstvoll geschnitzten Ornamenten in dunkelbraunem Holz, einer Bar voller echter Alkoholika und einem reichhaltig gefüllten Buffet vorbei. Ihren Freunden lief das Wasser im Munde zusammen. Am liebsten hätten sie sich sofort über die Speisen hergemacht. Es sah köstlich aus, doch Suntras Magen schwieg beharrlich. Zu groß war das Unbehagen geworden, als dass sie nun an Nahrungsaufnahme denken konnte.  
            Schließlich kamen sie an einer hölzernen Schiebetür mit Papierwänden an. Vier schwerbewaffnete Wachen standen davor, machten aber umgehend für die Neuankömmlinge Platz. Blondie zog die Tür auf und deutete ihnen an einzutreten. Kaum waren die Fünf drinnen, zog sie die Tür wieder zu. Sofort verstummten alle Geräusche von Außerhalb. Ungewöhnlich bei den verwendeten Materialien. Jemand musste einen Zauber gewirkt haben, um das Treffen abhörsicher zu gestalten. Oder war etwa irgendwelches High-Tech verbaut worden, das sie nicht sehen konnte?           
            Ihre Gedanken verstummten sofort, als sie die anwesenden Personen erkannte.   
            Demütig verbeugte sie sich vor Yashida und dem alten Mann, um ihren Respekt zu bezeugen. Die anderen taten es ihr gleich. Alle, bis auf Hank, der, die Hände in die Hosentaschen gestopft, wie ein Ölgötze dastand und den Mann in der Mitte des Raums anglotzte. Ein Fauxpas, der Sunetras Pokerface gefährlich ins Wanken brachte. Ein solch ungebührliches Verhalten konnte in ihrer Heimat fürchterliche Konsequenzen haben. Sie wusste, dass jeder im Team Japanisch sprechen konnte, was für sich gesehen schon ungewöhnlich war. Darüber hatte sie vergessen, dass das nicht gleichzeitig bedeutete auch mit der Etikette vertraut zu sein.
            Glücklicherweise für Hank sah er wie ein Troll aus, war kein Japaner und benahm sich dem Vorurteil gemäß wie ein Barbar. Man könnte anders ausgedrückt auch sagen: die Erwartungshaltung ihm gegenüber war nicht besonders hoch. Der ältere Mann zog lediglich eine Braue hoch und sandte Laserstrahlen aus seinen böse aufblitzenden Augen aus. Als der Metamensch auch nach sekundenlangem Dauerbeschuss nicht zu Boden gehen wollte, ließ er von ihm ab und wandte sich der Elfe zu. Ein fetter Kloß setzte sich ihrem Hals fest.       
            Der Raum war einem Teehaus im Sukiya Stil aus der Edo Zeit nachempfunden. Ein Rahmen aus schwarzglasierten Tonziegeln, der sich an den Wänden entlang zog, umgab den mit Bambus ausgelegten Parkettboden. Zusammen zeichneten die einzelnen Elemente ein Zickzackmuster. Eine Bastmatte lag für die Besucher bereit. Eine unausgesprochene Beleidigung, denn nur einem sollte es vergönnt sein sich setzen zu können.       
            Yashida trug eine Variante des Samurai-Outfits, die man als Ausgeh-Uniform bezeichnen konnte. Auffällig waren die enormen Schulterpolster und Applikationen, die die männliche Dreiecksform des Oberkörpers betonten. Wenn man bereits ihrem Ex-Verlobten eine traditionelles Aussehen bescheinigte, so musste der andere Mann direkt aus der Blütezeit der Shogune ins Jahr 2072 gereist sein. Mitte oder Ende Fünfzig mochte er sein, trug sein schwarzes Haar, mit den grauen Strähnen zu beiden Seiten der Schläfen, in einem Zopf, der nah an seinem Kopf gebunden worden war. Er kniete auf einer der ausgebreiteten Matten.  
            Zwar war sein stechender Blick unangenehm, aber was Sunetra wirklich beunruhigte, war das Wakizashi, das vor ihm lag. Dabei handelt es sich mit der bis zu sechzig Zentimeter langen Klinge um eine kürzere Variante des Katanas. Samurai führten früher das Katana im Verbund mit dem Wakizashi mit sich. Daisho wurde das Schwertpaar des Samurais genannt. Sofern man sich nicht in engen Räumen befand, wurde im Kampf in aller Regel nur das Katana geführt, während das Wakizashi mehr rituelle Bedeutung inne hatte. Man schnitt damit dem besiegten Feind den Kopf ab oder – Sunetras Nackenhaare stellten sich auf – um Seppuku zu begehen. Rituellen Selbstmord.        
            Für sich alleine gesehen war das Wakizashi nichts besonderes. Dieses jedoch lag nicht parallel vor seinem Besitzer, sondern war mit der Klinge Richtung Sunetra gedreht worden. Eine unverhohlene Drohung, die noch davon unterstrichen wurde, dass das Katana des älteren Mannes zu seiner Linken lag. Als Rechtshänder war er somit jederzeit bereit sein Schwert zu ziehen. Sunetra schluckte einen unverdaulichen Ballen Sorgen runter. Für die WildCards stand nun alles auf dem Spiel.       
            „Erkennst du den Meister wieder?“, fragte Yashida neutral.
Sunetra nickte und sammelte ihre Gedanken. Sie musste die nächsten Worte mit Bedacht wählen, denn sie konnten ihr Todesurteil sein. „Ich erinnere mich leider nicht mehr an ihren vollen Namen. Überhaupt erinnere ich mich nur noch an wenige Dinge aus meinem früheren Leben…“ Der Mann bewegte nicht einen Muskel im Gesicht. „…aber ich erinnere mich an ihren zweiten Namen.“       
            Demütig deutete sie eine zweite Verbeugung an und wagte nicht den Blick wieder zu heben. „Meine Freunde, es ist mir eine Ehre euch Den Eisernen Kranich vorzustellen.“           
            „Ikebakai-Sama ist Aufsichtsratsmitglied von MCT und einer der einflussreichsten und mächtigsten Männer Japans.“, fügte Yashida für die unwissenden Ausländer geduldig hinzu.        
            Die Elfe versuchte ihr wild klopfendes Herz zu ignorieren. Etwas klopfte in ihrem Verstand und einige Erinnerungen kehrten zurück. Schmerzhafte Erinnerungen an das Leben einer anderen Frau. Sie gehörten der Frau, die sie früher gewesen war.    
            Der Meister herrschte mit strenger Hand im Konzern, war aber stets fair gewesen. Einst hatte er sie gemocht und protegiert. Ob er ihr heute auch noch geneigt sein würde? Schließlich hatte sie ihn mit ihrem Verschwinden nach den schrecklichen Ereignissen auf der Insel bitter enttäuscht. Und ein Samurai sollte so etwas um jeden Preis verhindern.      
            Noch vor dreihundert Jahren wäre Ikebakai ein Daimyo gewesen, ein Lehnsherr, dem viele Samurai gefolgt wären. Die Krieger aus der Zeit vor der Industrialisierung Nippons folgten einem Ehrenkodex, dem Bushido. Gegen ihn zu verstoßen wurde mit dem Verlust der Würde und der Ehre gleichgesetzt. Um seine Ehre wieder herzustellen gab es vor allem ein Mittel: Seppuku.
            Erschrocken dachte Sunetra an das Wakizashi, das nach wie vor auf dem Boden lag. Erwartete Ikebakai-Sama etwa, dass sie sich selbst entleibt?! Das Herz der Elfe stolperte beinahe, so schnell schlug es nun. Mit dem weißen Oberteil, das sie trug, wäre sie bereits passend gekleidet. Dann fiel ihr wieder ein, dass der rituelle Selbstmord in aller Regel unter freiem Himmel stattfand. In Gebäuden hatte der Delinquent auf weißen Reisstrohmatten zu knien, während er sich die Klinge in den Bauch stieß. Rasch ließ sie den Blick durch den Raum schweifen. Als sie kein Tatami entdecken konnte, schöpfte sie wieder Hoffnung.     
            Bislang hatte ihr Meister kein Wort gesagt.    
"Bitte seht den Gaijin an meiner Seite ihr Verhalten nach, Ikebakai-Sama. Sie sind nicht in unseren Gepflogenheiten bewandert.", überbrückte sie die unangenehme Stille. Endlich reagierte auch der Kranich. Er inspizierte die bunte Truppe, die die Elfe im Schlepptau hatte, noch einmal abschätzig bevor er antwortete. Seine Stimme klang wie Geröll, das zwischen zwei gigantischen Mahlsteinen zerkleinert wurde und dröhnte basslastig in ihren Ohren, hallte wie eine abgefeuerte Waffe nach. Geradezu perfekt für eine Sprache, die für Europäer oft hart und gebieterisch klang.      
            "Sie sind tief gesunken, Sunetra-San."           
San?! Hatte er sie wirklich San genannt? Es war ein Zeichen des Respekts gegenüber jemandem, der eigentlich als gefallener Krieger galt; neues Feuer für die Hoffnungen der Magierin, lebend aus der Sache herauszukommen.   
            Er deutete mit einem Nicken an, dass sie sich zu ihm gesellen sollte. Sie gehorchte. Ohne Hast und ohne ihm in die Augen zu sehen, kniete sie sich vor ihm auf die zweite Bastmatte. Hendrik, Largo, Alyssa und Hank blieben stehen. Hoffentlich kam der Troll nicht ausgerechnet jetzt auf die Idee in der Nase bohren zu müssen oder einen seiner übel riechenden Fürze abzulassen. Die kamen einer Kriegserklärung gleich.
            Der Meister nahm das Wakizashi in die rechte Hand. Sunetras Herz stockte kurz und sie hielt den Atem an. Was hatte der alte Mann im Sinn? Doch statt sie zum Suizid aufzufordern, schob er die Klinge in das Saya und überreichte ihr die Waffe samt Scheide. Ein Geschenk? Zögerlich streckte sie ihre Hand aus, halb in der Erwartung sie würde zu Staub zerfallen, sobald sie das Wakizashi berührt.     
            Die Oberfläche war glatt und kalt, nahm aber rasch die Körperwärme an. Sunetra blinzelte, überrascht darüber noch unter den Lebenden zu weilen. Sie inspizierte die Waffe genauer. Die Hülle war aus Teakholz gefertigt, das zum Abschluss mit Klarlack versiegelt worden war. So konnte man die Maserungen des Materials noch erkennen. Ein Familienwappen in Form eines stilisierten Kranichs, war als Intarsien in das Holz eingearbeitet. Die Farbe der prunkvollen Verzierungen deutete auf Elfenbein hin, das von einem Critter stammten mochte. Hochwertig verarbeitet, handelte es sich nicht um ein einfaches Wakizashi, sondern um ein Kodachi. So nannte man in ihrer Heimat die Variante, die man zu offiziellen Anlässen trug. Gleichzeitig handelte es sich hierbei um eine Art Visitenkarte, die den Rang und die Zugehörigkeit des Besitzers ausdrückte. Zugleich galt es auch als Zugangspass zu bestimmten Einrichtungen von MCT.          
            Und dieses wertvolle Geschenk war für sie?!
Sunetra konnte kaum glauben, was gerade geschehen war und sah Ikebakai verwundert an.        
            "Das ist mehr Ehre, als sie anderen in ihrer Position zuteilwird." Er unterstrich damit ihre Vermutung, dass sie unter anderen Umständen zum Seppuku aufgefordert worden wäre. Etwas hatte die Vorzeichen verändert. Oder besser gesagt: jemand.         
            "Es liegt mehr Ehre darin, mein Leben dem Erreichen höherer Ziele zu widmen." Vorsichtig widersprach sie der Einschätzung des alten Mannes, dass der Tod ihr gut gestanden hätte.       
            "Yashida-San hat nie an euch gezweifelt. Deshalb habe ich dem Gespräch zugestimmt. Wir verzeihen euch, denn ihr habt eure Schuld beglichen. Ein Preis, den ihr zahlen musstet, auch wenn euch die Tat zu Unrecht zur Last gelegt worden sein sollte."     
            Er verwies auf die toten Priester beim desaströsen Initiationsritual. "Trotz meiner Unwissenheit, spricht mich das nicht von meiner Schuld frei.", pflichtete sie ihm bei. "Ich versuche lediglich meine Ehre wiederherzustellen." Nach einigen Sekunden fügte sie noch hinzu, dass ihr Leben ihm gehören würde.  
            Der Vorstandsvorsitzende sah zufrieden aus.
"Die spirituelle Verunreinigung ist immer noch auf Japans Seele verankert." Ocyon? Sprach er etwa von dem Geist, der sich in geradezu lovecraftscher Manier eines Priesters bemächtigt und alle Anwesenden, bis auf sie grausam ermordet hatte? War er wieder aufgetaucht? Sunetra hoffte inständig, dass sie sich irrte.      
            "Eine MCT Maschine mit Platz für sechs Passagiere ist jederzeit startklar.", fügte Yashida hinzu. Largo seufzte vernehmlich und jammerte auf Deutsch: "Och nö... nicht schon wieder da hin!"
            Die Elfe baute auf Ikebakais fehlende Deutschkenntnisse und verfluchte den Zwerg innerlich für seinen Ausbruch. Glücklicherweise behandelte der Meister ihre Freunde wie Luft.
            "Bereitet euch vor und trefft Yashida-San am Flughafen!"
Die Magierin hielt das Kodachi mit beiden Händen vor sich und bedankte sich mit einem Nicken für das Geschenk. Ihr alter Status war wiederhergestellt. Doch die Tatsache, dass sie die Waffe bekommen hatte, um daheim ihre Aufgaben erfüllen zu können, stellte eine Mahnung dar. Die Gunst des alten Mannes war also in höchstem Maße fragil.        
            Yashida erklärte das Gespräch für beendet.   
Sie verabschiedete sich in angemessener Weise und verließ mit den anderen WildCards den Raum. Nachdem sich die Schiebetür hinter ihnen geschlossen hatte, sackte sie einige Zentimeter in sich zusammen, ließ alle Anspannungen abfallen. "Folgt mir! Ich brauch jetzt erst mal einen Drink."  
            An der Bar kippte sie hastig einen Schnaps herunter und atmete durch. Ihre Freunde sahen sie ratlos an, denn das einzige, das sie verstanden hatten, war, dass sie nach Japan fliegen würden. Zu kryptisch hatten die Worte geklungen, die gewechselt worden waren. Europäer sprechen meist direkt aus, was sie meinen. In ihrem Vaterland jedoch gilt Höflichkeit als eine der höchsten Pflichten. Darum wurde Kritik in aller Regel nicht offen kommuniziert, sondern umschrieben. Außenstehenden, die in dieser Form der Konversation nicht bewandert waren, konnte es daher schwer fallen solchen Gesprächen zu folgen.
            Also erklärte sie ihnen erst einmal, was sich gerade abgespielt hatte. Aus Fragezeichen wurden wissende, teilweise besorgte Gesichter. Von ihrem Verdacht, dass Ocyon eine Rolle spielen könnte, sagte sie lieber noch nichts. Man sollte keine Pferde scheu machen.         
            Als sie mit ihren Ausführungen geendet hatte, lachte Hank schnaubend. Es klang fast nach einem Grunzen.            
            "Ach soooooo! Und ich dachte schon... Für mich klang das nämlich die ganze Zeit nach: Mein Schwanz ist der längste von allen."


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