Samstag, 4. Juli 2015

Schatten über Jigoku

Kapitel 2 - Das andere Ende der Sechsten Welt

            Vor uns strahlten Myriaden Lichter des Neu-Tokioter Sprawls gegen die Finsternis an und erzeugten eine in schillerndsten Farben leuchtende, leicht pulsierende Photonenkuppel. Direkt über unseren Köpfen verharrte jedoch eine sternenklare Nacht. Es herrschte frostiges, fernöstliches Klima. Zu meiner Überraschung waren die Temperaturen auf der anderen Seite des Globus genauso enttäuschend wie daheim. Doch war es nicht der eigentliche Grund, der mich frösteln ließ. In der Dunkelheit konnte ich mehrere Gestalten erkennen. Sie trugen Lederkluft und Motorradhelme, sogar die, die aus dem Jeep gestiegen waren. Etwas an ihnen blitzte und funkelte böse, wie die Sterne, die mit silbriger Kälte vom Himmel auf uns herab starrten. Gänsehaut wuchs auf meinen Armen und die Nackenhaare stellten sich auf, als ich erkannte, was einige von ihnen in ihren Händen hielten.      
            Kurzschwerter.
Na das fängt ja gut an.
***
            „Ich soll meine Panther Sturmkanone daheim lassen?!“
Ungläubig schaute der breitschultrige Troll drein. Er wirkte wie ein Kleinkind, dem man gerade erklärt hatte, dass es nie wieder Lollies lutschen darf. Hank schob die Unterlippe über die obere, wodurch seine sonst deutlich hervor lugenden Eckzähne fast nicht mehr zu sehen waren.           
            „Keine Schusswaffen.“, bestätigte Sunetra ein weiteres Mal, woraufhin Hank frustriert gegen den Wagenheber trat. Das Ding wog mehr als fünfunddreißig Kilo, aber dennoch flog es durch die Halle und knallte gegen die Wand als wäre es ein ordinärer Fußball. „Was isen das für ein Scheißland, wo man keine Ballermänner mit hinnehmen darf?“, maulte er erneut. Die Hände in die Hosentaschen gestopft drehte er sich beleidigt um und schmollte die Werkbank in unserem Unterschlupf an.     
            Ein klitzekleines Bisschen konnte ich ihn verstehen. Das Leben eines Shadowrunners war gefährlich. Niemand begab sich ungern schutzlos in eine Situation, von der er erwartete, dass sie tödlich enden konnte. Und glaubt mir: dort wo wir Runner hingehen, wird es schneller letal als es einem lieb sein konnte. Wer unseren bisherigen Werdegang aufmerksam verfolgt hat, sollte inzwischen wissen, dass man stets das Unerwartete erwarten sollte. Die Erfahrung zeigt nämlich, dass es ein ungeschriebenes Gesetz im Universum zu geben scheint, das immer dann aktiv in unsere Geschicke eingreift, wenn wir uns unserer Sache zu sicher sind.
            Japan jedenfalls konnte ein verdammt tödlicher Ort sein. Für Metamenschen galt das im Besonderen. Elfen wurden noch halbwegs akzeptiert, aber beim Anblick von Orks, Trollen und Zwergen bekam der Durchschnittsasiate auf der Insel meist Schnappatmung. In ihren Augen waren wir degeneriere Geschöpfe. Fehlproduktionen. Defekt. Nicht mehr zu reparieren.      
            Und damit unser Makel nicht auf sie übersprang, hielten sie unsereins lieber auf Abstand. Man konnte den Eindruck gewinnen, wir wären nur aufgrund einer Infektion so geboren worden.    
            Zehn Jahre war es erst her seitdem Kaiser Yasuhito den Chrysanthementhron bestiegen und den Yomi-Erlass seines Großvaters wiederrufen hatte, der die Diskriminierung und Segregation der Metamenschen erst möglich gemacht hatte. Papier ist bekanntermaßen geduldig und mehr als wohlmeinende Wort ohne Inhalt waren zunächst auch nicht zu erwarten, aber scheinbar war etwas im in Traditionen und Ritualen verhafteten Japan in Bewegung gekommen. Und dass der Tenno mit gutem Beispiel voranging, war ein deutliches Zeichen dafür. Nun musste sich die Erkenntnis von der vielgepriesenen Gleichberechtigung nur noch in den Köpfen der Bürger einnisten. Jedenfalls bestand für die Zukunft Hoffnung.

            Hier und jetzt allerdings half uns das nicht wirklich.  
Metas wurden immer noch drangsaliert, juristisch benachteiligt und wenn mal einer drauf ging, konnte man darauf wetten, dass der Täter, sofern er ein Mensch war, nicht allzu hart bestraft wurde. Wenn überhaupt. Zyniker sahen darin eine etwas andere Interpretation der Darstellung der blinden Justitia.        
            Selbst ein Ork, faszinierte mich das Land seit meiner Jugend, obwohl es mich eigentlich hätte anwidern müssen. Neben all den schaurigen Schattenseiten gab es nämlich auch noch Licht. Im Gegensatz zum Rest der Welt, waren die Japaner so durch und durch diszipliniert, dass dort nie die öffentliche Ordnung und Infrastruktur zusammengebrochen war. Es gab keine schwarzen Löcher auf der Landkarte, wo der Staat sich nicht mehr hin traute und das Recht von irgendwelchen Warlords und anderen Arschlöchern herrschte. Die Polizei war im ganzen Land präsent, weshalb es kaum Bandenkriminalität gab. Die Regularien bezüglich Waffen sind auch heute noch so streng, dass selbst Schockhandschuhe, Taser und Schlagstöcke nur von der Polizei genutzt werden dürfen. Wenn man das weiß, wird vielleicht auch klar, warum Kampfsport in Japan nach wie vor so unglaublich populär ist.          

            Nach Sunetras Auflistung der Verbote, was so ziemlich alle unsere Waffen von der Reise ausschloss, blieben nur noch ein paar kleine Spionagedrohnen von Largo und das Monofilamentkatana der Magierin übrig. So absurd es anmutet, aber ausgerechnet traditionelle Klingenwaffen sind in Nippon erlaubt. Dies unterstreicht den befremdlich wirkenden Anachronismus, den das Land seit dem Erwachen der Sechsten Welt im Griff hält. Mit aller Gewalt stemmt es sich, den Blick auf die Glanzzeit vergangener Epochen gerichtet, gegen die allumfassenden Veränderungen, die den Planeten seit Anfang des Jahrhunderts erfasst haben. Und doch kann man selbst dort nicht auf ewig den Kopf in den Sand stecken.
            „Am besten rüsten wir uns vor Ort mit Schwertern aus.“, schlug Alyssa vor, was von Hank entsprechend kommentiert wurde: „Was soll ich denn mit so 'nem beschissenen Brotmesser bei 'ner Schießerei?!“
            Ich klopfte dem gehörnten Meta aufmunternd auf die Schulter. „Mach dir nix draus, Kleiner. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass es dazu kommt. Schießeisen sind drüben sehr rar, musst du wissen.“     
            „Du meinst also…?“, er sah seine mächtigen Pranken nachdenklich an, „...damit kann ich auch Schweinereien anstellen.“ Ein dreckiges Grinsen erschien auf seinem Gesicht und ich lachte. „Na dann ist ja alles klar.“ 
            Weil Körperpanzerung darauf hindeutet, dass man auf Ärger aus ist, wird auch diese Form der Ausrüstung mit Argwohn bedacht. Wir wollten Aufmerksamkeit um jeden Preis verhindern; nun ja, soweit wir es angesichts unseres Aussehens verhindern konnten. Also blieben Tarnklamotten, Splitterschutzwesten, formangepasste Protektoren und anderer militärisch wirkender Krempel ebenfalls daheim. Stattdessen schlüpften wir in unsere weniger schützenden Businessanzüge.        
            Die waren zwar auch ein wenig gepanzert, passten aber hervorragend zu unseren Tarnidentitäten. Geschäftsleute hatten mitunter viele Feinde. Sicherlich nahm man uns unkultivierten Gaijin nicht krumm, wenn wir wie in unserer ‚barbarischen Heimat‘, wo ein raueres Klima mit Regenschauern aus blauen Bohnen herrschte, nicht komplett schutzlos durch die Weltgeschichte reisten.         

            Weniger als drei Stunden später checkten wir inkognito am Flughafen ein. Der Ork Markus Trondheim, seines Zeichens leitender Konzernangestellter einer unbedeutenderen EVO-Tochterfirma, reiste in Begleitung seiner menschlichen Assistentin Danielle Hudgens und eines befreundeten zwergischen Geschäftsmanns namens Joseph Miller. Sie gedachten in Japan geschichtsträchtige Artefakte wie Schwerter, Instrumente und Möbel zu erwerben. Deshalb wurde die illustre Reisegruppe von der mandeläugigen Elfe Soshi Rumiko angeführt. Sie kannte in ihrer Heimat die entsprechenden Kontakte, die man für einen solchen Deal anzapfen musste. Abgerundet wurde das Gesamtbild von Millers Bodyguard.
            Man sollte an dieser Stelle wissen, dass Hank mit Nachnamen Gruber heißt und seine Fake-SIN auf den Namen Hans Gruber ausgestellt war. Das zeigt eindrucksvoll, wie gradlinig und schnörkellos der Troll im Allgemeinen dachte. Trotzdem. In Zukunft sollte er solche Details lieber uns überlassen.    
            Ohne Zwischenfälle brachten wir die Boarding Prozedur hinter uns. Zu Fuß ging es dann durch den Terminal und zu einer kleinen Privatmaschine, die bereits startklar war. Vor der Gangway warteten drei Personen, von denen ich lediglich Yashida kannte. Zu seiner Linken stand ein untersetzter Mann im Anzug. Sein Haar war zu einem kurzen Bürstenhaarschnitt geschoren. Der zunächst dicklich und schwerfällig wirkende Typ stellte sich bei genauerer Betrachtung als Kraftpaket heraus. Auf der anderen Seite stand ein Mann in einem schlicht geschnittenen Priestergewand, das in den buntesten Farben schimmerte. Während sich Yashida wie immer nur leicht verbeugte, ging der Priester mit großen Schritten auf Alyssa und Sunetra zu und umarmte sie zu meiner Überraschung. Eine solch herzliche Begrüßung hatte ich nicht erwartet. Yashida und der andere Mann taten, was man von ihnen in einem solchen Moment erwartete: sie weigerten sich wahrzunehmen, dass eine Respektsperson in ihrer Gegenwart derart aus der Rolle fiel.        
            Brave kleine Soldaten. 

„Konban wa.“, begann Sunetras Ex-Verlobter. „Für diejenigen, die ihn noch nicht kennen: Dies ist Yakamura-Sama. Er ist der oberste Priester der Shinto-Gesellschaft in Hamburg.“ Nun fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Die Frauen hatten uns einige Male von dem ungewöhnlichen Geistlichen erzählt. Er lebte schon seit Jahrzehnten in den ADL, weshalb er einen formel- und zwangloseren Umgang mit anderen Menschen vorzog, als es in seiner Heimat üblich war. In seinen Augen konnte man deutlich den Schalk lauern sehen. Vermutlich genoss er es sogar, seine Landsleute mit seinem Auftreten vor den Kopf zu stoßen. Der alte Zausel war mir sofort sympathisch.          
            Nun zeigte Yashida auf den Muskelklops. „Yakamura-Sama wird euch zusammen mit Sanada-San nach Neu-Tokio begleiten und helfen, eure Aufgabe zu erfüllen.“         
            „Wirst du nicht mit uns kommen?“, wollte Sunetra wissen, aber der Japaner schüttelte den Kopf. „MCT benötigt meine Dienste in Hamburg dringender als zu Hause. Unterwegs wird man euch über euren Auftrag informieren. Ich wünsche euch viel Glück – in unser aller Interesse.“
            Mir gefiel sein Ton nicht und was der Satz implizierte. War Sunetra doch noch nicht vom Haken? Wir würden uns vorsehen müssen. Sollte ihr alter Arbeitgeber den Eindruck erwecken uns in den Rücken fallen zu wollen, würden wir schnell handeln müssen. Plötzlich fühlte ich mich ohne meine Colt Government nackt und schutzlos.
            Yashida verabschiedete sich hastig und eilte in die Dunkelheit davon. Ich schüttelte das unangenehme Gefühl ab und erklomm die Treppen der Gangway.  
            Kaum hatten wir Reisehöhe erreicht, kramte Yakamura ein tönernes Gefäß aus einem Fach bei der Bordbar. Im hinteren Teil der Maschine befand sich ein niedriger Holztisch, auf dem er sieben Schälchen mit Sake füllte.       
            „Kommt, meine Freunde! Vor wichtigen Aufgaben sollte man sich angemessen stärken.“ Er keckerte ein heiseres Lachen und grinste in Vorfreude auf den Alkohol über beide Backen. Der Mann gehörte definitiv nicht zur Sorte Kostverächter. Gerne gesellten wir uns zu ihm.          
            Sanada hingegen hatte sich mit dem Rücken zu uns an eine Konsole gesetzt, wo er im AR irgendwelchen Beschäftigungen nachging, die wir nicht sehen konnten. Sunetra musterte ihn eine Zeit lang. Als sie kurz die Augen schloss, wusste ich, dass sie ihn askennte. Schließlich legte sie die Stirn in Falten und sah ihn verwirrt an. Ich fragte mich, was die Elfe wohl gesehen haben mochte.     
            „Sanada-San, wir würden uns freuen, wenn sie uns mit ihrer Anwesenheit beehren.“ Eine Mahnung der japanischen Art. In Europa hätte man eine rotzfreche Antwort bezüglich der geschwollenen Wortwahl erwarten müssen, doch der Mann drehte sich um, zog zunächst verwundert eine Augenbraue hoch, nickte aber schließlich zustimmend. Er hatte eingesehen, dass es unhöflich von ihm gewesen war sich abzusondern.    
            Ein Schälchen in der Hand haltend prostete er uns zu: „Kanpai!“
            Wir antworteten, tranken und sahen Yakamura zu, wie er erneut Sake in die leeren Gefäße goss. Nach der zweiten Runde, ergriff der Priester das Wort.
            „Bei dem Ritual, das man Anfang des Jahres mit Sunetra-San durchgeführt hat, ist einiges kolossal schief gelaufen. Wie wir nun wissen, wurde während der Prozedur unbeabsichtigt ein Wesen von der anderen Seite angelockt, nahm von einem der Priester Besitz und tötete drei weitere. Sunetra-San hingegen verschwand, ihrer Erinnerungen beraubt, vom Tatort.“  
            „So weit, so gut.“, sagte Alyssa, „Den Anfang des Schlamassels kennen wir doch längst…“           
            Yakamura senkte die Stimme. „Und genau dorthin müssen wir zurückkehren.“ Er ließ den Satz kurz wirken bevor er fortfuhr. „Seit diesem Tag existiert ein Makel auf Japans Seele. Ein Makel, den wir finden und entfernen müssen.“       
            Sunetra zog die Mundwinkel missbilligend nach unten und schob ihre Augenbrauen zusammen, was ihr ein energisches Aussehen verlieh. Wahrscheinlich hatte sie gerade den selben Gedanken gehabt wie ich.    
            „Ihr meint, dass dieses … Ding… noch da draußen rumläuft?!“ Ich erinnerte mich mit Grauen an die Beschreibungen, die uns die Magierinnen gegeben hatten. „Wie sollen wir denn…!?“
            „Ein Schrein, der mit dem Wirken eines der Opfer verbunden ist, wird unser erstes Ziel sein. Dort können wir hoffentlich die Spur aufnehmen.“      
            „Aus diesem Grund reist Yakamura-Sama mit uns. Er hat die notwendigen Kontakte vor Ort, um uns Zutritt zu den Heiligtümern zu verschaffen.“, erklärte Sanada, der mir unfreiwillig eine Steilvorlage lieferte. „Wo wir gerade dabei sind: warum sind sie eigentlich an Bord?“     
            „Ich … nun, ich soll sicherstellen, dass die Aufgabe um jeden Preis erledigt wird. Ein Scheitern ist nicht eingeplant.“ Er sah unsicher zu Sunetra, als er bemerkte, dass seine Antwort als Drohung aufgefasst wurde.      
            „Bitte verzeiht mir, Sunetra-San. Yashida ist einer meiner engsten Freunde. Wenn er sagt, dass ihre Ehre intakt ist, dann glaube ich ihm das und stelle ihn nicht infrage. – Dennoch…. auch ich habe meine Anweisungen.“, er druckste ein wenig herum, fand dann aber wieder sprachlich festeren Boden unter unsicheren Füßen. „Ich habe geschworen ihnen nach Kräften beizustehen und das werde ich auch tun. Wenn wir zusammenarbeiten, werden wir obsiegen.“
            Sunetra konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. „Machen sie sich keine Sorgen! Ich bin nicht nachtragend.“ Sanada fiel sichtlich ein Stein vom Herzen. „Außerdem können wir auch auf Susanoos Hilfe bauen.“           
            Nun sah der Japaner überrasch drein. „Die Gerüchte sind also wahr? Ihr tragt eine Verbindung zu Susanoo in euch?“
            „Mal mehr, mal weniger. Aber ich bin mir sicher, dass er darauf brennt das Böse zu finden… und auszumerzen. Ich glaube… sie sind alte Bekannte.“ 
            „Sehr gut! In dem Fall besteht wahrlich Hoffnung. Sie sollten meditieren! Wenn es soweit ist, werden sie all ihre Kräfte brauchen.“ Er sah in die Runde. „Kann ich sonst noch etwas für sie tun?“
            Und wie er konnte!    
„Mir wäre wohler, wenn ich etwas hätte, mit dem ich mich meiner Haut erwehren kann. Was auch immer das Ding ist, das wir suchen: ich bin mir sicher, dass es nicht kampflos aufgeben wird.“
            Wortlos stand er auf und verschwand durch die Tür in den Laderaum. Kaum war er außer Hörreichweite, tuschelte Alyssa mit der Elfe. „Hast du seine Aura gesehen?“         
            „Ja, beziehungsweise das, was davon noch erkennbar ist.“ Nun wollten wir anderen wissen, wovon die Magierinnen sprachen.
            „Jedes Lebewesen hat ein mehr oder weniger intensiv leuchtendes Abbild im Astralraum. Er hingegen nicht. Stellt euch seine Aura als eine Art Flirren der Luft vor, in dem kleinste Partikel strudelförmig auf ihn zu kreisen.“ 
            „Könnte er ein Initiat sein?“, fragte Alyssa. Dabei handelte es sich um besonders mächtige Magier, die die nächste Entwicklungsstufe erklommen hatten. Doch Sunetra verwarf die Theorie sofort. „Nein, das glaube ich nicht. Entweder trägt er eine besonders starke arkane Maske oder er ist ein Null-Magier.“          
            Mit der rechten Hand wischte sich Largo imaginären Schweiß von der Stirn. „Puh! Also einer von den Guten. Und ich dachte schon…“
            Alyssa schob die Augenbrauen zu einem skeptischen Stirnrunzeln zusammen und stemmte die Fäuste in die Hüften. „Warum wundert es mich nicht, dass du von allem obskuren Wissen ausgerechnet schon mal von Magieabsorbern gehört hast, Machine Head?! Fällt das unter die Rubrik Know Your Enemy?!“        
            „Hey, ich sag nur: Wandelnde Funklöcher für Magie! Die machen mir keine Scherereien mit Zaubersperenzchen. Dazu sind die nämlich nicht in der Lage. In meinen Augen die einzig sympathische Sorte Magier auf dem interstellaren Raumschiff Drecksplanet.“, wehrte er sich und fügte noch eilig hinzu: „öhm…. Anwesende Spruchschleudern natürlich ausgeschlossen.“          
            „Du lebst gefährlich, Shorty.“, drohte Alyssa grinsend.         
Bevor Largo etwas erwidern konnte, kam Sanada mit einer Handvoll Wakizashis zurück. Ihre Hüllen waren aus einem Karbonverbundstoff gefertigt und verfügten über höllisch scharfe Klingen. Am Griff waren Sicherheitsverschlüsse angebracht, die vorm Ziehen erst geöffnet werden mussten; ein minimales Zugeständnis ans die öffentliche Sicherheit.      
            Ich jedenfalls fühlte mich sofort ein kleines bisschen sicherer.
***

            Der Rest der sechzehn stündigen Reise verlief ereignislos.
Als der Flieger in der sternenklaren Nacht landete und in den Hangar rollte, streckten wir alle unsere Knochen von uns; froh endlich angekommen zu sein. Sich wieder normal bewegen zu können war eine Wohltat.     
            Draußen empfing uns ein kalter Wind, der die Geräusche von herannahenden Fahrzeugen herüber trug. Mit quietschenden Reifen hielten sie vor den offenen Toren. Dank der Beleuchtung im Hangar konnte ich draußen nicht viel mehr erkennen als die Schemen von einem Jeep und zwei Motorrädern. Von einer Vorahnung spürte ich ein unangenehmes Prickeln im Nacken. Mehrere Personen stiegen aus. Warum hatten alle Motorradhelme auf? Und was glitzerte in ihren Händen?      
            „Erwarten sie eine Eskorte?“, fragte die Elfe.
Sanada beobachtete einen Moment, was draußen vor sich ging und zog dann sein Wakizashi. „Jedenfalls nicht die da.“           
            Sieben Gestalten in schwarzer Lederkluft schälten sich aus der Dunkelheit. Zwei steuerten geländegängige Motorräder und schliffen in einer freien Hand Eisenketten auf dem Boden neben sich her. Zusammen flankierten die Biker ihre Kameraden, die gemächlichen Schrittes den Hangar betraten. Ihre funkelnden Gegenstände stellten sich als Wakizashis und Bleirohre heraus.
            "Yakamura-Sama, bitte geht ins Flugzeug zurück!", bat Sanada höflich. Sonst bei jeder Gelegenheit zu Scherzen aufgelegt, nickte der Priester dieses Mal ernst und begab sich in Sicherheit.
            Wir mussten uns rasch in einer effektiven Formation aufstellen, wenn wir eine Chance haben wollten. Ich klopfte Hank auf die Schulter. "Du bildest unsere linke Flanke. Sunetra übernimmt die rechte Seite. Mit deinem Katana hast du einen Reichweitenvorteil. Fangt die Biker ab! Lightning und ich kümmern uns um die Arschgeigen dazwischen." Dann sah ich etwas ratlos zu Largo, der zwar jedem Gegner mit Drohnen und großkalibrigen Waffen einzuheizen vermochte, aber aufgrund seiner Körpergröße und geringer Nahkampferfahrung besser nicht an vorderster Front stehen sollte. Der Zwerg erriet meine Gedanken und schnaubte frustriert. Er sah sich in der Halle um. Als er eine wuchtige Verladedrohne auf dicken Gummireifen entdeckte, fragte er Sanada: "Sie haben nicht zufällig das Passwort für die Drohnensteuerung?"           
            Der Japaner schickte es mit ein paar wenigen Klicks auf seinem Komlink an den Rigger, der triumphierend grinste und sich hinlegte. Er würde nun per WiFi über die Hardware in seinem Kopf den Computer des Roboters übernehmen. Es dauerte einen Augenblick, bis das Fahrzeug in Bewegung geriet, aber dann nahm es an Fahrt auf und rollte auf unsere Gegner zu. Noch war es allerdings zu weit entfernt, um sie vor ihrem ersten Angriff zu stören.  
            Unterdessen hatten die Biker den ersten Zug gemacht. Beide preschten in einem weiten Halbkreis auf uns zu. Hank griff nach einem von ihnen, doch der konnte schlitternd ausweichen. Dabei klatschte seine Eisenkette in einem ungezielten Schlag gegen die Brust des Trolls. Eine schludrig ausgeführte Attacke, aber es tat dem Troll trotzdem verdammt weh. Er wurde wütend und hechtete mit großen Schritten hinterher.   
            Auf der anderen Seite hatte Sunetra mehr Erfolg. Mit ihrem ersten Schlag erwischte sie zwar nur den Hinterreifen, doch der platzte mit einem lauten Knall. Das Motorrad beförderte seinen Reiter wie ein bockiges Pferd vom Sattel. Mit einer Rolle seitwärts pufferte der Mann den Aufprall ab und kam auf wackligen Beinen zum Stehen. Sunetra war schon bei ihm und zerteilte seinen Körper von der linken Schulter bis zur rechten Hüfte. Für einen Moment gefror die Szene eine, dann rutschten beide Hälften auseinander, Blut spritzte wie Wasser aus einem aufbrechenden Damm und benetzte die Elfe, deren Gesichtsausdruck einen seltsamen Glanz bekam. Organe klatschten auf den Boden und ein schreckliches Gurgeln kam aus dem Inneren des sterbenden Körpers.           
            Sunetra sah mit stechenden Augen zu Lightning herüber, die den Anblick nicht besonders erbaulich fand. "Denk dran: keine Kampfzauber!"     
            "Wie könnte ich das vergessen?!", murmelte die Magierin miesepetrig. Neben Schusswaffen waren in Nippon auch die meisten Magieformen mit einem juristischen Bann belegt worden. So war sie wie wir anderen auf ihr Wakizashi angewiesen.          
            Vom Schauspiel des sterbenden Motorradfahrers abgelenkt hatte ein Gegner die Gelegenheit genutzt und sich erschreckend schnell genähert. Sein Ziel war der am Boden liegende Zwerg, der sich nun nicht mehr wehren konnte. Gerade, als ich ihm zu Hilfe kommen wollte, sprang Sanada in die Bresche und stach dem Angreifer seine Klinge in den Hals.   
            Er bedachte mich mit einem zuversichtlichen Blick. Er lächelte sogar. "Zeig, welche Wut in dir steckt! Ich passe auf deinen kleinwüchsigen Freund auf."        
            Das ließ ich mir nicht zweimal sagen.
Den Griff des Wakizashis mit beiden Händen umklammert und senkrecht an meiner rechten Seite haltend, stürmte ich schreiend auf den Gegner vor mir zu. Lightning tat es mir gleich und nahm sich den daneben vor.  Ihr erster Schlag saß, konnte ihn aber nicht außer Gefecht setzen. Er holte mit seinem Bleirohr aus und traf ebenfalls. Alyssa hüpfte mit einem zornigen Schmerzensschrei nach hinten und fluchte.           
            Nur mit Mühe gelang es meinem Spielkameraden den Schlag abblocken. Als er konterte, prallte seine Waffe wirkungslos an meiner Schulter ab. Dadurch öffnete sich seine Verteidigung und ich konnte ein paar Tricks einsetzen, die ich unlängst bei
Tidjani Kasereka gelernt hatte,
meinem Muay Thai Lehrmeister im Yojimbo Gym.      
            Mit der linken Hand umfuhr ich von oben den Wafffenarm des Gegners, tauchte unter ihm hindurch und bekam meine rechte Hand im Nacken des anderen zu fassen. Ruckartig zog ich ihn an mich heran. Panisch erkannte er seine unvorteilhafte Situation und versuchte sich aus dem Klammergriff wieder zu befreien, doch er hatte keine Chance.           
            Im Muay Thai wird viel mit Ellenbogen und Knien gekämpft. Letztere kamen nun zum Einsatz. Stoßweise zog ich das rechte Knie so fest ich konnte nach oben. Einmal. Zweimal. Dreimal. Viermal und noch einmal. Blitzschnell prasselten die Treffer auf Magen und Brustgegend ein. Es knackte mehrfach, als einige Rippen brachen. Aber noch gab er nicht auf. Mit dem verbliebenen freien Arm versuchte er meinen zu brechen. Ich überragte den anderen um fast zwei Köpfe und hatte deutlich breitere Schultern. Sein Plan misslang und er bekam erneut mein Knie zu spüren.
            Inzwischen hatte die Verladedrohne das Kampfgebiet erreicht und den letzten Gegner ohne Tanzpartner mit einem Roboterarm von hinten bewusstlos geschlagen. Hank hingegen ließ vom Motorradfahrer ab, der uns nun in einem weiten Bogen umfuhr.
            Stattdessen kam der Troll Lightning zu Hilfe und schlug so fest auf das Visier des Helms ein, dass es nach innen barst. Ein verzweifelter, schmerzerfüllter Schrei erklang, der aber von einem zweiten Schlag jäh abgewürgt wurde. Ob er tot war oder nur bewusstlos, war schwer zu sagen. Jedenfalls lag er regungslos auf dem Beton.    
            Dann passierte etwas äußerst beunruhigendes.       
Sunetra stürzte sich auf ihren zweiten Gegner. Chancenlos ging dieser unter einem Hagel aus Schlägen mit dem Monofilamentkatana zu Boden.          
            Er versuchte sie mit einem Tritt von sich weg zu befördern, um ihrem Zugriff zu entkommen, doch sie wich mit einer geschmeidigen Bewegung aus und hackte ihm die Extremität einfach ab. Ein scharfer Strahl Blut schoss aus der Beinarterie. Wieder erklang ein verzweifelter Schrei. Sie hätte dem nun mit einem einfachen Stich ins Herz ein Ende bereiten können, doch stattdessen hackte sie wie eine Irre auf den noch auf einem Bein stehenden Mann ein. Fleischstücke flogen mit schwarzen Lederfetzen davon. Eine Hand wurde abgetrennt, dann ein Teil des Ellenbogens. Sogar als er selbst für Blinde offensichtlich in die ewigen Jagdgründe eingegangen war, konnte die Elfe ihren Angriff nicht stoppen und schlug den Leichnam weiter in handgerechte Stücke.   
            Während der gesamten Prozedur kam ein unmenschlich klingendes Geräusch aus ihrem Mund. Es war eine Art Schrei, aber er klang dünn... oder besser gesagt jenseitig. Ich bin mir sicher, dass wir nicht sie zu hören bekamen, sondern ihren Mentorgeist Susanoo. Er musste die Kontrolle übernommen haben. Sunetra war in einen Blutrausch verfallen.        
            Horror schob sich unter meinen Frontallappen und lenkte mich gefährlich von meinem eigenen Kampf ab.           
            Beinahe hätte sich der schwer angeschlagene Mann aus dem Klammergriff lösen können, doch wieder war es Hank, der dem ein Ende setzte. Ein schwerer Treffer mit der Faust in die Nierengegend, knipste auch sein Licht aus.           
            Nun musste auch der zweite Biker erkannt haben, dass die Situation aussichtslos war. Er versuchte zu fliehen. Zu seinem Pech hatte er die Rechnung ohne unsere menschliche Magierein gemacht. für einen kurzen Augenblick hob sie per Telekinese das Hinterrad seines Fahrzeugs an. Er kam ins Schleudern. Für einen kurzen Augenblick sah es so aus, als würde er sich wieder fangen können, doch dann krachte er endgültig auf die Schnauze.  
            Mühsam versuchte er sich wieder aufzurappeln und wahrscheinlich hätte er diesen Abend sogar überlebt, aber Largo hatte ihm die Ladedrohne hinterher geschickt und konnte nicht mehr rechtzeitig bremsen. Mit quietschenden Reifen krachte das Trollhohe Gefährt in das am Boden liegende Motorrad, schob sich über den Hinterreifen und kam dann ins Kippen. Langsam beugte es sich wie in einer ehrfürchtigen Begrüßung nach vorne, doch es hatte zu viel Schwung. Als der kritische Punkt überschritten war, zog das Gewicht der Drohne die Maschine nach unten. Von dem platzenden Schädel des Bikers bekamen wir nur das knackende Geräusch des Helms mit.
            Dann herrschte gespenstische Stille im Hangar.       
Besorgt sahen wir zu Sunetra herüber. Sie saß auf ihrem Hintern und betrachtete, völlig außer Atem und mit aschfahlem Gesicht, ihr Werk. Ich hätte in diesem Moment tausend Dinge denken, tausend Dinge sagen können, aber mir ging nur eins durch den Kopf:     
           
Hoffentlich ist ihr Anzug abwaschbar.

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