Freitag, 10. Juli 2015

Schatten über Jigoku

Kapitel 3 - Dem roten Faden nach

            Es war kurz nach Elf, als ich aufwachte.         
Zwischen den Ritzen der Jalousien schlüpften Sonnenstrahlen hindurch und kitzelten in meiner Nase. Sie provozierten ein kräftiges, dreifaches Niesen, das mich aus unruhigen Träumen über vielarmige Tentakelmonster und andere Abscheulichkeiten jenseits dieser Existenzebene rissen.     
            Ich blinzelte ins morgendliche Licht, das den Farben die Intensität nahm und die Welt wie ein leicht verblasstes Foto wirken ließ. Verwirrt nahm ich einen Moment lang den Raum in Augenschein. Wie die anderen lag ich auf einem Futon, der sich als bequemere Schlafgelegenheit als zunächst vermutet herausgestellt hatte. Largos sonores Schnarchen zerteilte die verstreichende Zeit in gleich große Häppchen. Sunetra schlief ebenfalls noch tief und fest, während Alyssa gelangweilt einen Tetris-Klon auf der AR-Brille ihres Komlinks spielte. Müde winkte sie mit den Fingern einer Hand und lächelte gequält. Die Ringe unter ihren Augen verrieten mir, dass sie nicht viel geschlafen hatte.
            "Liegt's an Largo?", flüsterte ich.       
Die Menschenfrau seufzte: "Nach zwei abgesägten Regenwäldern hab ich mich daran gewöhnt. Hanks Furzkonzert hat mir den Rest gegeben."        


            Erst jetzt fiel mir auf, dass ich den Troll nirgends entdecken konnte. Zudem steckte mir der Schlaf noch so sehr in den Knochen, dass ich mich weiterhin nicht recht orientieren konnte.        
            Plötzlich erklang der gellende Schrei einer Frau über den Flur, der Largo und Sunetra aufschrecken ließ. Instinktiv griff die Elfe nach ihrem Katana. Dem Schrei folgte eine Schimpftirade, die von wuchtigen Schritten begleitet wurde. Sie kamen zu unserer Tür und stoppten. Dann flog die Tür auf.       
            "In dem Scheißladen kann man nicht mal in Ruhe duschen.
Hank stand vollkommen nackt in der Tür. Zwar hatte er ein Handtuch um die Hüften geschlungen, aber es war viel zu kurz, um irgendetwas zu verbergen. Erschrocken verklickte sich Alyssa und klebte einen Würfel auf einen senkrecht stehenden Stab, wodurch sie sich das Spiel verbaute und mit dem Game Over Bildschirm ins Hauptmenü zurückgeschickt wurde. Sie rümpfte die Nase und streckte angeekelt die Zunge heraus.  
            "Zieh dir gefälligst was an! Deine Schrumpelklöten will keiner sehen."        
            "Neidisch, he?! Sind immer noch größer als deine!" 
Kaum ausgesprochen, wurde dem Troll bewusst, an wen er diese äußerst schlagfertige Antwort verschwendet hatte. Er kratzte sich verlegen unter dem rechten Horn, das aus seiner Schläfe wuchs, bis ihm etwas einfiel, womit er den peinlichen Augenblick überbrücken konnte: Anziehen.         
            Um seine Klamotten vom Boden zu klauben, bückte er sich aus dem Stand danach und streckte seinen nackten Arsch auffällig in Alyssas Richtung. Sie gab auf und brach über ihrem Arm zusammen. Die Decke auf dem Futon dämpfte ihr genervtes Stöhnen.         
            Um dem ganzen noch einen draufzusetzen, schlug er sich mit einer Hand auf den Hintern, was eine Wellenkaskade im Bereich seiner Hüften auslöste. Ausgerechnet in diesem Augenblick kam die zeternde Frau in das Zimmer gestapft.       
            Sie trug einen knöchellangen Kimono, der um ihre zierliche Figur rauschte und erst eine Weile nach ihr stehen blieb. Die ganze Zeit über hatte sie dem Meta, ohne ein weiteres Mal Luft zu holen, die Meinung gegeigt; nicht dass er sich für sie interessiert hätte.
            Jedenfalls verstummte sie sofort, als sie ins Nirwana zwischen den gigantischen Arschbacken sah. Es war der sprichwörtliche Abgrund, der zurück zu starren pflegte. Nun konnte sich selbst Alyssa ein Feixen nicht verkneifen. "Das nennt man Astronomie, Baby!"         
            Der Schreckensmoment ging vorüber. Dann holte die attraktive Japanerin tief Luft und schrie nur ein Wort, während sie auf dem Absatz Kehrt machte. "YOSHIIIIIIIIIIIIIIIIIIII!!!!!"     
            Es machte Klick! Endlich fiel mir wieder ein, wo ich war, und fand mich zurück im Hangar, einige Stunden zuvor.           
            Noch sehr wacklig auf den Beinen, musste sich Sunetra auf dem Zwerg unserer Gruppe abstützen. Ihr Blutrausch war verflogen. Wahrscheinlich war es lediglich Susanoos berserkerhafte Natur gewesen und nicht die Elfe selbst. Besteht darin überhaupt ein Unterschied?!     
            Ich wusste, dass der Mentorgeist ihr in seinen besten Momenten sowohl Stärke als auch Führung gab. Andererseits litt sie ebenso unter beunruhigenden Nebenwirkungen, seitdem er in ihrem Frontallappen nistete.
            Manchmal konnte es einem in ihrer Nähe richtiggehend unheimlich werden. Im Alltag fiel es nicht weiter auf, aber wenn Er Gefahr witterte, kam es uns manchmal so vor, als würde der dunkle Passagier ihre Seele vom Fahrersitz des Elfenkörpers schubsen und ein paar Gänge hoch schalten. Dann hieß es Abstand halten und ihr nicht in die Quere zu kommen.   
            Verdammt!
Ich hätte am Abend zuvor schwören können, dass ihr eine Haifischflosse aus dem Rücken gewachsen war. Das Gesicht verzerrte sich zu einer schrecklichen Fratze der Lust. - Und ich meine damit nichts sexuelles, sondern pure Mordlust. Vermutlich würden mir diverse Soziopathen an dieser Stelle widersprechen und behaupten, dass das Eine das Andere nicht ausschließen muss.
            Wie auch immer.        
Ich hatte Mühe das Bild einer Frau mit Zähne gefletschtem Revolvergebiss aus meinen Gedanken zu bannen.    
            Jedes Mal, wenn das Wesen Sunetra auf einen solchen Trip mitnahm, ließ es sie geschwächt zurück. Es zehrte sie buchstäblich auf. Ich hoffte, dass die Geschichte damit enden würde, dass wir diesen lästigen Quälgeist los würden. Damit wäre allen geholfen. Sorgen machte mir allerdings, dass meine alte Freundin Gefallen an der Situation finden mochte; und damit am Zerstückeln ihrer Gegner. Wenn nur die geringste Chance bestand, dass selbst Susanoo nach einer Art Kodex handelte, konnte man ihn vielleicht überzeugen sie gehen zu lassen.          
            Mich grauste vorsorglich ein wenig vor dem Tag, an dem ich Antworten zu meinen Fragen finden würde.
            Doch dieser Tag war nicht heute.      
"Das gibt einen blauen Fleck!", lamentierte Alyssa. Sie hielt sich den Oberarm, wo sie der Gegner mit einem Rohr getroffen hatte, und bewegte ihn an der Schulter in kreisenden Bewegungen durch.
            Hank entdeckte, dass einer unserer Angreifer noch am Leben war und wollte ihm gerade das Genick brechen, als die Magierin ihn davon abhielt. "Lass ihn!"           
            Unschlüssig tanzten Fragezeichen über seinem Kopf. Es kam ihm einfach kein halbwegs vernünftiger Grund in den Sinn, diesen Sack Leder tragender Scheiße am Leben zu lassen. Alyssa nahm das Wakizashi eines seiner Kameraden und warf es dem Bewusstlosen hin. "Er soll selbst entscheiden, ob er sich seinem Herrn wieder unter die Augen trauen kann."  
            Sanada, unser japanischer Führer, nickte ihr anerkennend zu. Sie hatte eine eines Samurais würdige Entscheidung getroffen und das wusste er zu schätzen, insbesondere da es von einer Gaijin kam. Dann bückte er sich neben eine der Leichen und öffnete ihre Motorradjacke. Nachdenklich betrachtete er, was er dort gefunden hatte und winkte mich dann zu sich herüber.    
            "Sehen sie diese kreisförmige Tätowierung?"           
"Er gehört zur Yakuza, oder?"
            "Das ist ein Mon, ein Familienwappen. Es zeigt uns, wem er dient."
            "Wissen sie schon, wer...?"   
"Nein! Ich werde weitere Nachforschungen anstellen müssen. Ich bezweifle stark, dass es etwas mit unserem eigentlichen Auftrag zu tun hat. Die dachten wahrscheinlich sie könnten hier Geiseln nehmen und für sie Lösegeld erpressen oder um ihre Position in irgendwelchen Verhandlungen zu stärken. Es wäre nicht das erste Mal. Allerdings....", er blickte besorgt zum Hangartor in die Nacht hinaus, "... wir sollten schleunigst von hier verschwinden. Es könnten noch mehr kommen."    
            Wenige Minuten später näherte sich ein weiteres Fahrzeug unserem Standort. In dem schmuddelig weißen Lieferwagen mit den rotbraunen Rostflecken über den zerkratzten Kotflügeln am Heck war dieses Mal kein Gegner. Stattdessen saß ein schlaksiger junger Mann hinterm Steuer, der sich mit Yoshi vorstellte. Eine schief auf dem Kopf sitzende Baseballkappe verbarg nur wenig seines freundlichen Gesichts. Er lächelte, als er uns sah, und spielte unentwegt mit seinem Ziegenbärtchen, während sich Sanada von uns verabschiedete. Er wollte Yakamura mit einem zweiten Fahrzeug zum Tempel bringen und sich später wieder bei uns melden.
            Kaum waren wir eingestiegen, ging es zum Ausgang des Flughafens. Wie zu erwarten hatte MCT dafür gesorgt, dass wir uns nicht mir lästigen Zollformalitäten herumschlagen mussten. Unbehelligt ging es an Abstellplätzen, Hanggaren, Parkplätzen und Lagerhallen vorbei zum Tor hinaus auf eine sechsspurige Straße, die jedoch um die fortgeschrittene Uhrzeit nur leicht bevölkert war. Im Trennstreifen zwischen den beiden Fahrtrichtungen zogen unentwegt Drohnen vorüber. Einige führten Güter mit sich, andere gehörten aufgrund des Roten Kreuzes, das an ihrer Seite prangte, zu Notärzten oder Kliniken. Sie transportierten Patienten zu Krankenhäusern oder waren auf dem Weg zu ihnen. Im Land der aufgehenden Sonne hatte man den Nutzen der vielseitig einsetzbaren Roboter voll erkannt und wälzte jede noch so kleine Arbeit auf sie ab. Daran konnte ich nichts Schlechtes finden. Sie waren in vielen Belangen schneller und effektiver darin Aufgaben zu erledigen, insbesondere die monotonen und repetitiven. Obendrein konnte man ihnen nicht absprechen zuverlässiger als die Organbeutel auf zwei Beinen zu sein, die sie ersetzten.           
            Nach einigen Minuten erinnerte ich mich wieder daran, warum ich die japanische Einstellung zu schätzen gelernt hatte, dass alle mit Autopilot fuhren. Hauptsächlich diente es Staus und Unfälle zu vermeiden. In Europa galt das Führen eines Fahrzeugs immer noch als Ausdruck der eigenen Persönlichkeit. Und davon hatte natürlich jeder mehr als alle anderen zusammen. Also wurde gerast, gedrängelt, geschnitten und geschimpft als gäbe es kein Morgen mehr. Autopilot? Gab es genauso wie das offizielle Straßennetz, anhand dem sich die Programme orientieren konnten. Aber wollte das jemand ernsthaft nutzen? Warum, wenn man genauso gut darauf scheißen und alle, die es nicht taten, als unfähige, schwanzlutschende Memmen bezeichnen konnte?!        
            Mal ehrlich: wenn es um die eigene Ehre geht, hat Vernunft gefälligst hintanzustehen! Ich bezweifelte, dass sich die Autopilotfunktion in naher Zukunft bei uns daheim in einem Umfang wie hier durchsetzen würde. Schaut nur mal aus dem Fenster und ihr werdet mich wenigstens in diesem einen Punkt bestätigt sehen!
            Irgendwann während unserer langen Fahrt in der kalten Nacht, kamen wir durch ein Gewerbegebiet. An den Industrieanlagen war die Hölle los. Hunderte von Arbeitsdrohnen wuselten wie Bienen in ihrem Stock über das Gelände, während ihre vital bevorteilten Kollegen brav daheim den Schlaf der Gerechten schliefen. Vermutlich gab es einige Kampfdrohnen, die Eindringlinge Mores lehren würden, falls sie dumm genug waren das Gelände zu betreten, aber ich war mir sicher, dass die disziplinierten Asiaten nicht mal auf die Idee kommen würden, dass man hier etwas klauen könnte, weil gerade niemand dort war, um aufzupassen.     
            Hatte ich nicht erwähnt, dass Japan eine gewisse Faszination auf mich ausübte?! Dies war einer der Gründe dafür.
            Es war kurz nach Drei, als wir uns endlich unserem Ziel näherten. Yoshi hielt kurz an, um zu warten, während das Garagentor vollständig hochgezogen wurde. Ein kurzer Check im AR zeigte, dass an der Häuserwand das Schild Yoshis FahrzeugKampfgarage aufleuchtete. Sofort machte sich Sunetra über die sehr freie automatische Übersetzung des Komlinks lustig. Als wir anderen sie nur irritiert anglotzten, sah sie sich genötigt ins Detail zu gehen. "Nun ja, hier verwechselt das Programm die Vokabel für Tuning mit Kampf und...im Grunde schwingt hier ein sehr unfeiner Unterton mit, weil man es aussprechen kann, wie..."
            Wie man sich denken kann war es, wie so oft, wenn man erst umständlich einen Witz erklären muss, nicht besonders komisch für die anderen. Die Elfe registrierte, dass wir nicht auf ihren Joke einstimmten und lenkte unsere Aufmerksamkeit rasch auf eine andere Angelegenheit.        
            "Leute, ich hoffe ihr habt alle eure Tetanus Impfung aufgefrischt." 
            Hinter der Einfahrt lauerte ein Labyrinth mit Wänden aus kleineren Fahrzeugen, Werkbänken, Schränken und übereinander gestapelten Ersatzteilen, also Schrott. Zielsicher lenkte Yoshi den Lieferwagen durch die metallenen Gassen, die den Innenhof des Gebäudes zerschnitten. Das eigentliche Haus rahmte den Hof ein und erhob sich zwei Stockwerke hoch       
            Yoshi stieg aus und trottete davon. Nur zu gerne wären wir ihm gefolgt, aber unsere Türen ließen sich wegen all dem Müll um uns herum nur einen Spalt breit öffnen. Largo grummelte genervt. Wie ich wollte er nach der langen Reise nur noch ins Bett. Zum Glück für unseren Gastgeber, fiel ihm ein, dass er etwas vergessen hatte. Uns.     
            Eiligen Schrittes kam er zum Wagen zurück und betätigte einen kleinen Hebel unter der Mittelkonsole. Das Dach des Fahrzeugs öffnete sich, begleitet vom Jammern quietschender Scharniere. "Tut mir leid, es ist etwas eng hier, wie ihr seht.", entschuldigte er sich, ein verlegenes Grinsen zur Schau tragend, und zuckte mit den Schultern.           
            Da alles nichts half, kletterten wir übers Dach und das darum herum aufgetürmte Gerümpel. Dann folgten wir unserem Gastgeber einen schmalen Gang entlang zu einer Leiter, die zu einer Veranda führte. Von dort betraten wir - sogar für hiesige Verhältnisse gänzlich unkonventionell - Yoshis Wohnung. Drinnen erwartete uns die Fortsetzung des Innenhofs. Alles war mit allerhand Krempel vollgestopft worden, beleuchtet von einer Baulampe, die unangenehmes, kaltes Licht spendete.
            "Gelsenkirchener Barock.", kommentierte Alyssa die Einrichtung trocken und ich war froh, dass Yoshi aller Wahrscheinlichkeit nach keinen Schimmer hatte, wovon sie sprach. Zur Vermeidung weiterer Klugscheißerkommentare knuffte ich sie in die Seite.          
            Während wir anderen uns noch relativ gemütlich durch die Flure bewegen konnten, hatte Hank nicht nur aufgrund seiner Körpergröße, sondern auch wegen seiner breiten Schultern, arge Probleme voranzukommen. Immer wieder stieß er in leicht gebückter Haltung gegen überquellende Regale, Kommoden, wegen Überfüllung nicht mehr vollständig schließbare Schränkchen und von der Decke hängende Lampen. Tapfer ertrug er die für Trollverhältnisse unwürdige Architektur ohne loszufluchen, auch wenn mir sein Gesichtsausdruck verriet, dass er sich am liebsten in eine Inkarnation von Hulk verwandeln und den gesamten Laden einebnen wollte. 
            Auf einmal erklang eine schläfrig klingende Stimme aus dem Zimmer auf der linken Seite vor uns. "Yoshi, bist du das?"         
            Yoshi fror augenblicklich in der Bewegung ein.         
Verträumt rieb sich die junge Frau mit dem Handballen den Schlaf aus den Augen, als sie in Sandalen auf den Flur trat. "Ich hab dir doch gesagt, dass du so spät nicht mehr basteln sollst."         
            Dann erkannte sie zu ihrem Schrecken, dass fünf vollkommen Fremde ihren Flur in Beschlag nahmen. Aus ihrer Reaktion schloss ich wiederum, dass Yoshi es total verschwitzt hatte ihr mitzuteilen, dass Gäste kommen würden.           
            "Gomen Nasai."          
Sie presste eine höfliche Floskel der Entschuldigung zwischen ihren Zähnen hervor und flitzte wieder in ihr Zimmer.           
            "Das ist meine Schwester Yumiko.", erklärte Yoshi verlegen und sah ihr unentschlossen hinterher. Dann ließ er die Schultern hängen und ergab sich seinem Schicksal. Niedergeschlagen schlappte er in ihr Schlafzimmer. Es entbrannte ein kurzer, aber heftiger Streit, in dem auf verklausulierte Unterhaltungsformeln verzichtet wurde. Gänzlich unjapanisch fragte sie den jungen Mann, ob er noch alle Tassen im Schrank hätte, Fremde, und dazu noch Gaijin, ins Haus zu schleppen. Verzweifelt versuchte Yoshi ihr die Situation zu erklären. Vergeblich. Sie gab ihm keine Chance sich zu verteidigen. Zwischendurch glaubte ich sogar den Vorwurf zu hören, dass er ganz sicher etwas unschickliches mit der Elfenschlampe am Laufen hätte. Es wäre ja nicht das erste Mal, dass er solche Flittchen anschleppen würde. Interessant!   
            Ich musste schmunzeln. Sunetra tat so, als wäre die Diskussion mittels Fernbedienung auf Null Dezibel heruntergefahren worden. Und wir europäischen Männer gelten als konfliktscheue Irgnoranten. Dass ich nicht lache!           
            Yumiko musste klar gewesen sein, dass wir jedes Wort hören konnten. Sie hatte mit voller Absicht die Tür aufgelassen. Dennoch trat sie freundlich lächelnd wieder auf den Flur, hieß uns willkommen und tat so, als wären wir lange vermisste Freunde. Ich muss zugeben, dass mir ihre direkte Art gefiel. Sie war auf ihre Weise ehrlicher im Umgang mit Fremden, als es für Nippon gewöhnlich war. Wir bedankten uns höflich, woraufhin sie uns zu unserem Zimmer brachte. Es handelte sich um einen großen, kargen Raum, in dem mehrere Futons auf einem Stapel lagen.
            Yumiko half uns die Liegestatt herzurichten. Kritisch musterte sie den Troll und entschied dann, dass ein einzelner Futon in seinem Fall nicht ausreichen würde. Schließlich kam auch Yoshi hinzu und brachte frische Bezüge. Er grinste über beide Backen, als er sah, dass sich seine Schwester mit der Situation arrangiert hatte und wähnte sich schon in Sicherheit.   
            Es sollte nicht von Dauer sein.          
"Ich wünsche ihnen eine gute Nacht."          
            Wie von uns erwartet wurde, erwiderten wir höflich ihre Verabschiedung. Dann kehrte sie um und verließ uns. Allerdings nicht ohne ihren Bruder am Ohr mit sich aus dem Raum zu zerren. Der verzog schmerzhaft das Gesicht und wehrte sich halbherzig gegen sie. "Auuu! Gute Nacht, Leu...AUA! ...te!"     
            Es wirkte wie ein vertrautes Ritual zwischen den beiden.
Endlich waren wir allein und schmiegten uns in Morpheus Arme, zumindest bis Hank am Morgen die arme Yumiko im Bad überraschte.        
            Irgendwie hatten wir alle bis zu einem gewissen Grad befürchtet, dass uns gedungene Mörder des Nächtens aufsuchen könnten. Umso angenehmer war die Szene, die sich uns am Morgen bot. Es war bitterkalt draußen, aber dafür war keine Wolke am Himmel zu sehen. Unter dem Fenster, schnatterte eine Gruppe älterer Damen miteinander, während sie ihre Wäsche im benachbarten Hof auf hingen. 
            Erholt von den Reisestrapazen, standen wir auf, belagerten nacheinander für geraume Zeit das Badezimmer und zogen uns an. Inzwischen hatte sich Yumiko vom Schrecken erholt und wuselte geschäftig durch die Küche. Nach und nach füllten sich die Räume des Hauses mit dem würzigen Duft des Essens, das sie zubereitete. Kaum hatten wir uns an ihrem Tisch niedergelassen, hielt sie sich nicht zurück und verwickelte uns in eine unverfängliche Unterhaltung, die über Small-Talk nicht hinausging. Sie folgte damit dem universellen kleinen Einmaleins des Gästebewirtens.
            Schließlich tischte sie eine Gemüsesuppe und Brotfladen auf. Erst als wir uns die Bäuche bis zum Rand vollgeschlagen hatten, kam auch Yoshi in die Küche geschlurft. Schlaftrunken ließ er sich auf seinen Stuhl fallen, stopfte Löffelweise Suppe in den Mund und bemühte sich nach Kräften den schweren Kopf auf einer Hand abzustützen. Es fehlte nicht viel und er wäre im Teller gelandet. Yumiko verdrehte die Augen und schüttelte tadelnd den Kopf.
            Mehr und mehr bekam ich den Eindruck, dass er zwar mit seinem Geschäft das Geld an Land schaffte, sie aber diejenige war, die dafür sorgte, dass in diesem Haus überhaupt etwas funktionierte. Wie gesagt: sie gefiel mir. 
            Wir hatten gerade den Tisch abgeräumt und den Abwasch erledigt, als uns Sanada beim Teetrinken störte. Auf einer statisch unsicheren Zeitschriftenpyramide neben dem Küchenschrank leuchtete ein AR-Bildschirm auf, als der Anruf einging. 
            Sanada teilte uns knapp mit, dass er für den frühen Nachmittag einen Termin im Honshu-Schrein gemacht hätte. Dann legte er wieder auf.        
            Ungefragt plapperte Yumiko los: "Termin oder nicht, sie sollten unbedingt dem Schrein einen Besuch abstatten. Er ist der älteste unseres Landes und wunderschön. Er strahlt eine Ruhe aus, die heilend für die Seele ist."           
            "Yoshi", fragte Sunetra, "haben Sie ein Auto, das sie uns borgen könnten?"          
            Doch Yoshi war bereits wieder auf Wanderschaft ins Land der Träume gegangen. Ein kräftiger Klaps seiner Schwester auf den Hinterkopf, ließ ihn vor Schreck in seinen noch heißen Tee fassen. Das Schälchen vor ihm stellte sich ruckartig auf und katapultierte die dampfende Flüssigkeit auf seine Brust. "Auuuuu!" 
            Er atmete tief ein und aus und starrte Yumiko entgeistert an. Indem sie auf uns zeigte, lenkte sie die Aufmerksamkeit ihres Bruders auf uns. "Guten Morgen! Da: Gäste! Honshu-Schrein! Auto! ... JETZT!", trieb sie ihn an.           
            "Ähhhhhhh...", er brauchte einen Moment, um sich zu orientierten, wofür er mein vollstes Verständnis hatte, "... ja. Ja! - Ich glaube ich habe da was passendes für euch."          
            Vom Adrenalin unerwartet mit Energie geflutet, sprang er auf und wies uns an ihm zu folgen. Über die Veranda ging es wieder die Leiter nach unten. Geschäftig flitzte er suchend zwischen mehreren Reihen Schrott hin und her. Schließlich zog er kräftig an etwas, das ich erst dann als Wagen identifizieren konnte, als die Fahrertür knarzend aufsprang. Provisorische Schweißnähte, helle, nicht mehr überlackierte Flecken von notdürftig ausgeführten Spachtelarbeiten und weitere Spuren umfangreicher Reparaturen zogen sich über das Chassis des Sony Rock Crew. Yoshi setzte sich hinein und startete den Motor. Er hustete, röchelte, spuckte, ruckte und polterte empört über die unerwartete Rückrufaktion aus dem Ruhestand, aber er lief.           
            "Helft mir mal den Van aus seiner Klemme zu befreien!"
Damit das Auto seine Parkposition verlassen konnte, packten Largo und Hank sich ein Teil nach dem anderen, um sie an anderer Stelle wieder aufzuschichten. Dabei entdeckte der Rigger etwas, das seine Aufmerksamkeit erregte.
            "Was sehen meine entzündeten Augen?!... Marine Drohnen. Ein wenig zerbeult, aber sonst machen sie einen passablen Eindruck."  
            Unser Gastgeber warf einen interessierten Blick auf das Fundstück: "Richtig. Diese Dinger übernehmen Wartungsaufgaben auf hoher See, um Schiffe in Schuss zu halten."
            "Kann ich mir diese hier ausleihen?" 
"Wenn du sie wieder zum Laufen bringst, gehören sie dir." 
            "Geil!", stieß Largo freudig aus. Die Nachricht ließ sein Bastlerherz höher schlagen. Da wir noch einige Stunden hatten, bis wir losfahren mussten, machte er sich umgehend an die Arbeit. Werkzeug lag in ausreichender Menge griffbereit.      
            Währenddessen bereitete Yoshi das Fahrzeug vor und brachte neue Nummernschilder an. Wir anderen entspannten noch eine Weile und genossen die Ruhe. Gegen Mittag hatte der Zwerg drei der etwa Schuhkarton großen Drohnen wieder einsatzbereit. Er testete gerade die Letzte von ihnen, als wir ihn von seinem Hobby loseisen mussten. Ein Schweißarm schoss einen Bogen gleißenden Lichts, schaltete sich dann ab und verschwand wieder im Inneren des schwebenden Apparats.
            "Hey Yoshi! Sie haben nicht zufällig aktuellere Software für die Teile, oder?"           
            "Leider nein. Geh einfach ins offizielle Sony Forum und lad dir die T3ddyb34r-Mod."          
            "Die WAS?!", fragte er entgeistert, woraufhin Yoshi lachen musste. "Die heißt so, weil die Drohnen unter Last dazu tendieren wie ein Bär zu Brummen. Nervt ein bisschen, ist aber so ziemlich die beste Mod, die man für Umme kriegen kann."
            "In dem Fall will ich mal nicht kleinlich sein..."          
Sunetra legte ihm eine Hand auf die Schulter. Sie schmunzelte amüsiert. "Wir müssen los, Largo. Sobald wir mit Geister austreiben fertig sind, kannst du dir Firmware-Updates ziehen bis der Arzt kommt."         
            "Och Menno!", stöhnte er enttäuscht, packte dann aber alles zusammen und gesellte sich zu uns. Da ich weitestgehend menschlich aussah, übernahm ich ausnahmsweise das Steuer, während Alyssa auf dem Beifahrersitz Platz nahm. Die anderen setzten sich hinten rein. Der Rock Crew verfügte ohnehin über keine Riggeradaption, die Largo einen Vorteil verschafft hätte. Zudem war nicht zu erwarten, dass wir heute in eine Verfolgungsjagd verwickelt werden würden.         
            Gut gelaunt, ging es bei prächtigem Wetter auf die Straße. Die Navigationssoftware führte uns auch im dichten Verkehr bei helllichtem Tage sicher und ohne nervige Umwege zum Ziel. Da es hierzulande zum guten Ton gehörte den Autopilot zu nutzen, konnte ich mich entspannt zurücklehnen und die anderen Verkehrsteilnehmer beobachten. Viele beschäftigten sich mit interessanteren Dingen als Auto zu fahren. Hier und dort wurde geschlafen, andere tranken Kaffee, spielten ein Videospiel, bereiteten Präsentationen auf dem Weg zur Arbeit vor, lasen ein Buch oder widmeten sich ihrer Strickarbeit.       
            Um Sprit zu sparen kommunizierten die einzelnen Wagen miteinander. Fahrzeuge mit ähnlichen oder gar identischen Zielen dockten aneinander an und teilten sich die Antriebsleistung. Einmal konnten wir einen regelrechten Zug aus Autos beobachten, der auf einen imposanten Glasbau zuhielt. Vermutlich handelte es sich um Kollegen, die zur Arbeit fuhren. Sobald ein Wagen aus der Kolonne einen anderen Weg nehmen musste, entkoppelte er sich automatisch und verließ die Strecke.
            Im Gegensatz zu Hamburg, waren hier alle Stadtbezirke gut in Schuss gehalten worden. Nirgendwo bekam man den Eindruck vermittelt, dass man sich nicht aus dem Wagen trauen konnte, weil in zwielichtigen Gassen halbstarke Mordbuben auf einen lauerten. Polizeidrohnen patrouillierten allerorten und generell herrschte außerordentliche Sauberkeit. Zusammen mit der sehr eigenwilligen japanischen Architektur der Wolkenkratzer kamen wir uns vor, als wären wir in der letzten Nacht nicht um den Globus, sondern auf einen anderen Planeten geflogen.           
            Obwohl wir zügig voran kamen, dauerte es aufgrund der Entfernung eine ganze Weile, bis wir unser Ziel erreichten. Wie zu erwarten war der Honshu-Schrein in eine Park ähnliche Anlage integriert. Vor uns erstreckte sich eine hohe Mauer aus massiven Steinen und grauem, grobporigem Mörtel. Gekrönt war sie von roten Tonschindeln an denen auf der Wetterseite das Moos zu wuchern begonnen hatte. Auf der anderen Seite reckten Bäume ihre Wipfel empor. Von hier aus war kein Hinweis auf Gebäude im Inneren der Anlage zu entdecken. Zuerst würden wir durch das massive Holztor gehen müssen, das aussah, als wäre es für Elefanten gebaut worden.                
            Sunetra betätigte die Klingel und nach kurzem Warten schnappte der Verschluss auf. Eine kleinere Tür, die im Tor eingelassen war, schwang ein Stück nach Innen. Mitleidig dachte ich an den armen Hank, als sogar ich Mühe hatte mich hindurchzuzwängen. Sauertöpfisch zog er die Mundwinkel nach unten und legte sich deutlich sichtbar Vokabeln für einen rabiaten Fluch zurecht.       
            Doch bevor er schreien konnte, öffnete sich ihm zu unser aller Überraschung auch das große Tor. In Japan bedeutete dies einem Troll gegenüber außergewöhnliche Höflichkeit. Verwundert und ein wenig misstrauisch beäugte der ehemalige Bundeswehrsoldat das Holztor, als befürchtete er, dass man sich einen Scherz mit ihm erlauben könnte, sobald er versuchte hindurch zuschreiten. Doch dann kam er zu uns und nichts passierte.         
            Wir standen in einem Vorhofgarten, der zu einer zauberhaften Grünanlage gehörte. Medizinballgroße, grob gehauene Steine bildeten eine Landschaft, auf der Mädchen- und Bergkiefern, Japanstechpalmen, Lärchen, Eiben und Scheinbuchen wuchsen. Dazwischen befanden sich diverse Farne, Gräser und kleinere Bäumchen, an deren Namen ich mich nicht erinnern konnte. Ein künstlicher Bach führte klares Wasser durch ein Bett aus Kieselsteinen. Vor uns befand sich der Eingang zum eigentlichen Tempel, der am Fuße eines Hügels stand, der ebenso schön gestaltet zu sein schien. Ein wundervoller Ort der Kontemplation., ging es mir durch den Kopf.         
            Die Tür am Tempel schwang auf und ein ernst dreinblickender Yakamura stand auf der Schwelle. Er winkte uns zu sich. Wir schritten über das mit braunroter Farbe lackierte Brückchen, das den künstlichen Bachlauf überspannte.           
            "Und denkt daran: Wenn wir den Tempel betreten, zieht die Schuhe aus!", ermahnte Sunetra.    
            Hank schnaubte amüsiert. "DAS wollt ihr garantiert nicht."
"Wir haben auch deinen Arschodem letzte Nacht überlebt. Das wird dagegen ein Klacks.", konterte Alyssa und ich musste grinsen als Largo noch einen drauf setzte. "Ihr habt leicht reden. Von allen bin ich am nächsten an seinen Stinkmauken dran."   
            Yakamura begrüßte uns förmlicher als am Tag zuvor. Vermutlich sah er die Notwendigkeit, sich an diesem Ort der Etikette zu beugen. Er bat uns hinein, zeigte uns die Sandalen für Gäste und wartete geduldig, bis wir sie angezogen hatten. Als Hank an der Reihe war, hielt er für einen Moment die Luft an. Schließlich ergab er sich der Körperfunktion und versuchte dabei möglichst nicht durch die Nase zu atmen. Anschließend führte er uns in einen Gebetsraum, hinter dem ein Garten lag. Wir nahmen auf den bereitgestellten Reisstrohmatten Platz. Dann entschuldigte sich Yakamura und verließ uns wieder.           
            Aus einer zweiten Tür kam kurz darauf eine ungewöhnliche Gestalt zu uns. Zuerst wollte ich meinen Augen nicht trauen, aber es handelte sich tatsächlich um eine Trollfrau im Gewand eines Akolythen. Es ist in Japan wahrlich etwas in Bewegung geraten. Ich wertete es als ein gutes Omen für unseren Auftrag.          
            Die Akolythin trug ein Tablett mit grünem Tee herein. Während sie uns Schälchen mit der dampfenden Flüssigkeit eingoss, erkannte ich, dass sie die für den Shinto-Glauben typischen Gebetsbänder um ihre Hörner gewickelt hatte. Sie war außergewöhnlich jung und schien schrecklich nervös zu sein. Als sie ihre Aufgabe beendet hatte, nickte sie uns noch einmal zum Abschied schüchtern zu und huschte wieder aus dem Raum - nicht ohne in Hanks Richtung zu schielen, der gelangweilt zum Fenster heraus auf den Garten starrte.  
            Yakamura kam mit Sanada und einem zweiten Priester zurück, der sich keine Mühe machte, sich vorzustellen. Ohne uns überhaupt in Augenschein zu nehmen, griff er nach einer der Schalen, schlürfte Tee in sich hinein und stützte sich mit einer Hand im Kreuz ab, als hätte er Schmerzen. "Mein Rücken bringt mich noch um."   
            Als wäre ihm eingefallen, warum er überhaupt in den Raum gekommen war, sah er uns nun an. "Sie kommen als Freunde von Yakamura-Kun?"      
            "Hai!", bestätigte Sunetra.     
"Schön, dass sie es hierher geschafft haben. Ich hoffe, wir können gemeinsam diese Verunreinigung aus der Welt schaffen. Sind sie sicher, dass sie dieser Aufgabe gewachsen sind? Wir haben bereits mehrere Priester verloren, die sich intensiv der Dämonenjagd widmeten."
            "Ich muss es einfach tun. Es ist nicht so, dass ich sterben will, aber genauso ist mir klar, dass es meine Aufgabe ist, Ocyon zu bannen. Sollte ich dafür mein Leben lassen müssen, werde ich es gerne tun."      
            Der Priester sah erheitert zu Yakamura. "Ach, immer diese übertriebene Ernsthaftigkeit der Samurai." Dann konzentrierte er sich wieder auf die Elfe. "Der letzte Bruder, der das Übel aufspüren konnte, wurde grausam zerstückelt aufgefunden. Scheinbar hat Es sich im Shiba Yoko niedergelassen und dort eine Art Nest gebaut. Das ist ein Vergnügungsviertel im Osten Neu-Tokios."         
            Er fügte hinzu, dass es unter der Kontrolle einer Oni Yakuza stand. Oni, das bedeutete übersetzt so viel wie Dämon oder Teufel und war ein gebräuchlicher, sehr herabwürdigender Name für Orks und Trolle, war aber nicht gleichzusetzen mit dem Begriff, den sie für unseren Gegner hatten: Akuma. Damit bezeichneten sie Satan Höchstselbst. 
            "Habt ihr schon mit den Anführern der Yakuza über das Problem gesprochen?"     
            Der Priester zögerte ein wenig. "Sie sind traditionellen Werten gegenüber sehr misstrauisch. Wie ihr Name schon sagt, sind dort vorwiegend Orks Mitglied. Viele von ihnen stammen aus Korea und Kalifornien. Sie hatten in der Vergangenheit schwere Probleme ihren Turf gegenüber Konkurrenten und der Polizei behaupten zu können. Also... nein. Wir haben noch nicht mit ihnen gesprochen. Sie hätten es ohnehin abgelehnt uns zu empfangen."
            Ork und gleichzeitig Koreaner zu sein, kam in Japan einer doppelten Bestrafung durch das Schicksal gleich. Daher konnte ich mir gut vorstellen, dass es sich bei ihnen um die Ausgegrenzten der am Rand stehenden Leute dieser Gesellschaft handeln musste.
            "Bevor wir uns im Viertel umsehen, sollten wir höflich bei den Oni anklopfen.", schlug Sunetra vor.          
            "Seid vorsichtig!", warnte der Priester. "Der Dämon scheint sich andere Wesen Untertan zu machen. Wir wissen von einigen Hostessen und Zuträgern, die ihm dienen. Sicherlich nicht freiwillig. Er baut sich dort ein Netzwerk auf, um seinen Einfluss zu vergrößern."        
            "Ich denke, das wird die Oni für unser Vorhaben zugänglich machen. Schließlich werden sie keine Konkurrenz im eigenen Haus haben wollen."       
            "Oder sie sind der verlängerte Arm Ocyons.", warf ich ein. Die Vorstellung deprimierte die Anwesenden ein wenig, aber die Möglichkeit war nicht von der Hand zu weisen.        
            Als die einsetzende Stille zu lange zu werden drohte, räusperte sich der Priester. "Eins sollten sie noch wissen. In der Nacht, in der unser Bruder gestorben ist, wurden viele Menschen grausam entstellt aufgefunden. Einige scheinen von Shinta-Kun niedergestreckt worden zu sein, bevor er überwältigt werden konnte. Aber andere waren in Stücke gerissen worden. Das muss das Werk des Dämons sein. Wir wissen nicht, was ihn so stark macht oder wie er sich so hartnäckig an diese Welt klammern kann."
            "Vielleicht hat er einen besonderen Gegenstand ... oder eine Person, die er als Anker nutzt?!", vermutete Alyssa und der Priester stimmte ihr zu. "Damit könnten sie recht haben. An zwei Tatorten wurde angeblich die selbe Person gesichtet. Es könnte sich dabei um einen Handlanger handeln."     
            Erneut öffnete sich die Tür und die Akolythin kam wieder herein. Sie übergab unseren Magierinnen Bannspruchrollen, die für Ocyon bestimmt waren. Alyssas Laune heiterte sich vollends auf, als der Priester den Einsatz von Kampfmagie genehmigte. "Allerdings nur gegen den Dämon selbst. Wegen seiner Helfer müssen sie sich etwas anderes überlegen."  
            Ohne sich zu verabschieden oder dass wir wenigstens seinen Namen erfahren hätten, ging er davon. Wir leerten unsere Trinkgefäße und standen auf. Das Treffen war vorüber.       
            Yakamura, Sanada und die Trollfrau begleiteten uns zum Ausgang. Als wir das Tor fast erreicht hatten, kicherte Yakamura plötzlich und tadelte die Schülerin. "Hichi! Hört auf dem Troll auf den Hintern zu starren!" Ich musste mich nicht umdrehen, um zu wissen, dass er spitzbübisch Grinste. Hichis Anblick hingegen war köstlich. Sie lief puterrot an und versuchte unsichtbar zu werden. Ein vergebliches Unterfangen für jemanden, der so hoch wie ein Kleinbus war.           
            Am Tor umarmte der Priester die Frauen zum Abschied und wurde wieder ernst. "Achtet auf euch! Dieses Monster ist gefährlicher als alles andere, was wir seit Jahren auf japanischem Boden gesehen haben. Und um der Wahrheit die Ehre zu geben: wir verstehen nach wie vor nicht genau, was es ist."

***

         Shiba Yoko war ein japanisches Vergnügungsviertel, wie es im Buche stand. Dem geneigten Besucher wurden allerhand Möglichkeiten zur Zerstreuung geboten. Von edlen Clubs, Karaoke-Bars, günstigen Bistros, teuren Restaurants, dunstgeschwängerten Spielhöllen, anrüchigen Peep-Shows, Puffs und Diskotheken mit lauter Musik für Partysüchtige Nachtschwärmer jeden Couleurs, über gehobenere Unterhaltung für diejenigen, die sich mehr an Kulturellem erfreuen, wurde wirklich jeder Geschmack bedient. Takarazuka-Revues, in denen Frauen in Männerrollen auftraten, konnte man nämlich genauso besuchen, wie traditionelle Musikkonzerte, Theateraufführungen und Geisha-Partys, auf denen die Gäste mit Shamisen-Musik, klassischen Tänzen und Gesellschaftsspielen unterhalten wurden. Wem der Sinn mehr nach Entspannung stand, begab sich in eines der wenigen Sento-Bäder. Mir persönlich war ein türkisches Hammām lieber, aber damit konnte man hier leider nicht dienen.         
            Viele der Etablissements waren in relativ schmalen Gebäuden untergebracht worden, die sich Zeilenartig aneinanderreihten und zu mehreren Stockwerken auftürmten. Wer die Eingänge der Läden oberhalb des Erdgeschosses erreichen wollte, konnte nicht einfach über einen Aufzug im Inneren dort hingelangen. Stattdessen fuhr man über ein System aus Rolltreppen dorthin. Als hätte man Pyramiden diagonal gehälftet und mit der Fähigkeit versehen sich zu dehnen und zu stauchen, lehnten sie an den Häusern und beförderten die Besucher zu ihren Zielorten. Um ihre Aufgabe erfüllen zu können, waren sie in der Lage, in einem bestimmten Rahmen ihre Höhe bzw. Ausrichtung zu verändern. War man erst mal auf einer der Treppen, konnte man über sie auch die meisten anderen erreichen, indem man einfach hinüberwechselte. Wenn man sich zum ersten Mal mit diesem Anblick konfrontiert sah, wähnte man sich in einem Bild von MC Escher gefangen. Ich erinnere mich daran, dass mir damals ein wenig schwindelig geworden war.    
            Zum Glück besuchte ich 2072 nicht zum ersten Mal das Land der aufgehenden Sonne und war auf die Situation angemessen vorbereitet. Hank und Alyssa hingegen kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Beständig ließen sie die Köpfe wandern und sogen die fremdartigen Eindrücke aus offenen Straßenküchen, Musikanten, Spielleuten und Architektur mit großen Augen in sich auf.     
            Vor allem waren japanische Vergnügungsviertel aber eins: laut, farbenfroh und schrill. Besonders die viele Werbung im AR ließ Shiba Yoko selbst am helllichten Tage glühen wie eine Batterie von tausend Watt Birnen. Ich musste den Spam Filter meines Komlinks bis zum Anschlag hochdrehen, um zu verhindern, dass sich meine Netzhaut augenblicklich vor Überreizung selbst entzündete.   
            Wie im restlichen Tokyo waren die Gassen allesamt sauber und gepflegt. Müll landete in den dafür vorgesehenen Tonnen. Bunte Lampions und auf Seidenbahnen gemalte Bilder waren zwischen den Häuserseiten aufgespannt worden. Die Straßen selbst bestanden aus abgeflachten Pflastersteinen. Autos durften hier nicht mehr fahren. Daher flanierten unzählige Menschen durch das Viertel. Aufgrund der Tatsache, dass wir uns im Einflussbereich der Ork-Yakuza bewegten, fanden sich auch überdurchschnittlich viele Metas unter den Besuchern.        
            Unterwegs kontaktierten wir unsere Liaison Sanada. Er war über die lokale Unterweltszene im Bilde und konnte uns mehr über unseren nächsten Hausbesuch erzählen. Die Yakuza in Shiba Yoko hatte sich den Namen
Busan-Oni-Gumi gegeben und war für alle Orks und Trolle offen. Mit Zwergen, die in Nippon ebenfalls nicht besonders angesehen waren, hatte man hier ebenfalls keine Probleme. Geschäfte machte man zwar mit allen, aber Menschen und Elfen hatten im Clubhaus nichts zu suchen. Darum entschlossen wir, dass es das Beste war, wenn nur Hank und meine Wenigkeit vorsprechen würden. Largos Spy-Drohne saß auf Hanks Schulter. Sie war von der Größe einer kleinen Libelle und fiel nicht weiter auf. Über sie blieben wir mit den anderen in Kontakt. Sollte die Angelegenheit brenzlig werden, konnten sie in wenigen Sekunden bei uns sein. Das wäre in dem Fall auch bitter nötig, denn in ihrem Turf war Polizisten der Zutritt untersagt. Auch die sonst reichhaltig vertretenen Drohnen, der Gesetzeshüter waren aus dem Stadtbild verschwunden.                   
            Von Außen wirkte das Clubhaus wie eine Kneipe, nur dass man vergessen hatte ein Schild über dem Eingang anzubringen. Da die Tür nicht abgeschlossen war, traten wir ein. Nach dem verhältnismäßig schmalen Eingangsbereich, kamen wir in einen Raum, der neben einigen wenigen Tischen und Stühlen mit einer Bar ausgestattet war. Niemand stand hinter dem Tresen und auch sonst konnte ich nirgendwo den Barkeeper entdecken. Als ich in den Raum hineinrief, flackerte eine Projektion in Gestalt einer Kellnerin an der Bar auf.   
            „Hallo. Ich bin Aniki, ihre freundliche Kellnerin. Womit kann ich ihnen eine Freude machen?“, erklang die blecherne Stimme.
Na super, eine Virtuelle Intelligenz.         
           
Mir grauste bei der Erinnerung an unsere Begegnung mit der nervigen VI in der Sicherheitszentrale vor einigen Monaten. Das elende Mistding hatte uns fast in den Wahnsinn getrieben. Auf eine Wiederholung hatte ich keine Lust, musste aber wehmütig einsehen, dass sich sonst niemand zum Dialog anbieten würde. Ich seufzte.
            „Nun gut, wer ist für den Laden verantwortlich?“      
Einige Zeit lang starrte mich die künstliche Bardame an, während der Computer eine Antwort auf meine Anfrage berechnete. Hank lehnte auf der Theke und wischte neugierig mit einer Hand durch die Projektion, wodurch sie verschwamm. Kleine Wellen aus Photonen breiteten sich wie auf der Wasseroberfläche eines Teichs aus.           
            „Wir haben Sake, internationale Biere und kleine Snacks im Angebot.“ Aniki lächelte debil und erwartungsvoll. Wusste ich es doch! Der selbe Schrott wie daheim.
So kamen wir hier nicht weiter und Hank dachte das gleiche wie ich.           
            „WER AUCH IMMER DA IST, SOLL SEINEN FALTIGEN ARSCH HERSCHLEPPEN! UND ZWAR SOFORT!“, schrie er aus Leibeskräften.
            Tatsächlich bewirkte er damit etwas. Zum einen klingelte es so kräftig in meinen Ohren, dass ich zuerst dachte, er hätte mich in die Taubheit gebrüllt. Zum anderen kam Bewegung in das Clubhaus. Die Tür im Gang hinterm Tresen öffnete sich und ein Ork kam mit gemächlichen, schlurfenden Schritten herein.    
            Sein Low-Punk-Outfit aus knarzendem Kunstleder glänzte im Schein der Lampe. Die Haare hatte er büschelweise in verschiedenen grellen Farben getönt. Zwei seiner Hauer in einem der Mundwinkel waren abgebrochen, die drei auf der anderen Seite hatte er mit Goldaufsätzen geschmückt. Ringe schimmerten an seinen klobigen Händen. An seinem Hals rankten sich Ausläufer eines Tattoos entlang. Das grobschlächtige Gesicht präsentierte eine grimmige Person von niedrig angesetztem Intelligenzquotienten. Seine schwarze, abgewetzte Jeans wurde von einem Gürtel in Position gehalten. Auf der Schnalle waren die Initialen der Yakuzafamilie eingraviert: B.O.G.            
            Lateinische Schriftzeichen, oder
Rōmaji, wie sie in Japan genannt wurden, waren hier nichts ungewöhnliches. Bereits im sechzehnten Jahrhundert waren sie von portugiesischen Missionaren ins Land gebracht worden. Weil unser Alphabet als modern galt, wurden sie in der erwachten Welt Nippons vor allem in der Werbung eingesetzt. Im privaten Alltag fand man für die westlichen Sprachen jedoch keine Verwendung. Es unterstrich die ablehnende Haltung der Yakuza gegen das Traditionelle, dass sie für ihre Initialen weder Kanji, Hiragana oder Katakana nutzen. Nach außen hin so unangepasst wie möglich zu wirken, schien das Credo der Mitglieder dieser Gang zu sein.       
            "Was macht ihr Pissbecken so 'ne Welle?", fragte der Ork unwirsch. Meine Intuition verriet mir, dass ich mit Höflichkeit hier nicht weiter kam.      
            "Ich will mit demjenigen quatschen, der für die Abstellkammer hier verantwortlich ist."    
            "Red mit mir oder verpiss dich, Mensch!", spielte er den Ball zurück und ich nahm dankend an. Mit einem Finger zog ich die Unterlippe herunter, damit er die bei mir nicht besonders stark ausgeprägten Hauer sehen konnte. Als ihm klar war, dass ich ebenfalls zum Orkgeschlecht gehörte, entspannte er sich ein wenig.
            "Niemand der vorgeschickt wird, hat was zu kamellen. Ich brauch deinen Boss. Mit dir verschwende ich nur meine Zeit."   
            Regenbogenhäubchen musterte uns ausgiebig und entschied dann, dass wir unterhaltsam genug waren. Er winkte uns zu sich. "Na OK, kommt halt mit."           
            Im benachbarten Raum befand sich das eigentliche Clubhaus. Mehrere Sitzgruppen verteilten sich auf der Fläche. Hier und dort saßen Gestalten, die der ersten ähnelten. Der Schmuck auf den Hauern war anders, die Frisuren hatten andere Farben und auch die Tätowierungen unterschieden sich, aber stets handelte es sich um wahllos zusammengewürfelten, liderlichen, billigen Hinterhofgangsterkitsch. Am anderen Ende des Raums standen Hantelbänke mit anderem Sportgerät. An einem an der unverputzten Wand lehnenden Baseballschläger klebte Blut, das noch feucht glänzte. Gerahmte Gruppenfotos, die man auf diversen Partys geschossen hatte, zeugten von den weiblichen Eroberungen der anwesenden Aufreißerkönige. 
            Regenbogenhäubchen zeigte auf den ersten Ork am Tisch, den ich wegen seines gefurchten Kinns Arschkrampe taufte. Dann setzte er sich neben Geschmacklos, der aussah, als versuche er krampfhaft ernst zu wirken. Umgehend stellte dieser das Getuschel mit Stillos ein und verschränkte die Arme vor der Brust. Bedeutungsvoll lehnte er sich im Stuhl nach hinten und reckte das Kinn nach vorne.         
            Es kostete mich Mühe ein Lachen zu unterdrücken. 
Arschkrampe sah mich erwartungsvoll an. Ganz hinten am Ende des Tischs saß ein etwas älterer Kerl. Er trug einen wild gegelten Bürstenhaarschnitt und ein in allen Farben ununterbrochen changierendes High-Tech-Hemd. Er sah aus als könne ihn kein Wässerchen trüben. Obwohl mir augenblicklich klar war, dass Lavalampe der Boss dieses trüben Haufens sein musste, war ich gezwungen zunächst mit seinem Stellvertreter zu verhandeln. Traditionen hin oder her, sogar diese Yakuza hatte ein paar unveränderliche Verhaltensregeln.         
            Hank kam mir zuvor.  
"Tach, ihr Kackbratzen!"         
            "Was willst du Bastard?" Arschkrampes Augen blitzten. Übertriebene Höflichkeit mag an dieser Stelle unangemessen gewesen sein, aber Hank schoss meiner Meinung gefährlich über das Ziel hinaus. Zeit gegenzulenken.           
            "Wir sind neu in der Stadt und haben gehört, dass ihr unsere Hilfe gebrauchen könntet. Im Viertel soll es ein Problem geben, das beseitigt werden muss. 
            Der Gangster zog die Augenbrauen zusammen. "Erklär mir, warum ich dir nicht die Scheiße aus dem Leib prügeln sollte! Allein schon dafür, dass du mir meinen Tag versaut hast." Seine Stimme glich nun einem drohenden Grollen, das ich angesichts seines lächerlichen Aufzugs nicht ernst nehmen konnte.         
            "Ach übertreib nicht! Dein Tag war schon im Arsch, als du heute Morgen in den Spiegel geschaut hast." 
            Ein unübersehbarer Ruck ging durch die Anwesenden Yakuza. Sie versteiften sich in ihrer Haltung, als würden sie jeden Moment mit dem Signal zum Angriff rechnen. Das große Lauern begann. Hank an meiner Seite richtete sich zu voller Größe auf und ließ die Knöchel seiner Pranken knacken. Es war so still im Raum geworden, dass jeder einzelne Finger klang, als würde er dabei splittern. Geschmack- und Stillos waren sich auf einmal ihrer Sache nicht mehr so sicher und wechselten vielsagende Blicke. 
            Hoffentlich hab ich mein Blatt nicht überreizt. 
Der Moment zog sich unerträglich in die Länge und obwohl ich schon überzeugt davon war, dass gleich die Fäuste sprechen würden, griff niemand an. Plötzlich begann Lavalampe künstlich zu Lachen, so sehr, dass er sich mit der einen Hand den Bauch hielt und mit der anderen auf den Tisch schlug. Er klang wie eine Hyäne mit Schluckauf.  
            Dennoch hatte sein Lachen einen positiven Aspekt: alle entspannten sich wieder und glitten in ihre ursprünglichen Lümmelpositionen zurück. Heute würde im Clubhaus niemand zusammengeschlagen werden. Der Boss sah lachend nacheinander seine Jungs an und nickte mehrmals. Wie es sich geziemte, stimmten sie mit ihm ein. Binnen weniger Augenblicke erschallte der gesamte Raum von ohrenbetäubendem Wiehern aus einem Dutzend Orkmündern. Wenn ich es nicht besser gewusst hätte, hätte ich spätestens in diesem Moment nach einer versteckten Kamera gesucht. Solche Situationen gibt es doch nicht im echten Leben!
            "Die Jungs gefallen mir."        
Dann sprach er zu uns. "Ihr habt Eier in der Hose. Erzählt mir was euch hergetrieben hat! Ich will wissen, ob ihr mutig oder nur total irre seid."        
            Ich musste für meine Antwort nicht überlegen: "Wenn ich an den Grund unseres Besuchs denke, muss ich irre sein."  
            Wieder lachte er, aber zum Glück nur kurz.   
"Dann scheinst du dir ja doch noch ein bisschen Verstand bewahrt zu haben. Schieß los! Was wollt ihr von mir?"
            "Mein Partner und ich helfen einer Freundin. Wir versuchen den Dämon zu finden, der vor einigen Tagen einen Priester in diesem Viertel umgebracht hat." Lavalampe hielt inne. Sein Blick wurde ernst, aber sein offen stehender Mund ließ ihn dümmlich wirken. Die Zunge, die einen seiner goldbekrönten Eckzähne ableckte, ließ ihn in keinem vorteilhafteren Bild erscheinen.         
            "Siehst nicht wie ein gottverdammter Priester aus."
"Bin ich auch nicht. Wie gesagt: wir helfen einer Freundin. Nachdem wir in Erfahrung gebracht hatten, dass der Dämon in eurem Turf wildert, dachten wir, es wäre angemessen zuerst zu euch zu kommen."     
            Erneut wechselten die Farben des Hemds, liefen ineinander, emulgierten und trennten sich wieder zu großen Klecksen, doch Lavalampe reagierte nicht. Stattdessen sah er uns an, als hätte er keinen blassen Dunst, was ich damit sagen wollte.  
            "Zum einen bitten wir um eure Erlaubnis in Shiba Yoko zu ermitteln und zum anderen wären wir für jede noch so kleine Information dankbar.", fügte ich hinzu. Sein Blick wurde klarer, er hatte verstanden.      
            "Ah klar, ich weiß, wovon du redest." Er fuhr sich mit einer Hand nachdenklich über das glattrasierte Kinn. "Ich sag dir was: ihr dürft nicht nur ...ermitteln, nein! Ich gebe euch sogar die Adresse von dem verfluchten Laden, wo's passiert ist. Ich hab nur eine Bedingung: Die Bar hat noch nicht auf, aber ihr bezahlt unseren Mädels denselben Preis, den sie sonst auch bekommen würden!"
            Bekommst ungefragt Hilfe von Fremden und schlägst auch noch Profit daraus. Da werden dir deine Jungs aber gleich bestätigen, was für ein gerissener Fuchs du doch bist., dachte ich amüsiert. Es gab für mich keinen Grund zu diskutieren. Wir hatten erreicht, weswegen wir gekommen waren. 
            "Klingt fair."    
"Sagt den Mädels einfach, dass Bok-Pak euch schickt. Dann werden sie handzahm." Dieses Mal lachte er noch dreckiger als zuvor. Ich verspürte Widerwillen auch nur eine Sekunde länger in einem Raum mit diesem Drecksack zu bleiben, also verabschiedeten wir uns und verließen unbehelligt das Clubhaus.      

***


            Wie so oft hatte auch das Etablissement, zu dem wir geschickt wurden einen typischen Namen aus der Anglizismuskitschkiste. Der Flaming Lips Club war eine Anschaffbar mit Karaoke zur Unterhaltung der Gäste, die nicht gerade mit einer der Bordsteinschwalben in einem der Bumsräume im hinteren Teil des Gebäudes zugange waren. Als ich mit Hank den nur schummrig beleuchteten Laden betrat, war von einer Putzdrohne und einer Mittdreißigerin abgesehen niemand anwesend.        
            Die Menschenfrau trug einen Bademantel und fläzte, Kippen rauchend, in einer der vielen Sitzecken. Sie sah verhärmt aus. Die Haut war fleckig und wirkte älter als sie sein sollte. Krähenfüße streckten bereits zaghaft ihre Zehen aus. Die Augen versprühten keinen Glanz mehr, sondern ähnelten eher matt gewordenen, ausgebrannten Glühbirnen. Angesichts ihres Alters musste sie schon lange im Geschäft gewesen sein und dementsprechend viel gesehen haben. Wahrscheinlich zu viel. An einem anderen Tag mag das Schicksal dieser bedauernswerten Gestalt ein Interview wert gewesen sein, aber wir hatten dringlichere Probleme als die Ausbeutung der Frauen im horizontalen Gewerbe.  
            Wir stellten uns vor und warum wir gekommen waren.
Unbeeindruckt, geradezu gelangweilt sah sie uns an, als wollte sie uns vorwerfen, warum wir gerade ihr damit in den Ohren lägen. Die überlange Aschestange an ihrer Zigarette rutschte ab und verteilte sich als weißgraue Flocken auf dem Boden.   
            "Bok-Pak schickt uns.", raunzte Hank genervt, als sie keine Anstalten machte zu antworten. Daraufhin seufzte sie schwer und wurde gesprächig. Mit ihrem Boss wollte sie keinen Ärger riskieren.
            "Hören sie, ich bin erst seit kurzem hier. An dem Abend, als es passiert ist, hab ich nicht gearbeitet. Und davor war ich in einem anderen Club. Aushilfe, wissen 'se?!" Sie dachte kurz nach, dann schnappte sie nach Luft wie ein Fisch an Land. "Ein Glück. Die gesamte Abendschicht wurde niedergemetzelt. Zuerst dachten wir, es wäre eine andere Gang gewesen, die den Turf übernehmen will, aber so brutal geht man normalerweise nicht vor." Sie erzählte von der Massaker, als handele es sich um die Synopsis eines Films. Sie wirkte so emotionslos und abgestumpft, dass sie innerlich tot sein musste. Ich fragte mich spontan, wie sie es überhaupt noch schaffte als Prostituierte Geld zu verdienen. Da geht doch keiner mehr freiwillig ran.    
         "
War ganz schöne Arbeit die Sauerei wieder aufzuräumen, das kann ich ihnen sagen."      
            Und ich soll dir jetzt abnehmen, du hättest dabei auch nur einen Finger krumm gemacht? Dein Jammern lockt nicht mal Krokodilstränen hervor, Wehrteste.          
            Die Frau warf den Stummel, der von ihrer Zigarette übrig geblieben war, achtlos in den Aschenbecher und zündete sich einen neuen Sargnagel an. Nach einem kräftigen Zug, der in keuchendem Husten endete, fuhr sie fort: "Etwa hundertfünfzig Meter die Straße runter haben die Jungs den toten Priester entdeckt. Da war's dann klar, dass die Sache oberfaul war. Niemand, der noch klar bei Verstand ist, weidet einen Mann aus und hängt ihn an seinem eigenen Darm auf. Außerdem haben die Kameras garantiert keine B.O.G. Konkurrenz gefilmt." Abwesend fügte sie nach einer dramatischen Pause hinzu: "Richtig kranker Scheiß."
            "Es gibt Aufnahmen? Können sie uns die aushändigen?"
Sie zuckte müde mit den Achseln und schürzte die Lippen. "Bok-Pak schickt sie. Ich denke das geht in Ordnung."           
            "Sehr gut, wir haben unten einen Freund, der sich damit auskennt. Ich rufe ihn eben rein."         
            "Tun sie, was sie nicht lassen können."        
Während sie stumm ihre Rauchwaren genoss, kam Largo, der über seine Drohne zugehört hatte, bereits die Treppen hoch. Die Prostituierte lupfte eine Augenbraue: "Sie haben 'nen Kurzfuß im Schlepptau? Wo haben 'se den denn aufgegabelt?" 
            Der Rigger warf ihr einen wütenden Blick zu, der sie dazu brachte abwehrend die Hände hochzuheben: "Nicht so empfindlich, Drama-Queen! Da vorne hinter dem Tresen ist das Terminal."       
            Ohne sie eines Kommentars zu würdigen, begab sich der Zwerg an die Arbeit. Dann, so als sei ihr erst jetzt etwas Wichtiges eingefallen, reckte sie einen Zeigefinger in die Höhe. "Oh, bevor ich es vergesse: eine Kollegin hat die Mordnacht überlebt." 
            "Wirklich?", fragte ich überrascht. Das konnte unsere beste Spur sein. Ein Augenzeuge konnte mit persönlichen Eindrücken aufwarten, die einer Kameraaufzeichnung abgingen. Außerdem sind Kamerablickwinkel immer stark eingeschränkt. Die Frau war vielleicht in der Lage die Lücken zu füllen, die sich dabei ergaben.
            "Ja, aber freuen sie sich nicht zu früh." Wieder fiel ihre Asche auf den Boden. "Miyou hat sechs Stunden in den Eingeweiden der anderen ausgeharrt, bevor sie gerettet wurde. Hat sich mausetot gestellt. Seitdem ist sie katatonisch." Als hätte sie eine gute Pointe auf Lager, machte sie eine kurze Pause und lächelte freudlos. "Aus der bekommen sie nichts mehr raus."    
            "Keine Sorge, die bekommen wir schon zum Reden.", konterte Hank und grinste wölfisch. Daraufhin musterte sie ihn. "Ich kann mir schon vorstellen, wie du das anstellen willst, Großer." Sie legte sich auf der Sitzgarnitur zurück und spreizte die Beine, sodass der Bademantel auseinanderklaffte und den Blick auf Florida freigab. Sie trug kein Höschen. Hanks Grinsen nahm die Beine in die Hand. "Äh..."           
            "Ich weiß schon fast nicht mehr, wie das ist einen prächtigen Trollschwanz in der Möse zu haben." Hanks Blick folgte ihrer rechten Hand, die sich abwärts bewegte. Als sie begann die Klitoris zu massieren war sie es, die gierig grinste. "Du musst auf deinen Freund da hinten warten und ich hab auch nix besseres zu tun. Wie wär's, Schnucki? Frisch meine Erinnerungen auf! Ich beiß dich auch ein bisschen. Versprochen."    
            Schweißperlen standen nun auf seiner Stirn. Leicht verzweifelt versuchte er den Blick abzuwenden. Nach einigen Sekunden schaffte er es und sah zu mir. "Öäääähm... ich brauch Frischluft."         
            Wie von der Tarantel gestochen eilte der Hüne aus dem Flaming Lips seinem Grinsen hinterher. Die Prostituierte lachte trocken. Sie saß wieder mit züchtig zusammengeschlagenen Beinen da, verstreute Zigarettenreste um den Aschenbecher herum und zwinkerte mir verstohlen zu: "Dachte ich's mir doch." 
            Touché!

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