Freitag, 17. Juli 2015

Schatten über Jigoku

Kapitel 4 - Die Einöde des Hais

            Wasser so weit das Auge reichte.      
Bis zum Horizont und darüber hinaus war kein weiteres Land zu sehen. Dafür schimmerte das Meer, als enthielte es eine phosphoreszierende Substanz. Am nächtlichen Himmel funkelten die Sterne, doch sie schienen wahllos dort angebracht worden zu sein. Zu keinem bekannten Sternenbild wollten die Konstellationen passen. Dafür verschwanden einige von ihnen, um an anderer Stelle wieder aufzutauchen. Sie glichen mehr weit entfernten alles beobachtenden kosmischen Augen, die sich öffneten und wieder schlossen.        

            Alyssa staunte mit offenem Mund über die atemberaubende Szenerie. Sie wusste, dass es nicht real war, doch als wolle sie diese Illusion eines Besseren belehren, kitzelte sie der Sand zwischen den Zehen. Die Magierin sah an sich herunter und grub die nackten Füße fester in den feinen, weißen Steinstaub. Es war fantastisch und beunruhigend zugleich. ‚Ob sich B.T.L.-Junkies so fühlen, wenn sie sich in die Erinnerungen eines anderen Menschen einklinken?‘   
            Der Strand an dem sie standen, umfasste nur einige Dutzend Quadratmeter. Nicht ein einzelner Grashalm wuchs auf der Insel. Lediglich ein hölzerner Steg führte von dem Eiland fort. Er war vom jahrzehntelangen Einfluss der Umwelt verwittert und weckte wenig Vertrauen in seine Stabilität. Nichts befand sich hier. Nichts außer Alyssa und ihrer Freundin.
            „Wie lange wird es dauern, bis er sich zeigt?“, fragte sie und erntete ein verschmitztes Lächeln, das ihre Augen leuchten ließ. Sunetra wartete kniend auf Susanoos Ankunft. Sie hatte die Menschenfrau von dem Moment an, seit sie hier gelandet waren, genau beobachtet. War sie sich bei ihrem ersten Besuch in seinem Refugium ebenso fremd und deplatziert vorgekommen? Wahrscheinlich, aber die Erinnerungen verschwanden in einem Nebel. Alles wirkte so fern. Dabei war sie erst in diesem Jahr die Verbindung zu dem Mentorgeist eingegangen.         
            „Bald, hab ein wenig Geduld!“
Alyssa seufzte und trat gerade so weit vor, dass die Wellen, die die Insel sanft umspülten, sie nicht erreichen konnten. Es war ihr bewusst, dass sie deswegen nicht mehr sehen konnte, als drei Meter zuvor, aber sie hatte Hummeln im Hintern. Geduld gehörte nun einmal nicht zu ihren Stärken, ganz besonders dann nicht, wenn etwas so aufregendes geschah.        
            Zwar hatte sie bei dem gemeinsamen Ritual in Kopenhagen bereits einen Vorgeschmack auf den Mentorgeist bekommen, aber lediglich als Zuschauer. Ihre damalige Aufgabe bestand darin, für einen ungestörten Ablauf zu sorgen. An diesem Tag jedoch würde alles anders sein. Sie steckten bei ihren Ermittlungen in einer Sackgasse und brauchten Susanoos Hilfe. Sunetra war der Meinung gewesen, dass sie zu Dritt mehr erreichen konnten. Also war sie der Elfe an diese fremden Gestade gefolgt.  
            ‚Wie er wohl aussehen mag?‘, überlegte die Magierin.
Bestimmt würde er mit einem bombastischen Auftritt auf der Bildfläche erscheinen. Sie stellte sich vor, wie das Meer zu brodeln begann und sich viele Meter auftürmte. In der schaumigen Gischt, die auf sie zu brandete würde er sich materialisieren, auf ihr reiten wie ein Surfer auf einer Welle, und unter tosendem Rauschen vor ihnen auf der Insel landen. Oder vielleicht würde er in seiner Haigestalt auftauchen. Gigantische Ausmaße könnte er haben, so groß, dass er bis in den Himmel ragte. Per Gedankenübertragung würde er dann mit ihnen reden, denn sein Maul würde sich weiterhin unter der Wasserlinie befinden. Oder aber… was wäre, wenn sie sich bereits auf ihm befanden? Was, wenn er ein Ungetüm war, von dem nur diese kleine Insel aus dem Wasser ragte? So groß war er, dass seine Schwanzflosse viele Kilometer entfernt die Oberfläche durchstieß. Jedenfalls wäre es so weit weg, dass sie es nicht mehr sehen konnten. Ein Ungetüm, groß und mächtig. Es durchschwamm auf seinen Reisen die Galaxie. Das würde auch das seltsame Sternenbild über ihnen erklären.   
            Mist! Nun wusste sie sich nicht mehr recht zu entscheiden, ob sie lieber das Meer oder den Himmel beobachten sollte. Von wo würde er denn nun kommen?   
            Das Menschlein verfügt über eine lebhafte Phantasie.      
Derart unvermittelt erklang eine heisere, männliche, irgendwie körperlose Stimme hinter Alyssa, dass ihr Herz für einen Moment ins Stolpern geriet. Sie zuckte erschrocken zusammen und drehte sich langsam um, das Schlimmste erwartend.      
            Dort stand er nun also, Susanoo.      
Irgendwie war sie von seiner Erscheinung enttäuscht. Ein hagerer Mann, mit schlohweißem Haar, lederartiger, grauer Haut und einem feinen Business-Anzug – das sollte wirklich alles sein?! Sie versuchte wenigstens ein wenig Respekt vor dem raubtierhaften Gebiss mit den spitz zulaufenden, beinahe wie gleichschenklige Dreiecke aussehenden Zähnen, zu entwickeln, aber ihre Ernüchterung war alles, was übrig blieb. Der Mentorgeist zog tadelnd eine Augenbraue hoch und sah zu Sunetra, die nun aufstand.     
           
Diese beurteilt ihr Gegenüber nach dem Aussehen. Ich hoffe, dass sie weiß, wie gefährlich das ist. 
            „HALLO! Ich bin anwesend. Man darf mich auch direkt ansprechen!“ Ein Hand hatte sie verärgert in die Hüften gestemmt, während sie mit der anderen auf sich zeigte.    
           
Impertienent ist sie obendrein auch noch.         
Er näherte sich ihr, beugte sich ein wenig zu ihr herunter, damit sie sich direkt in die Augen sahen. Seine runden Pupillen hatten sich in schmale Schlitze verwandelt. 
           
Du scheinst noch sehr unerfahren, junge Magierin. Darum gebe ich dir einen gutgemeinten Rat: Achte in der Gegenwart eines Jägers auf deine Wortwahl, denn wir sind tückisch und leicht reizbar.
            Er brachte sein Gesicht nun ganz nah an ihres heran. Als sie seinem Blick nicht mehr ausweichen konnte, schob sich weißliche Nickhaut über seine Augen.     

            Alyssa glaubte sich zu erinnern, in einer Dokumentation mal gehört zu haben, dass Haie dies zum Schutz ihrer Sehorgane taten; und zwar unmittelbar vor einem Angriff. Sie dachte mit Schrecken an Sunetras Blutrausch im Hangar. Das war Er gewesen. Gänsehaut wuchs auf ihren Armen und ihr Kehlkopf verwandelte sich in einen dicken Kloß.   
            Unvermittelt richtete er sich wieder auf und sprach mit der Elfe:
Warum hast du einen Gast mitgebracht?   
            Falls seine Frage einen echten Vorwurf enthielt, ignorierte Sunetra ihn. „Wir benötigen mehr Informationen, bevor wir unseren nächsten Zug planen können. Unvorbereitet in die Schlacht zu ziehen erscheint mir töricht. Sie kann uns dabei helfen, die Beute aufzuspüren.“    
            Das war mehr nach seinem Geschmack. Er lächelte Alyssa aus dem Augenwinkel hinterlistig an. Sie versteifte sich und überlegte einen bangen Moment lang, ob man sich auch auf der Astralebene in die Hose machen konnte. Dann trug er plötzlich einen versöhnlichen Gesichtsausdruck, legte ihr einen Arm um ihre Schultern und schob sie sanft zu Sunetra. Obwohl sich alles in ihr sträuben wollte, ließ sie ihn gewähren.    
            Als sie ihn das nächste Mal ansah, trug der Geist einen Anzug aus dem neunzehnten Jahrhundert. Der Stoff mochte Tweed gewesen sein. Auf dem Kopf thronte eine Deerstalker-Mütze. Susanoo musste nicht erst die Lupe aus seiner Jackentasche kramen, damit die Magierin verblüfft erkannte, was er darstellen wollte. Vor ihr stand eine klischeeüberladene Sherlock Holmes Imitation. Normalerweise hätte sie ihn für diese lächerliche Verkleidung ausgelacht, aber jeder Humor blieb unterhalb des Kloßes in ihrem Hals stecken.   

            ‚Er spielt mit mir wie mit einer Beute.‘ 
Alyssa nahm sich vor, stark zu sein und sich von ihm nicht ins Bockshorn jagen zu lassen. Als er sich jedoch wieder zu ihr beugte und die Lupe vor sein Gesicht schob, war der Vorsatz beinahe wieder vergessen.        

            Er ließ seine Zähne blitzen und lächelte als wäre er dem Wahnsinn nahe.   
           
Na dann wollen wir der Sache mal auf den Grund gehen!    
Er forderte die Frauen dazu auf, ganz von vorne zu beginnen. Alyssa sah keinen Sinn darin, immerhin war er die ganze Zeit mit dabei gewesen. Nur weil Sunetra nicht gerade Gegner in Stücke hackte, bedeutete das noch lange nicht, dass der Mentorgeist Brotzeit machte, oder doch? Andererseits wagte sie es auch nicht zu widersprechen. Zum einen war er ihr unheimlich, und zum anderen war sie nicht sicher, ob er nicht vielleicht doch einen Ansatz verfolgte, der ihnen zu neuen Erkenntnissen verhalf.       
            "Largo hat das Video der Sicherheitskamera ausgewertet, während wir den Flaming Lips Club astral untersucht haben.", erklärte Sunetra. "Bedauerlicherweise waren nach den Aufräumarbeiten die meisten Spuren nicht mehr eindeutig. Am Ende hatten wir mehr Fragen als Antworten."           
            Susanoo trat an das Meer und winkte die Frauen zu sich. Auf der spiegelglatten Oberfläche erschien das Bild aus dem Video als wäre sie ein Monitor. Erneut sahen sie, wie der Priester durch die Kneipe schlich, eindringlich auf die Kellnerin einredete und sich dann unter der Treppe versteckte. Der kurze, äußerst brutale Kampf war nach wie vor verstörend. Mit einem solchen Gegner hatten es die WildCards noch nie zu tun bekommen. Seine Kraft und Geschwindigkeit ließ Zweifel daran aufkommen, ob er überhaupt mit regulären Mitteln besiegt werden konnte.  
           
Ist es euch aufgefallen?      
Alyssa zuckte mit den Achseln. "Nein, was denn?     
           
Hört genau hin!     
Die Aufzeichnung wurde an die Stelle zurückgesetzt kurz bevor die Personen in der Bar den Priester angriffen. Doch dieses Mal spielte der Geist es etwas lauter ab. Largo hatte sein Bestes gegeben die Tonqualität zu verbessern, doch nach wie vor dominierten Rauschen und statische Knackser. Jetzt war Alyssa jedoch davon überzeugt, etwas erkannt zu haben. Sie zog die Stirn in Falten und spitzte die Ohren wie ein Hund, der nach einem Hasen lauscht, der sich im hohen Gras versteckte. Sie bat Susanoo es noch einmal abzuspielen. Endlich war sie sich sicher.
           
QenKrfsai!RhsdofojMhop459<ppof.
"Bitte?!", wollte eine irritierte Sunetra wissen.          
            "Das ist das, was der Kerl sagt, woraufhin die anderen dann angreifen."     
            Sie wusste genau, dass sie so etwas schon einmal gehört hatte, oder besser gesagt hatte sie darüber gelesen. Die Magierin überlegte weiter. Nein, es war eine Dokumentation gewesen, sonst käme ihr der Klang der Sprache so nicht bekannt vor. Bevor Sunetra nachhaken konnte, fielen die Puzzleteile an ihre Plätze. Der Mentorgeist musterte Alyssa.        
           
Das Menschlein könnte tatsächlich zu etwas Nutze sein. Sag uns, was du weißt!
"Schamanen sind aufgrund der Wahl ihres Totems in aller Regel AUF bestimmte Umweltbedingungen angewiesen. Einen toxischen Geist beschwört man beispielsweise in renaturiertem Gebiet nicht so einfach, wie in einer verseuchten Gegend wie der Nordsee oder der SOX. Trotz aller Veränderungen in den letzten siebzig Jahren, ist Wasser nach wie vor die dominierende chemische Verbindung auf dem Planeten. Dementsprechend einfach haben es Schamanen Wassergeister zu rufen. Bei Forschungen auf der Elementarebene des Wassers hat man viele hilfreiche Geister angetroffen. Allerdings gibt es dort vereinzelt auch sehr bösartige Wesen, die aktiv versucht haben Reinigungen zu sabotieren oder die Stelle eines guten Wassergeists einzunehmen, wenn einer beschworen wurde. Manchmal waren die betroffenen Schamanen zeitweise besessen gewesen. Es soll sogar zu Todesfällen gekommen sein.   
            Jedenfalls sind durch solche Begegnungen Fragmente dieser Sprache überliefert. Bis heute hat es jedoch noch niemand geschafft sie zu übersetzen."         
            Susanoo nickte zufrieden.      
Sie nennen sich selbst Eroberer und leben in den tiefen Gewässern der astralen Welt. Wovon eure Forscher berichten, waren nur harmlose Tests dieser Wesen, um herauszufinden, wie sie am effektivsten auf diese Ebene wechseln können.   
            "Was wollen sie hier?", fragte Alyssa.
Unterwerfung. Macht. Kontrolle. Ein starker, dunkler Wille koordiniert ihre Aktionen und treibt sie an.
            Die Vorstellung einer Geisterarmee, die einen Weg suchte auf der Erde einzumarschieren war wenig erquicklich.     
            "Dein Element ist auch das Wasser. Du verstehst, was er sagt?", wollte Sunetra wissen.  
            Der Geist zuckte mit den Achseln und korrigierte den Sitz der Mütze auf dem Kopf.           
           
Ja, allerdings sind seine Worte nicht besonders aussagekräftig. Er fordert seine Sklaven dazu auf, den Unwürdigen zu töten.      
            Das war in der Tat nicht wirklich hilfreich.      
Alyssa strengte ihr Gedächtnis an, gab aber schließlich enttäuscht auf. An mehr konnte sie sich nicht erinnern. Dafür schien die Elfe etwas entdeckt zu haben.     
            "Ich glaube, ich kenne diesen Mann." Sie tippte nachdenklich mit dem Zeigefinger auf ihre Nase. "Definitiv. Er war am Abend des Rituals dabei."     
            Sunetra hatte in Kopenhagen einen Teil ihres Gedächtnisses zurückerlangt und einige der schrecklichen Bilder mit Lina, Yashida und Alyssa geteilt. Ein Schaudern lief über ihren Rücken, als auch sie ihn erkannte.       
            "Ist das nicht der Priester, in den Ocyon gefahren ist?"
Leises Fauchen erklang wie zur Bestätigung und der Mentorgeist ließ die Aufzeichnung von einer Welle davontragen.           
           
Es dachte, ich wäre schwach und könnte an meiner Statt...
"Miruku heißt er.", platzte es plötzlich aus Sunetra heraus. Sie hatte sich intensiv die Schläfen massiert und riss nun die Augen auf. "...zumindest hieß er früher so. Interesssant. Wir waren davon ausgegangen, dass dieser Körper zerstört wurde."         
            Susanoo ließ seine spitzen Zähne blitzen, als er sie zu einem Grinsen entblößte.   
           
Sehr gut. Du kennst nun die Identität deiner Beute. Jetzt musst du nur noch einen Weg finden sie aufzuspüren.     
            Er forderte sie auf von den weiteren Ermittlungen zu berichten. Sunetra erwähnte die Überlebende des Massakers. Nun formte der Hai aus dem Meer fünf Körper in Gestalt von Sunetra, Hendrik, Sanada, Miyou und ihrer Mitbewohnerin. Feine Wassertröpfchen markierten Möbelstücke und die Ausmaße des Raumes. Ein wenig fühlte sich Alyssa, als würde sie durch eine dreidimensionale Holographie wandeln.    
            Die Mitbewohnerin empfing die drei Besucher und brachte sie nach einem kurzen Gespräch zu ihrer Freundin. Im Schlabberlook gekleidet, gammelte sie auf der Couch und schaute eine geistlose Nachmittags-Soap im Tri-Vid. Hendrik kniete sich vor Miyou, fasste sie bei den Schultern, dann bei den Händen und sprach sie mehrmals an. Die arme Frau zwinkerte nicht einmal. Es war, als wäre der Ork Luft für sie.      
            "Lass es gut sein, Hendrik. Sie wird dir nicht antworten.", sagte Sunetra in der Aufzeichnung. Dann wandte sie sich der Mitbewohnerin zu. "Ihre Freundin hat ein magisches Trauma erlitten. Wir möchten sie zum Honshu-Schrein mitnehmen. Dort kann man ihr helfen."        
            Zögernd stimmte die Mitbewohnerin zu, woraufhin der Ork die zierliche Japanerin auf den Arm nahm und heraustrug. Schweigend folgte Sanada ihnen. Susanoo fixierte ihn einen Augenblick und Alyssa glaubte Argwohn in seinem Blick erkennen zu können. Dann wechselte die Location und die Tröpfchen ordneten sich neu an. Sie befanden sich nun im Schrein. Zwei der Figuren flossen wieder ins Meer zurück, während eine neue emporwuchs. Es war Yakamura.      
            "Natürlich werden wir uns um das arme Ding kümmern. Es wird allerdings eine Weile dauern und ich kann nicht versprechen, dass wir den Schaden komplett heilen können, den ihre Seele genommen hat."     
            Dann fror die Aufzeichnung ein.         
"Und nun?", wollte Alyssa wissen. Susanoo schüttelte sanft, aber tadelnd den Kopf.         
         Es geht um Zusammenhänge. Ihr kennt bereits alle Fakten, um die richtigen Schlüsse ziehen zu können. Dazu müsst ihr nur genau hinsehen, das sehen, was außer euch niemand sehen kann.
            Langsam machte der Geist die menschliche Magierin sauer. Musste er unbedingt in Hieroglyphen reden? Sie waren nicht zum Kreuzworträtsellösen hergekommen, sondern um Antworten zu erhalten. Gefährlich oder nicht, Alyssa lag bereits ein halbes Dutzend schnippischer Kommentare auf den Lippen. Es war Sunetra, die ihrer Schimpftirade zuvor kam.      
            "Wir haben die Bar astral untersucht. Viel war nicht mehr zu erkennen gewesen, aber wir hatten Spuren einer fremden Präsenz wahrnehmen können. Etwas, das... mir fehlt das korrekte Wort dafür... ich würde es als das magische Äquivalent einer verrottenden Frucht bezeichnen."         
           
Verrottet... das erscheint mir angemessen., bestätigte Susanoo.          
"Miyous Aura war in einem Zustand des totalen Chaos. Sie war in Panik erstarrt. Aber da war auch ein schwarzer Abdruck auf ihr, ein Residuum, das von der Präsenz stammte, die wir in der Bar wahrgenommen hatten."          
            Die Figuren zogen sich wieder in das Meer zurück, aber die Wassertröpfchen blieben und formierten sich zu einem Zeichen.
           
Z       
"Genauso sah der Abdruck auf ihrer Seele aus.", sagte Alyssa.        
           
So brandmarkt der Gegner seine Sklaven. Er liebt es sich mit ihnen zu umgeben, sie sich Untertan zu machen. Sie sind für ihn nicht mehr als Vieh, ihm bedingungslos zu Willen und fungieren als sein langer Arm in dieser Welt. Eine Verbindung wie diese kann nur schwer wieder gelöst werden.
            "Mit etwas Glück können wir so seine Spur aufnehmen. Vielleicht gelingt es uns ja auch, ihn über das Residuum exakt zu orten." Lightnings Laune stieg über diese Erkenntnis zum ersten Mal wieder, nachdem sie zunächst nicht vorangekommen waren.        
            "Und wenn das nicht klappt, können wir einen zweiten Ansatz versuchen." Alyssa sah ihre Freundin fragend an. "Ocyon ist sehr stark und konnte bisher nur schwer gefunden werden. Er wird seinen Aufenthaltsort maskieren. Wie du aber sicherlich weißt, betreffen Fälle von Besessenheit oder Gedankenkontrolle vorwiegend Personen, die psychisch labil sind oder in einem sozial schwachen Umfeld leben."           
            "Du meinst die Ausgestoßenen der Gesellschaft? Menschen ohne Obdach? Verzweifelte? SIN-lose?"       
            Sunetra nickte.           
"Wir sollten uns also in den schlimmsten Gegenden Neu-Tokios umschauen."      
           
Exzellent. Du kennst nun auch den Jagdgrund des Feindes. Bringe seine Beute in Erfahrung und du wirst ihn finden.   
            "Hoffentlich enden wir nicht wie der Priester, gelyncht mit unserem eigenen Darm. Eine echte Scheißvorstellung wäre das.", feixte Alyssa, aber das Gefühl in ihrer Magengrube war ein flaues.
           
Shinta war kein würdiger Jäger. Er wandelte im Licht, welches nicht bis in die Tiefen des Abgrunds zu scheinen vermag.           
            Die Magierin ließ sich die Implikation in seiner Aussage durch den Kopf gehen. Gehörte Sunetra demnach also zur Dunklen Seite? Was wussten sie schon von Susanoo? Wie gefährlich konnte er den WildCards werden und was würde geschehen, wenn Ocyon besiegt war? Blieb er der kratzbürstige Lehrmeister oder würde er sich anschicken die Elfe komplett zu übernehmen? Sie hoffte das Beste, aber dies konnte auch ein gefährliches Spiel mit dem Feuer sein. Zum zweiten Mal bekam sie Gänsehaut.       
            Die Elfe kniete sich zum Abschied hin. "Ich danke dir für deine Weisheit. Ich werde mich deiner würdig erweisen."      
            Ein jenseits dieser Welt geschlagener Gong ertönte und verhallte im Nichts des astralen Leibes des Planeten Erde. Alyssa öffnete die Augen. Sie saß mit Sunetra im Schrein und blickte auf ein herunter gekokeltes Räucherstäbchen in einer mit Sand gefüllten Schale. Sie seufzte schwer.   
            Die Audienz war beendet.


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen