Samstag, 25. Juli 2015

Schatten über Jigoku

Kapitel 5 - Ocyons Ruf

            Falls es jemals unter Shadowrunnern so etwas wie den Stereotyp des stillen Teilhabers geben sollte, lieferte Sanada die Blaupause dafür. Unser mandeläugiger Begleiter mit den feisten Backen, der sich auffällig darum bemühte unauffällig zu wirken, war zwar fast die ganze Zeit über an unserer Seite gewesen, konnte aber mit jeglicher Umgebung verschmelzen. Egal wo wir unsere Ermittlungen durchführten, er schien augenblicklich unsichtbar zu werden, sobald wir uns nicht von A nach B bewegten. Wahrscheinlich waren die wenigsten in der Lage sich spontan an ihn zu erinnern, wenn man sie nach ihm fragen würde.       
            Er bekam die Zähne kaum auseinander und selbst wenn man ihn direkt ansprach, musste man ihm die Würmer einzeln aus der Nase ziehen. Nur selten sprach er mehr als einen zusammenhängenden Satz mit uns. Ich war mir sicher, dass es nicht daran lag, dass er mit uns ein Problem hatte. Er war schlicht ein schweigsamer Kerl. Doch auch wenn er sich nur dann und wann mitteilte, bedeutete das nicht, dass er kurz vorm Einschlafen war. Stets behielt er mit wachen, aufmerksamen Augen alles um ihn herum im Blick, wie ein lauerndes Raubtier. Am Flughafen hatte er bereits bewiesen, dass er sich seiner Haut erwehren konnte. Sanada würde uns in einem Kampf also nicht alleine lassen.
            Dennoch war da etwas an ihm, das ich nicht ergründen konnte. Ein Geheimnis umgab den Mann, genauer gesagt: ein arkanes Geheimnis. So viel hatten wir bereits auf dem Flug nach Japan festgestellt. Nur was?! Die Frauen hatten mehrere Vermutungen geäußert, aber wirklich sicher waren sie nicht gewesen. Und würde sich sein Status positiv oder negativ auf unsere Mission auswirken? Diese Frage ging mir immer wieder durch den Kopf, lediglich die Antwort blieb ich mir auch am Ende des zweiten Tages schuldig.    
            Nachdem unsere Magierinnen ihren Schwatz mit dem Mentorgeist beendet hatten, informierten sie uns über ihre neu gewonnenen Erkenntnisse. 
            „Wir müssen also nur noch herausfinden, wo Miruku seine Anhänger rekrutiert. Sanada-San, sie sind hier ortskundig. Können sie uns sagen, wo wir mit der Suche beginnen sollten?“, fragte Alyssa schließlich. Alle Anwesenden sahen ihn erwartungsvoll an.
            Sanada war es sichtlich unangenehm, plötzlich im Mittelpunkt zu stehen. “Nun, es gibt mehrere Möglichkeiten. Zum einen weiß ich von einer Trollenklave am Rande der Stadt.“    
            „Ein Ghetto also.“, übersetzte Largo mit einem säuerlichen Lächeln den mitschwingenden Subtext. Sanada nickte zustimmend.
            „Jedenfalls organisieren sie sich oft in Triaden und Yakuza, je nachdem woher sie ursprünglich stammten. Wer das nicht tut steht selbst unter seinesgleichen alleine da. Die meisten Trolle in der Enklave verfügen nur über das Notwendigste zum Überleben. Eine SIN besitzen die wenigsten.“   
            „OK, was noch?“         
„Im Gegensatz zum Rest der Welt ist das Drogenproblem in Japan etwas anders gelagert. Statt klassischer Downer werden hier mehr Amphetamine geschluckt, meist in Kombination mit B.T.L. Konsum.“
            „Sie meinen also VR-Junkies?“, hakte Largo nach. Wieder erntete er ein Nicken. Der Zwerg winkte ab: „Ich glaube, das Klientel können wir ausschließen. Die Kerle sperren sich in aller Regel daheim ein und erleben dort ihren digitalen Trip. Wer es geschickt anstellt, lässt sich Essen und Einkäufe direkt an die Tür liefern und muss nie wieder in die böse weite Welt hinaus. So viel anders als unsere Süchtigen daheim werden die hier nicht sein.“
            „Überall der selbe Scheiß.“, knurrte Hank. Es war mehr zu sich selbst gesprochen. In seinen Worten klang eine Wut mit, die auf ein sehr persönliches Erlebnis hindeutete. Hatte er womöglich selbst eine Zeitlang B.T.L. konsumiert? Eine Jugendsünde, wie wir sie alle in der einen oder anderen Form begangen haben? Oder hatte er einen Freund an die Droge verloren? Ich nahm mir vor, ihn bei Gelegenheit danach zu fragen.        
            „Mir fällt kein Grund ein, wieso Miruku ausgerechnet VR-Junkies für seine Bande rekrutieren sollte.“, fügte Largo hinzu. „Das Unterfangen wäre mit einer Menge lästiger Laufarbeit verbunden. Nein! Er wird sich einen effektiveren Weg suchen, und Stress vermeiden.“
            Sanada dachte einen Augenblick lang nach. Dann hellte sich seine sonst so ausdruckslose Miene auf: „Mir fällt noch eine weitere Möglichkeit ein.“   
***
            Keine Stunde später stand ich wieder einmal mit Hank im Hauptquartier der Busan-Oni-Gumi und verhandelte mit Lavalampe. Nachdem wir eine 'Bearbeitungsgebühr' von läppischen Tausend Nuyen geblecht hatten, erlaubte uns ihro Gnaden, über beide Backen grinsend, im Turf seiner Gang weitere Ermittlungen vorzunehmen. Wahrscheinlich würde sich der schmierige Drecksack später vor Freude einen runter holen, weil er es ein paar Ausländern so richtig gegeben hatte. Immerhin sprang neben seinem Placet auch ein nützlicher Tipp für uns heraus, damit wir unsere Suche eingrenzen konnten.   
            Sanadas Vorschlag beruhte auf dem Gedanken, dass wir in illegalen Spielhöllen und in Entzugskliniken am ehesten auf die Sorte Mensch treffen sollten, die in Mirukus Beuteschema passten. Anstatt durch die ganze Stadt zu hetzen, erschien es uns am sinnvollsten, in das Viertel zu gehen, in dem der Verdächtige zuletzt gesehen wurde. Erleichtert darüber dem Kabuff der B.O.G. entflohen zu sein, setzte ich mich wieder in den Wagen und gab Sanada eine Adresse. Lavalampes Hinweis klang vielversprechend, dennoch nahmen wir uns zuerst die Entzugskliniken vor. 
            Es war bereits früher Abend und wir wollten nicht dadurch unnötig auffallen, weil wir dort noch zu später Stunde herumschnüffelten.
Beide Kliniken im Viertel waren in erstaunlich gutem Zustand, wirkten auf der anderen Seite ziemlich schlecht besucht. Wir sahen kaum eine Metamenschenseele.         
            „Die Therapie soll keine Bestrafung sein, sondern die Patienten langfristig wieder zu einem produktiven Teil der Gesellschaft machen. Ein freundlich wirkendes Umfeld soll diese Entwicklung unterstützen.“ erklärte Sanada, nachdem Alyssa die wohnliche Gestaltung der Einrichtung bemerkt hatte.     
            Sunetra fügte mit einem Anflug von Stolz in der Stimme hinzu: “In japanischen Suchtkliniken herrschen strenge Regeln, aber man genießt auch viele Freiheiten. Niemand wird gezwungen zu bleiben. Unsere Gemeinschaft ist nicht blind für die Nöte der Ärmsten. Wer sich freiwillig in Therapie begibt und nicht über die nötigen finanziellen Mittel verfügt, wird kostenfrei behandelt. Alles in allem fahren wir mit unserer Strategie ziemlich erfolgreich.“
            Damit bestätigte mir die Magierin wieder einmal, wie viel dichter das soziale Netz in Nippon gespannt war. In den ADL konnte man davon nur träumen. Dort regierte landein landaus der Mammon über den Gesundheitszustand der Bürger. Aus Geschichtsbüchern wusste ich, dass das in Deutschland nicht immer so gewesen war. Vor nicht einmal sechs Dekaden galt noch die Parole, dass alle füreinander einstehen mussten. Statt bei einem Versicherer nur für sich selber ein finanzielles Polster anzulegen, mit dem man zukünftige Unkosten für ärztliche Behandlung abfedern konnte, zahlten alle gemeinsam in einen großen Topf ein, abhängig vom eigenen Verdienst. So konnten für alle die gleichen Leistungen garantiert werden. Solidarische Sozialgemeinschaft nannte sich das. Im Jahre 2072 klang die Bezeichnung nach einem bitteren Euphemismus, wie ein Versprechen, das niemals wieder eingelöst werden würde. Ja, manchmal stimmt es doch, dass früher etwas besser gewesen war.     
            In beiden Kliniken gelangten wir mit Leichtigkeit an Informationen. Unter Vorgabe einen Freund besuchen zu wollen, fragten wir nach den Zimmernummern. Bereitwillig ließen uns die V.I.s die Listen mit den aktuellen Patienten durchgehen. Klinik Nummer eins war praktisch wie leergefegt. Gerade mal drei Süchtige versuchten ihr Problem in den Griff zu bekommen und waren erst während der letzten achtundvierzig Stunden aufgenommen worden.
            „Normalerweise läuft die Klinik auf voller Kapazität.“, erklärte die in den Raum projiziere virtuelle Rezeptionistin. „Plötzlich ging die Zahl der Patienten signifikant zurück. Es scheint, als sei das Drogenproblem in diesem Viertel von heute auf morgen gelöst worden.“ Sie lächelte ein künstliches Lächeln, weil man ihr einprogrammiert hatte, dass das bei einer so offenkundig guten Nachricht von ihr erwartet wurde.   
            Verwundert stellten wir fest, dass alle anderen Patienten zum selben Zeitpunkt ausgecheckt hatten, und zwar genau an dem Tag, an dem der Priester mit Miruku gekämpft hatte. Das konnte kein Zufall sein.  
            Auch in der zweiten Entzugsklinik fanden wir eine ähnliche Situation vor. Allerdings war einer der Langzeitpatienten geblieben, während alle anderen die Biege gemacht hatten. Sunetra stattete ihm in seinem Zimmer einen Besuch ab.       
            Ein hagerer Mann Ende Zwanzig öffnete vorsichtig die Tür und sah immer wieder misstrauisch den Gang herunter, wo wir anderen standen. Er beruhigte sich erst dann ein wenig, nachdem sie ihm glaubhaft versichert hatte, dass sie die Schwester eines Patienten sei und sich fürchterliche Sorgen um ihn mache. 

            „Tut mir leid. Ich kann mich an keinen Hiro Shima erinnern.“ Er sah ängstlich zu Boden und fügte murmelnd hinzu: „Vielleicht kannte ihn ja einer der anderen, aber... sie sind jetzt... weg.“      
            „Wo sind denn alle hin?“, wollte Sunetra wissen.      
„Ich… ich weiß es nicht. Da war ein Mann, der sie mitgenommen hat.“ Furcht stand in den Augen des Mannes zu lesen, als er ihr beschrieb, wie ein Obdachloser in der Klinik aufgetaucht war. Zuerst hatte sich der Wachmann heftig mit ihm gestritten, doch ohne dass der Mann etwas gesagt hatte, verstummte er plötzlich und ließ die Schultern hängen. Es war als wäre er abgeschaltet worden. Wie eine Maschine."  
            Nervös nagte er an einem Fingernagel und spuckte unbewusst ein Stückchen aus. „Ich … ich hab‘s mit der Angst zu tun bekommen und mich in meinem Zimmer eingeschlossen. Durch den Spion konnte ich sehen, wie er von Tür zu Tür ging. Er klopfte. - Und wieder…. ohne dass er etwas gesagt hatte, kamen die anderen zu ihm heraus.“ Tränen schossen ihm in die Augen.   

            „Ihre Gesichter! Hölzern... unbelebt... wie Puppen sahen sie aus.“ Er rang mit den Worten. „Ich glaube, sie waren von dem Augenblick an tot, als sie die Tür öffneten. Nur ihr Geist natürlich, weil die Körper bewegten sich ja noch.“ 
            In einem Anfall von Empathie ergriff er Sunetras Hand. „Sie scheinen eine anständige Frau zu sein. Suchen sie nicht nach ihrem Bruder! Wenn Hiro einer von denen geworden ist, haben sie ihn schon verloren. Vergessen sie ihren Bruder, bevor ER sich auch noch sie holt!“   
            „Ich weiß auf mich aufzupassen.“ Höflich befreite sie sich aus seinem Griff. „Was passierte als nächstes?“           
            Der Mann blinzelte ein paar Mal verwirrt, nur um sofort wieder wässrige Augen zu bekommen, als er sich erinnerte. „Dann klopfte er an meine Tür. Noch niemals in meinem Leben hatte ich solche Angst."          
            Seine Stimme wurde etwas fester, als er sich an seinen kleinen Sieg erinnerte: "Aber mich hat er nicht bekommen!   
            Die Ohren hab ich mir zugehalten und laut gebetet, alle Kami angefleht, damit sie mich vor der schwarzen Magie des bösen Mannes beschützen.“        

            Spätestens jetzt konnten wird sicher sein, dass es sich um Miruku gehandelt hatte. Am Ende hatte er alle anderen Patienten und sogar den Wachmann mitgenommen.        
            Wohin konnte er uns nicht sagen, aber er hatte sich in den letzten Wochen mit einigen anderen Langzeitpatienten angefreundet und konnte uns von zweien die Komlink-Nummern und ihre Namen geben. Sunetra riet dem Mann zu einem Besuch im Honshu-Schrein und verabschiedete sich höflich.       

            „Weder hier noch in der anderen Klinik konnte ich etwas auf der astralen Ebene finden.“, schnaubte Alyssa, als wir nach draußen gingen.
            „Mirukus Anwesenheit war zu kurz, um einen nachhaltigen Abdruck zu hinterlassen.“, erklärte die japanische Magierin. „Bevor wir zum nächsten Ziel fahren, rufe ich zuerst die Nummern an. Vielleicht können wir uns dann den Weg ins Spielhaus sparen.“
            Leider sollte sie sich irren.     
Zwar hob beide Male jemand ab, ausgemergelte Figuren, die deutlich vorgealtert und abwesend wirkten. Doch sobald sie erkannten, dass Sunetra eine Fremde war, legten sie postwendend auf. „Mist!“, fluchte sie zwischen zusammengepressten Zähnen hervor. Largo hingegen rieb freudig die Hände aneinander.           
           
„Lass den Mut nicht sinken, Spitzohr, denn dein Lieblingszwerg hat einen Computer in der Birne.“ Er griente spitzbübisch, doch die Elfe ließ sich nicht von seiner guten Laune anstecken.        
            „Sie es mal so: Im Vergleich zu heute Morgen, haben wir enorme Fortschritte erzielt, und zu den Namen kennen wir dank dir jetzt obendrein ihre Gesichter. Und noch mehr, wenn wir Glück haben. Lass das Bildmaterial von deinem Komlink rüberwachsen! Ich mach eine Analyse. Eventuell kann ich was im Hintergrund erkennen, das Rückschlüsse auf ihren Aufenthaltsort zulässt.“
***
            Zügig beförderte uns Sanada mit dem Wagen durch die Nacht, die zwischenzeitlich aufgezogen war, vorbei an hell erleuchteten Straßenzügen des Vergnügungsviertels, in einen ruhigeren Teil der Gegend. Von Lavalampe wussten wir, dass sich hinter einer Reihe Waschsalons und billigen Nudelshops in einem Hinterhof eine berüchtigte Spielhölle befand. Ein illegales Etablissement, das von der Yakuza garantiert hauptsächlich zur Geldwäsche betrieben wurde.           
            Während Largo mit Sanada zur Auswertung der Daten im Wagen zurückblieb, machte ich mich mit Hank, Alyssa und Sunetra auf den Weg durch die Gassen. Nach einigen Minuten ging es zwischen zwei Gebäuden eine schmale Treppe hinunter. Unten angekommen, klopften wir an die Tür. Von dem Metall war der Lack an einigen Stellen abgeplatzt und dem Rost gewichen. Ein ewig gleicher Kampf, an dessen Ende immer der selbe Sieger ermittelt wurde: Händler von Türen.    
            Der Sichtschlitz wurde quietschend aufgezogen und man musterte uns ausgiebig. Wir mussten einen ausreichend dubiosen Eindruck erweckt haben, denn nach Zahlung einer Aufnahmegebühr durften wir den Club betreten. Der Gang wurde von nackten Glühbirnen in kaltes Licht getaucht. Verlassene, zugestaubte Spinnenwebenvorhänge hingen an den grob verputzen Wänden und waberten im Luftzug. Es roch nach muffigem Keller und je weiter wir gingen, umso mehr schwoll der Lärm an.   

            Schließlich kamen wir um eine Ecke, hinter der uns ein Türsteher in Empfang nahm. Der Mensch war von hünenhafter Statur und wirkte beinahe wie ein Troll. Da ihm die erforderlichen Attribute fehlten, ordnete ich ihn dennoch dem profansten aller Metatypen zu. Um wenigstens ein Quäntchen seines Coolnessfaktors zu retten, hatte er sich umfangreiche Bodymodifikationen einbauen lassen. Künstliche Arme, vermutlich inklusive Reflexbooster und Kraftverstärker, Cyberaugen und auffällig geformte Dermalpanzerung, die er stolz zur Schau stellte. Unnatürliche Nähte und Wölbungen zierten die Schläfen. Nach oben hin formten sie sich zu kleinen Hörnchen aus; nach unten falteten sie sich zu einer Art Fächer, der dem ursprünglich runden Gesicht ein kantiges Aussehen verlieh.     
            Wortlos nickte ich zur Begrüßung.     
„Keine Waffen, keine Magie, keine Rückerstattung. KEINE Ausnahmen!“, war die prompte Antwort. Ohne zu Maulen ließen wir unsere Wakizashis in einer Kiste zu seinen Füßen zurück und öffneten die Tür. Vielstimmiges Geplärr und dichter Qualm quoll in den Flur.         
            „Keine Magie!“, gab der Türsteher Alyssa und Sunetra noch einmal mit strengem Blick mit auf den Weg. Entweder war der Raum magisch präpariert worden, um Zauberer sofort zu enttarnen oder ein anderer Magier befand sich hier, um arkane Spielgefährten ausfindig zu machen. So oder so war es keine gute Idee in einer Kaschemme wie dieser irgendwelche Tricks zu versuchen. Da man mit Zaubern die Spiele manipulieren konnte, wurden Vergehen in aller Regel streng geahndet. Im besten Fall flog man aus dem Casino. Hier jedoch durfte man froh sein mit dem Leben davonzukommen, sollte man dumm genug sein, sich erwischen zu lassen.
            Irgendwas zwischen dreißig und vierzig Plätze waren in dem Raum besetzt. Die Bude war proppenvoll, was einige dazu nötigte im Stehen zu spielen. Pachinko-Automaten standen an einer Wand, wo ihre bunten Lichter irre blinkten und Lautsprecher schrille Melodien spielten. Mah-Jongg und andere Spiele wurden auf den Tischen ausgetragen. Steine klickten, Würfel kullerten aus Bechern und überall wurde laut diskutiert, gestritten, gelacht und geflucht. An einem Tisch bahnte sich eine handfeste Auseinandersetzung an, aber zwei Brüder des Türstehers gingen energisch dazwischen. Etwas Blut floss, aber am Ende vertrug man sich wieder und spielte mit einer Hand weiter. Die andere war damit beschäftigt, ein Taschentuch an die Nase zu pressen.    
            Die niedrige Decke war beinahe vollständig vom dichten Dunst aus Zigaretten, Zigarren, Pfeifen, Shishas und allerlei selbstgedrehten Rauchwaren verhüllt. Getränke orderte man entweder bei einer der Drohnen, die ihre Bahnen zogen, oder ging gleich zur Theke. So laut, schmierig und unangenehm der Laden auch auf den ersten Blick wirkte, klärte sich erst auf den zweiten, warum er besser nicht in den Fokus der Polizei geraten sollte.    
            Unerwartet peitschte ein Schuss durch die Kakophonie der Spielsüchtigen. Dann noch Einer. Schließlich ein Dritter.
            „Klingt nach ‘ner Ruger.“, stellte Hank neugierig fest und bahnte uns einen Weg durch den Raum. Er suchte die Quelle des Geräuschs. Unweit der Theke befand sich hinter einer Trennwand eine spezielle Sektion für die etwas ausgefalleneren Spielwünsche. Eine Art Schießbude mit Holzpuppen war dort aufgestellt worden. Für Nippons Waffennarren musste es ein echtes Highlight sein, mal mit einer Schusswaffe hantieren zu können. Für die B.O.G. schuf dieser Umstand ein lukratives Geschäftsmodell. Man zahlte teures Geld und schoss auf die Puppen. Wer angesagte Ziele traf, konnte seinen Einsatz verdoppeln.      
            Dann geschah etwas, bei dem ich zuerst dachte, ich bilde mir es ein.        
            Ein junger Kerl mit struppigem, neongelb gefärbtem Haar stellte sich zu den Holzfiguren und versuchte auch dann nicht in Deckung zu gehen, als ein anderer auf ihn anlegte. Schweiß rann ihm die Stirn herunter, aber er blieb wie angewurzelt stehen. Die Ruger krachte, doch der Schuss ging ins Leere. Umstehende Gaffer gaben Laute der Enttäuschung von sich.         
            „Was ist das bloß für ein asoziales Spiel?!“, entfuhr es mir entsetzt.
            Hank tippte einen der Gaffer so fest an, dass er beinahe umfiel. Empört sah er sich zu dem Troll um. Jeder aufkeimende Protest beging in dem Augenblick Selbstmord als er sah, wer um seine Aufmerksamkeit ersuchte. Er wechselte ein paar Worte mit ihm, die ich nicht verstehen konnte. 
            Dann trat der nächste Spieler vor und riss die Waffe hoch. Wieder brüllte die Pistole. Holzsplitter lösten sich vom Kopf einer Figur und prasselten auf den bibbernden Mann herunter. Ein paar verfingen sich in seinen Haaren. Schließlich versuchte auch ein dritter Kerl sein Glück. Dieses Mal traf die Kugel, allerdings nur den Arm. Der Mann schrie vor Schmerzen und hielt sich die blutende Wunde, blieb aber weiterhin an Ort und Stelle. Erneut stöhnten die Gaffer enttäuscht auf.

            „Hank! Was soll der Unfug? Was hat der Typ dir erzählt?“
„Für 150 Nuyen darf man auf den Kerl ballern. Aber jeder nur einmal. Und nur wenn er abkratzt, gewinnt man.“, erklärte er, die Lippen in Missbilligung verzogen.      
            Wieder schoss jemand vorbei.          
„Das Spiel ist mir zu schäbig.“, urteilte Sunetra entschlossen.         
            Lightning hatte Hank gelauscht und versuchte den Lärm zu übertönen, damit die Elfe sie hören konnte. „Wenn ich es richtig verstanden habe, muss er zwölf Runden überstehen und bekommt für jede überlebte Kugel hundert Nuyen. Ansonsten gewinnt der Schütze. den Pott.“  
            „DAS wäre mir zu teuer. – Ähm, ich meine…Zu viele Kugeln für das bisschen Geld.“ Sie schüttelte den Kopf. Es war unglaublich wie verzweifelt Leute sein mussten, damit sie sich auf so eine Dummheit einließen. Allerdings war keine Zeit sich über diese Dinge Gedanken zu machen. Wir waren aus einem anderen Grund in der Spielhölle.   
            „Ich störe ja nur ungern das unglaublich interessante Gespräch, aber ich will hier nicht zu lange rumpimmeln. Schaut euch mal astral um! Möglicherweise ist auf der magischen Ebene…“
            Alyssa tätschelte mir den Arm, als wäre ich geistig zurückgeblieben. „Keine Sorge, Bruder Dickschädel. Das war das erste, was wir beim Betreten des Ladens gemacht haben. Was meinst du warum uns der Türsteher so böse angeschaut hat!?“
            „Na…. und!? Was gefunden?“
„Nichts. Wir werden es auf die altmodische Tour versuchen müssen.“
            Ich seufzte. „Also doch wieder Fotos rumzeigen und mit jedem Idioten quatschen.“        
            „That’s life, Chummer!“         
„Dann lasst uns wenigstens an der Theke anfangen. Bei der Gelegenheit können wir uns was zu Trinken genehmigen. Die stickige Luft dörrt mir die Kehle aus.“     
            Wieder schob sich Hank vor uns durch die Menge. Ein paar Gäste fluchten wenn sie wegen ihm ihre Getränke verschütteten, wagten aber nicht den Troll direkt anzukeifen. An der Bar angekommen orderte der ehemalige Bundeswehrsoldat vier Bier bei dem molligen Wirt. Ein langer Zopf hing an der linken Seite seines Kopfs herunter und baumelte bei jeder Bewegung rhythmisch vor und zurück.  
            Ich zeigte auf die Frauen, dann auf mich. „Und für uns auch jeweils eins!“ 
            Der Barmann lachte schallend und kramte gut gelaunt Flaschen aus dem Kühlschrank unter der Theke. Nacheinander öffnete er sie und schob sie zu uns rüber. „Womit kann ich euch denn noch dienen?“       
            „Nun, wenn sie schon so fragen, wir könnten tatsächlich ihre Hilfe gebrauchen.“ Sunetra kam ohne Umschweife zur Sache. Kaum ausgesprochen hielt sie ihm die Komlinkbilder der zwei Junkies unter die Nase. Sein Blick verfinsterte sich etwas und er schnaubte verstimmt. „Hört genau zu: wenn ihr Schulden eintreiben wollt, könnt ihr das vergessen! Zuerst bezahlt er bei uns die Zeche. Dann... und erst dann kommt ihr an die Reihe!“ 
            Wir versicherten ihm, dass das nicht unser Anliegen war. Wieder spielte Sunetra die sorgenvolle Schwesterkarte aus. Zum zweiten Mal an diesem Abend zeigte es Wirkung. 
            „Deinen Bruder kenn ich nicht, aber seinen Kumpel hier.“ Er tippte auf Akira Moshis Konterfei. „War bis vor kurzem regelmäßig hier und hat mehr gewonnen als er verloren hat. Ein passabler Spieler. Trotzdem war er ständig pleite. Einmal hat er sein Elternhaus verspielt und es trotz aller Widrigkeiten wieder zurückgewonnen.“ Er blickte ins Leere und musste grinsen, als ihm etwas in den Sinn kam. „Das war ein Abend an den man sich noch lange erinnern wird.“  
            Ich spürte, dass er drauf und dran war zu einer langatmigen Anekdote anzusetzen, und kam ihm zuvor. „Das glaube ich ihnen gerne. Hiro hat uns erzählt, dass er sich in der Entzugsklinik mit jemandem angefreundet hat, der oft auf Risiko geht.“ Ich lächelte gewinnend, um den Wirt davon abzulenken, dass ich ihm gerade das Wort gestohlen hatte. Sunetra übernahm an dieser Stelle wieder und zog seine Aufmerksamkeit auf sich: „Was mein Bruder mir leider verschwiegen hat, ist, wo dieser Akira wohnt.“         
            „Tut mir leid. Ich weiß nicht wo das ist. Akira hat mal erwähnt, dass seine Familie die Gegend seit Jahrhunderten ernährt habe. Eine ziemlich großspurige Behauptung, wenn man bedenkt, dass sie Fischer waren.“           
            Enttäuscht zog Alyssa einen Flunsch, während Hank unbekümmert sein Bier aus der Flasche sog. Geräuschvoll stellte er sie auf der Theke ab und rülpste vernehmlich.      
            „Schade.“ Sunetra bedankte sich für die Hilfe und wir wandten uns wieder den lärmenden Tischen zu. Wo sollten wir nur weiter machen?!        
            Plötzlich knackte es in der Leitung und Largo meldete sich.
„Kommt zurück zum Wagen!“           
            „Was ist denn los?“    
„Ich hab eurem Gespräch zugehört und das was der Kerl sagt, passt zu meinen Recherchen.“     
            Gespannt eilten wir zu dem Zwerg zurück, der wie eine Katze aussah, die gerade eine Maus verspeist hatte. Im AR bot er uns sogleich die Largo Show. Zunächst leuchteten die Bilder der verschwundenen Junkies auf. 
            "Wie ihr seht, kann man im Hintergrund zunächst nicht allzu viel erkennen. Ich bin mit mehreren Bildbearbeitungsprogrammen drüber gegangen, um an Kontrast, Schärfe und Farbsättigung zu drehen. Ich konnte die Qualität zwar etwas verbessern, aber vom Wasser und einigen Booten abgesehen konnte ich keine Details sichtbar machen."       
            "Das sind ja F...", begann Alyssa, doch Largo gebot ihr mit erhobener Hand Einhalt. "Nicht so schnell, du junges Gemüse! Eins nach dem anderen. Ich hab hiermit schließlich viel Arbeit gehabt."
            Sie zwinkerte ihm verschwörerisch zu. "OK, ich lass dir den Spaß, aber ich glaube die anderen haben es auch schon erkannt."
            "Wenn es noch einer wagt mich zu unterbrechen, werde ich extremes Körpertourette entwickeln." Als niemand Einwände erhob, fuhr er grinsend fort.       
            "Jedenfalls dachte ich mir, dass sie sich noch in der unmittelbaren Nähe von Neu-Tokio aufhalten werden. Falls ich richtig lag, musste es irgendwelche Übereinstimmungen mit Karten geben. Bei dem Punkt half mir Sanada ein wenig aus. Wir konnten es aufgrund der Besonderheit der Boote auf den Bildern auf vier Orte eingrenzen."        
            Er sah in die Runde, aber niemand machte Anstalten etwas zu sagen. Der Zwerg wirkte zufrieden. "Zum Glück hab ich euch mit einem Ohr belauscht. Als der Barmann erwähnte, dass Akiras Familie Fischer waren und er ein altes Familiengrundstück besitzt, hab ich einen Bot auf das Katasteramt losgelassen."  
            Nun verschwanden die Bilder mit den Fischerbooten und an deren Stelle trat eine Karte der Stadt und Umgebung. Largo zeigte auf eine Insel vor der Küste.         
            "Das X markiert die Stelle mit dem Schatz." 
Sanada wirkte noch nicht ganz überzeugt. "Sind sie sicher, dass sich Miruku dort befindet?"         
            Er musste recht haben.         
"Meiner Meinung nach passt alles zu dem, was wir über unseren Gegner wissen. Zum einen hat der Geist eine starke Verbindung zum Element des Wassers und zum anderen klingt ein eigenes Grundstück auf einer Insel mit nur wenigen Einwohnern nach einem perfekten Versteck für Miruku bzw. Ocyon und seine Bande."    
            Der Japaner rieb sich nachdenklich übers Kinn.        
"Mit einem Schnellboot werden wir knapp eine Stunde bis zur Insel brauchen. Ich finde, wir sollten so bald wie möglich zuschlagen. Je weniger Zeit dem Gegner bleibt, um sich zu organisieren, umso besser. " 
            "Wann schwebt ihnen vor?", wollte ich wissen.        
Sanada sah mir entschlossen in die Augen: "Heute Nacht." 
            Das saß wie ein Schlag in die Magengrube. Sofort?    Augenblicklich rauschten allerlei Gedanken durch meinen Kopf. Wir sind nicht optimal ausgerüstet, falls man das bei einem solchen Gegner überhaupt sein kann. Was, wenn es eine Falle ist? Wir müssen mehr Erkundungen einholen. Angriff ist nicht immer die beste Verteidigung. Kann er das nicht sehen? Ein unüberlegtes Vorpreschen könnte alles zunichte machen. 
            Er musste erraten haben, welche Überlegungen ich anstellte. Sanada lächelte mich ermutigend an.       
            "Keine Sorge, sie werden nicht ohne Unterstützung da reingehen. Wir haben einen Vorteil, mit dem der Gegner nicht rechnet: mich!" Ich sah ihn fragend an. Wovon redete er?    
            "Sie müssen wissen, dass ich von Kamis und Youkai gemieden werde. Meine Anwesenheit bereitet ihnen... Unbehagen."
            So neugierig ich darauf war sein Geheimnis zu erfahren, die Art, wie er seine letzten Worte ausgesprochen hatte, ließ meinen Bauch zu einem undefinierten Klumpen zusammenschrumpfen. Was zum Geier bist du wirklich?           
            "Ich werde ihre Geheimwaffe sein."


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