Freitag, 31. Juli 2015

Schatten über Jigoku

Kapitel 6 - In der Höhle des Löwen

            Tausendfach spuckte uns der Pazifische Ozean ins Gesicht, beziehungsweise versuchte er es mit bewundernswerter Hartnäckigkeit. Doch jeder einzelne Spritzer scheiterte an der Frontscheibe unseres Schnellbootes. Sanada hatte es kurzfristig besorgt, zusammen mit weiterer Ausrüstung, die wir womöglich auf unserem Trip gebrauchen konnten. 
            Als hätte das Meer von unseren Absichten gewusst, stemmte es sich uns mit aller Gewalt entgegen- Einem bösen Omen gleich verfinsterten Wolkenbänder wie mehrlagige, schwere Vorhänge den Himmel, um Largo die Sicht zu erschweren. Zusätzlich prasselte ein unangenehmer Nieselregen auf uns nieder. Die Tropfen schienen jedoch den physikalischen Eigenschaften von Dihydrogenmonoxid zu trotzen. Anstatt einfach von den Scheiben abzuperlen und sich am Heck des Schiffs mit ihren Genossen zu vereinen und ins Meer zurück zu hüpfen, bildeten sie einen öligen Film, den auch die Scheibenwischer nicht vertreiben konnten. Am Ende erschwerten die schmierigen Schlieren, die dabei entstanden, die Sicht nur noch mehr. Schließlich gab Largo auf und konzentrierte sich auf die Daten, die ihm die Außenkameras und seine vorausgeflogenen Überwachungsdrohnen übermittelten. Die kleine FlySpy hatte Schwierigkeiten bei der aktuellen Wetterlage mitzuhalten, aber die deutlich größere Wartungsdrohne, die der Rigger von Yoshis Schrottplatz mitgenommen hatte, verrichtete ohne Murren ihren Dienst.        
 
           Trotz unruhiger See hielt der Zwerg tapfer auf unser Ziel zu: die Neu-Tokio vorgelagerte Insel Jigoku. Immer wieder tauchte das gepanzerte Boot, das man für verdeckte Einsätze entwickelt hatte, in tiefe, wässrige Senken ab, nur um kurz darauf von Poseidon persönlich mit aller Kraft wieder aus ihnen herauskatapultiert zu werden. Dann klatschte unser Gefährt jedesmal unsanft auf der Oberfläche auf, die sich gegen den auf ihr reitenden Eindringling wehrte.           
            Wie die vielen Male zuvor wurden wir energisch durchgeschüttelt. Hank stieß sich erneut den Kopf an der Kabinendecke und schnaubte genervt. Niemand sprach ein Wort, während wir nachdenklich durch die Fenster auf die tobende See starrten. Ein unbändiger Wille versucht uns von Jigoku fernzuhalten.
            Der Gedanke hatte etwas endgültiges.         
Unwillkürlich zog sich mein Magen zu einem undefinierbaren Klumpen zusammen, begleitet von einem Schaudern des Unbehagens, der über meinen Rücken wanderte. Ich konnte es mir nicht genau erklären. Vielleicht assoziierte mein Verstand nur einige Eindrücke zu diesem Bild, vielleicht hatte ich eine prophetische Vorahnung, vielleicht hatte ich schlicht die Hosen gestrichen voll, aber in diesem Moment fühlte ich mich an Bord der Dead Man's Hand zurückversetzt. Zu dem Abend, als ich in den Kanälen Hamburgs eine sehr ähnliche Schwingung zu spüren geglaubt hatte. Mein Cousin Cone war damals nicht mit uns vom Einsatz heimgekehrt.        
            Besorgt blickte ich zu meinen Freunden und Sanada, der die Hände gefaltet hatte und abwesend zu Boden starrte. Wem würde ich wohl in dieser Nacht Lebewohl sagen müssen? ... Falls ich überhaupt die Gelegenheit dazu bekommen würde...  
            Als mir bewusst wurde, dass wir uns bereits in Ocyons Einflussbereich befinden konnten und das der Grund für meine Ängste gewesen sein mochte, schüttelte ich den Eindruck von mir ab und konzentrierte mich auf das, was kommen würde.        
            "Die FlySpy ist von ihrer Tour zurück.", verkündete Largo und teilte das eingehende Datenmaterial mit uns anderen. Im AR ploppten einmal mehr die Umrisse der Insel auf. Doch dieses Mal wurden sie mit Leben gefüllt.
            "Die Insel ist ein Überbleibsel mehrerer Vulkanausbrüche, die vor mehr als siebzigtausend Jahren stattfanden. 1615 kam es noch einmal zu einer Eruption. Seitdem gilt der hiesige Vulkan als erloschen. Aber ihr wisst ja, dass das nicht bedeutet, dass das so bleiben muss." 
            Largo lächelte freudlos. Er war sich sicher, dass eine magische Quelle mit genug Mojo durchaus in der Lage sein konnte, diesen Umstand für sich zu nutzen.     
            "Seht ihr diese sichelförmige Bucht im Süden? Dort liegt das Dorf. Es sind etwa zwanzig Häuser. In zweien hab ich Licht entdecken können. Im Nordosten liegt ein Tempel. Dazwischen befindet sich hauptsächlich Wald. Die Gegend ist so unzugänglich, dass wir noch Veteranen aus dem Zweiten Weltkrieg erwarten sollten." Er lachte trocken.   
            Nachdenklich rieb sich unsere Elfe das Kinn. 
"Ich bin für eine Umrundung der Insel. Eine direkte Landung am Hafen erscheint mir unnötig riskant."   
            Niemand widersprach ihr, also änderte Largo den Kurs. Nachdem wir uns auf weniger als zweihundert Meter der Insel genähert hatten, verbesserte sich das Wetter schlagartig. Zwar versteckten sich Mond und Sterne noch immer feige hinter Wolken, aber die See wurde merklich ruhiger.   
            An der östlichen Seite ragte eine knapp achtzig Meter hohe Steilküste auf. Obwohl die Insel innerhalb von zwei bis drei Stunden zu Fuß umrundet werden konnte, wies sie enormes Gefälle auf. Im Schutze der Nacht hatten wir uns auf wenige Dutzend Meter an die Küstenlinie herangeschlichen. Schließlich entdeckte Largo einen Spalt in der Felswand, der unserem Boot locker Platz bot.          
            "Diese Grotte schaut vielversprechend aus."
"Bist du sicher?", fragte Alyssa.         
            Ohne aufzuschauen, antwortete der Rigger. 
"Die Öffnung ist relativ breit und bietet einen Zugang, der uns eventuell bis weit hinein in die Insel bringt. Die Karten, die ich auftreiben konnte, sind da sehr ungenau. Aber selbst wenn wir am Ende umkehren müssen, sollten wir der Spur zumindest nachgehen."
            Frustriert über die dürftige Informationslage nickte ich ihm zu. Allemal besser als einen womöglich aussichtslosen Frontalangriff zu riskieren, bevor man die Alternativen abgeklopft hatte.    
            Ohne Zeit zu schinden, wendete Largo das Boot und steuerte uns auf die finstere Grotte zu. Je näher wir der Küste kamen, umso mehr beruhigte sich die See. Alyssa und Hank atmeten hörbar aus, aber wir anderen blieben angespannt. Jeder von uns erwartete sich lediglich im Auge eines Zyklons zu befinden, während jeden Moment die Hölle losbrechen konnte.       
            Kurz darauf passierten wir den Eingang zu den Eingeweiden der Insel, ohne dass wir angegriffen wurden. Mit einem Mal endete das enervierende Zerren der See am Boot. Beharrlich schlug sie nach uns, als wäre sie ein Bär, der einen Hasen aus seinem Bau zu zerren versucht, aber ihre Pranken kollidierten am Eingang mit den Felsen und kollabierten zu einem beleidigten Schwappen, auf dem sich Schaum bildete. Lediglich die Gischt erreichte uns noch.           
            Plötzlich glitten wir in relativer Ruhe zwischen Wänden aus schroffem Stein in die Dunkelheit hinein. Selbst für die Cyberaugen des Zwergs schwirrten nun nicht mehr genug Photonen umher, also schaltete er die Außenbordbeleuchtung an. Wenn man uns hier unten entdecken würde, dann war es halt so. Ohne Licht konnte Largo jedenfalls unmöglich Navigieren.       
            Die Lampen explodierten in einem gleißenden Licht, an das sich unsere Augen aber schnell anpassten, und erschufen um uns herum ein faszinierendes Universum. Ausnahmslos jeder an Bord blickte mit kindlichem Staunen nach draußen. So einen Anblick wurde man nicht jeden Tag gewahr. Ich glaube es war Hank gewesen, ja ausgerechnet der grobschlächtige Troll, der verträumt 'Wow!' gemurmelt hatte.. 
            Zehntausende Jahre Arbeit der Gezeiten hatten das Innere der Höhle ausgewaschen und in eine Landschaft verwandelt, die abwechselnd von zerklüftetem, grobporigem Bims und glattpoliertem Vulkangestein zeugte. Die unter hohem Druck geformte Masse enthielt eine bemerkenswert lebendig wirkende, im Scheinwerferlicht leuchtende Struktur aus Quarz, die Adern gleich die gesamte Anlage durchzog. Eine der dickeren Arterien wand sich von der rechten Wand hoch zur Decke, wo sie einige Zick-Zacks beschrieb, dann an der linken Seite abtauchte und sich schließlich nach einem schnurgeraden Sprint nach vorne glitzernd in der Dunkelheit der Grotte verlor.    
            Ich bildete mir in dem Moment ein, dass das der rote Faden war, der uns auf dem Weg unter der Insel hindurch führte, was eine unerwartet beruhigende Wirkung auf mich hatte. Psychologie ist schon ein seltsames Fach.           
            Largo folgte der Ader mangels Alternativen und steuerte das Boot zielsicher voran ohne auch nur ein einziges Mal die Felsen zu berühren. Nach beinahe fünfzehn Minuten erweiterte sich der Tunnel zu einer knapp zwanzig Meter hohen Kammer, die in etwa die akustischen Eigenschaften einer Kathedrale aufwies. Erst hier bemerkte ich, wie die Scheinwerfer des Schnellboots von der Wasseroberfläche reflektiert wurden und ein Netz aus schwammigen Lichtwaben an die Wände warfen, die immerfort ihre Form veränderten. Zusammen mit den Stalaktiten, die von der Decke ragten, verstärkte das einmal mehr den Eindruck, sich in einer gänzlich anderen Welt zu bewegen.          
            Plötzlich pladderte etwas auf die Scheibe, sodass Alyssa erschrocken zusammenfuhr. "Was zum Henker...."           
            Sie beugte sich an Largo vorbei, um besser nach oben sehen zu können, als wieder etwas herunterfiel. Erneut zuckte sie zusammen, sah dann verdutzt drein und lachte schließlich. Sie wischte sich unsichtbaren Angstschweiß von der Stirn. "Fledermausscheiße. Und ich dachte schon die Decke stürzt ein."
            "Was nicht ist, kann ja noch werden.", brummte Largo in seinen Bart. "Welchen Weg sollen wir jetzt nehmen? Geradeaus ist ein Gang und noch einer zu unserer Rechten."          
            Das war eine gute Frage, denn hier unten war es schwierig sich zu orientieren. Zudem konnte sich der Kompass nicht entscheiden, wo Norden war. Es musste große Mengen an Eisenablagerungen in den Wänden geben, was in Vulkangestein nicht ungewöhnlich ist. Ihr Magnetfeld kann stark genug sein, um der Nadel seinen Willen aufzuzwingen. 
            Während wir anderen noch überlegten, öffnete Hank die Tür hinter uns, stellte sich ans Heck und lauschte intensiv. Dann kam er wieder herein.
            "Fahr geradeaus! Von rechts kommt Wind. Der Gang führt wieder zum Meer."       
            Largo nickte zustimmend. Sanft schob der Motor das Boot wieder an. Irritiert sah der Troll zu Alyssa, die zu Prusten angefangen hatte. "Wat is, du halbe Portion?"         
            Die Magierin zeigte auf eins der Hörner, die dem Meta auf Höhe der Schläfen aus dem Schädel wuchsen. Etwas Zähes tropfte herab und hinterließ Flecken auf dem Ärmel seiner Jacke. "Haha! Dich hat eine Fledermaus angekackt!"           
            "Verdammte Drecksviecher! Gebt mir einen Flammenwerfer!" Wütend wischte er sich mit einem Tuch das Horn sauber, aber einen Rest der klebrigen Masse bekam er nicht ab. Schließlich ließ er es gut sein und verschränkte die Arme vor seiner Brust. "So, Maul halten und weiterfahren!"       
            Niemand traute sich zu widersprechen, war aber auch nicht in der Lage sich ein Grinsen zu verkneifen.   
            Der unerwartet heitere Moment begleitete uns noch einige Minuten, bis wir im nächsten Gang eine Stelle passierten, die Alyssa richtigerweise als Anlegestelle identifizierte. Wir anderen hatten es in der Dunkelheit zunächst übersehen. Nach einem Engpass stülpte sich die Wand auf einer Länge von nicht einmal zwei Metern nach innen zu einer schmalen Kaverne. Ein rostiger Eisenring war an der Wand angebracht worden, um dort Boote zu vertäuen. Er sah so alt aus, dass die Vermutung nahe lag, es mit einem ehemaligen Schmugglernest zu tun zu haben.         
            Sanada leuchtete mit seiner Taschenlampe in den Hohlraum hinein. "Dort ist eine Treppe."         
            Als ich mich schon anschickte auszusteigen, hob Largo eine Hand. "Warte mal! Bevor wir uns voreilig in die Höhle des Löwen begeben, schicke ich lieber mal die Vorhut los."  
            Seine Kundschafterdrohne, die sich nach ihrer Rückkehr auf hoher See auf dem Dach unseres Gefährts festgekrallt hatte, schlug mit den Flügeln, hob ihren Hornissenförmigen Körper in die Luft und sauste in die Finsternis hinein. Es dauerte keine Minute, bis sie wieder zurückkehrte. Dieses Mal nahm der Rigger sie auf die Hand und kramte ein Etui aus einer Tasche seiner Cargohose, um sie darin sicher zu verstauen.      
            "Es geht knapp sechzig Meter hoch. Am Ende blockiert eine Tür den Weg, aber ich glaube nicht, dass sie uns aufhalten wird. Aufgrund der Höhe würde ich sagen, dass wir uns irgendwo hinter dem Dorf befinden."   
            "Super.", sagte Sunetra, "Hank du gehst voraus! Falls wir die Tür mit Gewalt aufbrechen müssen oder einen Kugelschwamm brauchen, bist du der ideale Kandidat."      
            Der ehemalige Bundeswehrsoldat nickte, stieg als Erster aus und griff nach der Leine des Boots, um es zu vertäuen. Als ihm schlagartig bewusst wurde, was die Elfe gesagt hatte, hielt er inne und bedachte sie mit einem vielsagenden Blick. Dann grinste er schelmisch und zwinkerte ihr zu. "Was soll's. Mit so 'nem Zahnstocher wie dir vor mir, würde ich so oder so getroffen werden. Zu nix seid ihr gut." Tadelnd schnalzte er mit der Zunge und beendete seine Arbeit.   
            Nachdem wir anderen ebenfalls ausgestiegen waren und unsere Ausrüstung kontrolliert hatten, machten wir uns an den Aufstieg. Die Stufen waren direkt in den Felsen gehauen worden, folgten aber weitestgehend einem natürlich entstandenen Pfad durch das Gestein. Sie waren extrem glitschig, sodass wir vorsichtig gehen mussten. Es gab kein Geländer, an dem wir uns hätten festhalten können. Wenn einer gestürzt und nach unten gepurzelt wäre, hätte er alle hinter sich mitgerissen. 
            Endlich erreichten wir die rostige Eisentür. Mit ihren geschmiedeten Beschlägen, die von der salzigen Luft einen stumpfen Belag bekommen hatten, sah sie geradezu antik aus. Die fortgeschrittene Korrosion wiederum bestätigte meinen Eindruck, dass dieser Zugang zu den Grotten schon mindestens seit drei Jahrzehnten nicht mehr genutzt wurde.           
            Das war ein gutes Zeichen.    
Hank probierte zunächst die Klinke, aber wie zu erwarten, bewegte sich die Tür keinen Millimeter. Also musste er mit roher Gewalt vorgehen. Er winkte uns mit einer Hand, damit wir Platz hinter ihm machten. Mit aller Kraft zog der Troll am Griff und riss unter steinernem Knirschen und metallischem Ächzen die Tür inklusive Rahmen aus der Verankerung. Staub und Steinchen rieselten von der Decke, aber der Höhleneingang hielt stand.
            Wir warteten einige Sekunden, bevor wir weiter gingen. Scheinbar hatte niemand den Lärm gehört. Ich schöpfte Hoffnung, dass der Überraschungseffekt unseres Angriffs nicht flöten gegangen war. Nun befanden wir uns in einem großen Raum. Kettensägen, Harken, Spaten, Dünger, Benzinkanister, in Plastik verschweißte Decken, Seile, Tierfutter und noch viel mehr waren fein säuberlich in den Regalen verstaut oder hingen an Haken an der Wand. Es war offensichtlich, dass dieses Gebäude dem gesamten Dorf als Lager und Geräteschuppen diente.  
            Ich öffnete die Tür und spähte nach draußen. Alles war ruhig. Lediglich der Wind pfiff sein schrilles Lied, mit der er unser Eindringen maskiert hatte. Falls die unfreundlich Wetterlage nicht natürlichen Ursprungs war, hatte Ocyon uns versehentlich einen Vorteil verschafft. Gut so!          
            "Wir sollten zunächst die die Gegend auskundschaften, bevor wir uns auf unser Vorgehen festlegen."     
            Sunetra warf ebenfalls einen Blick durch den Türspalt.         
"Die magische Hintergrundstrahlung des Walds ist zu groß als dass ich unser Ziel orten könnte, aber ich bin mir sicher, dass wir zum Tempel auf dem Berg müssen."          
            Zum erloschenen Vulkankegel? Mir war unwohl bei dem Gedanken, aber sie hatte vermutlich recht. Dennoch. Ich bestand darauf, erst im Dorf nach dem Rechten zu sehen.        
            Es stellte sich heraus, dass wir uns direkt neben einem der Gebäude befanden, in dem Largos Drohne Licht entdeckt hatte. Von der Größe her im Vergleich zu den anderen Hütten, schloss ich auf das Gemeindezentrum. Die Seitenwände waren aus gemauertem Stein, die Rückwand an den Felsen gebaut worden. Nur die Front bestand aus Holz. Die Fenster befanden sich, typisch für japanische Verhältnisse, unter dem Dach. Es galt hierzulande als unfein direkt in die Wohnungen zu glotzen. Um die Gefahr eines solchen versehentlichen Fauxpas zu minmieren, entschied man sich die Fenster so anzubringen, dass man mindestens eine Leiter brauchte. Glücklicherweise hatten wir Hank dabei. Er war groß genug, um hineinsehen zu können.        
            Gerade als er sich anschickte aufzustehen, hörte Sunetra etwas und hielt ihn zurück. Schritte näherten sich den Weg herauf unserer Position. Wir krochen noch etwas tiefer in den Schatten des Schuppens hinein. 
            Zwei Männer mit Sturmlaterne passierten uns keine drei Meter entfernt, ohne uns zu entdecken. Am Eingang des Hauses klopften sie an. Die Tür wurde geöffnet und sie wechselten einige Sätze mit jemandem, den wir nicht sehen konnten. Leider trug der Wind ihre Worte fort, sodass wir nicht verstanden, um was es gegangen sein mochte.           
            Als sie sich umdrehten und den Weg weiter gingen, wurde die Tür wieder geschlossen. "Largo, schick den Kerlen deine FlySpy hinterher! Ich will nicht, dass uns die Patrouille entdeckt."      
            Der Zwerg startete die Hornisse aus dem Etui heraus und ehe wir uns versahen, war sie auch schon außer Sichtweite. Nun konnte Hank unbesorgt durch das Fenster kiebitzen. Über die Kamera seines Komlinks sahen wir, was drinnen vor sich ging. Der Anblick jagte mir einen Schauer nach dem nächsten über den Rücken.
            Mindestens dreißig Menschen hielten sich dort auf. Viele lagen auf Pritschen und Feldbetten, andere wanderten mit geschlossenen Augen auf und ab, während ihre Lippen stumme Worte formten. Ich glaubte Akira Moshi unter ihnen zu erkennen, dessen Vorfahren von diesem Eiland stammten. Die Kleidung aller liegenden Personen war klatschnass, an vielen hingen noch Tang und Algen. Bleich wie sie waren, wirkten sie wie Wasserleichen. Da sich einige unruhig auf ihren Liegestätten bewegten, mit Armen und Beinen zuckten und den Kopf krampfartig hin und her schlugen, mussten sie lebendig sein. Doch was hatte man bloß mit ihnen angestellt?      
            Je länger wir auf das Bildmaterial im Videofenster starrten, umso klarer wurde uns, dass es sich bei den 'Ertrunkenen' um die Dorfbewohner handelte. Die andere Gruppe bestand aus Männern und Frauen, die wie ausgemergelte, verwahrloste Obdachlose aussahen. Das mussten die Patienten der Suchtklinik sein, die Ocyon rekrutiert hatte.         
            Kisten standen aufeinander gestapelt weiter hinten im Raum. An der Rückwand des Gebäudes, befand sich ein den lokalen Göttern geweihter Schrein. Er war verwüstet worden.  
            "Oh mein Gott!", entfuhr es Alyssa.   
"Ich... ich habe nur einen kurzen Blick in die Astralebene geworfen... aber..." Sie ließ ihre Augen wandern, blickte ins Nichts, als sie ihre Gedanken sammelte. "Ich glaube, ich weiß, was hier passiert ist."        
            "Warum wird mir nicht gefallen, was sie gleich zu sagen hat?", knurrte Largo zynisch.       
            "Ocyons Jünger haben die Dorfbewohner, die nicht fliehen konnten, ins Meer geworfen und mit einem Ritual Wassergeister beschworen, die ihre Körper übernommen haben. Sie...", ihre Stimme versagte angesichts des gruseligen Gedanken sich mit einer Geisterarmee anlegen zu müssen.      
            "Können wir die Leute noch retten?", wollte ich wissen, doch die Magierin zuckte nur mit den Schultern.
            "Ich weiß es nicht. Tut mir leid. Scheinbar wehren sich einige noch gegen die Eindringlinge in ihren Köpfen, aber selbst wenn wir es schaffen die Geister zu bannen, kann es sein, dass sie immer noch Wasser in ihren Lungen haben und dann auf der Stelle tot umfallen."
            "Besser wir murksen alle ab, bevor sie sich erholt haben und uns auf die Pelle rücken können.", konstatierte Hank. Er hatte nicht ganz unrecht mit seiner Einschätzung, aber zumindest bei den Dörflern handelte es sich um unschuldige Leute. Sie alle präventiv umzubringen ging gegen meine Überzeugungen, selbst wenn sie nicht mehr zu retten waren. Ich brauchte mehr Zeit zum Nachdenken. Es musste einen Weg geben sie zu verschonen.          
            "Largo, da war doch noch ein zweites Gebäude, in dem Licht brannte. Führ uns dort hin! Wir entscheiden danach, was wir mit den Leuten machen."   
            Das Dorf war auf künstlich angelegten Trassen errichtet worden, die mit Treppenstufen miteinander verbunden waren. Mittels mühsamer Landgewinnungstechniken hatte man dem Meer einige hundert Quadratmeter Strand abgetrotzt und mit einem kleinen Damm abgeschlossen. Ein schmaler Bachlauf durchpflügte das Dorf in Steinwurfweite vom großen Bruder. Mehrere Brückchen spannten sich darüber hinweg. Während das hoch gelegene Gemeindezentrum vorm Wasser sicher war, ruhten die restlichen Gebäude auf Stelzen. So stand uns genug Deckung zur Verfügung, falls wir uns verstecken mussten. Doch fürs Erste war es nicht nötig, denn dank der FlySpy wussten wir jederzeit, wo sich die Männer mit der Sturmlaterne befanden. Mit Leichtigkeit wichen wir ihnen so auf dem Weg durch das Dorf aus.  
            Als wir das letzte Haus am äußersten Rand der Straße erreicht hatten, wagten wir einen Blick ins Innere. Wieder musste Hank den Spion spielen. Viel zu sehen gab es von einem Sat-Comm-Terminal abgesehen allerdings nicht. Der Bildschirm des Terminals leuchtete den Raum nur spärlich aus. Plötzlich erlosch das Licht und für einen Moment befürchtete ich, der Feind hätte uns entdeckt.
            Ein Steinchen traf mich an der Schulter. Ich erschrak, konnte mir aber gerade so einen überraschten Ausruf verkneifen. Wurden wir etwa angegriffen? Unwahrscheinlich. Dafür war das Wurfgeschoss viel zu klein gewesen. Außerdem kam niemand schreiend auf uns losgestürmt. Ein zweites Mal, traf mich etwas und ich hörte eine leise Stimme aus dem Dunkel des gegenüber liegenden Hauses.           
            "Hierher! Macht schnell! Sie kommen bald." 
In geduckter Haltung huschten wir nach einem prüfenden Blick in die Richtung, aus der wir die Patrouille erwarteten, über die Straße. Dahinter lag ein Graben, in dessen weichen Boden die Stelzen des Hauses eingelassen waren. In Deckung des hohen Grases, das den Straßenrand säumte, lag ein dürres Mädchen. Sie trug ein T-Shirt, das sie als Fan eines beliebten Matrixrollenspiels outete, und mochte so um die zwölf oder dreizehn Jahre alt gewesen sein. Mir fiel es immer schwer Kinder einzuschätzen, wenn sie noch vor oder am Beginn ihrer Pubertät standen. 
            Mit einem Finger auf den Lippen gebot sie uns still zu sein, huschte dann unter der Veranda hindurch und zu einer Klappe an der Bodenseite des Hauses, die sie mit einem Handgriff öffnete. Das Mädchen kletterte hinein und wir folgten ihr. Poster von Bands, die ich nicht kannte, schmückten die Wände über ihrem Bett. Daneben standen zwei Computerstationen und in den Regalen stapelten sich Filmhüllen und Handbücher, die Auskunft über diverse Programmiersprachen und das Knacken von Codes gaben. Ungewöhnliche Lektüre für diesen halbgaren abgebrochenen Meter.
            Bezüglich ihres Alters mochte ich mich täuschen, aber ich war sicher einen waschechten Technogeek vor mir zu haben. Ausgerechnet hier, am pickligen, von Geistern besessenen Arsch der Welt! Sie stellte sich mit Ariki vor und war Largo aus offensichtlichen Gründen sofort sympathisch, weshalb er die Gesprächsführung übernahm. Ariki wirkte erleichtert.     
            "Endlich hat jemand mein Signal aufgefangen."       
"Nein, Kleines. Tut mir leid. Es ist purer Zufall, dass wir hier sind und du uns gesehen hast." Sie wirkte bitter enttäuscht.     
            "Aber... ich hab extra das Sat-Comm so programmiert, dass es solange die Wachmänner nicht in der Nähe sind, ein Notsignal funkt. Nun ja... nicht wirklich funkt im eigentlichen Sinne. Sie haben die Antenne zerstört, also sende ich Lichtimpulse. Ihr müsst sie gesehen haben!"      
            "Ja, aber wie gesagt: es war purer Zufall. Wir konnten es nur sehen, weil wir die Insel in unmittelbarer Nähe passiert haben und eine Drohne in der Luft hatten. Wahrscheinlich waren die Impulse nicht stark genug oder die niedrige Höhe des Hauses war das Problem, warum es niemand zuvor gesehen hat. Wieso hast du es nicht vom Leuchtturm aus versucht? Der funktioniert ja noch."
            Verlegen schaute sie auf ihre Füße. "Ich hatte Angst, dass sie mich entdecken würden, wenn ich mich zu weit raus traue."
            Sunetra legte ihr eine Hand auf die Schulter und drückte sie sanft. "Lass dich von dem Grobian nicht verunsichern. Du warst sehr tapfer. Tapferer als die meisten Erwachsenen in dieser Situation." Ariki lächelt sie traurig an.      
            "Apropos Situation...", meldete ich mich ebenfalls zu Wort, "was genau ist hier eigentlich vorgefallen?"   
            "Vor ein paar Tagen kamen Männer auf die Insel. Sie haben alle eingesperrt." Gänsehaut wuchs auf ihren Armen, als sie sich erinnerte. "Und dann haben sie sie, einen nach dem anderen, ins Meer geworfen. Ich dachte sie wären ertrunken, weil lange Zeit nichts passierte. So lange kann niemand den Atem anhalten. Als sie dann an den Strand wateten, sahen sie aus wie wandelnde Leichen. Ihr wisst schon: So wie in einem Horrorfilm.        
            Sie.. sie waren nicht mehr sie selbst." Ariki legte eine Hand auf den Mund und kämpfte gegen quellende Tränen an.      
            Sunetra und Alyssa wechselten vielsagende Blicke. Die Menschenfrau sah sich in ihrer Vermutung bestätigt, dass ein Ritual durchgeführt worden war.     
            "Ist sonst noch etwas passiert?"       
Sie wischte sich über die Augen. "Ja. Einige wurden mit den Booten weggeschickt und kamen vor zwei Tagen wieder. Sie hatten Kisten dabei, die sie ins Dorf brachten. Aber ich weiß nicht, was in ihnen ist."   
            "Waffen.", warf Sanada ein.    
Das klang plausibel. Im Gegensatz zu den Geistern, die in den Dorfbewohnern hausten, konnten Ocyons Jünger nicht zaubern und waren auf gewöhnliche Argumentationsverstärker angewiesen.
            "Sag mal, Kleines. Wie konntest du dem Zugriff dieser... Leute so lange entgehen?"        
            Sie zeigte auf einen VR-Helm, der an einen der Computer angeschlossen war. "Ich hab fast einen ganzen Tag online verbracht und mit meinem Clan gespielt. Als ich mich aus der Matrix ausgeklinkt hab, waren alle weg. Ich hab Angst bekommen und mich vor ihnen versteckt, nachdem ich sie an der Klippe gefunden hatte." Die Tränen kehrten zurück, als sie weiter sprach: "Meine Mama ist vor Tagen zum Fischen rausgefahren und immer noch nicht heim gekommen. Ich hab versucht sie zu erreichen, aber sie antwortet nicht."  
            Als sie endgültig zu weinen anfing, nahm sie der Zwerg in den Arm, streichelte ihr übers blau gefärbte Haar. Ariki vergrub den Kopf im Stoff seiner Jacke und dämpfte so ihr Schluchzen.         
            "Wo... wo ist meine Mama?"  
Largo sah mich in trauriger Verzweiflung an. Niemand wollte aussprechen, was wir alle dachten.  
            Kleines, ich fürchte, du wirst sehr tapfer sein müssen...

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