Donnerstag, 6. August 2015

Schatten über Jigoku

Kapitel 7 - Tanz auf dem Grab

            Wie ich dieses Pisswetter hasste.      
Seitdem wir das Mädchen im Dorf getroffen hatten, zog der Sturm über der Insel unentwegt Wolken zusammen, vermutlich für einen alles entscheidenden Angriff, um dieses Stückchen Dreck wieder in den Ozean zurück zu prügeln. Dichter Nebel kochte ein breiiges Süppchen, durch das dicke Regentropfen von weiter oben herunter kamen. Beschleunigt vom starken Wind peitschten sie wie Gewehrkugeln umher und zerplatzten trotzig auf unseren Helmen. Ich war heilfroh über die Schutzwesten, die wir trugen. Sie hielten neben dem Wasser auch einen Großteil der Kälte ab, die uns ebenfalls zuzusetzen begann.     
            Äste der umstehenden Bäume griffen gefährlich nach uns. Ein paar Mal krachten sie sogar auf die Stufen herab, weswegen wir erst den Weg frei räumen mussten, um weitergehen zu können. Und dann war da noch der Lärm, den das Wetter verursachte. Ein hohles, schrilles, modulierendes Pfeifen führte ein vielstimmiges Rascheln, Stöhnen, Knacken und Knarzen der Flora an, begleitet vom millionenfachen Trommeln der wässrigen Drumsets. Zusammen spielten sie die Uraufführung eines avantgardistischen New Age Stücks: dem Präludium zum WildCards Requiem. Es wirkt, als würde der Dschungel lebendig werden, um uns höchst selbst von Jigoku zu vertreiben.      


            Zugegeben, ich war schlimmeres gewohnt und wusste selbst am besten wie gefährlich solch morbide Gedanken während einer Mission sein konnten, aber die Situation zehrte an meinen Nerven. Es beruhigte mein Gewissen ein klein wenig, dass es den anderen ähnlich zu gehen schien.   
            Trotz der Ausrüstung und unserer genetisch bedingten Fähigkeiten zur Infravision bzw Restlichtverstärkung, sahen wir kaum die Hand vor Augen, als wir den steilen Pfad zum Tempel erklommen. Nur dann und wann kämpfte sich der Mond zwischen den Wolken hindurch und warf verstohlen einen Blick auf die Erde. Alles um uns herum wirkte in der Finsternis seltsam, fremdartig und gefährlich. Wenn wir doch nur mehr sehen könnten...     
            Schluss damit! Konzentrier dich auf die Aufgabe, die vor dir liegt, du einfältiger Ork!  
            Um meine Hirnwindungen wieder auf Kurs zu bringen, ärgerte ich mich stattdessen wieder ein wenig über die Tatsache, dass wir keine adäquate Lösung für das Problem im Dorf gefunden hatten.       
            "OK, Leute. Die Situation ist folgende: wir haben eine Patrouille von zwei Männern, die das Dorf bewacht, ein Gemeindehaus mit bis zu drei Dutzend Gegnern, von denen einige als Hüllen für Geister dienen - wie viele genau wissen wir nicht. Und dann wäre da noch der Tempel, in dem vermutlich Ocyon sein Hauptquartier eingerichtet hat. Es wäre das Beste, wenn wir uns um die Gegner im Dorf kümmern, bevor wir uns dem Ding stellen. Sonst finden wir uns mir nichts dir nichts in einem Zwei-Fronten-Krieg wieder."  
            Largo fuhr sich nachdenklich durch den struppigen, langen Bart, kam aber auf keine gute Idee. Hank ließ wie zu erwarten das Erstbeste aus seiner Futterluke fallen, das ihm in den Sinn kam.       "Wir haben Benzin. Lasst uns das scheiß Haus abfackeln und gut ist. Es gibt nur einen Eingang. 'Ne einmalige Gelegenheit!"
            Unerwartet meldete sich Sanada an dieser Stelle zu Wort: "Ich gebe zu, dass das die unkomplizierteste Lösung für dieses Problem wäre. Allerdings kann ich es nicht mit meinem Gewissen vereinbaren ein ganzes Dorf auszulöschen."           
            "Er hat recht. Diese Menschen werden von Ocyon gezwungen für ihn zu kämpfen. Sie haben sich das hier nicht ausgesucht.", stimmte Sunetra zu.   
            "Abgesehen von den moralischen Bedenken, wäre es für unsere Reputation nicht förderlich, wenn das publik würde.", fügte Largo hinzu und hielt einen Moment inne, bis er weiter durch seinen Bart strich. Hank hingegen zuckte mit den Achseln.        
            "Dann darfs keiner erfahren. Müssen wir halt auch noch die Zeugen umbringen." Manchmal war es schwer zu erkennen, wann der Troll einen Scherz machte, aber langsam wusste ich ihn einzuschätzen und hustete ein Lachen in die Faust. Sanada zog abschätzig eine Augenbraue hoch und sah ihn von der Seite an.
            "Wat is, kleiner Mann? Im Gegensatz zu unseren Weibern hab ich keine Bedenken dich anzupacken. Ein Genickbruch geht ganz schnell. Tut kaum weh... hab ich mir sagen lassen. Kannst aber auch..."   
            Weiter kam er nicht, denn Ariki trat ihm voller Kraft vors Schienbein und beschimpfte ihn so gut es ihr Vokabular zuließ. Hank zupfte sie wie ein Plüschtier vom Boden und hielt sie soweit von sich entfernt, dass sie ihn weder mit Schlägen noch Tritten erreichen konnte. "Hey, die is süß. Können wir die Kleine behalten? Bräuchten eh noch ein Maskottchen."         
            Als sich Alyssa und Sunetra ebenfalls einmischten wollten, ging ich beschwichtigend dazwischen. "Gemach, Leute, Hank macht nur Spaß."           
            Er setzte Ariki wieder auf den Boden und sah uns unbekümmert an. "War das nicht klar?"
            Alyssa holte tief Luft für einen verbalen Gegenschlag, erkannte aber im selben Moment die Sinnlosigkeit ihres Vorhabens und seufzte stattdessen. Sanada war jedoch nicht überzeugt und behielt den Troll während des restlichen Gesprächs im Auge.   
            "Wir haben doch von Yakamura diverse Bannspruchrollen bekommen. Könnten wir damit die Tür versiegeln, sodass sie im Gemeindezentrum gefangen sind? Wenn wir Ocyon besiegt haben, sollten die Leute wieder normal werden, oder?"          
            "Du meinst: falls wir Ocyon besiegen.", warf Lightning düster ein. "Ich mag die Idee, aber sie scheitert an ein paar Kleinigkeiten: wie der Name schon sagt, bannt ein Bannspruch Geister und sperrt sie nicht ein.       
            Wir könnten eine Rolle vor der Tür auslegen. Sobald der Erste heraus kommt, wird dessen Geist gebannt, aber dummerweise verbrauchen sich diese Rollen durch einmalige Benutzung. Unser Vorrat ist begrenzt und wir sollten sie für unseren eigentlichen Gegner aufheben.  
            Ich könnte mit unserer Elfe weitere Rollen produzieren, aber das dauert einige Stunden. Zeit, die wir nicht haben. Erschwert wird das Ganze noch durch die starke magische Hintergrundstrahlung auf der Insel. Es würde hier noch länger dauern als ich unter normalen Umständen einkalkulieren würde." Diesmal setzte ich zum Sprechen an und wurde von einer ihrer Hände aufgehalten. "Bevor du fragst: Ja, ich könnte eine Rolle mit einem Siegelspruch herstellen. Theoretisch. Leider kenne ich den entsprechenden Zauberspruch nicht."        
            "DREK!" Es war frustrierend, denn alle anderen Ideen liefen darauf hinaus, dass wir zumindest das Risiko eingingen alle umzubringen. Eine Feuerwand aus Benzin und Holz um das Gemeindehaus würde sie einsperren, barg aber die Gefahr, dass die Flammen auf das Gebäude übersprangen und es niederbrannten. Schlafgas stand uns nicht zur Verfügung und aus den Materialien im Schuppen ließen sich entweder keine nicht tödliche Substanzen oder nicht genügend davon herstellen, um die Leute auszuknocken.
            Plötzlich regte sich Largo, der die ganze Zeit still geblieben war: "Da ist noch jemand auf der Insel!"       
            Seine zweite Flugdrohne, die die er von Yoshis Schrottplatz mitgenommen hatte, überflog schon seit geraumer Zeit die Insel und hatte eine schwache Lichtquelle entdeckt, die sich vom Leuchtturm aus durch den Dschungel den Berg hinauf in Richtung des Tempels bewegte.       
            "Wahrscheinlich einer der Junkies."   
"Würde Sinn machen, denn kurz vorher sind die meisten Lichter im Turm ausgegangen.", stimmte der Rigger zu.           
            "Nein, ich glaube das ist Kentaro.", sagte Ariki schüchtern, als ihr bewusst wurde, dass sie uns vergessen hatte, etwas wichtiges mitzuteilen.   
            "Wer oder was ist Kentaro, Kleines?", wollte Largo wissen.
Ariki biss sich auf die Unterlippe und scharrte mit dem rechten Fuß imaginäre Kieselsteine auf dem Holzfußboden umher bevor sie antwortete. "Er ist ein Junge aus dem Dorf. Als sie seine Eltern holten, konnte er sich verstecken. Er ist viel mutiger als ich." Sie druckste ein wenig herum. "Während ich zu viel Angst hatte, zum Leuchtturm zu gehen, wollte er dort sein Glück versuchen."
            "Er hat Erfolg gehabt.", konstatierte Sunetra. "Das Leuchtfeuer haben wir tatsächlich sehen können. Aber wir waren ohnehin auf dem Weg nach Jigoku gewesen."           
            Ariki sah die Elfe mit feuchten Augen an. "Ihr wusstet von dem Übel?" In ihrer Stimme lag die Implikation eines Vorwurfs.
            "Ja, wir verfolgen die Spur des Wesens schon seit geraumer Zeit, aber wir haben erst vor einigen Stunden erfahren, dass es hierher gekommen ist." Das schien das Mädchen zu beruhigen. Mir hingegen fiel endlich ein, was mir an ihrer Geschichte so seltsam vorgekommen war. "Du hast uns gesagt, dass du ein Online Rollenspiel gezockt hast, als die Fremden nach Jigoku kamen." Sie nickte. "Warum hast du denn nicht einfach per Matrix auf dem Festland angerufen und dort Hilfe geholt."      
            Sie rollte mit den Augen und seufzte über meine offensichtliche Blödheit. "Die haben die Verbindung gekappt. Was meinst du denn, warum ich überhaupt das Spiel beendet hab? Ich bin aus meiner Sitzung geflogen und hab dann herausgefunden, was hier passiert ist."        
            "Hmmm, das Lokale Netz funktioniert aber noch.", stellte Largo fest. "Das können wir für uns nutzen. Hast du Kentaros Komlink Nummer?"
            Ariki schüttelte den Kopf. "Normalerweise brauchen wir sowas hier auf der Insel nicht. Wir gehen einfach zu den anderen rüber, wenn wir miteinander reden wollen."    
            "Wie Oldschool!", scherzte Alyssa, aber niemand stieg auf den Witz ein. Largo sah uns ernst an. "Wir müssen den Jungen abfangen bevor er den Tempel erreicht. Entweder musste er aus dem Leuchtturm fliehen oder er hat eine große Dummheit vor."
            Mangels guter Alternativen unsere Gegner im Gemeindehaus in Schach zu halten, beschlossen wir wider besseren Wissens, uns sofort aufzumachen. Der Tempel war letztendlich unser eigentliches Ziel und mit etwas Glück hatten wir unseren Auftrag erledigt bevor Ocyons Handlanger eingreifen konnten. Nicht, dass ich ernsthaft daran geglaubt hätte.          
            Zurück im Dschungel hatte sich der Nebel ein wenig gelichtet und wir erkannten nur noch wenige hundert Meter vom Tempel entfernt zu sein. Den Jungen sollten wir längst überholt haben, der den schwierigeren, aber auch sichereren Aufstieg gewählt hatte. Largo hatte dank Cyberaugen die beste Sicht von uns allen, also war er vorangegangen. Danach kamen Hank, Alyssa und Sanada, der sich bemühte die Magierin nicht versehentlich zu berühren. Ich bildete mit Sunetra das Schlusslicht. Plötzlich tippte mir die Elfe auf die Schulter.   
            "Da ist jemand hinter uns."   
Ich versuchte durch den Lärm zu lauschen oder etwas im Dunkeln zu erkennen, doch ohne Erfolg. Da ich hatte gelernt hatte den geschärften Sinnen der Magierin zu vertrauen, stoppte ich die anderen.
            "Hank und ich legen uns zu beiden Seiten des Wegs im Dschungel auf die Lauer. Ihr anderen geht weiter! Im Zweifelsfall können wir sie in die Zange nehmen. Ab sofort nur noch Textkommunikation!"          
            Gesagt, getan.
Normalerweise hätte ein Pfundskerl wie unser Troll es beim Verstecken in etwa so schwer gehabt wie der Unglaubliche Hulk, aber dank des beschissenen Wetters und der Finsternis, die der Dschungel generierte, verschmolz selbst er mit der Umgebung, sodass sogar ich Schwierigkeiten hatte, ihn von der anderen Seite aus zu sehen. Und ich wusste immerhin genau wo er sich verkrochen hatte. Daher machte ich mir keine Sorgen entdeckt zu werden.  
            Nun war quälendes Warten angesagt. Dabei durften wir keinesfalls ungeduldig werden. Zu früh anzunehmen es handele sich um falschen Alarm, würde uns auffliegen lassen. Zu lange zu warten, kostete wertvolle Zeit, war allerdings das kleinere Übel. Ich schrieb Hank, dass er nur auf mein Zeichen agieren sollte. Der Troll antwortete nicht, aber ich wusste, dass er die Nachricht erhalten hatte. Er redete nicht viel, warum also sollte er sich mit Schreiben aufhalten?      
            Die folgende Minute zog sich elend in die Länge. Wasser ergoss sich von oben, aus seinen Bassins in den breiten Blättern und Palmwedeln, auf uns herab, während von unten die klamme Kälte des feuchtschlammigen schlickartigen Bodens, auf dem wir knieten, in unsere Leiber drang. Immer noch konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass der Wald nach uns zu greifen versuchte. Entweder um uns zu einem tödlichen Ort in seinem Inneren zu zerren, wo wir ihm hilflos ausgeliefert waren, oder um uns auszuspucken, damit unser Feind freies Schussfeld hatte.  
            Geräusche von einem Stück die Treppe herunter, riss mich aus meinen fatalistischen Gedanken. Ich hielt den Atem an. Sunetra hatte Recht behalten.       
           
// Lass sie passieren!, textete ich dem Troll.       
Keine Antwort.           
            Vier Personen stapften die Stufen hinauf und an uns vorbei. Dass sie dabei den Wegesrand im Auge behielten, gefiel mir nicht. Suchten sie nach uns? Waren wir aufgeflogen? Oder wussten sie von Kentaro und hielten nach ihm Ausschau? Sicherheitshalber informierte ich die anderen.   
           
// Suchtrupp. 4 Männer. Geht in Deckung!
Hank wies ich an es mir gleichzutun und ihnen parallel des Wegs in sicherem Abstand vorsichtig zu folgen. Kurz darauf ploppte auf meiner Komlinkbrille eine Nachricht auf.
           
// Sind an uns vorbei. Stehengeblieben. Beraten sich. Suchen definitv uns.           
            Verdammt! Ich hatte es befürchtet. 
Largo öffnete im Komlink ein zweites Textfeld und schrieb Ariki an.
           
// Werden gleich entdeckt. Mach viel Licht und Lärm!  
       // Alles klar., lautete die prompte Antwort.         
Das Mädchen hatte sich in den Kopf gesetzt uns zu begleiten, aber wir hatten ihr klar gemacht, dass sie uns im Dorf nützlicher war. Als Späher vor Ort sollte sie uns informieren, wenn dort etwas vor sich ging. Jetzt gereichte uns die unverhoffte Verbündete als As im Ärmel. Es war gefährlich sie raus zu schicken und wahrscheinlich hätten uns Unicef und andere Kinderrechtsgruppen dafür öffentlich Häuten lassen, aber ohne uns würde Ariki weder von der Insel kommen noch in Sicherheit sein. Sie musste das Risiko einfach eingehen.
            Inzwischen waren Hank und ich wieder so nahe herangekommen, dass wir die vier Männer sehen konnten. Sie unterhielten sich miteinander, doch ich konnte die Worte nicht verstehen. Wahrscheinlich war es lediglich der Wind und der Regen, aber ich hätte schwören können, dass sie beim Reden gurgelten und keine menschliche Sprache benutzten. Immer wieder zuckten sie mit den Köpfen zum Tempel und hielten inne, als würden sie jemandem lauschen, den ich nicht sehen konnte. Gänsehaut wuchs auf meinen Armen und die düstere Vorahnung meldete sich wieder zu Wort. Requiem, Hendrik. Alles ist Teil des Requiems.          
           
// Es scheint, als stehen sie per Mindlink mit Ocyon in Kontakt. Jemand oder etwas koordiniert ihr Vorgehen vom Tempel aus. Wenn wir die ausschalten, weiß der Feind sofort bescheid.    
            Sunetra konnte als Magierin im Gegensatz zu mir hinter den Vorhang der für uns wahrnehmbaren Welt blicken und erkannte so, was wirklich vor sich ging. Dass sie ebenfalls die Patrouille hatte beobachten können, musste bedeuten, dass wir in unmittelbarer Nähe zum Rest des Teams sein mussten. Zu sehen war jedoch noch niemand. Die Männer hatten sich gerade daran gemacht, den Waldrand gründlicher zu untersuchen, als in der Bucht, in der das Dorf lag, die Hölle losbrach. Etwas explodierte und dann schrillten Sirenen los. Im Pazifik war die Gefahr durch Erdbeben und den darauffolgenden Tsunamis nicht zu unterschätzen. Darum war jede noch so kleine Insel mit entsprechender Technik ausgerüstet, um die Bewohner rechtzeitig vor der Monsterwelle zu Warnen.      
            Von meiner Position aus, konnte ich nicht sehen, was im Dorf los war. Lediglich ein Lichtschein illuminierte schwach die Treppenstufen des Tempelpfades. Largo hingegen wusste durch seine Flugdrohne mehr.   
           
// Die Kleine hat ein Haus in Brand gesteckt. Irgendwas muss dabei in die Luft gegangen sein. 
            Innerlich gestattete ich mir ein wenig zu jubilieren, denn unsere Suchmannschaft teilte sich auf. Zwei von ihnen rannten den Weg Richtung Dorf hinab, während die anderen beiden den Weg zum Tempel fortsetzen. Das war unsere Chance. Ocyon wusste nun ohnehin von unserer Anwesenheit. Die Zeit für Zurückhaltung war vorbei. Ich wartete, bis die Luft rein war, dann gab ich Hank das Signal.
           
// Du den Linken, ich den Rechten! Jetzt!          
Ich schickte die Nachricht ab, wartet eine Sekunde und sprang dann aus dem Dschungel auf den Pfad. Hank tat es mir gleich. Als hätten wir das Manöver immer und immer wieder geübt, sprinteten wir gemeinsam los, zogen synchron die Wakizashis aus den Sayas und nahmen uns die Männer weiter oben vor. Sie hatten uns den Rücken zugewandt und konnten uns aufgrund des Wetters nicht hören. Wieder einmal spielte uns Ocyon versehentlich in die Hände. Ich lächelte grimmig, als ich durch den peitschenden Regen stürmte und alle Kraft auf den bevorstehenden Angriff konzentrierte. Hank hielt sich auf gleicher Höhe ohne mich abzudrängen, obwohl der Pfad kaum genug Platz für uns beide bot. Nahezu zeitgleich rammten wir die Klingen ins Genick unserer Gegner. 
            Mit morbider Befriedigung ließen wir sie wie die Marionetten, die sie waren, zu Boden fallen. Wir gönnten uns den kleinen Sieg zu zelebrieren und klatschten triumphierend ab.  
            Kurz darauf kamen die anderen leicht außer Atem hinterher. Obwohl der Pfad den Berg hinauf teilweise sehr steil verlief, hatten Hank und ich das im Adrenalinrausch kaum wahrgenommen. Nun hieß es ohne Zeitverlust weiterzuziehen. "Ich kann schon die Lichter des Tempels sehen.", bemerkte ich hoffnungsvoll.   
            "Wir sollten zusehen, dass wir vorankommen.", warnte der Zwerg. "Das ganze Dorf ist auf den Beinen."  
            "Ach die sind mit Löschen beschäftigt.", winkte ich ab.        
"Ähhhhh, leider nicht. Die meisten kommen hier hoch."      
            "Drek!"           
***
            Es war nun ganz nah. 
Seitdem sie in die Grotte gefahren waren, konnte Sunetra eine fremdartige Präsenz spüren. Ein Wesen von solcher Macht, dass dessen Anwesenheit die Astralebene in Schwingung versetzte. Das bewirkte, dass kaum sichtbare Schlieren durch den arkanen Äther zogen, vergleichbar zu denen, die ein sich auflösender Tropfen Spülmittels in einem Glas klaren Wassers verursachte. Dadurch wurden ihre Sinne auf unangenehme Art und Weise vernebelt und alles magische Wirken erschwert. Um bei dem Bild zu bleiben konnte man sagen, dass die Oberflächenspannung, die ihr das Agieren mit Magie ermöglichte, zusammengebrochen und sie in tiefere Schichten der jenseitigen Sphäre eingesunken war und mit viel mehr Kraft strampeln musste, um sich voran bewegen zu können.
            Sie korrigierte sich.    
Es war nicht nur unangenehm, es war geradezu beängstigend, zumal der Effekt immer stärker wurde, je näher sie dem Ziel kamen. Susanoo spürte es ebenfalls. Sie war sich nicht sicher, ob der Geist nervös, ängstlich, freudig oder aufgeregt wegen des bevorstehenden Kampfes war, denn er sprach nicht zu ihr. Dennoch konnte sie sein energisches Zerren an den Ketten ihres Verstandes tief im Unterbewusstsein fühlen. Er bereitete ihr damit beinahe körperliche Schmerzen. Daher hoffte sie inständig, dass er damit aufhörte.      
            Ein frommer Gedanke, wenn man bedenkt, dass sie sich in wenigen Minuten seinem Todfeind stellen mussten.           
            Der mehrere hundert Jahre alte Tempel lag auf einer Anhöhe vor dem eigentlichen Kegel des erloschenen Vulkans. Umgeben war das einen beinahe perfekten Kreis umschreibenden Gelände mit Wald. Da sie sich nicht zu nahe heranwagten, schickte Largo eine seiner Drohnen zur Aufklärung vor. Von oben sah die Anlage wie ein großes H aus, dessen Stelzen an der oberen Seite verkürzt und der Korpus in der Mitte deutlich breiter war. Dabei handelte es sich um das Hauptgebäude, das wie die beiden Flügel zum größten Teil aus Holz gefertigt war.    
            In friedlichen Zeiten konnte man den heiligen Ort über eine lange, steile Treppe erreichen, deren Ende ein Torii markierte. Die zwei Säulen mit den beiden aufliegenden Querbalken trennten für die Gläubigen deutlich sichtbar die säkulare von der sakralen Welt. Wie die meisten anderen in Japan, war auch dieses Torii zinnoberrot gestrichen worden. Dahinter, auf dem Vorhof, rahmten Kiesbetten den Pfad zum Haupteingang ein, Flammen loderten aus zwei Metallschalen, in denen eine ölige Flüssigkeit verbrannt wurde. Acht Gegner hatten sich dort versammelt und wachten drüber, wer unter dem Torii hindurch schreiten würde. Die WildCards wurden also definitiv erwartet.       
            Darum entschlossen sie sich den Tempel zu umrunden und bahnten sich einen Weg durch den unwegsamen Dschungel. Immer wenn das Blattwerk weniger dicht wurde, orientierten sie sich am Fußwalmdach, das das Gebäude bekrönte und mit dunkelblauen, glasierten Schindeln gedeckt war. Die Traufbalken hoben sich an den Ecken des Dachs wie angedeutete Widerhaken wieder in die Höhe und ragten über die Seitenflügel hinweg. Die Größe des Tempels war ungewöhnlich für eine solch kleine Insel und zeugte von der einstigen Bedeutung dieses Ortes. Ocyons Anwesenheit hier war nicht zufällig.   
            Schließlich hatten sie es geschafft.    
Auf der Rückseite lag das Heiligtum, der Garten, oder besser gesagt das, was er einmal gewesen war. Es sah aus, als wäre eine Bombe eingeschlagen. Säulen und Vasen waren zerschlagen worden, Bäumchen herausgerissen, umgeknickt oder entlaubt worden. Es zerriss der Elfe das Herz solche Zerstörung zu sehen.        
            "Der Teich...", flüsterte Alyssa und war über dem in dicken Tropfen herunter pladdernden Regen kaum zu verstehen. Sie wusste, was die Menschenfrau meinte. Sunetra hatte es auch gesehen und bekam es mit der Angst zu tun. Ihr Mentorgeist zerrte noch heftiger an seinen Ketten, drohte sie vom Steuer ihrer Körpers zu schieben, wenn sie sich nicht zusammen riss. Es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass er so etwas getan hatte und davor fürchtete sie sich am Allermeisten. Welchen Schaden sie in einem Blutrausch anrichten konnte... kaum auszudenken, was... 
            "Denkst du das gleiche wie ich?", fragte Alyssa und riss sie aus ihren Gedanken. Sunetra nickte. "Ja, es ist ein Portal."
            Dort, wo sich ein scheinbar harmlos wirkender Teich befand, war im Astralraum ein pulsierendes, hell strahlendes Loch im Gewebe der Realität zu sehen. Die Luft flirrte wie über einer Wüste zur Mittagssonne und die Ränder des Teichs waren ausgefranst, als hätte jemand mit einem groben Werkzeug in ein Blatt Papier gestanzt. 'Dies ist der Ort, an dem sich mein Schicksal entscheiden wird.', stellte die Elfe bedrückt fest.      
            "Ein Portal?", wollte Hendrik wissen. "Wo führt es hin?"
"Dreimal kannst du raten.", gab Alyssa schnippisch zurück, woraufhin der Ork in brütende Stille verfiel. Er sah grimmig zum Teich hinüber. "Ist Es dort drin?"           
            "Ich glaube nicht. Aber ich will nicht mehr Lightning heißen, wenn wir nicht die Quelle seiner Geisterarmee gefunden haben."
            "Dann müssen wir es schließen."      
Sunetra zuckte mit den Schultern. "Ich hab keine Ahnung wie. Außerdem wissen wir nicht, ob Ocyon es erschaffen oder lediglich die Öffnung erweitert hat. Es sieht aus, als hätte sich jemand brutal daran zu schaffen gemacht." 
            Der Ex-Agent legte die Stirn in Falten. "Du meinst, es gab hier schon immer ein Tor zur Geisterwelt?"     
            "Möglich. Dies ist ein heiliger Ort. Schon seit Jahrhunderten wird hier gebetet. Mit dem Erwachen der Welt könnte hier eine Verbindung entstanden sein. Ungewöhnlich wäre es jedenfalls nicht." Wieder verfiel die Gruppe in Schweigen. Dann sah der Ork Sanada ernst an.        
            "Wenn ich es richtig verstanden habe, bist du so etwas wie personifizierte Antimagie. Kannst du es schließen? Vielleicht indem du hinein springst?"
            Die Vorstellung gefiel dem Japaner kein Stück. "Ich? Da rein? Ich würde wahrscheinlich in der Zwischenwelt verloren gehen. Nein, das ist ein Opfer, das ich nur im alleräußersten Notfall in Betracht ziehen werde."  
            Dann sah er misstrauisch zu Hank, der ihm bereits früher am Abend Gewalt angedroht hatte. Seine humoristischen Intentionen hat er ihm scheinbar nicht abgekauft. "Wir sind hier, um Ocyon zu bannen und das Heiligtum zu reinigen, nicht um es weiter zu entweihen." Hank starrte mit leeren Augen zurück.  
            Hendrik rieb sich die Nasenwurzel zwischen Daumen und Zeigefinger, als wollte er Kopfschmerzen verscheuchen. "Aber kommt er denn dann nicht einfach wieder aus dem Portal hier rüber?"        
            "Nein," sagte Alyssa, " So einfach funktioniert das nicht. Es kostet Geistern sehr viel Kraft in unsere Welt zu wechseln. Sie brauchen einen Magier, der als Bindeglied zwischen dieser und ihrer Welt fungiert. Oder als Katalysator, wenn du so willst. Er setzt die benötigte Energiemenge herab.       
            Viel einfacher ist es den Körper eines Menschen in Besitz zu nehmen. Aber auch dafür braucht man in aller Regel ein Ritual. Und dann müssen sich noch die richtige Person und der richtige Geist auf beiden Seiten befinden."           
            Der Ork seufzte und sah zum Tempel herüber.         
Hinter dem Garten zog sich eine Terrasse über die gesamte Breite des Gebäudes. Sie war aus Holz gefertigt und ruhte auf kurzen Stelzen, sodass bei starkem Regen wie in dieser Nacht Wasser unter ihr hindurchfließen konnte. Ein nach vorne abgeschrägtes Dach schützte zusätzlich vor Nässe. Vier Wachen standen zu den Seiten, um nach Eindringlingen Ausschau zu halten.   
            Sie beschlossen die Männer im Schutze der Nacht heimlich auszuschalten.
***
            Der sprichwörtliche Abgrund starrte zurück. 
Kalte, hasserfüllte, in tief liegenden Höhlen lauernde Augen richteten sich auf mich. Ein phosphoreszierendes Leuchten glomm tief am Boden des unendlichen Schlunds in ihrem Inneren. Dort hauste eine leise Stimme. Sie hieß Verzweiflung.  
            Mir wurde mit Schrecken bewusst, dass sie für mich nur einen Namen kannte: Beute.      
            Für einen bangen Moment verschwamm meine Sicht, ich taumelte und sah mich bereits ins Nichts stürzen.           
            Wir hatten von Anfang an gewusst, dass unsere Chancen lebend aus dieser Geschichte herauszukommen, nicht allzu gut standen. Ja, es hatte Lichtblicke gegeben, aber je näher wir uns dem Ende der Reise näherten, umso klarer wurde mir, dass wir aller Wahrscheinlichkeit nach unser Blatt überreizt hatten.        
            Wen hatten uns nicht schon alles zum Feind gemacht?!
Gangster, Konzerntruppen, Faschos, Punks, Magier, Schamanen, Straßenkrieger und Höllenhunde, sie alle hatten wir in die Schranken gewiesen. Aber ein übernatürliches Wesen, das sich anschickte die Erde zu erobern, indem es Menschen assimilierte oder zu willenlosen Vehikeln anderer Geister degradierte? Das war neu. Unbekanntes Terrain.           
            Doch hatten wir eine Wahl?   
Noch stand Ocyon am Beginn seines Feldzuges. Wenn wir ihn also stoppen wollen, müssen wir es jetzt versuchen!
            Mir fiel es schwer, Hoffnung aus dem Gedanken zu schöpfen. Bevor wir dem Feind gegenübertreten konnten, mussten wir erst an den Wachen in seinem Vorgarten vorbei. Es klang so harmlos, dass ich angesichts des Euphemismus beinahe lachen musste. Dieser Garten ist unser Schlachtfeld, die letzte aller Prüfungen.       
            Einen langen Kampf konnten wir uns nicht leisten, denn Verstärkung war bereits auf dem Weg zum Tempel. Still und leise, ganz heimlich hatten wir sie ausschalten wollen.       
            Sanada, Sunetra, Hank und ich waren mit aller gebotenen Vorsicht durch das Gestrüpp, an zerstörten Bäumchen vorbei, immer in der bestmöglichen Deckung an die Gegner herangeschlichen, die reglos auf den Terrassen standen und auf Eindringlinge warteten. Sie standen mit dem Rücken zu uns, nichtsahnend. Jeder war in Position, um mit den Kurzschwertern zuzuschlagen, so wie ich es zusammen mit Hank auf dem Pfad zum Tempel gemacht hatte. Ein Streich und sie sind erledigt.       
            Die Gelegenheit war perfekt gewesen, und doch waren wir bereits hier gescheitert.         
            Ich weiß nicht, woran es gelegen hatte. War ich zu laut gewesen? Hatte mich eine zu schnelle Bewegung verraten oder spiegelndes Licht in der polierten Klinge? Verfügte der Gegner über ein viel besseres Gehör, sodass er mich über den Lärm des Regenwetters hinweg wahrnehmen konnte oder war es eventuell die magische Energie meinen Qi-Tattoos auf dem Rücken, das meine Fähigkeiten verstärkte?     
            Am Ende war die Suche nach einer Antwort müßig.  
Ich stand auf der Terrasse, holte aus, bereit zum tödlichen Schlag, als sich der Mann zu mir umdrehte.   
            Diese Augen!   
Mein Herz rutschte in die Hose. Alle Hoffnung war vergebens. Warum hatte ich die Sinnlosigkeit des Unterfangens bislang nicht erkennen wollen?         
            Doch die Stimme erklärte es mir und ich sah endlich klar.
Die ganze Sache war ein einziger Fehler gewesen. Hals über Kopf ins Verderben zu laufen war so unglaublich dumm von uns gewesen, ich konnte es kaum in Worte fassen.      
            Wir würden hier alle sterben. 
Besser ich ergebe mich direkt in mein Schicksal. Wenn ich mich nicht wehre, ist es vielleicht schnell vorbei, kann mir so Leid ersparen.        
            Ein Teil von mir rückte ein Stück vor, haderte mit dem Abgrund. Der Rest versuchte irgendwie Halt zu bekommen, doch wo? Mein letztes bisschen Verstand bot alle Kraft auf, nicht der Stimme zu lauschen, und glich in diesem Moment einer Katze, die in eine Schlucht gezerrt wird und sich verzweifelt in den Boden krallt.
            Doch wenn ich nur den Widerstand aufgab, endgültig losließ und das Unvermeidliche akzeptierte, dann endlich bekäme ich den süßen Frieden, nach dem ich mich schon so lange sehnte. Nie wieder kämpfen, kein Leid, kein weiteres Töten und Sterben mehr.
            Stille. Ewige Ruhe.      
Dumpfe Euphorie breitete sich in meiner Magengegend aus. Ja, ich war bereit mich fallen zu lassen. Nein, ich war nicht nur bereit, ich freute mich sogar darauf. Es würde herrlich werden. Ein letzter Schritt und es war getan.  
            Umarme das Vergessen!

***

            „Da stimmt was ganz und gar nicht.“
Alyssa war nicht besonders talentiert im Schleichen, also hatte sie zusammen mit Largo in Deckung darauf gewartet, dass die anderen ihre Aufgabe erledigten. Iron hatte als erster sein Ziel erreicht. Doch seitdem stand er da, Maulaffen feilhaltend und zur Salzsäule erstarrt, anstatt dem Bastard den Kopf abzuschlagen. Dabei warteten Sunetra, Hank und Sanada nur auf sein Zeichen. 
            Als sich Irons Gegner schließlich langsam zu ihm umdrehte und ihn ansah, als sei der Meta lediglich ein langweiliges Stillleben, verknotete sich etwas in Alyssas Bauch. Das, was sie sah, gefiel ihr ganz und gar nicht.   
            „Was geht da vor sich, Spruchschleuder?“, wollte der Zwerg an ihrer Seite ungeduldig wissen.    
            Mit jeder Sekunde, die verstrich, wurde sie nervöser. Die Magierin warf einen Blick in den Astralraum. Ihre Nackenhaare richteten sich augenblicklich steil auf. 
            Hendriks Gegner leuchtete in einem hellen blau, während der Ork schwächer zu werden schien. Zwischen den beiden Auren bestand eine schlauchartige Verbindung. Es sah fast so aus als versuchte er die Kontrolle über ihn zu erlangen. Oder saugte er etwa die Lebensenergie ihres Freundes ab?        
            „Oh, nein!“, keuchte Lightning heiser. Sie durfte keine Zeit verlieren. Auf weitere Geheimhaltung pfeifend, sprang sie aus der Deckung sprintete durch die zerstörten Überreste des Gartens.           „Zugriff!“, teilte sie den anderen übers Komlink knapp mit.
Noch im Laufen wirkte die Magierin einen Energieblitz, den sie grob in Hendriks Richtung schleuderte. Knapp verfehlte sie sowohl ihn als auch seinen Gegner. Ein Blick auf die Auren gab der Menschenfrau jedoch Mut.            
            Es hatte ausgereicht ihn zu unterbrechen.

***

            Etwas knisterte für einen Sekundenbruchteil in der Nähe meines linken Ohres, dann begann sich das Paradies zu einem feinen Nebel aufzulösen und für einen Moment lang fühlte ich so etwas wie bittere Enttäuschung. Ich glaubte etwas schönes verloren zu haben. Man hatte mir nie endendes Glück versprochen!         
            Verwirrt und verärgert zugleich blinzelte ich einige Male.
Wo bin ich? Was ist hier los?   
            Warum hab ich ein Wakizashi in der Hand?     
Schließlich schoss durch die Reste des Nebels vor meinen Augen eine unförmige Gestalt aus Wasser und fauchte mich an.
            Erschrocken fuhr ich zurück, wischte mir mit der freien Hand übers Gesicht und sah endlich wieder klar. Der Kontakt zwischen dem Geist und mir war so abrupt abgebrochen, dass mir noch ein wenig flau in der Magengrube war. Mit einem Ausfallschritt brachte ich mich wieder in einen stabilen Stand und hielt das Schwert fester.
            Der Mann, den ich noch vor wenigen Sekunden hatte hinterrücks erschlagen wollen, knallte krachend auf die Holzplanken der Terrasse. Aus dem weit aufgesperrten dem Mund seines leblosen Körpers ragte ein Wesen aus purem schwarz-grünem Wasser. Es wand sich wie eine Schlange vor ihrem Pungi spielenden Beschwörer und musterte mich.          
            Es lief mir eiskalt den Buckel hinunter, wenn ich daran dachte, wie mich dieses… Ding beinahe überwältigt hatte. Niemand spielt mit meinen Gedanken herum und überlebt das! Meine Furcht schlug in Zorn um.     
            „Vorsicht! Die hier sind deutlich stärker!“, rief Sunetra hinter mir.
            Erzähl mir was Neues, Blitzmerker!     
Eine zweite Chance würde ich dem Geist nicht gewähren. Ich verlagerte mein Gewicht auf den linken Fuß, täuschte an und griff dann so schnell ich konnte von der anderen Seite aus an.

***

            Sunetras Katana glitt durch den Hals ihres Gegners 
Mit dumpfen Poltern kollerte der Kopf über den Boden und fiel ins Kiesbett vor der Terrasse. Der Körper hingegen widerstand den Gesetzen der Logik und drehte sich zu ihr um. Anstelle von Blut schoss dunkles Wasser aus dem Stumpf und formte eine wütende Fratze, die einen gurgelnden Laut des Hasses ausstieß. Die Elfe kannte die Sprache nicht, aber die Bedeutung der Worte war ihr ohnehin egal.  
            Behände stieß sie erneut mit dem Katana zu und riss eine weitere Wunde in den sterbenden Körper. Nun trennte sich der Elementargeist gänzlich von seiner fleischlichen Hülle und reckte sich zu voller Größe auf, als wäre der Mann ein zu eng sitzender, ungemütlicher Anzug gewesen.
            Die Magierin erkannte, dass Ocyon für die verschiedenen Aufgaben in seiner Armee unterschiedliche Geister durch das Portal geholt hatte. Da sie mit den Männern auf der Treppe so einfach fertig geworden waren, vermutete sie, dass es sich nur um niedere Geschöpfe gehandelt haben musste. Diese nun waren deutlich stärker und mussten dem inneren Kreis angehören. Leibwachen womöglich?!
            „Vorsicht! Die hier sind deutlich stärker!“, rief sie zur Warnung der anderen, ohne die Augen von dem Wesen abzuwenden.
            Unvermittelt griff es frontal an.          
Mühelos duckte sich die Elfe ab, wich einen Schritt zur Seite aus, fuhr mit der Klinge durch die Wassersäulen, die die Arme des Elementars darstellen sollten, und durchtrennte sie. Er schrie auf, doch augenblicklich verband er sich wieder mit den Gliedmaßen zu einer Einheit. Noch während er sich vom Schlag erholte, setzte er den Angriff fort. Das geschah so schnell, dass Sunetra sich nur aufgrund ihrer magisch verstärkten Reflexe mit einer Rolle aus der Gefahrenzone bringen konnte.          
            Holz splitterte, wo sie eben noch gestanden hatte.  
Sobald ihre Fußsohlen wieder die Planken spürten, katapultierte sie sich mit einer schraubenden Bewegung in die Höhe, um dem Gegner nicht den Rücken zuzuwenden.       
            Beinahe verwirrt schaute der Geist auf die Reste der Brüstung, die er in Fetzen gerissen hatte. Er konnte nicht verstehen, warum sich seine Beute in Luft aufgelöst hatte. 
            Hinterhältig, in Freude über die günstige Gelegenheit, die sich nun bot, kicherte tief im Inneren ihres Verstandes ihr Mentor.
***

            Beharrlich beharkte Alyssa Hanks Gegner mit arkanen Geschossen und mindestens ebenso beharrlich schien dieser nicht einsehen zu wollen, sich treffen zu lassen.       
            Nachdem sie beobachtet hatte, wie Hendrik endlich aus seiner Trance erwacht war und dem Geist unter wütendem Schreien mit flinken Streichen zusetze, wusste sie, dass er ihre Hilfe nicht länger benötigte. Was auch immer der Ork in den letzten Sekunden erlebt hatte, es versetzte ihn in eine Rage, die sie bisher noch nicht bei ihm erlebt hatte.   
            Hank hingegen wirkte beinahe verzweifelt.   
Keiner seiner Angriffe konnte das Ziel auch nur ansatzweise verletzen. Selbst mit Lightnings Hilfe brachten sie den Mistkerl kaum ins Schwitzen. Largo lief zur nächsten Deckung und feuerte zwei Salven durch den Regen und die verbliebenen Nebelschwaden ab, doch auch diese verfehlten ihr Ziel. Biegsam wie Schilfrohr wich er allem aus, was die drei Runner auszuteilen hatten.         
            "Die Mistkerle haben ein Extraleben.", knurrte Largo als er erneut anlegte. Der Zauberin war klar, dass sie diesen Druck nicht unendlich lange aufrecht halten konnten. Immerhin gelang es dem Geist, der immer noch in dem Mann steckte, im Gegenzug ebenfalls nicht in eine Position zu kommen, in der er einen Treffer landen konnte.   
            Doch für wie lange noch?       
Wenn es in dem Tempo weiter ging, würde früher oder später jemand von ihnen entweder erschöpft oder ohne Munition sein. Obendrein musste der Zwerg auch noch darauf achten nicht versehentlich den ehemaligen Soldaten zu treffen.           
            Eine Lösung musste her; und zwar schnell!  
Dann sah Alyssa etwas aus dem Augenwinkel.         
            Sanada hatte genug vom Tänzchen mit seinem Gegner und steckte das Wakizashi wieder ins Saya an seinem Gürtel.
            ‚Was zum Geier hat der Kerl vor?!‘, dachte sie. Das, was der Japaner da tat, sah nach Selbstmord aus.      
            Den selben Gedanken musste der Geist ebenfalls gehabt haben, denn der Besessene grinste wölfisch und stürzte sich dann auf ihn. Vor ihrem geistigen Auge sah Alyssa wie Sanada von der unmenschlichen Kraft des Wesens in Stücke gerissen wurde.     
            Doch so weit ließ der es nicht kommen.       
Mit einer schnellen Bewegung wich er zur Seite aus, wie ein Matador in einem Stierkampf. Sobald der Besessene an ihm vorbei zu stolpern drohte, packte er ihn an der Kehle.  
            Im ersten Augenblick geschah nichts, doch dann entfuhr dem Mann ein grässlicher Schrei, der nach einer Katze klang, der man bei lebendigem Leib einen Spieß durch den Körper trieb. Rauch stieg vom Hals auf, Fleisch verfärbte sich schwarz. Es sah aus, als ob der Mann in Sanadas Händen verfaulte. Panisch ruderte er mit den Armen, versuchte seinen Häscher wegzudrücken, sich aus dem unbarmherzigen Griff zu befreien.           
            Ohne Erfolg.   
Plötzlich krümmte sich sein gesamter Leib unter Spasmen, die seine Schmerzen verursachten, und ein kochender Strahl dunklen Wassers wurde ausgekotzt. Verängstigt, suchte sich das Rinnsal einen Weg zum Teich, um von dort aus dieser Welt zu entschwinden.
            Lightning sah dem Japaner an, dass er am liebsten hinterher wollte, um es endgültig zu töten, aber dafür blieb keine Zeit.      
            Verblüfft bewunderte sie den Null-Magier für seine Kaltschnäuzigkeit und dann fiel es ihr wie Schuppen von den Augen.
            „Oh ich Depp!“, rief sie lachend, was Largo aus dem Konzept brachte.       
            „Konzentrier dich gefälligst auf den Kampf! Wie verlieren hier.“
            „Wer verliert hier, Nerd?!“     
Warum war sie da nicht direkt darauf gekommen? Schnell durchstöberte sie ihre Erinnerungen nach dem korrekten Zauberspruch, richtete sich zu voller Größe auf und murmelte die Worte.
            Inzwischen rang der Troll mit seinem Gegner auf engstem Raum. Der Mann versuchte ihm die Augen auszukratzen und hatte dafür den Helm von seinem Kopf gerissen. Hank taumelte nach hinten und versuchte verzweifelt das miese Frettchen loszuwerden, das sich an ihm festgebissen hatte. Er landete mehrere direkte Treffer mit der Faust, Blut spritze, Zähne brachen aus dem Kiefer, aber der Besessene ließ nicht von ihm ab.     
            Schließlich beendete Lightning das Wirken ihres Bannspruchs.

***

            Zweimal strich das Schwert durch den Leib aus Ektoplasma und brachte den Geist zur Auflösung. Fern, wie in einer verblassenden Erinnerung hallte sein Schrei in Sunetras Ohren nach, dann war er vollends aus dieser Welt entschwunden.          
            Die Elfe lächelte grimmig und sah gerade noch, wie Sanada den Geist aus seinem Gegner presste, als wolle er sich mit einer Orange einen Frühstückssaft machen. Der Anblick eines Elementars, der mit eingekniffenem Schwanz das Weite suchte, beeindruckte die Japanerin. So etwas hatte selbst sie noch nicht gesehen. Vorsicht war angeraten. Sie machte sich gedanklich eine Notiz, jeden Hautkontakt zu dem Mann unter allen Umständen zu verhindern.
            Mit zwei großen Schritten lehnte er an dem Eingang zum Tempel und wagte einen schnellen Blick hinein.           
            An der rückwärtigen Seite, in Sicherheit vor ungastlichen Witterungen, trennten traditionell aussehende Schiebetüren mit Papierwänden, den heiligen Ort von der restlichen Welt. Dahinter brannte schwaches Licht und die Elfe konnte einen Schatten sehen, der sich zum Ausgang bewegte.           
            Sanada griff nach ihm und hatte binnen eines Wimpernschlags das Genick gebrochen. Getragen vom eigenen Schwung, rutschte der Leib über die Terrassenkante und landete kopfüber im nassen Moos, das um ein aus dem Boden gerissenes Nadelbäumchen wuchs. Sein Kopf war grotesk nach hinten verdreht.   
            Im selben Augenblick stieß ein keuchender Hank seinen Gegner von sich und rang nach Atem, doch der Besessene dachte nicht daran von dem Troll zu lassen. Noch im erneuten Angriff stoppte er in der Bewegung und begann zu Zittern. Der Kopf wurde von einer unsichtbaren Pranke in den Nacken gerissen. Die Augen des Besessenen sahen aus, als würden sie wie alte Glühbirnen durchbrennen, dann sackte sein Körper zusammen und er rührte sich nicht mehr, vom schwerfälligen Heben und Senken seines Brustkorbs abgesehen. Der Mann würde leben. Sunetra bezweifelte allerdings, dass sich die Seele des Mannes je von dieser Tortur erholen würde.          
            Hendrik hackte auf der gegenüber liegenden Seite der Terrasse wie ein Wilder auf den Geist ein, gegen den er kämpfte.
            Selbst als sich die Erscheinung aufzulösen begann, stoppte er seinen Angriff nicht, sondern schlug immer wieder zu. Holzsplitter lösten sich vom Geländer, wo seinen Klinge das Material dahinter bearbeite.         
            Schließlich kam er zur Besinnung und sah ein, dass ihm die Veranda nichts getan hatte. Nachdem er sich etwas beruhigte hatte, stakste er, leicht zitternd vom Adrenalin in seinen Adern, zu ihnen herüber. Der Ork sprach nicht, sondern biss die Zähne zusammen und nickte ihr lediglich zu. Bevor sie sich nach seinem Befinden erkundigen konnte, trat Largo neben ihn, knuffte ihn aufmunternd in die Seite und reichte Sanada eine SMG. Erstaunt sah sie dem Mann zu, wie er beinahe entspannt den Splint einer Rauchgranate zog und sie anschließend in den Tempel warf.
            Was hatte er bloß vor?           
Dann hörte sie es auch. Schritte. Viele Schritte.       
            „Alle in Position! Noch ist es nicht vorbei. Da kommen noch mehr von ihnen.“       
            Sanada entsicherte die Waffe und pumpte ungezieltes Feuer in den Raum, um die neuen Feinde in Deckung zu zwingen.         
            Durch die dünnen Wände und den Rauch konnte Sunetra nicht erkennen, was darin vor sich ging, also wagte sie einen Blick in den Astralraum und wich erschrocken zurück. Auch Susanoo wurde wieder unruhig.     
            Sanada erschien als schwarzes Loch auf der Astralebene. Seine Präsenz krümmte die Energien um ihn herum. Doch das war nicht das, was der Elfe so zusetzte. Hinter ihm konzentrierte sich etwas Bösartiges. Eine vielarmige Macht, die nicht wie der Japaner die Magie verdrängte oder auf Umwegen um ihn herum zwang, sondern die arkanen Energien seiner Umgebung an sich band, konzentrierte, sie geradezu konsumierte.         
            Ein geisterhafter Tumor, gespeist von Terror, Angst und Verzweiflung, gepaart mit einem unbeugsamen Willen.           
            Ocyon.


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