Sonntag, 23. August 2015

Schatten über Jigoku

Kapitel 8 - Odyssee

            Es verzehrte sich nach Macht und darum war es.     
Gezeugt von einer gewaltigen Explosion, geboren in den kalten Sphären des unendlichen Alls, von Sonnenwinden durch den Äther getrieben, zermalmt vom unermesslichen Druck eines Schwarzen Lochs, durch hunderte Dimensionen gepresst und von der Energie einer Singularität zu neuem Leben erweckt worden: Es war schon alt, als die Zeit ihren Anfang nahm, bevor sich der kosmische Staub zu gewaltigen Ansammlungen verdichtete, in denen wie von Zauberhand Fusionen starteten und sie zu Sonnen werden ließen, die gediehen, ihren rauschenden Höhepunkt feierten, schließlich ausbrannten und vergingen. Rote Riesen, Braune Zwerge und Pulsare waren die Kadaver, die von ihrem einstigen Ruhm zeugten.
            Diejenigen, die es nicht schafften sich in Sonnen zu verwandeln, komprimierten sich zu geringeren Objekten, den Planeten. Doch bestimmten sie nicht ihr eigenes Schicksal. Sie ihrerseits folgten den Sternen, die sie eingefangen hatten. Ihr Aufstieg und Fall war an das ihres Herrn und Meisters geknüpft. So mussten auch sie vergehen, wenn ihre Sonne starb. Verwandelte sie sich in eine Nova, riss sie sie in einem letzen Aufbäumen mit sich ins Nichts. Zurück blieben nur stumme Gerippe, dem Vergessen anheimgefallen, von niemandem betrauert.          

            Lange, sehr lange trieb es durch die Weiten der Galaxis. Bevor es Bewusstsein erlangte, die Fähigkeit gewann Worte zu formen, Gedanken zu werden, war es Chaos, nicht mehr als eine mit sich ringenden Ansammlung von Energie, Ideenfragmenten, Artefakte einer Seele. Es erinnerte sich kaum an diese dunkle Zeit.
            Dann wurde es von Gott berührt.      
Ein Funke ordnete das Chaos und es wurde sich seiner selbst gewahr. Seitdem wünschte es sich nichts mehr, als diesem Wesen erneut zu begegnen. So sehr es sich auch bemühte, es versagte bei dem Versuch sich an etwas konkretes zu erinnern. Etwas, das bei seiner Suche geholfen hätte. Lediglich ein vages Gefühl an die Gesamtheit der Situation konnte es greifbar machen. Egal was ihm einfiel, Vokabeln schienen auf ewiglich zu trivial, um beschreiben zu können, was geschehen war.
            Klein, einsam und verlassen wurde es weiter durch das All getrieben, unfähig sein eigenes Schicksal zu bestimmen, und sehnte sich zu diesem ersten Moment der Erkenntnis zurück. Zum Nichtstun verdammt, beobachtete es, dachte nach, lernte, gab den Dingen um es herum Namen.         
            Zunächst nahm es an, dass die Sonnen Götter sein mussten, aber enttäuscht hatte es feststellen müssen, dass auch sie nur den Gesetzen folgten, die andere geschrieben hatten. Für die Planeten, die Sklaven der Sonnen, hatte es nur Verachtung übrig. Unbelebte wüste Klumpen Dreck, die an der Leine lagen. Kometen waren kaum besser, doch erweckten sie immerhin den Anschein ihren eigenen Kurs wählen zu wollen.           
            Das Wesen lernte Zeit wahrzunehmen und bereute es.       
Äonen vergingen, in denen nichts passierte, rein gar nichts zu sehen war, es nur für sich selbst existierte: als körperloser Wille, frei von jeglicher Macht, ohne Möglichkeiten. Es litt schreckliche Qualen und verfluchte seinen Schöpfer und bejammerte sein Dasein. Wie hatte er es in diese Welt holen und dann so schmählich im Stich lassen können? Es verzehrte sich in Hass und Verachtung auf alles, was war, hasste sich sogar eine Weile selbst. Im Gegensatz zu Sonnen und Planeten konnte es nicht einmal sterben, zumindest war es davon überzeugt. Selbst diese eine kleine Hoffnung war ihm nicht zuteil geworden.
            Dafür würde jemand büßen müssen.
Irgendwann schwor es sich Gott zu töten, falls er sich ihm je wieder offenbaren würde, was es jedoch nach einigen Millionen Jahren wieder bedauerte, denn es vermutete, dass er sich deshalb nicht mehr zeigte und es nun auf ewig zur Einsamkeit verdammt war.
            Ewigkeit.         
Diese Wort flößte dem Wesen fürchterliche Angst ein. Was hatte es denn schon der Welt entgegenzusetzen? Es war schwach! Ein Nichts! Weniger noch als Planeten! Ein Zuschauer, Zeuge der Ödnis des Seins. Gefangen in einem immerfort währenden Kreislauf aus erbärmlichem Selbstmitleid, glimmender Wut und rasendem Zorn, ohne Perspektiven, die ihm einen Ausbruch ermöglichten.           
            Dann, eines Tages, als es schon alle Hoffnungen aufgegeben hatte, kam es in die Nähe eines Planeten. Er war anders als die anderen, die es gesehen hatte. Blaugrün, teilweise von einer schimmernden weißen Hülle umgeben. Hier existierte Leben! Es spürte die Präsenzen, die sich dort aufhielten und wusste tief in seinem Inneren, dass dies das Ziel seiner langen Reise war. Es musste unbedingt dort hin! Aber wie?! Seit es denken konnte, bestimmten die Umstände seinen Weg, war es zur Passivität verdammt gewesen.  
            Noch während es zu befürchten begann, dass diese einmalige Gelegenheit ungenutzt verstreichen würde, quasi als neueste Bestrafung, ausgesandt von einem rachsüchtigen Gott, der seine lästerlichen Flüche nicht vergessen hatte, geschah ein Wunder. Aus der Finsternis des Alls näherte sich ein Gigant, erschaffen aus gefrorenem Wasser, Staub, Gestein und Metall. Seine schroffe, pockennarbige mit scharfen Kanten und Klüften übersäte Oberfläche sah aus wie ein finstere Fratze und seine Anwesenheit verhieß süße Zerstörung. Das Wesen zweifelte keine Sekunde daran, dass sich ihm eine einmalige Chance darbot. Es begehrte in diesem Moment nichts mehr als Teil des Felsbrockens zu werden.       
            Der Komet traf auf es, doch nichts geschah.
Zumindest für den ersten Moment schien es, als glitte die massige Gestalt durch das körperlose Gedankenbündel. Es war enttäuscht und tobte. Der alte Hass kam wieder an die Oberfläche. Doch dann war der Komet durch es hindurch geflogen. Erstaunt stellte das Wesen fest, dass es von dem Ding mit sich gezogen wurde. Noch während es sich fragte, ob es vom Kometen festgehalten wurde oder das Kraft seines eigenen Willens geschafft hatte, stürzten sie in die Thermosphäre des Planeten.       
            Der Aufprall war schrecklich und es genoss jeden Augenblick. Explosionen, Tod, Druckwellen, Tod, Magma, Tod pyroklastische Wolken, Tod, Erdbeben, Tod, tosende Sturmfronten, Tod, Tsunamis, Tod und eisige Kälte, alles geschah gleichzeitig und das Wesen war Teil davon. Unzählige Jahre der Frustration, der Verzweiflung, Resignation und glühenden Hasses entluden sich in einem apokalyptischen Schauspiel, welches das Universum nicht vergessen sollte. Das Wesen wollte, dass Gottes gesamte Schöpfung brennt und jede Sekunde seines Leids tausendfach zu spüren bekäme. Zum ersten Mal seitdem es Bewusstsein erlangt hatte, war es wirklich glücklich. Zumindest für eine kurze Weile, denn plötzlich wurde es erneut finster.          
            Während das Wesen ruhte mussten mehrere Zeitalter vergangen sein, denn als es wieder erwachte, fand es sich in einer gänzlich anderen Welt wieder. Wie eine Art Schleier lag über allem. Es schien der selbe Planet zu sein, aber er war im Gegensatz zu dem, an das es sich erinnerte, reich an blühendem Leben. Von der Zerstörung, die es mit dem Kometen gebracht hatte, war nichts mehr zu sehen, und doch hatten sie alles verändert. Auch das Wesen hatte sich verändert. Nun nahm es die Welt auf völlig neue Art und Weise wahr. Sinne, die es noch nicht gekannt hatte, vermeldeten Eindrücke, die es erst zu interpretieren lernen musste. Was auch immer mit ihm geschehen war, es konnte nun die wahre Existenz in den Dingen erkennen.
            Die Lebewesen um es herum sahen wie weit entfernte Schatten aus. Es konnte sie eher fühlen als sehen. Mit ihnen zu interagieren oder sie anzufassen war ihm nicht möglich.   
            Erstaunt stellte es fest, dass es nun über eine Art Körper verfügte und sich hierhin und dorthin bewegen konnte, sobald es den Willen dazu verspürte. Ihm war Macht zuteil geworden und das Gefühl, das diese Veränderung mit sich gebracht hatte, ließ es nach mehr verlangen.         
            Zunächst war es allerding noch auf die Zuschauerränge verwiesen. Die Welt zu erkunden, das Leben in seiner Entwicklung zu beobachten, wie es sich gegenseitig jagte, fraß und starb, stellte es für lange Zeit zufrieden. Sein Zorn war zumindest für den Moment verraucht.   
            Am liebsten hielt es sich in den großen Wasseransammlungen, den Meeren auf, denn die Helligkeit, die die Sonne abstrahlte, schmerzte in seinen Augen. Je tiefer es abtauchte, umso dunkler wurde es. Finster wie das All, in dem es geboren worden war. Ihm gefiel diese Vorstellung.
            Es hatte erwartet, dass die Welt kleiner wirken würde, sobald es einen Körper besaß und überall dorthin schwamm, wo es hin wollte. Doch seit es sich selbständig fortbewegen konnte, hatte es eine neue Eigenschaft entwickelt: Ungeduld. Überall gab es etwas Neues zu entdecken. Nie war es schnell genug an einen Ort gelangt oder von dort wieder entschwunden.        
            Die Meere waren so unvorstellbar weitläufig und es selbst im Gegensatz so unglaublich klein und unbedeutend gewesen, dass es für lange Zeit geglaubt hatte, allein zu sein. Ja, es gab Leben auf dem Planeten, aber nichts davon ahnte von der Existenz des Wesens, weil es an eine komplett andere Daseinsebene der Realität gebunden war. Abgesehen davon wäre all das Getier, das sich hier breit gemacht hatte, wohl geistig nicht in der Lage gewesen mit ihm zu kommunizieren. Es begann die Geschöpfe dafür zu verachten, und dafür, dass sie so viel Freiheiten genossen, obwohl sie sie seiner Meinung nach nicht verdient hatten. Sie wurden geboren, wuchsen, wurden alt und vergingen wie die Sonnen, die es so lange Zeit beobachtet hatte, nur ungleich schneller. Im Gegensatz zu ihm starben auch sie, doch hatten sie wenigstens einander; und sei es nur als Jäger und Beute. 
            Dann kamen die anderen.      
Nie wäre es auf die Idee gekommen, dass es noch mehr Wesen wie es geben könnte, so sehr war es von seiner Einzigartigkeit überzeugt gewesen. Bislang hatte es auch allen Grund dafür gehabt. Wider Erwarten war es jedoch nicht allein.  
            Die anderen existierten in purem, energiegeladenem Chaos. Wie die Schattentiere von der anderen Seite, die sie mit ihren leuchtenden Körpern imitierten, rangen sie ohne Unterlass miteinander. Diese Kämpfe fanden jedoch nie ein Ende, weil niemand dem anderen überlegen war. Sie schienen verwirrt zu sein, begriffen nicht, was mit ihnen geschah, wo sie sich befanden, was sie waren.        
            Wo waren sie hergekommen?           
Hatte der Komet womöglich mehr Entitäten mit sich geführt? Waren sie hier entstanden, oder! ... das Wesen hielt einen Moment lang inne. Es hatte sich nach dem Aufschlag massiv verändert. Konnte es sein, dass es zerschlagen worden war, und sie alle Splitter, Bruchstücke eines großen Ganzen waren? Die anderen wiesen durchaus gewisse Ähnlichkeiten zu ihm auf. Sie liebten das Wasser und es erkannte in ihrer Physiognomie Merkmale, die es selbst besaß. Darum, und weil es aus eigener Erfahrung wusste, wie sich ihre Hilflosigkeit anfühlen musste, beschloss es sich den Wesen zu nähern.      
            Zunächst attackierten sie den Eindringling, doch weil es stärker war, bezwang es sie mit Leichtigkeit. Es dauerte nicht lange, bis sie begriffen, dass das Wesen nicht ihr Feind war. Es beruhigte sie, drang in ihre Gedanken ein und erklärte ihnen, was sie waren und warum sie auf dieser Welt existierten, dass sie nicht länger allein waren. Ordnung verdrängte das Chaos und die Kämpfe endeten.   
            Hatte Gott ihm nicht auch den selben initialen Dienst erwiesen?
            Bei seinen Kontakten spürte das Wesen, dass es mit seiner Vermutung richtig gelegen hatte. Sie waren von der gleichen Art. Schon nach einer kurzen Weile akzeptierten sie das Wesen als Anführer ihres Schwarms, verehrten es abgöttisch und verliehen ihm den Titel Ocyon, der Erste unter vielen.   
            Ocyon genoss die Macht, die mit seiner neuen Stellung einher kam. Er bestimmte den Weg, den der Schwarm einschlug, legte Rangordnungen und drakonische Bestrafungen für Fehlverhalten fest, spendete aber als Gegenleistung Weisheit und beschützte die Gemeinschaft vor Schaden. Denn es gab noch andere Wesen in ihrer Welt, allesamt fremdartig, die meisten zudem feindlich gesonnen und äußerst aggressiv.         
            Epochen vergingen. Während sich das Antlitz des Planeten beständig änderte, zog der Schwarm durch die Meere und alles war gut. Dann, eines schicksalhaften Tages begegneten sie dem Hai und das Leiden begann. Er war zu stark gewesen, als dass Ocyon und sein Gefolge ihn hätten besiegen können. Das war ihm direkt klar geworden, als sie ihn entdeckt hatten. Eine beeindruckende Aura umgab ihn. Daher beschloss er einen großen Bogen, um den Hai zu machen, jeden Kontakt zu vermeiden.         
            Doch er hatte sie ebenfalls entdeckt und nahm die Verfolgung auf. Als er sie stellte, war das Gemetzel, das er unter ihnen anrichtete fürchterlich und Ocyon musste lernen, dass sie entgegen aller Erwartungen sterblich waren. Es war anders, als in der stofflichen Welt, denn Krankheit und Alter existierten hier nicht. Der Hai riss seine Opfer auf und konsumierte ihre Energie, fügte sie der seinen hinzu. Er wurde mächtiger.
            Nur mit Müh und Not konnten Ocyon und ein Teil des Schwarms entkommen. Aus Angst vor einer weiteren Begegnung mit dem Hai, verkrochen sie sich in den tiefsten Tiefen des ewiglich stockfinsteren Abgrunds. Ocyon schämte sich für die Furcht, die er empfunden hatte. Der alte Kreislauf begann und bald darauf schlug Furcht in Wut und Wut in Hass um. Rachegedanken vernebelten seinen Verstand, doch war er zu schwach. Sie alle waren zu schwach gewesen!    
            Es dauerte nicht lange und einige aus dem Schwarm machen ihn für den erlittenen Verlust verantwortlich. Das Vertrauen in ihn schwand und die Gemeinschaft drohte auseinander zu brechen. Doch wenn das geschah, würde Chaos folgen. Sie würden alle in ihr Verderben stürzen.       
            Ocyon wusste, dass er in seiner aktuellen Form seine Herde nicht würde beschützen können. Doch die Begegnung mit dem Hai hatte ihm gezeigt, dass es für ihn eine Möglichkeit gab, über sich selbst hinaus zu wachsen.           
            Die Zweifler in seinem Schwarm waren die ersten, die Ocyon fraß. Sie waren Gift für die Gefolgschaft gewesen und hatten so wenigstens noch einen letzten Nutzen. Tatsächlich fühlte er sich stärker werden. Schnell lernte er, dass er umso mehr Macht erlangen konnte, wenn seine Opfer litten. Tötete er sie auf dem Höhepunkt ihrer Verzweiflung, strömte die Kraft am stärksten in seinen Leib. Er genoss jeden Augenblick davon.
            Das Verlangen nach immer mehr Energie brannte nun in ihm und mit jedem bisschen, das er zu sich nahm, wurde es intensiver. Nur mit Mühe konnte er sich davon abhalten den gesamten Schwarm zu assimilieren. Der Gedanke, dass sie ohnehin Teil von ihm waren, machte es umso schwerer für ihn. Er würde ihre Hilfe brauchen und wollte nicht wieder allein sein.           
            Schon bald folgten ihm die anderen nicht mehr aus Bewunderung, sondern weil sie ihren Herrn fürchteten. Um ihn zufrieden zu stellen schafften sie andere Wesen heran, die er konsumieren und seiner eigenen Existenz hinzufügen konnte.    
            Ocyon wusste, dass es nie genug sein würde.         
Der Hai war dort draußen und suchte nach ihm. Eines Tages würde er sich ihm stellen müssen oder wäre dazu verdammt dem Vergessen anheimzufallen. So verbrachte Ocyon viele Jahre, brütend in der Finsternis, gequält vom Verlangen nach Rache und einem stetig wachsenden Machthunger, während Selbstzweifel und Hass ihn zu verzehren drohten. Unterdessen brachten ihm seine Jünger fleißig neue Opfer dar, an denen er sich labte und darauf wartete endlich stark genug zu sein.  
            Dann eines Tages veränderte sich die Welt, in der sie lebten unverhofft und sehr plötzlich ein weiteres Mal. Die verschiedenen Ebenen des Universums begannen zu driften, nicht nur mehr parallel nebeneinander zu existieren, sondern sich zu überlappen. Die Membran zwischen ihnen wurde porös und durchlässig. Das geschah in zyklischen Abständen und wäre für sich betrachtet kein besonderes Ereignis gewesen. In diesen Zeiten war der Blick auf die andere Ebene besonders klar, doch hatte es Ocyons Wissen nach noch nie jemand geschafft auf die andere Seite zu wechseln.       
            Dieses Mal verlief der Zyklus anders. 
Die Lebewesen, die sie sonst nur hatten aus der Entfernung beobachten können, traten plötzlich mit ihnen in Kontakt, suchten geradezu nach ihnen. Dabei hatte Ocyon all die Jahre geglaubt, dass sie die andere Ebene nicht wahrnehmen konnten. Scheinbar hatte er sich erneut geirrt.        
            Erst sehr viel später erfuhr er, dass die Fremden diese Phase des Drifts 'das Erwachen' nannten und all den Dingen, die er schon so unglaublich lange kannte, fremdartig klingende Namen gegeben hatten, wie Geist, Elementar, Astralraum. Metawelt oder Mana. Sich selbst bezeichneten sie als Schamanen und Magier. Von Zeit zu Zeit riefen sie in ihre Ebene hinein, baten um Hilfe. Einige Geister waren für die Stimmen sehr empfänglich, wurden geradezu von ihnen hypnotisiert. Wie Motten dem Licht, folgten sie den Stimmen zu den Durchlässen in der Membran. Mit Hilfe der Magier konnten sie in die stoffliche Welt hinüberwechseln. Vielen gefiel die andere Seite nicht. Darum dienten sie folgsam den Stimmen, um rasch wieder zurückkehren zu können. Manch ein Geist wurde gar wahnsinnig und wandte sich gegen seinen Meister. Doch so oder so: sie waren in Welt der Magier in der Lage unglaubliche Dinge tun. Dort verfügten sie über eine Macht, die ihnen in ihrer Heimat abging.
            Ein Plan begann in Ocyon zu keimen.
Was, wenn er auf die andere Seite gelangen konnte? Dort wartete eine ganze Welt darauf von ihm erobert zu werden. Obendrein lauerte dort kein Hai, der ihm in die Parade fahren konnte. Er ließ seine Untertanen Geister fangen, die auf der anderen Seite gewesen waren. Dann wurden sie gefoltert, verhört und am Ende verspeiste er sie.   
            Auf ihn selbst und seine Untertanen hatten die Stimmen aus dem Jenseits keinen Effekt, hören konnten sie sie allerdings schon. Ocyon sandte Agenten aus, die die Beschwörungen anderer Geister stören sollten, um einen Weg zu finden ihren Platz einzunehmen, wenn der Transit eingeleitet wurde. Es dauerte eine Weile, bis es den ersten gelang. Der Prozess war schwierig, und man musste den Punkt abpassen, ab dem der Magier die Prozedur nicht mehr abbrechen konnte. Hatte man es dann geschafft, musste man damit rechnen, dass der Beschwörer sofort zum Angriff überging.        
            Darum wurden seine Agenten zu Anfang rasch wieder in diese Sphäre zurückgeworfen. Mit der Zeit fand er aber auch dafür eine Lösung: die direkte Übernahme des Körpers, bevor der Magier einschreiten konnte. Zudem hatte Ocyon zu seiner Freude herausgefunden, dass die Geister im Moment des Übergangs sehr verwundbar waren. Zahlreiche Wesen waren von seinen Agenten regelrecht zerfetzt worden. Ihre Energie ging dadurch zwar verloren, aber auch daraus wusste Ocyon einen Vorteil zu ziehen.
            Von diesem Zeitpunkt an, ließ er den Hai beschatten, in der Hoffnung, dass auch er irgendwann dem unwiderstehlichen Ruf erlag. Und wenn es soweit war, würde er ihn in Stücke reißen und seinen Sieg in einem neuen Körper feiern. Dort draußen wartete eine ganze Welt darauf von ihm und seinesgleichen erobert zu werden.      
            Es war an der Zeit selbst ein Gott zu werden.

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