Samstag, 12. September 2015

Schatten über Jigoku

Kapitel 10 - Schrecken ohne Ende

            Wo warst du, als die Welt unterging?  
Der frisch gefallene Neuschnee knarzte unter ihren Winterstiefeln. Erbarmungslos pfiff der Ostwind über den Immanuel-Kant-Friedhof im Hamburger Stadtviertel Wandsbek. Er kündigte eine eisige Wetterfront an, die sich von Russland aus nach Westeuropa schob. Alyssa fröstelte und korrigierte den Sitz ihres Schals über der dicken Daunenjacke. Doch es war nicht nur das Wetter, das ihr zusetzte.

            Schweren Herzens lenkte sie ihre Schritte an einer alten Krüppelkiefer vorbei zur Reihe Grabsteine dahinter. Nachdem sie etwas mehr als eine Minute gegangen war, erreichte sie eine Gruppe frisch angelegter Gräber. Im Gegensatz zu den anderen, kündeten keine steinernen Mahle von der Identität ihrer Bewohner, sondern schlichte Holzkreuze, die jemand mit wenig Liebe für die Verstorbenen schief und krumm in die Erde gerammt hatte. Niemand außer ihr hielt sich in diesem Teil des Friedhofs auf. Zumeist bettete man hier Runner zu ihrer letzten Ruhe. Für diesen Menschenschlag gab es selten positive Gefühle in der Bevölkerung. In diesem Metier bemühte man sich nach Leibeskräften erst gar nicht aufzufallen. Alles andere lockte meist bloß Probleme in Form von Konkurrenz, gegnerischen Teams, Missgunst und lokale Autoritäten an. Meist fielen nur die unangenehmen Exemplare in der Öffentlichkeit auf, berüchtigt für ihre Brutalität, Gier und Rücksichtslosigkeit.          
            'Diese hingegen haben viel Gutes getan.'         
Die Magierin seufzte schwer und richtete ein Kreuz wieder auf, das Gefahr lief umzukippen. Sie kannte die Namen, die in schnörkelloser Schrift auf den Querbalken standen, und ihre Reihenfolge auswendig. Hendrik Summerset, Sunetra Kojima, Largo Cain, Hank Gruber. Auf den lockeren Erdhügeln drapierte sie je eine Lilie, obwohl sie wusste, dass keine Leichen in den Gräbern lagen. Tränen schossen Alyssa in die Augen. Verschämt wischte sie sich mit der beschuhten Hand übers Gesicht und unterdrückte ein Schluchzen.
            Alles was hatte schiefgehen können, war an diesem Tag schiefgegangen.
            Ocyon, dieser miese Bastard, er war seelenruhig im Schneidersitz da gesessen, mitten auf dem Tempelinnenhof. Geduldig hatte er darauf gewartet, dass sie und ihre Freunde sich für den Angriff positioniert hatten.           
            ‚Arrogantes Schwein!‘  

Auf diese Weise demonstrierte er ihnen schon vor dem Kampf, dass sie keine Chance gegen ihn hatten. Zermürbung und Demoralisierung waren das Ziel dieser Übung gewesen.          
            Überlegen.     
'Ja,' dachte sie, 'wenn er eins definitiv gewesen war, dann das.'

Als sie bereit waren, schlug er die Augen auf und fixierte Sunetra. Mit donnernder Stimme hatte er gesprochen: „So sieht man sich also wieder, Susanoo. 
            Die Elfe hatte schon vor dem Verlassen des Tempels einen seltsamen Glanz in den Augen gehabt, auch ihre Stimme hatte sich verändert. Von ihrem Besuch im Reich des Hais wusste sie, dass sie den Mentorgeist durch sie reden hörte. „
Es ist an der Zeit, dich auf deinen Platz zu verweisen.      
            Ocyon lachte schallend. Er hörte nicht mehr auf und steigerte sich geradezu in einen Zustand der Hysterie hinein.
            Als würde man in einer Kirche mit einem Eisenbeschlagenen Stock auf den Marmorboden stampfen, knallte es mehrfach laut über das Plateau, auf dem der Tempel stand. Das Geräusch echote noch jetzt, Monate später, als Alyssa am anderen Ende der Welt vor den Scherben ihres Lebens stand, in ihren Ohren. Ihr Körper bebte, als sie sich versteifte, um nicht dem Weinkrampf nachzugeben.
            Ocyon brüllte etwas in einer fremden Sprache, das ihnen beinahe die Trommelfelle zerriss. Danach gefragt, hätte Lightning geantwortet, dass nur Planeten mit einer solchen Stimme zu sprechen vermochten.      
            Der Boden unter ihren Füßen begann zu beben und ließ die Kiesel tanzen. Als er sich wieder beruhigte, schwoll ein bedrohliches Rauschen an. Alyssa hielt instinktiv nach einer Flutwelle Ausschau, konnte aber nichts sehen. Unbeeindruckt bliebt Ocyon sitzen. Zuerst umspülte ein phosphoreszierender Nebel zunächst ihre Füße, dann ihre Knie. Anschließend wuchs eine Wassersäule aus dem Portal hinterm Tempel. Wie ein dicker Regenwurm wand sie sich, bis sie eine imaginäre Decke erreichte um sich an ihr entlang über den Köpfen der WildCards auszubreiten. Nach kurzer Zeit schloss die Gruppe eine gigantische Kuppel aus lebendigem Wasser ein, dessen Oberfläche so unruhig war wie die des Ozeans bei starkem Seegang.    

            Als sein Werk vollendet war, erhob sich aus dem ausgemergelten menschlichen Körper Ocyons ektoplasmische Manifestation. Ein bizarres Mischwesen aus einem gigantischen Schädel, in dem eine Traube aus Augäpfeln ruhte, während mit Nesseln besetzte Fäden einer Qualle aus dem Stumpf glitten, wo sich sonst der Hals befunden hätte. Mitten darin: ein schauriges Fressloch mit beständig mahlenden Kiefern. Dutzende Tentakel reckten sich vom Rand der halsartigen Ausstülpung in die Höhe. Sie verharrten in der Luft wie Hämmer über einem Amboss, bereit alles und jeden zu Mus zu stampfen.  
            Für jeden, der noch an seiner Macht zweifelte, demonstrierte er seine Kampfkraft und riss mit einem Tentakel die Front des Tempels ein. Er wischte sie mühelos hinfort als sei sie eine ordinäre Attrappe.        
            Es war das erste Mal in dieser Nacht, dass sich Verzweiflung ihres Verstands zu bemächtigen versuchte. Sie selbst, Largo, Hank und Hendrik waren in Angst erstarrt, so Ehrfurcht gebietend war sein Auftritt gewesen. Sogar ihr Feuerelementar hatte sich in Panik in einem Rauchwölken aufgelöst und sie zurückgelassen.       
            Lediglich Sunetra, diese bewundernswert souveräne Elfe, zu der sie stets aufgeschaut hatte, hielt Ocyons Willen stand.   
            „
Hat dir unser letztes Zusammentreffen denn nicht gezeigt, wie zwecklos es ist sich mir entgegenzustellen?“, höhnte das Wesen.    
            Sie hob als Antwort ihr Katana und begab sich in Ausgangsposition. „
Komm schon!“, reizte sie den Geist. - Oder war es Susanoo gewesen?    
            Wieder lachte der Eroberer. „
Diese Welt wird bald mir gehören. Da ist es nur passend, wenn ich dich auch nur mit den Mitteln dieser Welt besiege.
            Rasch zog sich die Gestalt wieder in den Körper des ehemaligen MCT Priesters zurück. Endlich stand er auf und näherte sich mit selbstbewussten Schritten. Er zog keine Waffe, sondern gedachte sie mit bloßen Händen zu besiegen. So weit ging seine Arroganz, dass er beteuerte nicht einmal auf seine magischen Kräfte zurückgreifen zu wollen.
            Immer noch konnte sich Alyssa nicht bewegen. Den anderen ging es ebenso. Mit vor grenzenlosem Schrecken geweiteten Augen hatte sie mit ansehen müssen, wie die schmächtige Gestalt quasi im Vorbeigehen Hanks Herz aus dessen Brust riss und Hendrik mit einem Schlag den Kehlkopf zertrümmerte. Sie waren sofort tot.
            Sunetra griff an und lieferte sich mit Ocyon ein Duell, das zeitweise so schnell verlief, dass Lightning kaum sagen konnte, wer welchen Zug gemacht hatte. Der Geist bewegte sich mit unnatürlicher Geschmeidigkeit und führte die Arme teilweise in Winkeln, die sich die Magierin nicht erklären konnte. Dann hörte sie Knochen brechen und verstand was geschah.          
            Hatte sie gedacht, sie hätte ihr persönliches Maximallevel an Horror bereits erreicht, wurde sie nun eines Besseren belehrt.      
            Mit jeder Bewegung, für die die menschliche Anatomie nicht geschaffen worden war, brachen Knochen in seinem Leib, rissen Sehnen und Muskeln; vornehmlich in seinen Armen und Schultern. Sie sah wie sich Hämatome auf den Armen und Händen aufgrund der unzähligen Frakturen in ihnen ausbreiteten. Nach einer Weile schwang er seine oberen Extremitäten wie Peitschen.  
            Sunetra rutschte mit dem linken Fuß weg.   
Ocyon war sofort über ihr, überwältigte sie, drückte sie auf den Boden und biss sie immer wieder in den Hals. Zunächst schrie die Elfe noch, doch mehr und mehr verwandelte es sich in ein gurgelndes, erstickendes Keifen und Wehklagen.    
            Endlich brach der Bann und die menschliche Magierin konnte sich wieder bewegen. Sie hatten versagt, das war ihr nun bewusst. Geistesgegenwärtig lief sie zu Largo, schüttelte ihn, Ohrfeigte ihn, bis auch er wieder bei Sinnen war.           
            Zusammen flohen sich von Jigoku.   
Weg vom Plateau, durch den Dschungel, zur Hütte, in die Grotte hinab und aus dem Höhlensystem hinaus. Sie hatten gerade das offene Meer erreicht, als zwei besessene Dorfbewohner von den Felsen über dem Grotteneingang zu ihnen auf das Schnellboot sprangen. 
            Gemeinsam überwältigten sie die Gegner in einem allerletzten Kraftakt, doch für Largo kam jede Hilfe zu spät. Er erlag seinen inneren Blutungen bevor sie das Festland erreichen konnten.
            'Wenigstens musste er nicht alleine sterben.'  
Der Gedanke brach einen Damm in Alyssa. Ohne falsche Scham ergab sie sich ihrer Trauer und ließ die Tränen laufen. Wie heiße Säure brannten sie auf ihren kalten Wangen. Kraftlos sank sie auf die Knie, schluchzte und ließ sich vornüber auf die Hände fallen. Der Schnee drückte sich zwischen ihren Fingern hindurch. Als sie versuchte Fäuste zu ballen, spürte sie wie ihre Nägel über die gefrorene Erde kratzten. 
            Wo warst du, als die Welt unterging?  
Eine simple Frage, die sich in den Wochen nach dieser Nacht zum Geflügelten Wort wandelte. Jeder konnte sich erinnern, wo er war, was er getan hatte, mit wem er zusammen gewesen war, als die Metawelt sich auf diese Existenzebene zu erstrecken begann.          
            Ocyon war nicht untätig geblieben.   
Unermüdlich krochen Schrecken aus tausend Höllen aus dem Portal auf die Erde, verbreiteten seine Herrschafft des Terrors und erweiterten seinen Einflussbereich. Nach nicht einmal einem Monat war Japan gefallen. Und seitdem ging es immer schneller. Seine Armeen breiteten sich gerade in diesem Moment über den Pazifikraum aus, fielen in der Russischen Republik und den Chinesischen Nachfolgestaaten ein. Zu Australien und Neuseeland war letzte Woche jeder Kontakt abgebrochen.  
            Vielerorts war aufgrund der Flüchtlingsströme der Notstand ausgebrochen und die Geschichten, die die Überlebenden mit sich führten, sorgten dafür, dass der Widerstand schnell brach. Egal, was die Regierungen dieser Welt Ocyons Soldaten entgegenwarfen, es hielt sie einfach nicht auf. Es gab kein Entrinnen. Die Erde war ein verlorener Planet.       
            Wo warst du, als die Welt unterging?  
Alyssa erinnerte sich genau. Und exakt das war das Problem. Sie hatte seit dieser schicksalshaften Nacht versucht mit den Konsequenzen zu leben. Doch sie ertrug es nicht allein zu sein. Sie ertrug die Last der Erinnerung nicht. Sie ertrug die Schuld nicht. Sie ertrug es nicht, die einzige zu sein, die überlebt hatte.          
            Etwas Fragiles in ihr zerbrach.
Alyssa nestelte in ihrer Jackentasche, ihre Hand fand den Griff der Pistole, zog sie und steckte sich die Mündung in den Mund. Ohne dass sie sich den Grund dafür erklären konnte, kamen der Magierin plötzlich die Worte eines weisen Mannes in den Sinn:   
           
Der Krieg, den wir führen, richtet sich nicht gegen Großmächte oder Herrscher, sondern gegen Chaos und Verzweiflung. Viel schwerwiegender als der Tod der körperlichen Materie ist der Tod der Hoffnung, der Tod der Träume, und vor dieser Gefahr dürfen wir niemals kapitulieren.

            Alyssa kapitulierte.

***

                „Wacht auf! Es ist nur eine Illusion, verdammt!“, schrie Sunetra und verpasste Alyssa eine schallende Ohrfeige. Keine Reaktion, auch nicht von den anderen WildCards.       
            Ein hämisches Keckern hinter ihr, ließ sie wieder herumfahren und Hiebe abwehren. Wie Dreschflegel setzte Ocyon seine zigfach gebrochenen Arme ein. Die Geschwindigkeit, in der er zuschlug und mit welcher Rücksichtslosigkeit er auf den eigenen Körper vorging, waren besorgniserregend. Jeder Treffer hinterließ schmerzhafte blaue Flecken und sie fürchtete, dass er mindestens eine ihrer Rippen auf der rechten Seite angebrochen hatte. Es schien als wolle er sie wie ein Stück Fleisch für die heiße Pfanne weich klopfen.     
            Wo blieb bloß Sanada!? Sie könnte seine Hilfe nun gut gebrauchen.
           
Er ist meine Beute!, drängte Susanoo hartnäckig.       
Im Grunde focht die Elfe zwei Kämpfe gleichzeitig aus. Den einen mit ihrem eigentlichen Gegner, den anderen mit dem Mentorgeist in ihrem Kopf. Seit sie am Tempel angekommen waren, versuchte er sich mehr und mehr in den Vordergrund ihres Verstandes zu drängen. Sie wollte nicht wieder die Kontrolle verlieren. Die Gefahr ihre Freunde zu verletzen, wenn Susanoo in den Berserkermodus schaltete, war zu groß.   
            ‚Er ist auch meine Beute.‘, erinnerte sie den Geist mit Nachdruck und wich weitere Schritte nach hinten aus, weg von den anderen WildCards. ‚Aber alleine schaffen wir das nicht. Wir müssen irgendwie seinen Illusionszauber brechen.‘         
            Ocyon sprang auf sie zu, holte weit mit seinem Flegeln aus. Durch eine Rolle seitwärts, rettete sie sich aus der Gefahrenzone. Knurrend rutschte der Geist durch das Kiesbett und richtete sich wieder auf.        
           
Mach dir seine Arroganz zunutze! Er glaubt dich nur mit Einsatz von physischen Mitteln besiegen zu können. Zeig ihm, dass er nicht der Jäger, sondern die Beute ist!
            Susanoo hatte recht. Wenn Ocyon wütend wurde, konnte er sich womöglich nicht mehr auf die Aufrechterhaltung des Zaubers konzentrieren. Die Elfe machte Lockerungsbewegungen für die Muskeln ihrer Arme, hopste von einem Bein aufs andere, öffnete provozierend ihre Deckung und zwang sich entspannt zu atmen. Sie lächelte ihren Gegner gönnerhaft an, wie der Meister seinen Schüler, und bat ihn mit einer Handbewegung zu sich.           
            „Mehr hast du nicht drauf? Wegen dir hat sich MCT Sorgen gemacht? Ich hab schon mutierte Ratten in der Kanalisation gesehen, die fähigere Sparringspartner waren.“           
            Zunächst sah Ocyon sie verwundert an, hatte er mit so einer Ansage nicht im Mindesten gerechnet. Dann verengten sich seine Augen und er wechselte die Farbe als das Blut in seinen Kopf schoss. Geist oder nicht, sein menschlicher Körper hatte in dieser Welt wenigstens ein paar Gesetzmäßigkeiten zu gehorchen. Als wäre ihr Auftreten für den allmächtigen Ocyon nicht schon Affront genug gewesen, brachte ihr demütigendes Kichern das Fass zum überlaufen.     
            Er schrie vor Wut auf und preschte auf sie zu, die Armen in kreisenden Bewegungen über seinem Kopf haltend. Doch anstatt von oben anzugreifen, ließ er sich vor ihr in die Hocke fallen, um ihre Deckung zu unterlaufen.        
            Sunetra reagierte sofort, schlug seine pfeilschnellen Hände mit dem Heft des Katana weg und sprang nach hinten. Dabei zog sie das Schwert auf sein Gesicht zu. Im letzen Moment ließ er sich nach hinten fallen, sodass die Klinge wenige Millimeter über seinem Brustkorb die Luft zerteilte.  
            „Ha! Das war knapp. Gib lieber auf, bevor ich dir noch weh tue!“ In Gedanken fügte sie hinzu: Wird Zeit überhaupt mal einen Treffer zu landen.
***
            Das grausige Trugbild verschwamm vor Hanks Augen und löste sich auf. Zunächst orientierungslos, fand er sich plötzlich vorm Tempel auf Jigoku wieder. Die elfische Magierin führte mit dem Obdachlosen ihre Choreografie auf, tanzte mit ihm ohne musikalische Begleitung den Tod über den gesamten Innenhof. Keine Deckung, keine Gegenstände, die sie nutzen konnten.          
            Was veranstalte der Kerl denn bloß für seltsame Verrenkungen? Wie auch immer er es anstellte, er zwang Sunetra unter boshaften Rufen in die Defensive. Hank standen beim Gedanken an seinen Besuch in der nur für ihn reservierten Ecke der Hölle immer noch die Haare zu Berge, aber er wusste, dass er ihr sofort helfen musste.   
            In der Hand hielt er immer noch das Wakizashi. Sehr gut. Largo, Alyssa und Iron wachten ebenfalls aus ihren Albträumen auf, was noch besser war.          
            „Kommt bei, ihr Lahmärsche! Die Spruchschleuder will den ganzen Spaß für sich alleine!“

***

            Lass mich dir helfen!, lockte Susanoo.  
NEIN!, wies sie ihn brüsk zurecht. Langsam wurde sie selber wütend.
            Seitenschritt, Halbdrehung links, Block, Saya links antäuschen, dann schräger Kreis 45 Grad, Tritt, Sprung, Block, Ducken, Stich, Klinge drehen, Schlag, Schnitt, Block, Schritt zurück, Block, Finte, Klinge abwärts, Block, Tanz um den Gegner, in die Knie, Rolle, blinder Streich nach hinten, hoch, Halbdrehung rechts, Tritt gegen Knie, Saya zum Kopf, Ausweichen, Sprung, Schnitt, Block, Treffer mit flachem Blatt gegen Schulter.       
            Ha! Endlich!, freute sich die Elfe.       
Ocyon fauchte hasserfüllt, hielt jedoch einen kurzen Augenblick inne.
            Sofort waren Hank, Alyssa, Largo und Iron zur Stelle und fielen über den überraschten Invasoren her. Sunetras Herz machte einen erleichterten Satz. Ihr Plan war aufgegangen, der Zauber gebrochen. Allerdings erholte sich Ocyon für ihren Geschmack ein wenig zu schnell von seinem Schock. Er hatte erkannt, dass sie ihn absichtlich gereizt hatte, und Sunetra bezweifelte stark, dass er auf diese Masche ein zweites Mal reinfallen würde.
            Der Troll wich nach einem Treffer in seine Leiste zurück, Alyssa und Largos Schläge gingen fehl. Iron hingegen hatte mehr Glück. Sein Wakizashi schnitt tief ins Fleisch unterhalb seiner Rippe, hielt ihn jedoch nicht auf. Er schien die Wunde nicht einmal zu spüren.         
            Im Gegenteil, er tat das Unmögliche und legte noch an Tempo zu. Ihre Freunde mussten auf Abstand gehen, um nicht binnen Sekundenbruchteilen ausgeknockt zu werden. Sobald sich Ocyon Raum verschafft hatte, knurrte er zwei Worte. Sunetra verstand die Sprache nicht, wusste aber instinktiv, dass sie nichts Gutes bedeuten konnten.

***

            Triumphierend zog ich meine Klinge aus dem schmächtigen Körper und wich gerade noch so seiner geschwollenen Hand aus, die nur knapp meine Schläfe verfehlte. Hank hustete wieder Blut, hielt sich aber auf beiden Beinen. Sein grimmiger Gesichtsausdruck verriet mir, dass er unter keinen Umständen aufgeben würde, bis er oder Ocyon besiegt waren.
            Wie ein Brummkreisel rotierte dieser Tasmanische Teufel auf Speed in unserer Mitte, zwang uns zurückzuweichen. Selbst wenn ich in diesem Moment hätte angreifen wollen, wäre es mir unmöglich gewesen. Seine Hände und Füße schienen gleichzeitig überall und nirgendwo zu sein.        
            Vielleicht laugte er sich auf diese Tour soweit aus, dass wir unsere Chance bekamen, aber ich bezweifelte, dass wir allzu lange mit seinem Tempo mithalten konnten.         
            „Vorsicht! Der Scheißkerl zaubert wieder.“, warnte Alyssa bevor sie einen zaghaften Schlag ausführte, dem er jedoch mühelos aus dem Weg ging. 
            Es nervte mich. Auf diese lasche Tour konnte das Unterfangen ja nur schief gehen. Ich fühlte Wut in mir brodeln. Lange unterdrückte Wut, um genau zu sein           
            Diese dämliche Kuh hatte immer einen affigen Klugscheißerspruch parat, aber wenn es mal darum ging konstruktiv oder gar nützlich zu sein, wurde nicht geliefert. Es kotzte mich schon seit Monaten an, wie sie die Gruppe mit ihrer affektierten Art und kühlen Distanziertheit mürbe machte.           
            Und dazu noch ihre Stimme. Es machte mich schon wahnsinnig, wie sie die einige Worte betonte. Gestelztes Hochdeutsch, weil sie sich für ihren Bremer Dialekt schämte und stets zu verbergen suchte. Nein, das feine Fräulein von heute darf unter keinen Umständen wie der Pöbel klingen.      
            "Hendrik, was ist denn?"        
Sie sah mich mit hochgezogener Braue und ihren ach so unschuldigen Rehaugen an. Du und dein schöner Schein!, ätzte es zwischen meinen Ohren.      
            Ich war ein Kochtopf, der zu explodieren drohte.     
Dann legte sie nach: "Konzentrier dich gefälligst auf den Kampf!"
            Jetzt reicht es! Das Maß ist endgültig voll!

***

            Für jeden Treffer, den Sunetra landete, kassierte sie mindestens zwei Schläge von den Fleischklumpen, die einst Hände gewesen waren. Ocyon blutete aus dutzenden kleiner Schnitte, aber auch sie selbst hatte mit starken Schmerzen am ganzen Körper zu kämpfen.  
            Den anderen ging es teilweise nicht besser. 
Hank hielt sich nur noch mit schierer Willenskraft aufrecht und Largo hatte eine Platzwunde an der Stirn, aus der er wie ein abgestochenes Schwein blutete. Sie mussten bald das Blatt zu ihren Gunsten wenden, sonst sah sie schwarz. Wie lange noch bis seine Verstärkung eintraf?     
            Unvermittelt packte Iron Alyssa am Kragen, riss sie zu sich herum und schlug ihr mit der Faust ins Gesicht. Blut spritzte aus einem Nasenloch, ein Stück Schneidezahn brach ab und flog in hohem Bogen zu Boden, wo er zwischen den Kieseln auf Nimmerwiedersehen verschwand. Sie selbst landete unsanft auf ihrem Hintern.  
            Nach zwei Schritten war er über ihr, auf ihr, nahm ihren Kopf und knallte ihn immer wieder ins Kiesbett, während sie verzweifelt versuchte ihn von sich herunter zu bekommen. Was war nur in ihn gefahren und warum schrie er sie unentwegt an, sie solle ihre blöde Fresse halten?      
            Im selben Moment gingen sich Largo und Hank gegenseitig an die Gurgel und Sunetra kapierte endlich. Ocyon hatte ihre Freunde mit einem Zauberspruch in blinde Raserei versetzt. Wie sollte sie den Geist denn bloß allein besiegen?      
           
Der Weg auf die Beute ist frei. Lass mich dir helfen!       
Die Elfe seufzte schwer. Es machte keinen Unterschied mehr, ob sie ihre Freunde wegen Susanoo gefährdete oder ob sie sich gegenseitig umbrachten. Aber wenn sie Ocyon nur schwer genug verletzen konnte, dann musste er seine fleischliche Hülle womöglich aufgeben. Dann könnte sie die Bannspruchrolle einsetzen und diese Farce ein für alle Mal beenden. So wenig sie die Erkenntnis mochte, es war die beste Option für alle Anwesenden.      
            'Leite meine Geschicke, Susanoo!'       
Es war als würde ihr Mentorgeist für einen Moment gespannt die Luft anhalten, dann entspannte sich die Elfe und ließ es freiwillig zu. Ungeahnte Kräfte strömten aus einem Ort tief verborgen in ihrem Bewusstsein in jeden Winkel ihres Körpers.

***

            So schnell der Hass gekommen war, so schnell verrauchte er wieder. Largo konnte sich nicht erklären was mit ihm geschehen war, denn es gab schlicht und einfach keinen Grund für ihn auf den Troll sauer zu sein. Dann sah er, wie Hendrik mit Alyssa rang und er begann zu ahnen, dass Zauberei im Spiel gewesen sein musste.
            Eine Bewegung aus dem Augenwinkel erinnerte ihn wieder an seinen eigenen Kampf. Hank beabsichtigte ihn mit dem Wakizashi einen Kopf kürzer zu machen. Wieder bei Sinnen, tat Largo das einzig Richtige: er sprang zwei Streichen aus dem Weg, tauchte unterm dritten hindurch, wobei ihm die Körpergröße des Trolls und seine eigene die Aufgabe immens erleichterte, und stemmte sich mit aller Kraft in dessen Seite. Ein zusätzlicher Tritt mit dem Spann von hinten in die Kniekehlen besiegelte Hanks Niederlage gegen die Schwerkraft. 
            Der Troll hatte sich in der letzten Stunde völlig verausgabt und dabei multiple Verletzungen davongetragen. Beinahe in Zeitlupe krachte er zu Boden, wo er schwer keuchend liegen blieb. Von ihm ging vorerst keine Gefahr mehr aus.    
            Als nächstes nahm er sich vor, die beiden anderen Streithähne voneinander zu trennen. Dazu musste er Ocyon und Sunetra umrunden, die sich nach wie vor mit Tritten und Schlägen eindeckten. Plötzlich begannen die Augen der Elfe karminrot zu leuchten und ihre Gestalt veränderte sich. Largo blieb wie hypnotisiert stehen. Ihr Hals wurde dicker, Kiemen erschienen, die Zähne verwandelten sich in ein Revolvergebiss und ihre Haut wurde heller, beinahe durchsichtig. Darunter schimmerte sie silbrig schuppern, wie bei einem Hai.         
            Bei allen Gelegenheiten zu denen Susanoo ihren Tag aufregender gestaltet hatte, als ihnen allen lieb gewesen war, DAS war noch nie zuvor passiert. Intuition verriet ihm, dass er in dieser Nacht dankbar für diese Verwandlung sein musste. Dennoch konnte er nicht anders und gruselte sich über die unerwartete Metamorphose
            Seitdem der Kampf begonnen hatte, war Sunetra bemüht gewesen auszuweichen, Verletzungen zu vermeiden, doch jetzt ging sie rigoros in die Offensive und zwang den verdutzten Ocyon zum Rückzug. Sunetra schlug schneller, härter und gnadenloser zu, als in jedem anderen Gefecht zuvor. Schlag, Tritt, Tritt, Sprung, Stich, Sprung, Schnitt, Schlag, Schlag, Rippenstoß, Tritt, Tritt, Tritt. 
            Largo war überrascht, dass sie bei all der Action noch die Zeit fand dem Gegner zu drohen.         
            "
Ich werde dich zerfetzen und deine Überreste sollen auf den Grund des Meeres sinken, wo sie die nächsten tausend Jahre verrotten werden."         
            "
Niemals! Diese Welt wird mein sein!", quäkte Ocyon. Hörte Largo etwa Zweifel aus seiner Stimme heraus, oder gar Angst?! Das Sunetra/Susanoo Wesen hieb ihm zur Antwort einen Arm ab und schnitt zweimal über den Brustkorb. Blut spritzte von der Klinge.
            "
Kommt zu mir, meine Soldaten!"      
Besorgt sah der Rigger zum Toori, durch das man zur Treppe ins Dorf kam. Er hörte vielfaches Geschrei, das sich zielstrebig dem Tempel näherte. Die Nacht über dem Aufstieg glomm vom Schein ihrer Fackeln. 
            Er dankte dem Schicksal, dass er die Astralebene nicht wie die anderen wahrnahm und wenigstens nicht mit ansehen musste, ob sich bereits neue Geister aus dem Portal erhoben. Fein, eine Sache weniger, die ihn akut nervös machen konnte.         
            Largo ließ das Wakizashi fallen und griff zum Sturmgewehr auf seinem Rücken. Er würde den Teufel tun und sich den Besessenen mit einem Messer entgegenstellen.  
            Es raschelte im Gebüsch. Instinktiv richtete er die Mündung der Waffe aus, aber es war bloß Sanada, der endlich wieder zurück gekommen war. Er lief zu den Duellanten herüber. Als ihn der Feind bemerkte, glaubte er eine letzte Chance auf den Sieg vor sich zu haben. Er brach den Kampf für den Moment ab und ging auf Abstand zur Elfe.           
            "
Ein neues Spielzeug? Hervorragend!"
Siegessicher richtete er den verbliebenen Matschtentakelarm auf ihn. 'Falls er den Japaner verzaubern will, hat er gleich eine bittere Pille zu schlucken.', dachte Largo amüsiert.         
            Prompt verzog der Geist sein Gesicht zu einer angeekelten Fratze des Entsetzens: "
Was bist du!?"         
            Er war so sehr von der Situation überrumpelt, dass er nicht reagierte, als Sanada auf ihn zu kam und mit einem kräftigen Schwinger Richtung Sunetra beförderte. Auch wenn der Kontakt mit dem Antimagier nur kurz gewesen war, schien er bereits ausgereicht zu haben, um starke Schmerzen zu bereiten. Er hielt sich das Kinn und schrie wie am Spieß, taumelte, versuchte nicht zu stürzen.
            Ocyon blutete bereits aus mehreren Wunden am ganzen Körper. Sunetra fügte ihm eine Allerletze hinzu und spaltete seinen Schädel. Er stieß noch einen letzten markerschütternden Schrei aus, dann sackte seine Hülle, in der nahezu jeder Knochen wenigstens einfach gebrochen sein musste, zu Boden. Der Anblick erinnerte eher an die Überreste einer zerdepperten Wassermelone denn an einen Leichnam. Diese hier war jedoch mit Blut gefüllt.   
            Ocyon verwendete seine letzte Kraft darauf, sich zu manifestieren. Eine Gestalt, in der er vermutlich doch noch gefährlich werden konnte. Der Null-Magier griff in die Masse aus Ektoplasma und ein Winseln erklang. Das Wimmern eines geprügelten Hundes, der den Aufstand geprobt und verloren hatte.
            "Gebt dem Bastard endlich den Rest!", feuert Largo sie an.
Der Geist konnte nicht mehr fort, daher nahm sich Sunetra die Zeit und schob das Katana in sein Saya zurück. Dann zog sie aus einer Brusttasche eine der magisch aufgeladenen Bannspruchrollen hervor und hielt sie wie in einer sakralen Geste mit beiden Händen hoch.

***

            Der rote Schleier vor meinen Augen wurde hinfort gezogen und ich starrte fassungslos auf Alyssa herab. Sie schien bewusstlos und atmete nur noch flach. Ihr Gesicht war geschwollen und Blutverschmiert. Entsetzt registrierte ich, dass meine Wenigkeit auf ihr saß, meine Faust zum Schlag erhoben. Als ich sie öffnete, schmerzten die Finger. Ich hatte sie wohl über einen längeren Zeitraum mit aller Kraft zusammengeballt. Was war nur geschehen?
            "
Kehre in das Loch zurück aus dem du gekrochen kamst und komm nie wieder! Hiermit banne ich dich aus dieser Welt!", donnerte eine Stimme, die ich entfernt zu kennen glaubte. Verdattert hob ich den Kopf und sah gerade noch, wie Sunetra eine der Zauberrollen auf den materialisierten Geist drückte. Was dann geschah... Also ich muss gestehen, ich war ein wenig enttäuscht. Nach dem langen Weg, den Mühen und den Gefahren, die wir durchgemacht hatten... nun, ich hatte ehrlich gesagt mit einem besonderen Special-Effekt gerechnet, wenn wir den Bastard endlich am Boden hatten. Stattdessen: Puff! Weg war er. Kein Blitz, kein Rumpeln, Krachen, Sprengen, nicht einmal ein popliges Leuchten. Nein, einfach nur Puff und das war's.        
            "Hey, alles klar bei dir?"         
"Was?" Largo stand vor mir, hielt allerdings Sicherheitsabstand, was ich ihm, bei dem Anblick, den ich bieten musste, nicht verübeln konnte. "Ja, ja, ich glaube schon." Ich sah zu Alyssa, kniete mich neben sie, hob ihren Kopf an und tätschelte leicht ihre Wange. Es war schwer eine Stelle zu finden, die noch unversehrt war.         
            "Hey, Kleine, wach auf."         
Sie blinzelte schwach und nuschelte kraftlos. Zwar konnte ich sie nicht verstehen, aber sie war bei Bewusstsein. Das war ein gutes Zeichen. Largo kniete nun ebenfalls an ihrer Seite und packte sein Erste-Hilfe-Set aus. "Keine Sorge, Kurze, wir kriegen dich in Null-Komma-Nix wieder hin."        
            Zuerst lächelte er sie aufmunternd an, dann sah er mir fest in die Augen. "Hörst du die Schreie? Es ist noch nicht vorbei. Hilf den anderen, ich kümmer mich um Alyssa!"         
            Erst jetzt nahm ich die sich nähernde Meute wahr.  
Sofort war ich auf den Beinen und lief zu Sunetra. Ich gab mir keine Mühe ein Pokerface zu wahren, als ich ihr haifischiges Aussehen bemerkte. Statt die offensichtlichste aller Fragen zu stellen, sagte ich bloß: "Ich kann noch den Astralraum sehen."    
            Sie drehte sich zu mir um, während ihre Maske wie in einem alten Horrorfilm zu ihrem normalen Gesicht zusammenschmolz. "Wir müssen noch das Portal schließen. Ich hatte gehofft es würde kollabieren, wenn wir Ocyon erledigt haben. Es muss von der anderen Seite aus mit Energie versorgt werden."           
            Hinter dem Tempel ragte immer noch die Wassersäule empor. Schwach, aber eindeutig, konnte ich in ihr etwas schwimmen sehen. Geister vor uns und Besessene hinter uns?! Das waren dann wohl die schlechten Nachrichten.   
            Die Quelle der Schreie war nun nicht mehr fern.       
"Dann muss es sein.", konstatierte Sanada in sachlichem Tonfall.
            Er verbeugte sich höflich vor der Zauberin: "Es war mir eine Ehre an ihrer Seite gekämpft zu haben."      
            Nachdem der Etikette Genüge getan war, gab er Fersengeld und sprintete zum Tempel. Ich folgte ihm mit Sunetra in kurzem Abstand. Was hatte er denn jetzt wieder vor?    

***

            Nase gebrochen, mehrere Zähne lädiert, Brillenhämatom, Kratzspuren, Würgemale am Hals und einige Beulen am Kopf. Nichts, was nicht wieder heilen würde. Alyssas Haarpracht hatte einiges von den Stößen abgefangen. Ihr Glück war obendrein, dass sie auf Kies lag und nicht auf Beton. Dennoch bestand die Gefahr, dass sie neben einer Gehirnerschütterung auch eine subdurale Blutung haben konnte. Sobald sie am Festland waren, würde sie schnellstens in einem Krankenhaus untersucht werden müssen.
            'Verdammte Geister, verdammte Magie! Halt ja durch!'
Largo klebte ihr vorsichtig ein Pflaster mit Schmerzmitteln auf den Hals. Schreie am Toori. Largo griff wieder zu seinem Sturmgewehr, stand aber nicht auf. Wenn es sein musste, würde er sie von hier aus mit allem verteidigten, was er hatte.  
            Etwas um die zwei Dutzend Menschen rannten aus der Dunkelheit des Dschungels auf den Platz. Der Zwerg dachte in diesem bangen Augenblick, ob es das nun war? Würden sie hier sterben, obwohl sie Ocyon besiegt hatten? Das Leben konnte echt zum Kotzen sein. Er entsicherte die Waffe und legte an.   
            Nie wieder wollte er das Gefühl haben, der Einzige aus der Truppe zu sein, der überlebt hatte. Es war beim ersten Mal schrecklich gewesen und er wäre beinahe daran zerbrochen. Zwar hatte er viele Monate später herausgefunden, dass sie noch am Leben waren, aber es machte die Zeit des Trauerns davor nicht ungeschehen. Sie war nach wie vor real gewesen.         
            'Außerdem', so gestand er sich ein, 'hab ich diese Chaostruppe trotz all ihrer Fehler und Schwächen lieb gewonnen. Das hier ist mehr als ein Job geworden, ein Zuhause.' Er lächelte grimmig. 'Japp, traurig aber wahr Kurze, du gehörst dazu.' 
            Largo zielte auf den vordersten Gegner.       
'Nie wieder.'

***

            Sanada stürmte durch den eingestürzten Rest des Haupteingangs, sprang über diverse Trümmer, rannte durch die Eingangshalle, dann an zwei Kami Statuen vorbei, links in einen Gang, wieder rechts und schon standen wir wieder im Garten. Vor uns pumpte das Portal immer noch die Wassersäule in die Höhe. Dinge bewegten sich darin.           
            Sanada holte tief Luft, nickte uns noch ein letztes Mal zu und sprang schließlich mit einem beherzten Satz in die Säule. Hinter uns knallte es mehrfach. Ich kannte das rhythmische Geräusch. Es gehörte zu einem Sturmgewehr.           
            Einen Moment lang trieb Sanada in dem unmöglichen Gebilde, dann fuhr ein Vibrieren an der Oberfläche entlang, begleitet von einem Gleißen, das in den Augen brannte. Plötzlich erstarb das Licht und für einen letzten langen Augenblick konnte ich noch die Astralebene wahrnehmen, dann flackerte auch sie und verschwand als hätte man einen Monitor abgeschaltet.      
            Von Sanada war keine Spur mehr zu sehen. 
Die Wassersäule mitsamt der Kuppel verlor an Integrität und stürzte auf uns herab. Im Nu stand der Garten unter Wasser und wir mussten uns an der Balustrade festhalten, um nicht hinfort gespült zu werden. Da es um die Tempelanlage herum steil bergab ging, floss alles recht zügig wieder ab.   
            Prustend spuckte ich das Wasser aus, das ich geschluckt hatte. Sunetra hustete ebenfalls, aber sonst war uns nichts geschehen. Der Teich lag wieder ruhig da. Nur der Wind kräuselte ein wenig seine Oberfläche. Knapp zehn Zentimeter darunter konnte ich die Steine sehen, die man peinlich genau angeordnet hatte. Alles sah schrecklich normal aus, geradezu langweilig.       
            Sunetra trat neben mich. "Und?"      
Ich sah in den aufklarenden Nachthimmel. "Es hat aufgehört zu regnen."  
            Verdutzt sah sie mich an, dann nach oben und lachte schließlich. Es klang heiter und unbeschwert; das wundervollste Geräusch, das ich seit Wochen gehört hatte.
            Dann blickte sie jedoch ein wenig melancholisch zum Tümpel. "Was hast du denn?"         
            "Ach... ich weiß nicht recht. Ich fühle mich zum ersten Mal seit ich auf dem Schiff nach Hamburg aufgewacht bin, als wäre ich wieder vollständig. Ich selbst. Verstehst du was ich meine?"        
            "Du meinst, dass er...?", fing ich zögerlich an           
"Ja,", bestätigt sie, "ich kann ihn nicht mehr hören. 
            Susanoo ist fort."       
Oh ihr Götter, an die ich nie geglaubt habe und niemals glauben werde, meine Gebete wurden erhört!          
            "Das ist doch etwas Gutes, oder nicht?"       
Sie zögerte: "Schon, aber ich glaube ich werde ihn vermissen."
            Dann bemerkte sie meinen kritischen Gesichtsausdruck und fügte hastig hinzu: "Nur ein klitzekleines bisschen!"      
            Nun lachte ich ebenfalls.
"Komm, lass uns nach den anderen sehen!"
            Wir gingen zurück in den Innenhof. Er war mit lauter Menschen übersät. Die meisten rührten sich nicht mehr und schienen tot zu sein, so wie die Unglücklichen, die auf ihre Fackeln gestürzt waren und nun in Flammen standen. Einige andere atmeten jedoch sichtbar. Ein kleiner Junge war über eine der Leichen gebeugt und weinte. Das musste Kentaro sein. Ariki würde sich freuen, dass er noch am Leben war. 
            Leider schien das nicht für seine Eltern zu gelten.    
"Was ist hier passiert?"          
            "Ocyon hat als eine Art Anker für seine Geisterarmee fungiert. Nachdem er gebannt war, mussten sie damit rechnen auf dieser Seite der Welt zu vergehen. Sie haben ihre letzte Chance wohl darin gesehen, selbst zum Portal zurück zu kommen. Sieh dir die Leichen an! Sie liegen fast alle vor dem Tempeleingang und nicht bei Largo, Alyssa und Hank. Sie haben nicht mal versucht gegen sie zu kämpfen"                 
            Später stellte sich heraus, dass die meisten Besessenen entweder bei der abrupten Auflösung der Verbindung zu ihrem Geist gestorben oder ins Koma gefallen waren. Bei den Wenigen, die überlebt hatten, handelte es sich um die Insassen der Drogenklinik. Nachdem Ocyon fort war, endete auch seine Kontrolle über sie. Wenigstens diese armen Seelen hatten wir retten können. Was auch immer sie mit ihrem zweiten Leben anstellen würden, dieses Mal hatten sie mehr als einen guten Grund sich betäubenden Substanzen hinzugeben. Eine pessimistische Stimme in meinem Kopf teilte mir mit, dass die Meisten das kommende Jahr nicht schaffen würden.           
            Largo und Hank warteten schon auf uns. Der Troll schien etwas wacklig auf den Beinen, aber er hielt sich für stark genug, Alyssa zu tragen. Sie war wach und schaute mich vorwurfsvoll an.
            "Es tut mir leid, Alyssa...", stammelte ich schuldbewusst. Plötzlich grinste sie schwach und entblößte dabei zwei abgebrochene Zähne.    
            "Mach dir nicht ins Hemd."    
Verlegen kratzte ich mir am Hinterkopf.        
            "Ich weiß, dass du nichts dafür kannst." Sie wedelte mit dem Zeigefinger vor ihrem Gesicht herum. "Aber das nächste Mal, wenn du ein Problem mit mir hast, mach's uns beiden einfacher und lass uns drüber quatschen. So ka, Chummer?"    
            Ich lächelte zurück und nickte. Dann bedeutete ich dem Troll mit offenen Armen, dass er sie zu mir rübergeben sollte. Er hätte es niemals zugegeben, aber er war froh das zusätzliche Gewicht los zu sein. Alyssa zog fragend eine Augenbraue hoch.
            "Das Wenigste, das ich machen kann.", erklärte ich.
"Glaub ja nicht, dass du mir so einfach davon kommst."      
            Ich seufzte schwer.    
"Nein, damit hab ich auch nicht gerechnet." 



Epilog


            Sie erinnerte sich und das änderte alles.      
Nach den dramatischen Ereignissen hatten die WildCards noch eine Woche in Nippon verbracht, um Wunden zu versorgen und Energie zu tanken. MCT hatte sie für ihre Leistungen fürstlich entlohnt. Finanzielle Probleme würden sie in nächster Zeit jedenfalls nicht leiden. Doch alles, woran Sunetra denken konnte, war, dass sie das Unglaubliche getan hatten und auch noch mit dem Leben davongekommen waren. Ja, sie hatten einige Blessuren davongetragen, aber nichts, das hätte verhindern können, dass sie weiter in den Schatten arbeiten. Sie konnten nach Hamburg zurückkehren. 'Nur weg von hier.', dachte Sunetra.   
            Yashida hatte sich kurz entschlossen dazu durchgerungen die Truppe selbst zum Flughafen zu bringen. Nun hielt der Wagen vor dem selben Hangar, in dem sie noch vor gar nicht langer Zeit einen Kampf ausfechten mussten. Die Tore standen weit offen und gaben den Blick auf die wartende Privatmaschine frei. Ariki stand neben Yakamura-San vor dem Hangar, ein kleiner Koffer mit ihren wenigen Habseligkeiten in der linken Hand. Sie winkte ihnen zu und strahlte über das ganze Gesicht.       
            Kaum hatten die WildCards das Dorf erreicht, mussten sie feststellten, dass die kleine Hackerin nicht untätig gewesen war. Das Matrixnetz funktionierte wieder und sie hatte bereits die Rettungskräfte auf dem Festland informiert. Obendrein hatte dieser Naseweis es geschafft, das Boot in der Grotte zu hacken und per Fernsteuerung zur Anlegestelle zu manövrieren. Eine beeindruckende Leistung für eine Zwölfjährige, das musste die Elfe neidlos anerkennen.   
            Da ihre Mutter und die meisten Dorfbewohner Ocyons kurze Herrschaft über Jigoku nicht überlebt hatten, wäre sie normalerweise in ein Heim gekommen. Ariki jedoch hatte keine Lust in einer solchen Anstalt zu versauern.  
            Selbstsicher war sie vor Hendrik getreten und hatte verkündet mit ihnen zu kommen. Zu Sunetras Überraschung stimmte der Ork zu. MCT gewährte ihm nach der Rückkehr in die Firmenarkologie einen Wunsch. Er bat um eine offizielle SIN für sie und entsprechende Papiere, die die Vormundschaft für das kleine Energiebündel klärten. Wichtig war, dass sie auch von den Behörden in den ADL akzeptiert werden würden.        
            Sunetra fragte sich immer noch, was den ehemaligen Agenten dazu bewogen hatte. Hoffte er sich ihre Talente zunutze machen zu können oder waren es altruistische Gründe gewesen? So oder so, es würde sich sicher schnell zeigen, ob sie alle seine sentimentale Entscheidung bereuen würden. Ariki jedenfalls stand am Beginn ihres Abenteuers und konnte es offensichtlich nicht erwarten den nächsten Schritt zu machen.
            'Wir werden sehen...'   
Largo, Hank, Alyssa und Hendrik bedankten sich bei Yashida, stiegen aus und nahmen ihr Gepäck aus dem Kofferraum. Sunetra ließ ihnen einen kleinen Vorsprung, denn sie musste mit ihrem ehemaligen Verlobten reden, bevor sie ihren Freunden folgen konnte.       
            "Geh nicht!"   
Er war ein Samurai. Gefühle offen zu zeigen, vermied er um jeden Preis. Auch jetzt war sein Gesicht ausdruckslos, beinahe wie eine Maske, aber sie kannte ihn lange genug, um die Zeichen deuten zu können. Yashida liebte sie immer noch, das war der Elfe sofort klar. Der Anblick seiner traurigen, ernsthaften Augen versetzten ihr einen Stich, denn sie würde ihm weh tun. Er ahnte, was nun kommen würde, was kommen musste, und trotz besseren Wissens hatte er das Gespräch begonnen. Sie bewunderte seine Stärke und die unerbittliche Zielstrebigkeit, die ihn nie vom Kurs abbrachte. Sunetra mochte ihn, das tat sie wirklich. Sie war ihm für alles, was er für sie getan hatte, unendlich dankbar.         
            Doch Liebe?   
Lange hatte sie darüber gegrübelt und war zu keinem Ergebnis gekommen, aber seitdem sie ihr Gedächtnis wiedererlangt hatte, lag der Pfad in ihre Zukunft glasklar vor ihr. Kein Zögern mehr, kein zurück, sie würde ihn beschreiten, auch wenn das gleichzeitig bedeutete, die Brücken hinter ihr einzureißen.    
            "Yashida... es tut mir leid, aber ich kann hier nicht bleiben."
Seine Gesichtszüge verharrten in ihren Positionen, aber die Knöchel seiner Hände traten weiß hervor. Er stand unter enormer innerer Anspannung und es musste ihn viel Überwindung gekostet haben, diese Unterhaltung zu beginnen.           
            'Ja, weil er sich ihrer Unumgänglichkeit bewusst ist.'   
Bevor sie sich weiter erklären konnte, hakte er nach.          
            "Ist es wegen ihm?" Er nickte leicht in die Richtung der WildCards, die vor dem Jet standen und sich miteinander unterhielten, aber sie wusste, dass er von Hendrik sprach. Sunetra schüttelte den Kopf, aber Yashida war damit nicht zufrieden.
            "Ich weiß, was damals in Kyoto zwischen euch beiden vorgefallen ist." Nun sah sie ihn überrascht an.     
            Der Ork war damals im Zuge der Ermittlungen in einem Terroranschlag, der im Rhein-Ruhr-Megaplex mehreren hundert Menschen das Leben gekostet hatte, nach Japan gekommen. Der deutsche Geheimdienst ARGUS hatte den Ursprung der Biowaffe in der Entwicklungsabteilung von MCT vermutet und Recht behalten. Sie war als Liaison den beiden Agenten aus den ADL zugeteilt worden. Alle drei arbeiteten hervorragend zusammen und verstanden sich auf Anhieb miteinander. Die Ermittlungen zogen sich eine Weile hin und mit der Zeit begann sich mit Hendrik und Sebastian eine Freundschaft zu entwickeln. Doch mehr war es nicht gewesen. Unter normalen Umständen wäre sie Yashida niemals untreu geworden, aber das Leben schlägt manchmal Kapriolen.
            In der Nacht, in der sie eine heiße Spur verfolgt hatten, passierte plötzlich alles auf einmal. Eine Probe des Kampfstoffs sollte zum Anleiern eines Verkaufs den Besitzer wechseln. Der Verdächtige entdeckte jedoch, dass er aufgeflogen war und erschoss Sebastian in einem Hinterhof. Auf der Suche nach ihm trennten sich Sunetra und der Ork, um ein größeres Gebiet durchsuchen zu können.         
            Seine kurze Flucht endete in einem Wohnblock, wo die Elfe die Zielperson aufspürte. Es gelang ihm sie nach kurzem Kampf außer Gefecht zu setzen. Benommen lag sie auf dem Boden und konnte sich kaum rühren. Dann, als er sie töten wollte, fand Hendrik zu ihnen. Der Waffenhändler stürmte durch die nächstbeste Tür in eine Wohnung, wo er eine junge Frau als Geisel nahm und drohte den Kampfstoff freizusetzen. Hendrik hatte mit eigenen Augen gesehen, was das Teufelszeug anrichten konnte und fällte eine Entscheidung. Er nahm sich die Pistole, die der Mann im Kampf verloren hatte und schoss. Der Täter war sofort tot, aber die Kugel hatte auch die Halsschlagader der jungen Frau perforiert. Sie starb noch, bevor der Krankenwagen eintraf. 
            Der junge Ork hatte damit unzähligen Menschen das Leben gerettet und er selbst war nur knapp dem Tod entronnen, aber er drohte an den Schuldgefühlen zu zerbrechen. Zudem hatte er gerade seinen besten Freund verloren. Nach all den schrecklichen Ereignissen, waren sie emotional aufgeladen - mit überschüssiger Energie geradezu überladen. Es passierte noch in derselben Nacht. Liebe war dabei nicht im Spiel gewesen, nur pure Lust, Freude darüber noch am Leben zu sein. Sunetra konnte sich daran nur wie durch den Schleier eines fiebrigen Traums erinnern.        
            Dass sie danach wegen Yashida keine echten Schuldgefühle verspüren konnte, hätte ihr damals bereits sagen müssen, dass etwas Gravierendes in ihrer Beziehung nicht stimmte. Vielleicht, aber auch nur vielleicht war der Sex in dieser Nacht bloß ein weiterer Ausbruchversuch aus ihrem damaligen Leben gewesen. Einem Leben, in dem sie sich oft isoliert und unwohl gefühlt hatte, eingesperrt in Formalitäten und Vorschriften, als Elfe ein bestenfalls geduldeter Außenseiter.   
            Nach dem missglückten Ritual waren es wahrscheinlich die Erinnerungen an die gemeinsame Mission gewesen, die sie unbewusst nach Hamburg geführt hatten. Sie hatte sich instinktiv an den Gedanken geklammert, dass dort draußen ein Freund war, und Susanoo hatte dabei sicherlich auch eine Rolle gespielt.   
            'Ich weiß all das, weil ich mich endlich wieder erinnern kann, aber er...?' Sunetra konnte sich keinen Reim darauf machen.         
            "Wir haben die ARGUS Agenten während ihres gesamten Aufenthalts überwachen lassen.", schob er als Erklärung hinterher. Sie hoffte, dass er nicht sehen konnte, wie sehr sie das traf. Es bedeutete nämlich, dass er es die ganze Zeit über gewusst hatte. Er hatte es gewusst und nichts gesagt, ihr nie Vorwürfe gemacht.
            "Das, was damals vorgefallen ist, tut mir unendlich leid. Ich habe niemals romantische Gefühle für ihn gehegt. Das tue ich immer noch nicht. Wir sind Freunde, mehr nicht."        
            "Und trotzdem hast du mit ihm geschlafen." Er seufzte und ließ den Blick in die Ferne schweifen. Sunetra wusste nicht recht, wie sie die Situation retten konnte, also stellte sie die Frage, die ihr nun unter den Nägeln brannte. "Warum hast du mich nie darauf angesprochen?"    
            Er überlegte einen Augenblick, legte sich die Worte zurecht. Dann sah er noch einmal zu den wartenden WildCards bevor er sich wieder seiner Ex-Verlobten zuwandte. "Du weißt, dass ich nicht zur eifersüchtigen Sorte gehöre. Außerdem fällt es mir schwer lange auf jemanden böse zu sein, der meiner Liebsten das Leben gerettet hat. Und ich weiß, wie es ist bei einem Einsatz eng mit jemandem zusammenzuarbeiten." Yashida hielt kurz inne, dann sprach er vielsagend weiter: "Dinge können passieren."      
            Er lächelte nun sanft und sah sie aus milden Augen an. "Ich habe immer gespürt, dass du nicht glücklich warst, dass es dich in die Ferne zieht." Der Samurai gönnte sich den emotionalen Ausbruch zu seufzen und tief Luft zu holen. "Du warst so lange fort. Darum bitte ich dich zu bleiben. Hier, daheim, wo deine Familie ist."
            'Yashida will mich nach alldem immer noch.'   
Die Elfe fragte sich, ob sie diesen Mann je richtig gekannt hatte und dachte ehrlich über sein Angebot nach. Dann sah sie lange zu ihren Freunden herüber. Largo machte einen Scherz, der darin endete, dass Alyssa auf seinen Rücken sprang und so tat, als wolle sie ihn erwürgen. Schließlich lachten alle. Hank pflückte die Menschfrau vom Zwerg und hielt sie einen Augenblick lang in der Luft. Sie boxte nach ihm ohne ihn zu treffen und sie lachten wieder. Es war eine seltsame Truppe, die sie da gefunden hatte. Jeder von ihnen hatte eine bewegte Vergangenheit. Jede war anders, doch sie einte vor allen Dingen eins: ohne die anderen WildCards waren sie allein in dieser an Schatten reichen Welt.           
            Sie traf eine Wahl und sah dem Samurai fest in die Augen.
"Bei MCT war ich ein Vogel, der in einem Käfig saß. Ein Vogel, der gemocht wurde, aber dennoch war ich eingesperrt. Frei heraus gesagt, hätte ich mich überall in Japan so gefühlt." Sie hielt einen Moment inne, denn nun kam der schwerste Teil. "Ich hab dich sehr gern, aber ich liebe dich nicht. Und das tut mir leid."    
            Damit hatte sie ihn verletzt, das konnte sie genau sehen, aber die Milde wich nicht aus seinem Blick. "Es ist an der Zeit für mich endgültig frei zu sein und meinen Weg zu bestimmen. Du sagst, dass meine Familie bei MCT ist, aber das stimmt nicht."     
            Wieder sah sie zu ihren Freunden. Sie alberten weiter herum. Hank hatte sich abgekniet, damit Alyssa ihm und Largo je einen Arm um die Schultern legen konnte. Hendrik stand nebendran, Ariki auf den Schultern. Sie posierten vor Yakamura für einen Erinnerungsschnappschuss.
            "Das ist jetzt meine Familie, Yashida."          
"Bist du sicher?"        
            "Jeder Einzelne von ihnen würde ohne zu zögern sein Leben für mich geben, so wie ich meines für sie geben würde."          
            Yashida dachte über ihre Worte nach. Schließlich nickte er, zog sie an sich und drückte sie sanft. Als sich ihre Körper wieder voneinander trennten, flüsterte er in ihr Ohr.
            "Dann flieg, kleiner Vogel, und schau nicht mehr zurück."

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