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Sonntag, 2. November 2014

Die Nacht der langen Messer

Kapitel 2 – Heißer Reifen

           Dämmerlicht drang durch die frisch geputzten Fensterscheiben und vermischte sich mit dem spärlichen, weißkalten Kunstlicht der Deckenlampen. Die Sonne enthüllte nichts, das Ricardo nicht bereits mit Hilfe seiner künstlichen Augen hatte sehen können. Viel zu entdecken gab es eh nicht. Nackte, in schlichtes Weiß getünchte Betonwände standen ringsum. Nur ein Pin-Up-Kalender mit drittklassigen Weibern und ihren viertklassigen, künstlichen Titten, schmückte den Raum. In regelmäßigen Abständen ragten Träger der stützenden Stahlkonstruktion aus den Wänden hervor. Förderbänder lieferten Fracht vom Verladedock durch die Anlage, an Scannern vorbei und aus der Halle heraus in den Außenbereich, wo sie auf Zügen und Lastwagen ihre weitere Reise antraten.
            Ricardo war es unmöglich die Schlichtheit der Architektur, die Sauberkeit oder die Effizienz zu schätzen, mit der hier gearbeitet wurde. Es war nicht so, dass es ihm an blumigen Ausdrücken gemangelt hätte. Er kannte sie alle aus der Zeit vor seiner Metamorphose. Doch seit er nach umfangreichen Operationen mehr Maschine denn Mensch war, hatte vieles um ihn herum an Bedeutung verloren. Genuss, leichtfüßiger Umgang mit Frauen, Pflege sozialer Kontakte… Ricardo spürte keine Leidenschaft mehr in seinem Leib. Selbst der Begriff Langeweile war etwas, das mit jedem Tag fremder klang. Ihm war spätestens seit der letzten Operation das Gefühl für Zeit vollständig entglitten. Geduldig konnte er stunden-, ja tagelang, ausharren und warten, ohne dass es ihm etwas ausgemacht hätte. Stoisch wie ein Roboter auf Abruf.