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Samstag, 12. September 2015

Schatten über Jigoku

Kapitel 10 - Schrecken ohne Ende

            Wo warst du, als die Welt unterging?  
Der frisch gefallene Neuschnee knarzte unter ihren Winterstiefeln. Erbarmungslos pfiff der Ostwind über den Immanuel-Kant-Friedhof im Hamburger Stadtviertel Wandsbek. Er kündigte eine eisige Wetterfront an, die sich von Russland aus nach Westeuropa schob. Alyssa fröstelte und korrigierte den Sitz ihres Schals über der dicken Daunenjacke. Doch es war nicht nur das Wetter, das ihr zusetzte.

            Schweren Herzens lenkte sie ihre Schritte an einer alten Krüppelkiefer vorbei zur Reihe Grabsteine dahinter. Nachdem sie etwas mehr als eine Minute gegangen war, erreichte sie eine Gruppe frisch angelegter Gräber. Im Gegensatz zu den anderen, kündeten keine steinernen Mahle von der Identität ihrer Bewohner, sondern schlichte Holzkreuze, die jemand mit wenig Liebe für die Verstorbenen schief und krumm in die Erde gerammt hatte. Niemand außer ihr hielt sich in diesem Teil des Friedhofs auf. Zumeist bettete man hier Runner zu ihrer letzten Ruhe. Für diesen Menschenschlag gab es selten positive Gefühle in der Bevölkerung. In diesem Metier bemühte man sich nach Leibeskräften erst gar nicht aufzufallen. Alles andere lockte meist bloß Probleme in Form von Konkurrenz, gegnerischen Teams, Missgunst und lokale Autoritäten an. Meist fielen nur die unangenehmen Exemplare in der Öffentlichkeit auf, berüchtigt für ihre Brutalität, Gier und Rücksichtslosigkeit.          

Donnerstag, 3. September 2015

Schatten über Jigoku

Kapitel 9 - Our Little Shop Of Horrors

                Dick und zäh drückten sich ölig riechende Rauchschwaden durch die zerschlissenen Papierwände der Schiebetüren und wanderten träge zum zerstörten Garten, wo sie sich auflösten. Sanadas Automatikgewehrfeuer und magische Geschosse aus dem Inneren des Tempels hatten die Türen mehrfach perforiert. Entschlossen schob der Japaner ein weiteres Magazin in seine Waffe und lud durch, während wir anderen die Munition, die wir entbehren konnten, an ihn abgaben. Er würde sie dringender brauchen als wir, wenn er unsere zahlreichen Feinde in Schach halten wollte. Das würde uns die Gelegenheit geben, ihrem Boss auf die Pelle zu rücken.  
            „Und du bist dir ganz sicher?“, fragte ich über den Lärm hinweg.
      
            „Ganz sicher. Ocyon ist in diesem Teil des Tempels.“           
Sunetra zeigte auf die massiven Holzwände des Gebäudes, die nur hier und da von Oberlichtern durchbrochen wurden, und an schönen Tagen die Sonnenstrahlen im Morgengrauen herein ließen.
              
            Sanada lehnte sich wieder aus seiner Deckung und bestrich den Raum dahinter mit einer Salve. Das wütend klingende Geschrei wurde noch ein wenig giftiger, aber es traute sich niemand zu uns herauszukommen. Soweit wir wussten, hatten sich dort lediglich Besessene verschanzt, was uns einen Vorteil verschaffte, denn sie bissen sich am Null-Magier die Zähne aus. Sie konnten so viele Manablitze, Energiegeschosse und was wusste ich noch alles auf ihn abfeuern, ohne dass er davon auch nur ein fitzekleines bisschen zu spüren bekam. Seine Aura absorbierte alles, was sie aufzubieten hatten. Es hätte ihn mehr gestört, wenn sie Kieselsteinchen geworfen hätten. Wahrscheinlich ahnten die Kerle nicht einmal, womit sie es zu tun hatten. Hatte sich Ocyon deshalb an die Front gewagt? Spürte er, dass etwas in der Nähe war, an dem selbst er sich die Zähne ausbeißen könnte? Ich beneidete den Japaner eine wenig um seine Fähigkeiten.
       

Sonntag, 23. August 2015

Schatten über Jigoku

Kapitel 8 - Odyssee

            Es verzehrte sich nach Macht und darum war es.     
Gezeugt von einer gewaltigen Explosion, geboren in den kalten Sphären des unendlichen Alls, von Sonnenwinden durch den Äther getrieben, zermalmt vom unermesslichen Druck eines Schwarzen Lochs, durch hunderte Dimensionen gepresst und von der Energie einer Singularität zu neuem Leben erweckt worden: Es war schon alt, als die Zeit ihren Anfang nahm, bevor sich der kosmische Staub zu gewaltigen Ansammlungen verdichtete, in denen wie von Zauberhand Fusionen starteten und sie zu Sonnen werden ließen, die gediehen, ihren rauschenden Höhepunkt feierten, schließlich ausbrannten und vergingen. Rote Riesen, Braune Zwerge und Pulsare waren die Kadaver, die von ihrem einstigen Ruhm zeugten.
            Diejenigen, die es nicht schafften sich in Sonnen zu verwandeln, komprimierten sich zu geringeren Objekten, den Planeten. Doch bestimmten sie nicht ihr eigenes Schicksal. Sie ihrerseits folgten den Sternen, die sie eingefangen hatten. Ihr Aufstieg und Fall war an das ihres Herrn und Meisters geknüpft. So mussten auch sie vergehen, wenn ihre Sonne starb. Verwandelte sie sich in eine Nova, riss sie sie in einem letzen Aufbäumen mit sich ins Nichts. Zurück blieben nur stumme Gerippe, dem Vergessen anheimgefallen, von niemandem betrauert.          

Donnerstag, 6. August 2015

Schatten über Jigoku

Kapitel 7 - Tanz auf dem Grab

            Wie ich dieses Pisswetter hasste.      
Seitdem wir das Mädchen im Dorf getroffen hatten, zog der Sturm über der Insel unentwegt Wolken zusammen, vermutlich für einen alles entscheidenden Angriff, um dieses Stückchen Dreck wieder in den Ozean zurück zu prügeln. Dichter Nebel kochte ein breiiges Süppchen, durch das dicke Regentropfen von weiter oben herunter kamen. Beschleunigt vom starken Wind peitschten sie wie Gewehrkugeln umher und zerplatzten trotzig auf unseren Helmen. Ich war heilfroh über die Schutzwesten, die wir trugen. Sie hielten neben dem Wasser auch einen Großteil der Kälte ab, die uns ebenfalls zuzusetzen begann.     
            Äste der umstehenden Bäume griffen gefährlich nach uns. Ein paar Mal krachten sie sogar auf die Stufen herab, weswegen wir erst den Weg frei räumen mussten, um weitergehen zu können. Und dann war da noch der Lärm, den das Wetter verursachte. Ein hohles, schrilles, modulierendes Pfeifen führte ein vielstimmiges Rascheln, Stöhnen, Knacken und Knarzen der Flora an, begleitet vom millionenfachen Trommeln der wässrigen Drumsets. Zusammen spielten sie die Uraufführung eines avantgardistischen New Age Stücks: dem Präludium zum WildCards Requiem. Es wirkt, als würde der Dschungel lebendig werden, um uns höchst selbst von Jigoku zu vertreiben.      

Freitag, 31. Juli 2015

Schatten über Jigoku

Kapitel 6 - In der Höhle des Löwen

            Tausendfach spuckte uns der Pazifische Ozean ins Gesicht, beziehungsweise versuchte er es mit bewundernswerter Hartnäckigkeit. Doch jeder einzelne Spritzer scheiterte an der Frontscheibe unseres Schnellbootes. Sanada hatte es kurzfristig besorgt, zusammen mit weiterer Ausrüstung, die wir womöglich auf unserem Trip gebrauchen konnten. 
            Als hätte das Meer von unseren Absichten gewusst, stemmte es sich uns mit aller Gewalt entgegen- Einem bösen Omen gleich verfinsterten Wolkenbänder wie mehrlagige, schwere Vorhänge den Himmel, um Largo die Sicht zu erschweren. Zusätzlich prasselte ein unangenehmer Nieselregen auf uns nieder. Die Tropfen schienen jedoch den physikalischen Eigenschaften von Dihydrogenmonoxid zu trotzen. Anstatt einfach von den Scheiben abzuperlen und sich am Heck des Schiffs mit ihren Genossen zu vereinen und ins Meer zurück zu hüpfen, bildeten sie einen öligen Film, den auch die Scheibenwischer nicht vertreiben konnten. Am Ende erschwerten die schmierigen Schlieren, die dabei entstanden, die Sicht nur noch mehr. Schließlich gab Largo auf und konzentrierte sich auf die Daten, die ihm die Außenkameras und seine vorausgeflogenen Überwachungsdrohnen übermittelten. Die kleine FlySpy hatte Schwierigkeiten bei der aktuellen Wetterlage mitzuhalten, aber die deutlich größere Wartungsdrohne, die der Rigger von Yoshis Schrottplatz mitgenommen hatte, verrichtete ohne Murren ihren Dienst.        
 

Samstag, 25. Juli 2015

Schatten über Jigoku

Kapitel 5 - Ocyons Ruf

            Falls es jemals unter Shadowrunnern so etwas wie den Stereotyp des stillen Teilhabers geben sollte, lieferte Sanada die Blaupause dafür. Unser mandeläugiger Begleiter mit den feisten Backen, der sich auffällig darum bemühte unauffällig zu wirken, war zwar fast die ganze Zeit über an unserer Seite gewesen, konnte aber mit jeglicher Umgebung verschmelzen. Egal wo wir unsere Ermittlungen durchführten, er schien augenblicklich unsichtbar zu werden, sobald wir uns nicht von A nach B bewegten. Wahrscheinlich waren die wenigsten in der Lage sich spontan an ihn zu erinnern, wenn man sie nach ihm fragen würde.       
            Er bekam die Zähne kaum auseinander und selbst wenn man ihn direkt ansprach, musste man ihm die Würmer einzeln aus der Nase ziehen. Nur selten sprach er mehr als einen zusammenhängenden Satz mit uns. Ich war mir sicher, dass es nicht daran lag, dass er mit uns ein Problem hatte. Er war schlicht ein schweigsamer Kerl. Doch auch wenn er sich nur dann und wann mitteilte, bedeutete das nicht, dass er kurz vorm Einschlafen war. Stets behielt er mit wachen, aufmerksamen Augen alles um ihn herum im Blick, wie ein lauerndes Raubtier. Am Flughafen hatte er bereits bewiesen, dass er sich seiner Haut erwehren konnte. Sanada würde uns in einem Kampf also nicht alleine lassen.
            Dennoch war da etwas an ihm, das ich nicht ergründen konnte. Ein Geheimnis umgab den Mann, genauer gesagt: ein arkanes Geheimnis. So viel hatten wir bereits auf dem Flug nach Japan festgestellt. Nur was?! Die Frauen hatten mehrere Vermutungen geäußert, aber wirklich sicher waren sie nicht gewesen. Und würde sich sein Status positiv oder negativ auf unsere Mission auswirken? Diese Frage ging mir immer wieder durch den Kopf, lediglich die Antwort blieb ich mir auch am Ende des zweiten Tages schuldig.    
            Nachdem unsere Magierinnen ihren Schwatz mit dem Mentorgeist beendet hatten, informierten sie uns über ihre neu gewonnenen Erkenntnisse. 
            „Wir müssen also nur noch herausfinden, wo Miruku seine Anhänger rekrutiert. Sanada-San, sie sind hier ortskundig. Können sie uns sagen, wo wir mit der Suche beginnen sollten?“, fragte Alyssa schließlich. Alle Anwesenden sahen ihn erwartungsvoll an.

Freitag, 17. Juli 2015

Schatten über Jigoku

Kapitel 4 - Die Einöde des Hais

            Wasser so weit das Auge reichte.      
Bis zum Horizont und darüber hinaus war kein weiteres Land zu sehen. Dafür schimmerte das Meer, als enthielte es eine phosphoreszierende Substanz. Am nächtlichen Himmel funkelten die Sterne, doch sie schienen wahllos dort angebracht worden zu sein. Zu keinem bekannten Sternenbild wollten die Konstellationen passen. Dafür verschwanden einige von ihnen, um an anderer Stelle wieder aufzutauchen. Sie glichen mehr weit entfernten alles beobachtenden kosmischen Augen, die sich öffneten und wieder schlossen.        

            Alyssa staunte mit offenem Mund über die atemberaubende Szenerie. Sie wusste, dass es nicht real war, doch als wolle sie diese Illusion eines Besseren belehren, kitzelte sie der Sand zwischen den Zehen. Die Magierin sah an sich herunter und grub die nackten Füße fester in den feinen, weißen Steinstaub. Es war fantastisch und beunruhigend zugleich. ‚Ob sich B.T.L.-Junkies so fühlen, wenn sie sich in die Erinnerungen eines anderen Menschen einklinken?‘   
            Der Strand an dem sie standen, umfasste nur einige Dutzend Quadratmeter. Nicht ein einzelner Grashalm wuchs auf der Insel. Lediglich ein hölzerner Steg führte von dem Eiland fort. Er war vom jahrzehntelangen Einfluss der Umwelt verwittert und weckte wenig Vertrauen in seine Stabilität. Nichts befand sich hier. Nichts außer Alyssa und ihrer Freundin.
            „Wie lange wird es dauern, bis er sich zeigt?“, fragte sie und erntete ein verschmitztes Lächeln, das ihre Augen leuchten ließ. Sunetra wartete kniend auf Susanoos Ankunft. Sie hatte die Menschenfrau von dem Moment an, seit sie hier gelandet waren, genau beobachtet. War sie sich bei ihrem ersten Besuch in seinem Refugium ebenso fremd und deplatziert vorgekommen? Wahrscheinlich, aber die Erinnerungen verschwanden in einem Nebel. Alles wirkte so fern. Dabei war sie erst in diesem Jahr die Verbindung zu dem Mentorgeist eingegangen.         
            „Bald, hab ein wenig Geduld!“
Alyssa seufzte und trat gerade so weit vor, dass die Wellen, die die Insel sanft umspülten, sie nicht erreichen konnten. Es war ihr bewusst, dass sie deswegen nicht mehr sehen konnte, als drei Meter zuvor, aber sie hatte Hummeln im Hintern. Geduld gehörte nun einmal nicht zu ihren Stärken, ganz besonders dann nicht, wenn etwas so aufregendes geschah.        

Freitag, 10. Juli 2015

Schatten über Jigoku

Kapitel 3 - Dem roten Faden nach

            Es war kurz nach Elf, als ich aufwachte.         
Zwischen den Ritzen der Jalousien schlüpften Sonnenstrahlen hindurch und kitzelten in meiner Nase. Sie provozierten ein kräftiges, dreifaches Niesen, das mich aus unruhigen Träumen über vielarmige Tentakelmonster und andere Abscheulichkeiten jenseits dieser Existenzebene rissen.     
            Ich blinzelte ins morgendliche Licht, das den Farben die Intensität nahm und die Welt wie ein leicht verblasstes Foto wirken ließ. Verwirrt nahm ich einen Moment lang den Raum in Augenschein. Wie die anderen lag ich auf einem Futon, der sich als bequemere Schlafgelegenheit als zunächst vermutet herausgestellt hatte. Largos sonores Schnarchen zerteilte die verstreichende Zeit in gleich große Häppchen. Sunetra schlief ebenfalls noch tief und fest, während Alyssa gelangweilt einen Tetris-Klon auf der AR-Brille ihres Komlinks spielte. Müde winkte sie mit den Fingern einer Hand und lächelte gequält. Die Ringe unter ihren Augen verrieten mir, dass sie nicht viel geschlafen hatte.
            "Liegt's an Largo?", flüsterte ich.       
Die Menschenfrau seufzte: "Nach zwei abgesägten Regenwäldern hab ich mich daran gewöhnt. Hanks Furzkonzert hat mir den Rest gegeben."        

Samstag, 4. Juli 2015

Schatten über Jigoku

Kapitel 2 - Das andere Ende der Sechsten Welt

            Vor uns strahlten Myriaden Lichter des Neu-Tokioter Sprawls gegen die Finsternis an und erzeugten eine in schillerndsten Farben leuchtende, leicht pulsierende Photonenkuppel. Direkt über unseren Köpfen verharrte jedoch eine sternenklare Nacht. Es herrschte frostiges, fernöstliches Klima. Zu meiner Überraschung waren die Temperaturen auf der anderen Seite des Globus genauso enttäuschend wie daheim. Doch war es nicht der eigentliche Grund, der mich frösteln ließ. In der Dunkelheit konnte ich mehrere Gestalten erkennen. Sie trugen Lederkluft und Motorradhelme, sogar die, die aus dem Jeep gestiegen waren. Etwas an ihnen blitzte und funkelte böse, wie die Sterne, die mit silbriger Kälte vom Himmel auf uns herab starrten. Gänsehaut wuchs auf meinen Armen und die Nackenhaare stellten sich auf, als ich erkannte, was einige von ihnen in ihren Händen hielten.      
            Kurzschwerter.
Na das fängt ja gut an.

Samstag, 8. November 2014

Die Nacht der langen Messer

Kapitel 3 – Iden des März

                    So zu tun, als wäre man nicht auf der Flucht, obwohl man gerade auf schnellstem Wege das Weite sucht, ist nicht mal im Ansatz so einfach, wie es in billigen Trivid Filmen immer wieder kolportiert wird. Ganz besonders, wenn einem dabei Überwachungsdrohnen wie Scheiße am Hacken kleben.
            Wir verluden gerade eine der Metallboxen aus dem Anhänger des Lastwagens in das Wild Card Mobil, als sie Largo auffielen.    
            Zwei Objekte von der Größe einer Schokoladentafel schwebten in etwa dreißig Metern Höhe über dem LKW. Ohne Cyberaugen war für uns andere schwer zu erkennen, dass da überhaupt etwas war.
            Der Zwerg hielt inne und musterte sie einen Moment lang. „Militärische Bauweise. Sind verdammt gut ausgestattet. Die haben bestimmt meine Fly-Spy entdeckt, die dem Truck folgen sollte.“
            „Deshalb haben die Penner also gewusst, dass wir kommen!“, fluchte Alyssa und warf die Heckklappe des Toyota mit mehr Kraftaufwand als nötig zu. 
            „Auf geht’s! Wir sollten die Dinger so schnell wie möglich los werden.“ Hank, Largo und die menschliche Magierin stiegen in den Wagen ein, während ich wieder hinter Sunetra auf der Mirage Platz nahm. Knatternd startete die Maschine. Ihre Stimme ging in ein leierndes Nölen über, als sie mit durchdrehenden Reifen davon brauste, unserm zweiten Fahrzeug hinterher. 

Sonntag, 2. November 2014

Die Nacht der langen Messer

Kapitel 2 – Heißer Reifen

           Dämmerlicht drang durch die frisch geputzten Fensterscheiben und vermischte sich mit dem spärlichen, weißkalten Kunstlicht der Deckenlampen. Die Sonne enthüllte nichts, das Ricardo nicht bereits mit Hilfe seiner künstlichen Augen hatte sehen können. Viel zu entdecken gab es eh nicht. Nackte, in schlichtes Weiß getünchte Betonwände standen ringsum. Nur ein Pin-Up-Kalender mit drittklassigen Weibern und ihren viertklassigen, künstlichen Titten, schmückte den Raum. In regelmäßigen Abständen ragten Träger der stützenden Stahlkonstruktion aus den Wänden hervor. Förderbänder lieferten Fracht vom Verladedock durch die Anlage, an Scannern vorbei und aus der Halle heraus in den Außenbereich, wo sie auf Zügen und Lastwagen ihre weitere Reise antraten.
            Ricardo war es unmöglich die Schlichtheit der Architektur, die Sauberkeit oder die Effizienz zu schätzen, mit der hier gearbeitet wurde. Es war nicht so, dass es ihm an blumigen Ausdrücken gemangelt hätte. Er kannte sie alle aus der Zeit vor seiner Metamorphose. Doch seit er nach umfangreichen Operationen mehr Maschine denn Mensch war, hatte vieles um ihn herum an Bedeutung verloren. Genuss, leichtfüßiger Umgang mit Frauen, Pflege sozialer Kontakte… Ricardo spürte keine Leidenschaft mehr in seinem Leib. Selbst der Begriff Langeweile war etwas, das mit jedem Tag fremder klang. Ihm war spätestens seit der letzten Operation das Gefühl für Zeit vollständig entglitten. Geduldig konnte er stunden-, ja tagelang, ausharren und warten, ohne dass es ihm etwas ausgemacht hätte. Stoisch wie ein Roboter auf Abruf.

Dienstag, 21. Oktober 2014

Die Nacht der langen Messer


Kapitel 1 - Die Oper ist erst zu Ende, wenn die fette Frau gesungen hat

                    Manchmal werden Worte umgehend Lügen gestraft.
'Ich wusst's! Ich wusst's! Ich wusst's!'
           
Zornig waberte die Erkenntnis durch das Zwergenhirn. Die Fäuste in den Taschen geballt, stapfte Largo den anderen Wild Cards hinterher ins Innere des Hel's Kitchen. Barrys Bar. Alyssas Kontaktmann zur Unterwelt der Hansestadt.   
            Wie viel lieber würde er noch immer an Bord der Dead Man's Hand den Abschluss der Mission und die Wiederwahl von Vesna Lyzhichko feiern, ein wohlverdientes, kühles Bier genießen.
            Schon vor Stunden hatte ihm sein Bauch geflüstert, dass der Mord an Karl Weißhaupt nicht das Ende der Geschichte sein konnte. Zu viel hatte er in seiner Karriere als Shadowrunner erlebt, um sich der Illusion hingeben zu können, so leicht aus der Sache herauszukommen. Ausgerechnet Sunetra, die er als erfahrene Kollegin und Freundin schätzte, hatte sich wie ein Anfänger mit der Sicherheit eines Blinden in einem Minenfeld über den Sieg gefreut. Sie hatte geglaubt, dass sich die gegnerischen Parteien aus Frankfurt nun kuschen würden.   
            'Zu früh gefreut, Spitzohr.'      
Keine zwei Minuten nach dem Anruf aus dem Büro der Bürgermeisterin klingelte Hendriks Telefon ein weiteres Mal. Sein Gesicht verwandelte sich in einen Korb gemischten sauren Obsts, als Yashida Himotos Antlitz im Videofenster erschien. Der Ork machte keinen Hehl daraus, dass er Sunetras Ex-Verlobten äußerst skeptisch gegenüber stand. Doch wenn er helfen wollte der Elfe den Kopf aus der Schlinge zu ziehen, die ihr ihr ehemaliger Arbeitgeber MCT[1] um den Hals gelegt hatte, musste er wohl oder übel mit ihm zusammen arbeiten. Also schluckte er runter, was ihm als Erstes in den Sinn kam und gab sich betont freundlich. Irgendwie gelang es ihm auf diese Weise seine Antipathie besonders gut zum Ausdruck zu bringen.     
            "Konbanwa, Himoto-San."       
Der Japaner lächelte typisch asiatisch freudlos. Genauso gut hätte er 'Leck mich am Arsch, blöder Penner!' sagen können. Stattdessen kamen folgende Worte aus seinem Mund: "Summerset. Sehr gute Arbeit, die sie und ihre Truppe in Westphalen geleistet haben. Ich bin erfreut über das neu geschmiedete Bündnis mit dem Hamburger Senat. Damit ist MCT seinem Ziel einen großen Schritt näher gekommen."

Samstag, 9. August 2014

Eine Woche Ewigkeit

Kapitel 4 - Die Zaunkönige sind los

            Freitag, 23:10 Uhr

            „Was haben sie hier zu suchen?!“, blökte die Stimme in meinem Rücken.       
Noch bevor man mir die Gelegenheit gab, mich um Kopf und Kragen zu quasseln, zischte ein mit Magie erzeugtes Säuregeschoss knapp an mir vorbei und zerplatzte an der geöffneten, mehrere hundert Jahre alten, massiven Tür. Der Lack begann zu brodeln und warf Blasen. Doch bevor sie unter der Hitze der chemischen Reaktion in Flammen aufgehen konnte, verging die ätzende Substanz und hinterließ lediglich einen schwärzlichen Fleck, von dem übelriechende, dünne Rauchfäden aufstiegen.          
            Shitdrekscheißeverdammtnochmal!
Binnen weniger Sekunden hatte sich der schöne Plan in Wohlgefallen aufgelöst. Michael musste zwar ein wenig diskutieren, aber schließlich überzeugte er seine Ehefrau von dem mitternächtlichen Ausflug. Nachdem sie das Haus mit Sekt und einem Snack im Gepäck verlassen hatten, inspizierte ich mit Sunetra den ersten Stock. Vielleicht ließ sich etwas Nützliches finden oder einen guten Platz für einen Hinterhalt. Am Ende unserer Runde wollten wir Hank über unsere Ergebnisse informieren, der immer noch unter dem Fenster wartete, durch das wir eingestiegen waren. Dann hätten die restlichen WildCards den Generator sabotiert. Während dann das Familienoberhaupt oder dessen ältester Sohn in den Stall gegangen wäre, hätte ich mit der Elfe die Gesellschaft im Erdgeschoss ein wenig aufgemischt. Hauptsache so wenig Lärm und Aufmerksamkeit wie möglich erregen. Selbstverständlich hätten sich unsere Freunde ebenso liebevoll um ihren Gast im Stall gekümmert.   

Montag, 26. Mai 2014

Eine Woche Ewigkeit




Kapitel 2 – Zurück zur Natur
 


            Donnerstag, 18:26 Uhr

            Selbst durch ausdauerndes Fuchteln mit der Hand ließ sich der beißende Geruch verbrannten Reifengummis nicht von der Nase verscheuchen. Wie ein räudiger Straßenköter mischte er sich unter die feuchtschwüle Hitze des ausklingenden Tages und erschwerte das ohnehin schon mühsame Atmen zusätzlich. Bald schon würden die Schatten länger werden und die Temperaturen in angenehme Bereiche rutschen. Für den Moment allerdings blieb nichts anderes übrig, als uns mit der brütenden Hitze zu arrangieren, die geduldig über dem Asphalt des Werlter Flughafens verharrte. Wie Schimmelpilz auf einem viel zu alten Duschvorhang lauerte sie dort auf ihre Opfer.     
            So trieb sie uns prompt ab dem Moment die Suppe aus allen Poren, als sich das Schott des Fluzeugs öffnete. In Rinnsalen ergossen sich die salzigen Säfte über Stirn und Rücken. Gegen diese Hitzewand versagte selbst die beste Klimaanlage.         
            „Boah, ist das ekelhaft.“, stöhnte Alyssa mit hängenden Schultern. Vergeblich suchte sie Kühlung, indem sie ihr Top vom Oberkörper zupfte. Der vermaledeite Stoff weigerte sich jedoch zu kooperieren und flitschte fortwährend wie ein Gummiband in seine klebrige Ausgangsposition zurück. Lightning wirkte, als hätte man ihr mit einem Knüppel vor den Kopf geschlagen. „Da war‘s ja selbst in Hamburg angenehmer. Ich dachte das hier wäre ein Erholungsgebiet.“    
            „Jammer nicht rum, Kurze! Sobald wir im Wald sind, wird’s angenehmer.“, unerbittlich scheuchte Largo die Magierin vor sich die Gangway herunter.            
 

Mittwoch, 14. Mai 2014

Eine Woche Ewigkeit

 

Kapitel 1 - Interessante Zeiten


            Gerade noch rechtzeitig duckte ich mich unter dem Messer hinweg, das durch die Luft auf mich zuflog. Ein kühler Lufthauch zog durch die neu entstandene Öffnung in mein Shirt , kroch über meine verschwitzte Haut und ermahnte mich das nächste Mal zeitiger zu reagieren. Mit einem scharfen Tock blieb die Klinge in einem Holzbalken in der Wand stecken. Noch bevor der Griff aufhörte von einer Seite zur anderen zu wippen, prasselten schon die nächsten Angriffe auf mich ein. Aus der abgeknieten Haltung, in der ich mich befand, blieben mir nicht viele Optionen übrig. Die ersten beiden Schläge konnte ich durch einen Block mit dem rechten Unterarm abfangen Der Dritte streifte mich schmerzhaft an der linken Schläfe. Sternchen tanzten vor meinen Augen einen konfusen, alkoholschwangeren Walzer auf dem Weg zum Saalausgang. Ein weiterer Schmerz gesellte sich zu den vielen anderen, über die sich mein Körper seit Beginn des Kampfs quengelnd beschwerte. Es war an der Zeit meine Position zu wechseln. Also stieß ich mich seitlich weg, ging in eine Rolle über, aus der ich in die Vertikale schoss.
            Zum ersten Mal in diesem Gefecht schlug er an mir vorbei. Erstaunt dass sein Ziel verschwunden war, hopste er ein Schrittchen zurück und wiegte sich erwartungsvoll in seinen Knien, bereit wieder auf mich loszugehen. Er grinste. Nicht wütend werden, Hendrik! Ruhe bewahren und auf die Situation konzentrieren! Doch das war einfacher gesagt als getan. Im Moment hätte ich mich am liebsten wie ein Berserker aufgeführt. Ein wenig Gebrüllt, Geflucht und den gesamten Raum in Einzelteile geschlagen. Ich wusste, dass er genau darauf wartete. Darauf wartete, dass ich die Kontrolle verlor. Versagte.          

Sonntag, 26. Januar 2014

Unterm Messer


                                             Kapitel 5 - Akronym des Todes

Das wütende Krächzen eines unsichtbaren, vielstimmigen Rabenchors, der sich um fette Beute zankte, erfüllte Sunetras magisches Refugium. In der Mitte, kniend auf einem weichen Kissen, umgeben von drei ineinander verflochtenen Kreisen aus brennenden Stumpenkerzen, die sie wie ein stilisiertes Dreieck einrahmten, verharrte die junge weißhaarige Frau. Schon seit Minuten murmelte sie fremdartige Worte, während sie in einem Schüsselchen vor sich ein Pulvergemisch aus Kohle, Beifuß, Ingwer, Blut und Haaren verbrannte. Leise hatte sie begonnen, steigerte sich aber schon bald in einen geradezu manischen Singsang hinein, der von unkontrollierten Zuckungen ihres Oberkörpers begleitet wurde.            

Freitag, 22. November 2013

Unterm Messer



Kapitel 4 – Überraschungsparty

            Als hätte sich eine unsichtbare Tür geöffnet, schlüpfte das Wesen aus dem Nichts in unsere Welt. Feine Wellen waberten über die Oberfläche des zunächst unscheinbaren, durchsichtigen Balls, der unbeholfen zu Boden plumpste. Nachdem er dreimal aufgetitscht war und feuchtglänzende Stellen auf dem Linoleum hinterlassen hatte, stülpten sich mehrere Protuberanzen aus der Masse hervor. Sie verdickten sich und wuchsen in die Länge, bis sich das Wesen in etwas verwandelt hatte, das wie eine Katze aussah. 
            Sie benötigte einen Moment, um sich zu orientieren.
Dabei entdeckte sie zu allererst den in Flammen stehenden Köter vor sich, der sie böse anknurrte. Sofort sträubte sich ihr wässriges Fell. Sie buckelte, hob eine Vorderpfote zur Verteidigung und fauchte giftig zurück. Dampf stieg in dicken Schwaden von der liquiden Lebensform auf. Dennoch machte sie keine Anstalten in ihrer Größe zu schrumpfen. Wo auch immer das Wasser hergekommen war, aus dem sie bestand, seine Quelle schien diesseits unserer Sphären zu liegen.        

Mittwoch, 16. Oktober 2013

Unterm Messer



Kapitel 3 - Industrial Light & Magic 

Wie zu erwarten war Sven Niders alte Wohnung in Altona inzwischen wieder weiter vermietet worden. Eine blondierte und in den wildesten Farben gesträhnte, buntblusige Blödblinse namens Samantha Biwack glotzte debil aus der offenen Tür, als Sunetra und Lightning ihr als Reporter auf Storyhatz einen Besuch abstatteten. Dafür, dass wir uns mit dieser Nummer keinerlei Ergebnisse erhofft hatten, wurden wir reichhaltig entlohnt. Unser vercyberter Unbekannter hatte scheinbar keine lebenden Verwandten mehr gehabt, die hätten beerbt werden können. Vielleicht wusste man aber auch bloß nicht, wen man hätte informieren müssen. Jedenfalls hatte Frau Biwack noch eine große Kiste mit Krempel ihres Vormieters im Keller stehen und war froh sie den Journalistinnen von der Zeitschrift Critter & Hund für ihre Reportage über einen Großwildjäger, der ein Veteran der Eurokriege gewesen war, mitgeben zu können. Die Geschichte war so blöd, dass sie nicht mit einem einzigen Wort in Frage gestellt wurde. Sowas kann man sich einfach nicht ausdenken.        
           
Auf dem Weg zu einer Imbissbude durchstöberten wir auf der Rückbank den Inhalt der Kiste. Neben zwei Pokalen, die Sven Nider bei Körperverbesserungs-Bodybuilding-Wettbewerben gewonnen hatte, diversen Fotoalben mit professionell angefertigten Bildern seiner Cyberimplantat-Modelkarriere und Tand aus Shadowrunner Zeiten, befanden sich auch eine Reihe von Unterlagen darin. Unter Gehaltsabrechnungen, Urkunden, Behandlungs- und Wartungspläne seiner Körpermodifikationen, Kontoauszüge, nie eingelöste Rezepte für Medikamente zur Unterdrückung von Abstoßungsreaktionen, trollte ganz unten eine Durchschrift des Vertrags mit Third-Life-Inc.. Das war es, was wir gesucht hatten.    

Samstag, 12. Oktober 2013

Samstag, 21. September 2013

Unterm Messer



Kapitel 2 - Ein Schritt vor und zwei zurück

            "Na das ist ja mal prächtig gelaufen! Und jetzt?! Was sollen wir deiner Meinung nach machen? Denn egal was wir anstellen, die werden Bescheid wissen. Weil sie uns jetzt als Köder benutzen werden. So schaut es nämlich aus. - Also sei nicht so blöd und ruf Frank mit einem verwanzten Komlink an!"    
            Viel weniger als ihre Worte, ging mir Alyssas Tonfall auf den Zeiger. In dem vergeblichen Versuch die Magierin zu ignorieren, schaltete ich mein Komlink ein und rief die Kontaktliste auf. 
            "Sag mal: Hörst du mir überhaupt zu!?", echauffierte sie sich, wobei ihre Stimme schriller wurde. Mein Geduldsfaden riss endgültig und ich antwortete ihr deutlich ungehaltener als ich gewollt hatte: "Ich hör dir schon zu, aber du sagst leider nichts, das hörenswert wäre. Seit zehn Minuten bist du dich unablässig am Beschweren, quengelst und jammerst uns die Ohren voll. Dir hat meine Performance in der Bib nicht gefallen? - Fein!
            Ist ja nicht so, als ob ich allzu viele Optionen gehabt hätte.
Du warst übrigens genauso wenig hilfreich in der Situation wie alle anderen. Wenn du dich im Selbstmitleid suhlen willst, weil wir einen auf den Sack bekommen haben, dann mach das!       
            Ich jedenfalls werde das nicht auf mir sitzen lassen. Diese Arschlöcher werden noch von mir hören, das verspreche ich dir! Also werde ich, statt die Hände in den Schoß zu legen, das einzig Richtige tun und mit der Mission weitermachen."         
            Von meinem Ausbruch verstört, begann Alyssa zu stammeln: "Aber dein... dein Komlink!"