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Samstag, 12. September 2015

Schatten über Jigoku

Kapitel 10 - Schrecken ohne Ende

            Wo warst du, als die Welt unterging?  
Der frisch gefallene Neuschnee knarzte unter ihren Winterstiefeln. Erbarmungslos pfiff der Ostwind über den Immanuel-Kant-Friedhof im Hamburger Stadtviertel Wandsbek. Er kündigte eine eisige Wetterfront an, die sich von Russland aus nach Westeuropa schob. Alyssa fröstelte und korrigierte den Sitz ihres Schals über der dicken Daunenjacke. Doch es war nicht nur das Wetter, das ihr zusetzte.

            Schweren Herzens lenkte sie ihre Schritte an einer alten Krüppelkiefer vorbei zur Reihe Grabsteine dahinter. Nachdem sie etwas mehr als eine Minute gegangen war, erreichte sie eine Gruppe frisch angelegter Gräber. Im Gegensatz zu den anderen, kündeten keine steinernen Mahle von der Identität ihrer Bewohner, sondern schlichte Holzkreuze, die jemand mit wenig Liebe für die Verstorbenen schief und krumm in die Erde gerammt hatte. Niemand außer ihr hielt sich in diesem Teil des Friedhofs auf. Zumeist bettete man hier Runner zu ihrer letzten Ruhe. Für diesen Menschenschlag gab es selten positive Gefühle in der Bevölkerung. In diesem Metier bemühte man sich nach Leibeskräften erst gar nicht aufzufallen. Alles andere lockte meist bloß Probleme in Form von Konkurrenz, gegnerischen Teams, Missgunst und lokale Autoritäten an. Meist fielen nur die unangenehmen Exemplare in der Öffentlichkeit auf, berüchtigt für ihre Brutalität, Gier und Rücksichtslosigkeit.          

Donnerstag, 3. September 2015

Schatten über Jigoku

Kapitel 9 - Our Little Shop Of Horrors

                Dick und zäh drückten sich ölig riechende Rauchschwaden durch die zerschlissenen Papierwände der Schiebetüren und wanderten träge zum zerstörten Garten, wo sie sich auflösten. Sanadas Automatikgewehrfeuer und magische Geschosse aus dem Inneren des Tempels hatten die Türen mehrfach perforiert. Entschlossen schob der Japaner ein weiteres Magazin in seine Waffe und lud durch, während wir anderen die Munition, die wir entbehren konnten, an ihn abgaben. Er würde sie dringender brauchen als wir, wenn er unsere zahlreichen Feinde in Schach halten wollte. Das würde uns die Gelegenheit geben, ihrem Boss auf die Pelle zu rücken.  
            „Und du bist dir ganz sicher?“, fragte ich über den Lärm hinweg.
      
            „Ganz sicher. Ocyon ist in diesem Teil des Tempels.“           
Sunetra zeigte auf die massiven Holzwände des Gebäudes, die nur hier und da von Oberlichtern durchbrochen wurden, und an schönen Tagen die Sonnenstrahlen im Morgengrauen herein ließen.
              
            Sanada lehnte sich wieder aus seiner Deckung und bestrich den Raum dahinter mit einer Salve. Das wütend klingende Geschrei wurde noch ein wenig giftiger, aber es traute sich niemand zu uns herauszukommen. Soweit wir wussten, hatten sich dort lediglich Besessene verschanzt, was uns einen Vorteil verschaffte, denn sie bissen sich am Null-Magier die Zähne aus. Sie konnten so viele Manablitze, Energiegeschosse und was wusste ich noch alles auf ihn abfeuern, ohne dass er davon auch nur ein fitzekleines bisschen zu spüren bekam. Seine Aura absorbierte alles, was sie aufzubieten hatten. Es hätte ihn mehr gestört, wenn sie Kieselsteinchen geworfen hätten. Wahrscheinlich ahnten die Kerle nicht einmal, womit sie es zu tun hatten. Hatte sich Ocyon deshalb an die Front gewagt? Spürte er, dass etwas in der Nähe war, an dem selbst er sich die Zähne ausbeißen könnte? Ich beneidete den Japaner eine wenig um seine Fähigkeiten.
       

Sonntag, 23. August 2015

Schatten über Jigoku

Kapitel 8 - Odyssee

            Es verzehrte sich nach Macht und darum war es.     
Gezeugt von einer gewaltigen Explosion, geboren in den kalten Sphären des unendlichen Alls, von Sonnenwinden durch den Äther getrieben, zermalmt vom unermesslichen Druck eines Schwarzen Lochs, durch hunderte Dimensionen gepresst und von der Energie einer Singularität zu neuem Leben erweckt worden: Es war schon alt, als die Zeit ihren Anfang nahm, bevor sich der kosmische Staub zu gewaltigen Ansammlungen verdichtete, in denen wie von Zauberhand Fusionen starteten und sie zu Sonnen werden ließen, die gediehen, ihren rauschenden Höhepunkt feierten, schließlich ausbrannten und vergingen. Rote Riesen, Braune Zwerge und Pulsare waren die Kadaver, die von ihrem einstigen Ruhm zeugten.
            Diejenigen, die es nicht schafften sich in Sonnen zu verwandeln, komprimierten sich zu geringeren Objekten, den Planeten. Doch bestimmten sie nicht ihr eigenes Schicksal. Sie ihrerseits folgten den Sternen, die sie eingefangen hatten. Ihr Aufstieg und Fall war an das ihres Herrn und Meisters geknüpft. So mussten auch sie vergehen, wenn ihre Sonne starb. Verwandelte sie sich in eine Nova, riss sie sie in einem letzen Aufbäumen mit sich ins Nichts. Zurück blieben nur stumme Gerippe, dem Vergessen anheimgefallen, von niemandem betrauert.          

Samstag, 25. Juli 2015

Schatten über Jigoku

Kapitel 5 - Ocyons Ruf

            Falls es jemals unter Shadowrunnern so etwas wie den Stereotyp des stillen Teilhabers geben sollte, lieferte Sanada die Blaupause dafür. Unser mandeläugiger Begleiter mit den feisten Backen, der sich auffällig darum bemühte unauffällig zu wirken, war zwar fast die ganze Zeit über an unserer Seite gewesen, konnte aber mit jeglicher Umgebung verschmelzen. Egal wo wir unsere Ermittlungen durchführten, er schien augenblicklich unsichtbar zu werden, sobald wir uns nicht von A nach B bewegten. Wahrscheinlich waren die wenigsten in der Lage sich spontan an ihn zu erinnern, wenn man sie nach ihm fragen würde.       
            Er bekam die Zähne kaum auseinander und selbst wenn man ihn direkt ansprach, musste man ihm die Würmer einzeln aus der Nase ziehen. Nur selten sprach er mehr als einen zusammenhängenden Satz mit uns. Ich war mir sicher, dass es nicht daran lag, dass er mit uns ein Problem hatte. Er war schlicht ein schweigsamer Kerl. Doch auch wenn er sich nur dann und wann mitteilte, bedeutete das nicht, dass er kurz vorm Einschlafen war. Stets behielt er mit wachen, aufmerksamen Augen alles um ihn herum im Blick, wie ein lauerndes Raubtier. Am Flughafen hatte er bereits bewiesen, dass er sich seiner Haut erwehren konnte. Sanada würde uns in einem Kampf also nicht alleine lassen.
            Dennoch war da etwas an ihm, das ich nicht ergründen konnte. Ein Geheimnis umgab den Mann, genauer gesagt: ein arkanes Geheimnis. So viel hatten wir bereits auf dem Flug nach Japan festgestellt. Nur was?! Die Frauen hatten mehrere Vermutungen geäußert, aber wirklich sicher waren sie nicht gewesen. Und würde sich sein Status positiv oder negativ auf unsere Mission auswirken? Diese Frage ging mir immer wieder durch den Kopf, lediglich die Antwort blieb ich mir auch am Ende des zweiten Tages schuldig.    
            Nachdem unsere Magierinnen ihren Schwatz mit dem Mentorgeist beendet hatten, informierten sie uns über ihre neu gewonnenen Erkenntnisse. 
            „Wir müssen also nur noch herausfinden, wo Miruku seine Anhänger rekrutiert. Sanada-San, sie sind hier ortskundig. Können sie uns sagen, wo wir mit der Suche beginnen sollten?“, fragte Alyssa schließlich. Alle Anwesenden sahen ihn erwartungsvoll an.