Kapitel 3 - Mit dem Finger in der Wunde
Langsam
krochen vereinzelt und schüchtern die ersten Sonnenstrahlen über altmodische
Backsteinhäuser und charmebefreite Plattenbauten. Ein fahler Morgen graute nach
einer Nacht, die ich so schnell nicht vergessen werde. Etwa gegen Mitternacht hatten wir das
dänische Tønder
erreicht, das am nördlichen Ufer des
Neuen-Nord-Ostsee-Kanals lag. Da die Dead Man's Hand zu klein war, um uns allen genug Schlafplätze zu
bieten, entschlossen wir uns in einem der hiesigen Hotels einzumieten.
Wenn man auf einem Run ist, sollte
man einige wenige Stunden geruhsamen Schlafs nicht unterschätzen. Oft sorgt das
für eine wesentlich bessere Konzentration während der kritischen Phasen einer
Mission. Daher war ich auch froh, dass Tønder nicht wie viele andere Städte in
Europa mit Qube-Hotels vollgepflastert war. Nicht umsonst nannte man diese
Zumutung einer Unterkunft 'Sarghotel'. Wer gerne darin schlief war entweder kleinwüchsig,
lag im Koma oder hatte ernsthafte Probleme mit der Wahrnehmung der Realität.
Übereinandergeschichtet in engsten Kabinen wurde man mittels eines
automatischen Lagersystems wie eine Fracht eingepfercht.
Die anbietenden Firmen warben
damit, dass man zu kleinstem Preis die volle Entspannung geboten bekäme. Das
war natürlich eine reine Lüge. In Wirklichkeit fühlte man sich wie eine Sardine
in der Büchse. Daher wählten wir wohlweislich ein echtes Hotel aus. Doch die
Hoffnung in vollkommener Ruhe ein paar Stunden der Entspannung geboten zu
bekommen, wurde jäh durchbrochen durch Mandy, Angelica, Michelle und die
anderen Prostituierten, deren Namen von ihren Freiern durch viel zu dünne Wände
gebrüllt wurden. Der von der Decke
rieselnde Dreck und das Wummern der Betten trugen ihren Teil dazu bei dass wir
am liebsten ein paar blaue Bohnen verteilt hätten.
So krabbelten wir mies gelaunt
aus unseren Betten und begaben uns zum Hafen zurück, wo Largo in der Nacht die
Löcher in der Außenwand der Dead Man's
Hand provisorisch versiegelt hatte. Das Geschütz des Piratenschiffes hatte
unserem Bug nämlich einige neue Entlüftungslöcher verpasst. Zwar
beeinträchtigten diese nicht die Einsatzfähigkeit unseres Nordwerft Wind
Schnellbootes, aber um nicht unnötig bei den hiesigen Ordnungshütern
aufzufallen, mussten wir uns so schnell wie möglich darum kümmern.